bookmark_border„Any functioning adult“ – Hauptsache ein Erwachsener

Wahlwerbung in Menlo Park

In der Nachbarschaft in Menlo Park haben wir ein interessantes Wahlplakat entdeckt. Wer soll im November Präsident werden? Das Plakat sagt sinngemäß: „Egal wer. Hauptsache nicht der Typ, der den Job gerade macht.“

Am Super Tuesday – gerade zwei Wochen her – waren die Vorwahlen der Demokraten das heißeste Thema in den Medien. Das hat sich geändert. Kürzlich hatten wir ein paar Standford-Leute zu Besuch. Ich so: „Niemand hat sich für die Vorwahlen in Michigan interessiert.“ Die meisten haben protestiert: „Doch, doch, das war doch überall in den Nachrichten.“ In solchen Fällen konsultiere ich dann gerne Google Trends. Dort kann man nachsehen, wie oft ein bestimmter Begriff in einem bestimmten Zeitraum gegoogelt wurde.

Und wenn man sich die USA-Daten im Februar anguckt, dann sieht man, dass die Leute ähnlich häufig nach Bernie Sanders, Joe Biden und nach dem Coronavirus gegoogelt haben.

Die gelbe Linie zeigt die Google-Anfragen nach dem Coronavirus; blau: Bernie Sanders; rot: Joe Biden. Die drei Suchbegriffe haben zumindest ab dem 10. Februar noch einigermaßen in derselben Liga spielten.

Anfang Februar bin ich in San Francisco gelandet. 90 Prozent der anderen Reisenden an der Passkontrolle kamen aus Japan. Alle haben Masken getragen. Das Paar, das hinter mir stand, meinte: „That’s what you do as a good Japanese citizen.“ Corona war zu diesem Zeitpunkt schon eines der ganz großen Themen. Vergisst man gerne.

Meine Warteschlangennachbarn aus Japan. Für unser verwackeltes Selfie haben die beiden ihre Masken abgenommen. Warteschlangen können ganz toll sein. Man kommt mit den Leuten ins Gespräch und lernt eine Menge. Das aber nur am Rande.

In den vergangenen Tagen hat sich die Interessenlage massiv geändert. Corona ist alles. Die „Primaries“ sind nichts.

Gelb: Corona; rot: Biden; blau: Sanders

Am Samstag, habe ich spaßeshalber noch den Suchbegriff „Donald Trump“ mit in die Auswahl genommen. Trump dominiert sonst alles. Heute um 8:00 Uhr haben die Leute 18 Mal häufiger nach Corona gesucht als nach ihm.

Am Samstag, den 14. März 2020 gibt es in Kalifornien eigentlich nur noch das Thema Corona

Am Sonntag lief die TV-Debatte zwischen Biden und Sanders. Für einen kurzen Moment ist Amerika aufgewacht: „Stimmt, da war ja was!“ Mehr Leute haben nach Biden und Sanders gegoogelt als nach Donald Trump. Fernsehen ist noch immer ein mächtiges Medium.

TV-Debatte am Sonntag. Ohne Live-Publikum war’s irgendwie nicht dasselbe

Heute am Montag stehen die USA kurz vor einem Corona-Lockdown. Der Gouverneur von Ohio möchte gar die für Dienstag geplanten Vorwahlen verschieben: Er könne nicht für Gesundheit und Sicherheit von Wahlhelfern und Wählern garantieren. Wenn man sich Google Trends ansieht, wär’s eh fraglich, wie viel Leute an den Wahlurnen auftauchen.

Bernie Sanders? Joe Biden? Fast niemand hat heute die beiden demokratischen Kandidaten gegoogelt. Demokratie funktioniert nicht, wenn keiner hingeht.

Diese Frage könnten uns noch ne Weile beschäftigen: Wie will man ordentliche Wahlen durchführen inmitten einer solchen Krise? Wer profitiert davon? Wem schadet’s? Weiß keiner.
Ich hoffe für November jedenfalls weiterhin auf „any functional adult“: Hauptsache, es wird ein Erwachsener.

bookmark_border„A foreign virus“ – Krisenkommunikation aus der falschen Welt

Der Präsident bei seiner Oval Office Adress am 11. März 2020

Donald Trump schottet die USA vor Einreisen aus Europa ab. Bei der Begründung habe nicht nur ich große Ohren gekriegt: Die EU hat versagt – anders als die US-Administration. Außerdem handle es sich um einen „foreign virus“. Corona ist ein Ausländer, sozusagen ein illegaler Einwanderer. Ein „hochaggressiver“ noch dazu.

Natürlich möchte man seine Scherze drüber machen. Das haben andere aber schon besser hingekriegt, zum Beispiel Trevor Noah und sein Team. Was haben wir gelacht.

Trevor Noah: „First of all – it’s not a foreign virus. It’s just a virus, okay? Trump makes it sound like Corona doesn’t speak English.“

Mich persönlich hat dabei etwas anders interessiert. Und zwar dies: Vor knapp zwei Jahren habe ich die große ICA-Konferenz in Prag besucht. Das ist das jährliche Welttreffen der Kommunikationsforscher. Bei den meisten Vorträgen, die ich dort gehört habe, ging’s um „Krisenkommunikation“. Die wiederum zerfällt in zwei Teile.
1. Wie kommuniziert man als Staat, dass die Bevölkerung bedroht ist? Das ein Krieg droht, ein Hurricane sich der Ostküste nähert – oder, naja, dass eine neue, hochansteckende Krankheit gerade dabei ist, sehr viele Menschen umzubringen?
2. Was tun, wenn man als Firma mit Dingen in der Zeitung steht, die den eigenen Ruf massiv schädigen. Wenn es aus dem Netz Unrat auf einen regnet? Welche Strategien stehen einem da zur Verfügung?


Man sieht sofort: Das sind zwei sehr unterschiedliche Sportarten, die nach völlig anderen Regeln gespielt werden. Über den zweiten Punkt habe ich später eine größere Geschichte für brand eins geschrieben. Es gibt für derlei Krisen eine Art Skript. Dieses folgt der so genannten „Situational Crisis Communication Theory“ von Prof. Timothy Coombs. Einer der Vorschläge, die Coombs macht, lautet: Finde einen, dem du die Schuld in die Schuhe schieben kannst! Die meisten Vorträge in Prag orientierten sich an Coombs Drehbuch. Seine Theorie wurde bestätigt, zurechtgefeilt, korrigiert und in bestimmten Kontexten (etwa in Ostasien) als komplett nutzlos verworfen.
„Doch nicht alle in Prag vorgestellten ICA-Studien waren lediglich Verfeinerungen von Coombs Theorie. Einige Forscher stellten die Thesen des Krisen-Papstes auch offen infrage. Etwa der knorrige, aber angesehene Kommunikationsforscher Michael Kent von der australischen University of New South Wales. Er verzichtete in seinem Vortrag praktisch komplett auf empirische Analysen und verstieg sich zu einer Wutrede gegen das „Scapegoating“, also die Praxis, in Krisen einen Sündenbock zu definieren. PR-Leute seien inzwischen „noch schlechter beleumundet als Politiker“, polterte Kent. „Wir müssen aufhören, die Sündenbock-Strategie an den Unis zu lehren. Sie verletzt sämtliche ethischen Standards. Der Punkt muss aus all unseren Lehrbüchern verschwinden!“ Er selbst werde in den nächsten Jahren jedenfalls „alles dafür tun, dass diese schlimmen Dinge nicht weitergehen“.

Trumps Begründung für den Reisestopp pfeift auf die Tatsachen. Man kennt das schon. Mehr noch: Er verwechselt die eigene Rolle. Wenn man einen Staat repräsentiert, dient Krisenkommunikation dazu, die eigene Bevölkerung zu schützen. Was der NDR mit Prof. Christian Drosten von der Charité macht, ist in dieser Hinsicht ganz unglaublich gut. Um fair zu sein: Anthony Fauci macht das hier in den Staaten auch gut. Trump dagegen tut so, als würde er ein Pharmaunternehmen leiten, das vergiftete Tabletten in Umlauf gebracht hat und jetzt dringend jemanden braucht, den man dafür aufhängen kann. Er leitet sein Land so, als wär’s eine Firma. Seine Firma. „A foreign virus“ – das ist Krisenkommunikation aus der falschen Welt.

bookmark_borderSo geht Propaganda – die Masse macht’s!

Vor vielen Jahren habe ich meine Magisterarbeit darüber geschrieben, wie die NSDAP ab den späten 1920er Jahren eine Armee von rund 6000 Parteirednern ausgebildet hat. Die Sache funktionierte: Schon 1932 konnten die Nazis in vielen deutschen Provinzen mehr Kundgebungen abhalten als alle anderen Parteien zusammen. Ein Teil meiner Magisterarbeit wurde damals als wissenschaftliches Paper veröffentlicht.
Irgendwann – viele Jahre später – haben die Kollegen von P.M.-History mich gebeten, einen Artikel über das Thema zu schreiben. Das war eine Reise zurück in die eigene (intellektuelle) Vergangenheit. Ich habe viele der maßgeblichen Fachbeiträge noch einmal gelesen. Vor allem die erstklassigen Aufsätze von Prof. Randall Bytwerk von der Calvin University in Grand Rapids, Michigan. Niemand hat so viel und so klug über die Nazi-Rednerschule und das System drumherum geschrieben wie er.
Jetzt ist meine Story nachzulesen in der aktuellen Märzausgabe von P.M.-History.

Und um der Sache noch einen aktuellen Spin zu geben: Der Guardian hat unlängst eine Geschichte über die Facebook-Kampagne Donald Trumps im Jahr 2019 veröffentlicht. Und dabei zeigt sich zumindest eine Parallele: Weder die Trump-Kampagne noch die Propaganda-Maschine der Nazis scheint von der Qualität der einzelnen Beiträge gelebt zu haben. Denn so richtig dolle waren die Reden der Nazi-„Rednerschüler“ nur selten. Und auch bei Trump gingen weniger als 0,05% der Anzeigen viral (mit mehr als einer Million views). Beide Kampagnen funktionierten also nach demselben Motto: Die Masse macht’s!