bookmark_borderNie wieder so ne ruhige Kugel wie heute

Letztes Jahr im November war ich bei der „Dreamforce„, der großen Konferenz von Salesforce in San Francisco. Salesforce ist eine Firma, die in Software macht. Mit ihren Programmen kann man seine Kunden besser managen. Wer länger nicht in San Francisco war: Downtown steht da heute ein sehr, sehr großes Hochhaus, das da vor zehn Jahren noch nicht stand, der mit Abstand höchste Klotz der Stadt. Das ist der Salesforce-Tower. Und nicht nur die Hütte, auch die Firma ist ein Gigant. Um mich und andere Presseleute zu beeindrucken, haben sie uns erstmal im Aufzug ganz nach oben fahren lassen. Dort ist das Aufmacherfoto entstanden. Bei dem Ausblick denkt man ganz automatisch, dass man irgendwie was Besonderes ist. Und dass man etwas Beindruckendes leisten sollte in seinem Leben.

Und wie die Leute da ihre Arbeit organisiert haben! Die meisten haben keinen festen Schreibtisch. Man kommt am Morgen zu seinem Schließfach …

… und dann erfährt man per App innerhalb weniger Sekunden, wo man heute am besten sitzen sollte. Wo am meisten Platz ist, wo die anderen Leute sind, mit denen man sich heute unterhalten sollte usw. Das war voll so „Zukunft der Arbeit“, nur halt in der Gegenwart. Und naja, auch: Vor-Corona. Das wusste damals aber noch keiner.

Auch interessant: Die hatten auf jedem Stockwerk einen eigenen Meditationsraum. Da konnte man reingehen und meditieren. Der Firmengründer meditiert selber und hält seine Leute dazu an, ihre Seele im Gleichgewicht zu halten. What’s not to like?

Warum ich das alles erzähle? Am ersten Tag hatten wir eine Pressekonferenz, auf der wichtige Leute schlaue Sachen gesagt haben. Über Daten und Innovation und das Zeitalter der digitalen Disruption und all so was.

Und einer der Leute hat einen Satz gesagt, der mich dieser Tage mit einiger Wucht eingeholt hat: „Ihr glaubt, wir leben in verrückten Zeiten. Tun wir aber nicht. Wir werden nie wieder so ne ruhige Kugel schieben wie heute. Die Welt wird viel mehr Veränderung sehen und viel schnellere Veränderungen sehen, als das je der Fall war.“

Der Mann hat an Computersachen gedacht, glaub ich. Aber das alles ist kaum acht Monate her – und seither hatten wir eine Pandemie. Und Black Lives Matter. Massenarbeitslosigkeit. Und wir werden vermutlich noch üblere ökonomische Verwerfungen sehen, die uns alle aus den Socken hauen (hey, Ihr anderen Freiberufler da draußen: Wie laufen EURE Geschäfte denn so in den vergangenen Monaten?). Und gesellschaftliche Instabilität bis zum Abwinken. Vom Klimawandel ganz zu schweigen.

Mir hat an dem Tag aber die digitale Unruhe schon gereicht. Im Keller des Moscone Center hatten die Salesforce-Leute tatsächlich einen ganzen Trupp Zen-Mönche aus dem Plum Village untergebracht, die uns Meditation, achtsame Entscheidungsprozesse und mitfühlende Kommunikation beigepuhlt haben. Ich habe dann über die Tage einige Stunden da unten zugebracht. Hab mich da wohl gefühlt. Und war mir außerdem ganz sicher: DAS ist ne Hammer-Geschichte. Ein Maximum an Spiritualität im Epizentrum von Kohle und Technologie! Hat bisher aber keiner bestellt, die Story. Sie ist bis heute ungeschrieben. Muss ich irgendwann mal nachholen. Eine verrückte Welt ist das.

Heute blättere ich den Bildern von neulich und mich beschleicht eine Wehmut. Ich fand’s super an der Bay. Ich hatte das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein. Es hat sich alles sehr dynamisch angefühlt. Heute weiß ich: Es waren tatsächlich die letzten Tage „ruhige Kugel“. Zumindest vorerst.

Denn immerhin: So richtig weiß ja doch keiner, wie genau alles weitergeht.

bookmark_borderDie Amygdala ist schuld, manchmal

Nachrichten geguckt. Alles geht um Rassismus und Polizeigewalt. Natürlich. Sie zeigen auch ein paar Videos von Afroamerikanern, die eine Begegnung mit der Ordnungshut nicht überleben.

Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich für P.M. ein Interview mit Prof. Robert Sapolsky geführt, einem Neurowissenschaftler aus Stanford.

Dabei ging es auch um Polizeigewalt und die Rolle des Gehirns. Spoiler-Alert: Manchmal ist die Amygdala an allem schuld. Hier ein Auszug aus dem Transkript, ohne Bearbeitung.

JM: In unserer visuellen Wahrnehmung spielt die Amygdala eine interessante und manchmal folgenreiche Rolle. Bevor unsere Hirnrinde diese Informationen verarbeitet hat, landet eine sehr grobe Kopie in unserer Amygdala. Sie schlägt innerhalb von Millisekunden Alarm, wenn uns zum Beispiel ein Mensch begegnet, der eine andere Hautfarbe hat als wir.

RS: Ja, hier haben wir einen der stärksten Beweise für die Vorstellung, dass eine Vielzahl unserer Entscheidungen, auch unserer moralischen Entscheidungen, in viel stärkerem Maße von Emotionen geleitet sind, als wir das gerne hätten. Anders gesagt: Es sind oftmals Gehirnareale wie die Amygdala, die unsere Entscheidungen treffen. Und die rationaleren Teile unseres Gehirns liefern danach nur noch eine vernünftig klingende Begründung. Emotional entscheiden wir in Sekundenbruchteilen. Die Begründung kommt später. Und die Daten aus der Neurobiologie passen wunderbar zu dieser Hypothese. Wenn wir uns jetzt diese konkrete Geschichte ansehen: Ja, die Amygdala bekommt einen sehr privilegierte Zugang zu unseren sinnlichen Informationen. Sie bekommt eine grobe Information über Reize, die Emotionen auslösen. Und zwar deutlich schneller als unser Kortex diese Daten verarbeiten kann. Wir reden hier über 100 bis 200 Millisekunden, was ein wahnsinnig kurzer Zeitraum ist. Und das ermöglicht sehr, sehr schnelle Entscheidungen, die auf sehr ungenauen Daten beruhen, weil, naja, der Kortex halt viel besser darin ist, akkurat zu arbeiten als die Amygdala. Und dann hat man plötzlich diese ganzen Geschichten, wo die Polizisten sich auf einmal sicher sind, dass der Typ, der gerade in die Tasche greift, um seinen Ausweis hervorzukramen, eigentlich eine Waffe ziehen will. Und dann, 40 Pistolenschüsse später, zeigt sich, dass er gar keine Waffe bei sich hatte. Und wir wissen heute, dass solche Missverständnisse in unglaublich starkem Maße etwas damit zu tun haben, welche Person da eigentlich nach seiner Brieftasche greift. Interessanterweise arbeite ich gerade mit einem pensionierten Polizeibeamten, der sich über dieses Phänomen große Sorgen macht und über das Ausmaß, in dem Polizeischulung solche Zwischenfälle praktisch unvermeidlich macht. Er zeigt mir dabei verschiedene Dashcam-Videos, also von Kameras, die an der Windschutzscheibe eines Streifenwagens angebracht sind und die dort alles filmen. Einige dieser Schießereien, oh, mein Gott, wissen Sie, ich bin einfach nur ein Professor, der an seinem Schreibtisch sitzt und Bücher liest. Aber das Schockierendste ist, wenn er sagt, guck dir einfach mal die Sekundenanzeige auf dem Bildschirm an. Und dann stellst du fest, dass die ganze Sache innerhalb von 1,3 Sekunden abgeht. Solche Sachen, wo du sehen kannst, dass der Polizist nach 0,7 Sekunden seine Waffe im Anschlag hat. Das ist genau das Königreich, in dem die Amygdala die vielleicht wunderbarste Sache der Welt ist, weil sie dir die Chance gibt, mit einem wahnsinnig schnellen Sprung dem Biss einer Giftschlange zu entkommen. Aber es ist ein Desaster in einer Welt, in der die Leute Knarren haben und entscheiden müssen, ob sie abdrücken oder nicht.

JM. Kann man Leuten beibringen, ihrer Amygdala zu misstrauen? Was tun wir da?

RS: Darum geht’s im letzten Kapitel meines Buches („Gewalt und Mitgefühl„, JM). Wie schafft man es, die Leute zu mehr Zusammenarbeit zu bringen? Inklusiv, zusammengehörig – und weniger aggressiv, fremdenfeindlich, ausschließend? Wenn jemand gezwungen ist, in der Nähe von jemandem zu leben oder zu arbeiten, der zu einer Fremdgruppe gehört, und selbst wenn man von Kindesbeinen an darauf konditioniert wurde, von „denen“ als „die anderen“ zu denken, dann entwickeln sich innerhalb von Wochen neue Einstellung gegenüber „denen“. Manchmal dauert es auch länger. Die kleinste Fassung dieser Geschichte lautet: Ich hasse sie. Aber ja, dieser eine Typ, der ist in Ordnung. All diese Geschichten benötigen eine Amygdala, die weniger reaktiv geworden ist.

JM: Eine meiner Lieblingsstorys ist die, wo man die Leute tippen lässt, was vermutlich das Lieblingsgemüse des anderen ist. 

RS: Ja, die Brokkoli-Studie. Das ist eine ganz erstaunliche Arbeit. Diese einfache Frage zwingt dich dazu, über den anderen als Individuum nachzudenken und seine Perspektive einzunehmen. Und schon hört die Amygdala auf, diesen Menschen als Mitglied einer Fremdgruppe zu sehen. Und da kann man sehen, dass wir als Menschen die bemerkenswerte Fähigkeit haben, unsere Neurobiologie und auch unser Verhalten zu ändern. Wenn es um die Geschwindigkeit geht, in der sich diese Dinge vollziehen, ist die Brokkoli-Studie wahnsinnig faszinieren. 

bookmark_borderWas man so macht an langen Tagen

Wer meiner Kohorte angehört und im deutschen Sprachraum aufgewachsen ist, erinnert sich vermutlich an Puck, die Stubenfliege, eine Figur aus „Biene Maja„. Ja. Genau so sieht man aus, wenn man sich in die Welt der Virtuellen Realität begibt. Genau das habe ich dieser Tage getan. Wie einen das reinzieht! Ein kluger Mensch hat mal gesagt: „VR“ ist das einzige Medium, bei dem man das Medium vergisst. Was man hier erlebt, wird zum wirklichen Erlebnis. Deshalb muss man sehr aufpassen, was man sich da zumutet. Genau davon hab ich einen Geschmack auf meine Zunge bekommen. Faszinierend ist das – und ein bisschen unheimlich. Eines Tages wird in einem hochwertigen Magazin eine hoffentlich erhellende Geschichte dazu erscheinen.

Seit ich hier fast täglich irgendwas aufschreibe, kommt mir mein Beruf merkwürdig vor. Bei manchen meiner Geschichten vergeht ein halbes Jahr oder sogar mehr, bis sie endlich irgendwo am Kiosk liegen. Hier im Blog dagegen dauert das keine Sekunde. Man drückt auf den Knopf. Zack! Schon ist es draußen. Unglaublich.

Im Grunde bin ich einer dieser Mönche, der über Jahrzehnte in eiserner Disziplin darauf gedrillt wurde, klassische Texte säuberlichst abzuschreiben und dabei einige Großbuchstaben zu verzieren. Und dann kommt auf einmal einer und erfindet den Buchdruck. Wenn man das kapiert hat, weiß man, dass man mit der alten Kunst vielleicht noch ein paar Jahr überleben kann. Aber eigentlich weiß man auch, dass die Tage gezählt sind.

Was noch? Ich habe heute seit August mal wieder Pickleball gespielt. Diesmal mit William, der sofort begeistert davon war.

Das hier sind die beiden Schläger mit dem Ball. Ich kann diese Sportart sehr empfehlen. Sie ist sehr niedrigschwellig. Man kann sie sofort spielen und Freude daran haben. Ein bisschen Tennis, ein bisschen Tischtennis, ein bisschen Badminton.

Eigentlich spiele ich in Hamburg ja Tischtennis. Über Winter trainiere ich – wenn ich in Ann Arbor bin – mit der hiesigen Uni-Mannschaft. Zwei Drittel der Spieler dort sind Chinesen. Und ich würde sagen: Die haben einen anderen Stil, als man ihn in Deutschland anzutreffen pflegt. Nicht so sehr von den Schlägen, aber im Kopf. Ohne Quatsch. Die können ein paar Dinge besser und ein paar Dinge schlechter. Und auch da finde ich enorme Unterschiede zwischen den Generationen (es gibt einen Chinesen in den mittleren Jahren, der mit seinen jüngeren Landsleuten mental gar nichts mehr zu tun hat). Interessant. Aber ein anderes Thema.

Ich habe heute jedenfalls bewusst das Mannschaftstrikot des ATV Altona angezogen, um die Locals zu beeindrucken. Wer in Hamburg lebt und einen Verein sucht: Die ATV-Tischtennisabteilung ist aus soziologischer Sicht wahnsinnig interessant. Ein Sinnbild für die Geschichte der Stadt Altona: offen, tolerant, Leute kommen, Leute gehen, dennoch gibt es ein stabiles Rückgrat. Ich vermisse diese Leute.

Ansonsten spiele ich noch Musik: eine Gitarre, deren Hals in Kalifornien gebrochen ist und danach von einer Horde formidabler Nerds aus Palo Alto für n Appel und n Ei wieder geflickt wurde. Ein paar Töne haben an Klarheit verloren – aber das macht nichts. Das Instrument war im Eimer, jetzt ist es wieder heil. Im Hintergrund: das ortsansässige E-Piano. Auch toll. Es ist eine Freude, ein Dilettant zu sein und im Grunde der beste Zustand überhaupt, eine kindliche Freude an allem, was gelingt. „Privilegiert“, hat eine Ex-Kollegin neulich gesagt. Ja. Das stimmt.

Das ist es schon für heute. Keine Pointe. Ich freue mich nur daran, dass die Sonne scheint und man wieder Sachen machen kann. Ohne Sachen ist das alles nur der halbe Spaß.

bookmark_borderAuch in Ann Arbor gibt’s Proteste

Gestern hab ich noch ein bisschen über die Stadt gelästert und dass man sich eher um die innerstädtischen Fahrradwege kümmert als um die Polizeigewalt im Land. Mais non! Heute steigt tatsächlich eine Demo. Schon die zweite, sogar. Ich nehme also alles zurück: Auch in Ann Arbor gibt’s Proteste. Wir kriegen’s erst eine Stunde vorher mit. Für morgen ist eine weitere Demo angekündigt, bei der der örtliche Polizeichef mitmarschieren will – so wie der Sheriff in Flint/Michigan das bereits am Wochenende getan hat. Das scheinen mir eher bürgerliche Proteste zu sein. Kann mir nicht vorstellen, dass hier irgendwas brennt. Aber man weiß es ja nie so richtig.

Jedenfalls finden sich gegen 13 Uhr auf dem Campus ne Menge Leute ein. Wie viele? Ich schätze: So um die 500. Aber schwer zu sagen. Michigan Radio behauptet, dass es mehr als 1000 waren. Nun. Während wir dort waren: ganz sicher nicht.

Ich sehe überwiegend junge Leute in den 20ern. Fast alle tragen Masken. Man hält Abstand. Gefühlte 90 Prozent der Demonstranten sind Weiße. Die Demo ist ein Spiegel der Stadt selbst. Sonst gehen auch viele Ältere auf derlei Kundgebungen. Es erinnert sie an ihre Jugend und entspricht ihrer Haltung. Heute bleiben die meisten wegen Corona zu Hause. Wer da ist, ruft nach Gerechtigkeit. Und zwar tüchtig laut. „What do we want?“ – „Justice!“ – „When do we want it?“ – „Now!“

Aber niemand muss mir glauben. Bitte sehr:

Es gibt auch eine Rednerliste, aber ich kann die Namen nicht verstehen. Ich verstehe ohnehin so gut wie gar nichts. Denn ich stehe – zugegeben – ziemlich weit hinten. Einerseits. Andererseits haben die Veranstalter es aber auch verabsäumt, eine vernünftige PA-Anlage mitzubringen. Es kommt immer wieder zu „Das Leben des Brian“-Zitaten (das Original: hier bei 1:16). Vorne sagt jemand was. Hinten schreit wer: „LAUTER!“

Und dann die Schilder. Fast alle sind auf die Schnelle entstanden. Ein Stück Karton aus dem Keller geholt und hurtig was mit dem Edding draufgeschrieben. „Black Lives Matter“ scheint mir das Hauptmotiv zu sein. Doch es gibt auch radikalere Aussagen. Bei den meisten handelt es sich um internationale Klassiker. Einige Leute bringen darin ihre generelle Abneigung gegen die Ordnungshut zum Ausdruck. Etwa mit der Behauptung, dass es sich bei „allen Polizisten“ um „Bastarde“ handle („ACAB“).

Andere verbreiten die These „Bullen töten jetzt und lügen später“. Wieder andere behaupten, dass es auf Amerikas Straßen „ohne Gerechtigkeit keinen Frieden“ geben werde.

Eine Rednerin sagt, dass sie keine Gewalt will an diesem Tag. Protest: ja. Randale: nö.

Man lässt auch einen Mann in Uniform sprechen. Ich verstehe kein Wort. Wer ist das? Gehört er zur Polizei? Ein Rätsel. Er spricht zu leise. Ganz am Ende ruft er ein „don’t go crazy“ ins Mikro. Dann Applaus und ab. Später kriege ich im Netz mit, dass es sich um einen farbigen Veteranen der amerikanischen Streitmacht gehandelt hat. Hm.

Ah, hier. Jetzt hab ich ein Bild mit einem der SEHR gebastelten Schilder gefunden.

Ein anderer Redner sagt: „Lasst uns endlich aufhören, Armut zu kriminalisieren.“ Guter Punkt. Als Schwarzer in Amerika bist du vermutlich arm. So rein statistisch betrachtet. Und du landest fünfmal wahrscheinlicher im Knast als ein Weißer. „Niemand sperrt so viele Leute ein wie ‚the land of the free'“, sagt der Mann. Auch korrekt. In Stanford hab ich vor einigen Monaten zum ersten Mal von der „school-to-prison pipeline“ gehört. So wie es bei uns eine gesellschaftlich vorgezeichnete, glatt-„normale“ Standard-Karriere über die Stationen Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, Ausbildung/Studium, Beruf gibt, existiert in den USA noch eine zweite Rutschbahn des Lebens. Und zwar für schwarze Jungs. Sie führt aus der Schule unmittelbar in den Knast. Bei manchen Schulen (etwa in Chicago, wenn ich mich recht entsinne) liegt die Polizeistation direkt im selben Gebäude im Erdgeschoss. Die Jungs werden aus dem laufenden Unterricht heraus verhaftet und gleich eingebuchtet. Manche kommen da nie wieder raus. Oder wenn, dann immer nur kurz. Alles kein Witz. In L.A. gibt es angeblich Stationen der Schulpolizei, die einen eigenen Panzer besitzen. Man kann sich das alles nicht vorstellen. Und man muss es ändern. Aber, so hab ich gehört: Es gibt finanzstarke Kräfte, die alles gerne so belassen wollen, wie es ist. Denn das Gefängnissystem ist big business. Leute werden damit sehr, sehr reich. Es ist natürlich alles noch komplizierter und rede nur so vor mich hin. Eine Schande ist es trotzdem.

Sorry.

Hab mich davontragen lassen.

Der örtliche Senator darf auch noch ein paar Takte sagen. Ich glaube, er macht das gut, aber ich verstehe mal wieder viel weniger als die Hälfte des Gesagten.

Ein Wort noch zur Polizei: Ganz am Rand sehe ich zwei (weiße) Beamte stehen. Ein Mann, eine Frau. Als sich die Protestgemeinde anschickt, durch die Innenstadt zu ziehen, machen wir uns vom Acker. Beim Weggehen sehe ich 200 Meter hinter den Zuschauern zwei weitere (diesmal schwarze) Polizisten. Ein Mann, eine Frau. Interessant.

Wir gehen zwei Blocks zum Wagen. Insgesamt drei Polizeiautos parken am Straßenrand. Alles sehr zurückhaltend. Man hat aber auch, wenn ich das richtig sehe, eher wenig zu befürchten. Trotz der markigen Sprüche auf den Kartons.

Jetzt noch ein Nachtrag am Abend. CNN geguckt. Es ist alles zum Kotzen. Zum ersten Mal beschleicht mich der Gedanke, einer transformierenden Zeit beizuwohnen. Vorher hab ich eher gedacht: In ein paar Tagen sind alle wieder „back to normal“.

Aber.

Ich hab mich in meinem Leben schon oft getäuscht.

bookmark_borderLetzter Vortrag in Stanford – auf Zoom statt in der Sonne

Das sind die Tische, an denen Nicki in Stanford ihr Mittagessen eingenommen hat – immer verwickelt in irgendwelche Diskussionen mit den anderen Gelehrten, die dort ihr Sabbatical verbracht haben. Ein bis zwei Mal die Woche bin ich auch mitgekommen. Ich hab‘ dort auf dem „Zauberberg“ nicht eine langweilige Minute erlebt.

Einmal die Woche hat jemand aus der Professorenschar dort oben einen Vortrag über seine Arbeit gehalten. Heute war nun der letzte dieser Talks. Natürlich auf Zoom. Ohne Sonne, ohne den Ausblick übers Silicon Valley. Ohne den ganzen Geist dort oben, die Landschaft, in der es sich tatsächlich leichter denken lässt. Ich weiß: Man soll sich nicht so anstellen. Aber es tut trotzdem weh, wenn ich so drüber nachdenke.

Heute jedenfalls hat Lianjiang aus Hongkong gesprochen – über das Vertrauen der chinesischen Bevölkerung in die eigene Zentralregierung. Er hat dabei Husserl zitiert und Gadamer. Denn „LJ“ ist zwar von Beruf Politologe, in seinem Herzen jedoch ein Philosoph und intimer Kenner der deutschen Geistesgeschichte. Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ hat er – als Hobby – ins Chinesische übersetzt. Er kann Deutsch flüssig lesen, zitiert mühelos Heidegger und Nietzsche im Original und auch sein Englisch hat nur einen leichten Akzent. Das alles ist ein Wunder: LJ ist auf dem Lande aufgewachsen in – selbst nach chinesischen Maßstäben – sehr schlichten Verhältnissen. Keiner der Dorflehrer sprach Englisch, weshalb LJ erst in seinen späten Teenagerjahren überhaupt mit Fremdsprachen in Kontakt gekommen ist. Seine Geschichte hat mich immer wieder nachdenklich gemacht. Manchmal denke ich: Schule ist genau dann gut genug, wenn sie den Kindern das Lernenwollen nicht gänzlich austreibt. Ich werde die Gespräche mit LJ und den anderen Leuten vom Hügel jedenfalls vermissen.

Heute hat die Uni in Ann Arbor stolz über die hiesigen Lieferroboter berichtet. 500 Kunden lassen sich derzeit von diesen Dingern frisches Gemüse und Restaurantessen nach Hause bringen. Für das Startup Refraction AI ist die Corona-Krise ein Riesenchance, weil viele Leute sich mit einer „kontaktfreien“ Lieferung gerade wohler fühlen. Die Gründer behauptet, preisgünstiger zu sein als die anderen Kurierdienste. Ob das auf lange Sicht wirklich stimmt? Da bin ich mir nicht ganz sicher. Immerhin: Einen Hauch von Silicon Valley und Startup-Kultur gibt’s auch hier in Michigan.

In den Nächten haben wir außerdem Frost. Die hiesigen Obstbauern fürchten, dass ihnen die Äpfel und Kirschen erfrieren. Die Betreiber einer Plantage haben im Netz angekündigt, um ihre Bäume herum Lagerfeuer anzuzünden und Hubschrauber über die Anlagen fliegen zu lassen, damit die Wärme in Bodennähe bleibt. Entsprechende Bilder hab ich bisher nirgendwo gesehen. Vielleicht morgen.

bookmark_borderSo läuft der Hase: Die Krankenhäuser retten die Leute – und gehen dabei pleite

Vorhin ist hier ein Kaninchen durch den Garten gehoppelt.

Kürzlich hab ich geschrieben, dass in Texas die kleinen Landhospitäler finanzielle Probleme haben. Das fand ich schon bedenklich. Heute aber hat die hiesige Uniklinik eine Pressemeldung rausgegeben, die mir die Socken ausgezogen hat.

Da steht in etwa dies: Die Mediziner haben alle Hände voll damit zu tun, die Corona-Fälle zu versorgen. Alles andere pausiert. Weil „alles andere“ aber die Kohle bringt, rechnet die Uniklinik in Ann Arbor nun mit einem Jahresverlust von 230 Millionen Dollar.

Und um das verlorene Geld wieder reinzuholen, wird die Klinik jetzt 1400 Vollzeitkräfte entweder entlassen oder in Zwangsurlaub schicken.

Das liest sich alles so locker weg. Aber kann mich mal jemand kneifen? Das ist, als würde das UKE in Hamburg auf einmal mehr als tausend Mitarbeiter feuern. Zack! Kann man sich das vorstellen? Eigentlich nicht. Bedenklich ist es außerdem: Wenn ein Riese wie Michigan Medicine wankt, dann will ich nicht wissen, wie es um all die schwächeren Institutionen steht.

Denn man muss wissen: Die Klinik der University of Michigan ist in der Tat ein Gigant. Sie gehört in vielen Rankings seit Jahren zu den zehn besten Krankenhäusern der USA – und das will was heißen. Denn mit der Gesundheit ist es hier wie mit den Unis insgesamt: Unten ist alles ziemlich bescheiden, in der Breite ist alles ganz okay – aber ganz oben, da sind sie Weltklasse.

Und natürlich läuft das hier im Land gerade überall so. Die Washington Post hat gestern groß darüber berichtet: Mehr als 200 Krankenhäuser in den USA haben wegen der Krise schon im großen Stil Mitarbeiter nach Hause geschickt. Und das wird in den kommenden Tagen und Wochen einfach so weiter gehen. All das passiert nicht, weil man diese Leute nicht mehr braucht. Es passiert, weil man sie nicht mehr bezahlen kann.

Die Krankenhäuser retten die Leute und gehen dabei pleite. Für einen kollektivistisch denkenden Menschen wie mich ist das nichts anderes als eine Sauerei. So darf man sein Land nicht organisieren.

Die Zeit hat heute einen Artikel gebracht, der hier vor ein paar Tagen im Atlantic gelaufen ist: Die USA werden darin als „gescheiterter Staat“ bezeichnet. Das halte ich für sehr übertrieben. Man darf es nicht glauben. Die Zeile ist eher dem nahen Wahlkampf geschuldet: Man sagt, man möchte auswandern, in Wahrheit will man eine neue Regierung.

Trotzdem denke ich dieser Tage immer mal wieder, dass ein paar Konzepte des Westens gerade den Bach runtergehen: der Kapitalismus in seiner amerikanischen Form – und der Individualismus in seiner amerikanischen Form. Kürzlich hab ich mich in Stanford mit Yukiko unterhalten, einer Psychologin aus Japan. Sie meinte sinngemäß: Die amerikanische Jagd nach Glück funktioniert super, wenn die Zeiten gut sind. Aber wenn die Krise kommt, dann haben die Japaner mit ihrem Gemeinsinn die besseren Traditionen. Und ich glaube inzwischen: Da ist was dran.

Am Wochenende war Nickis Mutter Edie hier im Garten. Wir haben zusammen gegessen und brav social distancing geübt. Kai hatte dabei eine tolle Idee: Er hat eine Art Seilbahn gebaut, in die wir einen Blumentopf eingehängt haben. Der wurde dann per Geschenkband mit beiden Tischen verbunden. Wir konnten die Gondel auf diese Art hin und herziehen und uns Dinge zukommen lassen.

Und das fand ich dann schon wieder klasse. Auch die Tatsache, dass heute eine Indianermeise an eines der Futterhäuschen geflogen kam, ein hübsches Vögelchen, das im Englischen den ulkigen Namen „Tufted Titmouse“ trägt.

Es gibt immer was, worüber man sich freuen kann. Aufgeweckte Kinder zum Beispiel, die Sachen erfinden. Gemeinsame Essen im Garten. Kaninchen, die über den Rasen hoppeln, Vögel mit ulkigen Namen. All das wird bleiben.

Aber ansonsten kann diese Sache hier noch ganz schön ungemütlich werden.

bookmark_borderTaiwan und Corona: „Null Infizierte“

Taiwan hat am heutigen Dienstag – zum ersten Mal seit 36 Tagen – keinen einzigen neuen Coronafall dazubekommen. „No new cases“, sagt der Gesundheitsminister.

Wie haben die das bloß geschafft?

Ich habe per Zoom gerade den Vortrag von Prof. Su-Ling Yeh gehört, einer Psychologin aus Taiwan, die Nicki und ich in Stanford kennengelernt haben. Su-Ling sagt: In Taiwan sind die Schulen und Geschäfte geöffnet. Die Leute gehen in Kneipen und Restaurants. Es wird auch nicht flächendeckend auf Covid-19 getestet.

Klingt super, oder?

In Su-Lings Vortrag ging’s vor allem um die soziale und technische Seite der Sache, also um die nicht-medizinischen Maßnahmen. Warum schreibe ich hier darüber? Weil in den USA und der EU gerade alle über die neue Corona-App diskutieren, die Rolle von Google und Apple und so weiter. Ich glaube, wir sollten uns Taiwan ansehen, um zu entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen. Ich würde gerne Eure Meinungen dazu hören (per Facebook, Mail, WhatsApp oder hier als Kommentar). Erstmal die Fakten.

Wie läuft die Sache in Taiwan?

  1. Taiwan ist eine Insel. Man kann nahezu perfekt kontrollieren, wer ins Land kommt. Wer aus dem Flieger steigt, füllt einen Fragebogen aus (in dem man z.B. angibt, welche Länder man zuletzt besucht hat).
  2. Bei allen Einreisenden wird automatisch die Körpertemperatur gescannt (solche Scans gibt’s auch für den öffentlichen Nahverkehr).
  3. Die Daten über die Auslandsreisen werden für 30 Tage auf der Krankenkarte gespeichert. Dies dient Ärzten als eine Art Vorwarnung: Vielleicht hat man es mit einem symptomfreien Corona-Infizierten zu tun. Die allermeisten Infizierten in Taiwan haben das Virus aus dem Ausland mitgebracht.
  4. In Deutschland verwenden sehr viele Nutzer WhatsApp. Eine ähnliche Rolle spielt in Taiwan eine App namens „Line„. Die hat da fast jeder. Per Bot bekommt man darüber nach der Einreise Corona-Tipps aufs Handy gespielt – gleichzeitig beantwortet man über diese App (regelmäßig) Fragen zum eigenen Gesundheitszustand. Der Bot funktioniert wie ein maschineller Arzthelfer, der einen nach Husten, Fieber und ähnlichen Symptomen befragt.
  5. Ach so: Wer kein Handy hat, kriegt eins vom Staat gestellt. Es herrscht also eine Art Handypflicht für Neuankömmlinge.
  6. Wer einreist, muss sich für zwei Wochen in Quarantäne begeben. Nichts Neues für uns, oder? Aber. Die Sache läuft in Taiwan nicht über Ehrenwort und guten Glauben. Sie wird überwacht. Und zwar …
  7. … über einen intelligenten, digitalen Elektrozaun. Das könnte man ziemlich präzise per GPS lösen (was anfangs wohl auch der Fall war). Inzwischen ortet man per Handy lediglich den nächsten Funkmast. Man überwacht bei den frisch im Land Angekommenen, ob sie innerhalb derselben Funkzelle bleiben. Das ist der Kompromiss, um den Leuten noch ein bisschen Privatsphäre zu lassen, sozusagen der Unterschied zwischen Elektrozaun und elektronischer Fußfessel.
  8. Um die Sache hinzukriegen, kooperiert der Staat mit den fünf größten Telekommunikationsanbietern des Landes. Das System checkt alle zehn Minuten, wo sich das Handy der betreffenden Person befindet.
  9. Wenn sich jemand zwei Mal hintereinander nicht in der richtigen Funkzelle befindet, geht automatisch eine „Warnmeldung“ an die jeweilige Person, die Gesundheitsbehörden und die Polizei.
  10. Die Behörden werden auch alarmiert, wenn jemand sein Handy ausstellt.
  11. Mehrmals täglich wird man überdies von den Behörden angeklingelt. Wenn man nicht reagiert, gehen die Behörden davon aus, dass man sein Handy nicht bei sich trägt. Dann kommt jemand vorbei (Polizei).
  12. Bei Nicht-Kooperation ist ein Ticket fällig. Die Tagespresse berichtet von einem Mann, den man zu einer Strafe von mehr als 30.000 Dollar verdonnert hat.
  13. Bars und Restaurant werden von der Polizei per Cloud-Datenbank darauf überwacht, ob sich jemand im Laden aufhält, der unter Quarantäne steht.
  14. Die Daten über die Auslandsreisen werden nach 14 Tagen automatisch gelöscht.
  15. Der virtuelle Elektrozaun gilt nur für Leute in Quarantäne.
  16. Manchmal entstehen auch in Taiwan neue Hotspots. Das war etwa der Fall, als Passagiere der „Diamond Princess“ hier auf Landgang waren. Alle Bewohner der entsprechenden Gebiete haben sofort eine Alarm-Meldung auf ihr Handy bekommen.

Das sind so im Groben die Sachen, die ich aus dem Vortrag mitgenommen habe.

Was davon würde man sich für Deutschland wünschen? Was würde zu weit gehen?

Wollen wir mehr Privatsphäre oder lieber mehr Sicherheit? Es wird dabei nicht nur um persönliche Entscheidungen gehen, sondern stets auch um kollektive Verantwortung. Nach dem Motto: Wer nicht mitmacht, gefährdet die anderen, also ähnlich wie bei Impfungen. Bin gespannt, wie das alles weitergeht.

bookmark_border„There is no shortcut for synthesis“: beim Stanford-Besuch der Autorin Tressie McMillan Cottom

Dieser Tage waren Nicki und ich auf dem wirklich beneidenswert schönen Stanford-Campus, um uns die Diskussion zwischen der Soziologie-Professorin und Autorin Tressie McMillan Cottom und dem Stanford-Professor Adam Banks anzuhören. Motto des Abends: „What Is A Public Intellectual Today?“

Ich kannte Tressie nicht. Aber das hat nichts zu sagen. Mein Wissen – verglichen mit dem, was die Menschheit weiß – entspricht höchstens einem Stecknadelkopf in einer Turnhalle. Tressie ist jedenfalls ein Star. Die Hütte war voll. Im Raum gab‘s Platz für knapp 200 Leute und nur ganz hinten in den letzten Reihen blieben ein paar Stühle frei. 

Im Eingangsbereich wurde ihr neues Buch „Thick“ feilgeboten.

Man muss etwas über die Covergestaltung sagen. Das breite „H“ hat mich zunächst verwirrt. Aber dann ein Blick auf den Buchrücken. Aha! In der gestürzten Schrift wird aus dem breiten „H“ auf einmal ein „I“ – also „ICH“. 

Die Amazon-Reviews dazu sind wunderlich. Denn Tressie – soviel wird schnell klar – ist witzig, schnell, originell, super schlau, kämpferisch, meinungsfreudig, subversiv. Das ist keine Kombination, die immer alle Menschen im Publikum glücklich macht. Aber dann: So gut wie niemand sagt auf Amazon ein schlechtes über sie. Ganz bemerkenswert. Warum ist das so?

Ich schreibe sieben Sachen auf, die ich mir bei der Diskussion gemerkt habe und die mir aufgefallen sind.

1. Sowohl ihre Rhetorik als auch Adams Rhetorik kommt von den schwarzen Predigern der USA. Ich fühle mich wie in einer Kirche, in der ich als Jugendlicher gerne gesessen hätte. Beide stellen in ihren Reden Gemeinschaft her, sie kommentieren die Rede des anderen mit zustimmenden Zwischenrufen und Fingerschnipsen. Tressie sagt: „Rhetorik ist ein Ort gemeinschaftlicher Recherche.“ Sie sieht alles, was sie schreibt, als ein Werk des Kollektivs. Das ist ein anderes Konzept der Autorenschaft, als ich es aus meiner europäischen Tradition kenne. (Eine gemeinsame Freundin von Nicki und mir kommentiert später: „Klingt fast wie Roland Barthes.“) Es gefällt mir jedenfalls, es ist eine sehr lebendige, gemeinschaftsstiftende Art mit Denken und Schreiben umzugehen. Sie sagt: „Man ist immer eingebettet in etwas Größeres.“ Im Grunde hat sie einen religiösen Begriff vom Denken und vom Schreiben. Ich weiß aber nicht, ob sie das auch so sieht.

2. Tressie sagt: „Ohne Mut kannst Du nichts Gutes schreiben. Und um mutig zu sein, brauchst Du ein gewisses Maß an Sicherheit.“ Sie ist Professorin. Das hilft schon mal. Sicherheit. Die hat aber ihren Preis. Sie sagt: Die Uni radikal und vollständig kritisieren kann sie nicht, selbst wenn sie wollte, weil sie Teil des Systems ist. „Man darf sich da nichts vormachen.“ So denken die Leute in der Soziologie.

3. Tressie ist in sehr einfachen Verhältnissen auf dem Land aufgewachsen. South Carolina, eine halbe Stunde weg von der Küste. Der Boden besteht aus „Dreck, auf dem eine Sandschicht liegt, weil halt das Meer in der Nähe ist“. Ihre Ur-Oma (die selbst unter Erwachsenen groß geworden, die als Sklaven geboren worden sind) hat jeden Abend die Straße vor dem Haus gefegt. Den Sand auf dem Dreck. „Oma, warum machst Du das?“, fragt Tressie. „Weil ich dann besser denken kann“, sagt die Oma. Im Regal stand eine Sammlung „schwarzer“ Literatur. „Ich habe das Buch bestimmt 100 Mal gelesen. Von dort kommt meine Sprache, der Rhythmus in den Sätzen.“

4. Tressie ist eine „Public Intellectual“, sie schreibt Leitartikel für die Presse und haut auf Twitter dauernd irgendwelche Sachen raus. Deshalb kennen sie viele. Aber eigentlich ist sie Professorin für Soziologie. In ihrem Grundstudium gab‘s keine Soziologiekurse. Sie sagt: „Du musst einer Schwarzen in Amerika nicht lange erklären, dass es Strukturen gibt, die darüber entscheiden, was aus Dir werden kann und was nicht.“ Auch interessant.

5. Sie sagt: „Wenn Du schreiben willst, musst Du wissen, für wen Du schreibst. Wer ist Dein Publikum? Die meisten von uns (Profs) stellen diese Frage nicht, weil wir insgeheim fürchten, dass da gar keiner sitzt, der liest, was wir schreiben.“ Die meisten Leute im Publikum studieren noch – entweder als Undergrads oder im PhD-Programm. Sie sind im Durchschnitt alle viel besser angezogen als ich. Tressie sagt: „Wartet nicht drauf, das Euch das Publikum findet. Sucht Euch das Publikum, das Ihr haben wollt. Es gibt nämlich viele davon.“

6. Über Kreativität sagt sie: „Alles, das was taugt, dauert ungefähr vier Mal länger, als man vorher gedacht hat. There is no shortcut for synthesis.“

7. Sie twittert. Wie geht sie mit den Trollen um? „Das ist eine Technik. Das muss man lernen. Es ist keine Charakterfrage oder Talentsache und schon mal gar nichts für blutige Anfänger.“ Außerdem hat sie mit ihrer Familie und ihren Freunden einen Notfallplan ausgearbeitet. „Alle wissen, was zu tun, wenn auf einmal 5000 Leute pro Tag anrufen.“

Ich habe ihr Buch nicht gelesen. Aber ich bin ein Fan. Tressie McMillan Cottom hat Charisma, sie hat einen Auftrag und sie denkt übers Schreiben anders nach als die meisten Leute, die ich kenne. Das war ein guter Abend.