Meine erste Deutschstunde

Hatte dieser Tage doch tatsächlich meine erste Deutschstunde. Und zwar an der University of Michigan. Ich hab ja schon andernorts von meiner verspäteten Physiotherapie berichtet. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich danach noch ordentlich anzuziehen. Schließlich sollte ich als „Journalist und Buchautor aus Deutschland“ den jungen Leuten was über meine Werke berichten. Da wollte ich – als Repräsentant von Heimat und Handwerk – nicht in Lumpen erscheinen. Tja. Wie man auf dem Bild oben sehen kann: Daraus wurde nichts. Ich war spät dran und musste mich sputen, um noch pünktlich am East Quad zu erscheinen, einem alten Uni-Gebäude in der Innenstadt von Ann Arbor. Dort veranstaltet eine der Uni-Deutschklassen immer zur selben Zeit eine Kaffeestunde, der die kluge Erfinderin den schönen Namen „Kaffeestunde“ gegeben hat.

Man sitzt dann im Hof eines Wohnheims, trinkt Tee oder Kaffee, zieht sich leckeres Gebäck rein, auf das man, wenn man möchte, noch schön Nutella packen kann (gibt’s bei Aldi) – und redet dabei über Sachen in deutscher Sprache. Heute also: Der Typ aus Hamburg erzählt was über eines seiner Bücher. Ich hab ja nur zwei. Beim zweiten geht’s unter anderem um Krieg und Trauma. Die jungen Leute sind eh schon gestresst. Da red ich also lieber über das erste Buch: „Alle Macht den Kindern“, unser Familienexperiment, bei dem die Kinder – vor inzwischen elf Jahren – einen Monat lang zu Hause das Kommando übernommen haben.

Hat mächtig Spaß gemacht, die Deutschstunde. Die jungen Leute haben gut zugehört und hinterher schlaue Fragen gestellt. Und sie waren ausgesprochen freundlich. Danach noch über ihr Studium geredet. Wofür sie sich interessieren, welche Sorgen sie sich machen. Bei manchen ist das Deutsch schon richtig gut. Aber auch bei den Anfängerinnen merkt man, was für Lernraketen hier so an der Uni rumhängen und wie schnell die sich neue Sachen aneignen. Ganz toll und beneidenswert. Die Studierenden sind alle ungefähr im Alter meiner Kinder, was halt auch irgendwie seltsam ist. Sie blicken auf Lara und Jonny wie auf sich selbst, als sie noch Kinder waren. So ein Publikum hatte ich noch nie. Ich frage: „Wer von Euch hatte strenge Eltern?“ – Ein Finger geht in die Luft. „Wer hatte mehr so Eltern wie mich?“ – Alle anderen Finger gehen nach oben. Seufz. Man hält sich ja fast immer für was Besonderes. Und dann so was.

Witzigerweise war das schon das zweite Mal auf dieser Reise, dass ich den Leuten was über „Alle Macht den Kindern“ erzählt habe. Ungeplant und überraschend. Irgendwann muss ich das selber nochmal lesen.

Wenn ich wiederkomme, will ich Karein, der Dozentin, ein paar Exemplare des Buches in die Hand drücken, damit die jungen Leute darin lesen können, wenn sie wollen. In Hamburg im Regal stehen noch ein paar davon rum, zumindest von der Taschenbuchausgabe.

Sowieso: Wenn ich Glück habe, lädt Karein mich nochmal ein, wenn ich wiederkomme. Die Aufwandsentschädigung hab ich abgelehnt. Fühlt sich nicht richtig an, dafür Geld zu nehmen. Jetzt stell‘ ich mir jedenfalls vor, dass in ein paar Wochen oder Monaten die jungen Leute alle noch viel besser geworden sind mit ihrer Fremdsprache. Und darauf freu ich mich heute schon.

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