Nie wieder so ne ruhige Kugel wie heute

Letztes Jahr im November war ich bei der „Dreamforce“, der großen Konferenz von Salesforce in San Francisco. Salesforce ist eine Firma, die in Software macht. Mit ihren Programmen kann man seine Kunden besser managen. Wer länger nicht in San Francisco war: Downtown steht da heute ein sehr, sehr großes Hochhaus, das da vor zehn Jahren noch nicht stand, der mit Abstand höchste Klotz der Stadt. Das ist der Salesforce-Tower. Und nicht nur die Hütte, auch die Firma ist ein Gigant. Um mich und andere Presseleute zu beeindrucken, haben sie uns erstmal im Aufzug ganz nach oben fahren lassen. Dort ist das Aufmacherfoto entstanden. Bei dem Ausblick denkt man ganz automatisch, dass man irgendwie was Besonderes ist. Und dass man etwas Beindruckendes leisten sollte in seinem Leben.

Und wie die Leute da ihre Arbeit organisiert haben! Die meisten haben keinen festen Schreibtisch. Man kommt am Morgen zu seinem Schließfach …

… und dann erfährt man per App innerhalb weniger Sekunden, wo man heute am besten sitzen sollte. Wo am meisten Platz ist, wo die anderen Leute sind, mit denen man sich heute unterhalten sollte usw. Das war voll so „Zukunft der Arbeit“, nur halt in der Gegenwart. Und naja, auch: Vor-Corona. Das wusste damals aber noch keiner.

Auch interessant: Die hatten auf jedem Stockwerk einen eigenen Meditationsraum. Da konnte man reingehen und meditieren. Der Firmengründer meditiert selber und hält seine Leute dazu an, ihre Seele im Gleichgewicht zu halten. What’s not to like?

Warum ich das alles erzähle? Am ersten Tag hatten wir eine Pressekonferenz, auf der wichtige Leute schlaue Sachen gesagt haben. Über Daten und Innovation und das Zeitalter der digitalen Disruption und all so was.

Und einer der Leute hat einen Satz gesagt, der mich dieser Tage mit einiger Wucht eingeholt hat: „Ihr glaubt, wir leben in verrückten Zeiten. Tun wir aber nicht. Wir werden nie wieder so ne ruhige Kugel schieben wie heute. Die Welt wird viel mehr Veränderung sehen und viel schnellere Veränderungen sehen, als das je der Fall war.“

Der Mann hat an Computersachen gedacht, glaub ich. Aber das alles ist kaum acht Monate her – und seither hatten wir eine Pandemie. Und Black Lives Matter. Massenarbeitslosigkeit. Und wir werden vermutlich noch üblere ökonomische Verwerfungen sehen, die uns alle aus den Socken hauen (hey, Ihr anderen Freiberufler da draußen: Wie laufen EURE Geschäfte denn so in den vergangenen Monaten?). Und gesellschaftliche Instabilität bis zum Abwinken. Vom Klimawandel ganz zu schweigen.

Mir hat an dem Tag aber die digitale Unruhe schon gereicht. Im Keller des Moscone Center hatten die Salesforce-Leute tatsächlich einen ganzen Trupp Zen-Mönche aus dem Plum Village untergebracht, die uns Meditation, achtsame Entscheidungsprozesse und mitfühlende Kommunikation beigepuhlt haben. Ich habe dann über die Tage einige Stunden da unten zugebracht. Hab mich da wohl gefühlt. Und war mir außerdem ganz sicher: DAS ist ne Hammer-Geschichte. Ein Maximum an Spiritualität im Epizentrum von Kohle und Technologie! Hat bisher aber keiner bestellt, die Story. Sie ist bis heute ungeschrieben. Muss ich irgendwann mal nachholen. Eine verrückte Welt ist das.

Heute blättere ich den Bildern von neulich und mich beschleicht eine Wehmut. Ich fand’s super an der Bay. Ich hatte das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein. Es hat sich alles sehr dynamisch angefühlt. Heute weiß ich: Es waren tatsächlich die letzten Tage „ruhige Kugel“. Zumindest vorerst.

Denn immerhin: So richtig weiß ja doch keiner, wie genau alles weitergeht.

Kommentare

  1. Hej, ist die verschwommene Insel da im Hintergrund Alcatraz, der Inbegriff von „Ruhige Kugel schieben“ (okay, solange Dich die anderen Gefangenen und Wärter in Ruhe lassen)?
    Auftragslage: ruhig.
    Grüße von der auch ruhigen Ostsee,
    Søren

    1. Haha. Ja, genau. Das IST Alcatraz. Danke für das neu erschlossene Bedeutungsfeld. Die Standarderklärung für die „ruhige Kugel“ ist ja die besonders glatte Kegelbahn. Kam mir immer zu einfach vor. Jetzt also: endlich geklärt!

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