bookmark_borderSegler auf dem Eis

Es ist tüchtig kalt dieser Tage. Der See ist seit Tagen zugefroren, und die Leute machen sich ihren Spaß daraus. Kinder spielen Eishockey. Am Samstag seh‘ ich hier zum ersten Mal zwei Eissegler. Der Wind ist schwach, aber wenn sie ne günstige Brise erwischen, dann nehmen die Jungs gut Fahrt auf. Klar eigentlich: So richtig viel Reibung gibt es nicht auf dem Eis.

Direkt am Damm macht der See unterm Eis merkwürdige, basslastige Geräusche. Unheimlich. Vielleicht liegt es an der Strömung, die unterhalb der Eisschicht immer noch Richtung Wasserfall drängt.

Gestern dann einmal um den See herumgewandert. Am anderen Ufer stehen die Eissegler. Das sind keine besonderes neuen Geräte, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass das ein sehr schönes Hobby sein kann.

Gerade nachgesehen. So richtig teuer müssen die Dinger gar nicht zu sein. Im Netz verkauft jemand aus Ohio zwei Boote inklusive Segel für je 500 Dollar.

Dann entdecken wir nah am gegenüberliegenden Ufer zwei Leute auf dem Eis, die sich merkwürdig bewegen. Sie tragen keine Schlittschuhe, so viel steht schon mal fest. Durch den Feldstecher wird dann klar: Es handelt sich um Eisangler. Sie bohren sich gerade ihre Löcher. Später dann sehen wir, wie sie ein Zelt über eines der Bohrlöcher stellen. Freunde haben mir erzählt, dass Eisfischen hier in Michigan ne große Sache ist. Auch cool, irgendwie.

Am Ende macht Coco einen kleinen Ausflug über den See, Neugier und Übermut treiben sie hinaus. Sie will, dass wir Stöckchen werfen. Sie bewegt sich tapsig und schlitternd wie ein Welpe. Das Eis macht alle wieder jung. Der Winter ist eine schöne Jahreszeit. Aber kalt.

Gestern haben sie hier im Übrigen den Präsidenten der Uni gefeuert. Er hatte wohl eine Affäre mit einer Mitarbeiterin. Und sie haben sich Sachen über die Geschäftsmail geschickt. Keine gute Idee. Viele der Mails stehen jetzt einfach so in der Zeitung und alle reden darüber. Es gefällt mir nicht. Ich finde es übertrieben. Aber das ist Kultur. Ich muss in den nächsten Tagen nochmal was dazu sagen.

bookmark_border1000 Liegestütze pro Monat für den Rücken

Seit einigen Jahren mache ich mindestens 1000 Liegestütze pro Monat. Das ist gut für den Rücken und eigentlich für alles und hilft mir sehr. Ab und zu ergibt sich ein Gespräch darüber und die meisten Leute fragen dann nach und interessieren sich sehr dafür. Heute also mal ein Blogeintrag dazu.

Die Sache kam nämlich so: Mit Mitte 30 hatte ich auf einmal große Probleme im dem Rücken. Lendenwirbelbereich. Das Übliche. Es tat sehr weh, hat mir das Leben schwer gemacht und wurde nicht wirklich besser. Davor bin ich über Jahre Marathon gelaufen. Jetzt konnte ich mir an manchen Tagen kaum noch die Schuhe binden. Keine schöne Erfahrung.

Die Probleme sind über mehrere Jahre geblieben. So richtig geändert hat sich die Sache erst, als mein Sohn, er war damals noch im Kindesalter, auf einmal wissen wollte, was man eigentlich tun muss, um einen Sixpack zu kriegen. Mein Kumpel Marvin meinte: „Mach einfach Liegestütze.“ Also haben mein Sohn und ich ein gemeinsames Projekt daraus gemacht.

Wie fängt man an? Marvin meinte: „Du machst jeden Morgen genau zehn Liegestütze. Jeden Tag, direkt nach dem Aufstehen. Eine Woche später machst Du genau eine mehr. Genau eine. Und am nächsten Tag … da machst Du wieder eine mehr. Genau eine. Und das machst Du so lange, bist Du nicht mehr steigern kannst. Und dann machst Du diese Anzahl weiter. Jeden Morgen. So lange, bis Du wieder eine draufpacken kannst.“

Das klang einfach. Zehn Liegestütze waren machbar. Die Regel „gleich nach dem Aufstehen“ hat ganz erstaunlich gut funktioniert. Man musste nicht lange überlegen, einfach machen und – zack! – ging’s in den Tag mit dem guten Gefühl, schon was für sich getan zu haben.

Eine Woche später dann die Steigerung. Auch das ging erstaunlich leicht. Der Trick an der Sache ist vermutlich, dass man sich mit der Methode jeden Tag ein kleines Erfolgserlebnis holt.

Ich war damals schon Anfang 40 und fühlte mich alt. Zu merken: „Hey, Dein Körper reagiert wahnsinnig schnell auf sowas“ – das war einfach toll.

Jedenfalls sind die Liegestütze jetzt seit mehr als zehn Jahren eine gute Gewohnheit geworden. Allerdings gab’s zwei Punkte, an denen sich die Sache verändert hat.

Da war nämlich erstens der Punkt, an dem das einfache Steigern der Morgenration irgendwie uncool wurde. Die Motivation der ersten Monate war plötzlich weg.

Also hab ich mich gefragt: Was will ich eigentlich?

Bestandsaufnahme:
– Der Rücken tut nicht mehr weh.
– Ich habe wieder angefangen, im Verein Tischtennis zu spielen und mich auch sonst wieder mehr und mit mehr Freude zu bewegen.

Will ich neue persönliche Liegestütz-Rekorde aufstellen?
– Nö.
– Ich will weiter schmerzfrei bleiben und mich bewegen können!

Okay, cool. Wie krieg ich das hin?
– Indem ich mir ein Ziel setze, dass ich locker schaffen kann und bei dem ich langfristig dranbleibe.

Also: 35 Liegestütze jeden Morgen.

Das war dann tatsächlich mein Plan. Keine Steigerung mehr, sondern ein Programm, das locker in meinen Alltag passte. Das lief erstmal super über mehrere Jahre.

Aber dann kam irgendwann der zweite Punkt: Ich habe angefangen, mich selbst zu bemogeln. Und zwar so dolle, dass ich es selbst gemerkt habe. Manchmal hab ich die Liegestütze nicht mehr jeden Tag gemacht, sondern nur noch drei, vier Mal pro Woche. Das war nicht genug.

Also wieder überlegt: Was will ich eigentlich? – Immer noch dieselbe Antwort: gesund und schmerzfrei bleiben.

Wie krieg ich das hin? Wie kommt mehr Regelmäßigkeit in meine Übungen? Und zwar so, dass ich die Übungen auch mal ausfallen lassen kann, ohne dass gleich der ganze Plan im Eimer ist?

Ich habe also 35 (meinen eigentlichen Tagessatz) mit den 30 Tagen eines Monats multipliziert: 1050. Hm. Ich könnte ja jeden Tag nach meiner Mini-Einheit einen Eintrag in meinen Kalender machen. Dann immer am Sonntag dazuschreiben, wie viele Liegestütze es bisher im laufenden Monat waren – nur so, um auf dem Laufenden zu bleiben. Und dann zusehen, dass ich am letzten Tag des Monates auf mindestens 1000 komme.

An manchen Tagen hab ich keine Lust. Oder bin mit dem Kopf woanders. Dann mach ich am nächsten Tag eben mehr. Das System ist flexibel und gnadenlos zugleich. Das gefällt mir.

Genau so mach ich das jetzt jedenfalls seit dem 1. Januar 2018. Alles steht im Kalender. Es sorgt dafür, dass ich am Ball bleibe. Der Rücken gibt Ruhe. Die Methode hat mein Leben viel besser gemacht. Und es vergeht eigentlich kein Monat, an dem ich mich nicht mindestens einmal darüber freue wie Bolle. Man darf den Schmerz nicht vergessen, nur weil er grad nicht da ist.

Ja. Nur so, falls es wen interessiert.

Und ansonsten meine Meinung: Gewohnheiten sind die beste Form der Intervention.

bookmark_borderEin Kessel Buntes – die TV-Sonntags-Nachrichten in den USA

Heute mal wieder die NBC-Abendnachrichten geguckt. Und zwar aufmerksamer als sonst, weil mir mein Kumpel Dirk dieser Tage ein paar Gedanken über die Rolle der alten Medien in der Pandemie geschickt hat. Außerdem hab ich ja während der ersten Corona-Welle schon mal nen Blogbeitrag über die NBC-Nachrichten geschrieben. Damals ging’s tüchtig auf den Wahlkampf zu, es war entsprechend eine sehr politische Nachrichtensendung mit sehr viel harter Recherchepower dahinter. Wie sieht das alles heute aus? Nun. Es sieht viel, viel weniger politisch aus. Washington hat praktisch gar keine Rolle gespielt. Klar. Ist auch die Wochenendausgabe. Möglich aber auch, dass man der Biden-Administration bei NBC deutlich weniger auf die Füße tritt, als das noch bei Trump der Fall war. Hier jedenfalls die Beiträge. Bitte festhalten!

Am Anfang kommt ne Geschichte über ein Feuer in New York. Ein schlimmes Feuer. Menschen sind dabei gestorben. Trotzdem. Es war ein Feuer. In einem Haus. Das war in den Augen der Redaktion das wichtigste Ereignis des Tages. Auf der ganzen Welt. Hm.

Dann: Corona. Natürlich. Die Story: Es gibt so viele Fälle, dass jetzt überall die Leute fehlen, um die Arbeit zu machen. In Kalifornien hat man deshalb drastische Maßnahmen beschlossen: Wer im Krankenhaus beschäftigt ist und positiv auf Covid testet, zugleich aber keine Symptome hat, soll einfach weiter zur Arbeit kommen. Ohne Test. Ohne Quarantäne. Ohne gar nix. Das ist auf jeden Fall interessant. Supermarktregale sind leer, weil keiner mehr da ist, um die Neuware einzuräumen. In den Apotheken bilden sich lange Schlangen, weil zu wenig Personal die Tabletten rausrückt. Die Schulen schalten auf Online-Unterricht, weil zu viele Lehrkräfte ausfallen und so weiter. Schlimm.

Dann nochmal Corona. Mit der Statistik der CDC stimmt was nicht: Die meisten Leute, die als Krankenhaus-Corona-Fälle gemeldet sind, werden eigentlich wegen ganz anderer Dinge behandelt. Sie sind nicht an, sondern mit Covid erkrankt. Sozusagen. Auch interessant.

Dann endlich Politik: die Russland-Krise in Osteuropa und wie die amerikanische Außenpolitik darauf reagieren will. Die Botschaft: Putin ist ein gefährlicher Kerl, aber wir haben die Sache im Griff. Es gibt nämlich „tough talks“ (siehe das Foto ganz oben). Beruhigend.

Dann nochmal Corona – diesmal aber mit einer Überleitung in die bunte Ecke der Nachrichten: Djokovic in Australien. Kann er spielen? Kann er nicht spielen? Seltsame Geschichte.

Dann nochmal Corona. Die Schülerinnen und Schüler – ihr Unterricht findet vielerorts wieder online statt. Eine Reporterin redet mit einigen von ihnen. Alle sagen: Sie mögen es nicht. Hm.

Jetzt wird’s endlich bunt: Ein paar arglose Bürger in Wisconsin waren beim Eisangeln, dann hat sich die Eisscholle gelöst, auf der sie standen. Ein Boot musste sie retten. Puh, die Sache ist gerade nochmal gut gegangen.

Dann gab es ein geplatztes Wasserrohr unter einem Sessellift. Menschen wurden verletzt. Kurios.

Schließlich noch die herzerwärmende Story eines Polizisten, der sich in seiner Freizeit als Captain America verkleidet, um Kindern eine Freude zu machen.

Unterm Strich: Sehr viel Buntes, sehr viel Unterhaltung. Anders als Heute Journal und Tagesthemen: kein aktueller Sport, kein Wetter, viel weniger nationale und internationale Politik. Im Grunde war das eine sehr affirmative Nachrichtensendung. Man hat hinterher das Gefühl: Ja, Pandemie und alles – aber im Großen und Ganzen geht’s uns doch super.

Kein Wort über den Präsidenten, wenn ich das richtig mitgekriegt habe. Das wäre Trump nicht passiert.

Danach noch ne Folge Family Guy gesehen. Die Serie ist in vielen Staffeln ganz sensationell geschrieben. Staffel 19 jedoch ist eine Schande. Ein Abgesang. Man bettelt darum, dass endlich jemand den Stecker zieht. So. Musste mal gesagt werden.

bookmark_borderDie Sachen, die man früher geschrieben hat, gehören einem nicht mehr

Gestern wie üblich den Hund ausgeführt. Dabei am Straßenrand der Newport Road dieses alte Ackergerät entdeckt. Eine Mähmaschine. Halb verschneit. Ich vermute: eine McCormick. Ich hab mich vor ein paar Jahren mal mit so was beschäftigt und heute fällt mir auf, dass die Sachen, die man früher geschrieben hat, einem nicht mehr gehören.

Jetzt hab ich hier Feierabend gemacht und versucht, mich zu erinnern. Bei Nicki im Haus steht ein Exemplar des Buches, das ich vor sieben Jahren geschrieben habe. Es heißt „Und doch ist es Heimat“. Es geht um mein Heimatdorf 1945. Und das Kapitel 39 heißt tatsächlich „Die Mähmaschine“.

Ich habe es gerade gelesen und es fühlt sich seltsam an.

„Sie ruht unter Spinnweben und wird nie mehr erwachen. Noch erkennt man deutlich die versetzten Querstreben in den eisernen Hinterrädern und den einzelnen nach hinten gezogenen Metallsitz.“

So geht es los.

Hier sind die Hinterräder der Maschine in Ann Arbor. Sie sehen so aus, wie das Buch sie beschreibt.

Es fühlt sich alles seltsam an.

Das Kapitel handelt von einem Zwölfjährigen, der sich das Hemd seines Vater anzieht, um eine große Wiese zu mähen, „eine Arbeit, für die man zu zweit sein sollte, selbst wenn man schon erwachsen ist.“ Aber der Junge macht die Arbeit allein. Er leiht sich ein altes Pferd. Das Pferd ist schmutzig. Er macht es sauber. „Wir wollen fein aussehen, wenn’s gleich nach draußen geht.“

„Er striegelt und bürstet dem Tier die Nacht von den Flanken, aus der Mähne, aus dem Schweif. Dann legt er ihm das Zaumzug an und führt es hinaus auf den Hof, wo er gestern schon die McCormick bereitgestellt hat. Er schirrt den Gaul an, legt ihm das Kummet um den Hals, sichert mit dem Gurt am Schweif, hängt die Zügel ein. Sie Sense und die Gabel hat er an der Maschine festgemacht. Er steckt den Wetzstein in die Tasche …“

„Hermann öffnet das Hoftor, klettert auf den eisernen Sitz … 

… löst die Bremse, und dann geht es hinaus mit Pferd und Mähmaschine. Die Eisenräder rattern übers Pflaster der Oberen Gasse, während im Milchgrau des Morgens hier und da ein Hand kräht aus den Hinterhöfen, wo es noch Hähne gibt.“

Ich lese ein paar Seiten und möchte einen Stift nehmen, um Passagen zu streichen und andere hinzuzufügen. Aber die inneren Bilder von damals kommen dann trotzdem ganz von selbst. Das geht husch, husch zwischen einem Wort und dem anderen. Und das Gefühl dahinter beim Schreiben und beim Ausdenken. Das Gefühl sagt: „Du bist noch nicht so weit. Aber Du muss trotzdem.“ Und im Moment fühlt es sich an, als wär’s ungerecht und zu viel. Aber hinterher denken die Alten über ihr Leben nach und genau diese Momente bleiben. Über diese Momente wollen sie reden. Über die Momente, wo sie zu jung waren und überfordert und wo sie trotzdem diese Erwachsenendinge machen mussten. Und ich erinnere mich an die Geschichte, die echte erlebte Geschichte, die mir das Grundfutter für das Kapitel gegeben hat. Der alte Mann hat sie mit Trauer erzählt, weil seine Kindheit keine war. Aber auch mit Stolz, weil er’s halt irgendwie doch hingekriegt hat.

Man muss beim Schreiben wieder zurückgehen zu den ganz einfachen Dingen. Zu den ganz archaischen Erfahrungen.

Jedenfalls. Da war eine alte Mähmaschine am Rand der Newport Road. Eine McCormick, wie ich vermute. Eine geschenkte kleine Zeitreise. Jetzt muss ich den Hund füttern.

bookmark_borderBoostern in Amerika geht dann doch leichter als erwartet

Boostern in Amerika geht dann doch leichter als gedacht. Hab ja neulich berichtet, dass ich mich in Michigan boostern lassen wollte – aber gescheitert bin. Die Behörden sagen: „Das machen wir erst sechs Monate nach der Zweitimpfung.“ Solche Sachen ziehen sie hier eisern durch. Ein Faktor, wie ich vermute: In den USA gibt’s halt nicht mehr so super viele Leute, bei denen die Impfung noch keine sechs Monate her ist. Und wegen der paar Hansel ändert man keine Bundes-Richtlinie. Sieht dann ja so aus, als wär‘ man wankelmütig! Wie gesagt: Ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Aber der Gedanke leuchtet mir ein.

Heute waren meine sechs Monate jedenfalls vorbei. Ich hatte einen Termin bei Walgreens, das ist eine sehr große Apothekenkette hier. Man muss ein paar Online-Formulare ausfüllen, vor Ort ein paar Angaben unterschreiben, ein paar freundliche Worte wechseln, danach etwa eine Viertelstunde warten, bis alles in den Computer gefüttert ist – tja, und dann setzt man sich hinter eine spanische Wand hinten in den Ecke des Apotheken-Supermarkts (sie verkaufen da sogar Hundefutter) und kriegt seine Spritze. Es ging alles kurz und schmerzfrei. „Übung macht die Meisterin“, sagt die junge Frau im weißen Kittel. Ich nicke zustimmend.

Beim Warte-Schlendern stolpere ich fast über einen Regalaufsteller, in dem sie Covid-Tests verkaufen. Das heißt: In dem sie NORMALERWEISE Covid-Tests verkaufen. Die Tests sind nämlich alle. „Completely sold out“ – wie fast überall in der Stadt.

Das Preisschild verrät: So lange noch Tests da waren, hat man für eine Packung rund 24 Dollar abgedrückt. In einer Packung waren zwei Tests. Das scheint mir ziemlich teuer zu sein. Aber nun. Sie sind trotzdem alle weggegangen.

Ansonsten hat’s über Nacht tüchtig geschneit. Ich habe am Morgen 75 Minuten lang geschippt. Wir gehen mit dem Hund durch den Schnee, während die Sonne scheint, und es ist alles sehr schön und außerdem hat mein Vater noch Geburtstag und bei all dem kommt mir auf einmal der Gedanke, dass es vielleicht ein ganz tolles Jahr wird, dieses 2022.

bookmark_borderEin Covid-Test dauert in Michigan derzeit 45 Minuten

Ein Covid-Test dauert in Michigan derzeit 45 Minuten. Wir haben’s ausprobiert. Und zwar so:
Weihnachten ist vorbei. Menschen verlassen das Haus, andere haben es neu betreten. Und weil Omikron überall ist, fahren wir zur Teststation an der Wagner Road. Hier waren wir neulich schon mal. Diesmal jedoch ist die Autoschlange deutlich länger – sie zieht sich kreuz und quer über den gesamten Parkplatz. Hab ich schon mal erwähnt, dass es in den USA wahnsinnig viele Parkplätze gibt? Ein Parkplatzologe hat mal behauptet: Alle Straßen und Parkplätze des Landes zusammen entsprechen etwa der Fläche von West Virginia.

West Virginia ist größer als Hessen.

Jedenfalls warten hier viele Autos. Alle wollen sich testen lassen. In den Apotheken kriegt man nämlich kaum noch Tests für daheim. Der Spiegel hat heute ein großes Stück über die amerikanische „Testmisere“ gebracht. Hier auf dem Parkplatz kann man sie sehen. Ich höre Murren vom Rücksitz. Um uns die Zeit zu verkürzen, machen wir ein Spiel daraus. Wie lange dauert’s bis wir drankommen? Das Höchstgebot liegt bei 37 Minuten.

Ich zähle inzwischen die Fenster des Gewerbelagers hinterm Testzelt. Ich komme auf 40. Eine heilige Zahl. Erst danach lese ich die Aufschrift am Gebäude. Es handelt sich gar nicht um ein Lager, sondern um eine Kirche! So ergibt alles einen Sinn.

Im Zelt scannen wir unseren QR-Code, kriegen unsere Spucktests, dann Ausfahrt – fertig! Dabei lächelnd die endlose Schlange der wartenden Autos beobachten. Interessant, wie bei solchen Gelegenheit zuverlässig dieses wärmend-selbstgefällige Körpergefühl in einem aufsteigt. Man ist nicht stolz drauf und genießt es dennoch.

Am Ende verrät die Stoppuhr, dass der ganze Spaß nur knapp länger als eine Fußballhalbzeit gedauert hat.

Ansonsten haben wir keine Milch mehr im Haus. Das Brot ist auch fast alle. Also machen wir, wo wir schon mal in der Nähe sind, einen Abstecher zu Aldi. Man hätte auch noch nen Tag auf die Testergebnisse warten können. Andererseits – ein Morgenkaffee ohne Milch? Im Zweifel siegt immer die Bequemlichkeit.

In Hamburg geh‘ ich nur ganz selten zu Aldi, hier jedoch ist der Besuch immer etwas Besonderes. Alles fühlt sich dort irgendwie logischer an, gewohnter, so, wie es sich gehört. Aldi beamt mich für ein paar Minuten zurück nach Deutschland. Ganz seltsam. Es fängt schon bei den Einkaufswagen an: Man muss einen Vierteldollar einstecken, um sie auszulösen, ganz so, wie man das halt so macht. In den USA sind derlei Scherze unüblich. Deshalb haben sie über den Wagenreihen ein Schild angebracht, wo sie’s nochmal allen erklären: Mit der Münze kriegst Du den Wagen. Du bringst den Wagen wieder – Du kriegst Dein Geld zurück.

Nicki sagt: „Das ist eine schräge Regelung.“ Ich sage: „So gehört es sich.“ Genau das verstehen die Soziologen unter „Kultur“. All die Dinge, die so normal für uns sind wie Sauerstoff in der Luft. Wir denken nicht mehr drüber nach – bis wir zufällig woanders landen, wo’s anders läuft.

Ich will im Übrigen keine Werbung machen: Aber am Ende gehen wir aus dem Laden raus und haben locker 50 Dollar weniger ausgegeben, als wir für dieselben Waren anderswo gezahlt hätten.

Jetzt warten wir mal ab, was der Test so ergibt. Ich bin optimistisch.

P.S.: Lese gerade, dass wir in Michigan jetzt rund 13.000 neue Covid-Fälle pro Tag haben. So viele gab’s noch nie. Die Fallzahlen liegen rund 2,5 Mal höher als in Deutschland (auf die Gesamtbevölkerung umgerechnet). Mehr als 20 Prozent aller Tests sind derzeit positiv. Das ist viel zu viel.

Zeit für Suppen und lange Spaziergänge.

bookmark_borderDen Weihnachtsmann getroffen. Sein Name ist Mike und er hat ein altes Paddelboot

Wir haben den Weihnachtsmann getroffen. Sein Name ist Mike und er hat ein altes Paddelboot. Es stammt, so sagt er, aus den 1930er Jahren. Er hat es selbst restauriert. Immer zu Weihnachten kommt ein Weihnachtsbaum in die Mitte, die passende Festbeleuchtung dazu und dann paddelt Mike in rotem Kostüm über den Huron River und die Leute stehen am Ufer und winken und freuen sich wie Bolle. „Santa on the Huron“ – der Weihnachtsmann auf dem Huronenfluss – ist in Ann Arbor inzwischen eine Institution.

In diesem Jahr hat Mike sich ein bisschen kränklich gefühlt. Er hat seine Tour deshalb halbiert. An Silvester will er die zweite Hälfte nachholen. Ich wünsche ihm gute Erholung und exzellentes Wetter. Jedenfalls finde ich die Aktion klasse. Jeder könnte sich so was ausdenken. Irgendwas Regelmäßiges, über das die Leute sich freuen. Gleich aufschreiben: Vorsatz für 2022.

Ansonsten eine Wanderung um den Barton Pond gemacht. Oben auf dem Bild zeigt der Pfeil auf das Wasserkraftwerk bei uns ums Eck. Von hier aus wirkt es winzig. Perspektive ist alles! Das Bild unten zeigt: Ja, man kann auf der Straße auf der anderen Seeseite mit dem Auto fahren. Aber nicht schnell.

Rechts und links des Weges stehen sehr schöne Häuser, die vermutlich auch sehr viel Geld gekostet haben. Aber Motorroller sind verboten. Und Ganoven offenbar nicht gern gesehen, wie das tolle Piktogramm rechts unten zeigt. Alle Spitzbuben werden es sehen und sagen: „Mist! Dann muss ich wohl woanders meine kriminellen Energie ausleben.“ Ja, Schilder können die Welt verändern!

Ich habe hier im Blog schon mehrfach ein paar Gedanken über die Infrastruktur in Michigan verloren. Es steht damit nicht zum Besten. Die Straßen sind nicht toll. Das Stromnetz ist sehr anfällig. Viele Staudämme in Michigan haben ihre besten Jahre längst hinter sich. Das Bild unten zeigt einen meiner Lieblingsstrommasten vor einer meiner Lieblingsbrücken. Wer wird den Mast reparieren oder ersetzen? Ich vermute: der Wind.

Hier die tolle Brücke über den Fluss. Autos müssen vor dem Überqueren aufpassen, ob jemand von der anderen Seite kommt. Man kommt nicht aneinander vorbei. Ich mag das sehr. Manchmal sorgt eine suboptimale Infrastruktur für mehr Kommunikation. Das ist tröstlich.

Ich hoffe, Ihr hattet alle ein schönes Weihnachtsfest.

bookmark_borderAngeblich können wir 4000 Wörter pro Minute denken

Dies ist eine Landkarte. Wir haben sie am Eingang des Waldes entdeckt, der in der Nachbarschaft rumsteht. Man kann sich damit prima orientieren. Die Landkarte ist ein Bild. Sie ist eine Sammlung von Gedanken. Sie ist viele Gedanken zugleich. Viele Gedanken, die miteinander zusammenhängen. All das macht die Welt um uns her auf einmal erklärbar und verstehbar. Man kommt nicht mehr vom rechten Wege ab. Eine meisterhafte Erfindung. Sie macht, dass ich Stolz empfinde auf die Menschheit und all ihre Hervorbringungen.

Dieser Tage hab ich ein Buch gelesen, das im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung auf den Markt kommt. Geht mal wieder um Psychologie. Darin lese ich von einer Studie aus den 90er Jahren. Es geht um unsere Gedenken. Diese innere Stimme, die da die ganze Zeit vor sich hin plappert. Wie schnell redet diese Stimme eigentlich? Wie schnell können wir denken? Die Studie behauptet, dass wir innerhalb einer Minute 4000 Wörter denken können. Das ist wahnsinnig viel Stoff in sehr kurzer Zeit. 13 bis 14 Buchseiten in einer Minute. Ein ganzer Schinken wie „Krieg und Frieden“ in zwei Stunden. Irre.

Trotzdem fällt mir mal wieder auf, dass es einfach unmöglich ist, sehr viele Fragen in angemessener Tiefe zu durchdenken. Man schafft das immer nur für ein paar Dinge. Bei den meisten anderen Dingen schafft man es nicht. Und dann vergisst man natürlich fast alles wieder. Oder hat es gerade nicht parat. Der Geist ist ein Schreibtisch, bis obenhin zugemüllt mit Büchern, Heften und Aktenordnern. Und klar: Da können immer nur ein paar Bücher, Hefte oder Ordner ganz oben liegen. Den Rest müsste man erstmal suchen, um drin lesen zu können.

Deshalb sind wir wahnsinnig schlau und wahnsinnig dumm zugleich.

Ob die Sache mit den 4000 Wörtern stimmt, weiß natürlich kein Mensch. Die Methode der Studie überzeugt mich nicht besonders. Wenn heute ein Forschungsteam versuchen würde, dieselbe Sachen rauszukriegen, würde vermutlich eine ganz andere Zahl rauskommen. Man darf gerade in den weichen Wissenschaften nicht alles so wörtlich nehmen.

Ne gute Story ist es trotzdem.

Ich brauch noch ein Geschenk für Weihnachten. Oder zwei.

Mein Gehirn braucht für diesen Gedanken nur den Bruchteil einer Sekunde. Aber wenn ich dran denke, dass ich das Zeug auch wirklich besorgen muss, fühle ich mich wie Coco aufm Sofa. Hundemüde.

bookmark_borderIm Buchladen in Michigan stehen die Bücher über „Familie“ gleich neben den Büchern über „Horror“

Hab nach Weihnachtsgeschenken gesucht. Natürlich im Buchladen. In der hintersten Ecke die Familien- und Erziehungsbücher durchgeguckt. Erst nach ner Weile ist mir aufgefallen, dass irgendjemand die Horror-Romane gleich neben die Bücher über Familie, Pubertät und Autismus platziert hat. Spricht da Erfahrung? Galgenhumor? War es ein Versehen? Man weiß es nicht. Die Sache hat mir jedenfalls einen Moment der Heiterkeit verschafft.

Drei Läden weiter ein Schild an der Ladentür entdeckt. Da steht: Die Behörden fordern Masken nur bei Nichtgeimpften. Mir ist schon vor einigen Tagen aufgefallen, dass ein Viertel bis ein Drittel der Leute unmaskiert durch die Supermarktreihen stromern. Hat mich irritiert. Ich hab gedacht, dass „keine Maske“ und „keine Impfung“ irgendwie korrelieren. Kann sein, dass diese These trotzdem stimmt. Aber jetzt halt gelernt, dass Geimpfte tatsächlich mit nackter Nase in die Läden dürfen.

Sehr seltsam das alles. Ich hab ja kürzlich erst erzählt, dass ich trotz einiger Bemühungen vor Anfang Januar keinen Booster bekomme. Gestern dann in den Abendnachrichten gehört, dass in den USA mehr als 70 Prozent aller neuen Covid-Fälle auf Omikron zurückgehen. Die Welle kommt schneller als erwartet, und irgendwie passen all die Meldungen und die Maßnahmen nicht so richtig zusammen. Man schüttelt den Kopf.

Außerdem hab ich heute versucht, eine amerikanische Handynummer zu kriegen, weil ich nämlich für die meisten meiner amerikanischen Freunde nur schwer erreichbar bin. Ich dachte immer: Sollen se mich halt über WhatsApp anschreiben. WhatsApp hat hier aber so gut wie keiner. Man schreibt sich in der Regel einen „text“, also eine schnöde SMS. Die ist meist umsonst von US-Nummer zu US-Nummer. An eine Nummer aus Deutschland jedoch … schwierig. Neulich meinte jemand: „Hast Du eigentlich ne Ahnung, wie viele soziale Normen du mit Füßen trittst mit deiner komischen Deutschland-Nummer?“

Nun jedenfalls: Ein gebrauchtes Handy geschossen und auf die Website von Verizon gegangen. Dazu muss man wissen: Manche Handys funktionieren nur in den Netzen, für die sie konfiguriert sind. Man muss also, wenn man zu Verizon will, ein iPhone kaufen, dass speziell für Verizon ausgelegt ist. Auch seltsam.
Das Bezahlen für den Vertrag klappt erst beim dritten Versuch. Paypal wird nur akzeptiert, wenn das Konto dahinter aus Amerika kommt. Die Kreditkarte funktioniert zwei Mal gar nicht, dann zwei Mal fast – um am Ende aber immer zu scheitern. Schließlich Apple Pay. Das funktioniert. Hm. Apple Pay greift auf dieselbe Kreditkarte zu, die gerade noch durchgefallen ist. Wer denkt sich so was aus? Trotzdem natürlich Riesenjubel!

Dann kommt aber später ne Enttäuschungs-Mail angeflogen: Neeee. Ich soll mal lieber zurückrufen, der Auftrag wird vorläufig angehalten. Ich ruf also zurück (per Skype out), und dann ist es natürlich der übliche Irrsinn, bis tatsächlich mal jemand am anderen Ende rangeht. Auch da wieder langes Hin- und Her. Bis der Prozess schließlich abbricht, weil ich nämlich keine amerikanische Sozialversicherungsnummer habe.

Ich so: „Dude, ich kann doch nicht der erste Ausländer sein, der bei euch einfach mal telefonieren will!“

Er so: „Nö, Leute wie dich hab ich öfter. Keine Ahnung, warum wir euch die Sache so schwer machen. Tut mir leid.“

Am Ende schreddert er jedenfalls meinen kompletten Auftrag. Ich soll bei Gelegenheit mal direkt in einen Verizon-Laden gehen und da mein Glück versuchen. „Das müsste eigentlich besser klappen.“ Tja.

Vermutlich lass ich mir damit aber noch n bisschen Zeit. In den nächsten Wochen wird’s eh nur noch wenig Sozialleben geben, wenn ich das richtig sehe. Also wieder Geld gespart.

Vielleicht kauf ich mir davon ein Buch über Autismus. Oder einen Horror-Roman.

bookmark_borderDer Advent hat noch nicht angefangen – und schon ist er vorbei

Der Hund und die Katze haben es sich gemütlich gemacht. Der Advent juckt sie nicht. Mich aber schon: Er ist vorbei, ehe er richtig angefangen hat. Ich bin bestürzt.

Woran liegt’s? Mal wieder daran, dass a) zu viel Arbeit war und ich b) so doof war, sie auch noch zu machen. Das ist eine ungünstige Kombination, wenn man sich innerlich aufs Weihnachtsfest vorbereiten will. Plötzlich sitzt man unterm Christbaum und denkt heimlich an die nur halb abgehakte To-Do-Liste. Scheiß-Kapitalismus!

Das Wetter dagegen hat letzthin mächtig den Zaunpfahl geschwungen. Gestern zum Beispiel waren die Zweige vereist, was sehr schön aussah.

Von der Brücke über dem Huron River hingen kleine Eiszapfen, als hätte das Eisengeländer einen schlimmen Schnupfen und keine Taschentücher dabei.

Und hier dasselbe nochmal flussabwärts geknipst:

Also: Kekse gebacken. Meine Mutter hat mir ein Rezept zugeschickt. Dann waren aber nicht alle Zutaten am Start. Keine Zitrone mehr im Haus. Also den Saft aus einer dieser Plastikflaschen genommen. Keine Haselnüsse da. Also ein paar Walnüsse in der Tüte kleingekloppt. Vanillin-Zucker gab’s auch nicht (was ist los mit Dr. Oetker???). Und das Mehl hier ist auch irgendwie anders als das Mehl in Deutschland. Im Moment lautet meine Faustregel, dass ich ungefähr 30 Prozent mehr Mehl reinkippen muss, um vergleichbare Ergebnisse zu erzielen. Muss mich mal schlau machen, woran das eigentlich liegt. Ausstechformen waren auch keine da. Also ein Sektglas genommen. War zu groß. Aber egal. Die Kekse sind sehr lecker geworden.


Jetzt muss ich nur noch in die Stadt, um Geschenke zu besorgen.

Omikron wird keine Welle, sondern eine Wand, hab ich heute in der Zeitung gelesen.

Hab also versucht, ne Booster-Impfung zu kriegen. Im Netz rumgemacht. Zu Apotheken gefahren. Rumgefragt. Aber es hilft alles nix. Sie boostern mich erst, wenn genau sechs Monate seit der Zweitimpfung vergangen sind. Keinen Tag vorher. Die Amerikaner sind manchmal deutscher als die Deutschen, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, ich würd’s nicht glauben.

Naja.

Back ich bis dahin halt noch n paar Kekse.