Journalismus als Beruf?

Heute war ich bei Schülerinnen und Schülern des alten Gymnasiums meiner Kinder, um denen was über meinen Beruf zu erzählen. Journalismus als Beruf – ist das ne gute Idee? Ist das bescheuert? Woher weiß ich, ob der Job zu mir passt?

Man findet Argumente für alles. Die Zeitungen sterben. Das ist bei uns nicht unwesentlich anders als in den USA. Andererseits: Jemand muss den Job machen.

Interessant fand ich, dass 80 Prozent der Anwesenden junge Frauen waren. Die meisten Männer interessieren sich nicht mehr für Journalismus, sondern für … weiß der Geier was. Vermutlich bietet der Beruf nicht mehr genügend sozialen Status.

Jedenfalls hat mir die Sache wahnsinnig viel Spaß gemacht. Ähnlich viel Spaß wie vor einigen Wochen mein Vortrag an der University of Michigan. Die Schule im Sachsenwald, die Uni im Südosten von Michigan – beide Orte sind so etwas wie das Auenland in „Der Herr der Ringe“. Alles scheint dort in Ordnung zu sein, man kann da ein friedliches Leben leben. Man merkt das den jungen Leuten an, sie scheinen die Dinge einigermaßen auf der Reihe zu haben.

Ich habe ihnen jedenfalls dies hier empfohlen, nur so zum weiterreichen:

  1. Findet raus, wie Eure Persönlichkeit aufgebaut ist. Macht einen Big-Five-Test, zum Beispiel hier unter diesem link. Die meisten Leute, die im Journalismus klarkommen, sind eher extrovertiert, eher offen für neue Erfahrung und hoffentlich einigermaßen gewissenhaft. Im Übrigen sollte man vermutlich nicht all zu verträglich sein. Sonst fällt es einem schwer, Leuten auf die Füße zu treten, was gelegentlich geschieht. Sehr hohe Werte in der Dimension Neurotizismus werden vermutlich dafür sorgen, dass man oft gestresst ist. Ich kenne Leute, die im Job trotz hoher Neurotiziksmuswerte erfolgreich sind, aber das klappt, glaube ich, auf Dauer nur, wenn man auch sehr gewissenhaft ist. Man gleicht die mangelnde Stressfestigkeit dadurch aus, dass man besser plant und mehr arbeitet als die anderen.
  2. Guckt Euch an, welche Werte Euch antreiben. Und zwar mit dem VIA-Charakterstärkentest der Uni Zürich. Der Test nervt ein bisschen, weil man dabei zu viele Fragen beantworten muss. Aber am Ende bekommt man das, was die Positiven Psychologen als „Signaturstärken“ bezeichnen. Den meisten Menschen geht’s gut, wenn sie regelmäßig Dinge tun, die auf diese Signaturstärken einzahlen. Man kann dann über viele Jahre arbeiten, ohne auszubrennen. Das ist das, was man möchte.
  3. Verlasst Euch auf das „Planned Happenstance“-Prinzip. Das besagt im Wesentlichen dies: Die meisten gelungenen Karrieren basieren darauf, dass man sich Mühe gibt. Und: auf einer Reihe von glücklichen Zufällen. Wer mit 50 glücklich ist in seinem Job, macht vermutlich etwas, von dem er oder sie mit 17 noch nichts oder nur wenig wusste. Was also tun, wenn man 17 ist? Ganz einfach: Man muss versuchen, die Anzahl der glücklichen Zufälle zu erhöhen. Und das tut man so. Manchmal begegnet man Erwachsenen und denkt: „Wow, der oder die macht coole Sachen, das klingt interessant.“ Dann schreibt man diesem Menschen eine E-Mail: „Mich begeistert, was Du machst. Können wir mal nen Kaffee trinken? Ich hab da ein paar Fragen an Dich.“ Nicht alle werden zusagen. Aber manche schon. Und dann hat man die Chance, sich für 20 oder 30 Minuten in eine Zeitmaschine zu setzen und schon mal reinzugucken, was womöglich die eigene Zukunft sein könnte. Man weiß danach mehr über diesen Job, von dem man zuvor noch keine Ahnung hatte. Und: Auf einmal gibt es ein paar Erwachsene, die schon mal von einem gehört haben. All das wird früher oder später Türen öffnen – sei es durch neue Erkenntnisse, sei es durch neue sozialen Kontakte.

Naja. Die Gruppe war jedenfalls super lebendig und hat viele Fragen gestellt. Gute Fragen. Ich hatte beim Verlassen des Raumes mehr Energie als beim Betreten des Raumes und das ist immer ein Zeichen dafür, dass irgendwas richtig gelaufen ist.

Am Ende hat mir der Organisator des Orientierungstags zum Dank noch eine Schachtel Schnapspralinen überreicht. Tja. Reportertrost!

Und als ich danach zum Fahrradständer ging, waren alle anderen schon weg. Die alte Regel des Print-Journalismus: Der letzte macht das Licht aus!

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