„Das kann jetzt ein bisschen unangenehm werden“

Beim Roten Kreuz in Hamburg-Hamm gewesen, um mich auf Covid-19 testen zu lassen. Termin ist um halb – ich bin ein paar Minuten zu früh dort. Kümmert aber keinen. Vor mir warten etwas mehr als 20 andere Leute, manche zu Fuß, andere im Wagen. Klebeband auf dem Einfahrtspflaster verrät, wie das Warten funktioniert: Immer schön Abstand halten. Weiße und rote Pfeile weisen den Weg. Man sieht sofort: Aha, getestet wird im Hof und nicht auf der Straße. Gut zu wissen. 

Auf dem Grundstück parken Rettungswagen. Wichtig, dass alle das Logo sehen.

Absperrband und hilfreiche Schilder versperren alle Pfade, die fort vom Ort der Testung führen. Ich spreche ironisch, aber eigentlich befürworte ich solche Maßnahmen. Wenn Menschen (z.B. ich) in neue Situationen kommen, werden sie auf einmal ausgesprochen dumm. Es kostet sehr viel Rechenleistung, sich in solchen Umfeldern zu orientieren. Alles, was einem das Denken abnimmt, macht die Sache einfacher. Don’t make me think. Also: dafür.

Die Schlange stockt zunächst bei einem freundlichen jungen Mann in DRK-Uniform mit Maske über Nase und Mund („Keine Fotos, bitte“). Er fragt nach dem Namen, kramt dann das vorbereitete Formular aus seiner Mappe (man braucht einen Termin, um getestet zu werden, kein Formular in der Tasche des Meisters -> kein Test). Er erklärt, was mit dem Zettel zu tun ist. Hier ein Kreuz. Hier das Datum. Dort die Unterschrift. Zack!

Personalausweis und EC-Karte habe ich dabei. Er fragt aber weder nach dem einen noch nach der anderen. Bezahlt wird später. Außerdem scheint es zu genügen, dass der Name, den ich nenne, derselbe ist wie der Name auf dem Formular. Kann man so machen. Da ich aber „Better Call Saul“ gesehen habe, fallen mir sofort allerhand Wege ein, wie man mit diesem Verfahren Schindluder treiben könnte. Wie gesagt: könnte. Denn: Wer macht schon so was?

Ab geht’s zur nächsten Station. Dort stehen zwei weitere Männer, ihre Klamotten sehen deutlich stärker nach Pandemie aus. Der eine erledigt die Fußgänger, der andere die Autofahrer. Weil ich mich beruflich seit etwa acht Jahren immer mal wieder mit dem Design von Warteschlangen befasse, hab ich auf so was stets ein Auge. Die Sache scheint hier gut organisiert zu sein. Die beiden Schlangen bewegen sich ungefähr gleich schnell. Löblich.

Man überreicht dem zuständigen Abstreicher also seinen Zettel. Er verschwindet im Haus, klebt eine Auftragsnummer in das vorgesehene Feld, dann kommt er wieder und drückt einem den Abschnitt in die Hand. Darauf steht neben besagter Nummer (achtstellig) ein QR-Code. Den kann man anderntags scannen und kriegt dann seinen Bescheid aufs Handy gespielt. Der Mann zückt ein Plastikröhrchen und holt einen Wattestab heraus. „Ich mache einen Abstrich von den Wangentaschen, dem Rachen und den beiden Nasenlöchern. Das kann jetzt ein bisschen unangenehm werden.“ Er tut wie angekündigt. Ist aber alles weniger schlimm, als es mir berichtet wurde. Der Mann packt den Wattestab zurück ins Plastikrohr, winkt und dann geht’s flugs zurück nach Hause. 

Okay. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht mehr so genau, ob er wirklich „Wangentaschen“ gesagt hat. Vielleicht war’s auch „Backentaschen“. Aber irgendwas mit „Taschen“, das kann ich beschwören. Hab mich nämlich drüber gewundert.

Der junge Mann im Eingangsbereich meint: An diesem Tag schleusen sie hier innerhalb von zwei Stunden rund 150 Leute durch. Tüchtig! „Ergebnisse kriegen Sie in 24 oder 48 Stunden.“ Ich so: „Welche Variante ist denn wahrscheinlicher?“ Er so: „Fifty-Fifty.“ Das erste Fifty wäre mir lieber. Die 48 Stunden dauern in Wahrheit nämlich bis Montag. Andererseits wähle ich das virenfreie Resultat am Montag natürlich immer über eine positiven Befund am Freitag.

Eine Sache noch. Nach mehr als sechs Tagen in Quarantäne habe ich auf dem Weg zum Test jetzt zum ersten Mal die Straßen von Hamburg unten an der Elbe gesehen. Da waren sehr viele Leute unterwegs. Viel mehr Leute als gedacht. Dafür weniger Masken, als ich erwartet hatte. So gleicht sich alles aus.

Ich berichte dies kühl. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich dabei eine gewisse Beklemmung empfunden habe. Die nächste Welle kommt. Jeder weiß es. Und vielleicht will man die letzten Tage nochmal genießen, in denen es einigermaßen geht. So stell ich mir das zumindest vor.

Die Stadt stellt es sich offenbar auch so vor: In den Vierteln, in den was los ist in Hamburg, darf am Wochenende ab 20 Uhr kein Alkohol auf die Straße verkauft werden. Alle wollen noch ein paar südlichere Tage. Die einen heftiger. Die anderen mehr. Mal sehen, wer am Ende kriegt, was er will.

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