Verbrechen am Waldrand

Wir sind – endlich – wieder zurück in Nickis Haus. Es liegt in den Außenbezirken von Ann Arbor an der Grenze zum „Bird Hills Park“, also direkt am Waldrand. Das Leben hier draußen verläuft ganz anders als im Stadtzentrum. Man steht plötzlich vor neuen Herausforderungen.

Zum Beispiel heute Morgen. Wir schauen in den Garten und sehen folgende Sauerei: Irgendwer hat den roten Schaumstoffball in einer Orgie der Zerstörung in Fetzen gerissen.

Wer zum Teufel macht so was? Haben wir es mit einem Einzeltäter zu tun? Wie steht es um die Psychologie dieses Verbrechens? Welches Motiv steckt dahinter? Mein Assistent „Dr.“ Kai „Watson“ und ich besehen uns zunächst den Tatort.

An der Verteilung der Schaum-Fragmente erkennen wir schnell, dass der Täter sich ausgesprochen sicher gefühlt haben muss. Das Massaker hat sich über viele Minuten, vielleicht sogar Stunden hingezogen. Kein Zweifel: Hier handelt es sich nicht um den hastig ausgeführten „Hit and Run“ eines Ängstlichen!

Wer ist zu einer solchen Tat fähig? Wir erstellen eine Liste der Verdächtigen. Sicher: Vor wenigen Tagen ist ein Kojote über den Rasen gerannt. Ab und zu verirrt sich ein Kaninchen auf das Grundstück. Auch Waldmurmeltier, Fuchs, Stinktier und Opossum haben wir hier schon gesehen (und gerochen). Doch das sind seltene Gäste. Durchzügler, denen wir einen solch kaltblütigen Coup kaum zutrauen. Es muss sich um jemanden handeln, der mit den Örtlichkeiten aufs Beste vertraut ist.

Und da fällt der erste Verdacht natürlich auf Coco, die Schäferhündin. Sie kann Bälle übel misshandeln. Das haben wir alle schon gesehen. Stärke? Energie? Beißkraft? Check! Allerdings hat sie für die Tatzeit ein wasserdichtes Alibi. Und ihr Gesichtsausdruck spiegelt Ahnungslosigkeit und Unschuld.

Gehen wir also weiter zu Theo, dem Kater. Es ist klein von Gestalt, aber ausgesprochen flink und ein „trouble maker“. Doch auch er befand sich zur Tatzeit im Haus.

Also legen wir uns auf die Lauer und observieren das Gelände. Das schlechte Gewissen wird den Täter bestimmt an den Ort der Tat zurücktreiben. Und tatsächlich! Schon bald stellen sich die üblichen Verdächtigen ein. Da ist zum einen Chipmunk, das Streifenhörnchen. Wir fotografieren ihn mit dem Smartphone durch den Feldstecher. Chipmunk legt Wert auf eine gute Tarnung, weshalb ich seinen Aufenthaltsort mit einem Pfeil kennzeichne.

Und dann sind da natürlich die drei Eichhörnchen. Besonders übel ist uns dieser Tage das Verhalten von „Darth Vader“ aufgestoßen, dem dunklen Lord unter den Nagern. Er schikaniert die anderen, wo er nur kann. Die Tat ist ihm unbedingt zuzutrauen!

An seiner Seite entdeckten wir „Obi-Wan“, der in seinem grauen Fell eine Respektsperson zu sein scheint. Verfügt er über Kräfte, von denen wir nichts ahnen? Was hat er zu verbergen?

Die Nummer Drei unter den Eichhörnern agiert so unauffällig, dass wir noch nicht einmal einen Namen in unseren Akten finden. Hm. Da scheint jemand permanent „under the radar“ zu fliegen. Verdächtig!

Doch leider erkennen wir bei keinem der Kandidaten ein verräterisches Zeichen. Zu dumm! Also machen wir es wie Sherlock Holmes und Dr. Watson: Wir nehmen noch einmal den Tatort unter die Lupe. Vielleicht entdecken wir ja etwas, das uns beim ersten Mal entgangen ist. Und wirklich: Am Ball und einigen Fetzen zeigen sich verdächtige Bissspuren.

Zwischen den Fetzen hat der Täter außerdem seine Losung hinterlassen. Ganz so kaltblütig kann er nicht gewesen sein: Er hat unterwegs buchstäblich Schiss gekriegt!

Die Kügelchen sind nicht der einzige Auswurf. Offenbar hat der Täter Teile des Balles gefressen und sich bald danach übergeben. Ja, ja, Verbrechen lohnt sich nicht – es schlägt einem vielmehr auf den Magen!

Ein Glück, dass es Google gibt! Kai und ich vergleichen die gefundenen Spuren mit dem Wissen des Internets – und reimen uns Stück für Stück eine Antwort zusammen. Und die geht so: Ein Hirsch hat den Ball für einen Kürbis gehalten und sich ein vermeintliches Abendessen gegönnt. Fall gelöst!

Wenige Stunden später schauen wir aus dem Fenster und trauen unseren Augen kaum. Wer steht da unter den Bäumen und tut, als wär nix? Ziemlich dreist, wenn Ihr mich fragt. Aber immerhin: Gut zu sehen, dass der Hirsch wohlauf ist.

Mal sehen, was der Schlingel als nächstes ausfrisst. Das Wochenende kann kommen!

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