Der Dammbruch in Michigan war kein Zufall

Gestern sind im mittleren Michigan zwei Dämme gebrochen. Ich hab die Bilder von den CBS Morgennachrichten gezogen. Midland County – der betroffene Bezirk – liegt knapp 200 Kilometer nördlich von uns. Schlimme Sache. Die umliegenden Dörfer und Städte werden evakuiert, dort steht das Wasser jetzt teilweise mehr als zwei Meter hoch in den Straßen. Die Gouverneurin hat den Notstand ausgerufen.

Auch der Spiegel berichtet über die Sache. Die dort erwähnten „heftigen Regenfällen“ sind eine korrekte Beschreibung dessen, was hier vorgestern los war. Da bin ich nach dem Mittagessen runter zum Huron River gegangen. Das dauert ungefähr vier bis fünf Minuten. Ich hatte meinen Hut auf, Regenjacke und Regenhose an, Gummistiefel sowieso. Hat leider nicht gereicht: Als gerade der halbe Weg vorbei war, hat mein T-Shirt schon nass auf der Haut geklebt. Mann, hat das geschüttet. Der Uferweg unten am Barton Dam steht heute kräftig unter Wasser. Angeblich ist es der höchste Wasserstand seit je (der Staudamm ist übrigens schon mehr als 100 Jahre alt).

Vorhin nochmal mit Coco dagewesen. Sie fand’s ganz lustig, glaub ich.

Man kann wegen der Überschwemmung natürlich sagen: „So ein Pech auch – ausgerechnet jetzt während der Pandemie!“ Das stimmt. Die Umstände sind ungünstig. Dass so viel Wasser auf einmal kommt, ist auch doof. Man hat die ganze Sache einfach nicht kommen sehen. Dies hier ist übrigens der Lagebericht der Behörden vor Ort: Wenige Stunden vor dem Dammbruch war man sich noch sicher, dass mit den Anlagen soweit alles klar geht.

Aber andererseits.

Gibt’s ein paar Leute, die’s halt total haben kommen sehen. Vor zwei Jahren hat der amerikanische Berufsverband der Bauingenieure einen Lagebericht darüber abgeliefert, in welchem Zustand die Infrastruktur in Michigan sich befindet. Straßen, Stromleitungen, Brücken, Abwasserrohre und so Sachen.

Eines der Kapitel befasst sich mit den verschiedenen Staudämmen. Und da liest man dies:

  • Insgesamt haben die Staudämme in Michigan eine 3- bekommen. Nicht gerade eine Bestnote.
  • Es gibt im Staat ungefähr 2600 solcher Dämme. Also viele.
  • Die Dinger sind üblicherweise auf eine Lebenszeit von rund 50 Jahren ausgelegt.
  • Bis zum Jahr 2023 werden mehr als 80 Prozent aller Wehre das Alter von 50 Jahren überschritten haben. Das Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen. Die Bausubstanz ist viel zu alt. Man müsste viele der Wehre abbauen und andere erneuern.
  • 271 Dämme stammen noch aus dem 19. Jahrhundert.
  • 140 der Wehre werden als „Hochrisiko-Dämme“ eingeschätzt. Das sagt nichts über ihren Zustand aus. Sondern darüber, dass es sehr schlimm wird, wenn die Dinger mal brechen sollten (die beiden Staudämme in Midland gehören genau zu dieser Hochrisiko-Kategorie; unser „Barton Dam“ übrigens auch).
  • Pro Jahr brechen in Michigan im Schnitt etwa zwei Dämme. Man kriegt es nur nicht mit, weil sie meist kleiner sind als die beiden, die gerade ihren Geist aufgegeben haben.
  • „Michigan“, so das Fazit, „muss weitere Fortschritte dabei machen, Dämme zu reparieren oder abzubauen.“ Sonst wird’s gefährlich für die Leute, die in der Nähe wohnen.

Das alles klingt schon mal wenig beruhigend.

Richtig übel wird die Sache aber, wenn man sich die Geschichte des Edenville Dam ansieht. Das ist der obere der beiden gebrochenen Dämme. Er befindet sich – wie 75 Prozent dieser Bauwerke – in Privatbesitz.

Am Edenville Dam wird Strom erzeugt. Vor zwei Jahren haben die Behörden den Betreibern aber die Lizenz entzogen. Die Begründung: Die Betreiberfirma habe „viele Jahre lang wichtige Lizenz- und Sicherheitsbestimmungen missachtet“. Die Firma habe das Projekt „13 Jahre lang“ dem Risiko einer Flutkatastrophe ausgesetzt. Wenn man die Tricks und Ausreden der Betreiber liest, kriegt man wirklich einen dicken Hals. Die Behörden sagen schon vor Jahren: Euer Damm hat bei starkem Regen nicht genügend Abflussmöglichkeiten, das ist gefährlich, das müsst ihr reparieren, sonst schalten wir euch ab. Die Firma sagt: Wenn ihr uns ausknipst, lassen wir die Anlage verrotten und dann geht hier gar nix mehr. Sie haben den Staat ganz einfach erpresst. Scheint zu klappen, wenn man auf kritischer Infrastruktur sitzt: Es gab wohl noch eine Alternativtaktik. Die Firma hat irgendwann gesagt: Okay, okay, wir geben nach, wir werden in Zukunft 50 Prozent unserer Einkünfte dafür ausgeben, den Damm in Ordnung zu bringen. Darauf haben die Behörden die nächste Genehmigung erteilt. Aber danach hat die Firma ihr Geld einfach behalten und so getan als wär nix. 2017 wollten sie dieselbe Nummer nochmal durchziehen, sind aber nicht damit durchgekommen. Im Übrigen beschreibt das Papier schon vor zwei Jahren genau das, was jetzt passiert ist: Wenn der Damm bricht, gehen in den Dörfern und der Stadt Midland die Lampen aus.

Der Dammbruch in Michigan war kein Zufall. Denn der Entzug der Lizenz hat natürlich den Damm nicht repariert. Vielleicht ist es besser, kritische Infrastruktur in öffentlicher Hand zu behalten? Das ist in den Sozialen Medien hier gerade eine der Sachen, die man lesen kann. Als Europäer kommt man sich sowieso vor wie ein Sozialist.

Dass das Mutterwerk von Dow Chemical sich im Überschwemmungsgebiet befindet, macht die Sache übrigens auch nicht besser.

Bin gespannt, wie die Gegend da oben aussieht, wenn alles wieder trocken ist. Heute war’s sonnig. Kein Regen angesagt. Immerhin.

Hier: Wie die für alle verlorene Pokerpartie um die beiden Staudämme im Detail abgelaufen ist.

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