„Küchenkriege“ – verbale Heimsuchungen

Kennt Ihr das auch? Manchmal taucht im Kopf ein Wort auf und weigert sich, wieder zu gehen. Wie ein zugelaufener Pudel. Verbale Heimsuchungen! Also seufzt man und spielt eine Weile damit. Zum Beispiel gestern. Plötzlich denkt es da in mir: „Küchenkriege“.

Könnte man googeln. Mais non! Man bemüht Gedächtnis und Vorstellung. Und schon fügt sich alles: Ahhh, die deutsch-dänischen Küchenkriege von 1857! Von vielen vergessen. Anfangs ging’s dabei ja nur um den Abwasch. Der erste Zwischenfall fand als „Scharbeutzer Spülstein-Scharmützel“ Eingang in regional-historische Abhandlungen, besonders in Jan-Jan Johannsens Standardwerk „Smørreblod“ von 1907 (gut informiert, aber auch SEHR nationalistisch).

Selbst beim Brei – wer hatte auf beiden Seiten das Sagen? Natürlich die Griestreiber! Auch die Mehlspeisen-Spezialisten witterten neue Märkte und schrien: „Zu den Waffeln!“ Fünische Fagottbläser zogen ins Tonstudio, um eine Schlachtplatte aufzunehmen. Dann ging’s um die Wurst. In Hamburg verbot man Røde Pølser – angeblich wegen der Zusatzstoffe (war natürlich reine Schikane). Endgültig vorbei war der Spaß, als die Reihe an den Hering kam: Die preußische Seite forderte den nordischen Nachbarn auf, die schlanken Fische ab jetzt ausnahmslos einzulegen – in eine saure Brühe aus Essig und Öl, mit Zwiebeln, Senfkörnern und Lorbeerblättern drin („Bismarckhering“; Bismarck gilt bei den Dänen sowieso als der schlimmste Typ aller Zeiten, is wirklich so). Ansonsten habe man der Gegenseite „nichts weiter zu sagen“ (mitgeteilt durch die berühmte „Rollmops-Depesche“ vom 13. Juli 1857). Ab da gab’s kein Halten mehr. Der Däne schlug los – und mit was für üblen Werkzeugen! Man saß Beile aus Vejle, Schilde aus Roskilde, Kanonen aus Ballerup! Das Blut der Gefallenen mischte sich mit der weißen Gischt der stürmischen Ostsee, stolze Recken, zerhackt zu Rødgrød med Fløde.

Mit dem Ruf „Nie wieder Æbleskiver“ griff man zu den Waffeln

Endlich – nach drei hartgekochten Monaten – einigte man sich auf ein Unentschieden. Offiziell. Denn natürlich hatten die Deutschen (naja: die Preußen und ihre Verbündeten) mal wieder den Kürzeren gezogen. Und bei Penny in Barmbek standen jetzt reihenweise Carlsberg-Kanister, Tuborg-Dosen und Faxe-Flaschen im Regal. Keine Frage: Mit dem „Hotdog-Frieden von Helsingør“ vom 30. Oktober 1857 (siehe Johannsen, S. 789) begann die dänische Küche ihren Siegeszug um die ganze Welt. Er dauert an bis heute.

So. Musste mal raus.

Meine Empfehlung: Sollten Eure Kinder in der Schule nie was über die Sache gelernt haben, dann wird’s mal Zeit für einen gepfefferten Brief an den Geschichtslehrer. Mit Zwiebelringen obendrauf!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.