Ein Buch von 1912 und Covid-19

Über dem Atlantik habe ich mir – es war ein Zufall – „The Call of the Wild“ von Jack London als Hörbuch angehört. Das habe ich gestern schon erwähnt. Den Rest des Buches hab ich mir dann hier über Spotify gegeben. Bei Spotify läuft es so: Wenn ein Hörbuch zu Ende ist, spielt einem der Algorithmus einen kurzen Abschnitt aus einem anderen Buch vor. Dann kommt ein Ausschnitt aus wieder einem anderen Buch usw. Das geht so lange, bis die Batterie aufgibt, man genervt die App beendet – oder hängen bleibt und mehr von einem Buch hören will.

Bei mir war Letzteres der Fall. Und zwar bei einer anderen Erzählung von Jack London: „The Scarlet Plague“ aus den Jahr 1912. Im Deutschen ist das Stück unter dem Titel „Die Scharlachpest“ erschienen.

Ich kannte die Geschichte nicht. Den Titel hatte ich noch nie gehört und wenn doch, dann habe ich es vergessen. Ich bin da also einfach reingestolpert. Ich konnte nichts dafür.

Die Erzählung spielt in der Zukunft. Auf der Erde leben nur noch wenige Menschen. Ein Großvater, ein ehemaliger Professor an der UC Berkeley, erzählt seinen Enkeln von einer Seuche, die im Jahr 2013 fast die ganze Menschheit ausgerottet hat. Er ist der letzte Zeitzeuge, der noch von der Pandemie berichten kann. Hier ein Auszug aus seiner Erzählung, der mich einigermaßen erschüttert hat (wie gesagt: Jack London hat das Ding noch vor dem 1. Weltkrieg geschrieben, also vor dem Ausbruch der Spanischen Grippe).

„Wir sprachen in jenen Tagen auf Tausende und Abertausende von Meilen durch die Luft. Auf diesem Wege kam die Nachricht von einer merkwürdigen Krankheit, die in New York ausgebrochen war. Siebzehn Millionen Menschen lebten damals in dieser vornehmsten Stadt Amerikas. Aber niemand beachtete die Nachricht. Es war nichts von Bedeutung. Es hatte nur ein paar Tote gegeben. (…) Binnen vierundzwanzig Stunden erreichte uns die Nachricht vom ersten Todesfall in Chicago. Und schon am selben Tag kam heraus, daß Tokio, neben Chicago die größte Stadt der Welt, seit zwei Wochen heimlich gegen die Seuche kämpfte, aber den ganzen Nachrichtendienst unter Zensur gestellt hatte. Das heißt, man hatte verboten, der übrigen Welt mitzuteilen, daß die Seuche in Tokio wütete. Es sah ernst aus, aber weder in Kalifornien noch irgendwo sonst in der Welt war man ängstlich. Wir waren überzeugt, dass die Bakteriologen ein Mittel finden würden, diesen neuen Keim zu besiegen, wie sie früher andere Keime besiegt hatten.“

Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Ganz erstaunlich ist das. Das Gefühl, dass die Seuche in erster Linie anderswo stattfindet, nicht so schlimm ist, dass nur die anderen sie kriegen. Auch das Vertuschen der ersten Fälle durch staatliche Zensur. In anderen Passagen: die Furcht vor den Erkrankten, die soziale Ungerechtigkeit, die durch die Seuche noch deutlicher zutage tritt, die Tücke einer langen Inkubationszeit. Ansonsten geht die Sache allerdings deutlich fieser aus als das, was wir gerade erleben.

Erstaunlich auch, dass in der deutschen Übersetzung dieser Passage eine Kleinigkeit verändert wurde. Im Original ist es nämlich nicht der Ferne Osten, der die Seuche verheimlicht, sondern London. Warum hat man das umgeschrieben? Es gibt bestimmt Leute, die das wissen. Ich weiß es nicht.

Jack London ist ja nicht gerade in Mode. Zu viel Nietzsche, zu viel Übermensch, würde ich vermuten. Wir teilen Teile seiner Weltsicht nicht. Dennoch ist das hier in einigen Passagen ein starkes Stück. Beschämend auch, wie berechenbar, wie vorhersehbar unser Verhalten als Spezies ist. Ich komme immer wieder darauf, wenn ich über Social Media schreibe oder mit Nicki und ihren Kollegen darüber diskutiere. Die Technologie macht ganz wenig mit uns. Sie schafft einen neuen Kontext, das schon. Aber innerhalb dieses Kontexts bewegt sich noch immer der alte Adam, die alte Eva. Deshalb funktionieren alte Bücher noch heute. Sie sprechen zu uns. Zumindest, wenn sich jemand diesen alten Adam und diese alte Eva genauer angesehen und seinen Beobachtungen eine Stimme gegeben hat.

Ich habe mir auf Amazon die beiden relativ neuen deutschen Ausgaben der Scharlachpest angesehen. Sie scheinen sich praktisch gar nicht zu verkaufen. Auch das erstaunt mich. Denn eigentlich müsste die Scharlachpest eine Erzählung der Stunde sein.

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