bookmark_borderMeine erste Deutschstunde

Hatte dieser Tage doch tatsächlich meine erste Deutschstunde. Und zwar an der University of Michigan. Ich hab ja schon andernorts von meiner verspäteten Physiotherapie berichtet. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich danach noch ordentlich anzuziehen. Schließlich sollte ich als „Journalist und Buchautor aus Deutschland“ den jungen Leuten was über meine Werke berichten. Da wollte ich – als Repräsentant von Heimat und Handwerk – nicht in Lumpen erscheinen. Tja. Wie man auf dem Bild oben sehen kann: Daraus wurde nichts. Ich war spät dran und musste mich sputen, um noch pünktlich am East Quad zu erscheinen, einem alten Uni-Gebäude in der Innenstadt von Ann Arbor. Dort veranstaltet eine der Uni-Deutschklassen immer zur selben Zeit eine Kaffeestunde, der die kluge Erfinderin den schönen Namen „Kaffeestunde“ gegeben hat.

Man sitzt dann im Hof eines Wohnheims, trinkt Tee oder Kaffee, zieht sich leckeres Gebäck rein, auf das man, wenn man möchte, noch schön Nutella packen kann (gibt’s bei Aldi) – und redet dabei über Sachen in deutscher Sprache. Heute also: Der Typ aus Hamburg erzählt was über eines seiner Bücher. Ich hab ja nur zwei. Beim zweiten geht’s unter anderem um Krieg und Trauma. Die jungen Leute sind eh schon gestresst. Da red ich also lieber über das erste Buch: „Alle Macht den Kindern“, unser Familienexperiment, bei dem die Kinder – vor inzwischen elf Jahren – einen Monat lang zu Hause das Kommando übernommen haben.

Hat mächtig Spaß gemacht, die Deutschstunde. Die jungen Leute haben gut zugehört und hinterher schlaue Fragen gestellt. Und sie waren ausgesprochen freundlich. Danach noch über ihr Studium geredet. Wofür sie sich interessieren, welche Sorgen sie sich machen. Bei manchen ist das Deutsch schon richtig gut. Aber auch bei den Anfängerinnen merkt man, was für Lernraketen hier so an der Uni rumhängen und wie schnell die sich neue Sachen aneignen. Ganz toll und beneidenswert. Die Studierenden sind alle ungefähr im Alter meiner Kinder, was halt auch irgendwie seltsam ist. Sie blicken auf Lara und Jonny wie auf sich selbst, als sie noch Kinder waren. So ein Publikum hatte ich noch nie. Ich frage: „Wer von Euch hatte strenge Eltern?“ – Ein Finger geht in die Luft. „Wer hatte mehr so Eltern wie mich?“ – Alle anderen Finger gehen nach oben. Seufz. Man hält sich ja fast immer für was Besonderes. Und dann so was.

Witzigerweise war das schon das zweite Mal auf dieser Reise, dass ich den Leuten was über „Alle Macht den Kindern“ erzählt habe. Ungeplant und überraschend. Irgendwann muss ich das selber nochmal lesen.

Wenn ich wiederkomme, will ich Karein, der Dozentin, ein paar Exemplare des Buches in die Hand drücken, damit die jungen Leute darin lesen können, wenn sie wollen. In Hamburg im Regal stehen noch ein paar davon rum, zumindest von der Taschenbuchausgabe.

Sowieso: Wenn ich Glück habe, lädt Karein mich nochmal ein, wenn ich wiederkomme. Die Aufwandsentschädigung hab ich abgelehnt. Fühlt sich nicht richtig an, dafür Geld zu nehmen. Jetzt stell‘ ich mir jedenfalls vor, dass in ein paar Wochen oder Monaten die jungen Leute alle noch viel besser geworden sind mit ihrer Fremdsprache. Und darauf freu ich mich heute schon.

bookmark_border293 Dollar für eine Stunde Physiotherapie

Hab ja neulich von meinem Arztbesuch erzählt, weil mein Knie zwickt. Jetzt war ich zum ersten Mal hier in Ann Arbor bei der Physiotherapie. Auch wieder im selben Gebäude, der Sportmedizinischen Abteilung der University of Michigan. Hab aber aus Versehen auf der falschen Seite des Gebäudes geparkt. Mein Fußweg ging deshalb vorbei am Haupteingang von Domino’s Pizza.

Dann durch lange Flure zur Sportabteilung geirrt. Überall Teppichboden. Die Stimmung im Gebäude ist sehr ruhig, sehr gelassen. Man hat das Gefühl, dass genügend Geld im System steckt und die Menschen, die hier arbeiten, nicht zu darben brauchen.

Den Aufkleber auf dem Foto ganz oben krieg ich am Eingang zu den Sportmedizinern verpasst. Ich hab vorher per Internet angegeben, dass ich geimpft bin und keine Covid-Beschwerden habe.

An der Anmeldung erstmal Verwirrung. Ein Ausländer! Die Sache mit der Versicherung läuft also anders als sonst. Außerdem hat sich meine Reiseversicherung noch nicht mit den hiesigen MedizinerInnen in Verbindung gesetzt. Seltsam. Ich hab viele Telefonate mit den Leuten in Deutschland geführt, sehr viele Berichte und Papiere und Unterlagen geschickt. Hm. Ich zahl die Sache also erstmal selbst per Kreditkarte. 293 Dollar für eine Stunde Physiotherapie. Stramme Preise sind das hier! Jedenfalls signalisiert die Frau hinterm Computerbildschirm Verwirrung. Ihre ältere Kollegin sitzt daneben und spring ihr bei. Sie liest vor: „Jochen Metzger from Germany. He knows what’s going on (very nice man).“

Ich so: „Ey, die Sache mit dem „very nice man“ hast Du Dir doch eben erst ausgedacht!“

Sie so: „Nein, im Ernst. Hier steht’s!“ Sie zeigt auf den Monitor. Ich freue mich darüber und denke, dass die knapp 300 Flocken ja jetzt schon spitzenmäßig investiert sind.

Ich setze mich in den Wartebereich und warte. Menschen werden aufgerufen. Neue Leute betreten den Raum. Auch sie werden aufgerufen. Und so geht es immer weiter. Ich hingegen warte noch immer. Nach 40 Minuten geh ich zum Schalter und frage, ob mit meinem Termin alles okay ist. Die Frau, die mich noch eben mit ihrem „very nice man“ um den Finger gewickelt hat, schaut mich irritiert an. „Und Sie sind …?“ Ich nenne meinen Namen. Sie lässt ihn sich buchstabieren, sie tippt, sie schaut und schlägt dann die Hände überm Kopf zusammen. „Meine Kollegin hat vergessen, bei der Physiotherapeutin durchzuklingeln.“

Ich setz mich also wieder hin. Vier Minuten später kommt die Physiotherapeutin. Sie entschuldigt sich. Sei halt ein großer Laden. So was passiere schon mal. Außerdem habe sie jetzt keine Zeit mehr. Die nächsten Patienten warten schon. Aber. Eine Kollegin springt ein. „Die ist auch richtig super.“ Ich nicke und zeige Verständnis. Ja. So was kommt vor.

Weitere fünf Minuten später holt eine andere Physiotherapeutin mich ab. Sie heißt Karen und ist sehr freundlich. Sie führt mich ein Stockwerk tiefer in eine Art Turnhalle, in der viele Geräte und Aufbauten stehen, an denen Menschen Sport treiben. Daneben dann ein Extrabteil mit mehreren Behandlungsliegen. Ich trage Shorts, damit man mein Kniegelenk besser sehen kann. Ich gehe auf und ab. Ich gehe die Treppe hoch und die Treppe wieder runter. Ich gehe vorwärts auf Zehenspitzen, Rückwärts auf den Hacken. Bei all dem stellt Karen viele Fragen. Was ich sonst so treibe, welchen Sport, wie oft, wie intensiv, Vorverletzungen, der ganze übliche Kram.

Danach krieg ich Übungen, während sie immer mal wieder den Zustand einzelner Muskeln kommentiert. „Das hier ist ne Maschine“ (meine rechte Wade). „Hier könnte ein bisschen mehr sein“ (rechter hinterer Oberschenkel).

Am Ende komme ich aus der Sache raus mit verschiedenen Kräftigungsübungen. Ich krieg sie alle aufgeschrieben und mit Foto ausgedruckt, dazu noch die Zahl der Sätze und Wiederholungen. Stoff für ein Mal 20 und einmal 10 Minuten pro Tag. Ich mach das jetzt schon seit ein paar Tagen und merke bereits, wie ich überall stärker werde. Ein Wunder, dieser Körper.

Auf der Homepage der Uniklinik hab ich jetzt auch meinen privaten Account, wo ich all die Berichte nochmal in Ruhe durchlesen kann. Nicht alle Einzelheiten darin stimmen. Es ist schwer, gut zuzuhören und sich alles korrekt aufzuschreiben. Aber immerhin: Im Großen und Ganzen scheint mir die Sache so in Ordnung zu gehen.

Auf dem Weg zurück zum Auto frag ich die Passanten nach der Bisonherde, die hier irgendwo grasen soll. Man schickt mich hierhin und dorthin. Keine Bisons. „Manchmal verstecken sie sich hinterm Hügel“, sagt ein älterer Mann. Immerhin finde ich ein Schild, das tatsächlich für die Existenz der Hornträger spricht.

Ein paar Wiesen weiter steht ein Esel in der Landschaft rum und wartet auf seinen Friseurtermin.

So. Und jetzt warte ich, dass das Knie langsam besser wird.

Und ich bin gespannt, ob meine Versicherung mir den Spaß bezahlt. Werden sie? Werden sie nicht? Noch ist die Sache nicht entschieden – ich nehme weiterhin Wetten an.

bookmark_borderWilliam kocht am besten

Niemand in meinem Freundeskreis kocht auch nur annähernd so lecker wie William. Wirklich nicht. Neulich war er bei uns zu Besuch und ich hab ihn gefragt, ob ich mit dem Handy aufnehmen kann, was er dabei so macht. Zugegeben. Die Kameraführung und der Schnitt und der Mix sind eine Zumutung und sehr beschämend. Aber: Ich bin so begeistert von dem Jungen, dass ich es unbedingt teilen muss. Guckt’s Euch an. Schickt es an Freunde, die gerne kochen oder die was darüber lernen wollen. Ach so – und Williams österreichischen Sound find‘ ich eh erstklassig.

Ansonsten haben wir wieder Pilze gefunden. Es gibt sehr viele Pilze in diesem Jahr. Es hat gut geregnet und der Oktober ist irrsinnig mild, wir hatten zuletzt jeden Tag zwischen 20 und 25 Grad. Am Wegesrand wächst ein Schopftintling, der exakt so aussieht wie back in Germany.

Im Wald haben wir Hallimasch gefunden, der hier den ungleich schöneren Namen „Honey Mushroom“ trägt. Kirk, ein Pilzführer, den wir zufällig auf dem Parkplatz treffen, hat uns noch ein Stück „Hen of the Woods“ geschenkt. Das ist ein Pilz, den ich aus Deutschland nicht kenne. In Japan heißt er Maitake. Ein sehr guter Pilz mit Biss und Charakter – aber auch reichlich Erde in den feinen Zwischenräumen.

Neben einem Fuchsbau liegt ein Knochen. Wir haben gegoogelt: Es handelt sich um den Unterkieferknochen eines junge Opossums.

Einen Spaziergang zu Aldi gemacht. Erinnert mich an die Heimat. Man muss überhaupt mal was zu den Supermärkten hier sagen. Es läuft im Wesentlichen wie bei uns. Aber am Ende läuft’s dann halt doch ein bisschen anders. Sie packen Dir zum Beispiel die Sachen in Tüten ein. Ich finde das unangenehm. Was soll das? Ich kann das selbst. Es fühlt sich dann ein bisschen an wie in einem dieser Restaurants, die genau die eine Spur zu fein sein wollen und man denkt: Lass mich einfach mal in Ruhe mein Essen genießen. Bei Aldi packt jeder seine Sachen selbst ein. Ah, herrlich!

Auf dem Parktplatz vor dem Markt verwickelt uns jemand in ein Gespräch. Ein Mann, etwa 15 Jahre älter als ich. Aber man kann es schwer schätzen. Ich glaube, er hat an meinen Wanderstiefeln und meinen Klamotten sofort gesehen, woher ich komme. Jedenfalls. Sein Deutsch ist hervorragend, er sagt, er hat in Marburg studiert und viel Zeit in Bremen verbracht. Wir reden über Oldenburg und die schöne Fußgängerzone. Er sagt, dass ihn die Gesundheit nach Ann Arbor treibt. Krebs. Alles probiert. Alles Mist. Und jetzt ist er in dieser kleinen Studie mit 17 Patienten, wo’s um Immuntherapie geht. Eine Art Strohhalm-Gruppe – die Austherapierten können mitmachen. „Was soll ich sagen? Ich bin seit einem Jahr krebsfrei.“ Er sieht tatsächlich sehr gesund aus, sehr lebendig. Er sagt, dass er jetzt im Ruhestand homöopathische Hollunderbeeren anbaut. Ne eigene Farm, irgendwo aufm Land. Irgendwann wird’s vielleicht noch ein Business, wer weiß?

Ich liebe solche Begegnungen. Danach glaub ich wieder für einen Tag an das Gute in allem und dass am Ende irgendwie alles super wird. Und an die Wissenschaft sowieso. Und an Gespräche mit Fremden.

Auf dem Heimweg noch zwei Fairy Doors gesehen. Das erste ist das schönste, das ich bisher in Ann Arbor gesehen habe. Und ich habe einige gesehen. So viel Liebe für jede Kleinigkeit! Ich könnte das nicht. Aber ich weiß es sehr zu schätzen.

bookmark_borderSasha war eine ungewöhnliche Katze

Sasha war schon alt, als ich sie das erste Mal sah. Sie hatte es am Kreuz und lief nur noch in Trippelschritten. Sie hatte wegen der Trennung ihrer Besitzer zwei Hauswechsel hinter sich und schien eingeschüchtert. In den ersten Wochen hier im Haus hat sie das Dunkel des Kellers nie verlassen. Die laute Welt dort oben schien ihr nicht geheuer. Man musste sich sehr langsam nähern, wenn man sie streicheln wollte. Jede Andeutung von Hast ließ sie fliehen.

Eines Abends sahen wir dann plötzlich ein gelbes Augenpaar leuchten aus der Finsternis vom Absatz, an dem die Treppe abwärts führte. Nach und nach nahm sie Teil am Leben der anderen, und das war nicht immer ein Spaß. Zum einen, weil jedes Miauen der alten Sasha klang wie ein Vorwurf: „J’accuse…!“ Irgendwann habe ich aber begriffen, dass sie alle Gefühlslagen mit diesem einen Miauen in die Welt entließ. Schmeichelei, Beschwerde, Schmerz und süße Beipflichtung – jeder Sprechakt derselbe Sound. Weit belastender war aber etwas anderes. Vom ersten Tag unserer Bekanntschaft an hatte Sasha Probleme mit der Verdauung und war von den Mühen der eigenen Fellpflege bereits arg herausgefordert. Ich hatte bis dahin nicht geahnt, dass Katzen Blähungen haben können. Aber, Junge, Sasha hat’s mir so richtig gezeigt. Sie schlich leise wie ein Tiger, aber man wusste trotzdem immer, dass sie gerade dabei war, den Raum zu betreten. Es war ein Dasein ohne Heimlichkeiten.

In den letzten Wochen verschlief sie fast die kompletten Tage. Gelegentlich kam sie mit Klagelauten zum Kühlschrank, um Futter einzufordern. Danach ging sie sofort wieder an ihren Platz, rollte sich ein und schlief weiter. Manchmal fand sie irgendwo ein leeres Zeitungskörbchen und – zack! – lag sie schon drin wie ein Hefeteig in der Springform.

Zuletzt hat sie die Sache mit der Hygiene komplett aufgegeben. Sie schleppte sich für ihr Geschäft zwar noch gelegentlich zum Katzenklo. Manchmal kletterte sie auch hinein – aber nur, um dann von dort aus ihr Geschäft in den Raum hinein zu verrichten. Das große Geschäft machte sie, wo immer sie gerade das Bedürfnis überkam. Des Putzens war kein Ende und man hatte den Eindruck, dass ihr die ganze Sache keine Freude mehr machte.

Gestern sind wir dann mit ihr zum Tierarzt gefahren und dann ist sie „zu den vielen gegangen“, zu all den Katzen, die vor ihr über den Planeten getigert sind.

Es ist seltsam, wie die Gegenwart des Todes das eigene Bewusstsein verändert. Ich kenne das Gefühl gut, seit ich Zivi im Altenheim war. Auf einmal ist etwas im Raum, das sich schwer beschreiben lässt. Eine Art Aufmerksamkeit und Klarheit, eine Wolke von „es passiert genau jetzt“. Es tut nicht weh. Es ähnelt dem Moment vor vielen Jahren, als ich im Auto saß und auf einmal wusste in dieser kristallenen Klarheit, dass genau jetzt, genau an diesem Tag mein Kind zur Welt kommen würde. Das ist mir gestern zum ersten Mal aufgefallen. Tod und Geburt nähern sich uns mit derselben Aura.

Ist jetzt pathetischer geworden, als es sollte. Aber ich glaube: Genau so läuft’s halt.

Sasha war jedenfalls eine ungewöhnliche Katze. Sie ging mit einem Schnurren, weil sie am Ende das Streicheln wieder sehr zu schätzen wusste. Und das war sehr in Ordnung so.

bookmark_borderMichigan im Ritterwahn

Gestern stehen wir über mehrere Kilometer im Stau, um auf den Parkplatz des Michigan Renaissance Festivals zu kommen. Als Nicki zuerst davon erzählt, denke ich zunächst an ein verborgenes Treffen auf dem Land, an ein, zwei Dutzend heruntergekommene Buden, in denen versprengte Enthusiasten und jung gebliebene D&D-Veteranen selbstgefertigte Wildlederbeutel verscherbeln. Stattdessen erleben wir Michigan im Ritterwahn. Da sind mehrere zehntausend Leute unterwegs an diesem Tag. Irre.

Überhaupt – ein Mittelalterfest im Mittleren Westen? Ich bring‘ das irgendwie nicht zusammen. Was ist aus dem guten, alten Rodeo geworden? Das Publikum scheint mir sehr anders zu sein als in Ann Arbor. Viele großflächige Tattoos und sehr tiefe Ausschnitte. Die Besucher haben sich als Elfen verkleidet, als Druiden, Ritter, Hexen, Zauberer, Hofnarren und mittelalterliche Kaufleute. Ungewöhnlich. Wenige Meilen vor dem Festivalgelände haben wir am Wegesrand einen Laden gesehen, der Trump- und MAGA-Flaggen feilbietet. In der Warteschlange am Eingang – einem burgartigen Eingangstor aus Holz – mache ich einen Gag und frage halblaut: „Ist das nicht so was wie kulturelle Aneignung?“ Die Dame vor uns – sie hat sich als Burgfräulein verkleidet – fährt herum und giftet: „NEIN! Das ist kulturelle WERTSCHÄTZUNG!“ Meine Leute signalisieren mit hektischen Handzeichen, dass ich besser die Klappe halten soll. „Falscher Kontext, Mann!“

Danach drücken wir uns durch das sehr tüchtig besuchte Festivaldorf namens HollyGrove. Aha. So hat also das 16. Jahrhundert in England ausgesehen! Die Warteschlange vor der Bude mit den gegrillten Truthankeulen ist locker 100 Meter lang.

Unsere beiden mitgebrachten Teenager-Jungs interessieren sich für die Buden, an denen man mit Äxten, Speeren und Messern auf Gegenstände werfen kann. Ein durchaus erwachsener Typ erreicht mit dem Speer kaum das etwa drei Meter entfernte Ziel. „Throw it like you mean it!“, brüllt ein Typ von hinten. „Denk an Deine Ex!“, ergänzt ein anderer. Okay. Der Humor ist also auch, sagen wir mal: „erdiger“ als in der Stadt. Als wir dann an der Reihe sind, stellt sich heraus, dass sie pro Messerwurf einen Dollar nehmen. Die Jungs verzichten. Zu teuer! In der Ecke hat sich ein Schausteller in eine Art Pranger gezwängt. Man kann ihn gegen Geld mit ranzigen Tomaten bewerfen. Ein großer Spaß für die ganze Familie. Ein Schild weist uns genau darauf hin: „Kinder sind zugegen. Keine Kraftausdrücke!“

Weiter hinten findet gerade ein Ritterturnier statt, bei dem geharnischte Recken einander mit Holzlanzen rammen. „Wir sind seit 48 Stunden unfallfrei“, frohlockt die verkleidete Ansagerin. Neben uns warten drei Orks in dicken Fellen auf ihre Orangen-Limonade. Das Publikum feuert die Ritter ordentlich an und die lassen es beim Aufprall dann auch ordentlich krachen. Jubel!

Ein bisschen Ann Arbor gibt’s aber auch hier: Unter den Bäumen entdecken wir ein paar Feentüren, kleine „Fairy Doors“, wie sie in der Stadt überall zu sehen sind.

Ums Eck erklären uns zwei junge Leute den Gebrauch eines Renaissance-Bidenhänders. Die beiden stellen sogar ein paar Kampftechniken nach und wie man mit diesem monströsen Schwert die Lanzenkämpfer des Gegners massakrieren konnte. Sie sagen: Auf manchen Festen werden sie vom Veranstalter bezahlt, hier, beim mit Abstand größten Festival dieser Art in der Gegend – dürfen sie ihre Geschichte gegen Spenden darbieten. Zwei junge Männer wollen ihnen ihre Waffen abkaufen. Aber nein. „Dann haben wir ja selbst keine mehr.“ Es scheint hier echt so was wie einen Markt für derlei Kriegsgerät zu geben. Der Typ sagt: „Die Leute interessieren sich von Jahr zu Jahr mehr für alte Schwerter.“ Gleich daneben findet ein modernes Fechtturnier statt, bei dem die Aktiven – anders als anderswo auf dem Gelände – Covidmasken tragen.

Ich finde das alles erstaunlich. Das Festival in Michigan ist auch kein Einzelphänomen. Der Veranstalter hat fast die identische Show in anderen Staaten laufen, vor allem in Minnesota, wo die ganze Sache 1971 angefangen hat und seither offenbar von Jahr zu Jahr ein größeres Geschäft wird. Irgendjemand verdient damit Millionen. Und genau da erfüllt sich halt doch eines der Klischees, die ich über Amerika im Kopf habe: Die Leute hier sind ausgesprochen gut darin, aus einem möglichen Geschäft auch tatsächlich ein Geschäft zu machen.

Andererseits. Wollte ich mir dieser Tage in Ann Arbor die Haare schneiden lassen. Also bin ich mit dem Bus nach Downtown gefahren und in den erstbesten Laden reingelatscht. Ein junger Mann saß da auf dem Stuhl und wurde frisiert. Zwei der Friseure saßen herum und hatten nichts zu tun. Der eine auf dem Tresen, der andere auf einem freien Friseurstuhl, die Beine hochgelegt.
Er so: „Hast Du’n Termin?“
Ich so: „Nö, aber ich brauch’n Haarschnitt.“
Er so: „Wir vergeben Termine für nächste Woche.“
Ich so: „…“
Er so: „Sorry, diese Woche geht bei uns leider gar nix mehr.“

Das hat mich erstaunt. Männern wir mir kann man problemlos in fünf, zehn Minuten das verbliebene Resthaar stutzen. Sie hatten zwei Leute, die keine Arbeit hatten. Und trotzdem. Es war ihnen die Mühe nicht wert. Ich beschwere mich nicht darüber. Im Gegenteil, ich finde es voll okay. Work-Life-Balance und so. Aber gewundert hat es mich halt doch. Der ständige Hustle ist offenbar nicht mehr überall Teil der hiesigen Kultur. Etwas weiter hab ich dann natürlich doch noch wen gefunden, der mir für 28 Dollar ne neue Frisur verpasst hat. Aber auch da wurden meine Vorurteile widerlegt. Gleich zwei davon. Erstes Vorurteil: Wenn die Leute in Amerika irgendwas können, dann ist der Smalltalk mit Fremden. Zweites Vorurteil: Wenn die Menschen aus den Haarschneideberufen irgendwas können, dann ist es der Smalltalk mit Fremden.

Unser Smalltalk jedoch war zäh und hangelte sich verzweifelt von einem Auffahrunfall zum nächsten.

Aber die Linie hinten im Nacken, die ist richtig gut geworden. Das muss man zugeben.

bookmark_border„Kommt n Mann in Amerika zum Arzt …“

Mein gestriges Erlebnis beginnt wie ein alter Witz: „Kommt n Mann zum Arzt …“ Bis jetzt hab ich hier noch nie medizinischen Rat eingeholt. Das System hat keinen guten Ruf. Und: Es ist teuer. Das ist eine Kombination, die mich abschreckt.

Gestern bin ich aber doch mal in einer Praxis gelandet, und das kam so. Ich hab vor einigen Wochen zu viel Tennis gespielt (und Pickleball) und seither zwickt das Knie. Normalerweise wird so was ja nach ein paar Tagen besser. Diesmal nicht. Also hab ich meine Krankenversicherung kontaktiert und mir bestätigen lassen, dass sie solche Dinge abdeckt. Glück gehabt!

Also beim orthopädischen Dienst der hiesigen Uni angerufen, wo man mich einigermaßen bald zur Abteilung für Sportmedizin durchgestellt hat. Dort gab’s einen freundlichen Aufnahmeprozess. Dann zurück durchgestellt zur Zentrale, wo ich dieselben Daten alle nochmal buchstabieren durfte. Hab ich schon mal erzählt, dass mein Name für die Menschen in Amerika absolut unlesbar ist? Nein? Nun: Mein Name ist für Menschen in Amerika absolut unlesbar. Sie holen Luft, setzen an, murmeln etwas Unverständliches, holen nochmal Luft … und dann sagen sie: „Wie spricht man DAS denn bitte aus?“

Genau dasselbe passiert auch im umgekehrten Fall. Ich nenne meinen Namen. Es entsteht eine sehr unangenehme Pause. Ich dann so: „Soll ich buchstabieren?“ Mein Gegenüber öffnet nickend die Sektflasche – oder sagt am Telefon „Yes, PLEASE!“

Nach dem zweiten Aufnahmeprozess lande ich jedenfalls wieder in der Sportmedizin. Ich so: „Hier bin ich wieder. Wann kann ich einen Termin kriegen?“ Ich rechne mit „irgendwann in drei Wochen“. Stattdessen sagt die Frau in der Leitung: „Wie wär’s mit morgen?“ Ich so: „Okay. Wow. Ja, her damit!“ Wo kriegt man denn in Deutschland einen Termin „für morgen“, wenn man zum Orthopäden will? Als Kassenpatient? Hm. Vielleicht bin ich hier einfach kein Kassenpatient? Keine Ahnung.

Oben auf dem Bild sieht man jedenfalls das Gebäude, in dem die Sportmediziner hausen, ein langer, flacher Lindwurm mit viel Glas außenrum. Der Komplex gehört zu Domino’s Pizza, die haben unterm selben Dach ihr Headquarter (also die Zentrale für die ganze Welt; krass, oder?). Hinterm Haus grast angeblich eine Bisonherde. Leider hab ich mich erst nach meinem Besuch durch die Website geklickt. Anfängerfehler! Sonst hätt ich mir die Tiere natürlich angesehen. Beim nächsten Mal dann.

Beim Empfang haben sie vor jeden Schalter einen Stuhl gestellt. So halten die Leute den empfohlenen Covid-Abstand, ohne dass man sie mit einem Schild darauf hinweisen muss. Clever!

Beim Gespräch mit der freundlichen Dame hinter der Glasscheibe entsteht ein kurzer Dialog, den ich eher in Deutschland erwartet hätte. Er spricht von Technologieskepsis.
Ich: „Ah, Ihr Computer weiß alles. Wir vertrauen der Maschine.“
Sie: „Naja, vielleicht vertrauen wir der Maschine auch ein bisschen zu sehr.“

Empfangsraum und Wartezimmer sind hier übrigens dasselbe. Außer mir sitzen noch 15 andere Menschen hier. Aber nach ein, zwei Minuten wird schon mein Name aufgerufen. Ein junger Mann führt mich in die Innereien des Drachen, stellt allerhand Fragen, misst meine Körpergröße und nimmt mein Lebendgewicht. Ich bin etwas kleiner und etwas schwerer, als ich dachte. Bitter, aber normal (gibt Studien dazu). Danach Blutdruck. Besser als erwartet. Toll, wie man dabei spürt, wie der Oberarm plötzlich lospumpt. Neben mir an der Wand hängt das Bild eines Rennradfahrers als dezent-wortloser Hinweis: „Hier geht’s um Sportverletzungen.“

Der junge Mann hat den Behandlungsraum noch nicht verlassen, als schon die Röntgenassistentin in der Tür steht, um mich nach nebenan zu begleiten. Junge, was für eine Effizienzmaschine die hier aufgebaut haben. Man könnte sagen: Wie in einer Fabrik. Andererseits wirkt jeder menschliche Kontakt extrem entspannt, freundlich und zugewandt. Ich bin ehrlich beeindruckt.

Dann, zack!, vier Aufnahmen vom Knie gemacht mit einem furchteinflößenden Apparat, auf dem das Wort „Siemens“ steht. „Das ist die modernste Maschine, die wir haben“, sagt die Frau. Sie trägt keinen weißen Kittel, sondern den dunkelblauen Sweater der hiesigen Uni. Im Röntgenraum nicht mehr als 16, 17 Grad.

Zurück in den Behandlungsraum. Keine fünf Minuten später erscheint bereits die Ärztin. Sie hat die Röntgenbilder schon gesehen und fängt gleich an, Ärztinnen-Sachen zu machen: Fragen stellen, am Knie rumdrücken. Nach rechts, nach links, nach vorne, nach hinten, während ich stehe, liege, sitze. Sie tut alles, damit ich endlich mal „Aua“ sagen. Danach nickt sie zufrieden, nun weiß sie mehr. Am Ende stellt sie eine achselzuckende Diagnose. Nichts Schlimmes. Keine OP, kann aber trotzdem ein bisschen dauern.

Ich dann: „Wie läuft das jetzt eigentlich mit der Kohle?“
Sie: „Keine Ahnung. Ich bin nur die Ärztin.“

Ich geh also nach draußen zum Checkout. Auch dort stehen wieder die Stühle, damit die Patienten Abstand halten.

Man gibt mir einen Termin zur Physiotherapie. Allerdings erst für zwei Wochen später. Ich frage auch hier, wie das jetzt mit der Bezahle läuft. Die Frau hinterm Glas tippt auf ihre Tastatur und sagt etwas. Eine andere Kollegin kommt hinzu und sagt auch etwas. Danach beide so: „Have a nice day.“ Ich: „Ja, für Euch auch – aber wie das mit der Kohle läuft, weiß ich immer noch nicht.“ Die zweite Frau: „Warum findest Du das nicht einfach selber raus?“ Und damit verabschiedet man mich hinaus ins Leben. Das alles geschieht mit einem ehrlichen Lächeln, wird sehr freundlich gesagt und ist nicht böse gemeint.

So. Hier also mein Fazit: Das lief alles deutlich flinker und effizienter, als ich das in Deutschland schon erlebt habe (vor allem von den Orthopäden, wo man ja echt das Heulen kriegen kann). Die scheinen ihre Prozesse voll im Griff zu haben. Von dem, was sie sagen und machen, merke ich kaum einen Unterschied zu Deutschland (und ein Knie ist auch hier nur ein Knie). Außer vielleicht, dass sie sofort die Röntgenmaschine anschmeißen, ohne dass ein Doc auch nur Guten Tag gesagt hat. Hat Vorteile und Nachteile. Schneller ist es auf jeden Fall.

Eine Sache fällt mir aber dann doch auf: Das Geld, das hinter all dem steckt, ist wie bei uns verborgen unter einer glatten, menschlich-lächelnden Oberfläche. Und selbst die professionell Beteiligten wissen nur zum Teil oder gar nicht, wie diese Maschine so genau funktioniert, was sie ölt, schmiert und am Laufen hält. Ich dachte echt, dass ich hier darüber mehr lernen würde. Bisher bin ich in dieser Sache aber noch genau so klug oder dumm wie zu Hause in Deutschland.

Jetzt warte ich mal ab, was da kommt. Und was der Spaß gekostet hat. Andererseits: So richtig vergleichen kann ich das eigentlich gar nicht. Denn was es bei uns so kosten würde, das weiß der Geier. Ich jedenfalls weiß es nicht.

bookmark_borderDer teuerste Wahlbrief meines Lebens

Hab dieser Tage den teuersten Wahlbrief meines Lebens verschickt. Und das ging so.

Wie neulich schon erwähnt, sind meine Briefwahlunterlagen am Wochenende hier in Michigan angekommen. Die Papiere aus Hamburg haben eine ganze Weile gebraucht. Ich hatte also nur noch wenig Zeit, sie zurückzuschicken. Wär‘ mit der normalen Post nicht gegangen. Keine Chance.

Also hab ich am Montag bei FedEx angerufen. Der Chef des örtlichen Büros hat einen sehr deutschen Namen und deutsche Wurzeln, weshalb wir uns, um mein Anliegen angemessen abzuhandeln, spaßeshalber meiner Muttersprache bedient haben. Lustig.

Ich so: „Kriegt Ihr die Unterlagen bis Samstag nach Hamburg?“
Er so: „Ja, FedEx kann das. Wird aber nicht billig.“

Also bin ich hingefahren. War dann aber doch nicht so einfach. Denn die Postleitzahl der Kreiswahlleitung Hamburg-Mitte ist bei FedEx nicht im System verzeichnet. Vielleicht handelt es sich um eine temporäre Postleitzahl, die nur bei Wahlen genutzt wird? Man kann bei FedEx jedenfalls nicht einfach ne Postleitzahl draufschreiben und hoffen, dass alles gut geht. Wir haben das Ding dann ans Bezirksamt in der Caffamacherreihe adressiert, ich hab noch einen Aufkleber mit den Worten „Wahlbrief – eilig“ draufgeschrieben (auch damit der Zoll den Brief nicht versehentlich abfängt, was wohl gelegentlich vorkommt).

Tja. Und jetzt hab ich über die FedEx-Seite gesehen, dass der Brief schon am Mittwoch zugestellt wurde. Teufelskerle sind das.

Ich habe also gewählt.

Der Brief hat 75 Dollar gekostet. „You are a good citizen“, hat der Typ hinterm Schalter gemurmelt, und da wollte ich nicht widersprechen.

Was ich eigentlich damit sagen will: Wenn ich von hier aus meinen Zettel in die Urne kriege und dabei so einen Aufstand mache, dann könnt Ihr das auch. Oder?

Jetzt am Sonntag, 26. September, irgendwann zwischen 8 und 18 Uhr.

bookmark_border7000 Schritte pro Tag sind genug – vielleicht

Wie viele Schritte pro Tag sind am gesündesten? Wie viel Bewegung brauchen wir?

Im Jahr 2009 bin ich zum ersten Mal für Psychologie Heute in die USA geflogen – zum ersten Weltkongress für Positive Psychologie in Philadelphia. Das war ein großes Abenteuer und vermutlich der Punkt in meinem Leben, an dem ich endgültig zu einer Art Fachjournalist für psychologische Forschung geworden bin.

Jedenfalls erinnere ich mich noch gut an einen Auftritt von Martin Seligmann, dem Paten der Positiven Psychologie. Dabei berichtete er stolz von seinem Schrittzähler, den er damals immer bei sich trug. Seligmann erzählte, dass 10.000 Schritte pro Tag genügen, um uns langfristig fit und gesund zu halten.

Inzwischen haben wir es alle gelesen: Die Story mit den 10.000-Schritten sind ein uralter Marketing-Trick aus Japan. Sie wird durch keine wissenschaftliche Forschung gestützt.

Dieser Tage habe ich auf NPR, sozusagen dem Deutschlandfunk der USA, ein Interview gehört mit einer Forscherin, die sich die Sache genauer angeguckt hat. Sie hat untersucht, wer wie viele Schritte pro Tag macht. Und wer wie lange lebt. Das ist eine ziemlich grobe Art, Dinge zu messen. Aber sie ist besser als nichts. Jedenfalls zeigen die Zahlen: Die Menschen, die im Schnitt zwischen 7000 und 10.000 Schritte pro Tag gehen, leben im Schnitt signifikant länger als jene, die weniger als 7000 Schritte gehen. Ab 10.000 Schritten scheint es einen Plateau-Effekt zu geben: Man lebt also nicht länger, wenn man 11.000, 12.000 oder 13.000 Schritte macht. Wie schnell man dabei geht, scheint im Übrigen keine Rolle zu spielen. Hauptsache Bewegung!

Das ist eine verlockende Botschaft. Sie lautet: 7000 Schritte pro Tag sind genug. Puh. Glück gehabt! Die Studie erzählt mir etwas, das ich gerne höre und vermutlich werde ich mir die Sache auf Dauer merken. Tolle Story.

In solchen Momente verfluche ich allerdings meinen Beruf. Denn wo ich mich fürs Schreiben bezahlen lasse, zitiere ich für die internen Faktenchecker fast nur noch Originalstudien. Das gehört sich so. Um diese Quellen zu zitieren, muss ich die Dinger auch lesen. Und dabei merkt man oft, dass die Sache in Wahrheit komplizierter ist – und manchmal auch anders, als sie andernorts später in der Zeitung steht (ganz früher hab ich ja für eher unterhaltende Presseorgane geschrieben; dort galt die Regel, dass man eine Story auf keinen Fall „totrecherchieren“ darf. Die Regel gilt dort heute bestimmt nicht mehr. Glaub ich. Aber früher, da war das noch so).

Bei der 7000-Schritte-Studie jedenfalls verrät mir das Originalpaper, dass von all den Teilnehmenden am Ende der Studie noch mehr als 96 Prozent am Leben waren. Weniger als vier Prozent sind gestorben. Das sind nicht sehr viele Fälle – eine eher dünne Datenbasis.

Nur 40 Prozent der Leute im Datensatz haben überhaupt regelmäßig einen Schrittzähler getragen. Was mit den anderen Teilnehmenden war, weiß kein Mensch. Wie viele Schritte haben sie gemacht? Wann sind sie gestorben? We don’t know.

Man hat die Zahl der Schritte auch nicht über viele, viele Jahre gemessen, sondern nur für eine Woche (bei manchen waren’s auch nur drei Tage). Auch das ist keine berauschende Datenbasis.

Kurz: Die ganze Messung ist kaum mehr als eine grobe Schätzung, eine Gleichung mit vielen, vielen Unbekannten. Kann also sein, dass die Sache mit den 7000 Schritten stimmt. Vermutlich stimmt sie aber nur so ungefähr. Oder gar nicht.

Es ist jedenfalls kein Wunder, dass andere Studien zu anderen Empfehlungen kommen. Zum Beispiel: Für gesunde Knie genügen 6000 Schritte pro Tag.

Und hier: Für (ältere) Frauen sind 4400 Schritte schon total super, was die Lebenserwartung angeht. Ab 7500 Schritten erreicht man ein Plateau, ab dem die eigene Langlebigkeit nicht mehr zunimmt.

Mist! Eigentlich wollte ich nur eine kurze Notiz über die 7000 Schritte schreiben. Jetzt bin ich fast wieder so schlau oder dumm wie vorher.

Kommt davon, wenn man die Dinge totrecherchiert.

Journalismus nervt.

bookmark_borderAuf dem See schwimmt ein Kanu aus Beton

Gestern in Ann Arbor einen Spaziergang um den schönen Argo Pond gemacht. Am Steg liegt ein Paddelboot, das deutlich schnittiger aussieht als die bunten Plastikboote, in denen die Menschen hier normalerweise sitzen. Das Boot scheint mir zunächst aus Metall zu sein. Es macht mich jedenfalls neugierig, und weil ich gerne mit Fremden rede, hab ich die jungen Leute angequatscht, die um das Boot herumstanden. Und siehe da:

Das Kanu ist aus Beton! Ich habe zwar schon mal davon gehört, dass so was funktioniert, aber gesehen hab ich’s, glaub ich, noch nie. Die jungen Leute studieren an der hiesigen Uni Bauingenieurwesen. Und da gibt’s tatsächlich eine eigene Gruppe von Verrückten, die regelmäßig solche Boote bauen, um an irgendwelchen Betonboot-Meisterschaften mitzumachen.

Deborah, die zur Gruppe gehört, sagt: Dies ist das erste Mal, dass sie das Boot überhaupt zu Wasser lassen. Sie machen jetzt alle möglichen Tests, um über Winter ein noch besseres Ding zu bauen und im April bei den nächsten Meisterschaft ordentlich abzuräumen.

Ich hab später zugesehen, wie sie damit über den See gepaddelt sind. Klar, so ein Betonboot ist viel schwerer als ein Plastikboot. Aber alles in allem hat die Sache auf dem Wasser nicht unelegant ausgehen. Ist es nicht toll, wenn man im Studium solche Sachen machen kann und mit Spaß und in einer tüchtigen Gruppe gut wird in seinem Beruf? Mich begeistert so was immer.

Später kurz gegoogelt: Soooo neu sind Betonboote gar nicht. In den USA gibt es entsprechende Meisterschaften schon seit den 1980er Jahren. Verrückt, was man alles nicht mitkriegt.

Am Ufer des Sees flaniert außerdem eine stolze Gottesanbeterin. Sie ist gut getarnt, weshalb ich einen Kreis um sie gemacht habe. Heftiges Tier.

Auf dem Weg zurück überqueren wir wild die Bahnstrecke nach Chicago (siehe unten). Wir machen das andauernd, alle machen es so. Ich hab mir nie was dabei gedacht. Aber. Auf dem Spaziergang treffen wir eine Hundebesitzerin, die ich früher häufiger gesehen habe. Sie ist damals – vor der Pandemie – immer mit einer sehr schönen Schäferhündin spazieren gegangen. Jetzt hat sie einen anderen Hund. Was ist mit dem alten passiert? „Wurde vom Zug überfahren“, sagt sie. Und zwar so. Es ist ein windiger Tag – der Wind verbläst Tennisbälle und Geräusche. Sie wirft den Ball, der Ball fliegt weiter, als er soll, die Hündin folgt ihm über die Gleise, der Zug kommt ohne Signalhorn ums Eck – und zack. Sie lag dann am Ende tot am Damm, den Ball noch im Maul, sagt die Besitzerin. Traurig.

Jetzt lagen meine Wahlunterlagen im Briefkasten. Gerade bei FedEx gewesen. Kriegen sie das Ding bis Samstag zurück nach Hamburg? Die Mitarbeiterin weiß es nicht. „Heute am Sonntag geht eh nix raus.“ Aber morgen kommt der Chef wieder. Vielleicht kriegt er die Sache hin. „Wird jedenfalls nicht billig“, sagt die FedEx-Frau. Bin gespannt, was ihr Chef morgen zu sagen hat (die Wahlscheinnummer im Bild hab ich retuschiert).

bookmark_borderWie die University of Michigan eine der besten Unis der Welt wurde – und was die jüdischen Studierenden damit zu tun haben

Neulich waren wir ja im großartigen Camp Michigania. Unser Mit-Camper und Klezmer-Klarinettist Bert Straton hat mir danach eine Email geschrieben und dabei eine Bemerkung über die Religionszugehörigkeit der Teilnehmenden gemacht: „Lotsa Jews (can’t help myself)“. Ich habe kürzlich ja angekündigt, darüber mal ein Worte zu verlieren.

Also. Here we go. Die ersten Teil der Geschichte hab ich aus einer älteren Ausgabe des New Yorker – aufgeschrieben vom unvergleichlichen Malcolm Gladwell persönlich.

Die Story geht im Wesentlichen so: 1905 – grob gesagt in der Zeit, als mein Großvater geboren wurde – haben die noblen Ivy League-Unis an der Ostküste neue Regeln dafür aufgestellt, wie sie ihre Studierenden auswählen. Herkunft war nicht mehr wichtig. Es gab eine Art Aufnahmeprüfung. Wer „gut in der Schule“ war und Eltern mit genügend Kohle hatte, der konnte auf einmal in Harvard studieren. Klingt erstmal prima, oder? Die schlauen (okay: und reichen) Kinder hatten plötzlich bessere Chancen auf einen Platz an einer tollen Uni.

Jedenfalls, so schreibt Malcolm Gladwell, führte das neue System schon 17 Jahre später „zu einer Krise“. Genauer: „der jüdischen Krise“. Im Jahr 1922 waren mehr als 20 Prozent der Erstsemester Juden. 1925 waren es sogar mehr als 28 Prozent. Die Bestimmer in Harvard sahen die Existenz ihrer Hochschule dadurch bedroht. Denn die reichen Ehemaligen – angelsächsisch, weiß, protestantisch – hatten zunehmend weniger Lust, jährlich große Summen an die Uni zu spenden. Gladwell schreibt: „Es erwies sich jedoch als schwierig, die Juden außen vor zu lassen, denn als Gruppe waren sie in der Schule einfach besser als alle anderen.“

Die Uni-Leitung hatte schnell ein paar Ideen. Eine Quote einrichten – nicht mehr als 15 Prozent Juden pro Semester. Oder: Die Anzahl der Stipendien für jüdische Studierende beschränken. Oder: Gezielt Leute aus Vierteln anwerben, in denen weniger Juden wohnten. Die Sache mit der Quote war, so kann man lesen, politisch nicht durchsetzbar, die beiden anderen Tricks zeigten nicht die gewünschte Wirkung.

Aber dann kam Harvard – und dann auch Princeton und Yale – auf eine Idee, die besser funktionierte. Man würde weiter die „akademisch Besten“ an die eigene Uni lassen. Natürlich!

ABER: Man würden künftig neu definieren, wer die „akademisch Besten“ sind. Und genau damit war die Zeit guter Schulnoten und prächtig absolvierter Aufnahmeprüfungen vorbei. Es kam plötzlich auf den „Charakter“ und die „Persönlichkeit“ der Bewerber an. Man verlangte jetzt Empfehlungsschreiben von Leuten, die den jungen Recken „gut kannten“. Bewerber mussten ein Foto von sich mitschicken. Und einen selbstgeschriebenen Aufsatz über die eigenen Führungsqualitäten. Außerdem gab es jetzt Fragen zu: „Rasse und Hautfarbe“, „Religionszugehörigkeit“, „Mädchenname der Mutter“, „Geburtsort des Vaters“, „Wie hat sich ihr Familienname oder der ihres Vaters seit Ihrer Geburt verändert?“ Außerdem führten Angestellte der Uni jetzt persönliche Interviews mit den Bewerbern, um „unerwünschte“ Kandidaten früh aus dem Verfahren auszusondern.

Anders gesagt: „Akademische Leistung“ wurde explizit wieder eine Frage der Herkunft. Nach dem alten Motto: „Stallgeruch schlägt Begabung“ (was mich an meinem alten Journalisten-Merkspruch erinnert: „Netzwerk schlägt Recherche“).

Die Sache funktionierte. Gladwell schreibt: Bis zum Jahr 1933 lag die Zahl der jüdischen Erstsemester wieder unter 15 Prozent. „Wenn Ihnen dieses neue Auswahlverfahren irgendwie bekannt vorkommt, dann liegt dass daran, dass die Ivy League es bis heute verwendet.“

Und hier kommt die hiesige University of Michigan ins Spiel.

Die Hochschule war damals schon ehrgeizige. Auch sie hat ihre Zugangsbestimmungen damals reformiert. Aber in Michigan achtete man mehr auf akademisch Eignung – Religionszugehörigkeit war dabei egal. Den Rest regelte der Markt: Viele der klugen, reichen Köpfe aus jüdischen Ostküsten-Familien gingen halt nicht mehr nach Harvard – sondern nach Ann Arbor. Der University of Michigan hat das ausgesprochen gut getan: Sie wurde über die Jahre eine der drei besten staatliche Hochschule der USA, das „Harvard des Westens“. John F. Kennedy hat die Sache in einen Gag verwandelt. Der Harvard-Absolvent erzählte gerne, er habe seinen Abschluss am „Michigan des Ostens“ gemacht.

Aus dieser Zeit stammt eine spannende Firma namens Campus Coach. Ein Student aus Michigan konnte wegen eines Zugstreiks (!) in den Ferien nicht zurück nach New York fahren. Also mietete er einen Bus an und verkaufte Tickets an seine Kommilitonen. Damals studierten so viele junge New Yorker in Ann Arbor, dass der Bus locker voll wurde. Der junge Mann hatte eine Geschäftsidee entdeckt, eine Art Flixbus aus den späten 1920ern. Die Firma läuft noch heute. Cool, oder?

Die Zulassungsbedingungen vor mehr als 90 Jahren haben bis heute ihre Spuren hinterlassen. Derzeit sind nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerung in Michigan jüdischen Glaubens. Dagegen stellt die jüdische Community rund 15 Prozent aller Studierenden an der University of Michigan: Rund 6700 – unter rund 45.000 Studierenden insgesamt. Die Story erzählen sie Dir noch heute überall: Während alle was gegen die Juden hatten, hat Michigan seine Tore offen gehalten. Das ist ne gute Geschichte. Und ich trage sie gerne weiter.