Das Virus der anderen

Gestern hatten wir wieder unsere „Virtual Happy Hour“ – wir treffen uns per Zoom in einer Videokonferenz mit vier anderen Leuten und tun so, als säßen wir zusammen in der Kneipe. Ich vermute, dass viele das gerade so halten. Mir tun diese Treffen gut. Ich hab irgendwann in die Runde gefragt: „Was sagt denn die Statistik über unsere kleine Gruppe hier? Wie viele von uns sechs werden sich im nächsten halben Jahr das Virus einfangen?“ Die Antwort: „Vermutlich vier oder fünf.“ Alle anderen in der Runde sind Professoren. Schlaue Leute. Mein Kopf sagt: Okay, klingt plausibel. Meine Intuition sagt: No way! Warum? Ich vermute mal: Corona kriegen (wie Krebs, Schlaganfall und Herzinfarkt) immer nur die anderen.

Hier in Michigan kann man sehen, dass es sich bei diesem verzerrten Blick auf die Wirklichkeit nicht um ein Privileg von Privatpersonen handelt. Will sagen: Politikern unterläuft derselbe Fehler.

Ich vergleiche die Daten mal mit denen aus Norddeutschland, wo ich wohne, wenn ich nicht bei meiner Lebensgefährtin bin.

Am 28. Februar gab es den ersten positiv getesteten Fall in Schleswig-Holstein. Zwei Tage später den ersten Fall in Hamburg.
Das Schaubild unten zeigt die entsprechende Kurve für Michigan. Dort hatte man den ersten Fall am 10. März. Michigan hatte also elf Tage mehr Zeit, sich vorzubereiten. Klar: Im Detail verlaufen die beiden Kurven leicht unterschiedlich. Doch bei beiden handelt es sich um exponentielle Funktionen mit schnell steigenden Zuwachsraten. Die Lage ist einigermaßen vergleichbar.

Was ich damit sagen will: Jeder hier wusste, was kommt. Wie gut war man vorbereitet? Tja. Der ganze Staat Michigan (von der Fläche her etwa so groß wie die alte Bundesrepublik) hatte zum Zeitpunkt der ersten Positivtestung nicht mehr als 300 Test-Kits vorrätig. Das ist so gut wie nichts.
Und natürlich hat das viele Ursachen (einige davon sind bürokratischer Natur, für die in Michigan keiner was kann). Aber Sorglosigkeit war ganz sicher auch ein Faktor. Auch dies kann man irgendwie rechtfertigen: Noch am 9. März schien Michigan die Insel der Verschonten zu sein: Überall in der Gegend gab es Corona-Fälle. Nur hier nicht:

Der blaue Kreis: Das ist Michigan

Von der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen: Zu diesem Zeitpunkt waren Nicki und ich noch in Kalifornien. Am 2. März habe ich dort in Berkeley eine Konferenz über Roboter und Künstliche Intelligenz besucht. Die Veranstaltung stand wegen Corona schon mächtig auf der Kippe. Spender mit Desinfektionsmittel standen an allen Eingängen, man gab sich den Ellenbogen. Ich habe mir dort mindestens sechs Mal für je 20 Sekunden die Hände gewaschen. Social Distancing jedoch war noch nicht erfunden (der Begriff wurde erst ab dem 15.3. im großen Stil gegoogelt).

Bei Google Trends gibt man den Begriff „Social Distancing“ ein. Als Region die USA. Die Kurve zeigt, wann die Leute angefangen haben, nach diesem Begriff zu suchen
Dies ist ein Pressefoto von der TechCrunch-Konferenz Anfang März in Berkeley. Social Distancing was not even a thing back then. Der Typ rechts mit der Brille – das bin ich 🙂

Schon wenige Tage später hat die Stanford University wegen Corona den gesamten Laden dicht gemacht.

Als wir am Wochenende aus Kalifornien zurück nach Michigan gefahren sind, da hatten wir beiden noch das Gefühl, dass dort eine weniger gefährdete und gefährliche Region auf uns wartet. Heute sehen wir: Das war ein Irrtum. Die Zahl der Corona-Fälle in Michigan wird jene in Kalifornien und Washington bald übersteigen. Vielleicht schon an diesem Wochenende.

Wir sitzen mittendrin im Schlamassel (wie man an der Landkarte ganz oben sehen kann). All das weiß mein Kopf. Und trotzdem sagt mir meine Intuition: Wird schon alles gut. Noch handelt es sich bei Corona: um das Virus der anderen.

Zum Abschluss noch ein bisschen Futter für den Kopf: Zwei Physiker haben sich eine tolle und relativ gut verständliche Art und Weise ausgedacht, besser über die Zukunft nachzudenken, als unsere Intuition das kann. Ich verbringe meine Abende jetzt damit, meine eigenen Excel-Tabellen anzulegen, um ein Gefühl für das zu kriegen, was als nächstes kommt. „Nerding out“ als Therapie.

Kommentare

  1. prima sache, so’n blog. bin ebenfalls angetan vom youtube video der physiknerds. das meiste stimmt. habe auf youtube einen kommentar zu den ausnahmen hinterlassen:

    excellent video!
    few caveats: the „true“ exponential growth rate isn’t necessarily below the rate of confirmed cases when accounting for the increase in testing. in most countries only people with symptoms are tested. they automatically become more and more numerous – and so do the tests. Tests do not capture „more“ as long as the criteria of testing stay the same. the „true“ growth rate can even be above the „apparent“ rate. For example, at the beginning of spreading, transmission rate is higher among younger age cohorts (children, adolescents) because of more intense social interactions, but these young cohorts tend to have no symptoms and thus remain untested.

  2. Danke, Kai. Interessant. Und klar: Die Daten sind aus wissenschaftlicher Sicht ziemlich „messy“ und international nicht leicht vergleichbar. Dennoch interessant, wie sich die Kurven trotz z.T. sehr unterschiedlicher Testpraxis ähneln.

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