Eiskalte Reklame

Dieser Tage waren wir in Dexter, das ist ein Städtchen vor den Toren von Ann Arbor. Von Wikipedia weiß ich, dass es dort einst eine spektakuläre UFO-Sichtung gab. Und einen schlimmen Tornado. An diesem Tag jedoch hingen im Monument Park übererwartbar viele Leute ab. Aha, eine Festivität! Also sind wir dem Wagen entstiegen, um die Sache zu bestaunen.

Da standen tatsächlich Eisfiguren rum. Oben: ein Einhorn. Desweiteren: ein Schwein …

… ein Paddelboot … 

… und ein Elch, sich einen Bierhumpen an die Lippen führend.

Im Netz dann nachgelesen: Es handelt sich bei dieser Veranstaltung um das „Dexter Ice Fest„. Es findet jeden Januar statt in der „schmucken Innenstadtgegend von Dexter“. Die Sause ist „aufregend und ein Spaß für die ganze Familie“. Die Idee: Jeder Laden in Dexter kann sich seine „eigene, kreative Skulptur“ schnitzen lassen.

Wenn in meinem Freundeskreis jemand Dexter erwähnt, dauert es keine zehn Sekunden, bis die Sprache auf einen ganz bestimmten Laden kommt: die „Dexter Bakery“. Die süßen Backwaren dort müssen ganz sensationell lecker sein. Einige Freunde fahren regelmäßig mit dem Rad dorthin, nur um sich ein paar Donuts zu ziehen. Die Betreiber der Bäckerei haben sich als kreative Skulptur einen Cupcake ausgesucht.

Das Schild unter der eiskalten Reklame verrät: Die Bäckerei ist ein „Silver Sponsor“. Es gibt auch Sponsoren in Gold und Platin. Je wertvoller das Metall, desto größer der Eisblock, aus dem die Skulptur gefertigt wird. Das Leben ist ein Stück Papier mit einer Zahl drauf.

In der Ecke steht ein Kriegerdenkmal, das an die Leute erinnert, die in den Bürgerkrieg gezogen und dann nicht mehr zurückgekommen sind.

Man hätte all das – die lokale Werbung, die kleinen Eisblöcke, die Kinder, die verloren dazwischen herumlaufen, das alte Denkmal, das trostlose Wetter – auch irgendwo in Deutschland sehen können. Und als Teenager vermutlich dabei gedacht, dass man ganz schnell mit der Schule fertig werden und woanders hingehen muss.

Seither ist Schnee gefallen und die Welt ist auf einmal sehr schön geworden.

Ansonsten: Auf Facebook gesehen, dass Helge Timmerberg ein neues Buch geschrieben hat. Ich habe früher ganz viel von ihm gelesen und mich stets dran erfreut und auch immer ne Menge gelernt dabei. Eine Passage von damals, die ich ne Zeitlang fast auswendig konnte, geht so:

„Adrenalin ist an und für sich nicht bösartig, sondern ein befreundetes Hormon. Es macht wach und putzmunter, denn es rast wie Rasierklingen durchs Blut und tut den Nerven gut, tausendmal besser als Kokain. Adrenalin ist der letzte Joker des Lebens. Und ist dieses auch ein durchgehend verschlafenes gewesen, egal, im Angesicht des Todes verschafft es Mega-Aufmerksamkeit für die Situation. Es gibt Adrenalin-Klassiker wie den Schatten eines Schlachtermessers hinter dem transparenten Duschvorhang, oder wenn man durch ein Flugzeugfenster schaut, und die Turbine brennt. Adrenalin auch, wenn im Hals der Apfel klemmt oder ein hungriger Wolf seine Lieder singt. Ein hungriger Wolf? Mir schien, es waren mehrere.“

Ich fürchte: Das neue Ding muss ich auch wieder lesen.

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