bookmark_borderCoco riecht wie Amsterdam

Metzger’s Michigan Monday #1

Am Abend lassen wir Coco, die Schäferhündin, immer nochmal kurz raus in den Garten. Sie erledigt dort alles, was zu erledigen ist, um danach eine geruhsame Nacht zu verbringen. Coco ist inzwischen eine alte Hündin, die ihren Weg auf den nachtdunklen Rasen üblicherweise mit gemächlicher Würde zelebriert. Vorgestern jedoch schoss sie an mir vorbei, sobald ich die Tür geöffnet hatte. Unter den Bäumen musste ein Rivale in ihr Revier eingedrungen sein.

Wildtiere – auch wenn sie wehrhaft sind – haben gar keine Lust auf Stress mit einer Schäferhündin. Meist verjagt Coco deshalb alles, was sich in den Garten wagt. Es ist ein einfacher Job mit Gelinggarantie. Coco kommt dann erkennbar stolz zurück ins Haus mit gestellten Ohren und wedelndem Schweif. Diesmal aber kroch sie mit hängendem Kopf zurück ins fahle Licht der Flurlampe. Und als sie sich schließlich verschämt an mir vorbei ins Haus drückte, wusste ich endgültig, was die Stunde geschlagen hatte.

3-Methyl-2-buten-1-thiol (MBT), so verrät mir Wikipedia, ist eine chemisch-organische Verbindung. Sie entsteht unter anderem, wenn man helles Bier zu lange in die Sonne stellt. Das Getränk erhält dann einen so genannten „Lichtgeschmack“, den nur wenige Kenner wirklich schätzen.

MBT ist aber auch eine von mindestens sieben Substanzen, die dem Analsekret des hundeartigen Raubtiers Mephitis mephitis sein typisches Aroma verleiht. Dass dieses Tier gelegentlich durch den Garten meiner Lebensgefährtin streift, wissen wir von unserer Kamerafalle. Zum Beispiel in der groben Aufnahme hier:

Wir haben Coco jedenfalls sofort in die Badewanne gesteckt und im Netz einigermaßen hektisch nach Gegenmaßnahmen gegen „skunk spray“ gesucht. „Tomatensaft“ ist das, was alle im ersten Moment behaupten. Scheint aber nicht wirklich zu helfen. Wir haben uns dann aus Wasserstoffperoxid, Backpulver und Spülmittel einen Brei angeführt, das Fell damit eingerieben, schnell und gründlich ausgespült und noch ne ordentliche Waschung mit Cocos Hundeshampoo nachgelegt.

Was soll ich sagen? Coco stinkt noch 36 Stunden nach dem Zwischenfall, als würde sich jemand direkt neben mir ne dicke Keule anzünden, nen Lungenzug nehmen und mir den Rauch dann mitten ins Gesicht pusten. Es kommt noch ein hart metallisches Aroma dazu, finde ich. Nicki meint überdies, einen groben Erdton wahrzunehmen. Wir können uns gut darauf einigen, dass Coco ein bisschen riecht wie die Altstadt von Amsterdam bei Sonnenuntergang. Kurios auch, dass man über Stunden problemfrei in diesem Duft ausharren kann, dann aber von einem Moment zum nächsten von einem plötzlichen Brechreiz überfallen wird.

Man lernt insgesamt eh nie aus.

Nicki wundert sich, dass es in Deutschland keine Stinktiere gibt.

Ansonsten versuche ich, meinem Teilzeitmitbewohner im Teenie-Alter die deutsche Sprache näherzubringen. Natürlich mit Max und Moritz! Zwei Zeilen kann der Junge schon auswendig. „Jedes legt noch schnell ein Ei – und dann kommt der Tod herbei.“ Ich glaube, er wird sich das für immer merken. Hach, die Hochkultur!

bookmark_borderEin paar tausend Leute – und alle kiffen

Gestern bin ich im Zentrum von Ann Arbor ins heftigste Volksfest meines Lebens geraten. Die Veranstaltung nennt sich „Hash Bash“ (=“Hasch-Fete“) und obwohl ich ja schon ne Menge Zeit hier verbracht hab, ist mir der Name bisher noch nie zu Ohren gekommen. Auch seltsam.

Jedenfalls stolperten da tausende von Leuten über den Campus – und sehr viele davon waren bereits berauscht oder sichtbar am Kiffen.

Am Straßenrand überall Marktstände – für Marihuana selbst, aber auch für die ganzen Waren drumherum. Bongs, Pfeifen, Feuerzeuge, hydroponische Systeme für den heimischen Selbstanbau, Merchandise. Dazwischen auch eine Firma, die Hausdächer verkauft hat. Ich so: „Häh? Ihr deckt die Häuser mit Gras???“ Die Leute so: „Nö, mit Gras hamwer nix am Hut. Aber Hausbesitzer trifft man überall!“ War nicht viel los an ihrem Stand, keine Ahnung, ob die Marketingabteilung das korrekt kalkuliert hat.

Die für mich krasseste Aktion waren Leute, die mit Laubbläsern durch die Menge gefahren oder gelaufen sind und dabei irgendwelchen Qualm in die Menge gepustet haben (der rote Pfeil im Bild unten zeigt auf rauchenden Auslass).

Ich hab erst gedacht: Klar, ist nur Dampf, ein PR-Gag. Also bin ich hingegangen, um mal zu schnuppern. Nämlich hier. Im Bild unten zeigt der rote Pfeil auf, naja, den Rauch halt. Der schwarze Pfeil bedeutet gar nix. Ich war nur zu faul, ihn wieder aus dem Bild zu löschen.

Ich kann jedenfalls bezeugen, dass es sich weder um einen Gag noch um Wasserdampf gehandelt hat. Ich hab erst zwei volle Ladungen von dem Zeug in die Nase bekommen und danach einen Blick in den Pfeifenkopf geworfen. Und das war ganz eindeutig kokelndes Gras. Hat so gerochen. Und auch so gewirkt. Ich war noch beim Frühstück ziemlich benebelt und hab davor zum ersten Mal seit Wochen durchgeschlafen wie ein Baby. Meine Herren!

Überall standen im Übrigen fliegende Händler rum, die ihre Waren angepriesen haben. Mit einigen hab ich ein Schwätzchen gehalten. Alle waren EXTREM glücklich mit den Geschäften. Ich so: „Wie läuft’s?“ Er so: „Dude, was soll ich machen? ALLE sind am Kiffen!“

Ein anderer hat seine selbst angebauten Joints verkauft. „Alles Bio-Ware, du siehst hier den KAVIAR unter den Joints!“ Er hat 20 Dollar pro Joint genommen und anderthalb Stunden vor Ende der Veranstaltung behauptet, schon 800 davon vertickt zu haben.

Es war ein goldener Tag für die Menschen mit dem grünem Daumen.

Neben dem Hiphop-Stand mit der PA-Anlage und den fetten Bässen hat ein Stelzenmann seine Tänze aufgeführt. Ne Band gab’s auch. Deren Gig haben wir aber knapp verpasst und nur noch die letzten paar Akkorde mitgekriegt. Schade.

Jedenfalls. Wirkte das Ganze wie ein Weinfest in der Pfalz – nur halt mit Gras statt mit Riesling.

Interessant auch, dass IRRE viele Leute rumgelaufen sind, um für irgendwas Unterschriften zu sammeln. Für eine neue Kreisrichterin zum Beispiel.
Für einen republikanischen Kandidaten fürs Repräsentantenhaus.
Für eine demokratische Kandidatin fürs Repräsentantenhaus.
Für die Legalisierung von Magic Mushrooms („in Ann Arbor und Detroit sind sie schon legal – im Rest von Michigan aber noch nicht“).
Für einen Mindestlohn von 15 Dollar.
Ich hab dann immer gesagt, dass ich aus Deutschland bin, dann haben sie mich alle in Ruhe gelassen. Ein älterer Herr hat mir aber ne kostenlose Vorlesung über Hash Bash gegeben.

Das Fest findet jedes Jahr Anfang April statt – und zwar schon seit 1972. Es war also das 50. Jubiläum. „Am Anfang ging’s nur um nen Typen, den sie wegen ein paar Gramm Gras eingesperrt haben. Hash Bash war am Anfang reiner Protest.“

Jetzt ist Marihuana in Michigan seit 2019 legal. Die Gouverneurin war über viele Jahre Stammgast bei der städtischen Haschisch-Sause, wie man Wikipedia nachlesen kann. Auch interessant.

Wir waren am Ende unseres Besuchs jedenfalls allerbester Laune und haben wieder was gelernt über Ann Arbor und die Welt.

Eins vielleicht noch: Kiffen ist hier erlaubt. ÖFFENTLICHES Kiffen aber nicht. Eigentlich. Denn an diesem einen Tag im Jahr pflegt die Polizei beide Augen zu verschließen. Wie in der großen Skulptur vor dem örtlichen Kunstmuseum.

Mir gefallen solche Ausnahmetage, wo alle Fünfe gerade und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Es ist eine gute Haltung. Für das Leben und überhaupt.

Jetzt bräuchte ich noch einen klugen Schlusssatz. Aber ich bin noch immer ein bisschen angeschlagen vom gestrigen Passivrauchen. Heute geht’s wieder früh ins Bett.

Peace!

bookmark_borderMusik, Medien, Melancholie

Ums gleich zu sagen: Der Winter in Michigan ist zäh. Mir schlägt das aufs Gemüt. Vielleicht ist es auch der Krieg in Europa. Oder die Anzahl der Covid-Fälle in Deutschland. Alle scheinen gerade krank oder krank gewesen zu sein. Irre. Mir fällt das Schreiben jedenfalls schwer in diesen Tagen, was natürlich doof ist, wenn man damit a) sein Geld verdient und b) auch noch freiberuflich arbeitet, die Einkünfte also sehr direkt abhängig vom eigenen Output sind. Und man will auch keinen im Regen stehen lassen. Aber nun. Niemand soll behaupten, ich würde jammern. Ich sag’s bloß.

Vergangene Woche hat mein Kumpel Scott mich angeschrieben. Ich soll am Samstag kurz vor fünf abholbereit sein und meine Gitarre einpacken. Ich so: Geht klar. Nicki so: Wohin geht’s? Ich so: keine Ahnung.

Und genau so war’s dann am Ende auch. Wir sind ungefähr ne Stunde später irgendwo in Ohio in der Mitte von nirgendwo an einer sehr einsamen und sehr geraden Landstraße links in ein sehr einsames Grundstück eingebogen. Es gab da keine richtigen Nachbarn, nur ein Haus und eine Scheune daneben. In der Scheune stand unten ein Pferd. Es bekommt dort sein Gnadenheu, wenn ich das richtig verstanden habe. Das Dachgeschoss der Scheune hat das Paar, denen die Scheune gehört, jedenfalls zu einer schmucken Räumlichkeit ausgebaut. Und genau da hat Kara ein paar Bilder aufgehängt und in stillen Auktionen zum Verkauf angeboten.

Kara ist eine Bekannte von Scott. Alle im Raum kannten Kara. Manche schon seit Jahrzehnten. Eigentlich kamen alle im Raum aus derselben Kreisstadt im Süden von Michigan. Und dann war da noch Scott. Und dann war da noch ich. Wir haben uns in einer Ecke auf Barhocker gesetzt und ein paar Bluegrass-Stücke gespielt. Scott spielt Banjo, wie ich ja vor Zeiten schon erwähnt habe.

Ja. Wir durften uns Getränke aus dem großen Kühlschrank holen. Aber alles in Maßen. Im Raum hingen zwei Fernseher. Im einen lief College-Basektball, im anderen ein Eishockeyspiel der dritten oder vierten Liga. Die Heimatstadt der Anwesenden spielte um eine Meisterschaft. Es war ne große Sache.

Ich hätte beinahe ein Bild gekauft, wurde aber kurz vor Schluss überboten. So ist das Leben.

Es war ein sehr schöner Abend.

Interessant waren auch die Gespräche. Sie waren anders als die Gespräche in Ann Arbor. Zum Beispiel Corona. Niemand hat über Corona gesprochen. Niemand hat eine Maske getragen. Man muss dazusagen, dass es hier im Moment so gut wie keine Fälle gibt.

Und dann die Ukraine. Niemand hat darüber gesprochen. Oder. Vielleicht hat schon jemand davon gesprochen, aber ich hab’s nicht gehört.

Die Leute haben etwas betrieben, was man im Englischen als „catching up“ bezeichnet: einander auf den neuesten Stand bringen. Ich hab mal ne Geschichte drüber geschrieben. Es gibt ein paar empirische Hinweise darauf, dass „catching up“ zu den drei wichtigsten Sprechakten gehört, um die Gelenke, Muskeln und Sehnen einer Freundschaft geschmeidig zu halten.

„Wie geht’s eigentlich Deiner Cousine?“
„Danke, sehr gut. Sie lebt jetzt mit ihrem Mann in New Mexico.“
„Jaja, toll. Ich bin ja mit ihr in die Grundschule gegangen.“
„Weiß ich doch, weiß ich doch.“
„New Mexico ist toll“.
„Ja, New Mexico ist toll. „
(zu mir) „Weißt Du, dass allein in Detroit mehr Leute leben als in ganz New Mexico?“
(ich): „Nö, wusste ich nicht. Heftig.“
„Jaja, kannste mal sehen. Schön ist es da in New Mexico. Aber miese Schulen. Niemand dort geht zur Schule.“

Wie gesagt: Es war ein sehr schöner Abend.

In der Überschrift hab ich versprochen, was über die Medien zu sagen, also muss ich das Ei jetzt auch legen. Die Medien also. Wie soll ich sagen? Ich meide seit einigen Tagen die amerikanischen Fernsehnachrichten. Etwas behagt mir nicht an ihnen. Nämlich: Dass es die Guten gibt und die Bösen. Und dass es sich so gut anfühlt. Hab ich schon mal gesagt. Aber es stimmt noch immer. Mein Kumpel Sören hat es auch gesagt, als wir am Wochenende telefoniert haben. Es ist ganz seltsam. Warum fühlt sich die Sache mit Gut und Böse so gut an? In der Psychologie gibt es die Faustregel, dass wir, sobald wir in eine Story die Kategorien Gut und Böse einbauen, – zack – mit einem Schlag 20 IQ-Punkte verlieren. Ich glaub nicht, dass es Studien dazu gibt, aber der Satz klingt einfach zu gut, um ihn für sich zu behalten. Jedenfalls: Die Nachrichten im Moment machen dumm.

Ich weiß: Irgendwie sind gerade alle im Krieg. Und im Krieg gelten andere Regeln. Trotzdem: Was ich hier sehe, ist keine Berichterstattung, sondern Propaganda. Und die Sendungen folgen allen Regeln, die jemals darüber geschrieben wurden. Hier: echt Menschen mit Namen und Schicksalen, die kein menschliches Herz kalt lassen. Dort: Maschinen. Flugzeuge. Panzer. Lastwagen. Kanonen.

Es ist alles wieder wie damals im kalten Krieg.

Klar, das ist nur eine Facette von vielen. Man könnte noch viele andere Dinge sagen. Information ist eine Waffe. Also schärfen wir die Äxte. Vielleicht dient alles einem guten Zweck.

Aber es gefällt mir nicht. Und ich schalte nicht mehr ein.

Obwohl ich weiß, dass das natürlich auch keine Lösung ist.

Hab ich gesagt, dass mir das Schreiben dieser Tage schwer fällt? Es ist schwer, weiter alles ernst zu nehmen, was die Leute so treiben in ihrem Leben.

Ansonsten: Ein Streifenhörnchen ist heute der Katze vor der Nase rumgetanzt und hat Glück gehabt, nicht gefressen zu werden.

bookmark_borderNationale Selbstüberschätzung? Gibt’s überall. Aber in Russland vermutlich mehr als anderswo

Ich weiß nicht genau, wie ich es sagen soll, aber seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine hat es mir irgendwie die Sprache verschlagen. So viele Gedanken im Kopf. Aber dann: Wenn alle ne Meinung äußern, neige ich zum Schweigen und warte ab, bis ein Gedanke kommt, den nicht eh schon jeder andere zwei oder drei Mal öffentlich geäußert hat.

Gestern hat mich so ein Gedanke heimgesucht und ich wundere mich, dass er so lange gebraucht hat, um sich bei mir zu melden.

Ende 2020 hab für Psychologie Heute eine Geschichte geschrieben, in der es um kollektiven Narzissmus und nationale Selbstüberschätzung ging. Dieser Tage hab ich mich für ne andere Story wieder mit Selbstüberschätzung befasst und vermutlich hat das meine Erinnerung an diesen Forschungszweig wieder aufgefrischt.

Jedenfalls. Gab es da diese Studie im Journal of Applied Research in Memory and Cognition, wo man in 35 Ländern gefragt hat: Wie groß ist eigentlich der Anteil DEINES Landes an der Weltgeschichte? Am bescheidensten hat dabei die Schweiz abgeschnitten. Die Schweizerinnen und Schweizer waren der Ansicht, dass ihr Land 11,3 Prozent der Weltgeschichte geprägt hat. Das ist ein relativ hoher Wert für ein Land, das 0,11 Prozent der Weltbevölkerung stellt. Man könnte sagen, dass das nationale Selbstbild der emsigen Eidgenossen ungefähr 100 Mal größer ist als das Land selbst. Wie gesagt: Nirgendwo sonst war man bescheidener.

In Deutschland lag die Selbsteinschätzung übrigens bei 30 Prozent der Weltgeschichte – das bedeutet einen Platz im soliden Mittelfeld. Nix, worauf man stolz sein könnte: Es ist ein Wert, der an Wahnsinn grenzt. Ein einziges Land stellt in der Studie einen krassen Ausreißer nach oben dar. Dort war man der Ansicht: „Für mehr als 60 Prozent der Weltgeschichte sind WIR verantwortlich.“

Und wenn man jetzt raten müsste, dann würden die meisten vermutlich auf die USA tippen.

Aber daneben. Dieser Ausreißer nach oben war: Russland.

Tja.

Wenn ich in den Medien diese vage Hoffnung vernehme, dass die russische Bevölkerung ihres geltungssüchtigen Anführers bald überdrüssig werden könnte – dann hab ich da wenig Hoffnung. Klar, man soll nicht voreilig schließen. Aber ich würde mal vermuten, dass man den Leuten dort im Staatsfunk genau das füttert, was sie eh schon glauben.

Genau wie uns halt auch.

Darüber aber dann mehr am Wochenende.

bookmark_borderZahnarzt-Gespräche in den USA laufen entspannter – es liegt an einem Trick mit der Körpersprache

Gestern hab ich hier in Michigan nach meinen Zähnen sehen lassen. Es gibt für alles ein erstes Mal. Oben der Apfel: Das bin ich. Die Knoblauchzwiebel: Das ist die Zahnärztin. Das Bild soll nur nochmal in Erinnerung rufen, wer sich bei einer Zahnbehandlung wo im Raum befindet.

Naja. Viele Dinge laufen beim Zahnarzt ähnlich wie in Deutschland. Andere Dinge laufen anders. Zum Beispiel hängt das Röntgengerät an der Wand im Behandlungszimmer. Man muss – anders, als ich das aus Hamburg kenne – den Behandlungsstuhl für eine Aufnahme nicht verlassen. Ist das besser oder schlechter? Weiß ich auch nicht.

Was mich am meisten überrascht und ins Nachdenken gebracht hat, war aber die Kommunikation der Zahnärztin mit dem Patienten (also mit mir). Es lief irgendwie ganz anders ab, als ich das von zu Hause kenne. Aber was genau war anders? Hat sie sich mehr Zeit genommen? Hm. Vielleicht ein bisschen. Hat sie über andere Dinge gesprochen? Hm, nicht wirklich.

Es war eher so, dass sie sich nicht wie eine Zahnärztin verhalten hat, sondern wie ein ganz normaler Mensch, also ohne eine eng definierte Rolle. Ich konnte im ersten Moment aber nicht sagen, wie genau sie das hingekriegt hat. Es war mehr so ein Gefühl. Aber das Gefühl war sehr präsent.

Über Nacht ist mir der entscheidende Trick dann aber doch aufgegangen – die meisten hätten es vermutlich sofort kapiert: Es lag an ihrer Position im Raum. Die sah nämlich folgendermaßen aus:

Sie (Knoblauchzwiebel) saß auf einem Stuhl auf der LINKEN Seite des Behandlungsstuhls (gefaltete Platzdecke). Und zwar jenseits des Fußendes, also weit mehr als eine Armeslänge entfernt von mir (Apfel). DAS war das ganze Geheimnis. Normalerweise kenn ich das so, dass der Zahnarzt auf der Behandlungsseite sitzt, während wir reden. Er befindet sich sozusagen schon komplett in Behandlungsbereitschaft.

Dieser Tage hab ich mich beruflich mal wieder mit den Versuchen von Iwan Pawlow und seinen Hunden befasst. Man kennt das ja schon: Pawlow läutet eine Glocke, kurz bevor der Hund sein Fresschen kriegt. Nach ein paar Durchläufen produziert der Hund Speichel, sobald die Glocke läutet – auch wenn nirgendwo eine Mahlzeit zu sehen oder zu riechen ist. Man sagt dann: Der Hund wurde auf die Glocke „konditioniert“ (in Wahrheit hat Pawlow nie mit einer Glocke gearbeitet, sondern meist mit einem Metronom, aber egal).

Jedenfalls ist das die ganze Story: Die Zahnärztin rechts des Behandlungsstuhls, keine Armeslänge vom Patienten entfernt – das ist bei mir und vermutlich bei vielen anderen auch ein konditionierter Reiz. Er verheißt Pein und Unbehagen, auch wenn noch gar kein Bohrer summt. Die Zahnärztin auf der LINKEN Seite dagegen, zwei Meter vor mir entfernt – das ist einfach ein Mensch, der sich mit mir unterhält.

Tja. Ich war während des Gesprächs auf eine Art und Weise entspannt, die mich völlig überrumpelt hat. Es hat sich angefühlt, als wär‘ das hier gar keine ernste Sache, sondern einfach eine lässige Unterhaltung am Nachmittag.

So einfach.

So clever.

Ich schreib das hier mal auf. Vielleicht inspiriert es ja jemanden dazu, Dinge in Zukunft anders zu machen. Oder. Vielleicht ist das in manchen Praxen in Deutschland ja heute schon üblich, nur nicht dort, wo ich so abzuhängen pflege. Vielleicht ist meine neue Zahnärztin auch die einzige, die das hier in Michigan so macht.

Ich weiß es nicht.

Aber so war es jedenfalls gestern, und es hat mir gut gefallen.

bookmark_borderEine TV-Offenbarung und noch mehr Tischtennis und seine sozialen Regeln

Gestern hat mir Nicki eine TV-Offenbarung beschert und per Streaming ein paar Folgen der amerikanischen Serie Schoolhouse Rock über den Schirm flimmern lassen. Das sind trippige Zeichentrick-Filme zu interessanten Popsongs aus den frühen 1970er Jahren. Kann sein, dass die eh jeder kennt. Ich jedenfalls sehe sie zu ersten Mal. In den Texten geht es um Mathe, Landeskunde oder Grammatik. Ganz toll finde ich zum Beispiel den Song Conjunction Junction, in dem die grammatische Kategorie der Konjunktion erklärt wird. tldr: Mit „und“, „oder“ und „aber“ ist man stets auf der sicheren Seite. Zack – fertig! In einem entsprechenden Song über die „Interjektion“ heißt es: Nach der Interjektion kommt ein Ausrufezeichen. Oder ein Komma, wenn die Emotion dahinter nicht sehr stark ist. Bin völlig begeistert.

Ansonsten: Weil die Coronazahlen niedrig sind, hab ich zum ersten Mal in den USA ein Tischtennis-Turnier gespielt – in einem Städtchen namens Davison bei Flint (Michigan). Flint kennt man aus den Nachrichten wegen des versuchten Trinkwassers dort. Ganz traurige Story um die tiefdunklen Seiten des Kapitalismus. Jedenfalls veranstaltet der „Davison Athletic Club“ regelmäßig kleine Turniere, was ich sehr zu schätzen weiß.

Über dem Eingangstresen hat man, wie das hier üblich ist, einige Flaggen aufgehängt: das Land, der Staat, die Gemeinde. Immer wieder erstaunlich finde ich die Tatsache, dass die Flagge von Michigan einen lateinischen Wahlspruch enthält, der zugleich die Lieblichkeit der Halbinsel besingt und einen Hang zur klassischen Bildung demonstriert: „Si Quaeris Peninsulam Amoenam Circumspice.“

Erstaunlich auch die Architektur. Im Athletic Club steht jede Tischtennisplatte in einem eigenen Raum. Man hat sie vor Turnierbeginn einfach in eine Art Squash-Zelle geschoben. Das ist toll, weil anders als sonst niemals querfliegende Bälle aus anderen Matches den Spielfluss unterbrechen. Die Stimmung während der Spiele ist allerdings schwer zu beschreiben. Man hat das Gefühl, ganz allein in einer Privatgarage oder einem Hobbykeller zu spielen, nur halt mit mehr Platz drumrum. Was dabei völlig fehlt, ist die Atmosphäre von Öffentlichkeit, die ich von Turnieren aus Deutschland kenne.

Auch interessant: Wenn man (wie ich) zum ersten Mal in den USA spielt, kann man per Definition nicht gewinnen, weil man nämlich noch kein „Rating“ hat und deshalb mit der Ziffer „0“ eingestuft wird. Denn was ergibt eine Multiplikation mit 0? Eben! Hat trotzdem Spaß gemacht. Der Turnierorganisator hat mir Väterlich die rechte Pranke auf die Schulter gelegt: „Tröste dich, nach diesem Turnier hast du ein eigenes Rating – und beim nächsten Mal kannst Du dann auch ne Medaille kriegen, wenn du dich anstrengst.“ Sport ist toll, weil die Welt darin ganz klein wird, ganz einfach und unkomplex. So verbindet sich die körperliche Bewegung mit einer Erleichterung fürs Gehirn – mehr Eskapismus geht nicht.

Viele Dinge sind beim Tischtennis in den USA aber genau wie bei uns. Für mich das Wichtigste: Auf einmal kommt man mit Leuten zusammen, denen man ansonsten niemals über den Weg laufen würde. Wir kommen aus allen Ecken der Welt, aus Korea, China, Indien, Pakistan, Nepal, aus Europa, aus den USA (mit Vorfahren von überall). Da spielen Medizinstudenten, Marketingleute, Köche, Ingenieure, Freiberufler, Angestellte, Unternehmer, Rentner, Schulkinder … alle auf einem Haufen. Okay, es gibt eine gewisse Häufung von Menschen, die irgendwas mit der Automobilindustrie zu tun haben, aber das scheint mir bei der Nähe zu Detroit nicht weiter verwunderlich.

Nicki sagt: Die Sache erinnert sie an das Argument von Robert Putnam in seinem Buch „Bowling Alone„, in dem er sich die nachbarschaftlichen Bowling-Ligen angesehen hat und wie sie Brücken schlagen zwischen getrennten sozialen Gruppen. „Bridging social capital“ ist das, was Gemeinschaften erst zu Gemeinschaften macht. In Deutschland übernehmen das die Vereine, deren Bedeutung man deshalb gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Gleich wieder Schnee schaufeln. Bowling alone – aber immerhin für einen guten Zweck.

bookmark_border67 Hundehaufen und ein wenig Tischtennis

In den vergangenen Tagen ist es wärmer geworden, was den Schnee schmelzen ließ. Dies ist Jahr für Jahr das Signal für eine etwas lästige Vorübung für die Ostertage. Denn Coco, die Hündin, pflegt bei ihrem täglichen Morgengang übers Grundstück das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, die Resultate verbirgt für ein paar Wochen der Schnee. Nach dem Tauwetter schnappt sich der Mensch also eine Schaufel, um den Rasen zu säubern. Heute waren’s am Ende 67 Hundehaufen.

Was ich damit sagen will: Viele Dinge sehen am Anfang weiß und geschlossen aus, wie eine lineare Geschichte, bei der ein Element sich ohne Naht und Saum an das andere reiht. Aber wenn man dann eine Weile wartet, verschwindet die geschlossene Erzählung. Dann nimmt man die Schaufel um räumt den Unrat beiseite. Haufen für Haufen.

Man kann natürlich auch warten, bis Zeit und Kleinstorganismen den Job gemeinsam erledigen. Man muss dann halt etwas länger drauf achten, nirgendwo reinzutreten.

Das geht auch.

Manchmal lese und sehe ich Dinge in den Nachrichten und denke mir still: Mal sehen, was zutage tritt, wenn der Schnee schmilzt. Und wer dann alles wegräumt.

Ansonsten war ich beim Tischtennis. In Amerika gelten dabei genau dieselben Regeln wie bei uns. Aber die sozialen Regeln drumherum sind ein wenig anders. In Hamburg, wenn ein Neuer auftaucht, spricht ihn jemand an und fragt ihn, ob er nicht ein paar Bälle spielen will. So läuft es in Deutschland.

In Amerika läuft es anders, zumindest wenn, wie gestern, mehr Menschen als Plätze in der Halle sind. Dann stellt man seinen Schläger an die Seite einer Platte. Die beiden Spieler müssen dann sofort ein Match beginnen. Wer verliert, räumt den Platz für den Neuen. Und dann spielt man da an der Platte, bis wer anders den Schläger an die Seite stellt und man selbst um seinen Verbleib in einen Wettbewerb treten muss.

Das klingt erstmal herzloser als bei uns, hat aber einen interessanten Effekt, den ich am Anfang nicht durchschaut habe. Die Regeln erziehen einen dazu, möglichst ein Paar von Spielern zu fordern, bei denen man denkt: Gegen beide könnte ich vielleicht gewinnen. Wenn man nämlich zu starke Spieler fordert, bleibt die Zeit an der Platte ein kurzes Vergnügen.

Man lernt nie aus.

bookmark_borderUnser Podcast steht zwei Wochen auf Platz eins – und ein paar Gedanken über „Affordanzen“

Seit drei Wochen ist der Podcast draußen, bei dem ich irgendwie mit beteiligt bin. Und ich muss sagen: Es ist eine merkwürdige Erfahrung. Und zwar: wegen der Affordanzen des Mediums.

Aber der Reihe nach. „Sag mal, Du als Psychologin … “ steht jetzt seit zwei Wochen fast ununterbrochen auf Platz eins dieser Audible-Hitliste. Das ist natürlich toll. Denn ich habe eine Menge Arbeit in das Projekt gesteckt (und noch mehr Arbeit wird folgen). Es dauert alles erheblich länger, als ich vorher gedacht habe. Deshalb: Wär schon doof, wenn’s keiner hören würde.

Andererseits ist es auch seltsam und befremdlich. Denn warum steht der Podcast da oben? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht.

Ein Grund ist vermutlich das Ranking selbst. Rankings sind immer unfair und eine sehr einfache und wirksame Form der Manipulation. Nur ein einziger Spieler profitiert davon – nämlich derjenige, der ganz oben steht. Es gibt Untersuchungen dazu. Allein die Tatsache, DASS ein Podcast dort steht, bringt viel mehr Leute dazu, sich das auch anzuhören, was wiederum höhere Klickzahlen bedeutet. Man steht also noch ein paar Tage länger dort oben, mehr Leute klicken usw. Es ist ein sich selbst verstärkender Mechanismus. Er hat dem Podcast, wie ich vermute, jetzt schon viele Hörerinnen und Hörer verschafft, die sich die Sache ohne das Ranking und die damit verbundenen Sichtbarkeit niemals angehört hätten.

Manche davon werden sich denken: „Och, ganz nett, ich hör mal weiter.“ Darüber freu ich mich.

Aber ganz viele werden natürlich auch denken: „Das ist der größte Mist, den ich je gehört habe.“ Denn dafür findet man ja immer einen Grund. Weil die Show zum Beispiel nicht so gut ist, wie sie sein könnte. Oder weil sonst was im Leben gerade schlecht läuft. Jemand hat sogar behauptet, wir hätten uns abfällig über Dialekte geäußert, was mich als alten, auf dem Land aufgewachsenen Badener, als Schupfnudelmacher, Spätzle- und Dampfnudelkoch natürlich schwer trifft. Mein Sohn meint: „Papa, man kann Dir ja ne Menge vorwerfen – aber DAS???“

Ahhhh, Dampfnudeln!

Naja. Egal. Oben hab ich was über Affordanzen gesagt. Das ist ein schillernder Begriff. Die Leute, mit denen ich hier in den USA abhänge, definieren ihn so: Die Affordanz ist eine Möglichkeit, etwas zu machen. Eine „facettenreiche Beziehungsstruktur zwischen einer Technologie und einem Nutzer, welche innerhalb eines bestimmten Kontexts ein bestimmtes Verhalten ermöglicht oder verhindert“. Ja, sie schreiben kompliziert, diese Professorinnen, wenn man sie lässt. Ich formuliere die Sache für mich gröber aber verständlicher: Eine Affordanz ist das, was man in den Augen eines Users alles mit einer Seite anstellen kann. Zum Beispiel … 
… Kommentare hinterlassen
… Kommentare als hilfreich bewerten
… Bewertungen hinterlassen
… Kommentare und Bewertungen lesen
… Bewertungen als Durchschnittszahl sehen
… Durchschnitts-Bewertung in Stern-Symbolen sehen
… sehen, wie beliebt ein Produkt ist … und so weiter.

Die Eidechse sonnt sich auf dem Stein. Aber sie kann sich auch darunter verstecken. „Sonnendeck“ und „Unterschlupf“ sind die Affordanzen des Steins aus Sicht der Eidechse.

Für Sisyphos bestehen die Affordanzen des Steins in seiner Hochrollbarkeit und seiner Eigenschaft, wieder runterzukullern und dabei von oben missmutig bestaunt zu werden. Und vermutlich gibt’s dazu noch die Affordanz des „täglich im Terminkalender Stehens“. Und die Affordanz der ewigen Dauer, denn die Qual des Helden endet nie.

Am Anfang hält man den Affordanz-Begriff noch für eine Luftnummer, doch in Wahrheit ist er wahnsinnig nützlich, vor allem, um soziale Medien zu verstehen. Ich hätte zum Beispiel Snapchat und den Charme dieser App viel früher verstanden, hätte ich damals schon etwas über Affordanzen gewusst. Snapchat hat damals die „Affordanz der Ephemeralität“ eingeführt. Die geteilten Inhalte waren flüchtig und vergänglich, verschwunden nach wenigen Sekunden. Sie waren wie das gesprochene Wort, der Wind weht es davon. Man spricht offener, wenn man weiß, dass niemand heimlich mitschneidet. Das mochten die jungen Leute. Sie konnten schnell irgendwelche Sachen raushauen, ohne später dafür abgestraft zu werden. Das war toll – und Facebook ratzfatz eine Plattform für Erwachsene mit grauen Schläfen.

Naja. Die oben genannten Affordanzen jedenfalls, die Sterne, Bewertungen und Kommentare und all das – kann sein, dass sie jemandem helfen. Mir helfen sie nicht. Ich glaube, dass sie die falschen Anreize setzen. Ich freu mich aber über Emails und Kurznachrichten. Wenn Ihr die Sache gehört habt und über was diskutieren wollt – immer her damit. Ich rede gerne mich Menschen und glaube, dass Gespräche die Welt und uns selber besser machen.

Ansonsten stell ich mir vor, dass manche ihre Freude an unseren Podcast-Unterhaltungen haben und freu mich darüber, so lange ich kann.

bookmark_borderLeidenschaft für Pasta

Wenn man wissen will, was einen von innen her antreibt, dann kann man ins Internet gehen und einen Fragebogen ausfüllen. Der „Charakterstärkentest“ der Uni Zürich dauert ewig und nervt enorm – aber die Ergebnisse können wahnsinnig erhellend sein. Ich habe daraus jedenfalls einige Dinge über mich gelernt, zum Beispiel, dass ich mich wahrhaft und mit unerschöpflicher Energie begeistern kann, wenn jemand anders etwas richtig, richtig toll macht.

Und genau sowas ist mir jetzt wieder mal begegnet. Ich hab jemanden getroffen mit maximaler Leidenschaft für Pasta. Zum Beispiel für diese Pasta hier. Sie befand sich in seinem Familienkühlschrank, er hat sie mir geschenkt.

Und das kam so: Nicki und ich waren in San Francisco auf der SPSP, der wichtigsten Forschungskonferenz für Sozial- und Persönlichkeitspsychologie. Und durch eine Verkettung von Zufällen fand ich mich plötzlich wieder am Abend in einem kleinen Privat-Häuschen, in dem ich außer meiner Partnerin praktisch keinen kannte.

Die Gastgeber hatten eine Dachterrasse, von der aus man über die Bay und die halbe Stadt gucken konnte. Es war sozusagen eine „Bayview“-Terrasse. Die Leute waren alle gut drauf und mit besten Absichten unterwegs.

Und dann bin ich ins Gespräch mit dem Gastgeber Joshua gekommen und wir haben uns, wie das so zu gehen pflegt, auf einmal festgequatscht über gutes Essen, einfaches Essen, ehrliches Essen. Es hat sich rausgestellt: Es ist gelernter Koch. Aber seit ein paar Jahren hat er seine eigene kleine Firma, er macht Vollkornpasta. Angefangen hat die Sache damit, dass er Weizen von irgendwelchen Bauern aus der Gegend gekauft und mit einer Handmühle zu Mehl gemahlen hat. „Ich verstehe nicht, warum nicht alle ihre eigene Handmühle haben“, sagt er. Und wenn ich so drüber nachdenke … dann versteh ich das auch nicht. Mein Kumpel Kai hat eine eigene Mühle und macht sich daraus seine eigenen Haferflocken, was tatsächlich viel, viel besser schmeckt als das Zeug aus Elmshorn.

Joshua hat mir jedenfalls ein paar Packungen aus seinem eigenen Kühlschrank mitgegeben, einfach so zum Probieren.

Ich bin im süddeutschen Spätzle-Gürtel aufgewachsen und habe sowohl in Hamburg als auch Michigan meine eigene Spätzlemaschine in der Küche liegen. Sie bleiben nie lange unbenutzt. Ich bin Traditionalist und rühre Vollkornzeug nicht an.

Eigentlich. Denn DIESES Vollkornzeug hier ist einfach der Hammer. Die Pasta schmeckt intensiv und nach einem Boden, den man selbst mit dem Spaten umgegraben hat. Die Textur ist zart und rund und schmeichelnd. Ich habe nicht gewagt, eine Soße über die Pasta zu kippen. Nur ein bisschen Olivenöl und ein bisschen Parmesan. Es war ganz toll.

Hier hab ich einen Screenshot von Joshuas Homepage gemacht, also: von seiner Firma „Bayview Pasta“. Seht Ihr das Logo auf der Homepage? Es zeigt Joshuas Handmühle.

Und hier noch ein zweiter Screenshot, der Meister im Mehl. Ich hab ihn vollgelabert mit Vermeer, der immer wieder Menschen wie ihn gemalt hat. Menschen, die allein in einem Raum abhängen mit nur einer Lichtquelle und dabei ihrer Aufgabe nachgehen, ihrer Tugend, ihrer Bestimmung. Das gute Leben als Gemälde. Naja.

Man kann seine Sachen nur in San Francisco kaufen, sagt er. Es gab Anfragen von anderswo. „Aber was soll ich das Getreide aus Kalifornien nach sonstwohin fahren lassen? It doesn’t make any sense.“

Jedenfalls … wenn ich Leute wie Joshua treffe, dann ist das Leben schön und ich kann nicht anders, als die Geschichte weiterzuerzählen.

Und morgen geh ich los und kaufe meine eigene Getreidemühle. Vielleicht.

bookmark_borderWer will nen Laden in San Francisco aufmachen?

Gestern nen krassen Spaziergang durch die Oakland Hills gemacht. Man hat da diesen Blick über die San Francisco Bay. Oben auf dem Bild sieht man z.B. die Golden Gate Bridge und rechts davor Alcatraz mitten im Wasser. Es ist wahnsinnig schön hier und ich verstehe, warum so viele Menschen versuchen, sich in dieser Gegend niederzulassen.

Wir sind hier, weil wir der SPSP-Konferenz beiwohnen. Das ist eine Forschungskonferenz, bei der viele schlaue Menschen ihre Studien aus der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie vorstellen. Ich war schon häufiger dabei und hab jedesmal irre viel gelernt und – klar – auch neue Geschichten mitgebracht, zum Beispiel für Psychologie Heute oder P.M.

Seit ner Woche hab ich auch diesen Psychologie-Podcast bei Audible am Start. Er heißt „Sag mal, Du als Psychologin“ und ich unterhalte mich dabei mit Barbara Lich und Muriel Böttger über alle möglichen Psycho-Themen. In Folge eins: über Persönlichkeit. In Folge zwei: über Motivation. Diese Folge ist seit heute abrufbar. Checkt es aus und schreibt mir was dazu. Wir fangen erst an damit und können in Zukunft bestimmt viele Dinge besser machen. Vielen Dank für Eure Hilfe!

Ein Wort über den Zugang: Man braucht ein Audible-Abo, um den Podcast zu hören. Das ist einerseits schade, aber andererseits … kann man auch einfach ein kostenloses Probeabo abschließen und sich einen Reminder für in zwei, drei Wochen in den Kalender schreiben. Dann kündigt man wieder und der Spaß kostet gar nix. Und vielleicht bemerkt man unterwegs, dass einem viele der Sachen dort gefallen und dann bezahlt man halt Geld dafür und macht weiter. Alles ist möglich und wer weiß, wohin es führt.

Jedenfalls: Heute in der Mittagspause einen Spaziergang durch San Francisco gemacht. Ganz stumpf: einfach die Market Street runter zum Fähranleger – wie alle Touristen. Ich hab das schon ein paar Mal gemacht in meinem Leben. Vor zwei Jahren haben Nicki und ich ja ne Weile im Silicon Valley gewohnt, bevor uns die Pandemie von dort vertrieben hat.

Die Gebäude in San Francisco sind immer noch hübsch. Manche von ihnen können reden. Dieses Gebäude zum Beispiel sagt: Der S&P 500 hat einen schlechten Tag.

Ich hingegen habe keinen schlechten Tag, denn ich kann mich draußen bewegen, mir einen Kaffee aus einem der Läden holen, mir ein belegtes Brot kaufen, und das belegte Brot schmeckt ausgezeichnet. Außerdem scheint die Sonne, ich lebe also, wie man so sagt, ein sehr privilegiertes Leben. Daran besteht überhaupt kein Zweifel.

Dennoch komme ich nicht umhin, ein paar Dinge zu bemerken. Zum Beispiel: Vor rund zwei Jahren war hier mehr los. Viel mehr. Wer will nen Laden in San Francisco aufmachen? Keiner! Ich fange irgendwann an, Fotos von all den leerstehenden Läden zu machen. Auf der Market Street gibt es eigentlich keine leerstehenden Läden. Denn dies hier ist eine supersupersupertolle Lage. Zumindest war das vor der Pandemie so. Jetzt hingegen:

Außerdem nehmen die Straßenhändler am Ferry Building nur Bargeld und keine Kreditkarten. Ähhh. Moment. Nein. Es ist genau umgekehrt. Die Straßenhändler nehmen gar kein Bargeld mehr. Es passt alles nicht so richtig zusammen.

Immerhin hab ich hier auf der Konferenz schon ein paar richtig tolle Vorträge gehört.

Über einen der vielen Gründe, warum Frauen seltener als Männer befördert werden.

Über Fake News in den sozialen Medien.

Über ein hammertolles Projekt aus dem Irak, wo man junge Christen und Muslime über gemeinsame Fußballmannschaften wieder miteinander ins Gespräch und sogar in Freundschaften gebracht hat.

Über Interventionen, mit denen man junge Leute dazu bringen kann, weniger zu saufen.

Über Paare während der Pandemie: Wer ist gut durchgekommen und wer nicht (erwartbar: Paare mit Kindern hatten es während der Lockdowns erheblich schwerer als Paare ohne Kinder)?

Dann war da noch dieser wirklich sehr detaillierte Vortrag über die Rolle der Dankbarkeit in romantischen Beziehungen. Ich sehe schon die Überschrift vor meinem inneren Auge: „Wie Dankbarkeit die Liebe stärkt“. Würd‘ ich lesen wollen … aber man weiß nie so richtig, welche Forschungsrichtung am Ende den Zuschlag der Redaktionen kriegt.

Und dann gab’s bei einem der Kaffeehöker noch ne Lebensweisheit to go – ganz umsonst. Life is good.