Die Leute im Camp Michigania

Eine Sache vorab. Google Translate ist besser als nichts. Aber DeepL ist viel, viel besser.

Nun zur Sache.

Am Ende hab ich beim Camp Michigania eine Urkunde bekommen für maximale Begeisterung beim Tennis und beim Pickleball. Meine letzte Rückhand ist jetzt schon zehn Tage her und das Knie tut immer noch weh. Hat man davon! Falls jemand noch nie von Pickleball gehört haben sollte: Hier hab ich mal drüber geschrieben und dabei Regeln und Liebreiz dieser Sportart besungen.

Jedenfalls gab’s in der Campwoche ein Pickleballturnier. Meinen Doppelpartner hab ich durch Zufall getroffen. Und genau darum geht’s in diesem Beitrag: Um all die Zufälle und die Leute, die man dabei trifft. Ich rede viel und gern mit Fremden. Es gibt Studien, die zeigen, dass es die meisten Menschen glücklicher macht. Einige davon hab ich kürzlich in einem Podcast vorgestellt. Camp Michigania ist jedenfalls eine Maschine, die genau solche Begegnungen und Zufälle erzeugt und das sehr zuverlässig. Mein Doppelpartner hieß George. George ist der fitteste 83-Jährige, den ich kenne. Und er hat das, was man ein „Händchen“ nennt. Er weiß genau, wo der Ball hin muss und er spielt ihn mit einem bitterbösen Spin. Ich habe erfahrene Athleten Luftlöcher schlagen sehen, weil Georges Bälle manchmal eine irrwitzige Flugbahn beschreiben. Angeblich hat George bei den letzten Michigan-Meisterschaften die Bronzemedaille geholt. „Aber nur in meiner Altersklasse“, sagt er. Es war jedenfalls die reine Freude, auch wenn wir am Ende natürlich nicht gewonnen haben.

Nach unseren ersten paar Matches meinte George: „So, wir gehen jetzt zu meiner Hütte. Ich hab Bier in der Eisbox.“ Und da saßen wir dann auf der Veranda und tranken unser Bier. Es war herrlich. George ist ein Amerikaner, wie man ihn sich amerikanischer nicht denken kann. Aber manchmal, wenn mir ein kompliziertes Wort nicht auf Englisch eingefallen ist, hab ich einfach das deutsche Wort verwendet und George hat es verstanden. „I understand everything“, sagt er. Auf seiner Geburtsurkunde hieß er noch Georg ohne das amerikanische „E“ am Ende. Die ersten Monate seines Lebens hat er in Österreich verbracht. Irgendwann – „after Kristallnacht“ – sei seinem Vater klargeworden, dass Wien, diese damals beste Stadt von allen, nicht länger die beste Stadt für eine jüdische Familie sein würde. Und so kam Georg nach Amerika, als er noch kein Jahr alt war.

Wir haben uns im Laufe der Woche in Michigania noch häufiger unterhalten. George ist ein fröhlicher Kerl, pragmatisch und zupackend. „Ich wollte lange nix wissen von meiner Religion und meiner Herkunft“, sagt er. „Ich wollte nur dazugehören. Nur das hat mich interessiert.“ Aber dann hat’s ihn halt doch irgendwann eingeholt. „Dass ich Jude bin, das ist Teil meiner Geschichte. Es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin.“

Heute arbeitet er ehrenamtlich fürs Holocaust Memorial Center in Farmington Hills und hält dort gelegentlich Vorträge als Suvivor. Hier kann man seine Geschichte nachlesen. Tja. Mein Punkt ist: Jetzt hab ich Pickleball gespielt mit einem Kerl, der ungefähr so alt ist wie mein Vater und der überlebt hat, weil sein Vater früh genug gemerkt hat, was passiert in seinem Land. Michigania ist die Maschine, die zuverlässig Zufälle produziert. Ohne diese Maschine hätte ich nie mit George gesprochen und nie seine Geschichte gehört. Ich hätte nie gelernt, mit einem Butterflyboot zu segeln.

Und ich hätte auch Bert und seine Familie nicht kennengelernt. Das Ganze kam so. Bei der Begrüßung am ersten Abend meinte Bert, als er am Mikrofon stand: „Ich veranstalte eine Art TED-Talk am Dienstag. Wer ein Thema hat, kriegt 15 Minuten Zeit. Meldet Euch einfach.“ In normalen Jahren gehören solche Vorträge fest zum Programm. In Coronazeiten fallen sie aus. Bert hatte offenbar Lust, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Nach der Vorstellung kam er stracks zu Nicki und mir und meinte: „Ihr zwei haltet einen Vortrag. Dienstag vor dem Haus von Arts&Crafts. Ich zähl auf euch.“ Warum er ausgerechnet uns gefragt hat, ist mir noch immer ein Rätsel.

Jedenfalls hing am nächsten Tag wirklich ein Zettel mit unseren Namen drauf am schwarzen Brett. Bei mir stand daneben der Satz: „Keine Ahnung, worüber der Typ reden will, aber er behauptet, dass er für Psychologie Heute schreibt.“

Also haben Nicki und ich zwei Tage später je einen Kurzvortrag gehalten. Nicki hat erzählt, warum die sozialen Medien gut für uns sein können (das ist ihr Forschungsgebiet). Und ich hab von meinem längst vergessenen Buch „Alle Macht den Kindern“ gesprochen – und darüber, was alles passieren kann, wenn Kinder mal ne Zeit lang die komplette Kontrolle haben über das eigene Familienleben. Hat Spaß gemacht, die Leute haben hinterher ein paar Fragen gestellt und dann freundlich geklatscht.

Bert jedenfalls ist ein interessanter Kerl. Er spielt Klarinette in einer Klezmerband. „Nicht wegen der Kohle“, sagt er. „Sondern, um was für die Community zu tun.“ Außerdem schreibt er ab und zu Kolumnen fürs Wall Street Journal.

Ich so: „Welche Themen?“
Er so: „Immobilien. Und Musik.“

Er schreibt auch über Sport jenseits der Lebensmitte. Ich hätte darin seine Bemerkung über die Schmerzen der 50-Jährigen aufmerksamer lesen sollen, dann wär mein Knie jetzt vielleicht in einem besseren Zustand.

Bert hat aber auch eine interessante Familie. Sein Sohn zum Beispiel, der auch mit im Camp war, spielt Schlagzeug in einer Band namens Vulfpeck, die ich sehr mag. Nicki sagt, dass ich mich ein bisschen blamiert habe bei unserer ersten Begegnung, weil ich in spontaner Begeisterung angefangen hab, die Basslinie des Vulfpeck-Songs „Dean Town“ zu singen. Aber das haben schon andere Leute vor mir getan.

Berts Frau Alice hat es im Internet zu einiger Berühmtheit gebracht. Ich habe 2019 sogar mal was über sie auf Facebook gepostet. Ohne Scheiß. Im Wortlaut hieß es damals: „Vulfpeck machen mich fertig. Ab 20:45. Wie die Mama mal eben für ne Meditation auf die Bühne kommt. Ich kann nicht mehr Leute.“ Hier das Video dazu. Guckt Euch ihren Auftritt an, er ist großartig.

Jedenfalls spielen Bert und Alice auch Pickleball. Und zwar gut. Ich verdanke ihnen einige tolle Matches (und möglicherweise auch das Aua im Bein).

Zum Ende des Camps hat Bert für den letzten Abend noch eine Art offene Bühne organisiert, bei der jeder was vorführen konnte. Ich war in den 1990er-Jahren ja mal Teil einer Straßenmusik-Gruppe in Oldenburg. Seither hängen zwei Klezmer-Songs irgendwo in meiner Hirnrinde. Bei einem konnte ich sogar noch Teile des jiddischen Texts. Und so hab ich mir von unserem Nachbarn eine Klampfe geliehen und mit Bert nach einer 15-minütigen Probe ein bisschen Musik gemacht.

Der Eimer im Vordergrund ist voller Bier. Eine Camperfamilie hat ihn gestiftet.

Auch das war: ein großer Spaß. Bert hat mich im Verlauf des Abends zwei Mal öffentlich gefeuert – und später wieder eingestellt. Sein Humor ist ein bisschen wie der Spin von George beim Pickleball: Man weiß nie so recht, wo der nächste Ball hingeht.

Die offene Bühne war auch ansonsten klasse. Kai hat erst das Mikro gehalten und dann spontan eine super witzige Comedy-Einlage hingelegt. „Don’t go to College“, ruft Bert ihm hinterher, als er die Bühne verlässt. Später schnappt sich ein Mädchen die Gitarre und singt zwei Songs. Später meint sie: „Ich hab immer total Lampenfieber.“

Das hat mich beschäftigt. Ich finde, man sollte über die Bühne anders denken. Denn in den guten Momenten verbindet man sich dabei mit allen, die gerade zuhören. Man erschafft ein Netz, wo vorher nur einzelne Punkte waren – und wird dabei selbst Teil des großen Netzes. Wenn mir das nächste Mal jemand von Lampenfieber klagt, werde ich diese Geschichte erzählen. Vielleicht hilft’s.

Ein paar Tage nach Ende des Camps schreibt mir Bert in einer Email, „Gania“ sei ein bisschen „wie Schweden mitten in den USA“. „Sehr egalitär. Du kannst nicht sehen, ob jemand eine weltbekannte Neurologin ist, ein Verfassungsrechtler oder Schrotthändler. Alle laufen in T-Shirts und kurzen Hosen rum. Alle sammeln den Müll ein. Wir sorgen selbst für Unterhaltung und Vorträge – wie an einem riesigen Lagerfeuer, das ne Woche lang brennt.“ Das stimmt. Allerdings sollte man erwähnen, dass Vorträge und Entertainment ansonsten zum Programm gehören. Bert hatte einfach keine Lust, sich beides von der Pandemie wegnehmen zu lassen. Er schreibt weiter:
„Keiner schließt die Hütte ab. Die Kinder stromern den ganzen Tag draußen rum. Die Generationen vermischen sich. Ich hab tatsächlich mit ein paar Kindern und Jugendlichen gesprochen, was mir sonst im Alltag nie passiert, denn ich bin ein alter Mann.“ Unter den Campern waren im Übrigen, so schreibt Bert, „ne Menge Juden (ich kann’s nicht ändern“. Letzteres ist wahr. Es hat etwas mit der Geschichte der University of Michigan zu tun. Aber darüber schreib ich ein andermal.

Kommentare

    1. I particularly liked the bit about talking to strangers. It gets easier the older you get. You’ll notice, very few kids are willing to approach complete strangers. I’ll talk to anybody. Sometimes embarrasses my kids, even though they’re not „kids“ anymore.

      I once was in line at a coffee shop in England and said to a guy, “Why’d you order that?” [some odd dish, at least to me]

      “I’m old enough I can wear purple if I want.”

      “Pink?”

      “Not sure, mate.”

      –Love the Brit sense of humor.

      At ‚Gania, I read „journalist“ in your bio note in the printed ‚Gania roster, so I went up to you.

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