„Kommt n Mann in Amerika zum Arzt …“

Mein gestriges Erlebnis beginnt wie ein alter Witz: „Kommt n Mann zum Arzt …“ Bis jetzt hab ich hier noch nie medizinischen Rat eingeholt. Das System hat keinen guten Ruf. Und: Es ist teuer. Das ist eine Kombination, die mich abschreckt.

Gestern bin ich aber doch mal in einer Praxis gelandet, und das kam so. Ich hab vor einigen Wochen zu viel Tennis gespielt (und Pickleball) und seither zwickt das Knie. Normalerweise wird so was ja nach ein paar Tagen besser. Diesmal nicht. Also hab ich meine Krankenversicherung kontaktiert und mir bestätigen lassen, dass sie solche Dinge abdeckt. Glück gehabt!

Also beim orthopädischen Dienst der hiesigen Uni angerufen, wo man mich einigermaßen bald zur Abteilung für Sportmedizin durchgestellt hat. Dort gab’s einen freundlichen Aufnahmeprozess. Dann zurück durchgestellt zur Zentrale, wo ich dieselben Daten alle nochmal buchstabieren durfte. Hab ich schon mal erzählt, dass mein Name für die Menschen in Amerika absolut unlesbar ist? Nein? Nun: Mein Name ist für Menschen in Amerika absolut unlesbar. Sie holen Luft, setzen an, murmeln etwas Unverständliches, holen nochmal Luft … und dann sagen sie: „Wie spricht man DAS denn bitte aus?“

Genau dasselbe passiert auch im umgekehrten Fall. Ich nenne meinen Namen. Es entsteht eine sehr unangenehme Pause. Ich dann so: „Soll ich buchstabieren?“ Mein Gegenüber öffnet nickend die Sektflasche – oder sagt am Telefon „Yes, PLEASE!“

Nach dem zweiten Aufnahmeprozess lande ich jedenfalls wieder in der Sportmedizin. Ich so: „Hier bin ich wieder. Wann kann ich einen Termin kriegen?“ Ich rechne mit „irgendwann in drei Wochen“. Stattdessen sagt die Frau in der Leitung: „Wie wär’s mit morgen?“ Ich so: „Okay. Wow. Ja, her damit!“ Wo kriegt man denn in Deutschland einen Termin „für morgen“, wenn man zum Orthopäden will? Als Kassenpatient? Hm. Vielleicht bin ich hier einfach kein Kassenpatient? Keine Ahnung.

Oben auf dem Bild sieht man jedenfalls das Gebäude, in dem die Sportmediziner hausen, ein langer, flacher Lindwurm mit viel Glas außenrum. Der Komplex gehört zu Domino’s Pizza, die haben unterm selben Dach ihr Headquarter (also die Zentrale für die ganze Welt; krass, oder?). Hinterm Haus grast angeblich eine Bisonherde. Leider hab ich mich erst nach meinem Besuch durch die Website geklickt. Anfängerfehler! Sonst hätt ich mir die Tiere natürlich angesehen. Beim nächsten Mal dann.

Beim Empfang haben sie vor jeden Schalter einen Stuhl gestellt. So halten die Leute den empfohlenen Covid-Abstand, ohne dass man sie mit einem Schild darauf hinweisen muss. Clever!

Beim Gespräch mit der freundlichen Dame hinter der Glasscheibe entsteht ein kurzer Dialog, den ich eher in Deutschland erwartet hätte. Er spricht von Technologieskepsis.
Ich: „Ah, Ihr Computer weiß alles. Wir vertrauen der Maschine.“
Sie: „Naja, vielleicht vertrauen wir der Maschine auch ein bisschen zu sehr.“

Empfangsraum und Wartezimmer sind hier übrigens dasselbe. Außer mir sitzen noch 15 andere Menschen hier. Aber nach ein, zwei Minuten wird schon mein Name aufgerufen. Ein junger Mann führt mich in die Innereien des Drachen, stellt allerhand Fragen, misst meine Körpergröße und nimmt mein Lebendgewicht. Ich bin etwas kleiner und etwas schwerer, als ich dachte. Bitter, aber normal (gibt Studien dazu). Danach Blutdruck. Besser als erwartet. Toll, wie man dabei spürt, wie der Oberarm plötzlich lospumpt. Neben mir an der Wand hängt das Bild eines Rennradfahrers als dezent-wortloser Hinweis: „Hier geht’s um Sportverletzungen.“

Der junge Mann hat den Behandlungsraum noch nicht verlassen, als schon die Röntgenassistentin in der Tür steht, um mich nach nebenan zu begleiten. Junge, was für eine Effizienzmaschine die hier aufgebaut haben. Man könnte sagen: Wie in einer Fabrik. Andererseits wirkt jeder menschliche Kontakt extrem entspannt, freundlich und zugewandt. Ich bin ehrlich beeindruckt.

Dann, zack!, vier Aufnahmen vom Knie gemacht mit einem furchteinflößenden Apparat, auf dem das Wort „Siemens“ steht. „Das ist die modernste Maschine, die wir haben“, sagt die Frau. Sie trägt keinen weißen Kittel, sondern den dunkelblauen Sweater der hiesigen Uni. Im Röntgenraum nicht mehr als 16, 17 Grad.

Zurück in den Behandlungsraum. Keine fünf Minuten später erscheint bereits die Ärztin. Sie hat die Röntgenbilder schon gesehen und fängt gleich an, Ärztinnen-Sachen zu machen: Fragen stellen, am Knie rumdrücken. Nach rechts, nach links, nach vorne, nach hinten, während ich stehe, liege, sitze. Sie tut alles, damit ich endlich mal „Aua“ sagen. Danach nickt sie zufrieden, nun weiß sie mehr. Am Ende stellt sie eine achselzuckende Diagnose. Nichts Schlimmes. Keine OP, kann aber trotzdem ein bisschen dauern.

Ich dann: „Wie läuft das jetzt eigentlich mit der Kohle?“
Sie: „Keine Ahnung. Ich bin nur die Ärztin.“

Ich geh also nach draußen zum Checkout. Auch dort stehen wieder die Stühle, damit die Patienten Abstand halten.

Man gibt mir einen Termin zur Physiotherapie. Allerdings erst für zwei Wochen später. Ich frage auch hier, wie das jetzt mit der Bezahle läuft. Die Frau hinterm Glas tippt auf ihre Tastatur und sagt etwas. Eine andere Kollegin kommt hinzu und sagt auch etwas. Danach beide so: „Have a nice day.“ Ich: „Ja, für Euch auch – aber wie das mit der Kohle läuft, weiß ich immer noch nicht.“ Die zweite Frau: „Warum findest Du das nicht einfach selber raus?“ Und damit verabschiedet man mich hinaus ins Leben. Das alles geschieht mit einem ehrlichen Lächeln, wird sehr freundlich gesagt und ist nicht böse gemeint.

So. Hier also mein Fazit: Das lief alles deutlich flinker und effizienter, als ich das in Deutschland schon erlebt habe (vor allem von den Orthopäden, wo man ja echt das Heulen kriegen kann). Die scheinen ihre Prozesse voll im Griff zu haben. Von dem, was sie sagen und machen, merke ich kaum einen Unterschied zu Deutschland (und ein Knie ist auch hier nur ein Knie). Außer vielleicht, dass sie sofort die Röntgenmaschine anschmeißen, ohne dass ein Doc auch nur Guten Tag gesagt hat. Hat Vorteile und Nachteile. Schneller ist es auf jeden Fall.

Eine Sache fällt mir aber dann doch auf: Das Geld, das hinter all dem steckt, ist wie bei uns verborgen unter einer glatten, menschlich-lächelnden Oberfläche. Und selbst die professionell Beteiligten wissen nur zum Teil oder gar nicht, wie diese Maschine so genau funktioniert, was sie ölt, schmiert und am Laufen hält. Ich dachte echt, dass ich hier darüber mehr lernen würde. Bisher bin ich in dieser Sache aber noch genau so klug oder dumm wie zu Hause in Deutschland.

Jetzt warte ich mal ab, was da kommt. Und was der Spaß gekostet hat. Andererseits: So richtig vergleichen kann ich das eigentlich gar nicht. Denn was es bei uns so kosten würde, das weiß der Geier. Ich jedenfalls weiß es nicht.

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