Das Rätsel zwischen Abstand und Nähe

Vorgestern.

Ich grinse noch immer, als der 9:28er ICE Richtung Interlaken um 10:11 Uhr pünktlich den Hamburger Hauptbahnhof verlässt. Wir fahren am Spiegel-Gebäude vorbei, auf der Straße liegt Schnee.
Am Bahnsteig vor Gleis 11 ist mir zuvor etwas Interessantes aufgefallen. Ein Ehepaar – beide etwa Ende 60 – platziert sich irgendwann links vor mir, der Mann betreut die beiden mittelgroßen Koffer, die Frau schiebt einen Tageskoffer und trägt einen pastellfarbenen Rucksack. Ich sehe die beiden nur von hinten, sie schauen wie ich auf das Gleis, auf dem bald unser Zug einfahren soll. Dabei höre ich Musik (wenn ich jetzt schreibe, dass es Beethoven ist, klinge ich entweder alt, eingebildet oder beides; aber es IST Beethoven, ich kann auch nichts dafür, es liegt an den Hormonen). Ich schließe dabei die Augen und hänge düsteren Gedanken nach. Als ich die Augen wieder öffne, steht der Mann fast direkt vor mir. Nanu! Habe ich versehentlich meine Position verändert? Hm. Nö, vermutlich nicht. Mein Gepäck steht noch immer direkt neben meinem rechten Wanderstiefel. Achselzucken, die Augen wieder zu, ahhhh, Beethoven!
Dann kurz darauf wieder die Augen auf. Jetzt steht der Mann leicht rechts von mir, die Frau direkt vor mir. Was ist denn mit denen los? Das interessiert mich!
Ich fange also an, mich auf die Füße der beiden zu konzentrieren und dabei entdecke ich ein festes Muster an kleinen Trippelschritten, einen vermutlich unbewussten Tanz, den die beiden miteinander aufführen, und der Tanz geht so:
Die Frau trippelt drei Mal winzig und nur zentimeterweit näher an ihren Mann heran. Dann stellt sie sich fest auf ihre Sohlen, ihre Schultern entspannen sich. Hier fühlt sie sich wohl. Ich zähle innerlich mit. Nach 16 Sekunden macht der Mann zwei Trippelschritte nach rechts, er braucht mehr Abstand. Danach stellt er sich fest auf seine Sohlen, seine Schultern entspannen sich. Hier fühlt er sich wohl. Irgendwann geht das Ganze dann wieder von vorne los. Ich beobachte insgesamt vier Durchläufe, bis ich die Augen wieder schließe und zurück gehe zu Musik und Grübelei.

Ich vermute, dass die beiden schon sehr lange ein Paar sind. Man denkt: Da sollten alle Schlachten geschlagen und alle Lebensbereiche verhandelt sein. Und dennoch gibt es diesen Tanz zwischen Abstand und Nähe. Ich würde wetten, dass die beiden davon nichts mitbekommen haben. Die Körper brauchen dafür kein Frontalhirn.

Und so sitze ich jetzt im Zug nach Süden, er fährt durch den Schnee. Er hat Verspätung. Und ich frage mich, wie und ob wir das überhaupt hinkriegen sollen, diese Spannung in unseren Bedürfnis nach Nähe einerseits und nach Freiheit andererseits. Und ich denke, dass alle dasselbe brauchen und doch jeder etwas anderes. Manchmal, wenn’s gut passt, beträgt der Unterschied nur ein paar Zentimeter. Aber die genügen, um noch das Warten auf einen ICE zu einer Wanderung zu machen. Selbst nach all den Jahren. Und die Wanderung hört vermutlich niemals auf.

Ich fänd’s irgendwie schöner, wenn das alles einfacher wär.

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