bookmark_borderDer Schwimmer im See und ein neues Gemüse

Der Sommer ist sehr heiß in Michigan. Wir haben jeden Tag über 30 Grad und das wird sich so bald auch nicht ändern.

Ich habe übrigens – für all die SprachfeinschmeckerInnen da draußen – eine knackige Formulierung zu derlei Temperaturen gelernt: „Hotter than the devil’s butthole.“ Muss man auch erstmal drauf kommen.

Kurz vor sieben dann den Rechner zugeklappt. Genug geschrieben für heute! Handtuch eigerollt und runter an den See. Knapp unterhalb des Dammes war der Weg mit Polizeiband abgesperrt. Hat sich aber keiner drum gekümmert. Also auch ich nicht. So funktionieren soziale Normen: Sie gelten nur, wenn die meisten sich dran halten.

Oben war ich dann tatsächlich der einzige Mensch im See. Das Wasser war viel zu warm für meinen Geschmack. Um bis zur Sprungschicht runter zu kommen, musste ich die Beine komplett durchhängen lassen.

Zu Hause dann Abendbrot gemacht. Wir kriegen ja jetzt immer diese Gemüsekiste. Da hatten sie diesmal was dabei, das ich nicht kannte: „Garlic Scapes„. Ich weiß nicht mal, wie man bei uns dazu sagt. Kurz in Olivenöl gebraten, Salz, Pfeffer, Zitronensaft. Dazu Nudeln mit Pesto, einer gewürfelten Tomate, gehackten Walnüssen und Parmesan. Es war unglaublich gut. Ich möchte diese Speise hiermit empfehlen.

Danach seufzend den Rechner nochmal aufgemacht. Was war los in der Welt? Was war los in Michigan? Und da trifft mich doch fast der Schlag!

Da muss ich lesen, dass am Morgen ein Typ genau dort ins Wasser gehüpft ist, wo ich gerade schwimmen war. Er ist aber – im Gegensatz zu mir – nicht mehr rausgekommen. Die haben offenbar den halben Tag lang mit Booten nach ihm gesucht.

Also DESHALB war außer mir niemand schwimmen!

Ich bin dann nochmal mit dem Hund ans Wasser gegangen. Hab mich mies gefühlt. Tja.

Der Badesteg war inzwischen gut besucht.

Und auch im Wasser planschten ein paar Leute rum.

Der See bleibt der See. Egal, was gerade noch dort passiert ist.

Auf dem Weg zurück hat mich dann ein Typ in ein Gespräch verwickelt. „Schönen Hund hast du da. Deutscher Schäferhund. Wir hatten auch mal einen. Direkt aus Deutschland. Meine Mutter hat ein Heidengeld dafür bezahlt. Das war der schönste Hund überhaupt. Ganz schwarz. Nur die Pfoten waren hell. Ein tolles Tier. Aber er war nur kurz bei uns. Dann ist er auf die Straße gerannt und dann ist ein Auto gekommen und – zack! – dann war er tot.“

Er sagt, er findet es anderswo schöner als hier. Denn genau von dort kommt er nämlich. Von anderswo. „Home is home, man.“

Außerdem sind seine Knie im Eimer. Er kann nicht mehr arbeiten. Er mochte seinen Beruf eh nicht. „It was just a job.“

Und jetzt?

Er zuckt mit den Schultern. „Erstmal ne Runde angeln. Mal sehen, was anbeißt.“

Ich schätze ihn auf höchstens 45.

Und jetzt denke ich mal wieder, dass fast alles, das ganze Leben und so, vor allem damit zu tun hat, dass man bisher einfach unverschämtes Glück hatte. Einmal kein Glück – das reicht schon, damit alles anders wird.

Was ich mit all dem eigentlich sagen will: Ich glaub, man soll nicht so tun, als hätte man all das Gute irgendwie selbst gemacht oder gar verdient.

bookmark_borderWie sagt man zu Glühwürmchen?

Vor ein paar Jahren hatte ich mal regelmäßig mit Leuten vom Dudenverlag zu tun. Die wussten alle sehr viel. Einmal zum Beispiel sagte eine mir unbekannte Kollegin am Telefon: „Ah, Sie kommen aus dem Südwesten.“ Ich wohnte damals schon eine Weile in Hamburg und mein Hochdeutsch war weitgehend akzentfrei. Woher wusste sie das? Ganz einfach: Sie konnte es an meinem Nachnamen ablesen. Bei wem man seine Wurst kauft, das hängt nämlich davon ab, wo man wohnt.

Ich habe inzwischen erfahren, dass es auch in Amerika solche Phänomene gibt. Zum Beispiel neulich. Da spielten nach Sonnenuntergang ein paar Glühwürmchen im Gebüsch. Wie schön!

Aber wie sagt man zu den Viechern eigentlich? „Glowworms“? Naja. Die Leute verstehen, was man damit meint. Den Begriff gibt’s wirklich. Tatsächlich sagen viele Michiganders „Lightning Bugs“ dazu. Andere – auch die Zugereisten von der Westküste – bevorzugen dagegen das Wort „Fireflies“.

Wo verläuft die Grenze? Dazu habe ich vorhin eine interessante Geschichte gelesen. Dort findet sich diese Landkarte:

Kluge Gelehrte haben im Übrigen herausgefunden, dass womöglich die örtlichen Naturerfahrungen etwas damit zu tun haben. Hier kommt die Landkarte der Blitzeinschläge.

Und hier die Landkarte der Waldbrände.

„Aha!“, denkt man da. „Wo’s brennt, sagt man Firefly, wo’s gewittert, spricht man vom Lightning Bug.“

Ein Beweis ist das natürlich nicht. So heißt es auch im erwähnten Artikel, den ich allein deshalb und aus Dankbarkeit hier gleich nochmal verlinke. Eine gute Geschichte ist es trotzdem. Und was macht man mit guten Geschichten? Man erzählt sie weiter. Is einfach so.