Lester Holt, Remdesivir, offene Geschäfte, Joe Biden

Das ist Lester Holt, so etwas wie der Klaus Kleber Amerikas. Er moderiert immer am Abend die Nachrichten auf NBC. Nicki bezeichnet ihn als ihren „other boyfriend“ und schon das ist ein Grund, mal was über seine Sendung zu schreiben.

Gestern zum Beispiel. Worüber berichten die Kollegen? Es geht los mit einem Bericht über Remdesivir. Die FDA hat das Ebola-Medikament jetzt als Notfallmedizin gegen Covid-19 freigegeben. Die noch eher dünne Studienlage zeigt, dass Patienten damit um 31 Prozent schneller genesen. Klingt gut. Dennoch gibt es noch „offene Fragen“. Etwa: „Senkt das Medikament die Sterberate?“ Man erzählt die bewegende Geschichte eines Mannes in mittleren Jahren, den Remdesivir, wie es scheint, gerettet hat. Was die Zahlen angeht, hat Lesters Sendung die Fragen aber schon vor zwei Tagen beantwortet: Das Medikament rettet nur ein bisschen. Rund acht Prozent der damit behandelten Patienten sterben trotzdem. Von den Plazebopatienten waren es etwas weniger als zwölf. Wir lernen daraus: Medizin und Zauberei sind meist unterschiedliche Disziplinen. Die Aktien der Herstellerfirma sind gestern jedenfalls nicht durch die Decke gegangen, wie man vielleicht hätte denken können.

Nächster Block: In 30 Staaten machen am Montag die Geschäfte wieder auf. Eine Landkarte zeigt, wo die neuen Regeln gelten. Wie die Story zuvor wird auch hier mit „Echtfällen“ gearbeitet. Man interviewt z.B. den Betreiber eines Fitnessstudios und erklärt, welche Regeln für seinen Laden gelten.

Warum muss man wieder öffnen? Klar: Weil viele Geschäfte viel weniger Geld verdient haben als sonst. Auch da wieder: eine Grafik. Nicht besonders schön gemacht, aber verständlich. Supermärkte haben 16 Prozent mehr Umsatz gemacht, der restliche Einzelhandel hat 33 Prozent verloren.

Dann ein kurzer Schwenk zu den Staaten, wo man noch nicht wieder öffnet. Natürlich Bilder aus Michigan, wo am Donnerstag Leute im Parlamentsgebäude protestiert haben. Einige davon unter Waffen (und das waren keine Luftgewehre). Gruselig. Aber auch Szenen von den Stränden in Kalifornien. Da standen die Leute dicht an dicht. Und da denkt man als Europäer sofort: Hui, Amerika!

Nächster Block: Was ist los mit Kim Jong-un? Offiziell hat er eine Düngemittelfabrik eröffnet. Das bringt mich zwanglos zu einer lustigen Anekdote, die ich neulich über Präsidentengattin Bess Truman gelesen habe. Man fragt sie, ob sie ihrem Mann nicht beibringen könne, „Dünger“ zu sagen statt „Mist“. Ihre Antwort: „Ihr habt keine Vorstellung, wie lang ich gebraucht habe, damit der ‚Mist‘ sagt.“

Nächster Block: Joe Biden. Er soll vor 27 Jahren eine Mitarbeiterin sexuell genötigt haben. Er sagt im Interview: „It never, never happened.“ Also: Da war nix. War’s aber vielleicht doch. Guter Beitrag, viel Arbeit dahinter. Mal sehen, ob Biden die Sache übersteht.

Dann ein harter Beitrag: Sie haben in einer Intensivstation im englischen Coventry gedreht. Längst nicht alle Patienten werden getestet. Ergebnisse dauern zehn bis 48 Stunden. Angeblich sterben dort 50 Prozent der Patienten, die an den Beatmungsgeräten hängen. Die Covid-19-Station ist ein „Krankenhaus im Krankenhaus“. Nicht gerade ein Mutmacher.

Dann noch ein Runterzieher: Psychologische Probleme und Arbeitslosigkeit. Sie erzählen die Story einer alleinerziehenden Mutter. Manchmal schleicht sie sich aus ihrer kleinen Wohnung und setzt sich in ihr Auto, um nicht vor den Kindern weinen zu müssen. Würde man bei uns so nicht in der Tagesschau sehen. Immerhin: Eine Psychologin gibt Hinweise, wie man mit der Krise klarkommen kann. Man soll seine Angst „reframen“, also einen neuen Rahmen dafür finden. Sport machen, so gut es geht. Freunde anrufen. Auch keine Zauberei. Stimmt aber trotzdem.

Dann ein Aufreger: Die Polizei geht gegen Arschgeigen vor, die Masken und Handschuhe horten, um sie dann für den zehnfachen Preis verscherbeln zu können. „Das sind die Schlimmsten der Schlimmen“, sagt ein Polizist, von dem man keinen Strafzettel kriegen möchte. Man denkt: Hui, die Bösen haben’s auch nicht leicht. Geschieht ihnen recht.

Dann am Ende ein seltsamer Beitrag darüber, dass Postkarten und Dankesbriefe total guttun und viel besser für die Seele sind als ein Zoom-Meeting. Untermalt von weihnachtlicher Musik. Ich frage: „Ist das jetzt Werbung oder ein Beitrag?“ Nicki so: „Natürlich Werbung.“ Aber dann zeigt sich: Nö. Das war tatsächlich ein Beitrag. Würde man bei uns so nicht machen. Lässt den europäischen Betrachter zurück mit einem Gefühl der Peinlichkeit. Die Absicht aber ist klar: Menschlichkeit. Zusammenhalt. Ein Gefühl von Frieden und Hoffnung. Man entlässt die Zuschauer mit einem Segen aus der Kirche, sozusagen.

So läuft das mit den Nachrichten in Amerika. An manche Sachen gewöhnt man sich nicht. An andere schon. Interessante Erfahrung.

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