bookmark_borderHamsterkribbeln und Maskendruck

Wir waren gestern einkaufen. Mal wieder das große Programm. Für sowas geht man am besten zu Costco, dem amerikanischen Kaufrausch-Irrenhaus. Alles kommt hier in riesigen Portionen. Das Foto oben zeigt zum Beispiel: Fleisch. Kein Witz. Man kauft gleich das komplette Schaf.

Dabei sind mir mal wieder mehrere Sachen aufgefallen. Zum einen die Markierungen auf dem Boden für die Leute, die vor den Toren auf Einlass warten. Die Verhaltensökonomen nennen so etwas einen „Nudge“, einen „Stupser“. Man gibt den Leuten ein schlichtes Feedback. In diesem Fall auf die Frage: „Wie viel sind eigentlich sechs Fuß?“ Und siehe da: Alle stehen brav auf dem Kreuz. Funktioniert hier so gut wie in Deutschland.

Beim Schlangestehen hatte ich Zeit, mir das Verhalten der anderen anzusehen. Und zu zählen. Ich zähle eigentlich immer. Bei Costco haben 88 Prozent der Kunden Masken getragen. Sehr viele also. Bine hat mir heute erzählt, dass es in Hamburg deutlich weniger sind. Warum funktionieren manche Sachen überall gleich (auf den Kreuzmarkierungen stehen) und andere anders (Masken)? Dazu später mehr.

Als wir dann jedenfalls endlich drin waren in dem Laden, hat mich etwas überkommen, das ich lange nicht erlebt habe. Da war auf einmal ein Kribbeln, das durch den ganzen Körper lief, hoch und runter in angenehm warmen Wellen. Dabei war mir, als würde ein Engelchen (oder Teufelchen?) auf meiner Schulter sitzen und mir zuflüstern: DU MUSST DAS ALLES KAUFEN!!!! Da waren Rasierklingen (Packungen, die bis ans Grab reichen würden), Schlauchboote, Zelte, riesige Akkuladesets, Flachbildfernseher, Überwachungskameras. Ich wollte das alles haben! Vielleicht ist es wirklich so, wie Dirk gestern meinte, als wir mal wieder länger per Zoom gesprochen haben: Wir werden eine Menge Konsum nachholen, wenn das hier alles vorbei ist. Es wird aus dem Bauch kommen und sich – leider – warm und wohlig anfühlen.

Tatsächlich erworben haben wir von all dem Kram natürlich gar nichts, sondern nur die wichtigsten Grundnahrungsmittel. Gehört sich so. Entsprechend am Abend Spätzle gemacht. Die Maschine packe ich mir immer in den Koffer, wenn ich rüberfliege. Hilft gegen Heimweh.

Ansonsten gab’s in Michigan letzthin drei Dinge, die ich bemerkenswert fand.

  1. In der Staatshauptstadt Lansing gab’s ne Demo. Die Leute haben gegen die Stay-at-home Order protestiert. Sie wollen auf den Golfplatz. Oder zur Arbeit. Die Bevormundung stinkt ihnen. Mein erster Gedanke: Was für Deppen! Dann hab ich im Radio ein paar Interviews gehört. Ein Mann sagt: „Ich bin systemrelevant! Weil ich Geld für meine Familie verdienen muss. Brot auf den Tisch für meine Kinder. DAS ist systemrelevant.“ Da hab ich immer noch gedacht: Was für Deppen! Später hab ich meine Meinung dann aber geändert. Dazu gleich mehr.
  2. Heute hat die Gouverneurin gesagt, dass der Staat Michigan jetzt ein kostenloses Angebot für Achtsamkeit und Meditation ins Netz stellt, damit die Leute im Lockdown nicht den Verstand verlieren. Ich schreib ja ansonsten viel über Psychologie und weiß, dass solche Dinge sehr gut funktionieren. Kurios fand ich’s trotzdem.
  3. Heute hat’s fast den ganzen Tag geschneit. Ann Arbor liegt etwa auf demselben Breitengrad wie Florenz. Aber die Winter hier sind ein Biest. Findet auch Coco.

Jetzt noch ne Runde Klugscheißerei. Nicki und ich haben uns heute ne Live-Vorlesung per Zoom angehört. Es ging um die Frage, wie Viren, Informationen und Verhaltensweisen durch soziale Netzwerke wandern. Soziale Netzwerke, damit meint man nicht Facebook oder Twitter, sondern das Geflecht von Beziehungen, in denen Menschen leben. Jedenfalls weiß man schon länger, dass Informationen sich in diesen Netzwerken tatsächlich verbreiten wie Viren. Eigentlich klar: Ein Typ, der neben einem im Chor singt, hat Corona. Nach der Probe hat man’s dann selber. Ein Kontakt genügt. Danach trägt man das Virus weiter.

Genauso Informationen: Man liest einmal von einer Sache – danach weiß man’s. Man sagt es weiter – dann weiß es der andere. Ganz einfach im Grunde.

Der Prof, den wir uns angehört haben, sagt: Verhaltensweisen reisen vollkommen anders durch die Netzwerke als Viren oder Informationen. Zum Beispiel das Verhalten, beim Einkaufen eine Maske zu tragen. Das macht man nicht nach, weil man’s einmal gesehen hat. Das tut man erst, wenn viele das tun. Die Maske wird dann irgendwann zur sozialen Norm, also zu dem, was sich gehört. Dafür braucht man eine kritische Masse. Verhalten scheint wie eine komplizierte Melodie zu sein, die man oft von vielen hören muss, ehe man sie nachpfeift.

Eine andere Professorin hat bei der Vorlesung gesagt: Wenn Leute eine eigentlich vernünftige neue Verhaltensweise nicht annehmen, dann liegt’s meist nicht an ihrer Angst, nicht daran, dass sie in der Stadt oder auf dem Land wohnen, nicht daran, dass sie dumm sind oder arrogant. Meist liegt es daran, dass die neue Regel einer anderen, älteren sozialen Norm widerspricht. Also dem, was sich gehört.

Es gehört sich, seine Familie zu ernähren. Daran gibt’s erstmal nichts auszusetzen.

Das hat mir eingeleuchtet und ich hab mich innerlich bei dem Demonstranten entschuldigt, den ich im Radio gehört habe.

Manche Leute machen Dinge anders als wir. Sie sind nicht unserer Meinung. Aber vielleicht steht hinter dem, was sie von uns trennt, eine soziale Norm, eine Überzeugung, die wir im Grunde mit ihnen teilen.

Genau an der Stelle kann man dann anfangen, miteinander zu reden.

Klingt vielleicht zu optimistisch. Aber ich probier das für die nächsten Tage mal aus, so als Arbeitshypothese. Und blicke derweil grimmig drein wie ein Postkutschenräuber.

bookmark_borderTaiwan und Corona: „Null Infizierte“

Taiwan hat am heutigen Dienstag – zum ersten Mal seit 36 Tagen – keinen einzigen neuen Coronafall dazubekommen. „No new cases“, sagt der Gesundheitsminister.

Wie haben die das bloß geschafft?

Ich habe per Zoom gerade den Vortrag von Prof. Su-Ling Yeh gehört, einer Psychologin aus Taiwan, die Nicki und ich in Stanford kennengelernt haben. Su-Ling sagt: In Taiwan sind die Schulen und Geschäfte geöffnet. Die Leute gehen in Kneipen und Restaurants. Es wird auch nicht flächendeckend auf Covid-19 getestet.

Klingt super, oder?

In Su-Lings Vortrag ging’s vor allem um die soziale und technische Seite der Sache, also um die nicht-medizinischen Maßnahmen. Warum schreibe ich hier darüber? Weil in den USA und der EU gerade alle über die neue Corona-App diskutieren, die Rolle von Google und Apple und so weiter. Ich glaube, wir sollten uns Taiwan ansehen, um zu entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen. Ich würde gerne Eure Meinungen dazu hören (per Facebook, Mail, WhatsApp oder hier als Kommentar). Erstmal die Fakten.

Wie läuft die Sache in Taiwan?

  1. Taiwan ist eine Insel. Man kann nahezu perfekt kontrollieren, wer ins Land kommt. Wer aus dem Flieger steigt, füllt einen Fragebogen aus (in dem man z.B. angibt, welche Länder man zuletzt besucht hat).
  2. Bei allen Einreisenden wird automatisch die Körpertemperatur gescannt (solche Scans gibt’s auch für den öffentlichen Nahverkehr).
  3. Die Daten über die Auslandsreisen werden für 30 Tage auf der Krankenkarte gespeichert. Dies dient Ärzten als eine Art Vorwarnung: Vielleicht hat man es mit einem symptomfreien Corona-Infizierten zu tun. Die allermeisten Infizierten in Taiwan haben das Virus aus dem Ausland mitgebracht.
  4. In Deutschland verwenden sehr viele Nutzer WhatsApp. Eine ähnliche Rolle spielt in Taiwan eine App namens „Line„. Die hat da fast jeder. Per Bot bekommt man darüber nach der Einreise Corona-Tipps aufs Handy gespielt – gleichzeitig beantwortet man über diese App (regelmäßig) Fragen zum eigenen Gesundheitszustand. Der Bot funktioniert wie ein maschineller Arzthelfer, der einen nach Husten, Fieber und ähnlichen Symptomen befragt.
  5. Ach so: Wer kein Handy hat, kriegt eins vom Staat gestellt. Es herrscht also eine Art Handypflicht für Neuankömmlinge.
  6. Wer einreist, muss sich für zwei Wochen in Quarantäne begeben. Nichts Neues für uns, oder? Aber. Die Sache läuft in Taiwan nicht über Ehrenwort und guten Glauben. Sie wird überwacht. Und zwar …
  7. … über einen intelligenten, digitalen Elektrozaun. Das könnte man ziemlich präzise per GPS lösen (was anfangs wohl auch der Fall war). Inzwischen ortet man per Handy lediglich den nächsten Funkmast. Man überwacht bei den frisch im Land Angekommenen, ob sie innerhalb derselben Funkzelle bleiben. Das ist der Kompromiss, um den Leuten noch ein bisschen Privatsphäre zu lassen, sozusagen der Unterschied zwischen Elektrozaun und elektronischer Fußfessel.
  8. Um die Sache hinzukriegen, kooperiert der Staat mit den fünf größten Telekommunikationsanbietern des Landes. Das System checkt alle zehn Minuten, wo sich das Handy der betreffenden Person befindet.
  9. Wenn sich jemand zwei Mal hintereinander nicht in der richtigen Funkzelle befindet, geht automatisch eine „Warnmeldung“ an die jeweilige Person, die Gesundheitsbehörden und die Polizei.
  10. Die Behörden werden auch alarmiert, wenn jemand sein Handy ausstellt.
  11. Mehrmals täglich wird man überdies von den Behörden angeklingelt. Wenn man nicht reagiert, gehen die Behörden davon aus, dass man sein Handy nicht bei sich trägt. Dann kommt jemand vorbei (Polizei).
  12. Bei Nicht-Kooperation ist ein Ticket fällig. Die Tagespresse berichtet von einem Mann, den man zu einer Strafe von mehr als 30.000 Dollar verdonnert hat.
  13. Bars und Restaurant werden von der Polizei per Cloud-Datenbank darauf überwacht, ob sich jemand im Laden aufhält, der unter Quarantäne steht.
  14. Die Daten über die Auslandsreisen werden nach 14 Tagen automatisch gelöscht.
  15. Der virtuelle Elektrozaun gilt nur für Leute in Quarantäne.
  16. Manchmal entstehen auch in Taiwan neue Hotspots. Das war etwa der Fall, als Passagiere der „Diamond Princess“ hier auf Landgang waren. Alle Bewohner der entsprechenden Gebiete haben sofort eine Alarm-Meldung auf ihr Handy bekommen.

Das sind so im Groben die Sachen, die ich aus dem Vortrag mitgenommen habe.

Was davon würde man sich für Deutschland wünschen? Was würde zu weit gehen?

Wollen wir mehr Privatsphäre oder lieber mehr Sicherheit? Es wird dabei nicht nur um persönliche Entscheidungen gehen, sondern stets auch um kollektive Verantwortung. Nach dem Motto: Wer nicht mitmacht, gefährdet die anderen, also ähnlich wie bei Impfungen. Bin gespannt, wie das alles weitergeht.

bookmark_borderCorona im Schoschonenland

„Nix los auf der Dumbarton Bridge“, beklagt sich Piglet beim Queren der Bay. Es ist ein schöner Morgen. Wir wollen zurück nach Michigan, wo Nickis Familie wohnt. Doch Coco, die Schäferhündin, ist zu groß fürs Flugzeug. Also bleibt nur der Planwagen. Alles wie früher, nur halt in die andere Richtung. Vor uns liegen knapp 4000 Kilometer – von Menlo Park bis Ann Arbor, das ist wie Berlin nach Moskau und wieder zurück.

Tschüss, Bay!

In der Sierra Nevada liegt noch Schnee. Sehr schön ist es da. Manchmal vergesse ich die Pandemie. Aber nur bis zur ersten Rast. Interessant, wie die Leute alle den Griff an die Klotürklinke meiden. Alle grüßen und halten Abstand, keiner guckt doof, wenn jemand die Desinfektionssprühpistole rausholt. Ein Schild warnt vor Klapperschlangen. Coco reist bei all dem mit der Gelassenheit einer Königin.

„Eigentlich gehört das hier alles mir.“ Ach. Hundegedanken!

Man muss ein paar Worte über Nevada verlieren. Das ist der Staat, in dem Las Vegas liegt. Die haben anfangs ihre Kohle mit dem Zugverkehr zur Küste verdient. Aber dann war der Goldrausch plötzlich vorbei und von irgendwas muss man schließlich leben. Also: Glücksspiel. An der Tanke stehen am Fenster fünf super moderne Daddelautomaten (über das ausgefuchste Design dahinter hab ich mal ne große Geschichte für Psychologie Heute geschrieben; super spannend. Egal). Der Mann vor uns fragt, ob er zocken darf. Die Frau an der Kasse schüttelt den Kopf. „Die Maschinen sind alles aus.“ Wegen der Ansteckungsgefahr. Rona zieht sogar den Casinos den Stecker. Piglet wird derweilen müde und verlangt nach Koffein.

Doping für Piglet

Die Wolken sind unglaublich. Ich kenn mich damit nicht aus, bin mir aber sicher, dass verschiedene Landschaften verschiedene Wolken machen. Nevada hat sehr schöne Wolken. So viel steht fest.

Kaum Autos auf der Interstate 80

Wir haben uns natürlich gefragt, ob wir das alles überhaupt dürfen. Einfach so durch die Pandemie zu fahren. Wir haben die Verlautbarungen des Gouverneurs von Kalifornien gegoogelt. Die FAQs der verschiedenen Counties. Die haben da alles Mögliche beschrieben. Unseren Fall bespricht keiner, obwohl allen klar ist, dass es natürlich Leute gibt, die nach Hause fahren. So macht man das hier. Don’t ask, don’t tell. Man will’s (noch) keinem verbieten, aber auch niemanden ermutigen, indem man’s erlaubt. Nicki checkt social media während der Fahrt. Viele Gerüchte. Nicht wenige rechnen mit einem „travel ban“ zum Ende der Woche. Gut, dass wir unterwegs sind.

Nicki lächelt, Coco lächelt. Nur der Fahrer hat drei Probleme. 1) Kriegt nix mit vom Fototermin. 2) Fasst sich nicht ins Gesicht. Ergo: Krümel am Mund! 3) Hat sich gestern die Haare selbst geschnitten. Nicki murmelt was von „self presentation“

Wir lassen es locker angehen. Endstation in einer Stadt namens Elko. Die Schoschonen, so sagt Wikipedia, haben diesen Ort „Natakkoa“ genannt. Das bedeutet: „Rocks Piled on One Another“. Tut nichts zur Sache, ist aber zu gut, um es für sich zu behalten.

Im Dialekt meiner badischen Heimat würde dieser Ort „an Haufa uffananagschdabelde Schdoaina“ heißen. Klingt fast Schoschonisch

In der Stadt inklusive Umgebung gab es bislang zwei bestätigte Coronafälle. Trotzdem, so sagt die Hotelmanagerin, kriegt man im Supermarkt auch hier die üblichen Sachen nicht. Klopapier, Nudeln, Reis, Mehl. Man könnte ein Lied darüber machen. Der Refrain ist überall derselbe. Fast alle Läden sind dicht. In den Restaurants alles dunkel. Die Managerin sagt, dass sie vergangene Woche fast die gesamte Belegschaft hat entlassen müssen. Nicki unterschreibt mit ihrem eigenen Stift. „Gute Idee“, sagt die Managerin. Wir gehen in den Raum, desinfizieren die Türgriffe, die Oberflächen und werden in mitgebrachten Schlafsäcken pennen. Und ich hab keine Ahnung, ob wir total leichtsinnig sind (weil wir uns womöglich in die Viren legen) oder total einen an der Waffel haben (weil wir so ein Buhei veranstalten). Andererseits. Vielleicht weiß das im Moment keiner so richtig.

bookmark_borderDas letzte Selfie (hier)

Kalifornischer Mohn

Spaziergänge gemacht. Überall blühen diese orangefarbenen Blumen an den Gehsteigen und in den Gärten. Nicki sagt: Das sind Golden Poppies. Der goldene Mohn ist die Staatsblume Kaliforniens. Herzerwärmung und Volkshochschule zugleich.

Schild in Menlo Park

Nicht weniger bewegend sind diese Schilder, die einige Nachbarn jetzt in ihre Vorgärten gepflanzt haben. Auch ne Art, seinen Zusammenhalt zu demonstrieren. Gefällt mir. Gefällt mir sehr. Und ja. Man muss da ehrlich zu sich selbst sein: Es gefällt mir ganz sicher AUCH, weil ich hier ja selbst ein Fremder bin, dem das auch jeder anhört, wenn ich die ersten Worte mit meinem deutschen Kartoffelakzent gesprochen habe.

Menlo Park

Nicht viel los hier. Mit einer Mutter gesprochen, deren Kinder auf der Straße mit ihren Rollern und Fahrrädern Wettrennen veranstalten. Sie sagt: Es hat ne Weile gedauert, dem Fünfjährigen beizubringen, was „sechs Fuß“ bedeutet. Dass das jetzt der Abstand ist, den man zu allen halten muss. Zu allen, die nicht zur eigenen Kleinfamilie gehören. Auch zu den Freunden, die man ansonsten mit einem „hug“ begrüßt. „Aber inzwischen haben sie’s kapiert“, sagt sie
Ich schaue in ihren Garten und sehe, dass sie einen Gartenschlauch parallel zum Zaun ausgelegt haben. Sechs Fuß Abstand. Die Kinder können sich dahinter aufstellen, die Freunde können an den Zaun kommen. Da lernt eine ganze Generation, sich selbst und die anderen im Raum zu lesen. Raumdeuter. Wie Thomas Müller. Nur halt im richtigen Leben.

„The Dish“

Nicki hat ihr Büro auf dem Zauberberg leergeräumt (davon ein andermal mehr). Dort oben in den Foothills machen viele den „Dish walk“, also den einstündigen Spaziergang zur großen Radarschüssel, die sie da in den frühen 1960ern auf den Hügel gesetzt haben, um die Sowjets zu belauschen. Heute kann man damit immer noch Satelliten steuern. Ich habe den Dish walk kein einziges Mal gemacht. Jetzt oder nie. Sandra und Georg begleiten uns. Die Aussicht ist toll. Man sieht San Francisco. Die Bay. Die Hügelkette, das ganze Valley, auch die Zentralen von Facebook und Google. Viele Leute unterwegs. Alle halten Abstand und die meisten winken uns zu. Mehr Verbindung bei mehr Distanz, wie vermutlich überall. Seltsames Gefühl. Das banal Schöne erleben. Und dabei wissen, dass die Welt gerade ganz anders wird. Und in Teilen: anders bleiben wird.

Links die „Schüssel“, zentral am Horizont die Skyline von SF

Kein Mensch auf dem Golfplatz rechts des Weges. Nur ein wilder Truthahn wagt eine Annäherung ans Grün. Die Eichhörnchen erobern das Terrain. Sandra sagt, dass sie neulich hier einen Coyoten auf der Wiese gesehen hat.

Seht Ihr den Truthahn?


Wir machen zum Abschied ein Selfie. Das letzte Selfie. Vielleicht etwas weniger als sechs Fuß Abstand. Aber vielleicht täuscht auch die Perspektive. Beides wäre menschlich.

Das letzte Selfie

bookmark_borderTag drei nach der Ausgangssperre

Kreuzung Willow/Middlefield in Menlo Park

Nach drei Tagen „shelter in place“ in der Bay Area hat sich das Leben da draußen heftig geändert. Die Kreuzung auf dem Bild oben ist am Nachmittag immer pickepackevoll. Naja. Eigentlich ist sie immer voll. Heute steht man an der roten Ampel und wartet auf niemanden. Ich sehe keine Polizei, kein Militär, niemand scheint die Ausgangssperre zu kontrollieren. Die Leute bleiben trotzdem zu Hause. In den Wohngebieten spielen Kinder auf der Straße.

Schild am Spielplatz um die Ecke

… weil die Schulen und Kindergärten dicht gemacht haben und die Kinder auch nicht mehr auf die Spielplätze dürfen. Auf den Sportplätzen hängen noch Leute ab und werfen sich Bälle zu.

Einkaufen darf man. Bei einem meiner Lieblingsläden – „Trader Joe’s“ in Menlo Park – werden die Regale leerer und leerer. Grifflücken überall. Die Angestellten geben sich Mühe, die Waren so aufzustellen, dass die Reihen weniger verwüstet aussehen. Butter war aus. Warum eigentlich?

Trader Joe’s in Menlo Park

An mehreren Orten kleben jetzt neue, wilde Plakate auf den Rückseiten von Verkehrsschildern – nicht nur in der Nachbarschaft, sondern auch an anderen Orten in Menlo Park und Palo Alto. Manche Plakate wettern gegen Handystrahlen, andere machen sich Gedanken über das Ableben von Jeffrey Epstein. Sehr seltsam. Die Plakate kleben immer nebeneinander. Während viele Menschen ihre Kommunikation jetzt ins Netz verlegen, scheinen die Trolle Papier und Kleister als Medium wiederentdeckt zu haben.

Wir überlegen, ob wir nicht bald unsere Koffer packen und nach Michigan fahren sollen, so lange wir noch können.

Man wird viele Details aus diesen Tagen bald wieder vergessen. Ich könnte z.B. jetzt eine Linzer Torte vertragen, wie meine Mutter sie zu backen versteht. Aber. Sie ist weit weg. Also backen wir die Torte selbst. Wird sie auch nur halb so gut sein wie mein persönliches Original? Natürlich nicht. Aber sie wird besser sein als nichts. Viel besser.

„Den Kuchen sollst Du suchen“

bookmark_borderUmgang mit Ratten und Viren – beides ist auch ein „information problem“

„Monsieur Michels Überzeugung blieb unangetastet. Es gebe keine Ratten im Haus, diese müsse folglich von außen hereingebracht worden sein. Kurz, es handle sich um einen Streich.“

Man weiß es schon: Bei Camus sind die toten Ratten ein Vorbote der Pest. Vieles, was man im Roman findet, erinnert an heutige Zeiten: Reiseverbot, abgeriegelte Gebiete, die Ungewissheit, wen die Krankheit trifft (und mit welcher Härte). Aber auch der Glaube, dass es sich dabei um das Fremde handelt. Einen „Streich“. Etwas, das „von außen hereingebracht worden“ ist. Es geht immer auch um die Geschichte, die man sich zu etwas erzählen kann und um den Fluss und die Deutung von Information.

Die Ratten jedenfalls haben bei uns keinen guten Ruf. Keiner mag sie sehen in seiner Nachbarschaft – und das, obwohl jeder weiß, dass sie zum Bild einer jeden Stadt gehören. Im Großraum von Detroit gab es mehrere Vor- und Mittelstädte, die zuletzt massive (zumindest gefühlte) Probleme mit Ratten verzeichneten. Wie soll man als Verwaltung damit umgehen?

Prof. Cliff Lampe von der University of Michigan hat darauf eine Antwort gefunden: Die Ratten selbst sind nicht das Problem. Sondern vor allem, wie man über sie redet. Sie sind, wie er es nennt, ein „information problem“.

Cliff leitet an seiner Uni einen ziemlich verrückten Kurs für Masters-Studenten. Er schickt die jungen Leute in nahe Kreisstädte und lässt sie nach genau solchen „information problems“ suchen und neuartige Lösungsansätze finden.

Genau darüber habe ich jetzt für die aktuelle Ausgabe von „brand eins/thema“ eine größere Geschichte geschrieben. Die Geschichte steckt (leider? zum Glück?) hinter einer Bezahlschranke.

Ich kann die Strecke hier also nicht teilen, sondern nur ein bisschen Werbung dafür machen. Im Vorspann heißt es:
„Wie besänftigt man die Bürger angesichts einer Großbaustelle? Wie lockt man mehr Fahrgäste in örtliche Busse? Wie löst man ein Rattenproblem, das alle nervt? Der Sozialwissenschaftler Cliff Lampe und seine Studenten finden für die kleinen Probleme kleiner Städte oft erstaunlich kleine Lösungen.“

Ich empfehle den Kauf des Magazins für die Zeit der Quarantäne. Man wird – versprochen – nicht dümmer davon.

bookmark_border„A foreign virus“ – Krisenkommunikation aus der falschen Welt

Der Präsident bei seiner Oval Office Adress am 11. März 2020

Donald Trump schottet die USA vor Einreisen aus Europa ab. Bei der Begründung habe nicht nur ich große Ohren gekriegt: Die EU hat versagt – anders als die US-Administration. Außerdem handle es sich um einen „foreign virus“. Corona ist ein Ausländer, sozusagen ein illegaler Einwanderer. Ein „hochaggressiver“ noch dazu.

Natürlich möchte man seine Scherze drüber machen. Das haben andere aber schon besser hingekriegt, zum Beispiel Trevor Noah und sein Team. Was haben wir gelacht.

Trevor Noah: „First of all – it’s not a foreign virus. It’s just a virus, okay? Trump makes it sound like Corona doesn’t speak English.“

Mich persönlich hat dabei etwas anders interessiert. Und zwar dies: Vor knapp zwei Jahren habe ich die große ICA-Konferenz in Prag besucht. Das ist das jährliche Welttreffen der Kommunikationsforscher. Bei den meisten Vorträgen, die ich dort gehört habe, ging’s um „Krisenkommunikation“. Die wiederum zerfällt in zwei Teile.
1. Wie kommuniziert man als Staat, dass die Bevölkerung bedroht ist? Das ein Krieg droht, ein Hurricane sich der Ostküste nähert – oder, naja, dass eine neue, hochansteckende Krankheit gerade dabei ist, sehr viele Menschen umzubringen?
2. Was tun, wenn man als Firma mit Dingen in der Zeitung steht, die den eigenen Ruf massiv schädigen. Wenn es aus dem Netz Unrat auf einen regnet? Welche Strategien stehen einem da zur Verfügung?


Man sieht sofort: Das sind zwei sehr unterschiedliche Sportarten, die nach völlig anderen Regeln gespielt werden. Über den zweiten Punkt habe ich später eine größere Geschichte für brand eins geschrieben. Es gibt für derlei Krisen eine Art Skript. Dieses folgt der so genannten „Situational Crisis Communication Theory“ von Prof. Timothy Coombs. Einer der Vorschläge, die Coombs macht, lautet: Finde einen, dem du die Schuld in die Schuhe schieben kannst! Die meisten Vorträge in Prag orientierten sich an Coombs Drehbuch. Seine Theorie wurde bestätigt, zurechtgefeilt, korrigiert und in bestimmten Kontexten (etwa in Ostasien) als komplett nutzlos verworfen.
„Doch nicht alle in Prag vorgestellten ICA-Studien waren lediglich Verfeinerungen von Coombs Theorie. Einige Forscher stellten die Thesen des Krisen-Papstes auch offen infrage. Etwa der knorrige, aber angesehene Kommunikationsforscher Michael Kent von der australischen University of New South Wales. Er verzichtete in seinem Vortrag praktisch komplett auf empirische Analysen und verstieg sich zu einer Wutrede gegen das „Scapegoating“, also die Praxis, in Krisen einen Sündenbock zu definieren. PR-Leute seien inzwischen „noch schlechter beleumundet als Politiker“, polterte Kent. „Wir müssen aufhören, die Sündenbock-Strategie an den Unis zu lehren. Sie verletzt sämtliche ethischen Standards. Der Punkt muss aus all unseren Lehrbüchern verschwinden!“ Er selbst werde in den nächsten Jahren jedenfalls „alles dafür tun, dass diese schlimmen Dinge nicht weitergehen“.

Trumps Begründung für den Reisestopp pfeift auf die Tatsachen. Man kennt das schon. Mehr noch: Er verwechselt die eigene Rolle. Wenn man einen Staat repräsentiert, dient Krisenkommunikation dazu, die eigene Bevölkerung zu schützen. Was der NDR mit Prof. Christian Drosten von der Charité macht, ist in dieser Hinsicht ganz unglaublich gut. Um fair zu sein: Anthony Fauci macht das hier in den Staaten auch gut. Trump dagegen tut so, als würde er ein Pharmaunternehmen leiten, das vergiftete Tabletten in Umlauf gebracht hat und jetzt dringend jemanden braucht, den man dafür aufhängen kann. Er leitet sein Land so, als wär’s eine Firma. Seine Firma. „A foreign virus“ – das ist Krisenkommunikation aus der falschen Welt.