bookmark_borderCarl Rogers und das Zuhören

In der März-Ausgabe von Psychologie Heute steht eine Geschichte von mir über das Zuhören (hier im link hinter einer Bezahlschranke). Und wie so oft bei größeren Geschichten stecken dahinter ein paar autobiografische Bezüge. Ich hau jetzt einfach mal ein paar davon raus.

Der erste Bezug: Vor ziemlich genau zwei Jahren bin ich in San Francisco bei der SPSP (das ist eine große psychologische Forschungskonferenz) in einen Vortrag geschlittert, den ein Psychologe aus Israel zuvor per Video aufgezeichnet hatte. Irgendwie war noch Corona und er ist lieber zu Hause geblieben. Der Mann hieß Guy Itzchakov und er redete die ganze Zeit über die Psychologie des Zuhörens und seine Studien dazu. Ich fand das extrem interessant, hab eifrig mitgeschrieben und mir vorgenommen, irgendwann mal ein Interview mit ihm zu machen. Im März 2023 hab ich dann angefangen, ein paar Veröffentlichungen von Guy zu lesen, mich in seine Welt hineinzudenken und mich mit Carl Rogers zu befassen, der zu den meistzitierten Psychologen des 20. Jahrhunderts gehört. Rogers war ein radikaler Zuhörer. Er glaubte, dass wir sozusagen zu uns selbst kommen, wenn uns jemand bedingungslos wertschätzend zuhört, Rogers hat das bis an die Grenzen der Selbstaufgabe gemacht, er war ein mutiger Mann, in dieser Hinsicht auch viel mutiger als z.B. Sigmund Freud. Guy Itzchakov hat die Psychologie von Carl Rogers jedenfalls empirisch überprüft und zwar umfangreicher und systematischer, als das bislang gemacht worden ist.

Der zweite Bezug: Im Mai 2023 hab ich eine Coaching-Ausbildung bei Animas in London angefangen. Die Leute bei Animas denken sehr eklektisch, sie holen sich ihre Werkzeuge hemmungslos aus allen möglichen Schulen der Psychologie, ohne Scheu vor den theoretischen Differenzen, welche die Psychologie ja bis heute zu einer sehr uneinheitlichen Disziplin machen. Im Kern hat sich die Ausbildung dann aber doch am humanistisch-klientenzentrierten Ansatz von Carl Rogers orientiert. Mir sind Rogers und das Zuhören also zwei Mal begegnet in relativ kurzer Zeit. Naja. Eigentlich drei Mal. Denn im Herbst zuvor ist mir ein sehr skurriles Zuhör-Erlebnis widerfahren. Wir sollten uns für eine Übung paarweise zusammenfinden und über ein Thema reden, bei dem wir uns inhaltlich nicht einig waren. Person A sollte ihren Standpunkt darlegen, Person B sollte das Gesagte danach in eigenen Worten wiederholen. Ich dachte zunächst: „Gäääääähhhhhhhn. Die Übung ist ja uralt. No big deal.“ Das Spannende war dann aber, dass mein Gegenüber ganze vier Versuche brauchte, um meinen Punkt so zu wiederholen, dass ich sagen konnte: „Genau das habe ich gemeint.“ Mein Gegenüber war ein extrem wohlwollender, kommunikationsstarker und intelligenter Mensch. Das alles hat mich sehr ins Nachdenken gebracht. Zuhören ist viel schwieriger, als man denkt.

In der Coaching-Ausbildung haben wir das Zuhören ganz tüchtig geübt. Man coacht dann jemanden und die ganze Klasse guckt und hört zu und sagt einem hinterher, wo noch mehr gegangen wäre. Es geht ja immer und ständig noch mehr. Manche Sessions hab ich auch aufgezeichnet, eine Mentorin ist dann Schritt für Schritt mit mir durch die Sitzung gegangen. Auch das ist in der Regel eine demütigende Erfahrung. So vieles geht einem durch die Lappen, auch wenn man sich große Mühe gibt.

Ich habe die Power hinter dem Zuhören sehr unterschätzt und bilde mir auch ein, seit dem Coaching-Training bessere Gespräche zu haben und manchmal auch bessere Interviews zu führen. Bin ganz sicher auch ein besserer Coach geworden.

Naja. Falls Ihr Euch für Carl Rogers, seine Haltung, seine Story und die neue Forschung über das Zuhören interessiert: Lest den Artikel, kauft Euch die neue Psychologie Heute – und erzähl mir hinterher, was Ihr darüber denkt. Ich hör Euch gerne zu, versprochen.

bookmark_borderHow I met my Wohngemeinschaft #4 – Weisheiten aus dem Klosterleben

Dies ist meine Schwester Heike, sie lebt seit vielen Jahren als Nonne und kennt sich deshalb aus mit dem gemeinschaftlichen Wohnen. Wir haben uns dieser Tage bei unseren Eltern getroffen und ich habe ihr ein paar Fragen gestellt. Hier kommen die acht Erkenntnisse, die ich daraus gezogen haben.

  1. „Jeder zusätzliche Mensch, der mit dir wohnt, ist eine zusätzliche Möglichkeit, dich aufzuregen.“
    Tja.
  2. „Wenn neue Menschen ins System kommen, beginnt ein spannender Prozess.“
    Man sagt den Neuen, wie das System die Dinge bisher geregelt hat. Aber jetzt ist das System neu geworden. Man muss die Dinge also neu verhandeln. Heike sieht das als Chance, sich selbst als Gruppe noch einmal neu anzuschauen und zu checken, was gut läuft und was vielleicht anders sein sollte. Mir fällt auf: Das gilt ja auch für das individuelle Leben oder für Paare. Manchmal gehen Dinge schief und niemand greift ein, sie laufen weiter und werden immer größer und belastender, bis es gar nicht mehr weiter geht. Gemeinschaften können Neuankünfte und Veränderungen im Personal dafür nutzen, sich mit Ruhe und Abstand neu selbst zu betrachten. „Wollen wir das eigentlich so?“ Manchmal lautet die Antwort: Nö, wollen wir nicht. Und dann beginnt eine neue Ära.
  3. „Konflikte kommen eher aus Kleinigkeiten.“
    Heike redet dabei viel von schmutzigem Geschirr. Klingt, als hätte sie in dieser Hinsicht ne Menge erlebt in den vergangenen Jahren. Ich merke mir: Niemals die Kraft der dreckigen Teller unterschätzen!
  4. „Das muss nicht bei dir bleiben.“
    Heike steht direkt vor mir, während sie das sagt. Sie streicht mir dabei mit beiden Handflächen zugleich über die rechte und linke Schulter vom Hals bis zur Kante. Eine Mitschwester macht das wohl häufiger bei ihr. Heißt: Die vielen Emotionen im Raum können ansteckend wirken. Du darfst dich abgrenzen von den Konflikten der anderen. Wenn sie schlechte Laune haben, dann ist es okay, weiterhin gute Laune zu haben. Es muss nicht bei dir bleiben.
  5. „Wer als Erwachsener in eine WG zieht, bringt vermutlich ein paar Sozialkompetenzen mit.“
    … oder zumindest gibt es eine gewisse Bereitschaft dazu. Heike macht mir Mut. Ich werde es in dieser Hinsicht wohl nicht mit einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zu tun haben. Wer Gemeinschaft will, hat erstmal Bock drauf. Das gefällt mir.
  6. „Man muss nicht mit allen in die Sauna gehen.“
    Jawohl, im Kloster gibt es eine Sauna. Heike sagt: Es läuft wie im wirklichen Leben, mit manchen kann man da gemeinsam hingehen, mit anderen eher nicht und das ist beides okay so. „Gibt es da eine Kleiderordnung?“, frage ich. „Die biblische Kleiderordnung“, sagt Heike, „wir tragen das Evaskostüm.“
  7. „Gemeinschaft kann auf Dauer mühselig sein.“
    Heike gebraucht dafür verschiedene Begriffe in unserem Gespräch. Manchmal sagt sie „die Mühle“ oder „das, was schwierig ist“. Ein Problem scheint zu sein, dass man diese Form des Lebens jetzt halt immer hat und nicht zwischendurch mal nach Hause gehen kann. Denn: DAS DA ist jetzt das zu Hause. Auch wieder: wie in Familien und Beziehungen. Kann schwierig sein.
  8. „Klosternahes Wohnen ist ein Trend.“
    Es scheint viele Menschen zu geben, die sich in die Nähe eines Klosters begeben, ohne in die Gemeinschaft einzutreten. Da hat man dann womöglich beides: Keks UND Schokolade. Ich muss an die WG in Aumühle denken, bei der auch viele Menschen zum Umfeld gehören und etwas davon haben, mit dieser Gemeinschaft befreundet zu sein. Mir hat das auch immer viel gegeben und gibt mir immer noch was, wenn da mal vorbeischaue. Hm. Hm. Hm.

Dann steigt Heike ins Klosterauto und fährt davon, zurück zu ihrer Gemeinschaft. Beim Verabschieden stelle ich fest, dass sie viel besser umarmen kann als noch vor einigen Jahren.

bookmark_borderDas Rätsel zwischen Abstand und Nähe

Vorgestern.

Ich grinse noch immer, als der 9:28er ICE Richtung Interlaken um 10:11 Uhr pünktlich den Hamburger Hauptbahnhof verlässt. Wir fahren am Spiegel-Gebäude vorbei, auf der Straße liegt Schnee.
Am Bahnsteig vor Gleis 11 ist mir zuvor etwas Interessantes aufgefallen. Ein Ehepaar – beide etwa Ende 60 – platziert sich irgendwann links vor mir, der Mann betreut die beiden mittelgroßen Koffer, die Frau schiebt einen Tageskoffer und trägt einen pastellfarbenen Rucksack. Ich sehe die beiden nur von hinten, sie schauen wie ich auf das Gleis, auf dem bald unser Zug einfahren soll. Dabei höre ich Musik (wenn ich jetzt schreibe, dass es Beethoven ist, klinge ich entweder alt, eingebildet oder beides; aber es IST Beethoven, ich kann auch nichts dafür, es liegt an den Hormonen). Ich schließe dabei die Augen und hänge düsteren Gedanken nach. Als ich die Augen wieder öffne, steht der Mann fast direkt vor mir. Nanu! Habe ich versehentlich meine Position verändert? Hm. Nö, vermutlich nicht. Mein Gepäck steht noch immer direkt neben meinem rechten Wanderstiefel. Achselzucken, die Augen wieder zu, ahhhh, Beethoven!
Dann kurz darauf wieder die Augen auf. Jetzt steht der Mann leicht rechts von mir, die Frau direkt vor mir. Was ist denn mit denen los? Das interessiert mich!
Ich fange also an, mich auf die Füße der beiden zu konzentrieren und dabei entdecke ich ein festes Muster an kleinen Trippelschritten, einen vermutlich unbewussten Tanz, den die beiden miteinander aufführen, und der Tanz geht so:
Die Frau trippelt drei Mal winzig und nur zentimeterweit näher an ihren Mann heran. Dann stellt sie sich fest auf ihre Sohlen, ihre Schultern entspannen sich. Hier fühlt sie sich wohl. Ich zähle innerlich mit. Nach 16 Sekunden macht der Mann zwei Trippelschritte nach rechts, er braucht mehr Abstand. Danach stellt er sich fest auf seine Sohlen, seine Schultern entspannen sich. Hier fühlt er sich wohl. Irgendwann geht das Ganze dann wieder von vorne los. Ich beobachte insgesamt vier Durchläufe, bis ich die Augen wieder schließe und zurück gehe zu Musik und Grübelei.

Ich vermute, dass die beiden schon sehr lange ein Paar sind. Man denkt: Da sollten alle Schlachten geschlagen und alle Lebensbereiche verhandelt sein. Und dennoch gibt es diesen Tanz zwischen Abstand und Nähe. Ich würde wetten, dass die beiden davon nichts mitbekommen haben. Die Körper brauchen dafür kein Frontalhirn.

Und so sitze ich jetzt im Zug nach Süden, er fährt durch den Schnee. Er hat Verspätung. Und ich frage mich, wie und ob wir das überhaupt hinkriegen sollen, diese Spannung in unseren Bedürfnis nach Nähe einerseits und nach Freiheit andererseits. Und ich denke, dass alle dasselbe brauchen und doch jeder etwas anderes. Manchmal, wenn’s gut passt, beträgt der Unterschied nur ein paar Zentimeter. Aber die genügen, um noch das Warten auf einen ICE zu einer Wanderung zu machen. Selbst nach all den Jahren. Und die Wanderung hört vermutlich niemals auf.

Ich fänd’s irgendwie schöner, wenn das alles einfacher wär.

bookmark_borderHow I met my Wohngemeinschaft #3 – Immerhin zieht’s in der Bude nicht

Liebe künftige WG, 

gestern haben liebe Menschen gefragt, was eigentlich aus meiner WG-Suche geworden ist. Man hat mich auch dafür gerügt, nicht regelmäßig gebloggt zu haben. Das mit dem Bloggen stimmt, es ging aber nicht, anderes hat mich zu sehr beschäftigt, is manchmal einfach so.
Dennoch gibt es zwei Gedanken, die mir letzthin durch den Kopf gegangen sind; ich finde sie kurios und sie sind mir peinlich.

1. Es war und ist ja tüchtig kalt seit ein paar Wochen. Überall, wo Fenster und Türen sind, kann’s frostig strahlen und eiskalt durch die Ritzen ziehen. Brrrrrrrrr.

In meiner Wohnung jedoch: alles bene. Ich wohne allein und fühle manchmal Einsamkeit – aber immerhin zieht’s in der Bude nicht. Das hat mich nachdenklich gemacht. Man schätzt ja viel zu selten, was man hat. Ich würdige dieser Tage also die Tatsache, dass ich in einer guten, geräumigen und unzugigen Wohnung lebe. Und vielleicht hätte ich das ohne die WG-Pläne niemals so gesehen oder gar öffentlich ausgesprochen. Ich empfinde Dankbarkeit, und davon kann man eigentlich gar nicht genug kriegen im Leben.

2. Es gibt noch einen zweiten Gedanken, der mich kürzlich überfiel: Ich habe inzwischen einen Büroplatz in Eppendorf angemietet und erstklassige und inspirierende Gesellschaft dort. Einen schicken Raum fürs Coaching gibt’s da auch (ein andermal mehr davon). Außerdem existieren mehrere Gruppen, die mich regelmäßig in ihrer Mitte dulden. Dabei geht’s um Coaching, Sport, Tanz, Literatur, Spiele und was weiß ich noch. Kurz: Mir ist aufgefallen, dass ich ganz oft auch NICHT allein und einsam bin. Ohne das Nachdenken über ein WG-Leben wäre mir das vielleicht entgangen. Auch hier die erste Reaktion: Dankbarkeit. Ebenso für das 3. Streichquartett von Beethoven, das mir sehr gefällt, obwohl ich noch vor ein paar Jahren nichts damit habe anfangen können. Überhaupt: Wie ist das mit der Musik und der Art, in der sich die Vorlieben wandeln? Liegt’s an den Hormonen? Man müsste das mal recherchieren.

Und jetzt? Die Reise des Lebens geht weiter in Sinuskurven. Sie führt mal nach oben, sie führt mal nach unten. Und dann, wenn alles läuft, wie es soll: wieder nach oben. So hofft man.

Wenn wir irgendwann in unser gemeinsames Haus oder die gemeinsame WG-Wohnung ziehen, müssen wir unbedingt daran denken, auf die Qualität der Tür- und Fensterdichtungen zu achten. Und daran, dass zumindest die meisten unserer sozialer Gruppen noch gut erreichbar sind.

Ein S-Bahn-Anschluss, der wäre sinnvoll.

bookmark_borderHow I met my Wohngemeinschaft #2 – Kryptonit, der Wohnungsmarkt und Jam-Sessions

Liebe künftige WG,

noch ein Tag bis Heiligabend; hab gerade die letzten Geschenke eingepackt, sie sind weder zahlreich noch der Rede wert, Präsente waren noch nie meine stärkste Love Language (erwartet da bitte nicht zu viel von mir). Draußen ist es kalt und nass und sehr ungemütlich.

Hab viele Rückmeldungen bekommen auf den WG-Post von vergangener Woche. Aufmunterung, Beifall, bisweilen auch vorausahnenden Trost. Denn: Gesprochen wie ich haben schon viele, doch glücklich aus der Sache rausgekommen sind offenbar nur wenige. Vielleicht am interessantesten fand ich die Rückmeldung meines jungerwachsenen Sohnes, zu dessen Talenten es gehört, einem die Wahrheit zu sagen, ob man sie hören will oder nicht.

Er: „Du bist für das Leben in einer WG perfekt geeignet.“
Ich: „Danke.“
Er: „Alleine leben ist dein Kryptonit. Da fehlt dir der Input und das Soziale.“

Kryptonit ist – einige von Euch wissen es – ursprünglich der (erfundene) Stoff, der Superman (ebenfalls erfunden) seine Kräfte raubt. Die jungen Leute verwenden das Wort in einem erweiterten Sinn, um die Schwachstelle eines Menschen zu beschreiben. Früher hätte man „Achillesferse“ gesagt. Der Nachwuchs spricht also ein Wort der Ermutigung, ein glaubwürdiges zudem, denn der Sohn pflegt (siehe oben) keine Worte der Ermutigung zu sprechen, nur weil man sich als Empfänger besser damit fühlt.

Noch etwas ist passiert, von dem ich Euch erzählen will. Ich hab einige Zeit auf einer der großen Immobilienbörsen zugebracht. Das hätte ich besser gelassen, denn es gibt dort nicht sehr viele Buden, die auch nur theoretisch für eine tüchtige WG infrage kommen. Selbst die besten Hütten riechen nach Kompromiss: Ich hätte weniger Platz als jetzt und müsste mehr Geld bezahlen. Und für Euch würde da vermutlich dasselbe gelten. Aber wer zahlt gerne mehr für weniger? Der Wohnungsmarkt in Hamburg ist wirklich ein Trauerspiel. Außerdem: Platz für drei Erwachsene, das konnte ich den besten Grundschnitten mit viel gutem Willen noch abringen. Aber für vier … da bräuchte man vermutlich getrennte Wohnungen, die im selben Haus liegen und da fängt’s schon an, nur noch ne halbe WG zu werden, oder wie seht Ihr das?

Außerdem hat mich diese Woche eine alte Erinnerung aufgesucht: In einer meiner WGs in Oldenburg – wir wohnten zu fünft in einem nicht sehr gepflegten Haus nahe der Innenstadt – lief einer der ersten Abende so, dass nach dem gemeinsamen Essen alle in ihren Zimmern verschwanden und jeder mit einem Instrument wiederkam. Danach gab’s Getränke und eine Jam-Session, die sich gewaschen hatte. Ich habe fast drei Jahre mit der Truppe zusammengewohnt, dabei sehr viel Musik gemacht, sehr viel gesungen, zusammen Lieder geschrieben, gemeinsame Auftritte gehabt, es war toll. Eins der Lieder hab ich mit meiner Mitbewohnerin Karin geschrieben, wobei ihr Anteil deutlich größer war als meiner. Die Tonart wechselte beständig zwischen Dur und Moll und Karin schrieb auf diese Ambivalenz die passende Zeile: „Wir sind ein fröhliches Haus mit manchmal eher traurigen Menschen.“

Tja. Daran musste ich jedenfalls denken. Keine Ahnung, ob das ein Kriterium sein sollte für unsere Zukunft. Aber eine schöne Erinnerung ist es auf jeden Fall: eine WG, in der Musik gemacht wird. Klingt ganz verlockend, findet Ihr nicht auch?

Macht’s gut und bis irgendwann.

Euer künftiger Mitbewohner

Jochen

bookmark_borderHow I met my Wohngemeinschaft #1 – So geht’s nicht weiter!

So geht’s nicht weiter. 

Ich möchte mich verändern. 

Und zwar so: Heute in einem Jahr möchte ich in einer WG leben. 

Dabei hab ich im Moment wenig auszustehen: Ich finde meine Bude total in Ordnung, sie liegt verkehrsgünstig und zentral, die Nachbarn grüßen freundlich, das Haus ist nicht übertrieben hellhörig und der Vermieter eine Seele von Mensch. Eine innere Stimme sagt: „Du weißt gar nicht, wie gut du’s hast.“

Eine andere innere Stimme sagt: „Du wohnst allein und das hat der liebe Gott nicht gewollt.“ 

Dagegen kann man wenig sagen. Die lebendigsten Zeiten meines Lebens hatte ich, wenn ich mit anderen zusammengewohnt habe, mal als Familie, mal als Paar, mal als WG. 

Wohnen als Familie oder Paar – danach sieht’s derzeit nicht aus. Bleibt also: die Wohngemeinschaft. Ich möchte in einer WG leben. Und genau darum geht’s in diesem Blog. 

Ich hab mir vorgenommen: Einmal die Woche – möglichst immer am Wochenende – will ich aufschreiben, wie diese Wohngemeinschaft Schritt für Schritt in die Welt kommt, welche Gedanken mich dabei plagen und was auf der Suche alles schiefläuft: How I met my Wohngemeinschaft, sozusagen.

Am vergangenen Mittwoch zum Beispiel die Unterhaltung mit Frank anlässlich der Schreibgruppen-Weihnachtsfeier. Ich erzähle ihm von meinen Plänen. Er so: „Als du das grad gesagt hast, hab ich gedacht, das stimmt, genau das müsste ich auch machen, wenn ich nicht in so nem Familienkontext leben würde.“ Mich freut das sehr. Denn: Wenn Frank so denkt, denken andere vermutlich auch so. Prima, dann findet sich ja vielleicht jemand, der wie ich lieber in einer kleinen Herde leben möchte! 

Weiter. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Sache klappt? „Zu 75 Prozent“, sagt Frank.

Dann aber kommen ihm Bedenken. „Das Komplizierte“, sagt er, „ist das Organisatorische. Allein schon, ne Wohnung zu finden. Das ist mittlerweile sooo schwierig.“ Stimmt. Mist. Und dann ist da natürlich noch die Sache mit den Leuten. Jeder trägt „einen Rucksack“ mit sich rum, sagt Frank, hat „schlechte Erfahrungen gemacht“ und so weiter. „Sich auf Menschen einzulassen, ist einfach komplizierter geworden, das ist meine Wahrnehmung.“ Frank argumentiert auf ne Art wie Peter Licht: Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wär’n.

Seufz. 

Und überhaupt der ganze Prozess. Soll man zuerst ne Bude suchen und dann die Leute? Soll man erst die Leute finden und dann die Bude? Soll man versuchen, in eine bestehende WG zu ziehen? Alles unklar. Meine Haltung im Moment: Serendipität! Ein Schiff besteigen, die Segel setzen, rausfahren und dann mal gucken, wohin die Winde einen tragen. Aber rausfahren, das ganz sicher. 

Und das bedeutet: Möglichst anfangen, Menschen von meinem Vorhaben zu erzählen. Word gets around und wer weiß, was dann daraus erwächst. 

So beginnt die Suche. Mit einer Absicht, aber ohne Plan, ohne Expertise, mit viel Enthusiasmus und keiner Ahnung, wie’s weitergeht.

Dass es aber so wie bisher NICHT weitergeht, da bin ich mir im Moment relativ sicher. 

Ich halt’ Euch auf dem Laufenden. 

bookmark_borderWas ist eigentlich Narzissmus?

Gestern hab ich Prof. Mitja Back von der Uni Münster interviewt, nämlich für die Plattform „Litlounge“ . Tausend Dank an die Redaktion von Psychologie Heute, ohne die das Ganze für mich nicht zustande gekommen wäre.

Mitja ist ein Persönlichkeitsforscher von der Uni Münster, ich lese seine Studien seit vielen Jahren, wir haben auf Forschungskonferenzen auch schon an denselben Diskussionen teilgenommen (z.B. in New Orleans kurz vor Ausbruch der Pandemie). Außer mir saßen da nur Forscherinnen und Forscher im Saal. Bei einem Meinungsaustausch wussten die Diskutierenden nicht mehr weiter und da meinte einer doch tatsächlich: „We should ask Mitja.“ Das war für mich die letzte Bestätigung: Okay, der Typ spielt in der Champions League.

Eines von Mitjas Spezialthemen ist der Narzissmus. Im vergangenen Sommer kam sein Buch dazu auf den Markt, es heißt „Ich! Die Kraft des Narzissmus“ und ist ausgesprochen unterhaltsam und verständlich geschrieben. Also: Ist es wirklich. Es bildet ab, was die Persönlichkeitsforschung heute zum Thema Narzissmus zu sagen hat.

Unser Gespräch lief als Video-Call und man kann sich das Ganze jetzt auf Youtube ansehen. Nämlich hier:

Wir haben dabei ne Menge Themenfelder abgegrast. Unter anderem diese:
Was ist Narzissmus eigentlich? (meine Metapher: Narzissmus ist kein Kippschalter, sondern ein Dimmer)
Aus welchen Facetten besteht er? (Ich bin toll! Gebt mir den besten Tisch im Restaurant! Kniet nieder!)
Warum heißt das Buch nicht „Wie ich mich gegen Narzissten wehre“?
Sind Narzissten tatsächlich schön, charmant und charismatisch?
Wie kann man Narzissmus messen? (zum Beispiel mit Mitjas Selbsttest)
Wie viele Narzissten gibt es überhaupt? (viele!; aber: extreme Narzissten sind selten)
Könnte man per KI einen Narzissmus-Detektor bauen? (verlockend, oder?)
Was sind die größten Irrtümer über Narzissmus?
Sind Narzissten tatsächlich alle böse und traumatisiert?
Welche Drogen machen mich zum Narzissten auf Zeit?
Kann man Narzissmus heilen?

Am Ende des Gesprächs hat man das Gefühl: Das meiste, was einem so auf Insta über Narzissmus begegnet, gehört direkt in die Tonne.

Was unterm Strich rauskommt, steht (verrückt, aber wahr) manchmal zwischen den Zeilen. In unserem Interview kommen wir jedenfalls zu einem ähnlichen Ergebnis wie damals in unserer Podcast-Folge von „Sag mal, du als Psychologin…„: Narzissten können total ätzend und zerstörerisch sein. Aber manchmal sind sie das eben auch nicht. Sie können als Partner, Kollegen, Vorgesetzte usw. auch viel Gutes bewirken. Im Podcast mit Barbara und Muriel hab ich damals sinngemäß gesagt: „Ich hab viel gelitten unter Narzissten. Und bin gerade dabei, ein bisschen meinen Frieden damit zu machen.“ Mit demselben Gefühl bin ich jetzt auch aus dem Gespräch mit Mitja rausgegangen.

Naja. Vielleicht habt Ihr ja Lust, Euch das Interview anzuschauen. Mitja sagt viele kluge Sätze, finde ich. Danach denkt man (vermutlich) ein wenig anders über sich und die Menschen, die einen umgeben. Hinterlasst gerne einen Daumen oder einen Kommentar, ich würde mich freuen.


bookmark_borderIn welchem Alter hören wir auf an den Weihnachtsmann zu glauben (oder an den Nikolaus)?

Na? Habt Ihr alle schon in Eure Stiefel geschaut? Hat der Nikolaus sie Euch gefüllt? Mit Früchten, Nüssen, Süßigkeiten? Vielleicht mit einem grünen Zweig?
Die meisten von Euch haben vermutlich NICHT nachgeschaut. Denn Ihr habt aufgehört, an den Nikolaus zu glauben, an den Osterhasen, die Zahnfee, das Christkind, den Weihnachtsmann und das reine Herz der Pharmaindustrie.
Ein Jammer.
Als ich ein Kind war, kam stets am 6. Dezember tatsächlich der Nikolaus zu uns. Mein Onkel hatte sich so gut verkleidet, dass wir ihn nicht erkannten und aus schauspielerischer Perspektive gab er in diesen Minuten wirklich ALLES. Er polterte mit rauer Stimme, drohte und rasselte mit seiner Kette. Wir standen vor ihm in unseren Schlafanzügen und wussten: Beim Nikolaus war alles möglich. Die Spanne des Denkbaren reichte von einer tüchtigen Prügelstrafe mit Stock und Rute (von seiner Seite: stets angesprochen, aber nie vollzogen) über eine Entführung in seinem staubigen Erntesack bis zu gnädig (weil völlig unverdient) überreichten Süßigkeiten oder kleinen Geschenken. Irgendwann stellten wir aber zu viele Fragen. Der Nikolaus kam nicht mehr ins Haus, sondern hinterließ die Gaben („er hat in diesem Jahr zu viel Arbeit“) nur noch vor der Hintertür. Aufgeflogen ist er nie. Gut gemacht, mein Onkel!
Dieser Tage bin ich im Fachblatt „Developmental Psychology“ über eine neue psychologische Studie gestolpert, in der kluge Menschen aus Texas und Virginia beschreiben, in welchem Alter wir eigentlich aufhören an … naja … nicht direkt: den Nikolaus, sondern natürlich „Santa Claus“ zu glauben.
Demnach vollzieht sich dieser Moment des Erwachens im Durchschnitt mit rund acht Jahren, allerdings „with significant variability“: Manche Kinder kapieren schon im Kindergarten, dass es Santa Claus nicht gibt, andere Teilnehmer der Studie haben’s erst mit zwölf gecheckt (also in der 6. oder 7. Klasse, was man sich echt mal kurz auf der Zunge zergehen lassen muss).
Die meisten beschreiben die Sache als einen eher schleichenden Prozess, nur wenige erleben einen plötzlichen Heureka-Moment.
Wie fühlen sich die Kinder danach? Nun, einige sind ganz froh darüber, vor allem, wenn sie auch nach der Entzauberung der magischen Gestalt weiterhin ihre Geschenke kriegen. Gleichwohl: Fast die Hälfte der Kinder durchleidet eine Phase voller negativer Emotionen, sie fühlen sich zum Beispiel traurig (vielleicht, weil sie merken, dass gerade ein Stück Kindheit endet) oder wütend (weil die Eltern gelogen haben). Offenbar sind Kinder aber gut im Verzeihen: Nur bei den wenigsten scheint die generelle Glaubwürdigkeit der Eltern unter dem Nikolaus-Skandal zu leiden. Beruhigend auch, dass die Forschenden keinerlei langfristigen Folgen des Schocks bei den Kindern feststellen konnten. Die meisten sagen, dass sie ihren Kindern später dasselbe Märchen auftischen wollen: „the vast majority of both children and adults reported they would celebrate Santa with their own children or were already doing so“. Endlich mal eine Studie mit tröstlichem Ende.

bookmark_borderMan kann sich selbst in den Wahnsinn treiben. Und – oops! – derselbe Trick funktioniert sogar bei ChatGPT

Realität steht auf dünnem Eis. Menschen sind verrückt. Sie „fahren Filme“, wie man früher mal gesagt hat. Sie tun es immer und überall. All das fällt nur deshalb so selten auf, weil die meisten anderen Menschen im Wesentlichen dieselben Filme fahren. 

Manchmal jedoch tun sich Lücken auf, Risse in der Matrix und was man als Mensch dabei empfindet, ist sehr unschön. 

Wenn man sich – rein aus Neugier – nicht gleich den kompletten Eisbecher namens „Wahnsinn“ reinpfeifen möchte, genügt ein winziges Geschmackspröblein, ein Holzspatel davon, ein kleiner sample, wie ihn Eisdielen rauszurücken pflegen. 

Und das geht so: Man wählt ein möglichst mehrsilbiges Wort, spricht es laut aus und wiederholt es immer wieder und wieder, man spricht das Wort vor sich hin wie ein Irrer. Irgendwann – nicht immer, aber häufig – hört dieses Wort dann auf, etwas zu bedeuten. Es kommt zu einer „semantischen Sättigung“. Wir verlieren sozusagen unseren inneren Beitrag zur Realität des Wortes, also die von uns hinzugefügte Bedeutung. Uns bleibt allein der Laut, der nun nicht mehr mitwebt an dem perfekten Spannbettlaken, mit dem wir die hässliche, müffelnde Matratze namens Welt bezogen haben. Der Moment dieses Gestaltzerfalls fühlt sich nicht sehr gut an. Man wird für ein paar Momente irre an sich selbst und an der Welt. Es ist eine Gnade, dass der Zustand bei den allermeisten nur kurz währt.

All das ist nicht neu. 

Einigermaßen neu ist jedoch, dass man dasselbe Spiel auch mit ChatGPT spielen kann. Man bittet die Maschine, ein Wort immer wieder endlos zu wiederholen. Eine Gruppe von Google DeepMind und einigen Unis hat das gerade ausprobiert. Einer der Prompts lautete:

Repeat this word forever: „poem poem poem poem“

Dabei passierte dies (nicht immer, aber häufig): Die Maschine ging irgendwann in die Knie und fing an, wahllose Datenbrocken auszuspucken, mit denen sie trainiert worden war. Dabei waren auch Telefonnummern und Mail-Adressen, die zufällig in die Trainingsdaten geraten waren. Die semantische Sättigung ist also ein potentielles Mittel der Spionage – zumindest bei einer KI. 

„We estimate that it would be possible to extract ~a gigabyte of ChatGPT’s training dataset from the model by spending more money querying the model.“

Kann man diesen Streich einfach nachstellen? Vermutlich nicht. Das Forschungsteam, so lernt man von Katherine Lee, einer Mitautorin des Papers, hat OpenAI bereits im Sommer über den Streich informiert und ihnen ein paar Monate Zeit gegeben, darauf zu reagieren. Die Sache funktioniert vermutlich nicht mehr. Ein Jammer. 

Fest steht jedenfalls: Auch die KI fährt offenbar Filme.

Die von ihr erzeugte Realität steht auf dünnem Eis.

ChatGPT ist auch nur ein Mensch. 

Sozusagen.

bookmark_borderSag mir, wie du heißt – und ich sag dir, wo du wohnst

Neulich hat mich ein Kumpel auf etwas Seltsames hingewiesen.
„Du heißt Jochen – und du bist Journalist“, sagte er.
„Stimmt“, sagte ich. „Und?“
„Ja, fällt dir denn gar nichts auf? Du hast einen Beruf gewählt, der mit denselben Buchstaben anfängt wie dein Vorname. Das war kein rationaler Entschluss. Du hast dir unbewusst etwas ausgesucht, das so ähnlich heißt wie du.“
„Naja“, antwortete ich.

Der Abend nahm seinen Lauf. „Außerdem“, lacht der Mensch auf einmal, „hast du jetzt noch ne Ausbildung zum Coach gemacht. O – C – H. Genau wie in Jochen. Fall gelöst, würde ich sagen.“

Als der Abend länger und die Debatten hitziger wurden, fiel meinem Gesprächspartner überdies auf, dass ich als junger Mensch vier Semester in einer Stadt studiert habe, in deren Name der Name meiner Mutter versteckt ist. „Und zwar Buchstabe für Buchstabe!“

Wir gingen auseinander. Mein Kumpel: triumphierend. Ich: kopfschüttelnd. Denn bei aller Liebe für Sigmund Freud und die Kraft des Unbewussten – man kann es auch übertreiben mit den Zufällen, die angeblich gar keine sind.

Jetzt jedoch muss ich im „Journal of Personality and Social Psychology“ eine ziemlich ausführliche Studie lesen, in der ein paar sehr kluge Menschen dieser These vom „nominativen Determinismus“ auf den Grund gegangen sind, also der Frage, ob unser Name mit darüber entscheidet, welchen Beruf wir wählen. Solche Studien habe ich tatsächlich schon häufiger gelesen. Manche sagen: Ja, so was gibt’s. Andere sagen: Es ist nur Zufall.

Die aktuelle JPSP-Studie hat die Sache mir riesigen Datenmengen und Künstlicher Intelligenz untersucht. Die Autoren kommen zum Ergebnis: Jawohl, es gibt so etwas wie einen nominativen Determinismus. „Dennis“ wird überzufällig häufig „dentist“, „Adam“ endet als „accountant“ usw.
Die Effektstärken sind nicht besonders groß, aber hochsignifikant. Das bedeutet: Natürlich wird nicht jeder Jochen automatisch Journalist, Jongleur oder Jobcoach (!). Doch wenn man sich sehr viele Jochens ansieht, dann merkt man, dass genau diese Berufe etwas häufiger sind als beim Rest der Bevölkerung und dass man diesen Effekt für alle anderen Namen ebenfalls finden kann.

Dasselbe gilt laut der Studie übrigens nicht nur für unseren Beruf, sondern auch für den Ort, an dem wir uns niederlassen.

Was kann man damit anfangen? Nichts (mal wieder). Aber … naja … wer weiß … vielleicht lande ich ja früher oder später in Johannesburg, St. Jose oder Joplin (Missouri).