Als ich ein Trapper war

Es war kalt, wie meist an den Faschingstagen. Wir stiegen, sechs oder sieben Jungs, in den alten, orangefarbenen VW-Bus. Vorher hatten wir Beile, Äxte, Sägen und Dieters neuen Spalthammer auf die Ladefläche gepackt. Und einen Topf. (Nachtrag: Ich hab jetzt dankenswerterweise von Jörg ein paar Bilder von damals bekommen und muss zwei Dinge korrigieren. Erstens: Dieters VW-Bus war natürlich weiß; der orangefarbene VW-Bus gehörte Hartmut; zweitens: auf einem der Bilder sieht man Räder im Hintergrund; sind wir bei diesem „Trappertag 0“ mit den Rädern an den Rhein gefahren?; vermutlich; eines der Räder sieht verdächtig nach meinem Rad aus; alles vergessen. Ich war damals elf Jahre alt).

Dann fuhren wir an den Rhein. Dort, wo der Weg den Hochwasserdamm quert, steht links ein altes Fachwerkhaus. Eine Gastwirtschaft, in die ich, wenn ich so drüber nachdenke, nie einen Fuß gesetzt habe.

Früher stand hier ein ganzes Dorf. Die Leute hatten ihre Äcker, ihre Wiesen, sie fingen Fische im Fluss. Wenn man den alten Berichten traut, dann ging’s denen sehr gut und sie haben immer tüchtig gefeiert. Aber dann kam jemand auf die Idee, den Fluss zu begradigen (wegen der Wirtschaft und so) und auf einmal lagen die meisten Äcker und Wiesen auf der anderen Seite des Flusses und die Dörfler wohnten plötzlich in einem anderen Land. Alle paar Jahre passierte dann ein anderer Mist und irgendwann haben sie das Dorf einfach aufgegeben. Ist ne andere Geschichte. Ich wollte schon immer mal drüber schreiben und eines Tages mach ich das auch.

Jedenfalls führte der Rhein an diesem Tag wenig Wasser, so dass die Kiesbank kurz vor Flusskilometer 379 bis fast zur Fahrrinne trocken lag. Die Kiesel da sind die besten, die man sich denken kann. Die Strömung hat sie schön glatt gemacht in all den Jahren. Manche sind ganz flach und man kann sie über die Wellen hüpfen lassen.

Dieter stoppte den VW-Bus an der Kiesbank und wir stiegen aus (wie gesagt; vielleicht ist das eine falsche Erinnerungsspur; 1982, ein Jahr später, sind wir jedenfalls mit den VW-Bussen zur Kiesbank gefahren). Bis dahin war das alles nicht ungewöhnlich. Denn Dieter und wir fuhren eigentlich jeden Sonntag an den Rhein. Nach dem Gottesdienst trafen wir uns vor der Kirche und Dieter meinte, um nach Hause fahren zu können, müsse er seinen VW-Bus, weil er eben in die falsche Richtung zeigte, unbedingt „am Rhein wenden“. Wir fuhren an den Fluss, gingen spazieren, warfen Steine ins Wasser und was weiß ich. Es war ein Ritual. So ging das über viele Jahre.

An diesem Tag aber lief die Sache anders. Dieter meinte: „So, Jungs, heute will ich mal sehen, ob Ihr das Zeug dazu habt, Trapper zu werden.“ Die meisten von uns hatten Karl May gelesen oder zumindest die Hörspiele gehört oder sogar die Filme gesehen. Trapper. Das waren Leute, die im Wilden Westen klarkamen. Sie konnten Biber fangen, in der Wildnis überleben. Sie wussten, wie man Feuer macht. Und genau darum ging’s. Dieter meinte: „Ihr müsst jetzt ein Lagerfeuer machen. Nur mit dem, was die Natur euch gibt. Also ohne Papier. Ihr habt drei Streichhölzer, danach muss das Ding brennen.“

„Nur, was die Natur euch gibt“ – das ist später über viele Jahre eine Art Witz geworden, ein geflügeltes Wort. Denn die Natur gab uns da draußen eine ganze Menge. Der Wasserstand des Rheins ändert sich oft rapide innerhalb weniger Tage. In den Wäldern unter den Pappeln am Ufer, da sammeln sich die abenteuerlichsten Gegenstände. Der Fluss bringt sie mit aus der Schweiz und aus dem Alemannischen. Und dann bleiben sie hängen zwischen den Büschen, Bäumen und Hecken. Plastikbehälter, Schnaps-, Wein und Bierflaschen, Tablettendosen, keine Ahnung was. Ich hab so viele Einzelheiten vergessen über die Jahre.

Jedenfalls gingen wir los in den Wald und holten Holz. Große Äste, kleine Äste, trockenes Gras als Zunder. Wir sägten, spalteten und hackten. Und dann haben wir ein Lagerfeuer gemacht. Vielleicht auch zwei, das weiß ich nicht mehr so genau. Und wir haben es hingekriegt mit drei Streichhölzern.

Irgendwann kam noch eine andere Jungsgruppe, die auch wie wir zur „Jungschar“ gehörten, also zu den unter-14-Jährigen beim CVJM, sozusagen zur örtlichen Kirchenjugend.

Dieter meinte, das sei die perfekte Gelegenheit für einen kleinen Wettkampf. Er stellte seinen Topf in die Mitte der Kiesbank und zog einen Kreis drumherum, vielleicht so mit einem Radius von vier, fünf Metern. Und dann meinte er: Jede Gruppe muss versuchen, den Topf so schnell wie möglich mit Steinen zu füllen. Er hatte eine Stoppuhr dabei. Ich weiß nicht mehr, wer gewonnen hat. Vermutlich also die anderen.

Danach fragte Dieter: „Wer weiß, was heute Tageslese ist?“

Das muss man erklären. Es gab in der Kirchengemeinde ein Buch, in dem für jeden Tag des Jahres eine Stelle aus der Bibel angegeben war. Die las man sich vor – zum Frühstück, beim Abendessen. Mein Bruder und ich teilten uns damals ein Zimmer. Wir lasen die Stelle immer gemeinsam vor dem Schlafengehen. Danach stand in dem Buch noch ein Kommentar dazu. Das ist die „Bibellese“. In meinen Kreisen galt es als eine allgemein akzeptierte Annahme, dass dies zu den unabdingbaren Gewohnheiten eines gutes Menschen gehört.

Jedenfalls glaube ich mich zu erinnern, dass mein Bruder Martin damals als einziger wusste, was an diesem Tag gelesen wurde. Buch, Kapitel, Vers. Zack! Martin ist Pfarrer geworden. Man hätte es sich denken können. Ich war sehr stolz auf ihn. (Nachtrag: Vergangene Nacht kam mir der Gedanke, dass es sich um eine Stelle aus dem Markusevangelium handelte; ich werde das nachprüfen).

Natürlich kamen an diesem Tag dauernd Frachtschiffe vorbei. Sie fuhren hinauf nach Karlsruhe oder hinunter nach Duisburg oder Rotterdam. Und bei jedem Kahn spielten wir dasselbe Spiel. Es war im Grunde genau der Effekt, den man später über den Tsunami lesen konnte: Der Sog des Schiffes zog das Wasser hinaus in die Fahrrinne. Wir liefen hinterher, so weit wir konnten, über den freigelegten Kies. Jeder Lauf zum Wasser war ein Pokerspiel. Denn irgendwann, das war klar, würden von hinten die Wellen kommen. Und sie kamen schnell – umso schneller, je größer und schneller das Schiff unterwegs war. Alles, was flussabwärts fuhr, war also gefährlich. Und natürlich verpassten wir immer mal wieder den richtigen Moment zur Umkehr und füllten uns die Gummistiefel mit Rheinwasser. Es war Ende Februar und das Wasser war kalt.

Wir kochten Tee im Topf über dem Lagerfeuer, an dem die Socken trockneten. „Naturrein“, sagte Dieter, als wir davon tranken. Es war der beste Tee, den ich in meinem Leben getrunken habe.

Ich wusste noch Jahre später, wer alles dabei war an diesem Tag. Heute bin ich mir nur noch bei vier Jungs sicher: Con war dabei, der eigentlich Thomas heißt, ein anderer Thomas, mein Bruder und ich. Die anderen? Ich hab da nur noch Vermutungen. Erinnerungen werden graduell blasser und unzuverlässiger mit den Jahren. Ich bin mir aber sicher, dass es Fotos gibt. Vielleicht findet sich jemand schickt sie mir zu. Es würde mich wirklich interessieren. (Nachtrag: Auf den Bildern sehe ich außerdem Stefan, Christoph und Kuno).

Ein Jahr später ist mir dann klargeworden, dass wir Jungs so etwas wie Versuchskaninchen waren. Dieter wollte ausprobieren, ob das funktioniert, die Sache mit dem Lagerfeuer, der Kiesbank, den Beilen, den drei Streichhölzern und dem Rhein. Denn ab dann gab es das jedes Jahr. Dieter nannte es „Die Trapperprüfung“ und wer sie bestand (natürlich bestand jeder), der bekam eine wirklich prächtige Urkunde und durfte sich fortan „Trapper“ nennen.

Wer Trapper war, der gab dem anderen Trapper auf bestimmte Art und Weise die Hand. Man spreizte dabei – so schnell, dass ein Außenstehender es nicht merken konnte – den kleinen Finger ab. Dieter nannte es den „Trappergruß“ und wir hatten das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein, Mitglieder eines Geheimbundes. Und im Grunde waren wir das auch.

Ich habe als Junge viele unfassbare Dinge erlebt. Chaos. Haarsträubende Improvisationen. Wahnsinn. Dieter konnte das alles. Er war damals so um die 40 und der mit Abstand verrückteste und phantasievollste Erwachsene, den ich kannte. Er hat uns allen beigebracht, dass krasse Ideen nicht verboten sind. Und dass es sehr einfach ist, sie umzusetzen. Man macht es einfach. Und kommt fast immer damit durch.

Vor ein paar Tagen ist Dieter gestorben. Das letzte Mal hab ich ihn vor vier Jahren gesehen. Damals bin ich in mein Dorf zurückgekommen, um mein Buch vorzustellen. Es ging darin um die Vergangenheit dieses Dorfes, ein dunkles Geheimnis. Ich wusste nicht, wie die Sache ausgehen würde. Die Schulaula war rappelvoll. Dieter – er war damals schon krank – saß im Publikum. Ich sah ihn, er schaute zu mir, streckte, wie es seine Art war, den Daumen in die Luft und nickte mir zwei Mal zu, während er die Augen schloss. „Alles gut gemacht“, sagte die Geste.

Dieter hat, als wir Jungs waren und nicht wussten, was wir sollten in der Welt, uns so lange erzählt, dass wir Trapper sind, bis wir selbst es glaubten. Nichts von all dem steht in Büchern. Man lernt es nicht an der Uni. Aber es hat mich und viele andere geprägt und uns einen Mut gegeben, der vermutlich für ein Leben reicht.

Heute sitze ich hier in Michigan, mehr als 4000 Meilen von meiner Heimat entfernt, und weiß nicht, ob ich mich je bei ihm dafür bedankt habe, dass ich einmal Trapper war. Ich hoffe, das liegt nur an meinem löchrigen Gedächtnis. Und nicht daran, dass ich etwas versäumt habe.

Kommentare

    1. Hey Marser, Ishi hat mir ein paar Fotos geschickt. Ein paar Details musste ich korrigieren. Menschliche Erinnerung ist voller Löcher (und voller Kreativität). 🙂

  1. Hallo Jochen.
    Danke für den Beitrag!
    Viele Dinge gehen da einem durch den Kopf. Aber ein Gedanke ganz besonders:
    Hier sieht man, dass die „einfachen Dinge“ komplett gereicht haben, um uns als Kinder glücklich zu machen.
    Worin Dieter auch geprägt hat: Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit!
    Immer und zu 100%.
    Viele Grüße
    Bertl

  2. Ach ja. Das waren noch Zeiten. Auto umwenden am Rhein, Trapperprüfung (die Urkunde hing jahrelang eigerahmt an meiner Wand) Freizeit in Salzburg ( bei uns muss keiner hungern ohne zu frieren). Hab in letzter Zeit öfter darüber nachgedacht ob ich Dieter wohl noch. Mal treffen werde (letztes Mal war 2002) in dieser Welt wohl nicht mehr – schade.

    1. Stimmt, Jörg. Und Dieter hat Wort gehalten: Wir haben gehungert. Und gefroren. Mir ist dieser Tage auch wieder der Brauch eingefallen, an jeder roten Ampel die Schiebetür aufzumachen und mit allen Leuten einmal um den VW-Bus zu rennen, ehe es wieder grün wird.

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