Letzter Vortrag in Stanford – auf Zoom statt in der Sonne

Das sind die Tische, an denen Nicki in Stanford ihr Mittagessen eingenommen hat – immer verwickelt in irgendwelche Diskussionen mit den anderen Gelehrten, die dort ihr Sabbatical verbracht haben. Ein bis zwei Mal die Woche bin ich auch mitgekommen. Ich hab‘ dort auf dem „Zauberberg“ nicht eine langweilige Minute erlebt.

Einmal die Woche hat jemand aus der Professorenschar dort oben einen Vortrag über seine Arbeit gehalten. Heute war nun der letzte dieser Talks. Natürlich auf Zoom. Ohne Sonne, ohne den Ausblick übers Silicon Valley. Ohne den ganzen Geist dort oben, die Landschaft, in der es sich tatsächlich leichter denken lässt. Ich weiß: Man soll sich nicht so anstellen. Aber es tut trotzdem weh, wenn ich so drüber nachdenke.

Heute jedenfalls hat Lianjiang aus Hongkong gesprochen – über das Vertrauen der chinesischen Bevölkerung in die eigene Zentralregierung. Er hat dabei Husserl zitiert und Gadamer. Denn „LJ“ ist zwar von Beruf Politologe, in seinem Herzen jedoch ein Philosoph und intimer Kenner der deutschen Geistesgeschichte. Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ hat er – als Hobby – ins Chinesische übersetzt. Er kann Deutsch flüssig lesen, zitiert mühelos Heidegger und Nietzsche im Original und auch sein Englisch hat nur einen leichten Akzent. Das alles ist ein Wunder: LJ ist auf dem Lande aufgewachsen in – selbst nach chinesischen Maßstäben – sehr schlichten Verhältnissen. Keiner der Dorflehrer sprach Englisch, weshalb LJ erst in seinen späten Teenagerjahren überhaupt mit Fremdsprachen in Kontakt gekommen ist. Seine Geschichte hat mich immer wieder nachdenklich gemacht. Manchmal denke ich: Schule ist genau dann gut genug, wenn sie den Kindern das Lernenwollen nicht gänzlich austreibt. Ich werde die Gespräche mit LJ und den anderen Leuten vom Hügel jedenfalls vermissen.

Heute hat die Uni in Ann Arbor stolz über die hiesigen Lieferroboter berichtet. 500 Kunden lassen sich derzeit von diesen Dingern frisches Gemüse und Restaurantessen nach Hause bringen. Für das Startup Refraction AI ist die Corona-Krise ein Riesenchance, weil viele Leute sich mit einer „kontaktfreien“ Lieferung gerade wohler fühlen. Die Gründer behauptet, preisgünstiger zu sein als die anderen Kurierdienste. Ob das auf lange Sicht wirklich stimmt? Da bin ich mir nicht ganz sicher. Immerhin: Einen Hauch von Silicon Valley und Startup-Kultur gibt’s auch hier in Michigan.

In den Nächten haben wir außerdem Frost. Die hiesigen Obstbauern fürchten, dass ihnen die Äpfel und Kirschen erfrieren. Die Betreiber einer Plantage haben im Netz angekündigt, um ihre Bäume herum Lagerfeuer anzuzünden und Hubschrauber über die Anlagen fliegen zu lassen, damit die Wärme in Bodennähe bleibt. Entsprechende Bilder hab ich bisher nirgendwo gesehen. Vielleicht morgen.

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