Die Werbung sagt mir, wer ich bin: Zeitungsleser, Geldverschwender, Saitenzupfer, Kunstbanause, Baggerfahrer, Herzverbluter, Rotweintrinker, Ahnungsloser

Es heißt ja immer, dass die großen Tech-Konzerne alles über uns wissen. Sie sammeln Daten, jagen sie durch ihre schlauen Maschinen und – zack! – verführen sie uns mit maßgeschneiderter Werbung. So denkt man sich die Sache zum Beispiel bei Facebook.

Man kann den Spieß natürlich auch umdrehen und sagen: All diese Werbeanzeigen sind ein Indikator dafür, was Facebook über uns denkt, ein Spiegel, an dem wir den tadellosen Sitz unserer Persönlichkeits-Frisur überprüfen können und ob uns womöglich noch Zahncreme am Kragen klebt.

Die Werbung sagt mir, wer ich bin.

Tut sie das?

Um das zu prüfen, hab ich beim Frühstück einfach mal gesammelt, welche Botschaften mir die vielen Anzeigen auf Facebook so zurufen – auf nüchternen Magen. Hier kommen acht Sätze. Bei manchen hab ich genickt, bei anderen: mich gewundert.

Erstens: „Du liest Zeitung“

Das verraten Anzeigen fürs Hamburger Abendblatt und einen Podcast der FAZ.

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Zweitens: „Du hast zu viel Geld“

… am besten, Du gibst es schnell für unnütze, aber dafür teure Dinge aus! Zum Beispiel für teure Pullover, teure Holzfiguren, einen Tag im Flugsimulator, für Designer-Möbel, winterliche Zugreisen in die Schweiz – oder eine Kreuzfahrt in die Antarktis.

Drittens: „Du spielst Gitarre und hörst klassische Musik“

Das verraten Anzeigen für irgendwelche Streichkonzerte bei Kerzenlicht – und für dieses experimentelle Werkzeug, mit dem man ganz normal mit den Fingern greifen und dennoch Slide-Gitarre spielen kann. Genial!

Viertens: „Du magst Kunst – hast aber gar keine Ahnung davon

Das verraten Ausstellungshinweise (aus Hamburg), Anzeigen für (Obacht!) einen Online-Kurs, der Unwissenden innerhalb weniger Stunden einen Überblick über die gesamte Kunstgeschichte verspricht, für teure Kunstdrucke – und für die gar nicht mal so uninteressanten Bilder einer Malerin, die Frauen aus einer Linie zeichnet.

Fünftens: „Du hast zu wenig Geld“

Such Dir gefälligst Arbeit! Zum Beispiel als Nachhilfelehrer – oder (hier wird’s sehr konkret) als Baggerfahrer im Sielbau irgendwo im Lauenburgischen.

Sechstens: „Du hast ein gutes Herz – aber das Herz blutet“

So spricht der Spendenaufruf für ein SOS-Kinderdorf, die emotionale Familien-Kampagne eines finnischen Handy-Herstellers – und ein Therapieangebot für Traumatisierte. Vielleicht habe ich ein Trauma oder zwei. Gut möglich.

Siebtens: „Du ernährst Dich gesund und genussfreudig

Das sagen die Anzeigen für veganes Essen, Edeka – und nicht ganz billige Weingläser.

Achtens: „Du machst was mit Schreiben und Psychologie – und hast keine Ahnung, wie’s weitergeht“

Dies flüstert eine Anzeige für einen Kurs im Kinderbücherschreiben – und das schmeichelhafte Angebot, mich für das Masterprogramm in Neurowissenschaften am King’s College in London einzuschreiben.

Viele offene Fragen.

Bin ich all das wirklich?

Welche Anzeigen sind es bei Euch?

Wie gut fühlt Ihr Euch gesehen?

Und noch wichtiger: Bei welchen Anzeigen denkt ihr: „Das muss ich unbedingt ausprobieren?“ Mir ist das erst einmal passiert. Und das ist eigentlich zu wenig für all den Aufwand.

Aber tatsächlich hätt‘ ich mir neulich beinahe was gekauft.

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