Coaching-Interview: „‚Sag mir was ich tun soll!‘ – den Satz hör‘ ich andauernd!“

Heute hat mich Andrea besucht. Wir kennen einander seit fast zehn Jahren. Damals haben wir über einige Wochen für dieselbe Frauenzeitschrift gearbeitet. Seither sind wir befreundet.

Andrea ist aber nicht nur Journalistin, sondern auch Business Coach. Komische Mischung, oder? Stimmt aber trotzdem. Jedenfalls war heute ein sehr schöner Tag, wir waren an der Elbe, haben uns im Jenischpark Kaffee und Franzbrötchen geholt, uns hinterm Jenisch-Haus auf eine Bank gesetzt und über alle möglichen Dinge geredet.

Unter anderem haben wir über Andreas Job als Coach gequatscht. Wie macht sie das? Wie läuft das ab? Also suche ich mir einen ausgedachten Fall aus und tue so, als wäre ich ihr Klient.

Und dann Andrea so:

„Ich habe da eine Hypothese. Das könnte was mit dem zu tun haben, was dich an Werten prägt. So was könnte man im Coaching beleuchten.“
(ab hier schreib ich das so auf, als hätten wir ein Interview geführt)

Ah, Werte! Hm. Was wäre das? Zum Beispiel so was wie: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“?
Ja, ja, genau.

Oder:Man läuft nicht davon, nur weil’s gerade hart zugeht“?
Ja, auch. Wobei. Das, was du da sagst, das sind nicht die Werte selbst, sondern Werte, die zu Glaubenssätzen verdichtet sind. Der Wert dahinter könnte jetzt zum Beispiel sein: Disziplin.

Und wie redest du im Coaching über solche Werte? Was machst du damit?
Wenn du die schon so flüssig benennen kannst, dann scheinen die in deinem Alltag auch eine Rolle zu spielen. Und wenn ich dir so zuhöre, dann meine ich, auch einen gewissen Stolz aus all dem zu hören.

Ja, klar.
Und dieser Stolz ist sicherlich in vielen Fällen angebracht. Dieser Glaubenssatz kann dich in anderen Situationen aber auch behindern. Wenn dir zum Beispiel ein Vorgesetzter keine Wertschätzung entgegenbringt, wenn du da mit dem Glaubenssatz agierst „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, dann machst du dir das Leben unnötig schwer. Weil du hier sagen könntest: „Ich verabschiede mich ganz bewusst von diesem Glaubenssatz. Er ist mir in vielen Lebenssituationen bisher dienlich gewesen. Hier führt er mich aber mitten in meinen Schmerz.“ Daran würden wir im Coaching arbeiten.

Okay. Ich lerne bei dir, meine Glaubenssätze in den richtigen Situationen anzuwenden? So wie man seinen Hund nicht mit in die Oper nimmt – auch wenn’s ein guter Hund ist?
Exakt. Coaching ist dafür da, den Raum des Handelns auszudehnen. Und dieser Raum dehnt sich eben aus, wenn ich jetzt sage: Auch ein Indianer darf mal Schmerzen haben.

Das wäre ein toller Titel für ein Kinderbuch. „Als der Indianer auch mal Schmerzen hatte.“
Ja, genau. Und er bleibt trotzdem Indianer. Auch wenn er Schmerzen hat.

Wie alt sind denn die Leute, die zu dir kommen?
Mitte 30 bis Anfang 50. Das sind Leute, die meist schon zwei Berufsstationen hinter sich haben. Und die sagen: Bisher lief es doch so gut – warum läuft es jetzt nicht mehr? Sie erkennen ein Muster an sich selbst und sagen: Dieses Muster mag ich nicht. Und auch das Sinnthema wird jedes Jahr mehr.

Andrea, sag mir einfach, was ich machen soll“. Hast Du diesen Satz im Coaching schon mal gehört?
Den Satz hör‘ ich andauernd. Und ich gebe auch zu: Für mich ist es die größte Herausforderung – bei manchen Klienten –, diese Sätze gerade nicht auszusprechen.

Hm. Warum soll das denn falsch sein, das dann einfach zu sagen?
Weil es den anderen schwächt. Weil ich dann Stärke leihe. Und Stärke zu leihen, Wissen einfach so zu übertragen – das schwächt die Lernfähigkeit des anderen und seine Selbstverantwortung. Ganz klar.

Aber jetzt mal ketzerisch gesagt: Du willst doch, dass der Klient immer wiederkommt. Das weiß jeder Kaufmann: Deine Kunden musst du halten! Wenn er gar nicht mehr kann ohne deinen Rat – das ist doch das Beste, was dir finanziell passieren kann.
Du hast vollkommen Recht. Aber das entspricht nicht meinem Menschenbild. Trotzdem, klar, das würde funktionieren. Ich erlebe das ja in privaten Situationen mit Menschen, die mit mir Mittagessen gehen wollen, weil sie – und da mache ich das durchaus – eine schnelle Einschätzung von mir wollen.

Das heißt: Wenn man Zeit, Geld und Mühe sparen will, lädt man Dich zum Lunch ein!
Du meinst: Statt in diesen umständlichen Coaching-Prozess zu gehen?

Genau.
Du glaubst wirklich, dass ich das weiß? Dass ich die richtige Antwort sofort erkenne?

Naja, das wäre die nächste Frage. Von 100 Klienten, die mit einem Problem zu dir kommen – bei wie vielen hast du für dich sofort eine Antwort?
Von 100 würde ich sagen … bei 80 hab ich sofort ne Idee.

Und wie oft kommt am Ende des Prozesses genau das raus, was du dir vorher schon gedacht hast?
Es gibt schon Fehlannahmen, wo es sich später im Coaching anders entwickelt. Aber trotzdem: Dass es deckungsgleich ist zu den Vorannahmen, das ist schon sehr häufig der Fall.

Woran liegt das? Daran, dass du von außen kommst und das Problem halt nicht selber hast? Oder liegt es daran, dass du so schlau bist und so viel weißt?
Es ist der Mix aus beidem. Jemand, der keine Coaching-Ausbildung hat, könnte diese blinden Flecke in vielen Fällen auch sehen. Aber die Ausbildung und die Erfahrung – das hilft natürlich schon. Und auch die Tatsache, dass ich selbst halt schon in vielen, vielen Teams gearbeitet habe. Und dann kommt noch das Gespür für körperliche Ausstrahlung dazu.

Was heißt das? Du guckst, wie jemand dasitzt?
Genau. Ich achte zum Beispiel sehr auf das Leuchten in den Augen. Oder wenn die Stimme leiser wird. Oder wenn jemand vom Tonus her zusammenfällt. Damit arbeite ich viel. Das liegt mir. Weil ich das spüre, höre, sehe.

Okay, ich fass mal zusammen. Wenn man bei Dir zum Coaching geht, dann ist das im schlechtesten Fall so, als würde man mit einer sehr guten Freundin reden, die sich Zeit nimmt und zuhört, ohne dabei ihren eigenen Müll abzuladen. Das ist so das Minimum. Und wenn man Glück hat, dann erwischt man dich noch bei einer deiner Stärken. Dass du auf Körpersprache achtest, sehr viel Erfahrung mitbringst und halt selbst schon ne Menge gesehen hast. Und wenn man GANZ großes Glück hat, dann hast du auf das Problem selbst keine Antwort. Und da passiert dann nochmal was ganz anderes. Und darüber – über diese 20 Prozent, wo du selbst am Anfang ratlos bist – darüber reden wir beim nächsten Mal. Okay?
Okay. Super. Das hat Spaß gemacht.

Andrea nennt ihr Coaching „Plan B für Medienprofis“. Ihre Website findet Ihr hier.


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