bookmark_borderAngeblich können wir 4000 Wörter pro Minute denken

Dies ist eine Landkarte. Wir haben sie am Eingang des Waldes entdeckt, der in der Nachbarschaft rumsteht. Man kann sich damit prima orientieren. Die Landkarte ist ein Bild. Sie ist eine Sammlung von Gedanken. Sie ist viele Gedanken zugleich. Viele Gedanken, die miteinander zusammenhängen. All das macht die Welt um uns her auf einmal erklärbar und verstehbar. Man kommt nicht mehr vom rechten Wege ab. Eine meisterhafte Erfindung. Sie macht, dass ich Stolz empfinde auf die Menschheit und all ihre Hervorbringungen.

Dieser Tage hab ich ein Buch gelesen, das im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung auf den Markt kommt. Geht mal wieder um Psychologie. Darin lese ich von einer Studie aus den 90er Jahren. Es geht um unsere Gedenken. Diese innere Stimme, die da die ganze Zeit vor sich hin plappert. Wie schnell redet diese Stimme eigentlich? Wie schnell können wir denken? Die Studie behauptet, dass wir innerhalb einer Minute 4000 Wörter denken können. Das ist wahnsinnig viel Stoff in sehr kurzer Zeit. 13 bis 14 Buchseiten in einer Minute. Ein ganzer Schinken wie „Krieg und Frieden“ in zwei Stunden. Irre.

Trotzdem fällt mir mal wieder auf, dass es einfach unmöglich ist, sehr viele Fragen in angemessener Tiefe zu durchdenken. Man schafft das immer nur für ein paar Dinge. Bei den meisten anderen Dingen schafft man es nicht. Und dann vergisst man natürlich fast alles wieder. Oder hat es gerade nicht parat. Der Geist ist ein Schreibtisch, bis obenhin zugemüllt mit Büchern, Heften und Aktenordnern. Und klar: Da können immer nur ein paar Bücher, Hefte oder Ordner ganz oben liegen. Den Rest müsste man erstmal suchen, um drin lesen zu können.

Deshalb sind wir wahnsinnig schlau und wahnsinnig dumm zugleich.

Ob die Sache mit den 4000 Wörtern stimmt, weiß natürlich kein Mensch. Die Methode der Studie überzeugt mich nicht besonders. Wenn heute ein Forschungsteam versuchen würde, dieselbe Sachen rauszukriegen, würde vermutlich eine ganz andere Zahl rauskommen. Man darf gerade in den weichen Wissenschaften nicht alles so wörtlich nehmen.

Ne gute Story ist es trotzdem.

Ich brauch noch ein Geschenk für Weihnachten. Oder zwei.

Mein Gehirn braucht für diesen Gedanken nur den Bruchteil einer Sekunde. Aber wenn ich dran denke, dass ich das Zeug auch wirklich besorgen muss, fühle ich mich wie Coco aufm Sofa. Hundemüde.

bookmark_borderDas Horoskop in der Zeitung lügt wie gedruckt

Unterwegs gewesen für Psychologie Heute. Ein Interview. Wie immer ging’s um einen klugen Menschen an einer guten Schule. Uni Zürich. Die machen tollen Sachen da. Am Geld scheint es auch nicht zu fehlen. Kein Homeoffice, wie man mir erzählt. In allen Kammern saßen junge Leute und hackten emsig Zeichen in ihre Tastaturen.

Die Stadt war grau. Kaum ein Blick am See, aber auch so was muss es geben.

Hab über Häuser nachgedacht, als ich in der Straßenbahn saß. Alte Häuser, neue Häuser, schöne Häuser und all die anderen Häuser. Dabei ist mir was aufgegangen: Jedes Haus war mal eine Baustelle. Die Maurer, die Zimmerleute, die Klempner, die Fliesenleger, die Elektriker – sie alle haben auf dieser Baustelle das Beste gegeben, um etwas Tolles zu bauen. Die Architekten haben sich das Hirn zerdacht über den Plänen und der Bauaufsicht. Und jedes einzelne Haus war irgendwann mal der neueste heiße Scheiß der Stadt. Wobei. Bei manchen der Häuser fragt man sich dann doch, was da in den Köpfen der Leute wohl falsch gelaufen sein mag.

Und das bringt mich zwanglos zum oben abfotografierten Horoskop. Es stand in der Umsonst-Zeitung, die überall in Zürich verteilt wird. Ich las:

Ihre Fröhlichkeit und Ausgelassenheit wirken ansteckend auf die Menschen um Sie herum …

Tja. So ermutigt fuhr ich jedenfalls durch die Stadt. Man sieht meine Ausgelassenheit noch durch die Maske hindurch.

Aber dann, noch keine zehn Minuten im Interview, fing die Person, die ich interviewt habe, nach einer Frage von mir plötzlich sehr an zu weinen. Das passiert selten. Vor allem, wenn’s um Wissenschaft geht.

Es war mir sehr unangenehm. Ich hatte fröhlich und ausgelassen nachgefragt und die Signale, die da waren, nicht gedeutet. Zum Glück ein Taschentuch dabei gehabt. Hab mich aber schlecht und schuldig gefühlt hinterher.

Jedenfalls die Lehre für heute: Das Horoskop in der Zeitung lügt wie gedruckt.

Das werd ich mir merken!

bookmark_borderDie Bellsche Zahl als Schlüssel zur Kommunikation und zur Frage: „Was ist eigentlich eine Party?“

Vor ner Woche war ich ja mit zwei Freunden bei Rolf und Britta. Er ist Maler, sie ist Bildhauerin, es war ein toller Besuch. Das Künstlerpaar, die beiden Freunde, ich – wir waren fünf Leute. Jörg hat auf Facebook gefragt, ob genau das, also die Anwesenheit von Freunden, etwas zum Erlebnis von Kunst beigetragen hat. Das ist eine sehr gute Frage, über die ich in einem etwas anderen Zusammenhang schon mal länger nachgedacht habe.

Und das kam so.

Nicki meinte mal, dass sie demnächst eine „dinner party“ veranstalten möchte. Vor meinem inneren Auge sah ich eine Art Orgie. Tatsächlich wollte sie dann aber nur zwei Leute zum Abendbrot einladen. Zwei Leute? Im Ernst? Aus diesem Missverständnis entstand eine Diskussion um den Begriff „Party“. Wie viele Leute braucht man eigentlich dafür – und wenn ja: warum?

Und dann hatte ich folgende Idee: Wenn zwei Leute beieinander sind, gibt es ja genau zwei Möglichkeiten, wie sich die Kommunikation gestalten kann. Sie reden miteinander … 

… oder sie reden nicht miteinander.

Hm. Wie sieht die Sache aus, wenn drei Leute beieinander sind? Mal überlegen.

Also: Sie reden alle drei miteinander … 

… oder nur #1 und #2 reden miteinander, während #3 seine Emails checkt … 

… und dasselbe Spiel noch einmal, wenn #1 irgendwas auf WhatsApp raushauen muss … 

… oder #2 einen Anruf von seiner Tochter bekommt …

… und dann, ganz zum Schluss, stehen natürlich alle drei da und tippen irgendwas in ihr Handy.

Das heißt: Bei zwei Gästen gibt es genau zwei Möglichkeiten, wie Kommunikation sich aufteilen kann. Bei drei Leuten sind es schon fünf Möglichkeiten. Interessant.

Wie sieht die Sache aus, wenn vier Leute beieinander sind? Keine Angst: Ich kürze die Sache diesmal ab.

Manchmal reden alle miteinander … 

… manchmal redet jeder nur mit sich selbst oder seinem iPhone … 

… und dann gibt es vier Kombinationen, in denen drei Leute miteinander reden, während einer nur für sich ist (Handy, Klo, Selbstgespräch) – ich zeige nur ein Bild dafür, um die Sache abzukürzen. 

Durchhalten jetzt! Wir haben noch drei verschiedene Kombinationen, bei denen es zwei Zweiergruppen gibt. Klingt komisch, ist aber so: 1&2 und 3&4; 1&3 und 2&4; 1&4 und 2&3. Ich zeige wieder nur ein Foto, um die Sache zu symbolisieren.

So. Und dann fehlen noch sechs verschiedene Möglichkeiten, in denen sich jeweils zwei Leute unterhalten und die beiden anderen nur was für sich machen. Klingt auch komisch, stimmt trotzdem. Ich spare mir die Notation der Kombis, Ihr könnt’s selber ausprobieren, wenn Ihr wollt. Hier ein Bild, um die Sache symbolisch zu zeigen:

Bei vier Leuten gibt es also genau 15 Kombinationen.

Nochmal zum Mitschreiben. Zwei Leute – zwei Kombinationen. Drei Leute – fünf Kombinationen. Vier Leute – fuffzehn Kombinationen.

Wow, das sind ja Wachstumskurven fast wie bei Corona!

Bei unserem Besuch bei Ralf und Britta waren wir fünf Leute. Keine Angst: ich zeige keine Fotos mehr. Hab’s aber trotzdem ausgerechnet: Wir hatten genau 52 verschiedene Kommunikationsmöglichkeiten. Davon haben wir natürlich nicht alle genutzt. Aber einige. Ich hab mich zum Beispiel mal allein umgesehen und mich dann zu Britta und ihrem „Dreh dich um“-Kuchen begeben. Zum einen, weil ich neugierig war, aber auch ein bisschen, damit die anderen mehr Zeit miteinander haben, ohne dass ich störe.

Ich glaube: Diese gelegentliche Rekombinationen haben die Sache sehr bereichert und den Besuch zu einem noch besseren und tieferen Erlebnis gemacht.

Damals bei Nicki hab ich jedenfalls viel freie Zeit damit zugebracht, noch mehr Zahlen auszurechnen. Ganz stumpf mit Listen per Kugelschreibe und Papier.

Also:

Sechs Leute – 203 Kombinationen.

Sieben Leute – 877 Kombinationen.

Acht Leute – 4140 Kombinationen.

Genau an dem Punkt habe ich dann aufgehört. Es ist einfach zu viel Papier dabei draufgegangen. Ich hab dann die Zahlen gegoogelt. 2, 5, 15, 52, 203, 877, 4140. Und siehe da – es gab tatsächlich einen Treffer. Ich hatte die ganze Zeit etwas ausgerechnet, das man in der Mathematik schon sehr lange kennt, nämlich die so genannte „Bellsche Zahl“. Verdammt! Alles gibt’s schon, alles ist schon da. Aber egal! Jetzt hab ich zumindest einen Begriff für meine Gedanken und kann Leuten davon erzählen. Besser als nix.

Hab Nicki anschließend verkündet, dass eine Zusammenkunft in meinen Augen erst ab sieben Leuten eine „Party“ genannt werden kann. Unter 877 möglichen Kommunikations-Kombinationen springt der Funke einfach nicht über.

Einen hab ich noch: Wenn 11 Freunde zusammen in den Fußball-Urlaub fahren, dann stehen sie vor 678.570 Arten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Man kann es sich nicht vorstellen, aber man kann es fühlen. Bei so vielen Leuten ist einfach sehr viel Leben in der Bude. Dauernd passiert was Neues, nur selten wiederholt sich eine Kombination. Deshalb sind große Gruppen so toll und so aufregend und so abwechslungsreich. Und die Erkenntnis des Tages für mich lautet: All das ist kein Wunder, sondern einfach eine Frage der Mathematik. Spannend, oder?

bookmark_border7000 Schritte pro Tag sind genug – vielleicht

Wie viele Schritte pro Tag sind am gesündesten? Wie viel Bewegung brauchen wir?

Im Jahr 2009 bin ich zum ersten Mal für Psychologie Heute in die USA geflogen – zum ersten Weltkongress für Positive Psychologie in Philadelphia. Das war ein großes Abenteuer und vermutlich der Punkt in meinem Leben, an dem ich endgültig zu einer Art Fachjournalist für psychologische Forschung geworden bin.

Jedenfalls erinnere ich mich noch gut an einen Auftritt von Martin Seligmann, dem Paten der Positiven Psychologie. Dabei berichtete er stolz von seinem Schrittzähler, den er damals immer bei sich trug. Seligmann erzählte, dass 10.000 Schritte pro Tag genügen, um uns langfristig fit und gesund zu halten.

Inzwischen haben wir es alle gelesen: Die Story mit den 10.000-Schritten sind ein uralter Marketing-Trick aus Japan. Sie wird durch keine wissenschaftliche Forschung gestützt.

Dieser Tage habe ich auf NPR, sozusagen dem Deutschlandfunk der USA, ein Interview gehört mit einer Forscherin, die sich die Sache genauer angeguckt hat. Sie hat untersucht, wer wie viele Schritte pro Tag macht. Und wer wie lange lebt. Das ist eine ziemlich grobe Art, Dinge zu messen. Aber sie ist besser als nichts. Jedenfalls zeigen die Zahlen: Die Menschen, die im Schnitt zwischen 7000 und 10.000 Schritte pro Tag gehen, leben im Schnitt signifikant länger als jene, die weniger als 7000 Schritte gehen. Ab 10.000 Schritten scheint es einen Plateau-Effekt zu geben: Man lebt also nicht länger, wenn man 11.000, 12.000 oder 13.000 Schritte macht. Wie schnell man dabei geht, scheint im Übrigen keine Rolle zu spielen. Hauptsache Bewegung!

Das ist eine verlockende Botschaft. Sie lautet: 7000 Schritte pro Tag sind genug. Puh. Glück gehabt! Die Studie erzählt mir etwas, das ich gerne höre und vermutlich werde ich mir die Sache auf Dauer merken. Tolle Story.

In solchen Momente verfluche ich allerdings meinen Beruf. Denn wo ich mich fürs Schreiben bezahlen lasse, zitiere ich für die internen Faktenchecker fast nur noch Originalstudien. Das gehört sich so. Um diese Quellen zu zitieren, muss ich die Dinger auch lesen. Und dabei merkt man oft, dass die Sache in Wahrheit komplizierter ist – und manchmal auch anders, als sie andernorts später in der Zeitung steht (ganz früher hab ich ja für eher unterhaltende Presseorgane geschrieben; dort galt die Regel, dass man eine Story auf keinen Fall „totrecherchieren“ darf. Die Regel gilt dort heute bestimmt nicht mehr. Glaub ich. Aber früher, da war das noch so).

Bei der 7000-Schritte-Studie jedenfalls verrät mir das Originalpaper, dass von all den Teilnehmenden am Ende der Studie noch mehr als 96 Prozent am Leben waren. Weniger als vier Prozent sind gestorben. Das sind nicht sehr viele Fälle – eine eher dünne Datenbasis.

Nur 40 Prozent der Leute im Datensatz haben überhaupt regelmäßig einen Schrittzähler getragen. Was mit den anderen Teilnehmenden war, weiß kein Mensch. Wie viele Schritte haben sie gemacht? Wann sind sie gestorben? We don’t know.

Man hat die Zahl der Schritte auch nicht über viele, viele Jahre gemessen, sondern nur für eine Woche (bei manchen waren’s auch nur drei Tage). Auch das ist keine berauschende Datenbasis.

Kurz: Die ganze Messung ist kaum mehr als eine grobe Schätzung, eine Gleichung mit vielen, vielen Unbekannten. Kann also sein, dass die Sache mit den 7000 Schritten stimmt. Vermutlich stimmt sie aber nur so ungefähr. Oder gar nicht.

Es ist jedenfalls kein Wunder, dass andere Studien zu anderen Empfehlungen kommen. Zum Beispiel: Für gesunde Knie genügen 6000 Schritte pro Tag.

Und hier: Für (ältere) Frauen sind 4400 Schritte schon total super, was die Lebenserwartung angeht. Ab 7500 Schritten erreicht man ein Plateau, ab dem die eigene Langlebigkeit nicht mehr zunimmt.

Mist! Eigentlich wollte ich nur eine kurze Notiz über die 7000 Schritte schreiben. Jetzt bin ich fast wieder so schlau oder dumm wie vorher.

Kommt davon, wenn man die Dinge totrecherchiert.

Journalismus nervt.

bookmark_borderAuf dem See schwimmt ein Kanu aus Beton

Gestern in Ann Arbor einen Spaziergang um den schönen Argo Pond gemacht. Am Steg liegt ein Paddelboot, das deutlich schnittiger aussieht als die bunten Plastikboote, in denen die Menschen hier normalerweise sitzen. Das Boot scheint mir zunächst aus Metall zu sein. Es macht mich jedenfalls neugierig, und weil ich gerne mit Fremden rede, hab ich die jungen Leute angequatscht, die um das Boot herumstanden. Und siehe da:

Das Kanu ist aus Beton! Ich habe zwar schon mal davon gehört, dass so was funktioniert, aber gesehen hab ich’s, glaub ich, noch nie. Die jungen Leute studieren an der hiesigen Uni Bauingenieurwesen. Und da gibt’s tatsächlich eine eigene Gruppe von Verrückten, die regelmäßig solche Boote bauen, um an irgendwelchen Betonboot-Meisterschaften mitzumachen.

Deborah, die zur Gruppe gehört, sagt: Dies ist das erste Mal, dass sie das Boot überhaupt zu Wasser lassen. Sie machen jetzt alle möglichen Tests, um über Winter ein noch besseres Ding zu bauen und im April bei den nächsten Meisterschaft ordentlich abzuräumen.

Ich hab später zugesehen, wie sie damit über den See gepaddelt sind. Klar, so ein Betonboot ist viel schwerer als ein Plastikboot. Aber alles in allem hat die Sache auf dem Wasser nicht unelegant ausgehen. Ist es nicht toll, wenn man im Studium solche Sachen machen kann und mit Spaß und in einer tüchtigen Gruppe gut wird in seinem Beruf? Mich begeistert so was immer.

Später kurz gegoogelt: Soooo neu sind Betonboote gar nicht. In den USA gibt es entsprechende Meisterschaften schon seit den 1980er Jahren. Verrückt, was man alles nicht mitkriegt.

Am Ufer des Sees flaniert außerdem eine stolze Gottesanbeterin. Sie ist gut getarnt, weshalb ich einen Kreis um sie gemacht habe. Heftiges Tier.

Auf dem Weg zurück überqueren wir wild die Bahnstrecke nach Chicago (siehe unten). Wir machen das andauernd, alle machen es so. Ich hab mir nie was dabei gedacht. Aber. Auf dem Spaziergang treffen wir eine Hundebesitzerin, die ich früher häufiger gesehen habe. Sie ist damals – vor der Pandemie – immer mit einer sehr schönen Schäferhündin spazieren gegangen. Jetzt hat sie einen anderen Hund. Was ist mit dem alten passiert? „Wurde vom Zug überfahren“, sagt sie. Und zwar so. Es ist ein windiger Tag – der Wind verbläst Tennisbälle und Geräusche. Sie wirft den Ball, der Ball fliegt weiter, als er soll, die Hündin folgt ihm über die Gleise, der Zug kommt ohne Signalhorn ums Eck – und zack. Sie lag dann am Ende tot am Damm, den Ball noch im Maul, sagt die Besitzerin. Traurig.

Jetzt lagen meine Wahlunterlagen im Briefkasten. Gerade bei FedEx gewesen. Kriegen sie das Ding bis Samstag zurück nach Hamburg? Die Mitarbeiterin weiß es nicht. „Heute am Sonntag geht eh nix raus.“ Aber morgen kommt der Chef wieder. Vielleicht kriegt er die Sache hin. „Wird jedenfalls nicht billig“, sagt die FedEx-Frau. Bin gespannt, was ihr Chef morgen zu sagen hat (die Wahlscheinnummer im Bild hab ich retuschiert).

bookmark_border„Reden alle nur immer von sich selbst?“ – und andere Sachen am Kiosk

So. Es wird mal wieder Zeit für Eigenwerbung.
In der Novemberausgabe von Psychologie Heute steht eine rund sechs Seiten lange Geschichte von mir, der die Redaktion den schönen Titel „Ich! Ich! Ich!“ gegeben hat. Sie befindet sich jenseits der eine Paywall. Man muss sie digital kaufen – oder sich das Heft am Kiosk holen. Beides kann ich empfehlen, man wird nicht dümmer davon.

Anstoß zur Geschichte war übrigens eine Bemerkung der Chefredakteurin: „Nach meiner Erfahrung ist ja das Problem, dass alle gerne von sich reden wollen – und keiner will zuhören.“ Bei solchen Sätzen krieg ich sofort große Ohren. Hat sie recht? Und wenn ja: Was fängt man damit an? Genau davon handelt die Geschichte.

Die kurze Fassung lautet: Ja, da ist was dran. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Studien dazu. Wir reden tatsächlich sehr viel über uns selbst. Mach ich hier ja auch.

Mein Lieblingssatz

„Gute Gespräche funktionieren wie Pingpong. Und das im doppelten Sinn. Bekanntermaßen handelt es sich beim Tischtennis um die schnellste Rückschlagsportart der Welt. Und auch in Gesprächen kommt es auf die Reaktionsschnelligkeit an … Ausgeglichene Redezeit, häufige Wechsel, kurze Pausen – all diese Merkmale guter Gespräche sind in einer Ego-Unterhaltung schlechterdings nicht zu haben.“

JM: „ich! Ich! Ich!“, Psychologie heute 11/20, S. 46

Bei der Recherche bin einigen alten Bekannten begegnet. Zum Beispiel Jim Burnstein, der an der University of Michigan lehrt, wie man Drehbücher schreibt. Mit ihm habe ich über Dialoge in US-Serien und US-Filmen gesprochen. Wir kannten einander von zwei, drei Zufallsbegegnungen in und um Ann Arbor. Jim hält den Film „Die Reifeprüfung“ für einen Meilenstein westlichen Drehbuchschreibens. Der Film ist bis obenhin voll mit Gesprächen, in denen es zu keiner Verbindung zwischen den Personen kommt. Leeres Gerede. Sounds of Silence. Jim sagt: Ausgerechnet im ersten Moment des Films, der eine wirkliche Begegnung zeigt, werden wir als Zuschauer ausgeschlossen. Ben und Elaine sitzen dabei im Autokino – und kurbeln im entscheidenden Moment das Seitenfenster hoch. Wir bleiben draußen. Die Szene ist mir vorher nie aufgefallen. Ansonsten hat mich auch der Film „The Meyerowitz Stories“ fertig gemacht, wo vor allem Dustin Hoffman und Ben Stiller grausam grandiose Dialoge sprechen, die ausschließlich aus gleichzeitig stattfindenden, ohrenlosen Selbstgesprächen bestehen. Das Gegenstück dazu ist natürlich die Mumblecore-Serie „Easy“, die in ihren besten Momenten genau das Gegenteil zeigt: dass Begegnung – wahre Begegnung – im Gespräch tatsächlich möglich ist.

Dem großartigen Mor Naaman verdanke ich ein Paper über die Kommunikation auf Twitter. Mor sagt: Viele Nutzer reden dort fast nur von sich. Andere reden über andere Sachen. Mor nennt die einen „Meformer“ und die anderen „Informer“. Grob gesagt, lautet seine Analyse: Die Meformer sind häufiger. Die Informer haben aber mehr Follower. Kann man sich auch mal merken.

Am Kiosk liegt noch mehr

Zum Beispiel die neue Ausgabe von „P.M. History“.

Dafür habe ich ein längeres Porträt über Ferdinand Porsche beigesteuert. Interessanter Mann. Krass, was er alles erfunden hat. Sein erstes Elektroauto fuhr schon im Jahr 1900. Bald darauf hat er ein Hybridauto konstruiert. Er hat an Flugzeugen mitgeschraubt, an Luftschiffen, sogar Pläne für eine Art Elektro-Hubschrauber lagen in seiner Schublade – und zwar schon vor dem Ersten Weltkrieg. Im zweiten Krieg spielte er eine eher düstere Rolle. Sein Sohn hat später behauptet: „Höchstens ein halbes Dutzend Männer in ganz Deutschland konnten es wagen, sich Hitler gegenüber frei und offen zu äußern, und mein Vater war einer von ihnen.“ Manche haben Porsche als eine der „großen Verbrechergestalten“ der Nazizeit bezeichnet. Andere sehen in ihm nur den „besessenen Tüftler“, der sich für Politik nie interessiert habe. Fraglich, ob das ein Widerspruch sein muss. Fest steht: Wolfsburg, der Käfer – ohne Porsche hätte es beides nicht gegeben. Porsche hat Deutschland zum Autoland gemacht.

Nicht verschweigen will ich auch die aktuelle Ausgabe von „P.M. Fragen & Antworten“.

Darin beantworte ich ein halbes Dutzend Fragen aus der Psychologie. Zum Beispiel jene, ob ältere Geschwister wirklich mehr Verantwortung übernehmen als ihre jüngeren Schwestern und Brüder. Ich will die Antwort hier nicht spoilern. Aber … naja …, was wir darüber üblicherweise zu wissen glauben, stimmt vermutlich nicht.

bookmark_borderWunder der Natur: Der Fisch & die Ölflitze

Gerade hat Wolfgang mich dafür gerügt, dass auf meinem Blog nix mehr los ist. Recht hat er. Hier also mein jüngster Erkenntnisgewinn, den ich gerne mit Euch teilen will. Ich verdanke ihn einem Fisch wie dem hier im Bild. Wer kennt ihn? Ich kannte ihn nicht. Und ich wusste auch nicht, was einem widerfahren kann, wenn man ein Stück davon verzehrt.

1. Akt: Der Einkauf

Hab viel gearbeitet und will mich belohnen. Unten an der Elbe gibt es einen Laden, der besondere Lebensmittel vertreibt. Sachen, die man anderswo nicht bekommt. Die Ware ist entsprechend teuer. Dort steh‘ ich vor der Theke, die Räucherfisch präsentiert. Da! In der Ecke liegen appetitliche Stücke. Davor eine Tafel: „Buttermakrele“. Hab‘ ich noch nie gehört. Interessant. Ich erwerbe eines der Stücke und trag’s zufrieden nach Hause.

2. Akt: Die Wissenschaft

Ungestillte Neugier ist wie Hunger. Nur schlimmer. Also im Internet nachsehen: Was hat es mit diesem unbekannten Fisch auf sich? Es gibt tatsächlich wissenschaftliche Studien über Lepidocybium flavobrunneum. Die interessanteren von ihnen handeln nicht von Körper oder Lebensweise der Buttermakrele (sie besitzt z.B. keine Schwimmblase), sondern von ihren Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Die Autoren Ka Ho Ling, Peter D. Nichols und Paul Pui-Hay But berichten von einem Phänomen namens „Keriorrhea“. Soll gar nicht so selten auftreten. Kenn ich auch nicht. Man weiß überhaupt das Allermeiste gar nicht. Ich lese also weiter.

3. Akt: Die Ölflitze

Die Forscher verstehen unter Keriorrhea „the pathological symptom of involuntary passage or leakage of oil, or actually wax esters, through the rectum“. Aha. Man könnte die Sache also mit „Ölflitze“ übersetzen. Es handelt sich bei besagtem Auswurf, wie ich lese, um ein „orangefarbenes bis grünlich-braunes“ Öl. Das Internet sei voll mit persönlichen Erfahrungsberichten „peinlicher Öldurchfälle nach dem Verzehr von Fisch“. Einige Länder haben die Einfuhr von Buttermakrelen deshalb längst verboten. Japan, Italien, Australien und noch ein paar mehr.

4. Akt: Der Selbstversuch

So. Hunger. Außerdem: Zeit für einen Selbstversuch. Hat die Wissenschaft recht? Oder will man mir einfach einen schmackhaften Happen madig machen? Ich hab im hippen Brotladen ein leckeres Brot gekauft. Dinkel-Kartoffel-Kruste oder so ähnlich. Das Brot trocknet nicht so schnell aus wie die übliche Roggenmische. Ich schneide mir andächtig eine Scheibe herunter, bestreiche sie mit Butter und packte etwas von dem Räucherfisch obendrauf. Mhhhh. Lecker. Es schmeckt alles so gut, dass ich mir noch eine zweite Portion gönne. Herrlich. Wie kann etwas so Köstliches schädlich sein? Die Forscher haben keine Ahnung!

5. Akt: Der Tag danach

Haben sie doch.

6. Akt: Der Tag nach dem Tag danach

Ui. Die Forscher haben immer noch recht. Und nicht zu knapp!

7. Akt: Was wir daraus lernen

Zweierlei. Erstens: Mehr Respekt vor der Wissenschaft. Zweitens: Mehr Respekt vor Buttermakrelen. Man darf sie eigentlich nur besonderen Gästen darbieten – und auch nur dann, wenn diese für den Folgetag eine längere Autofahrt auf dem Zettel haben. Man serviert nicht nur einen wohlschmeckenden Fisch, sondern schenkt ihnen damit auch ein paar unvergessliche Stunden.

bookmark_borderWarum Joe Biden die Wahl gewinnt – Besuch bei Gerd Gigerenzer

Vergangene Woche war ich in Berlin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, um Gerd Gigerenzer zu treffen. Er war dort 20 Jahre lang Direktor und ist einer der bekanntesten Psychologen Deutschlands, ach was: der Welt.

Wir haben viel gelacht, auch ein paar Streitpunkte entdeckt und ansonsten über alles Mögliche geredet: Sex, Drugs, Rock’n’Roll, Innovation, psychologische Theorien, ein wenig Klatsch – und natürlich auch über die anstehende Präsidentschaftswahl in den USA.

Gerd Gigerenzer – das muss man vorausschicken – ist ein Freund von Heuristiken. Er sagt: In der Welt gibt es Risiko und Ungewissheit. Risiko meint: Man weiß nicht, wie’s ausgeht, aber man kennt die statistischen Wahrscheinlichkeiten. Beim Würfeln ist das so. Beim Roulette. Sogar beim Schach.

Und dann gibt es noch die Ungewissheit. Die herrscht überall dort, wo man auch nicht weiß, wie’s ausgeht, aber auch die Wahrscheinlichkeiten nicht kennt. Etwa, weil zu viele Faktoren eine Rolle spielen, oder weil das Kräfteverhältnis dieser Faktoren sich permanent ändert, weil die Welt von morgen vielleicht nach anderen Regeln läuft als die Welt von gestern und dergleichen mehr. Das ist zum Beispiel in der Finanzwelt der Fall.

Gigerenzer glaubt: Wenn man die Situation einigermaßen kennt („Risiko“), fährt man am besten mit Big Data, mit Machine Learning und komplizierten Modellen. Wenn die Situation aber chaotisch ist („Ungewissheit“), braucht man einfache und robuste Modelle, so genannte Heuristiken, also Faustformeln, die man leicht verstehen und nachvollziehen kann.

Wir alle erinnern uns an die Wahlprognosen aus dem Jahr 2016. Damals haben alle Modelle einen Sieg für Hillary Clinton vorhergesagt. Gerd Gigerenzer hat mich jetzt auf einen Typen hingewiesen, der damals korrekt auf Trump getippt hat. Und der auch bei allen anderen Präsidentschaftswahlen seit den 1980er Jahren richtig lag. Der Typ heißt Allan Lichtman und ist Historiker. Die Details seiner Prognose für 2020 findet man hier in einem Video der New York Times.

„Lichtman arbeitet nicht mit Big Data, sondern mit einer einfachen Heuristik“, sagt Gigerenzer. Genauer: Lichtman hat 13 „Schlüssel zum Weißen Haus“ identifiziert. Jeder Schlüssel ist eine einfache Aussage, die man mit „wahr“ oder „falsch“ beantworten kann. Wenn sechs oder mehr dieser Aussagen „falsch“ sind, verliert der Kandidat der Regierungspartei.

Ulkig: Den Anfang für Lichtmans Arbeit machte eine ungewöhnliche Begegnung. Lichtman wurde von einem russischen Forscher angesprochen, der bis dahin Erdbeben-Vorhersagen gemacht hatte. Und genau so funktioniert auch Lichtmans Heuristik. Stabilität ist gut für die Regierung. Zu viel Unruhe gleicht jedoch einem Erdbeben – sie reißt ein, was ist und fordert etwas Neues. Naja. Zumindest in der Tendenz.

Jedenfalls prophezeien Lichtmans „Schlüssel zum Weißen Haus“ derzeit: Trump wird verlieren, Biden gewinnen. Und wenn man genauer hinschaut, merkt man: Schuld daran sind weder Trumps Lügen noch Bidens Mitgefühl. Sondern in erster Linie Corona. Ohne die Pandemie hätte Lichtmans Heuristik einen Sieg des Amtsinhabers vorhergesagt. Tja. So kann’s gehen. Zufall regiert die Welt.

„Laut Lichtman gewinnt Biden“, sagt Gerd Gigerenzer. „Falls Trump nicht noch einen Krieg anzettelt. Denn dann sind die Amerikaner geschlossen hinter ihm.“

Man lernt immer was, wenn man interessanten Leuten begegnet.

bookmark_borderAls Darwin über das Heiraten nachdachte … und Freud das Schlafzimmer vergaß

Habe heute aus beruflichem Anlass das Buch „Risiko“ von Gerd Gigerenzer gelesen. Gigerenzer war über mehrere Jahre Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Er gehört zu den „großen Namen“ der deutschen Psychologie.

In seinem Buch (und auch sonst in seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen) schreibt er eine Menge darüber, wie wir unsere Entscheidungen treffen. Außerdem erzählt er gerne Geschichte. Etwa die Schnurre, wie Charles Darwin darüber nachgedacht hat, ob er jetzt heiraten soll oder lieber nicht. Und die kann ich euch einfach nicht vorenthalten.

Also. Auf Seite 190 in Gigerenzers Buch finde ich folgende Liste, mit der sich Darwin dazu überredet, seinen Nachen in den Hafen der Ehe zu paddeln.

„Kinder – (wenn es Gott gefällt) – ständige Gefährtin (& Freundin im Alter), die sich für einen interessiert, Objekt zum Liebhaben und Spielen – jedenfalls besser als ein Hund (sic!) – ein Heim und jemand, der sich darum kümmert – Reiz von Musik und weiblichem Geplauder. Dies gut für die Gesundheit. Zwang, Verwandte zu besuchen und zu empfangen, aber furchtbarer Zeitverlust.
Mein Gott, ein unerträglicher Gedanke, das ganze Leben immer nur zu arbeiten, wie eine geschlechtslose Arbeitsbiene, nur Arbeit und nichts sonst. – Nein, nein, geht nicht. – Stell dir vor, den ganzen Tag allein in verrauchtem, schmutzigen Londoner Haus! – Mal dir nur aus: eine nette, zärtliche Frau auf dem Sofa, ein gutes Feuer im Kamin, Bücher und Musik vielleicht – vergleich das mit der schmuddeligen Realität in der Grt. Marlboro’s St.“

Weiter schreibt Gigerenzer:

„Darwin kam zu dem Ergebnis, dass er heiraten sollte, und schrieb unter die linke Spalte (jene, die ich zitiert habe, J.M.): > Heiraten – Heiraten – Heiraten – Q.E.D.< (…) Im Jahr darauf heiratete Darwin seine Cousine Emma Wedgwood und hatte schließlich zehn Kinder mit ihr.“

Da fällt mir, wo wir schon mal beim Thema sind, zwanglos die Anekdote aus dem Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Martha Bernays ein. Die beiden waren verlobt und Freud plante die Hochzeit. In einem Brief beschreibt er seiner Angebeteten – sie wohnt in Hamburg – den Schnitt der Wiener Wohnung, in welche die beiden ziehen sollen. Martha schreibt zurück:

„Die Wohnungsbeschreibung von Dir heute, mein Schatz, macht mir gar keine Lust, ein Mann, der vier Jahre verlobt ist und bei der Aufzählung der Räume das Schlafzimmer vergißt (…)?! Du zählst auf: Ordinationszimmer, Wartezimmer und Wohnzimmer, Badezimmer, Küche, Dienstbotenzimmer und Vorraum. Da ich nun niemals gewöhnt war, in der Badewanne zu schlafen, so bleibt mir nur übrig, mir in Deiner Nähe ein freundliches Cabinet zu nehmen, aber einsam wird es doch immerhin für mich sein, und für Dich?“

Wie Freuds Mutter auf das Schreiben reagiert hat, ist nicht überliefert.

bookmark_border„Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen“

Die Überschrift ist – die KennerInnen haben’s längst erkannt – ein etwas dramatisches Hamlet-Zitat. Bei Shakespeare geht’s ja eigentlich gar nicht um den Schlaf, sondern um den Tod und welche Filme einem nach dem Ableben gezeigt werden. In diesem Blog-Eintrag geht’s dagegen ganz banal: um den Schlaf während der Pandemie.

Wie ist das bei Euch? Schlaft Ihr besser also sonst? Schlechter? Genau so gut oder schlecht?

Bei mir ist das Ergebnis gemischt. Es hängt zum Beispiel davon ab, ob ich das Handy griffbereit neben mir liegen habe oder nicht. Seit einigen Tagen lege ich das Ding auf einen Tisch, der in der Mitte des Zimmers steht. Ich muss aufstehen, um es zu greifen. Seither schlafe ich besser.

Heute habe ich eine Studie aus Italien gelesen, die sich ein bisschen systematischer mit der Sache befasst. Viele der 121 Teilnehmerinnen und Teilnehmer schlafen seit Ausbruch der Pandemie, seit Lockdown und Homeoffice tatsächlich schlechter als zuvor. Besonders die Männer. Woran das liegt, weiß man natürlich nicht. Man hat es nämlich nicht untersucht. Trotzdem haben die Studienautoren natürlich einen Verdacht und äußern ihn auch: Man bewegt sich weniger (weil man mehr zu Hause sitzt) und sitzt auch länger vor dem Rechner als sonst. Vor allem am Abend. Das blaue Licht aus dem Bildschirm stört den Schlafrhythmus. Zack, fertig!

Wie gesagt: Die Gründe für den schlechten Schlaf waren nicht Gegenstand der wissenschaftlichen Arbeit. Dazu hat man nur ein paar „educated guesses“ rausgehauen. Das findet man sehr oft. Wenn Studien in den Medien (auch den sozialen Medien) ein Echo finden, liest und hört man aber oftmals genau von diesem Teil. Also genau von dem, was eigentlich gar nicht Wissenschaft ist, sondern nur eine Vermutung. Das finde ich problematisch. Zugegeben: Ich habe jetzt auch keine erstklassige Idee, wie man das ändern kann. Und, klar, die Sache bringt mich auch nur selten um den Schlaf. Ein Problem ist es trotzdem.

Eine neue Studie aus Frankreich gibt zehn Tipps, wie man trotz Corona-Stress und Homeoffice ruhig schlafen kann.

  • Regelmäßige Schlafzeiten einhalten.
  • Tagsüber bestimmte Zeiten in den Kalender eintragen (und einhalten), in denen man gezielt über seine Sorgen nachdenkt/darüber Tagebuch führt. Das ist sozusagen die exklusive Sprechstunde, die man seinen Sorgen einräumt, damit sie Ruhe geben und einem tagsüber und nachts nicht dauernd in alles reinquatschen. Clever!
  • Das Bett möglichst nur zum Sex und zum Schlaf nutzen und nicht für andere Aktivitäten.
  • Es gibt ja Frühaufsteher, Nachtmenschen und ganz viele Leute, die irgendwo dazwischen liegen. Jetzt ist die beste Zeit, seinem eigenen Rhythmus zu folgen.
  • Man soll Social Media nutzen, um Sorgen oder Humorvolles mit anderen zu teilen und soziale Unterstützung zu kriegen. Aber die Endgeräte haben nachts im Bett nix verloren (sag ich doch!).
  • Man soll viele Dinge tun, die man gerne macht.
  • Man soll sein Schlafzimmer möglichst gemütlich gestalten.
  • Man soll es tagsüber hell haben und nachts möglichst dunkel.
  • Man soll möglichst entspannende Dinge tun, bevor man schlafen geht (z.B. Yoga, ein Buch lesen).
  • Wenn man sich weniger bewegt als sonst, sollte man auch weniger essen. Und zwei Stunden vor der Bettruhe: am besten gar nichts mehr.

Die Sache mit dem Essen scheint in der Tat ein Thema zu sein. So hat sich die oben erwähnte Studie aus Italien noch angesehen, wie sich das Körpergewicht der Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch Homeoffice verändert hat. Das Ergebnis lautet grob gesagt: Die Dicken haben nicht zugenommen. Die Schlanken aber schon. Und zwar im Durchschnitt um rund 2,5 Kilogramm.

Für mich heißt das: Ich liege mit meinem neu erworbenen Bäuchlein noch um 400 Gramm unter dem Durchschnitt. Und das finde ich schon wieder erleichternd!