Die Deutschen in Ann Arbor

Heute nix mit Corona, sondern Geschichtsunterricht. Also: Hefte raus!
Beim Spaziergang mit Coco bei Sweatwaters vorbeigekommen. Das ist ein Café Ecke Washington/Ashley. Eine Institution. Manchmal sitze ich dort und schreibe meine Artikel wie die anderen Vertreter der Bohème (hab kurz überlegt, ob ich das erklären soll. Laut Wikipedia bezeichnet man damit – und das ist einfach zu gut, um es wegzulassen – „eine Subkultur intellektueller Randgruppen mit vorwiegend schriftstellerischer, bildkünstlerischer und musikalischer Aktivität oder Ambition“). Da hängen an der Hauswand jedenfalls Schilder, die an die Geschichte des Viertels erinnern: Hier haben im 19. Jahrhundert vor allem Deutsche gelebt.

Eine Familie namens Wagner verdiente damals – Überraschung – ihr Geld mit der Reparatur von Pferdefuhrwerken. In der Mittagspause, so heißt es, haben die Arbeiter sich das Bier in Eimern von den nahen Brauereien geholt. Gab viele davon. Bier ist in Michigan immer noch Kultur. Ein paar Häuser weiter steht die alte „Schwabenhalle“, wo die Auswanderer eine Art Heimatverein hatten. Den Schriftzug findet man noch immer über den Fenstern im 1. OG.

Angeblich hat man sich früher mächtig über die Deutschen und ihr schlechtes Englisch lustig gemacht. „Die cow hat über der fence gejumped, und hat alle die cabbages abge-eaten.“ Klingt glaubwürdig.

Das Aufmacherbild ganz oben hab ich vor mehr als zwei Jahren aufgenommen. Es handelt sich um die Wurstplatte im „Metzger’s“, DEM deutschen Restaurants der Stadt. Der Laden hat natürlich gerade geschlossen. Mittagessen abholen geht noch immer. Auf der Karte: „Mettwurst“, „Knackwurst“, „Spatzen“, „Sauerkraut“, „Sauerbraten“.

Der Urvater des Restaurants, Wilhelm Metzger, kam in den 1920ern aus dem Schwäbischen hierher. Während des Zweiten Weltkriegs erfuhr er ein gewisses Misstrauens seitens seiner neuen Landsleute. War er vielleicht ein Spion Hitlers? Also schrieb mein Namensvetter einen offenen Brief, der in der Zeitung abgedruckt wurde: Wilhelm, so stand da zu lesen, war jetzt „Bill“ und außerdem Amerikaner durch und durch. Danach lief der Laden wieder. Kommunikation ist alles. Der Brief hängt heute gerahmt irgendwo hinten an der Wand von „Metzger’s“; man kommt dran vorbei, wenn man zur Toilette geht.

Die Division Street hat früher die englische Oststadt von der deutschen Weststadt getrennt. Und tatsächlich tragen viele Örtlichkeiten westlich der Innenstadt noch heute deutsche Namen. Beim Spaziergang kommen wir etwa an der Bach-Grundschule vorbei.

Die nahe Grünanlage, in welcher verblüffend viele Hunde spielen, trägt den Namen „Wurster Park“.

Das Klischee besagt, dass die USA schon immer ein Land für Einwanderer waren. Nur Trump checkt’s nicht und hat was gegen Ausländer. Vielleicht denken manche auch, dass die Deutschen stets willkommene Neuankömmlinge waren. Beides ist so nicht richtig. Und weil das hier Schulunterricht ist und das Zitat mal wieder viel zu gut, um es nicht zu bringen, schließe ich heute mit Auszügen aus einem Brief, den der große Benjamin Franklin im Jahre 1753 verfasst hat. Dort heißt es über die deutschen Zuwanderer (hüstel):

„Bei denen, die hierher kommen, handelt es sich im Allgemeinen um die dümmsten Vertreter ihrer Nation … Wenige ihrer Kinder lernen Englisch … Unsere Straßenschilder sind zweisprachig … Wenn ihr Zufluss in unser Land nicht aufhört, werden sie bald in der Überzahl sein, so dass all das, was uns überlegen macht, nicht genügen wird, unsere Sprache zu retten. Sogar unsere Regierung ist in Gefahr.“

Ich lass das mal so stehen.

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