Wie Rauch von starken Winden

Lyrik aus der Barockzeit hat ihre Tücken. Die Sprache hat sich seither sehr verändert. Wir verstehen die meisten Sachen nicht mehr.

Und dann das Lebensgefühl! Die Leute hatten damals das Gefühl, dass alles den Bach runter geht. Naja. Es ging ja auch wirklich alles den Bach runter. Überall war Krieg. Und Hunger. Gelegentlich kam die Pest dazu. Was also tun? Die einen suchten Zuflucht in leiblichen Freuden. Sie wollten so viel Spaß wie möglich mitnehmen. Morgen schon konnte alles vorbei sein. Die anderen suchten ihr Heil in der Religion. Vielleicht gab’s ja nach dem Tod noch ein zweites Leben, das länger hielt und Besseres bot. Allen gemein war jedoch das Bewusstsein, dass das Leben flüchtig war. Nichts bleibt, nichts hat Bestand. Alles vergeht. Zack!

Andreas Gryphius hat darüber viele Gedichte geschrieben. In einem davon – es trägt den heute nicht mehr sagbaren Titel „Menschliches Elende“ (es heißt wirklich so, mit einem „e“ hinterm Elend) – zählt er auf, was unser Leben so auszumachen pflegt. Schmerzen. Falsches (weil flüchtiges) Glück. Angst. Leid. Wir sind wie Schnee, der in der Sonne schmilzt. Eine niederbrennende Kerze. Alles wie Geplapper und schlechte Gags. Das Leben: ready for Altkleidersammlung. Diejenigen, die schon gestorben sind: Wir fühlen sie nicht mehr. Keine Sau erinnert sich an sie. Man vergisst uns, wie man einen Traum vergisst nach dem Erwachen. Man kann das Leben und die Erinnerung daran nicht festhalten, wie man auch das Wasser eines Flusses nicht festhalten kann. Egal, wieviel Ruhm wir angesammelt haben – auch der wird nicht bleiben. Wer heute lebt, stirbt morgen. Wer morgen geboren wird, nun, der stirbt halt übermorgen. So geht das Gedicht.

Und in der letzten Strophe kommen dann die Sätze, die man vielleicht schonmal gehört hat und die das Gedicht über 350 Jahre lang im kollektiven Gedächtnis erhalten haben:

„Was sag ich? Wir vergeh’n, wie Rauch von starken Winden.“

Am Wochenende war ich jedenfalls auf einer Trauerfeier in meinem Heimatdorf. Es ging um Dieter Blau, der eine sehr wichtige Gestalt meiner Kindheit war und über den ich hier schon ein paar Sachen geschrieben habe. Nämlich hier. Und hier. Und hier. Und hier. Er ist mitten in der Pandemie gestorben, weshalb fast keiner dabei war, als er beerdigt wurde. Jetzt gab es einen Gedenk-Gottesdienst für ihn und danach ein Treffen im Gemeindehaus. Ich habe ein paar Leute dort gesehen, mit denen ich in meiner Kindheit regelmäßig zu tun hatte. Manche davon habe ich hinter ihren Masken nicht mehr erkannt. Und auch ohne Maske war’s nicht immer leicht.

Und ich habe gedacht: Seit unserer Kindheit sind wir alle schon oft gestorben und wieder neu geworden. Nicht nur beim Übergang in die Jugend und dann ins Erwachsenenalter. Denn auch danach geht’s ja immer weiter. Vielleicht kriegen wir Kinder und alles ist auf einmal anders. Dann werden die Kinder groß und machen ihr eigenes Ding. Vielleicht sterben die Eltern. Eine Freundin meinte mal: Sie sieht sofort, wer das schon hinter sich hat und wer nicht. Dann die Jobs. Sie kommen und gehen. Kollegen: kommen und gehen. Freunde: kommen und gehen. Partner: kommen und gehen. Und selbst wenn sie bleiben, dann ist es vielleicht die Liebe, die kommt und geht. Dann lebt man mit dem alten Partner, aber ohne die alte Liebe. Gesundheit: kommt und geht. Geschmeidige Gelenke: kommen und gehen. Wohnungen und Häuser: kommen und gehen. Geld, Wohlstand, Sicherheit: kommen und gehen. Und all das ist und war immer Teil von uns, Teil dessen, was wir „ich“ nennen. Es kommt, es geht. Und immer bleibt etwas zurück und muss etwas neu werden, was auch uns selbst wieder neu werden lässt.

Es war schön, wieder im Dorf zu sein. Aber es war auch anstrengend. Genau wie es anstrengend ist, Lyrik aus dem 17. Jahrhundert im Original zu lesen. Seit damals ist einfach ne Menge passiert.

Und klar, wir haben uns ein paar Geschichten von früher erzählt. Wir haben alte Bilder gesehen mit diesen fremden Kindern drauf, die wir einmal waren. Das war alles toll und ich bin froh, dass ein paar entschlossene Leute das geplant und durchgezogen haben, dass es überhaupt passiert ist mit dieser Feier und dass ich dabei war. Und trotzdem hab ich heute das schale Gefühl, dass wir nur ein bisschen an der Oberfläche gekratzt haben. Die allermeisten Dinge bleiben ja wirklich ungesagt, selbst dort, wo man sich Mühe gibt.

In der Beratung und manchen Formen der Psychotherapie gibt es diese Intervention, dass man sich hinsetzen und seine eigene Grabrede schreiben soll. Eigentlich ist das eine sehr einfache Übung. Aber sie ist auch wahnsinnig kraftvoll. Man blickt dabei auf sein ganzes Leben und zwingt sich, die eigene Existenz wie von außen zu sehen. Wer wollte ich eigentlich werden? Bin ich der geworden, der ich sein wollte? Der ich sein sollte? Die beste Version meiner selbst?

Wer seinen Weg ändern will, kann sich ja mal hinsetzen und so eine Rede schreiben. Und dann mal sehen, was alles geht. Und was alles kommt. Ein neuer Tod. Ein neues Leben. Vielleicht.

Heute denke ich: Diese Grabrede auf uns selbst, die wird vermutlich inniger sein, wichtiger, tiefer und wesentlicher als das, was dann wirklich neben unserem Sarg verlesen wird. Die selbstgemachte Rede kann wie ein Feuer aus Buchenholz sein, das im Schwedenofen knistert und die Stube tüchtig durchheizt.

Die wirkliche Grabrede ist dann eher wie der Rauch, der oben aus dem Kamin steigt. Dann kommt der Winterwind.

Und trägt den Rauch übers Dach davon.

Kommentare

  1. Schöner Gedanke mit der eigenen Grabrede.

    Schlecht an den Grabreden ist, dass man sie nicht mehr selbst hören kann. Vielleicht? Oder doch? Deshalb freut man sich, ohne es zuzugeben, über Abschiedsreden von einem Job. Wenn man dann ehrlich zu sich selbst ist, kann man Übertreibungen herausfiltern, ohne ganz den Freude daran zu verlieren. Gehässigkeiten werden ohnehin immer vermieden.

    Ich glaube, für eine wirklich schöne eigene Grabrede braucht man ein Stück Selbstverliebtheit. Ich will es deshalb bei einem Lebenslauf belassen, bei dem üblicher Weise die Schattenseiten leicht vermeidbar sind.
    *

  2. Inzwischen glaube ich dass alle Religionen, politische Gemeinschaften sowie andere Weltanschauungen und Gemeinschaften bis hinunter zu den Familien und einzelne Individuen ihre Tabus haben damit ihre persönliche Welt funktioniert.

    In diesem Zusammenhang sind mir noch zwei wichtige Redensarten von Dieter eingefallen:

    – ein bissl angeben muss mann immer …

    – Kühe wissen wann sie genug haben … (wahrscheinlich alte Redensart aus dem Dorf)

    1. Das glaube ich auch. In der Romantik gibt’s ja die schöne Zeile „Schläft ein Lied in allen Dingen …“
      Für uns Menschen und die Gruppen, die wir formen, könnte man sagen: „Schläft ein Wahn in allen Dingen.“ Das ist ganz sicher so. Alle verrückt. Wir auch. Und vermutlich geht es nicht anders. Wie Du sagst: Die Welt funktioniert sonst nicht. Es gab ja ne zeitlang die These in der forschenden Psychologie, dass die einzigen, die sich selbst klar sehen können, die Depressiven sind. Hat sich empirisch nicht so ganz bestätigt. Aber so ganz falsch scheint mir die Sache trotzdem nicht zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.