Stigma und Gefühle

An der Newport Road in Ann Arbor haben sich die Bewohner vor Jahren eine Familie hüfthoher Pinguinfiguren in den Vorgarten gestellt. Ich freu mich immer, wenn ich da vorbeikomme. Die Pinguine machen dauernd was anderes und liefern sozusagen ihr eigenes Statement zur Lage der Nation. Heute sagen sie: „Wir sind unterwegs zum Südpol zur Selbstquarantäne.“

Beim Telefonat mit meinem Sohn hab ich tatsächlich „Kwarantäne“ gesagt, obwohl es ja eigentlich „Karantäne“ heißt. Das Englische färbt schon ab. Sehr bedenklich. Im Deutschen sagt man: „Du stinkst wie ein Iltis.“ Im Amerikanischen, so habe ich gestern von Nicki gelernt, lautet die Formulierung: „Die Dusche morgen wird bestimmt eine tolle Erfahrung für dich.“ Solche Bemerkungen sind wie Hinweisschilder. Sie verbieten nichts, machen einen aber darauf aufmerksam, dass man sein Verhalten überdenken sollte. Wie zum Beispiel hier bei uns ums Eck: Es handelt sich gerade um mein Lieblingsschild.

Vor ein paar Tagen habe ich über unsere Gefühle während der Ausgangssperre geschrieben. Darauf gab’s ein paar interessante Rückmeldungen. Zum einen vom Alltag selbst: Diese Dinge verändern sich stündlich und werden das auch weiterhin tun. Gefühle sind flüchtig. Bin gespannt, was da noch alles kommt. Maximilian hat – unabhängig von mir – in seinem Blog von seiner Müdigkeit gesprochen und den seltsamen Träumen, die ihn gerade heimsuchen. Eine Psychologie-Professorin hat mir gemailt, dass die von mir angemerkten Geschlechterunterschiede („Jungs weinen nicht“) vor allem an der Erziehung liegen. Mädchen werden dazu erzogen, mehr und detailreicher über das zu reden, was sie empfinden. „Diese Unterschiede bleiben tendenziell erhalten.“ So lernt man immer was dazu. Auch über die „Fairy Doors“, für die Ann Arbor bekannt ist. Auf unseren Spaziergängen haben wir jetzt ein ganz besonderes Exemplar entdeckt.

Jetzt noch was Ernstes zum Schluss. Ich kenne inzwischen ne ganze Menge Leute, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Alle sind inzwischen damit durch. Etliche haben mir von ihrer Erkrankung mit einem „aber sag’s nicht weiter“ erzählt. Auf Facebook habe ich darauf eine Umfrage gestartet und tatsächlich ein paar Bestätigungen bekommen – aus Deutschland, den USA und Fernost. Kein Zweifel: In manchen Zusammenhängen werden Kranke stigmatisiert. Man gibt ihnen die Schuld an der Seuche, meidet ihre Kinder usw. Das passiert nicht überall, aber es passiert und scheint sich nicht nur um Einzelfälle zu handeln. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass so eine Beurteilung immer kulturelle Aspekte hat, die sich schnell verselbständigen. Sie wirken genau so ansteckend wie das Virus selbst. Man muss darauf aufpassen und sich davor schützen, damit man’s nicht weiterträgt.

Eigentlich mag ich solche Appelle nicht, weil man, sobald man sie ausspricht, so tut als wär man schlauer, besser oder was auch immer. Aber heute mach ich das trotzdem, weil ich es wichtig finde.

Ansonsten am Straßenrand viele blaue Blumen gefunden. Morgen schreib ich was über Cervisia und Konfidenzintervalle. Oder über Männer, die sich für unverwundbar halten. Oder über das Billionenprogramm in den USA und was das mit der Geschichte des Wilden Westens zu tun hat. Irgendwelche Präferenzen? Lasst hören!

Kommentare

  1. Wie wäre es mit einem Bericht über die Gruppe derer, die hier in Ann Arbor per 3 D Drucker Gesichts-“Shields” für Personal im medizinischen Bereich herstellen? Bin gestern über Mlive auf diese spannende Aktion aufmerksam geworden. Gruss aus A2 nach A2 (via FrauNessy)!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.