Die Räuber mit dem Riesen-Rüssel: See-Elefanten in Kalifornien

Man denkt da ja nie drüber nach. Aber wenn man im Englischunterricht aufgepasst hat, dann merkt man schnell, dass beim „Silicon Valley“ irgendwie von einem Tal die Rede ist. Tatsächlich liegt Menlo Park in der Ebene. Jenseits der San Francisco Bay geht’s relativ bald ins Gebirge. Und auch vom Pazifik ist man durch eine Bergkette getrennt. Als wir an diesem Morgen mit dem Wagen über den Pass Richtung Ozean fahren, ist es schnell vorbei mit blauem Himmel und Sonnenschein. Alles grau, alles bedeckt. Die Wolken kommen vom Meer und bleiben in den Bergen hängen. So ist das an vielen Tagen, so ist es auch heute. Einer der höchsten Gipfel hier heißt übrigens „Windy Hill“ und er trägt den Namen nicht umsonst. Er markiert eine Art Klimagrenze. Entsprechend rau pfeift hier oben der Wind.

Nach weniger als 90 Minuten kommen wir nach Año Nuevo, den Neujahrsstrand.

Zum Klo ist es keine halbe Meile. Beruhigend!

See-Elefanten, so belehrt mich Kai, sind die größten Raubtiere, die zumindest AUCH an Land leben. Man könnte über die Bezeichnung „Landraubtier“ streiten. Denn wirklich rauben tun die Viecher ja nur im Wasser. Aber egal. Fest steht, dass ein See-Elefant mehr wiegt als ein Grizzly. Also eine Menge. Um uns Respekt einzuflößen, haben die Ranger am Eingang zum Naturschutzgebiet den Schädel eines ausgewachsenen Bullen ausgestellt.

Man beachte die Münze, die Nicki flugs zum Größenvergleich mit ins Bild geschmuggelt hat.

Gleich dahinter die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung: Am Strand hängen mehr als 2000 See-Elefanten ab. Sie kommen jedes Jahr für rund drei Monate hierher. Die Jobs (in genau dieser Reihenfolge) lauten: Rangordnung ausfechten (die Männchen), Kinder kriegen, Kinder säugen (die Weibchen), sich Paaren (die Männchen & die Weibchen) – und dann wieder ab aufs Meer und sich den Speck für die nächste Saison anfressen.

Man beachte: Auf jedes Männchen kommen vier Weibchen. Die Jungs haben ein stressigeres Leben und sterben deutlich früher. Ein Ranger meint: Womöglich werden auch mehr weibliche als männliche Babys geboren. Das weiß man aber nicht so genau.

Ein Guide bringt unsere kleine Gruppe in die Dünen. Plötzlich liegt quer auf dem Weg ein junger See-Elefanten-Bulle. Wir verdrücken und ins Dünengras. Die Order lautet: Immer mindestens acht Meter Abstand halten.

Erster See-Elefant. Gymnasium, Mittelstufe, so mal locker geschätzt.

Fun-Fact: Erst am Tag zuvor hab ich im Roman meines Tischtennis-Kollegen Jan Jepsen eine Passage gelesen, in der sein Held ebenfalls von einer Begegnung mit einem See-Elefanten berichtet, allerdings auf der Südhalbkugel. Die beiden Populationen haben sich wohl vor ein paar Millionen Jahren voneinander getrennt. Wie auch immer: Ich habe Jan zu Ehren sein Buch mitgebracht und mache ein Gruppenbild mit der ersten Robbengruppe, der wir begegnen.

Der Titel des Buches passt zur Szene übrigens „wie Faust aufs Gretchen“ (Arno Schmidt). Am Strand wird in der Tat fleißig an der Arterhaltung gewerkelt.

Zitat aus Jans Buch: „Er nannte ein paar Fakten, z.B. dass die Tiere über fünf Tonnen schwer und sechs Meter lang werden könnten. Masse und Nase (bis zu dreißig Zentimeter) erinnerten an einen Elefanten. Daher auch der Name elephant seals. Anschließend referierte er noch ein paar Details zum Sexleben der Tiere. In der Paarungszeit versammelten sich die Seeelefanten zu größeren Kolonien, was mehr an einen Fightclub als einen Swingerclub erinnern würde.“

In dieser Hinsicht scheinen sich die Nord- und Südhalbkugler nicht besonders zu unterscheiden. Die Bullen bewegen sich wie riesige Nacktschnecken. Nur schneller. Einer der Ranger meint: „Im tiefen Sand hast Du beim Wettrennen gegen einen wütenden Bullen keine Chance.“ Bin mir zwar nicht sicher, ob das stimmt. Aber kernig klingt’s auf jeden Fall. Fest steht außerdem: Wütend sind die Kerle rund um die Uhr. Es läuft wie in den Filmen von Bud Spencer: Man zählt auf zehn – schon gibt‘s irgendwo die nächste Keilerei. Es geht dabei weder um Spaß noch ums Fressen – sondern einzig um die Weibchen. Die Alpha-Männchen, so erklärt unser Guide, hält sich einen kompletten Harem aus 30 Weibchen, manchmal sogar mehr. Die anderen Bullen versuchen immer mal wieder ihr Glück. Wenn der Alte von der Sache Wind bekommt, passiert in etwa das Folgende:

Wenn eine Bulle einen Rivalen verjagt.

Man beachte, wie sich der Bulle einen Dreck darum kümmert, wer oder was ihm gerade im Weg liegt. Von einem Männchen überrollt zu werden, gehört für Robbenbabys angeblich zu den eher üblichen Todesarten. Jedenfalls hat der Rivale nicht immer Lust, das Feld zu räumen. Dann kommt es zur nächsten Eskalationsstufe, die in etwa so aussieht:

Noch beißen sie sich nicht. Aber fast!

Einige der Bullen – vor allem die jüngeren Tiere – zahlen am Strand ordentlich „Lehrgeld“, wie man früher gesagt hat. Von den Weibchen werden sie gebissen, wenn sie ihnen zu nahe kommen (sie versuchen’s trotzdem immer wieder. Ach, die Hormone!). Von den Alten werden sie regelmäßig verkloppt. Manchmal liegen sie dann abseits am Wasser, deprimiert, die Hornhaut an ihrer Brust leuchtet rot vom vergossenen Blut. 

Nicht sein Tag!

Eigentlich wollte ich jetzt noch ein paar fleißige Forschungs-Fakten zusammentragen. Vielleicht später. Heute nur zwei Dinge. Nämlich zum einen die Sache mit der Milch: Die hat, wenn die Muttis erstmal in Form sind, einen Fettgehalt von 55 Prozent. Muss man sich mal vorstellen. Die Babys vervierfachen ihr Gewicht innerhalb von 28 Tagen. Die Mütter dagegen wiegen am Ende nur noch die Hälfte. Sie arbeiten, wie man früher bei den Frauenzeitschriften gesagt hätte, sozusagen an ihrer Bikini-Figur. Die entsprechende Studie ist schon ein paar Jährchen alt. Nachzulesen: hier.

Das Baby robbt sich warm. Die Mutter wurde von fleißigen Mitarbeitern der University of California in Santa Cruz zu Forschungszwecken gekennzeichnet.

Und dann muss man unbedingt noch ein paar Takte über die Mütter verlieren. Die Weibchen wirken ziemlich entspannt. Die meisten von ihnen haben die Augen geschlossen und scheinen zu dösen. „Die haben‘s gut“, sage ich mit dem Fernglas in der Hand. Tja. So kann man sich täuschen. Ein paar Forscher haben nämlich genau hier an diesem Strand im Verlauf von 40 Jahren das Leben von 7735 weiblichen See-Elefanten verfolgt. Wenn man die Auswertung liest merkt man: Hart ist das Leben an der Küste! 75 Prozent aller weiblichen See-Elefanten sterben, bevor sie geschlechtsreif werden. Wieder andere bekommen ihr erstes Babys, während sie selbst sich noch in der Wachstumsphase befinden. Solche Teenie-Schwangerschaften sind bei den Robben keine gute Idee: Die Kinder überleben selten. Und die Lebenserwartung der jungen Mütter sinkt rapide. Nur ein Prozent aller Weibchen werden zu so genannten „Supermoms“: Sie leben lange und bekommen jedes Jahr ein kräftiges Junges – am Ende bringen sie es auf 20 gesunde Kinder. Nachzulesen: hier.

Was fehlt, nachdem wir ausgiebig über Kindererziehung und Gewalt gesprochen haben? Natürlich: der Sex. Da macht man sich vorher schon so seine Gedanken. Die Männchen sind viel größer und schwerer als die Weibchen. Wie überleben die den Paarungsakt? So weit wir das beobachten können, läuft die Sache folgendermaßen: See-Elefanten machen Löffelchen. Er legt seiner Braut dabei – ja, ich würde fast sagen: zärtlich – eine Flosse auf die Hüfte. Ich habe irgendwo gelesen, dass die Bullen dabei auch Nackenbisse verteilen. Bezeugen kann ich derlei aber nicht.

Daher kommen die ganzen kleinen See-Elefanten.

Am Ende noch ein Foto, das Nicki etwa zwei Wochen vorher am selben Strand geschossen hat. Da schien beinahe die Sonne. Tschüss, Ihr See-Elefanten. Macht’s gut – und bis zum nächsten Mal.

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