How I met my Wohngemeinschaft #4 – Weisheiten aus dem Klosterleben

Dies ist meine Schwester Heike, sie lebt seit vielen Jahren als Nonne und kennt sich deshalb aus mit dem gemeinschaftlichen Wohnen. Wir haben uns dieser Tage bei unseren Eltern getroffen und ich habe ihr ein paar Fragen gestellt. Hier kommen die acht Erkenntnisse, die ich daraus gezogen haben.

  1. „Jeder zusätzliche Mensch, der mit dir wohnt, ist eine zusätzliche Möglichkeit, dich aufzuregen.“
    Tja.
  2. „Wenn neue Menschen ins System kommen, beginnt ein spannender Prozess.“
    Man sagt den Neuen, wie das System die Dinge bisher geregelt hat. Aber jetzt ist das System neu geworden. Man muss die Dinge also neu verhandeln. Heike sieht das als Chance, sich selbst als Gruppe noch einmal neu anzuschauen und zu checken, was gut läuft und was vielleicht anders sein sollte. Mir fällt auf: Das gilt ja auch für das individuelle Leben oder für Paare. Manchmal gehen Dinge schief und niemand greift ein, sie laufen weiter und werden immer größer und belastender, bis es gar nicht mehr weiter geht. Gemeinschaften können Neuankünfte und Veränderungen im Personal dafür nutzen, sich mit Ruhe und Abstand neu selbst zu betrachten. „Wollen wir das eigentlich so?“ Manchmal lautet die Antwort: Nö, wollen wir nicht. Und dann beginnt eine neue Ära.
  3. „Konflikte kommen eher aus Kleinigkeiten.“
    Heike redet dabei viel von schmutzigem Geschirr. Klingt, als hätte sie in dieser Hinsicht ne Menge erlebt in den vergangenen Jahren. Ich merke mir: Niemals die Kraft der dreckigen Teller unterschätzen!
  4. „Das muss nicht bei dir bleiben.“
    Heike steht direkt vor mir, während sie das sagt. Sie streicht mir dabei mit beiden Handflächen zugleich über die rechte und linke Schulter vom Hals bis zur Kante. Eine Mitschwester macht das wohl häufiger bei ihr. Heißt: Die vielen Emotionen im Raum können ansteckend wirken. Du darfst dich abgrenzen von den Konflikten der anderen. Wenn sie schlechte Laune haben, dann ist es okay, weiterhin gute Laune zu haben. Es muss nicht bei dir bleiben.
  5. „Wer als Erwachsener in eine WG zieht, bringt vermutlich ein paar Sozialkompetenzen mit.“
    … oder zumindest gibt es eine gewisse Bereitschaft dazu. Heike macht mir Mut. Ich werde es in dieser Hinsicht wohl nicht mit einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zu tun haben. Wer Gemeinschaft will, hat erstmal Bock drauf. Das gefällt mir.
  6. „Man muss nicht mit allen in die Sauna gehen.“
    Jawohl, im Kloster gibt es eine Sauna. Heike sagt: Es läuft wie im wirklichen Leben, mit manchen kann man da gemeinsam hingehen, mit anderen eher nicht und das ist beides okay so. „Gibt es da eine Kleiderordnung?“, frage ich. „Die biblische Kleiderordnung“, sagt Heike, „wir tragen das Evaskostüm.“
  7. „Gemeinschaft kann auf Dauer mühselig sein.“
    Heike gebraucht dafür verschiedene Begriffe in unserem Gespräch. Manchmal sagt sie „die Mühle“ oder „das, was schwierig ist“. Ein Problem scheint zu sein, dass man diese Form des Lebens jetzt halt immer hat und nicht zwischendurch mal nach Hause gehen kann. Denn: DAS DA ist jetzt das zu Hause. Auch wieder: wie in Familien und Beziehungen. Kann schwierig sein.
  8. „Klosternahes Wohnen ist ein Trend.“
    Es scheint viele Menschen zu geben, die sich in die Nähe eines Klosters begeben, ohne in die Gemeinschaft einzutreten. Da hat man dann womöglich beides: Keks UND Schokolade. Ich muss an die WG in Aumühle denken, bei der auch viele Menschen zum Umfeld gehören und etwas davon haben, mit dieser Gemeinschaft befreundet zu sein. Mir hat das auch immer viel gegeben und gibt mir immer noch was, wenn da mal vorbeischaue. Hm. Hm. Hm.

Dann steigt Heike ins Klosterauto und fährt davon, zurück zu ihrer Gemeinschaft. Beim Verabschieden stelle ich fest, dass sie viel besser umarmen kann als noch vor einigen Jahren.

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