„Was machen Sie eigentlich beruflich?“

Kürzlich hat mich jemand sorgenvoll gefragt, was ich eigentlich beruflich mache. Die Frage ist berechtigt. Seit dem Beginn der Corona-Krise spende ich 15 bis 20 Prozent meiner Arbeitszeit, um diesen Blog zu schreiben („eigentlich“ sagt man „das Blog“, aber ich kann das nicht). Der ganze Rest nimmt also deutlich mehr Zeit ein – ist aber weniger sichtbar. Heute also drei aktuelle Antworten. Vielleicht inspiriert es ja jemanden, die entsprechenden Druckerzeugnisse zu erwerben, das würde mich freuen.

Da ist erstens die Psychologie Heute. Das Blatt ist immer noch eine Instanz. Mit dem Juli-Heft erscheint dort am kommenden Mittwoch „Siri, was stimmt nicht mit mir?“, eine Geschichte, auf die ich einigermaßen stolz bin. Ich musste mehrere Forschungs-Konferenzen besuchen (etwa die CSCW in Austin/Texas), um sie kapieren und schreiben zu können. Dies ist das Heft dazu:

Es geht im Kern um die Arbeit von Munmun De Choudhury, eine Informatikerin von der Georgia Tech. Munmun guckt sich an, was wir z.B. auf Twitter oder Facebook von uns geben. Ihr Computer kann aus diesen Daten dann ablesen, wie es unserer Psyche geht und ob wir womöglich Hilfe brauchen. Sie sieht unsere Krisen, bevor wir sie sehen. Manchmal: Monate vor uns. Ein Hammer, oder?

Munmun und ihre Kollegen, die an ähnlichen Projekten sitzen, analysieren zum Beispiel subtile Sprachmuster, aber auch die Bewegungsdaten unseres iPhones oder die Grautöne der Bilder, die wir posten. All das verrät etwas über uns. Der Text beginnt mit einem ähnlichen Gedanken, wie ich ihn hier gestern geäußert habe:

Man braucht keinen Zeitungsverleger mehr, um seine Ideen zu veröffentlichen. Auf Facebook, Twitter, Instagram, da geht das ganz leicht und deshalb machen es auch viele. (…) Wir gehen über die Straßen der digitalen Welt wie über frisch gegossenen Beton. Er härtet aus; un­sere Fußspuren bleiben sichtbar für lange Zeit. Und vielleicht noch deutlicher als einst bei Adenauer kann jeder erkennen, wie wir ticken, obwohl man uns gar nicht kennt.

„Siri, was stimmt mit mir nicht?“, Psychologie Heute, 7/2020

Leider – oder zum Glück? schwer zu sagen – liegt „Siri, was stimmt nicht mit mir?“ hinter einer Bezahlschranke. Man braucht ein Abo, um den Text lesen zu können. Oder man kauft sich das Heft am Kiosk oder den Artikel selbst für 1,99 Euro im Netz.

Die zweite Sache, von der ich etwas erzählen will, ist meine Arbeit für ein Heft namens „P.M. Fragen&Antworten“. Die Hefte sind immer interessant. Darüber hinaus hat das dortige Team in Zeiten der Pandemie eine neue Homepage aufgebaut, die ziemlich schick aussieht. Ich empfehle den Besuch. Man wird nicht dümmer dabei, versprochen. Dort arbeiten übrigens die härtesten Faktenchecker, denen ich bisher begegnet bin. Ich muss praktisch jeden Satz mit einer eigenen Studie belegen. Viel Arbeit. Ich hoffe, man sieht es den Texten nicht an. Wenn es sich einfach liest, hat es die meiste Mühe gemacht. Hier zum Beispiel ein kurzes Stück darüber, warum sich Vorurteile so lange halten.

Drittens hat mir mein Sohn gestern ein Foto geschickt – aus der April-Ausgabe von „P.M. History“. Dort ist meine Geschichte erschienen, in der es um das große Kawumm von Halifax geht – die größte menschengemachte Explosion vor der Atombombe. Nie davon gehört? Dann wird’s Zeit. Eine saftige Story über eine ganz unglaubliche Katastrophe, in der mehr Dinge schiefgegangen sind, als man sich so mal eben ausdenken kann. Wirklich. Wenn die Folgen nicht so schlimm gewesen wären, hätte man eine Slapstick-Komödie aus dem Stoff machen können.

Okay, hier, ein kleiner Ausschnitt: Zwei Schiffe dampfen durch die enge Hafeneinfahrt von Halifax. Das eine will hinaus, das andere hinein. Beide haben es eilig. Eines davon ist bis unter die Decke vollgestopft mit Sprengstoff und brennbaren Chemikalien. Das weiß aber keiner. Es ist nämlich gerade Krieg.

Drei Mal schicken die Kapitäne Signaltöne hin und her – jede Botschaft lautet im Wesentlichen: „Bitte ausweichen, ich halte meinen Kurs.“ Erst kurz vor dem Zusammenstoß verlieren die Kapitäne etwa zeitgleich die Nerven. Sie ändern ihre Fahrtrichtung. Tragischerweise entscheiden sich beide für dieselbe Seite.

„Die Apokalypse von Halifax“, P.M.-History, April 2020

Tja. Also: Das hier sind Dinge, die ich so beruflich mache. Ich liebe meinen Job. Er füttert meine Neugier, diesen hungrigen Drachen. Ich bin frei dabei und selbstbestimmt. Und all das ist Teil der Bezahlung. Hoffentlich kann ich das noch lange so machen. Das wäre klasse.

Kommentare

  1. Die PSYCHOLOGIE HEUTE habe ich seit über 20 Jahren abonniert und lese sie immer wieder gerne, zufällig ist gerade heute das neue Heft eingetroffen. Den Siri-Artikel werde ich selbstverständlich lesen.

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