Noch zehn bis zwanzig Tage

Heute hat die Uniklinik in Ann Arbor eine Modellrechnung veröffentlicht. Sie arbeiten mit zwei Szenarien. Szenario A sagt: Die Leute werden schlampig mit dem social distancing. Szenario B lautet: Alle ziehen die Sache durch. Es gibt Studien, die nahelegen, dass man unsichere Vorhersagen genau so verkaufen sollte (vor allem, wenn es sich um die Zukunft handelt. Niemand kennt die Zukunft).
Was mich ein bisschen nachdenklich stimmt: Die Uniklinik von Ann Arbor verfügt über 1000 Betten. Ein paar davon braucht man für Leute mir Krebs, Herzinfarkt, gebrochenen Beinen usw. Doch selbst im „guten“ Szenario B erwarten die Mediziner während des Peak mehr als 3000 Corona-Patienten, die auch ein solches Bett brauchen. In Szenario A sind es sogar 5000. Wie man’s auch macht: Die Betten werden immer zu wenig sein.

Im schlimmsten Fall haben wir hier noch zehn Tage, bis die Klinik an ihre Grenzen kommt. Im besseren Fall sind es noch zwanzig. Als ich das gelesen habe, musste ich mich erstmal setzen.

Niemand kennt die Zukunft. Wer weiß? In zehn Tagen wird man hier vermutlich mehr Krankenhausbetten haben als heute. Es gibt zum Beispiel Pläne, überall in Michigan Studentenwohnheime in Krankenlager zu verwandeln. Und aus Washington kommt die Kavallerie geritten: Angeblich werden 400 Beatmungsgeräte nach Michigan geliefert. Vielleicht wird’s nicht so schlimm, wie alle glauben.

Vielleicht wird’s auch noch schlimmer. Ich hab mir in den vergangenen Tagen die Zahlen aus Detroit angesehen. Wenn ich gestresst oder müde bin, dann mach ich irgendwas mit Zahlen, weil mich das beruhigt. Detroit liegt in einem Verwaltungsbezirk namens Wayne County. Vor 14 Tagen gab’s dort den ersten Covid-Todesfall. Ich hab die ersten zwei Wochen in Wayne County mit entsprechenden Zeitraum in Deutschland verglichen. Und siehe da:

Interessant, oder? Die Kurven sind praktisch deckungsgleich. Und weil ich aus der Ferne den Eindruck habe, dass die Leute in Deutschland die Sache einigermaßen in den Griff kriegen, hab ich mir gesagt: Wird schon. Aber dann habe ich kurz überlegt. Moment mal! In Wayne County, da leben weniger Leute als in Hamburg. Rund 45 Mal weniger als in Deutschland. Und die haben jetzt schon genau so viele Tote, wie ganz Deutschland im selben Zeitraum?

Dann hab ich mir für Detroit die Todesrate pro Einwohner angesehen und mit New York verglichen (dem unbestrittenen Corona-„hot spot“ in den USA). Die Kurven sehen so aus:

Ich muss zugeben: Die Kurve für New York ist unterwegs ein wenig unzuverlässig. Anfangs- und Endpunkte sind aber amtlich. Was die Kurve verdeutlicht: In Detroit ist die Lage etwa doppelt so dramatisch, wie sie im vergleichbaren Zeitraum in New York war. Sie ist richtig, richtig böse.

Ich weiß nicht, wer von Euch letzthin mal in Detroit war. Ich hab so eine Stadt in meinem Leben noch nicht gesehen. Die haben in den vergangenen Jahren rund 60 Prozent ihrer Bevölkerung verloren (weil die Leute weggezogen sind). Da fährst du durch die Straßen und ein Haus ist bewohnt, zwei stehen leer, dann ist wieder eins bewohnt … Manche Straßenzüge – sogar ziemlich nah an der Innenstadt – haben sie komplett platt gemacht. Das sind Bilder wie in Gryphius-Gedichten: Wo heute eine Stadt steht, ist morgen eine Wiese. Und arm sind die Leute da. In Detroit haben – bitte festhalten – 18 Prozent der Erwachsenen keine Krankenversicherung.

Dann hab ich eine Mail an die Pressestelle der Uniklinik von Ann Arbor geschrieben und gefragt, ob sie in ihrem Modell schon die ganzen Patienten aus dem nahen Detroit mit drinhaben, für die dort in den Kliniken kein Platz mehr sein wird. Bisher hat keiner geantwortet.

Niemand kennt die Zukunft. Aber jetzt und heute: Mach ich mir Sorgen.

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