So läuft der Hase: Die Krankenhäuser retten die Leute – und gehen dabei pleite

Vorhin ist hier ein Kaninchen durch den Garten gehoppelt.

Kürzlich hab ich geschrieben, dass in Texas die kleinen Landhospitäler finanzielle Probleme haben. Das fand ich schon bedenklich. Heute aber hat die hiesige Uniklinik eine Pressemeldung rausgegeben, die mir die Socken ausgezogen hat.

Da steht in etwa dies: Die Mediziner haben alle Hände voll damit zu tun, die Corona-Fälle zu versorgen. Alles andere pausiert. Weil „alles andere“ aber die Kohle bringt, rechnet die Uniklinik in Ann Arbor nun mit einem Jahresverlust von 230 Millionen Dollar.

Und um das verlorene Geld wieder reinzuholen, wird die Klinik jetzt 1400 Vollzeitkräfte entweder entlassen oder in Zwangsurlaub schicken.

Das liest sich alles so locker weg. Aber kann mich mal jemand kneifen? Das ist, als würde das UKE in Hamburg auf einmal mehr als tausend Mitarbeiter feuern. Zack! Kann man sich das vorstellen? Eigentlich nicht. Bedenklich ist es außerdem: Wenn ein Riese wie Michigan Medicine wankt, dann will ich nicht wissen, wie es um all die schwächeren Institutionen steht.

Denn man muss wissen: Die Klinik der University of Michigan ist in der Tat ein Gigant. Sie gehört in vielen Rankings seit Jahren zu den zehn besten Krankenhäusern der USA – und das will was heißen. Denn mit der Gesundheit ist es hier wie mit den Unis insgesamt: Unten ist alles ziemlich bescheiden, in der Breite ist alles ganz okay – aber ganz oben, da sind sie Weltklasse.

Und natürlich läuft das hier im Land gerade überall so. Die Washington Post hat gestern groß darüber berichtet: Mehr als 200 Krankenhäuser in den USA haben wegen der Krise schon im großen Stil Mitarbeiter nach Hause geschickt. Und das wird in den kommenden Tagen und Wochen einfach so weiter gehen. All das passiert nicht, weil man diese Leute nicht mehr braucht. Es passiert, weil man sie nicht mehr bezahlen kann.

Die Krankenhäuser retten die Leute und gehen dabei pleite. Für einen kollektivistisch denkenden Menschen wie mich ist das nichts anderes als eine Sauerei. So darf man sein Land nicht organisieren.

Die Zeit hat heute einen Artikel gebracht, der hier vor ein paar Tagen im Atlantic gelaufen ist: Die USA werden darin als „gescheiterter Staat“ bezeichnet. Das halte ich für sehr übertrieben. Man darf es nicht glauben. Die Zeile ist eher dem nahen Wahlkampf geschuldet: Man sagt, man möchte auswandern, in Wahrheit will man eine neue Regierung.

Trotzdem denke ich dieser Tage immer mal wieder, dass ein paar Konzepte des Westens gerade den Bach runtergehen: der Kapitalismus in seiner amerikanischen Form – und der Individualismus in seiner amerikanischen Form. Kürzlich hab ich mich in Stanford mit Yukiko unterhalten, einer Psychologin aus Japan. Sie meinte sinngemäß: Die amerikanische Jagd nach Glück funktioniert super, wenn die Zeiten gut sind. Aber wenn die Krise kommt, dann haben die Japaner mit ihrem Gemeinsinn die besseren Traditionen. Und ich glaube inzwischen: Da ist was dran.

Am Wochenende war Nickis Mutter Edie hier im Garten. Wir haben zusammen gegessen und brav social distancing geübt. Kai hatte dabei eine tolle Idee: Er hat eine Art Seilbahn gebaut, in die wir einen Blumentopf eingehängt haben. Der wurde dann per Geschenkband mit beiden Tischen verbunden. Wir konnten die Gondel auf diese Art hin und herziehen und uns Dinge zukommen lassen.

Und das fand ich dann schon wieder klasse. Auch die Tatsache, dass heute eine Indianermeise an eines der Futterhäuschen geflogen kam, ein hübsches Vögelchen, das im Englischen den ulkigen Namen „Tufted Titmouse“ trägt.

Es gibt immer was, worüber man sich freuen kann. Aufgeweckte Kinder zum Beispiel, die Sachen erfinden. Gemeinsame Essen im Garten. Kaninchen, die über den Rasen hoppeln, Vögel mit ulkigen Namen. All das wird bleiben.

Aber ansonsten kann diese Sache hier noch ganz schön ungemütlich werden.

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