bookmark_borderHilft Psychologie beim Regieren?

In Stanford habe ich Prof. Michael Hiscox kennengelernt. Er verbringt hier sein Sabbatical. Michael kommt aus Australien und lehrt eigentlich in Harvard. Vor einigen Jahren hat er die australische Nudging-Einheit aufgebaut. Das sind Leute, die für die Regierung arbeiten. Sie wollen Politik so gestalten, dass sie auch tatsächlich funktioniert – mithilfe von Psychologie.

Das ist Prof. Michael Hiscox

Über Nudging – die Methode der kleinen „Stupser“ – und die entsprechende Forschung dahinter schreibe ich regelmäßig und das schon seit mehr als zehn Jahren. Ich habe fast immer positiv berichtet, weil ich die Methode sinnvoll und fair finde, wenn sie richtig gemacht wird. Innerhalb meiner Zunft gehöre ich damit – zumindest in Deutschland – zu einer Minderheit. Die meisten Kollegen sehen Nudging eher kritisch.

In unserem Interview für die aktuelle Ausgabe von „brand eins/thema“ vergleicht Michael Hiscox das Nudging mit dem Armaturenbrett beim Auto: Wir kriegen ein direktes Feedback darüber, wie schnell wir fahren, wie viel Benzin wir noch im Tank haben usw. Bei manchen Modellen ertönt ein Warnton, wenn wir zu schnell fahren. Bei fast allen hören wir ein Tröten, wenn wir uns nicht angeschnallt haben. All das sind „Nudges“. Sie lassen uns die Freiheit, zu schnell zu fahren. Sie zwingen uns zu nichts. Sie lassen uns auch die Freiheit, den Tank komplett leer zu machen und am Seitenstreifen liegen zu bleiben. Aber sie schaffen für all das ein neues Informations-Umfeld, eine neue „Entscheidungsarchitektur“, die besser angepasst ist an die vielen kleinen Macken und Fehler der menschlichen Psyche. Und – klar – sie machen es damit ein wenig wahrscheinlicher, dass wir uns an die Regeln halten oder rechtzeitig zur nächsten Tanke abbiegen.

Michael Hiscox sagt über die Arbeit für seine Regierung:

„Es war das Aufregendste, das ich in meinem Leben gemacht habe. Ein Traumjob. Ich habe praktisch jeden Tag mit Spitzenbeamten, die für ihre Aufgabe gebrannt haben, über wirkliche Probleme gesprochen, die sie für die Bürger lösen wollten. Und fast immer konnten wir sagen: Hey, ich glaube, wir können euch helfen. Alles, was wir dort gemacht haben, hatte sofortige Konsequenzen für die Arbeit der Regierung.“

Das Interview liegt hinter einer Bezahlschranke. Die gesamte Ausgabe von „brand eins/thema“ kann man hier bestellen und sich (wenn ich das richtig sehe: wegen Corona ohne Versandkosten) nach Hause schicken lassen.

bookmark_borderUmgang mit Ratten und Viren – beides ist auch ein „information problem“

„Monsieur Michels Überzeugung blieb unangetastet. Es gebe keine Ratten im Haus, diese müsse folglich von außen hereingebracht worden sein. Kurz, es handle sich um einen Streich.“

Man weiß es schon: Bei Camus sind die toten Ratten ein Vorbote der Pest. Vieles, was man im Roman findet, erinnert an heutige Zeiten: Reiseverbot, abgeriegelte Gebiete, die Ungewissheit, wen die Krankheit trifft (und mit welcher Härte). Aber auch der Glaube, dass es sich dabei um das Fremde handelt. Einen „Streich“. Etwas, das „von außen hereingebracht worden“ ist. Es geht immer auch um die Geschichte, die man sich zu etwas erzählen kann und um den Fluss und die Deutung von Information.

Die Ratten jedenfalls haben bei uns keinen guten Ruf. Keiner mag sie sehen in seiner Nachbarschaft – und das, obwohl jeder weiß, dass sie zum Bild einer jeden Stadt gehören. Im Großraum von Detroit gab es mehrere Vor- und Mittelstädte, die zuletzt massive (zumindest gefühlte) Probleme mit Ratten verzeichneten. Wie soll man als Verwaltung damit umgehen?

Prof. Cliff Lampe von der University of Michigan hat darauf eine Antwort gefunden: Die Ratten selbst sind nicht das Problem. Sondern vor allem, wie man über sie redet. Sie sind, wie er es nennt, ein „information problem“.

Cliff leitet an seiner Uni einen ziemlich verrückten Kurs für Masters-Studenten. Er schickt die jungen Leute in nahe Kreisstädte und lässt sie nach genau solchen „information problems“ suchen und neuartige Lösungsansätze finden.

Genau darüber habe ich jetzt für die aktuelle Ausgabe von „brand eins/thema“ eine größere Geschichte geschrieben. Die Geschichte steckt (leider? zum Glück?) hinter einer Bezahlschranke.

Ich kann die Strecke hier also nicht teilen, sondern nur ein bisschen Werbung dafür machen. Im Vorspann heißt es:
„Wie besänftigt man die Bürger angesichts einer Großbaustelle? Wie lockt man mehr Fahrgäste in örtliche Busse? Wie löst man ein Rattenproblem, das alle nervt? Der Sozialwissenschaftler Cliff Lampe und seine Studenten finden für die kleinen Probleme kleiner Städte oft erstaunlich kleine Lösungen.“

Ich empfehle den Kauf des Magazins für die Zeit der Quarantäne. Man wird – versprochen – nicht dümmer davon.

bookmark_border„A foreign virus“ – Krisenkommunikation aus der falschen Welt

Der Präsident bei seiner Oval Office Adress am 11. März 2020

Donald Trump schottet die USA vor Einreisen aus Europa ab. Bei der Begründung habe nicht nur ich große Ohren gekriegt: Die EU hat versagt – anders als die US-Administration. Außerdem handle es sich um einen „foreign virus“. Corona ist ein Ausländer, sozusagen ein illegaler Einwanderer. Ein „hochaggressiver“ noch dazu.

Natürlich möchte man seine Scherze drüber machen. Das haben andere aber schon besser hingekriegt, zum Beispiel Trevor Noah und sein Team. Was haben wir gelacht.

Trevor Noah: „First of all – it’s not a foreign virus. It’s just a virus, okay? Trump makes it sound like Corona doesn’t speak English.“

Mich persönlich hat dabei etwas anders interessiert. Und zwar dies: Vor knapp zwei Jahren habe ich die große ICA-Konferenz in Prag besucht. Das ist das jährliche Welttreffen der Kommunikationsforscher. Bei den meisten Vorträgen, die ich dort gehört habe, ging’s um „Krisenkommunikation“. Die wiederum zerfällt in zwei Teile.
1. Wie kommuniziert man als Staat, dass die Bevölkerung bedroht ist? Das ein Krieg droht, ein Hurricane sich der Ostküste nähert – oder, naja, dass eine neue, hochansteckende Krankheit gerade dabei ist, sehr viele Menschen umzubringen?
2. Was tun, wenn man als Firma mit Dingen in der Zeitung steht, die den eigenen Ruf massiv schädigen. Wenn es aus dem Netz Unrat auf einen regnet? Welche Strategien stehen einem da zur Verfügung?


Man sieht sofort: Das sind zwei sehr unterschiedliche Sportarten, die nach völlig anderen Regeln gespielt werden. Über den zweiten Punkt habe ich später eine größere Geschichte für brand eins geschrieben. Es gibt für derlei Krisen eine Art Skript. Dieses folgt der so genannten „Situational Crisis Communication Theory“ von Prof. Timothy Coombs. Einer der Vorschläge, die Coombs macht, lautet: Finde einen, dem du die Schuld in die Schuhe schieben kannst! Die meisten Vorträge in Prag orientierten sich an Coombs Drehbuch. Seine Theorie wurde bestätigt, zurechtgefeilt, korrigiert und in bestimmten Kontexten (etwa in Ostasien) als komplett nutzlos verworfen.
„Doch nicht alle in Prag vorgestellten ICA-Studien waren lediglich Verfeinerungen von Coombs Theorie. Einige Forscher stellten die Thesen des Krisen-Papstes auch offen infrage. Etwa der knorrige, aber angesehene Kommunikationsforscher Michael Kent von der australischen University of New South Wales. Er verzichtete in seinem Vortrag praktisch komplett auf empirische Analysen und verstieg sich zu einer Wutrede gegen das „Scapegoating“, also die Praxis, in Krisen einen Sündenbock zu definieren. PR-Leute seien inzwischen „noch schlechter beleumundet als Politiker“, polterte Kent. „Wir müssen aufhören, die Sündenbock-Strategie an den Unis zu lehren. Sie verletzt sämtliche ethischen Standards. Der Punkt muss aus all unseren Lehrbüchern verschwinden!“ Er selbst werde in den nächsten Jahren jedenfalls „alles dafür tun, dass diese schlimmen Dinge nicht weitergehen“.

Trumps Begründung für den Reisestopp pfeift auf die Tatsachen. Man kennt das schon. Mehr noch: Er verwechselt die eigene Rolle. Wenn man einen Staat repräsentiert, dient Krisenkommunikation dazu, die eigene Bevölkerung zu schützen. Was der NDR mit Prof. Christian Drosten von der Charité macht, ist in dieser Hinsicht ganz unglaublich gut. Um fair zu sein: Anthony Fauci macht das hier in den Staaten auch gut. Trump dagegen tut so, als würde er ein Pharmaunternehmen leiten, das vergiftete Tabletten in Umlauf gebracht hat und jetzt dringend jemanden braucht, den man dafür aufhängen kann. Er leitet sein Land so, als wär’s eine Firma. Seine Firma. „A foreign virus“ – das ist Krisenkommunikation aus der falschen Welt.

bookmark_borderBrauchen wir härtere Haftungs-Gesetze?

In kaum einem Land sind die Gesetze für Wirtschaftsprüfer, die Fehler begehen, so kuschelig wie in Deutschland. Das ist womöglich ein Problem. Denn die Frage bleibt: Wer zahlt bei Schlamperei?
Als ich den Auftrag für diesen Artikel annahm, hab ich kurz gedacht: „Puh, das wird kompliziert.“
Genau so kam’s dann auch. War aber trotzdem interessant.
Wirtschaftsprüfer sind ja dazu da, andern auf die Finger zu gucken. Wie jedoch kontrolliert man die Kontrolleure? Und wie straft man sie, wenn sie Fehler machen?
In manchen Staaten der USA lautet die Antwort: „Hängt sie höher!“
Bei uns sagt man: „Aaaaaach. Nicht so schlimm!“
Die meisten Länder liegen irgendwo dazwischen. Und welche Lösung jetzt die beste ist, das weiß keiner so genau. Denn wie man’s auch macht: Ein paar Nachteile gibt’s immer.
Und noch was hab ich gelernt, so als Tipp für all die jungen Leute da draußen: Ja, Ihr müsst Eure Klausuren bestehen und Eure Hausaufgaben erledigen. Trotzdem sind andere Dinge wichtiger: Soft skills! Soziales Netzwerk! Denn wenn man in der Wirtschaft im großen Stil betrügen will, dann geht das immer dann am besten, wenn Geschäftsführung und Wirtschaftsprüfer ganz, ganz dicke miteinander befreundet sind. Dort liegt der Schotter.
(brand eins thema, Steuerberater&Wirtschaftsprüfer, 2020)

bookmark_border„Jeder Chefkoch will König sein“

In der Zentrale des Cloud-Anbieters Dropbox in San Francisco führt dieser Mann eine Kantine, die als die beste der Welt gilt. Ein Gespräch mit Brian Mattingly über die Arbeitshölle Sterneküche, gute Führung und den Mut, sich selbst überflüssig zu machen.
brand eins, 1/2020

bookmark_border„Als hätte mir jemand eine reingehauen“

Dmitri Williams erforscht an der University of Southern California in Los Angeles das Sozialverhalten von Computerspielern. Eines Tages kam er auf die Idee, mit seinem Wissen eine Firma zu gründen. Damit begann die härteste Zeit seines Lebens.
brand eins, 9/2018