bookmark_borderUnser Podcast steht zwei Wochen auf Platz eins – und ein paar Gedanken über „Affordanzen“

Seit drei Wochen ist der Podcast draußen, bei dem ich irgendwie mit beteiligt bin. Und ich muss sagen: Es ist eine merkwürdige Erfahrung. Und zwar: wegen der Affordanzen des Mediums.

Aber der Reihe nach. „Sag mal, Du als Psychologin … “ steht jetzt seit zwei Wochen fast ununterbrochen auf Platz eins dieser Audible-Hitliste. Das ist natürlich toll. Denn ich habe eine Menge Arbeit in das Projekt gesteckt (und noch mehr Arbeit wird folgen). Es dauert alles erheblich länger, als ich vorher gedacht habe. Deshalb: Wär schon doof, wenn’s keiner hören würde.

Andererseits ist es auch seltsam und befremdlich. Denn warum steht der Podcast da oben? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht.

Ein Grund ist vermutlich das Ranking selbst. Rankings sind immer unfair und eine sehr einfache und wirksame Form der Manipulation. Nur ein einziger Spieler profitiert davon – nämlich derjenige, der ganz oben steht. Es gibt Untersuchungen dazu. Allein die Tatsache, DASS ein Podcast dort steht, bringt viel mehr Leute dazu, sich das auch anzuhören, was wiederum höhere Klickzahlen bedeutet. Man steht also noch ein paar Tage länger dort oben, mehr Leute klicken usw. Es ist ein sich selbst verstärkender Mechanismus. Er hat dem Podcast, wie ich vermute, jetzt schon viele Hörerinnen und Hörer verschafft, die sich die Sache ohne das Ranking und die damit verbundenen Sichtbarkeit niemals angehört hätten.

Manche davon werden sich denken: „Och, ganz nett, ich hör mal weiter.“ Darüber freu ich mich.

Aber ganz viele werden natürlich auch denken: „Das ist der größte Mist, den ich je gehört habe.“ Denn dafür findet man ja immer einen Grund. Weil die Show zum Beispiel nicht so gut ist, wie sie sein könnte. Oder weil sonst was im Leben gerade schlecht läuft. Jemand hat sogar behauptet, wir hätten uns abfällig über Dialekte geäußert, was mich als alten, auf dem Land aufgewachsenen Badener, als Schupfnudelmacher, Spätzle- und Dampfnudelkoch natürlich schwer trifft. Mein Sohn meint: „Papa, man kann Dir ja ne Menge vorwerfen – aber DAS???“

Ahhhh, Dampfnudeln!

Naja. Egal. Oben hab ich was über Affordanzen gesagt. Das ist ein schillernder Begriff. Die Leute, mit denen ich hier in den USA abhänge, definieren ihn so: Die Affordanz ist eine Möglichkeit, etwas zu machen. Eine „facettenreiche Beziehungsstruktur zwischen einer Technologie und einem Nutzer, welche innerhalb eines bestimmten Kontexts ein bestimmtes Verhalten ermöglicht oder verhindert“. Ja, sie schreiben kompliziert, diese Professorinnen, wenn man sie lässt. Ich formuliere die Sache für mich gröber aber verständlicher: Eine Affordanz ist das, was man in den Augen eines Users alles mit einer Seite anstellen kann. Zum Beispiel … 
… Kommentare hinterlassen
… Kommentare als hilfreich bewerten
… Bewertungen hinterlassen
… Kommentare und Bewertungen lesen
… Bewertungen als Durchschnittszahl sehen
… Durchschnitts-Bewertung in Stern-Symbolen sehen
… sehen, wie beliebt ein Produkt ist … und so weiter.

Die Eidechse sonnt sich auf dem Stein. Aber sie kann sich auch darunter verstecken. „Sonnendeck“ und „Unterschlupf“ sind die Affordanzen des Steins aus Sicht der Eidechse.

Für Sisyphos bestehen die Affordanzen des Steins in seiner Hochrollbarkeit und seiner Eigenschaft, wieder runterzukullern und dabei von oben missmutig bestaunt zu werden. Und vermutlich gibt’s dazu noch die Affordanz des „täglich im Terminkalender Stehens“. Und die Affordanz der ewigen Dauer, denn die Qual des Helden endet nie.

Am Anfang hält man den Affordanz-Begriff noch für eine Luftnummer, doch in Wahrheit ist er wahnsinnig nützlich, vor allem, um soziale Medien zu verstehen. Ich hätte zum Beispiel Snapchat und den Charme dieser App viel früher verstanden, hätte ich damals schon etwas über Affordanzen gewusst. Snapchat hat damals die „Affordanz der Ephemeralität“ eingeführt. Die geteilten Inhalte waren flüchtig und vergänglich, verschwunden nach wenigen Sekunden. Sie waren wie das gesprochene Wort, der Wind weht es davon. Man spricht offener, wenn man weiß, dass niemand heimlich mitschneidet. Das mochten die jungen Leute. Sie konnten schnell irgendwelche Sachen raushauen, ohne später dafür abgestraft zu werden. Das war toll – und Facebook ratzfatz eine Plattform für Erwachsene mit grauen Schläfen.

Naja. Die oben genannten Affordanzen jedenfalls, die Sterne, Bewertungen und Kommentare und all das – kann sein, dass sie jemandem helfen. Mir helfen sie nicht. Ich glaube, dass sie die falschen Anreize setzen. Ich freu mich aber über Emails und Kurznachrichten. Wenn Ihr die Sache gehört habt und über was diskutieren wollt – immer her damit. Ich rede gerne mich Menschen und glaube, dass Gespräche die Welt und uns selber besser machen.

Ansonsten stell ich mir vor, dass manche ihre Freude an unseren Podcast-Unterhaltungen haben und freu mich darüber, so lange ich kann.

bookmark_borderDie Werbung sagt mir, wer ich bin: Zeitungsleser, Geldverschwender, Saitenzupfer, Kunstbanause, Baggerfahrer, Herzverbluter, Rotweintrinker, Ahnungsloser

Es heißt ja immer, dass die großen Tech-Konzerne alles über uns wissen. Sie sammeln Daten, jagen sie durch ihre schlauen Maschinen und – zack! – verführen sie uns mit maßgeschneiderter Werbung. So denkt man sich die Sache zum Beispiel bei Facebook.

Man kann den Spieß natürlich auch umdrehen und sagen: All diese Werbeanzeigen sind ein Indikator dafür, was Facebook über uns denkt, ein Spiegel, an dem wir den tadellosen Sitz unserer Persönlichkeits-Frisur überprüfen können und ob uns womöglich noch Zahncreme am Kragen klebt.

Die Werbung sagt mir, wer ich bin.

Tut sie das?

Um das zu prüfen, hab ich beim Frühstück einfach mal gesammelt, welche Botschaften mir die vielen Anzeigen auf Facebook so zurufen – auf nüchternen Magen. Hier kommen acht Sätze. Bei manchen hab ich genickt, bei anderen: mich gewundert.

Erstens: „Du liest Zeitung“

Das verraten Anzeigen fürs Hamburger Abendblatt und einen Podcast der FAZ.

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Zweitens: „Du hast zu viel Geld“

… am besten, Du gibst es schnell für unnütze, aber dafür teure Dinge aus! Zum Beispiel für teure Pullover, teure Holzfiguren, einen Tag im Flugsimulator, für Designer-Möbel, winterliche Zugreisen in die Schweiz – oder eine Kreuzfahrt in die Antarktis.

Drittens: „Du spielst Gitarre und hörst klassische Musik“

Das verraten Anzeigen für irgendwelche Streichkonzerte bei Kerzenlicht – und für dieses experimentelle Werkzeug, mit dem man ganz normal mit den Fingern greifen und dennoch Slide-Gitarre spielen kann. Genial!

Viertens: „Du magst Kunst – hast aber gar keine Ahnung davon

Das verraten Ausstellungshinweise (aus Hamburg), Anzeigen für (Obacht!) einen Online-Kurs, der Unwissenden innerhalb weniger Stunden einen Überblick über die gesamte Kunstgeschichte verspricht, für teure Kunstdrucke – und für die gar nicht mal so uninteressanten Bilder einer Malerin, die Frauen aus einer Linie zeichnet.

Fünftens: „Du hast zu wenig Geld“

Such Dir gefälligst Arbeit! Zum Beispiel als Nachhilfelehrer – oder (hier wird’s sehr konkret) als Baggerfahrer im Sielbau irgendwo im Lauenburgischen.

Sechstens: „Du hast ein gutes Herz – aber das Herz blutet“

So spricht der Spendenaufruf für ein SOS-Kinderdorf, die emotionale Familien-Kampagne eines finnischen Handy-Herstellers – und ein Therapieangebot für Traumatisierte. Vielleicht habe ich ein Trauma oder zwei. Gut möglich.

Siebtens: „Du ernährst Dich gesund und genussfreudig

Das sagen die Anzeigen für veganes Essen, Edeka – und nicht ganz billige Weingläser.

Achtens: „Du machst was mit Schreiben und Psychologie – und hast keine Ahnung, wie’s weitergeht“

Dies flüstert eine Anzeige für einen Kurs im Kinderbücherschreiben – und das schmeichelhafte Angebot, mich für das Masterprogramm in Neurowissenschaften am King’s College in London einzuschreiben.

Viele offene Fragen.

Bin ich all das wirklich?

Welche Anzeigen sind es bei Euch?

Wie gut fühlt Ihr Euch gesehen?

Und noch wichtiger: Bei welchen Anzeigen denkt ihr: „Das muss ich unbedingt ausprobieren?“ Mir ist das erst einmal passiert. Und das ist eigentlich zu wenig für all den Aufwand.

Aber tatsächlich hätt‘ ich mir neulich beinahe was gekauft.