Schnappschüsse aus Michigan

Das Wort „Schnappschuss“ wird – ähnlich wie Wendung „anderthalb“ – viel zu selten gebraucht. Schon deshalb diese Überschrift. Außerdem hab ich mir gestern vorgenommen, heute so zu tun, als wär‘ mit der Welt alles in Ordnung.

Wir haben den Hund dieser Tage über den nahen Campus von Ann Arbor geführt. Die Farben der Uni sind – recht unsubtil – ein kräftiges Blau und ein kräftiges Maisgelb. Einfach zu lernen auch der Schlachtruf der Hochschule. Man liest ihn an jedem Bauzaun: „Go Blue!“

In manchen Rankings ist die University of Michigan („UofM“) die beste staatliche Hochschule der USA. Unter den Top-3 landet sie praktisch immer. Das will was heißen. Es gibt in Deutschland keine Uni, die da mithalten kann. Darauf sind die Leute hier sehr stolz und sie erzählen es gerne weiter.

Jede Institution hat ihre Heiligtümer. Hier auf dem Campus gibt es zum Beispiel das in den Boden gelassene „M“ aus Messing. Es gilt als Sakrileg, den Buchstaben mit den Füßen zu berühren (wer’s tut, so der Aberglaube, vergeigt die nächste Prüfung). Coco ist ausgenommen, sie kann nicht lesen. Heute hat ein Spaßvogel ein Stück Damenunterwäsche auf das M gelegt. Teil einer erotischen Schnitzeljagd?

Wo Professoren wohnen, da sind die Orte des Rausches niemals weit. Hinter dieser grünen Tür kann man (inzwischen völlig legal) Marihuana erwerben, wie man mir berichtet.

Es gab eine Zeit, da hat die US-Regierung den Alkohol verboten. Aus diesen Tagen der Prohibition stammt die Erfindung der Flüsterkneipe („Speakeasy“). Ann Arbor hat noch immer eine solche Bar, der man den Ausschank von draußen nicht ansieht: „The Last Word“, wo ich – in besseren Zeiten – schon manches Glas geleert habe. Toller Laden (nicht selten mit Live-Jazz).

Sie haben auch Kunst auf dem Campus. Dieses Objekt trägt den Namen „Zu Hause ankommen“; man hat es 2017 aufgestellt, weil die Stadt Ann Arbor da ihr 200-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Ich mag diese Skulptur. Sie symbolisiert das Lernen, das ja auch wie eine Spirale funktioniert: Immer wieder kommt man dabei an dieselben Stellen zurück. Doch jedesmal auf einer neuen, im Idealfall höheren Ebene. Deep shit!

An der Bushaltestelle hat jemand Lebensmittel hinterlassen. Wer sie am meisten braucht, nimmt sie mit. So sind sie, die Amerikaner. Keine Krankenversicherung – aber die Privatleute spenden mit Schmackes. Das mit dem Spenden gefällt mir, aber der ganze Rest ist natürlich eine Schande.

In Nickels Arcade – der schönsten Passage der Stadt – bedanken sich die Betreiber des „Comet Coffee“ bei den Privatleuten, die den Laden jetzt mit kleinen Geldbeträgen über Wasser halten.

Mir sind gestern die knappen Biervorräte ausgegangen. Traurig. Vorhin kam jedoch – ich konnte nichts dafür – eine Kollegin von Nicki vorbei und hat uns ne volle Kiste von dem guten „Two Hearted“ vor die Tür gestellt. Ist das nicht toll? Und so gut mitgedacht. 🙂

Drei Kleinigkeiten hab ich noch.

Erstens. Wer in den USA ein Studium beginnt, nimmt im ersten Jahr angeblich sieben, acht Kilo zu. Weil man halt mehr rumsitzt (Vorlesungen, Hausaufgaben) und einem das fettige Mensa-Essen quasi in den geöffneten Mund fliegt. Hier in Amerika misst man das Körpergewicht in Pfund. Genau darauf zielt die scherzhafte Formulierung von den „Freshman 15“. Scherzkekse haben daraus jetzt die „Covid 19“ gemacht – die knapp zehn Kilo, die wir uns jetzt womöglich während der Kontaktsperre draufschaffen.

Zweitens. Die Gouverneurin von Michigan hat ein Papier unterschrieben, wonach die Schulen hier bis zu den Sommerferien weiter Fernunterricht machen. Kann mir nicht vorstellen, dass das in Deutschland anders wird.

Und natürlich drittens: die Eichhörnchen (siehe das Foto ganz oben)! Mag sein, dass in New Orleans dieser Tage die Ratten die Stadt übernehmen. Hier in Ann Arbor erledigen das die Squirrels. Sie sind überall. Sie drehen durch, sobald die Sonne rauskommt. Und sie haben recht. Denn das Leben ist noch immer: eines der besten.

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