bookmark_borderDer Roboter macht die Hütte sauber – und trinkt uns das Bier nicht weg

In den letzten drei Wochen hab ich mich überwiegend mit Robotern beschäftigt. Das sind noch Nachwehen aus der Zeit in Kalifornien. Anfang März – ein paar Tage, bevor dort der Lockdown kam – war ich an der UC Berkeley auf der Techcrunch-Session über Roboter und Künstliche Intelligenz. Hier sieht man mich rechts im Bild. Ich scheine zuzuhören (einige Leute auf dem Foto machen irgendwie gerade andere Sachen).

Dort wurden abgefahrene Geräte vorgestellt. Etwa ein Greifarm, der bald Steine auf dem Mond aufsammeln soll. Und Käse, wenn er welchen findet.

Es gab auch eine Premiere. Ein paar Jungs haben einen Roboter präsentiert, der Klos putzen kann. Man geht vorher mit ner Spezialkamera durch seinen Bürokomplex. Der Roboter wird auf die dort aufgenommenen Daten trainiert – und findet sich dann super zurecht und weiß, wo er putzen soll und wo nicht. Nachts, wenn alle anderen schlafen. Also. Zumindest theoretisch.

Irgendwie scheint mein Gequatsche über Roboter Nicki inspiriert zu haben. Bald bin in wieder in Deutschland. Wer soll dann das Haus sauber machen? Genau: ein Roomba (ich habe für eine Geschichte gerade mit einem Typen geredet, der diesen Staubsauger-Roboter sozusagen erfunden hat).

Jetzt macht das Ding die Hütte sauber – und trinkt im Gegensatz zu mir keinem das Bier weg. Coco hat ein kritisches Auge auf den neuen Mitbewohner geworfen.

Und auch Theo, der Kater, war nur halb begeistert von diesem Ding.

Mal sehen, wie sich das Ding auf Dauer schlägt.

Schwer zu sagen, ob Roboter wirklich „die Zukunft sind“, wie man so sagt. Aber in einigen Lebensbereichen sind sie das ganz bestimmt. Wenn vorher die Welt nicht untergeht. Meine Meinung.

bookmark_borderSchamlose Eigenwerbung

Heute ist – nach etwa einem Monat Pause – mal wieder Zeit für schamlose Eigenwerbung. Diese Woche erscheint die August-Ausgabe von Psychologie Heute. Darin findet sich auch mein Porträt der Psychologin Kate Sweeny von der UC Riverside (acht Seiten).

„Der Verkehr in Südkalifornien ist der blanke Irrsinn. So ist es auch an diesem Tag, wenige Wochen bevor Corona die Straßen leerfegen wird. Auf den sechs Spuren der State Route 60 wälzt sich Wagen an Wagen aus Los Angeles hinaus ins Landesinnere. Doch dann, nur wenige hundert Meter nach der Abfahrt 32 A lande ich jäh in einer friedlichen Gegenwelt. Die renommierte University of California, Riverside ist eine Art Wohlfühlpark der Gelehrsamkeit. Mit hübschen Grünanlagen, vorzeigbaren Restaurants und freundlichem Auskunftspersonal an den Parkplätzen.“

Genau dort – in der Nähe von Los Angeles – habe ich Kate Sweeny besucht und dann später auch ihren Vortrag auf der SPSP-Konferenz in New Orleans gehört.

Kate ist ziemlich cool, eine sehr sympathische Zeitgenossin. Man freut sich für ihren Erfolg. Sie hat sich schon als junge Professorin ihr eigenes Forschungsfeld erschlossen. Kate erforscht nämlich, was mit unserem Innenleben passiert, wenn wir auf potentiell miese Nachrichten warten müssen. „Warten unter Unsicherheit“ nennt sich das. Etwa, wenn der Befund einer Krebsdiagnose ansteht, ein Examensergebnis, die Rückmeldung nach einem Vorstellungsgespräch und dergleichen. Ich möchte den Artikeln allen empfehlen, die so etwas gerade umtreibt (oder die jemanden kennen, der gerade in so einer Lage steckt). Kate hat nämlich ein paar Dinge gefunden, die einem das Warten erleichtern – oder zumindest dann später das Verarbeiten der Nachricht selbst.

Man kann das Heft natürlich ganz traditionell am Kiosk oder per Abo kaufen. Die einzelne Geschichte gibt’s aber auch hier im Internet – allerdings nur den Anfang, der Rest steht hinter einer Bezahlschranke.

Kleiner Fun Fact noch: Bei den Psychologen an der UC Riverside ist es üblich, gemeinsam eine gute Flasche zu köpfen, wenn jemand seine Promotion abgeschlossen hat. Dann unterschreiben alle und das Ding landet in der Fakultätsbibliothek als Andenken. Süß, oder?

Außerdem hab ich erfahren, dass in der Juli-Ausgabe von Readers Digest eine Geschichte über Chronobiologie von mir erschienen ist. Auch hier derselbe Trick: Im Netz gibt’s nur einen Anschmecker. Die ganze Geschichte steht dann im Magazin, das man für Geld kaufen muss.

Was noch? Ach ja. Dieser Tage habe ich zusammen mit der großartigen Christiane Loell von P.M. Fragen&Antworten ein paar Folgen für den P.M.-Podcast „Schneller schlau“ aufgenommen. Dabei ging’s um medizinische und psychologische Fragen. Hat großen Spaß gemacht. Wann genau die Folgen live gehen, weiß ich nicht so genau. Ist aber auch egal. Ich würde jetzt schonmal reinklicken. Die Podcastreihe lohnt sich: Jede Folge dauert nur ein paar Minuten und man wird garantiert nicht dümmer davon.

bookmark_borderEndlich bewiesen: „Nicht alle Mercedes-Fahrer sind Arschlöcher“ … und andere Studien

Für meinen Job lese ich jeden Tag wissenschaftliche Studien. Manchmal guck ich mir auch an, was Wissenschaftler einander in den Sozialen Medien so zuspielen. Heute zum Beispiel haben ein paar Psychologen auf Facebook eine Diskussion über den lustigsten wissenschaftlichen Aufsatz der vergangenen Jahre angezettelt.

Dieser Debatte verdanke ich Einsicht in eine bemerkenswerte Untersuchung der Universität Helsinki. Dort hat man tatsächlich herausgefunden, dass nicht alle Mercedes-Fahrer Arschlöcher sind. Die Studie trägt den schmissigen Titel „Not only assholes drive Mercedes. Besides disagreeable men, also conscientious people drive high‐status cars“. Die Forscher haben dafür die Persönlichkeit von mehr als 1800 finnischen Autobesitzern vermessen. Tatsächlich ist – wie man intuitiv schon ahnen konnte – die Arschloch-Dichte bei großen Autos besonders hoch. Man findet aber auch viele sehr gewissenhafte Leute unter den Fahrern von Luxusmarken („gewissenhaft“ heißt: sowohl fleißig als auch ordentlich). Dass Leute mit dicken Autos besonders rücksichtslos fahren, so die Forscher, liegt also nicht daran, dass Geld den Charakter verdirbt. Es ist eher so, dass rücksichtslose Leute sowohl rücksichtslos fahren, als auch gerne hinter dem Steuer großer Autos sitzen, weil sie eben gerne mit ihrem Reichtum prahlen (auch wenn sie womöglich gar nicht reich sind). Ein Glück, dass wir das endlich mal geklärt haben.

Ebenfalls aus Skandinavien stammt ein Aufsatz aus dem Jahr 2015, der seinen Humor aus ähnlichen Scherz-Regionen bezieht. Zwei Biologen der norwegischen Universität Bergen gehen darin der Frage nach, warum sich im Laufe der Evolution überhaupt Arschlöcher entwickelt haben. Und zwar nicht im metaphorischen Sinne. Ihr Aufsatz, veröffentlicht im „Zoologischen Anzeiger“, trägt den die verspielte Überschrift „Getting to the bottom of anal evolution“. Die Sache scheint allerdings kompliziert zu sein. „Die evolutionären Ursprünge des Enddarms mit Analöffnung bleibt unklar“, konstatieren die Autoren mit fühlbar resigniertem Unterton. Aus der Richtung ist also noch mit einigen Überraschungen zu rechnen.

Bereits im Jahre 2011 haben Forscher aus Kalifornien ein Paper über die chemischen Prozesse auf dem Planeten Uranus publiziert. Klingt harmlos. Dass die Wortwahl in der Überschrift – zumindest phonetisch – einen Aufsatz über die Entstehung von Flatulenzen nahelegt, dürfte jedoch kaum ein Zufall sein:Chemical processes in the deep interior of Uranus“. Bei diesen Wissenschaftlern scheint immer noch Zeit für den einen oder anderen präpubertären Scherz zu sein!

Genug jetzt mit Pippikacka-Wortspielen (obwohl es noch einige zu zitieren gäbe). Zwei lustige Studien hab ich aber noch (für heute). Die erste befasst sich – warum auch immer – mit der Intelligenz und Handkraft von orthopädischen Chirurgen und Anästhesisten. Der Titel heißt übersetzt: „Orthopädische Chirurgen – stark wie ein Ochse und fast doppelt so schlau?“ – auf so was kommen nur die Briten. Das Ergebnis der Studie: Die untersuchten Chirurgen waren im Durchschnitt nicht nur intelligenter, sondern auch stärker als die Anästhesisten. Kein Grund zum Feiern für die Weißkittel mit dem Skalpell. Denn insgesamt, so heißt es im Aufsatz, waren „die Intelligenzwerte niedriger als man das bei Profis aus der Medizin hätte erwarten können“.

Das letzte Paper hat schon locker 15 Jahre auf dem Buckel, ist aber immer noch toll. Die Autoren haben sich die Mühe gemacht, Überschriften aus biomedizinischen Fachartikeln auf literarische Wortspiele hin zu überprüfen. Die Suche hat unglaubliche 1400 Shakespeare-Zitate zutage gefördert! Auch Bibelzitate waren beliebt, ebenso kluge Worte von Lewis Carroll und Hans Christian Andersen. „Ob man damit Leser gewinnt oder häufiger zitiert wird, ist unklar, es gibt gewiss bessere Wege, auf sich aufmerksam zu machen“, rügt der Aufsatz.

Gar so streng will ich nicht sein. Mediziner sind auch nur Menschen. Und Menschen mögen Bücher. Und Witze. Man soll ihnen die Wortspiele lassen. Damit Leute wie wir sie lesen und sammeln können. Amen.

bookmark_borderWie Detroit seine Bürger überwacht – und die Frage: Will man das?

Dieser Tage habe ich zum ersten Mal von einer heftigen, fast chinesischen Überwachungsmethode gehört, mit der die Polizei in Detroit arbeitet – allerdings in einer knallhart kapitalistischen Variante. Die Sache nennt sich „Project Green Light“ und funktioniert so: Als Ladenbesitzer (aber auch: als Schule, Kirche) kauft man sich für 4000 bis 6000 Dollar ein System von Überwachungskameras, dazu kommt ein amtliches grünes Alarmlicht. Das Ding blinkt rund um die Uhr (kein Spaß für die Nachbarn). Jeder kann also sehen: Aha, hier sind Kameras installiert. Die Bilder der Kameras gehen live zur Polizeistation. Dort sieht das Ganze dann so aus:

Derzeit sind knapp 600 solcher Systeme überall in der Stadt installiert.

Es gibt eine offizielle Landkarte, auf der jedes Green-Light-System eingetragen ist.

Die Polizei arbeitet parallel mit einer Gesichtserkennungs-Software, um bei etwaigen Verbrechen sehen zu können, wer die Tat begangen hat. So zumindest die Idee dahinter. Klingt nach einer Überwachung im chinesischen Stil. Allerdings mit dem Twist, dass Firmen und Ladenbesitzer dafür bezahlen. Die Sache ist ein Geschäftsmodell. Den zusätzlichen Schutz durch die Polizei gibt’s nur für diejenigen, die ihn sich leisten können. Man ist bei der (staatlichen) Polizei sozusagen privatversichert. Wär das in Deutschland denkbar? Glaub ich nicht. Aber vielleicht hab ich auch zu wenig Ahnung davon.

Die Technologie der Gesichtserkennung ist ziemlich umstritten. Sie funktioniert nicht besonders gut. Und sie ist rassistisch. Bei Afro-Amerikanern ist die Fehlerrate je nach Algorithmus z.T. 100 Mal höher als bei weißen Gesichtern. Das zumindest ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der US-Regierung. Eigentlich unglaublich, dass man so eine Technologie trotzdem schon im Einsatz hat – vor allem in einer Stadt wie Detroit, in der mehr als 80 Prozent der Einwohner Afro-Amerikaner sind.

Dass die Technologie so fehlerhaft ist, hat vielerlei Gründe. Einer davon: Künstliche Intelligenz ist nur so gut wie die Datensätze, an denen sie trainiert wurde. Wenn man vornehmlich weiße Gesichter in den Trainingsdaten hat, sehen Gesichter mit dunkler Hautfarbe für den Computer sozusagen „alle gleich aus“. Ähnliche Effekte gibt es überall, wo man mit Künstlicher Intelligenz arbeitet. Es ist eines der großen Probleme der Technologie.

Prof. Christian Sandvig von der University of Michigan hat vor einigen Tagen ein Youtube-Video dazu hochgeladen, das er mit der Bürgerrechtlerin Tawana Petty geführt hat. Ich habe das Interview unten verlinkt. Tawana sagt darin: „Am Ende können Leute eingesperrt werden für Verbrechen, die sie nicht begangen haben.“ Sie spricht sogar von „Massenverhaftungen“ Unschuldiger.

Tawana Petty sagt: In einer Stadt in der das mittlere Einkommen bei 27.000 Dollar pro Jahr liegt, senkt man die Kriminalitätsrate, in dem man für bessere Lebensbedingungen und bessere Nachbarschaften sorgt – und nicht, in dem man öffentliche Mittel für noch mehr Überwachung ausgibt.

Eine andere Frage lautet: Hat sich die Sache überhaupt auf das Verbrechen in der Stadt ausgewirkt? Tja. Geht so. Das Projekt läuft seit 2016. Angeblich werden seither weniger Autos geknackt. Einige Ladenbesitzer behaupten, dass sie durch die Kameras mehr Kunden haben und die Leute sich bei ihnen „sicherer“ fühlen (z.B. in den Kommentaren hier). Für den Bürgermeister ist die Sache ein Erfolg. Er träumt davon, die Zahl der Kameras auf 1000 auszuweiten.

Die Sache steht – nüchtern betrachtet – auf sehr wackeligen Füßen. Als Gast aus Deutschland frage ich mich ja bei fast allem hier: Will man das auch bei uns haben? In diesem Fall glaube ich: Man will das bei uns eher nicht haben.

bookmark_borderDie Amygdala ist schuld, manchmal

Nachrichten geguckt. Alles geht um Rassismus und Polizeigewalt. Natürlich. Sie zeigen auch ein paar Videos von Afroamerikanern, die eine Begegnung mit der Ordnungshut nicht überleben.

Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich für P.M. ein Interview mit Prof. Robert Sapolsky geführt, einem Neurowissenschaftler aus Stanford.

Dabei ging es auch um Polizeigewalt und die Rolle des Gehirns. Spoiler-Alert: Manchmal ist die Amygdala an allem schuld. Hier ein Auszug aus dem Transkript, ohne Bearbeitung.

JM: In unserer visuellen Wahrnehmung spielt die Amygdala eine interessante und manchmal folgenreiche Rolle. Bevor unsere Hirnrinde diese Informationen verarbeitet hat, landet eine sehr grobe Kopie in unserer Amygdala. Sie schlägt innerhalb von Millisekunden Alarm, wenn uns zum Beispiel ein Mensch begegnet, der eine andere Hautfarbe hat als wir.

RS: Ja, hier haben wir einen der stärksten Beweise für die Vorstellung, dass eine Vielzahl unserer Entscheidungen, auch unserer moralischen Entscheidungen, in viel stärkerem Maße von Emotionen geleitet sind, als wir das gerne hätten. Anders gesagt: Es sind oftmals Gehirnareale wie die Amygdala, die unsere Entscheidungen treffen. Und die rationaleren Teile unseres Gehirns liefern danach nur noch eine vernünftig klingende Begründung. Emotional entscheiden wir in Sekundenbruchteilen. Die Begründung kommt später. Und die Daten aus der Neurobiologie passen wunderbar zu dieser Hypothese. Wenn wir uns jetzt diese konkrete Geschichte ansehen: Ja, die Amygdala bekommt einen sehr privilegierte Zugang zu unseren sinnlichen Informationen. Sie bekommt eine grobe Information über Reize, die Emotionen auslösen. Und zwar deutlich schneller als unser Kortex diese Daten verarbeiten kann. Wir reden hier über 100 bis 200 Millisekunden, was ein wahnsinnig kurzer Zeitraum ist. Und das ermöglicht sehr, sehr schnelle Entscheidungen, die auf sehr ungenauen Daten beruhen, weil, naja, der Kortex halt viel besser darin ist, akkurat zu arbeiten als die Amygdala. Und dann hat man plötzlich diese ganzen Geschichten, wo die Polizisten sich auf einmal sicher sind, dass der Typ, der gerade in die Tasche greift, um seinen Ausweis hervorzukramen, eigentlich eine Waffe ziehen will. Und dann, 40 Pistolenschüsse später, zeigt sich, dass er gar keine Waffe bei sich hatte. Und wir wissen heute, dass solche Missverständnisse in unglaublich starkem Maße etwas damit zu tun haben, welche Person da eigentlich nach seiner Brieftasche greift. Interessanterweise arbeite ich gerade mit einem pensionierten Polizeibeamten, der sich über dieses Phänomen große Sorgen macht und über das Ausmaß, in dem Polizeischulung solche Zwischenfälle praktisch unvermeidlich macht. Er zeigt mir dabei verschiedene Dashcam-Videos, also von Kameras, die an der Windschutzscheibe eines Streifenwagens angebracht sind und die dort alles filmen. Einige dieser Schießereien, oh, mein Gott, wissen Sie, ich bin einfach nur ein Professor, der an seinem Schreibtisch sitzt und Bücher liest. Aber das Schockierendste ist, wenn er sagt, guck dir einfach mal die Sekundenanzeige auf dem Bildschirm an. Und dann stellst du fest, dass die ganze Sache innerhalb von 1,3 Sekunden abgeht. Solche Sachen, wo du sehen kannst, dass der Polizist nach 0,7 Sekunden seine Waffe im Anschlag hat. Das ist genau das Königreich, in dem die Amygdala die vielleicht wunderbarste Sache der Welt ist, weil sie dir die Chance gibt, mit einem wahnsinnig schnellen Sprung dem Biss einer Giftschlange zu entkommen. Aber es ist ein Desaster in einer Welt, in der die Leute Knarren haben und entscheiden müssen, ob sie abdrücken oder nicht.

JM. Kann man Leuten beibringen, ihrer Amygdala zu misstrauen? Was tun wir da?

RS: Darum geht’s im letzten Kapitel meines Buches („Gewalt und Mitgefühl„, JM). Wie schafft man es, die Leute zu mehr Zusammenarbeit zu bringen? Inklusiv, zusammengehörig – und weniger aggressiv, fremdenfeindlich, ausschließend? Wenn jemand gezwungen ist, in der Nähe von jemandem zu leben oder zu arbeiten, der zu einer Fremdgruppe gehört, und selbst wenn man von Kindesbeinen an darauf konditioniert wurde, von „denen“ als „die anderen“ zu denken, dann entwickeln sich innerhalb von Wochen neue Einstellung gegenüber „denen“. Manchmal dauert es auch länger. Die kleinste Fassung dieser Geschichte lautet: Ich hasse sie. Aber ja, dieser eine Typ, der ist in Ordnung. All diese Geschichten benötigen eine Amygdala, die weniger reaktiv geworden ist.

JM: Eine meiner Lieblingsstorys ist die, wo man die Leute tippen lässt, was vermutlich das Lieblingsgemüse des anderen ist. 

RS: Ja, die Brokkoli-Studie. Das ist eine ganz erstaunliche Arbeit. Diese einfache Frage zwingt dich dazu, über den anderen als Individuum nachzudenken und seine Perspektive einzunehmen. Und schon hört die Amygdala auf, diesen Menschen als Mitglied einer Fremdgruppe zu sehen. Und da kann man sehen, dass wir als Menschen die bemerkenswerte Fähigkeit haben, unsere Neurobiologie und auch unser Verhalten zu ändern. Wenn es um die Geschwindigkeit geht, in der sich diese Dinge vollziehen, ist die Brokkoli-Studie wahnsinnig faszinieren. 

bookmark_border„Was machen Sie eigentlich beruflich?“

Kürzlich hat mich jemand sorgenvoll gefragt, was ich eigentlich beruflich mache. Die Frage ist berechtigt. Seit dem Beginn der Corona-Krise spende ich 15 bis 20 Prozent meiner Arbeitszeit, um diesen Blog zu schreiben („eigentlich“ sagt man „das Blog“, aber ich kann das nicht). Der ganze Rest nimmt also deutlich mehr Zeit ein – ist aber weniger sichtbar. Heute also drei aktuelle Antworten. Vielleicht inspiriert es ja jemanden, die entsprechenden Druckerzeugnisse zu erwerben, das würde mich freuen.

Da ist erstens die Psychologie Heute. Das Blatt ist immer noch eine Instanz. Mit dem Juli-Heft erscheint dort am kommenden Mittwoch „Siri, was stimmt nicht mit mir?“, eine Geschichte, auf die ich einigermaßen stolz bin. Ich musste mehrere Forschungs-Konferenzen besuchen (etwa die CSCW in Austin/Texas), um sie kapieren und schreiben zu können. Dies ist das Heft dazu:

Es geht im Kern um die Arbeit von Munmun De Choudhury, eine Informatikerin von der Georgia Tech. Munmun guckt sich an, was wir z.B. auf Twitter oder Facebook von uns geben. Ihr Computer kann aus diesen Daten dann ablesen, wie es unserer Psyche geht und ob wir womöglich Hilfe brauchen. Sie sieht unsere Krisen, bevor wir sie sehen. Manchmal: Monate vor uns. Ein Hammer, oder?

Munmun und ihre Kollegen, die an ähnlichen Projekten sitzen, analysieren zum Beispiel subtile Sprachmuster, aber auch die Bewegungsdaten unseres iPhones oder die Grautöne der Bilder, die wir posten. All das verrät etwas über uns. Der Text beginnt mit einem ähnlichen Gedanken, wie ich ihn hier gestern geäußert habe:

Man braucht keinen Zeitungsverleger mehr, um seine Ideen zu veröffentlichen. Auf Facebook, Twitter, Instagram, da geht das ganz leicht und deshalb machen es auch viele. (…) Wir gehen über die Straßen der digitalen Welt wie über frisch gegossenen Beton. Er härtet aus; un­sere Fußspuren bleiben sichtbar für lange Zeit. Und vielleicht noch deutlicher als einst bei Adenauer kann jeder erkennen, wie wir ticken, obwohl man uns gar nicht kennt.

„Siri, was stimmt mit mir nicht?“, Psychologie Heute, 7/2020

Leider – oder zum Glück? schwer zu sagen – liegt „Siri, was stimmt nicht mit mir?“ hinter einer Bezahlschranke. Man braucht ein Abo, um den Text lesen zu können. Oder man kauft sich das Heft am Kiosk oder den Artikel selbst für 1,99 Euro im Netz.

Die zweite Sache, von der ich etwas erzählen will, ist meine Arbeit für ein Heft namens „P.M. Fragen&Antworten“. Die Hefte sind immer interessant. Darüber hinaus hat das dortige Team in Zeiten der Pandemie eine neue Homepage aufgebaut, die ziemlich schick aussieht. Ich empfehle den Besuch. Man wird nicht dümmer dabei, versprochen. Dort arbeiten übrigens die härtesten Faktenchecker, denen ich bisher begegnet bin. Ich muss praktisch jeden Satz mit einer eigenen Studie belegen. Viel Arbeit. Ich hoffe, man sieht es den Texten nicht an. Wenn es sich einfach liest, hat es die meiste Mühe gemacht. Hier zum Beispiel ein kurzes Stück darüber, warum sich Vorurteile so lange halten.

Drittens hat mir mein Sohn gestern ein Foto geschickt – aus der April-Ausgabe von „P.M. History“. Dort ist meine Geschichte erschienen, in der es um das große Kawumm von Halifax geht – die größte menschengemachte Explosion vor der Atombombe. Nie davon gehört? Dann wird’s Zeit. Eine saftige Story über eine ganz unglaubliche Katastrophe, in der mehr Dinge schiefgegangen sind, als man sich so mal eben ausdenken kann. Wirklich. Wenn die Folgen nicht so schlimm gewesen wären, hätte man eine Slapstick-Komödie aus dem Stoff machen können.

Okay, hier, ein kleiner Ausschnitt: Zwei Schiffe dampfen durch die enge Hafeneinfahrt von Halifax. Das eine will hinaus, das andere hinein. Beide haben es eilig. Eines davon ist bis unter die Decke vollgestopft mit Sprengstoff und brennbaren Chemikalien. Das weiß aber keiner. Es ist nämlich gerade Krieg.

Drei Mal schicken die Kapitäne Signaltöne hin und her – jede Botschaft lautet im Wesentlichen: „Bitte ausweichen, ich halte meinen Kurs.“ Erst kurz vor dem Zusammenstoß verlieren die Kapitäne etwa zeitgleich die Nerven. Sie ändern ihre Fahrtrichtung. Tragischerweise entscheiden sich beide für dieselbe Seite.

„Die Apokalypse von Halifax“, P.M.-History, April 2020

Tja. Also: Das hier sind Dinge, die ich so beruflich mache. Ich liebe meinen Job. Er füttert meine Neugier, diesen hungrigen Drachen. Ich bin frei dabei und selbstbestimmt. Und all das ist Teil der Bezahlung. Hoffentlich kann ich das noch lange so machen. Das wäre klasse.

bookmark_borderLetzter Vortrag in Stanford – auf Zoom statt in der Sonne

Das sind die Tische, an denen Nicki in Stanford ihr Mittagessen eingenommen hat – immer verwickelt in irgendwelche Diskussionen mit den anderen Gelehrten, die dort ihr Sabbatical verbracht haben. Ein bis zwei Mal die Woche bin ich auch mitgekommen. Ich hab‘ dort auf dem „Zauberberg“ nicht eine langweilige Minute erlebt.

Einmal die Woche hat jemand aus der Professorenschar dort oben einen Vortrag über seine Arbeit gehalten. Heute war nun der letzte dieser Talks. Natürlich auf Zoom. Ohne Sonne, ohne den Ausblick übers Silicon Valley. Ohne den ganzen Geist dort oben, die Landschaft, in der es sich tatsächlich leichter denken lässt. Ich weiß: Man soll sich nicht so anstellen. Aber es tut trotzdem weh, wenn ich so drüber nachdenke.

Heute jedenfalls hat Lianjiang aus Hongkong gesprochen – über das Vertrauen der chinesischen Bevölkerung in die eigene Zentralregierung. Er hat dabei Husserl zitiert und Gadamer. Denn „LJ“ ist zwar von Beruf Politologe, in seinem Herzen jedoch ein Philosoph und intimer Kenner der deutschen Geistesgeschichte. Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ hat er – als Hobby – ins Chinesische übersetzt. Er kann Deutsch flüssig lesen, zitiert mühelos Heidegger und Nietzsche im Original und auch sein Englisch hat nur einen leichten Akzent. Das alles ist ein Wunder: LJ ist auf dem Lande aufgewachsen in – selbst nach chinesischen Maßstäben – sehr schlichten Verhältnissen. Keiner der Dorflehrer sprach Englisch, weshalb LJ erst in seinen späten Teenagerjahren überhaupt mit Fremdsprachen in Kontakt gekommen ist. Seine Geschichte hat mich immer wieder nachdenklich gemacht. Manchmal denke ich: Schule ist genau dann gut genug, wenn sie den Kindern das Lernenwollen nicht gänzlich austreibt. Ich werde die Gespräche mit LJ und den anderen Leuten vom Hügel jedenfalls vermissen.

Heute hat die Uni in Ann Arbor stolz über die hiesigen Lieferroboter berichtet. 500 Kunden lassen sich derzeit von diesen Dingern frisches Gemüse und Restaurantessen nach Hause bringen. Für das Startup Refraction AI ist die Corona-Krise ein Riesenchance, weil viele Leute sich mit einer „kontaktfreien“ Lieferung gerade wohler fühlen. Die Gründer behauptet, preisgünstiger zu sein als die anderen Kurierdienste. Ob das auf lange Sicht wirklich stimmt? Da bin ich mir nicht ganz sicher. Immerhin: Einen Hauch von Silicon Valley und Startup-Kultur gibt’s auch hier in Michigan.

In den Nächten haben wir außerdem Frost. Die hiesigen Obstbauern fürchten, dass ihnen die Äpfel und Kirschen erfrieren. Die Betreiber einer Plantage haben im Netz angekündigt, um ihre Bäume herum Lagerfeuer anzuzünden und Hubschrauber über die Anlagen fliegen zu lassen, damit die Wärme in Bodennähe bleibt. Entsprechende Bilder hab ich bisher nirgendwo gesehen. Vielleicht morgen.

bookmark_borderMuttertag, Tiere und die Erforschung des Wortes F***

Gestern haben wir uns den Film „Best in Show“ angesehen. Ich habe sehr gelacht dabei und weil es in diesem Klassiker des Mokumentary-Genres um Hunde und ihre durchgeknallten Besitzer geht, eröffnet der heutige Blogeintrag mit einem Foto von Coco, aufgenommen durch ein Fernglas. Meiner Meinung nach ist auch sie „the best in show“.

Heute war Muttertag. Mein Eindruck: Der Tag kommt hier deutlich breithüftiger daher als in Deutschland. Mehr Tamtam, mehr Herz, das ganze gestützt durch gehaltvolle Getränke und Speisen. Bis 14 Uhr waren wir schon durch mit selbstgebackenem Kuchen, tüchtig Sekt und Bagels mit Cream Cheese, roten Zwiebeln, Tomaten, Kapern und Räucherlachs. Alles lecker. Hab ich schon mal gesagt, dass Weißwein und Sekt – zur Mittagszeit genossen – den Geist zwei Etagen nach oben heben? Kann man natürlich nicht all zu häufig machen. Trotzdem. Immer wieder erstaunlich (und ja: Am Foto unten kann man sehen, dass a) Food-Fotograf ein Beruf ist und b) ich dafür nie infrage gekommen bin).

Am Vogelhäuschen kam ein seltsamer Vogel vorbei, der im englischen Rose-Breasted Grosbeak heißt und im Deutschen (kannste dir nich ausdenken) den Namen Rosenbrust-Kernknacker trägt. Petersons Tierführer „Birds. The concise field guide to 188 common birds of North America“ preist vor allem die Laute dieses Vogels: „Sein flüssiges Lied klingt wie das einer Wanderdrossel, die Gesangsstunden genommen hat.“

Beim Spaziergang habe ich einen anderen Sänger gehört. Er klang ähnlich verplappert wie die Feldlerche, die ich aus Deutschland kenne. Diesem Vogel wiederum verdanke ich viele Kindheitserinnerungen und habe ihm deshalb zu einigen Auftritten in meinem Roman „Und doch ist es Heimat“ verholfen. Irgendwann hab ich den amerikanischen Sänger zwischen den Blättern ausfindig gemacht. Es war: ein Goldzeisig. Auf Youtube hat jemand sich die Mühe gemacht, eine Tonaufnahme einzustellen.

Ansonsten – selbst wenn man hier nicht so viel davon mitbekommt – muss (oder darf) ich natürlich immer noch arbeiten. Dafür lese ich viele wissenschaftliche Studien und stolpere hier und da über eine Kuriosität. Dieser Tage zum Beispiel über eine „akustisch-pragmatische Analyse implizierter Bedeutung in einer Szene von The Wire“ (hier auf Google Books ab S. 73).

Besagte Szene aus der formidablen US-Krimiserie dauert etwa dreieinhalb Minuten. Die beiden Polizisten McNulty und Moreland untersuchen einen Tatort. Dabei verwenden sie im Wesentlichen nur ein einziges Wort, nämlich das Wort „F***“ – und zwar 37 Mal. Es bedeutet jedes Mal etwas anderes. Wer immer diesen Dialog geschrieben hat: Ich verneige mich in Ehrfurcht. Überzeugt Euch einfach selbst. Vorsicht jedoch: Nicht alle in diesem Video gezeigten Bilder sind harmlos. Wer keine Spuren von Gewalt und Nacktheit sehen will, sollte lieber nicht klicken. Darum geht’s mir aber nicht. Sondern allein um die karge sprachliche Eleganz.

Noch eine Nachricht aus Michigan? Gerne! In der Zeitung stand dieser Tage, dass am Ufer des Lake Michigan das Wrack eines alten Segelschiffes angespült wurde. Es sank in den 1870er Jahren. Erinnert mich mal wieder daran, dass der See nichts mit den Seen in Deutschland zu tun hat. Es ist eher so eine Art Meer. Seien Fläche ist größer als die von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zusammen. Da kann man, wenn’s stürmt, schon mal einen Schoner verlieren. Den Schiffbruch überlebten damals angeblich nur drei Männer.

bookmark_borderCovid-19 Tote: Wette verloren – Kai kann ein bisschen in die Zukunft sehen

Vor ein paar Tagen habe ich mit meinem alten Freund Kai eine Wette abgeschlossen. Sein Covid-19-Modell hat für die Sterbezahlen vom vergangenen Montag ein Tief vorhergesagt mit einem kräftigen Anstieg bis Mittwoch.

Heute wissen wir: Kai hatte mit seiner Vorhersage im Wesentlichen Recht. Das Schaubild oben stammt von www.worldometer.info und zeigt, wie viele Menschen weltweit von Tag zu Tag an Covid-19 gestorben sind. Der grüne Pfeil markiert das von Kai prophezeite Tief, der rote Pfeil den Anstieg zum Mitte der Woche. Die absoluten Zahlen sehen so aus:

Man könnte sich jetzt beschweren und sagen: Das Tief war ja am Sonntag und nicht am Montag. Aber die Zahlen für den Sonntag sind sonntags noch nicht da, sondern erst am Montag. Wir hätten das bei Abschluss der Wette präzisieren sollen (fun fact: In der Psychologie herrscht genau darüber seit einigen Jahren eine Art Krieg. Immer mehr Forscher gehen dort dazu über, vor einem Experiment genau anzugeben – und zwar öffentlich – wie genau sie ihren Versuch aufbauen wollen, mit welchen statistischen Methoden sie die Daten auswerten und welches Ergebnis sie vorhersagen. Das nennt man „pre-registration“ und macht die Arbeit ungleich härter. Führt aber auch dazu, dass die Ergebnisse zuverlässiger sind; dies nur am Rande).

Kai hat auch selbst Daten zusammengetragen und dargestellt. Ich zeige hier beispielhaft seine Kurven für Deutschland, die Niederlande und die US-Bundesstaaten Washington und Georgia. Die gelbe Zone rechts in der jeweiligen Grafik steht für den Zeitraum, um den wir gewettet haben. Es sieht überall ähnlich aus – und überall etwa so, wie Kai es vorhergesagt hat.

Wie kommt es zu diesen Ausschlägen? Dafür gibt es viele Antworten. Es ist kompliziert. Viele Faktoren spielen da ineinander. Ein Faktor ist jedoch ganz sicher: Wie viel bewegen sich die Menschen eigentlich? Mobilität erhöht die Chance, auf andere Leute zu treffen und sich womöglich anzustecken. Man wird krank. Jetzt könnte man natürlich fragen: Wie sahen die Bewegungsdaten denn einige Wochen vor den Sterbedaten aus, die in den Grafiken oben beschrieben sind?

Kai hat dafür Daten von Google (hellblau) und Apple (dunkelblau) bekommen. Für Deutschland, die Niederlande, Washington und Georgia sieht man da (jeweils in der grauen Zone) folgende Muster:

Interessant, oder? Überall gibt es diesen besonders starken Ausschlag nach unten. An diesem Tag war nämlich Ostern. In Europa hatten da die meisten Läden geschlossen. Statt zu arbeiten, einzukaufen oder sich mit den Großfamilien zum Osteressen zu treffen, sind viele einfach zu Hause geblieben. Auch in den USA hatten die meisten Läden geschlossen oder nur für wenige Stunden geöffnet. Will sagen: Am Ostersonntag sind die Leute viel weniger nach draußen gegangen als an anderen Tagen. Und später im Kalender entdecken wir einen Tag, an dem weniger Leute an Covid-19 gestorben sind.

Was beweist das? Erstmal noch gar nichts. Die Bewegungsdaten in manchen Ländern und Bundesstaaten haben ziemlich gut zu den späteren Sterbedaten gepasst. Das kann Zufall gewesen sein. Oder an ganz anderen Faktoren liegen, die da mit reinspielen, die wir aber (noch) nicht kennen. Außerdem gibt es andere Gegenden – etwa die Schweiz, Portugal oder Michigan – wo der Zusammenhang so nicht zu sehen ist. Woran liegt das? Was lief dort anders? Keine Ahnung.

Jedenfalls hat Kai die Wette meiner Ansicht nach gewonnen. Er muss nicht nackt (oder fast nackt) in die Bille springen. Und ich bin gespannt, wie das Paper aussieht, das er über sein Modell schreibt, was seine Kolleginnen und Kollegen dazu sagen – und was wir als Gesellschaft aus dem Modell alles lernen können.

Wissenschaft ist nie perfekt. Die Leute, die sie betreiben, sind in der Regel schlau und gut ausgebildet. Aber auch sie machen Fehler. Und klar: Das Nichtwissen übersteigt das Wissen. Immer. Und praktisch bei allen Themen dieser Welt. Trotzdem ist Wissenschaft der beste Weg, um gute Antworten zu finden und um uns als Gesellschaft weiterzuhelfen. Und ich find’s spannend, das ab und zu ein bisschen aus der Nähe mitzukriegen.

bookmark_borderAm Montag werden wir die niedrigste Zahl an Corona-Todesfällen seit Wochen sehen. Vermutlich

Kürzlich ist Uderzo gestorben, der Erfinder von Asterix. Ich verdanke ihm viele glückliche Kindheitsstunden. Der wohl seltsamste Band der Reihe stammt aus den frühen 1970er Jahren und heißt „Der Seher„. Ein Prophet „liest“ dabei die Zukunft aus lecker zubereiteten Wildschweinen, Fischen, Hühnern und sogar aus Cervisia – „am besten, wenn sie frisch gezapft ist“. Natürlich handelt es sich bei dem Mann um einen Schwindler. Wer die Folge nicht kennt: Ich möchte sie hiermit empfehlen.

Nicht bei allen jedoch, die Aussagen über die Zukunft treffen, handelt es sich um Scharlatane (auch wenn derzeit einige Leute so tun).

Wissenschaftler arbeiten dafür mit (meist komplizierten) mathematischen Modellen. Einer, der das beruflich macht, ist mein alter Freund Kai. Vor einigen Monaten hat er Nicki und mich in Kalifornien besucht. Kai hat Tiramisu für uns zubereitet und dann mit dem Rad San Francisco unsicher gemacht. Unglaublich, wie sehr in Ordnung damals noch alles schien.

Kai und ich haben gestern telefoniert. Er meinte dabei, dass er ein Modell für die Ausbreitung von Covid-19 erstellt hat. Dabei orientiert er sich an den täglich Sterbezahlen. Auch diese Daten haben ihre Tücken. Aber sie sind weniger unsicher als die Zahl der offiziell Erkrankten.

Wenn man so ein Modell erstellt hat, dann kann man es testen, indem man sozusagen die Zeit zurückdreht. Man tut so, als hätte man den Kenntnisstand von, sagen wir mal: vor vier Wochen. Was würde das Modell dann vorhersagen? Und dann kann man diese Vorhersagen mit dem vergleichen, was tatsächlich passiert ist.

Kai hat mir die entsprechenden Schaubilder seines Modells gezeigt und das sah alles sehr gut aus. Ich kann und darf die Sache nicht verlinken oder im Detail vorstellen, weil das Modell erst durch einen so genannten Review-Prozess gehen muss. So macht man das in der Wissenschaft: Wenn man einen Aufsatz schreibt, dann wird der erst veröffentlicht, wenn zwei, manchmal drei andere Fachleute den Aufsatz gelesen und für gut befunden haben. Dieses Verfahren ist nicht perfekt (weil es perfekte Verfahren vermutlich nicht gibt). Aber er erhöht ganz sicher die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit dessen, was in wissenschaftlichen Journalen so veröffentlicht wird.

Trotzdem hat Kai mir eine Wette angeboten und mir erlaubt, sie hier zu veröffentlichen. Er sagt: Die in den Industrieländern gemeldeten Sterbezahlen werden am Montag vermutlich den niedrigsten Wert seit vielen Wochen erreichen – und dann bis Mittwoch wieder ansteigen.

Wenn die Vorhersage nicht zutrifft, will er ohne Neoprenanzug in die Bille springen. Die hat derzeit ungefähr neun Grad Celsius.

Vielleicht hat Kai einen Weg gefunden, die Zukunft vorherzusagen. Ich finde, das klingt ziemlich aufregend.