Nicht auf derselben Wellenlänge?

Das hier ist der Huron River. Von Nickis Haus geht man bis zu dieser Stelle nur fünf Minuten. Der Fluss ist an vielen Stellen aufgestaut, die Leute machen da Strom. Wenn man’s genau nimmt, war das schon immer so: Die ersten europäischen Einwanderer haben vor rund 200 Jahren gesehen, dass der Fluss Potential hat. Weil man da prima Mühlen bauen kann. Das ist so eine „Siedler von Catan“-eske Geschichte: Erst kommt die Mühle, dann kommen die Bauern.

Erst die Mühlen, dann die Bauern.

Man denkt immer, es müsste umgekehrt sein.

Ist es aber nicht.

Am Barton Dam liefert der Huronenfluss angeblich 4,2 Mio. Kilowattstunden pro Jahr. Das Gebäude ist schon mehr als hundert Jahre alt.

Auf die Sauberkeit des Wassers waren sie hier immer mächtig stolz. Vor einiger Zeit hat man dann aber in einem Fisch eine hohe Dosis an perfluorierten Tensiden gefunden. Das sind Chemikalien, die zum Beispiel im Löschschaum der Feuerwehr vorkommen. Wenn’s brennt, sind sie ein Segen. Im Wasser sind sie ein Fluch, weil’s halt ewig dauert, bis sie sich wieder abbauen. „PFAS„, die „per- and polyfluoroalkyl substances“ sind seither ein großes Thema in Ann Arbor. Irgendwann will ich mal ne längere Geschichte darüber machen. Das Thema ist wirklich aufregend und – leider – von globaler Relevanz. Überall am Fluss stehen jetzt jedenfalls Schilder in fünf Sprachen, die auf die Chemie im Wasser aufmerksam machen.

Fünf Sprachen! Man könnte also denken: Aha, Diversität! Und auf ne Art stimmt das natürlich auch. Hier wohnen Leute aus der ganzen Welt. Auf ne andere Art stimmt es aber überhaupt nicht. Heute war der Bürgermeister live auf Facebook (zwischenzeitlich haben außer uns noch 57 andere Leute zugeguckt). Dabei hab ich erfahren, dass die Metroploregion Ann Arbor auf Platz acht innerhalb der USA liegt, was soziale Ungleichheit angeht. Kurz gesagt: Hier in der Stadt wohnen die Wohlhabenden und die Gebildeten. Alle anderen wohnen woanders. Sie können sich Ann Arbor nicht leisten.

Und das bringt mich zwanglos zu den Protesten in Lansing und überhaupt zum Widerstand gegen die „Durchführungsverordnung„, mit der die Gouverneurin hier die Coronakrise zu bewältigen sucht. Die mit Abstand meisten Kranken gibt’s in den Städten. Vor allem im Großraum Detroit (88 Prozent aller Fälle). Es läuft also wie überall auf der Welt. Warum also kann man in den dünner besiedelten Gebieten die Läden und Schulen nicht einfach wieder öffnen? So fordern es die Republikaner im hiesigen Landesparlament von Michigan.

Die Leute in den eher ländlichen Gebieten haben das Gefühl, für die Städter die Zeche zahlen zu müssen.

Stadt und Land. Arm und reich. In der Schule aufgepasst oder in der Schule nicht aufgepasst (und sich die Schule überhaupt leisten können oder nicht). Das sind lauter Dinge, die einen in eine Schublade bringen. Ich weiß: Es ist ein Klischee. Aber hier in den Staaten, auch hier in Michigan, sind diese Unterschiede viel, viel größer und viel krasser als in Deutschland. Man kann sich das nicht richtig vorstellen. Die Leute hier leben nur ein paar Kilometer voneinander entfernt, aber nicht mehr in derselben Welt. Sie liegen nicht auf derselben Wellenlänge.

Keine Ahnung, wie man das wieder ändern kann. Viele denken aus deutscher Sicht, dass die Amerikaner einen an der Waffel haben. Ich hingegen hab noch nie so viele schlaue Menschen auf einem Haufen gesehen wie hier. Aber anderswo in diesem Land, da wär das ganz sicher anders.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.