bookmark_borderWas ist Doomscrolling?

Seit einigen Wochen wird meine Partnerin von diversen Journalisten-KollegInnen kontaktiert. Alle wollen wissen, was es mit diesem „Doomscrolling“ auf sich hat.

Das Bild oben habe ich selbst gemacht. Es ist natürlich selbstironisch gemeint. Es transportiert alles, was „Doomscrolling“ meint: Man kann nicht aufhören, Social-Media-Inhalte in sich reinzufressen. Und zwar solche, die einem versichern, dass die Welt jetzt endgültig im Arsch ist. Man reagiert womöglich mit Entsetzen.

Wie lange gibt es den Begriff schon? Bei derlei Fragen konsultiere ich stets Google Trends. Dort kann man sehen, wann und wo ein Begriff wie häufig bei Google nachgefragt wurde. Tolles Werkzeug! Hier die entsprechende Grafik zum Thema Doomscrolling (bezogen auf die USA):

Die Grafik besagt: Die Leute in Amerika haben erst ab dem 12. April angefangen, „doomscrolling“ zu googeln. Es handelt sich also um einen Begriff, der erst mit der Pandemie in die Alltagssprache gekommen ist. Für Deutschland gibt es für den April übrigens zu wenige Einträge, um daraus überhaupt eine Grafik bauen zu können. Soll also keiner behaupten: „Wir in Berlin sagen das schon seit Weihnachten.“

Nach und nach sind jedenfalls diverse Artikel erschienen, in denen Nicki ihren Senf zu diesem Tun abgeben durfte. Erst kam was von Fastcompany, dann von Wired. Andere Medien haben auch schon angerufen, aber noch nix veröffentlicht. Die Zitate tauchen jedenfalls jetzt überall im Netz auf. Man schreibt sie einfach ab. Auf Französisch, auf Chinesisch, auf Spanisch. Schon interessant, wie Informationen so durchs Netz wandern.

Fastcompany und Wired machen einen guten Job. Manche der anderen Artikel scheinen mir folgendermaßen zu entstehen: Eine Maschine übersetzt die Arbeit anderer aus dem Englischen in irgendeine andere Sprache. Eine andere Maschine übersetzt sie wieder zurück. So wird aus guten Sätzen ein Haufen Unsinn – und aus der „School of Information“ auf einmal das „College of Files“. Man kichert.

Interessant auch, dass von den KollegInnen kaum wer fragt, ob es Doomscrolling überhaupt gibt. Ist das ein Massenphänomen? Das setzen alle voraus. Es läuft ein bisschen wie früher beim ontologischen Gottesbeweis. Der ging so: Dass wir von Gott reden können, dass wir einen Begriff von ihm haben, beweist, dass es ihn auch geben muss. Wir wissen natürlich längst, dass der ontologische Gottesbeweis Käse ist. Man kann ja auch von einem fliegenden Einhorn reden, ohne dass es fliegende Einhörner gibt. Der ontologische Doomscrolling-Beweis ist genau so Käse. Trotzdem kommt man noch immer damit durch.

Ob Doomscrolling ein Massenphänomen ist, das weiß heute, wenn ich das richtig sehe, kein Mensch. Es gibt keine ordentlichen Studien dazu. Und falls doch, dann habe ich sie nicht gefunden. Alles was wir dazu haben, sind Meinungen. „Educated guesses“, wie die Amerikaner sagen.

Warum doomscrollen wir überhaupt? Meine Lieblingserklärung: Es läuft ein bisschen wie früher im Krieg. Man liest Zeitung, hört Radio – aber man quatscht halt auch über den Gartenzaun mit den Nachbarn. Dort werden anderen Dinge verbreitet. Gerüchte, manche davon wahr, andere unwahr, wieder andere: irgendwo dazwischen. Das sind wichtige Informationen. Kleine Steinchen, mit denen man – im Zusammenspiel mit all den anderen Informations-Trümmern – ein irgendwie passendes Mosaik erstellen kann.

Genau das machen wir vermutlich auch beim Doomscrolling. Es handelt sich um eine Art der kollektiven Weltdeutung. Collective sense-making. Dieses Verhalten wird besonders wichtig in Zeiten, in denen man zum einen nicht weiß, was Sache ist und der es zum anderen um eine Menge geht – womöglich um die eigene Existenz. Weiß man auch schon aus der Psychologie des Gerüchts. Das war schon immer so – schon vor Facebook und Twitter.

Naja. Wenn ich das richtig sehe, ist Doomscrolling nicht mehr als ein Buzzword, ein Modewort, über das man jetzt für ne Weile reden kann. Manchmal hört man so was und denkt: Darüber werden die jungen Leute bald ihre Doktorarbeiten schreiben. Beim Doomscrolling würde ich darauf aber keine großen Summen verwetten.

Aber.

Ich liege bei solchen Dingen oft falsch. Also: Mal abwarten. Und im Juli 2021 wieder danach googeln.

Nicki sagt zu all dem: „Wenn Du das so schreibst, verpasst Du die Chance, etwas Interessantes zu erklären. Doomscrolling ist ein Begriff, der irgendwie hängen bleibt. Das stimmt. Aber warum tut er das? Weil er uns neugierig macht. Er spricht etwas an, womit viele Leute was anfangen können. Das Gefühl, MEHR wissen zu wollen. Unzufrieden zu sein mit den Informationen, die man uns füttert. Aber der Begriff ist zu flach und zu billig. Weil es sich eigentlich um ein ganzes Gewebe von Abläufen und Phänomenen handelt. Das Wort „Doomscrolling“ aber tut so, als sei da nur ein einziger Faden.“

Hm. Vielleicht wird’s in Zukunft doch Dissertationen zu diesem Thema geben … 

bookmark_borderLangweilige Lebensbilder

In den sozialen Medien teilen Menschen dieser Tage Schwarzweißbilder ihres Alltags. Spannend. Meine Bilder sind dagegen langweilig – genau so wie weite Teile meines Lebens. Auf Facebook heißt es: Keine Erklärung zu den Bildern. Das geht natürlich nicht. Ich bin ein Mann des Wortes. Oben also: Jochen arbeitet an einem neuen Projekt und verzweifelt daran.

Buddha sagt: Alles ist eins. Geschirr benutzen, Geschirr abwaschen, Geschirr wegräumen, Geschirr benutzen usw.

Buddha sagt … ach, hatten wir schon. Also: Oben der Topf, unten die Schüssel. Alles ist eins.

Aber sauber muss alles sein!

Apropos. Heute hatte ich doch glatte DREI Diskussionen darüber, wer eigentlich die bekanntesten Deutschen sind. Mit meinem Sohn zusammen getippt: Beethoven, Goethe, Hitler (sorry).

Dann zwei Mal bei Leuten aus Michigan nachgefragt. Sie sagen ALLE erstmal Hitler. Unglaublich, eigentlich. Dann kommen nach einigem Nachdenken: Beethoven und Goethe, der für Amerikaner aber schwer auszusprechen ist.

Außerdem hörte ich: Bach, Gutenberg, Wernher von Braun – und Friedrich der Große. Und Angela Merkel. Und Hermann Hesse. Und auf Nachfragen kriegt man auch noch ein Nicken für Thomas Mann. Aber nur, weil man es in Ann Arbor mit verdammten Intellektuellen zu tun hat. Schon Bismarck kennt keine Sau. Auch Schiller nicht. Freud kennen alle. Aber: Österreicher.

Also jetzt. Für Beethoven: das Klavier.

Und weil mit Bach ein zweiter Komponist genannt wurde, schmeiß ich auch noch die Gitarre mir rein.

Außerdem. Die USA sind ein gespaltenes Land. Der gelehrte Richard Florida hat kürzlich gesagt: Wir Amerikaner müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr miteinander reden können. Dass wir über uns viele Dinge niemals werden einigen können. Wir können uns nur darüber einigen, wie man Schlaglöcher repariert. „There’s no republican or democratic way to pave the roads.“ Heißt: Auf lokaler Ebene kann man praktisch nicht unterscheiden, zu welcher Partei ein Bürgermeister eigentlich gehört. Die Erfahrung hab ich in Deutschland auch gemacht. Erst auf Staatsebene laufen die Meinungen so richtig auseinander. Deshalb sollte man mehr Macht von der Zentralregierung abziehen und an die Kommunen, Kreise, Bundesländer geben. Keine Ahnung, ob das so komplett bis zum Ende durchgedacht ist. Aber interessant ist es doch.

Einstweilen leben die Leute halt zusammen wie Hund … 

… und Katze.

Am Morgen trinkt man seinen Kaffee … 

… spät am Abend putzt man sich die Zähne.

Und so wird aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Alles ist eins. Sagt Buddha.

bookmark_borderSchamlose Eigenwerbung

Heute ist – nach etwa einem Monat Pause – mal wieder Zeit für schamlose Eigenwerbung. Diese Woche erscheint die August-Ausgabe von Psychologie Heute. Darin findet sich auch mein Porträt der Psychologin Kate Sweeny von der UC Riverside (acht Seiten).

„Der Verkehr in Südkalifornien ist der blanke Irrsinn. So ist es auch an diesem Tag, wenige Wochen bevor Corona die Straßen leerfegen wird. Auf den sechs Spuren der State Route 60 wälzt sich Wagen an Wagen aus Los Angeles hinaus ins Landesinnere. Doch dann, nur wenige hundert Meter nach der Abfahrt 32 A lande ich jäh in einer friedlichen Gegenwelt. Die renommierte University of California, Riverside ist eine Art Wohlfühlpark der Gelehrsamkeit. Mit hübschen Grünanlagen, vorzeigbaren Restaurants und freundlichem Auskunftspersonal an den Parkplätzen.“

Genau dort – in der Nähe von Los Angeles – habe ich Kate Sweeny besucht und dann später auch ihren Vortrag auf der SPSP-Konferenz in New Orleans gehört.

Kate ist ziemlich cool, eine sehr sympathische Zeitgenossin. Man freut sich für ihren Erfolg. Sie hat sich schon als junge Professorin ihr eigenes Forschungsfeld erschlossen. Kate erforscht nämlich, was mit unserem Innenleben passiert, wenn wir auf potentiell miese Nachrichten warten müssen. „Warten unter Unsicherheit“ nennt sich das. Etwa, wenn der Befund einer Krebsdiagnose ansteht, ein Examensergebnis, die Rückmeldung nach einem Vorstellungsgespräch und dergleichen. Ich möchte den Artikeln allen empfehlen, die so etwas gerade umtreibt (oder die jemanden kennen, der gerade in so einer Lage steckt). Kate hat nämlich ein paar Dinge gefunden, die einem das Warten erleichtern – oder zumindest dann später das Verarbeiten der Nachricht selbst.

Man kann das Heft natürlich ganz traditionell am Kiosk oder per Abo kaufen. Die einzelne Geschichte gibt’s aber auch hier im Internet – allerdings nur den Anfang, der Rest steht hinter einer Bezahlschranke.

Kleiner Fun Fact noch: Bei den Psychologen an der UC Riverside ist es üblich, gemeinsam eine gute Flasche zu köpfen, wenn jemand seine Promotion abgeschlossen hat. Dann unterschreiben alle und das Ding landet in der Fakultätsbibliothek als Andenken. Süß, oder?

Außerdem hab ich erfahren, dass in der Juli-Ausgabe von Readers Digest eine Geschichte über Chronobiologie von mir erschienen ist. Auch hier derselbe Trick: Im Netz gibt’s nur einen Anschmecker. Die ganze Geschichte steht dann im Magazin, das man für Geld kaufen muss.

Was noch? Ach ja. Dieser Tage habe ich zusammen mit der großartigen Christiane Loell von P.M. Fragen&Antworten ein paar Folgen für den P.M.-Podcast „Schneller schlau“ aufgenommen. Dabei ging’s um medizinische und psychologische Fragen. Hat großen Spaß gemacht. Wann genau die Folgen live gehen, weiß ich nicht so genau. Ist aber auch egal. Ich würde jetzt schonmal reinklicken. Die Podcastreihe lohnt sich: Jede Folge dauert nur ein paar Minuten und man wird garantiert nicht dümmer davon.

bookmark_border„Meine Leidenschaft für Stil und mein Erfolg sind untrennbar miteinander verwoben“

Ich habe heute in einem interessanten Buch herumgelesen. Eigentlich wollte ich ein Quiz daraus machen. Nach dem Motto: „Wer hat’s geschrieben?“ Aber, naja, mit dem Bild hab ich die Sache ja irgendwie schon ausgeplaudert. Trotzdem, nur so zum Spaß: Hättet Ihr den Autor erkannt?

„Ich habe mich auf meine Leidenschaft konzentriert, und das hat mir viel Geld beschert.“

„Wenn Sie im Leben große Dinge schaffen wollen, brauchen Sie monumentale Begeisterung und Leidenschaft.“

„Ohne Leidenschaft hat das Leben keinen Glanz. Die Leidenschaft gibt Ihnen die innere Kraft, die Sie brauchen, um niemals aufzugeben.“

„Leidenschaft ist wichtiger als Intelligenz und Talent.“

„Meine Leidenschaft für Stil und mein Erfolg sind untrennbar miteinander verwoben.“

Ich weiß nicht, wie’s Euch geht – aber für mich waren da schon ein paar gute Lacher dabei. All diese Zitate stammen aus dem Buch „Nicht kleckern, klotzen! Der Wegweiser zum Erfolg aus der Feder eines Milliardärs“ von Donald Trump höchstselbst. Im Englischen trägt das Buch übrigens den ungleich kraftvolleren Titel „Think Big and Kick Ass“ – groß denken und allen in den Hintern treten.

Mich hat all dieses Gerede von Leidenschaft jedenfalls hellhörig gemacht. Vor zehn Jahren habe ich für Psychologie Heute eine große Geschichte über Leidenschaft geschrieben. Genauer: Über die Forschung des kanadischen Psychologen Robert Vallerand, den ich auf einer Forschungskonferenz in Philadelphia getroffen hatte.

Vallerand erforscht jedenfalls seit Jahrzehnten Menschen, die mit Leidenschaft ihrer Tätigkeit nachgehen. Sportler, Künstler, Musiker, Tänzer – also Leute, die wie bekloppt ackern müssen, um machen zu können, was sie eben so machen.

Wenn eine Krankheit oder eine Verletzung sie aus ihrer Routine wirft, dann kann man bei diesen Leuten zweierlei beobachten. Manche kurieren die Sache aus und warten, bis sie wieder fit sind. Dann geht das Training weiter. Andere jedoch fangen zu früh wieder an. Die Verletzung bleibt, sie wird chronisch. Vallerand kann durch seine Fragebögen zeigen, dass diese beiden Verhaltensmuster mit unterschiedlichen Formen der Passion einhergehen. Vallerand unterscheidet in „harmonische Leidenschaft“ und „obsessive Leidenschaft“. Beide führen zum Erfolg. Die besessene Variante macht die Leute aber tendenziell kaputt.

Warum entwickelt man die eine oder andere Form von Leidenschaft? Vallerand sagt: Ganz am Anfang, wenn man Feuer fängt, liegt das entweder daran, dass die Tätigkeit selbst einen gefangen nimmt. Oder daran, dass andere Leute klatschen, dass man Preise bekommt, Pokale und Urkunden. Die besessene Leidenschaft findet Vallerand fast immer bei Leuten, die den Applaus brauchen und die Bewunderung von außen.

Die USA haben die schlimmsten Covid-19-Zahlen der Welt. Denn viele Staaten haben den Laden viel zu früh wieder aufgemacht – getrieben von einem extrem ungeduldigen Präsidenten.

Da hat jemand dafür gesorgt, dass das Land sozusagen zu früh wieder mit dem Training angefangen hat.

Man soll sich ja mit Ferndiagnosen zurückhalten. Aber für mich sieht das alles schwer nach „obsessiver Leidenschaft“ aus. Und zwar nicht nach „Leidenschaft für Stil“ – sondern für die Bewunderung von außen. Koste es, was es wolle.

„Leidenschaft ist wichtiger als Talent und Intelligenz.“ Da möchte man ausnahmsweise mal nicht widersprechen.

bookmark_borderEndlich bewiesen: „Nicht alle Mercedes-Fahrer sind Arschlöcher“ … und andere Studien

Für meinen Job lese ich jeden Tag wissenschaftliche Studien. Manchmal guck ich mir auch an, was Wissenschaftler einander in den Sozialen Medien so zuspielen. Heute zum Beispiel haben ein paar Psychologen auf Facebook eine Diskussion über den lustigsten wissenschaftlichen Aufsatz der vergangenen Jahre angezettelt.

Dieser Debatte verdanke ich Einsicht in eine bemerkenswerte Untersuchung der Universität Helsinki. Dort hat man tatsächlich herausgefunden, dass nicht alle Mercedes-Fahrer Arschlöcher sind. Die Studie trägt den schmissigen Titel „Not only assholes drive Mercedes. Besides disagreeable men, also conscientious people drive high‐status cars“. Die Forscher haben dafür die Persönlichkeit von mehr als 1800 finnischen Autobesitzern vermessen. Tatsächlich ist – wie man intuitiv schon ahnen konnte – die Arschloch-Dichte bei großen Autos besonders hoch. Man findet aber auch viele sehr gewissenhafte Leute unter den Fahrern von Luxusmarken („gewissenhaft“ heißt: sowohl fleißig als auch ordentlich). Dass Leute mit dicken Autos besonders rücksichtslos fahren, so die Forscher, liegt also nicht daran, dass Geld den Charakter verdirbt. Es ist eher so, dass rücksichtslose Leute sowohl rücksichtslos fahren, als auch gerne hinter dem Steuer großer Autos sitzen, weil sie eben gerne mit ihrem Reichtum prahlen (auch wenn sie womöglich gar nicht reich sind). Ein Glück, dass wir das endlich mal geklärt haben.

Ebenfalls aus Skandinavien stammt ein Aufsatz aus dem Jahr 2015, der seinen Humor aus ähnlichen Scherz-Regionen bezieht. Zwei Biologen der norwegischen Universität Bergen gehen darin der Frage nach, warum sich im Laufe der Evolution überhaupt Arschlöcher entwickelt haben. Und zwar nicht im metaphorischen Sinne. Ihr Aufsatz, veröffentlicht im „Zoologischen Anzeiger“, trägt den die verspielte Überschrift „Getting to the bottom of anal evolution“. Die Sache scheint allerdings kompliziert zu sein. „Die evolutionären Ursprünge des Enddarms mit Analöffnung bleibt unklar“, konstatieren die Autoren mit fühlbar resigniertem Unterton. Aus der Richtung ist also noch mit einigen Überraschungen zu rechnen.

Bereits im Jahre 2011 haben Forscher aus Kalifornien ein Paper über die chemischen Prozesse auf dem Planeten Uranus publiziert. Klingt harmlos. Dass die Wortwahl in der Überschrift – zumindest phonetisch – einen Aufsatz über die Entstehung von Flatulenzen nahelegt, dürfte jedoch kaum ein Zufall sein:Chemical processes in the deep interior of Uranus“. Bei diesen Wissenschaftlern scheint immer noch Zeit für den einen oder anderen präpubertären Scherz zu sein!

Genug jetzt mit Pippikacka-Wortspielen (obwohl es noch einige zu zitieren gäbe). Zwei lustige Studien hab ich aber noch (für heute). Die erste befasst sich – warum auch immer – mit der Intelligenz und Handkraft von orthopädischen Chirurgen und Anästhesisten. Der Titel heißt übersetzt: „Orthopädische Chirurgen – stark wie ein Ochse und fast doppelt so schlau?“ – auf so was kommen nur die Briten. Das Ergebnis der Studie: Die untersuchten Chirurgen waren im Durchschnitt nicht nur intelligenter, sondern auch stärker als die Anästhesisten. Kein Grund zum Feiern für die Weißkittel mit dem Skalpell. Denn insgesamt, so heißt es im Aufsatz, waren „die Intelligenzwerte niedriger als man das bei Profis aus der Medizin hätte erwarten können“.

Das letzte Paper hat schon locker 15 Jahre auf dem Buckel, ist aber immer noch toll. Die Autoren haben sich die Mühe gemacht, Überschriften aus biomedizinischen Fachartikeln auf literarische Wortspiele hin zu überprüfen. Die Suche hat unglaubliche 1400 Shakespeare-Zitate zutage gefördert! Auch Bibelzitate waren beliebt, ebenso kluge Worte von Lewis Carroll und Hans Christian Andersen. „Ob man damit Leser gewinnt oder häufiger zitiert wird, ist unklar, es gibt gewiss bessere Wege, auf sich aufmerksam zu machen“, rügt der Aufsatz.

Gar so streng will ich nicht sein. Mediziner sind auch nur Menschen. Und Menschen mögen Bücher. Und Witze. Man soll ihnen die Wortspiele lassen. Damit Leute wie wir sie lesen und sammeln können. Amen.

bookmark_borderWie Detroit seine Bürger überwacht – und die Frage: Will man das?

Dieser Tage habe ich zum ersten Mal von einer heftigen, fast chinesischen Überwachungsmethode gehört, mit der die Polizei in Detroit arbeitet – allerdings in einer knallhart kapitalistischen Variante. Die Sache nennt sich „Project Green Light“ und funktioniert so: Als Ladenbesitzer (aber auch: als Schule, Kirche) kauft man sich für 4000 bis 6000 Dollar ein System von Überwachungskameras, dazu kommt ein amtliches grünes Alarmlicht. Das Ding blinkt rund um die Uhr (kein Spaß für die Nachbarn). Jeder kann also sehen: Aha, hier sind Kameras installiert. Die Bilder der Kameras gehen live zur Polizeistation. Dort sieht das Ganze dann so aus:

Derzeit sind knapp 600 solcher Systeme überall in der Stadt installiert.

Es gibt eine offizielle Landkarte, auf der jedes Green-Light-System eingetragen ist.

Die Polizei arbeitet parallel mit einer Gesichtserkennungs-Software, um bei etwaigen Verbrechen sehen zu können, wer die Tat begangen hat. So zumindest die Idee dahinter. Klingt nach einer Überwachung im chinesischen Stil. Allerdings mit dem Twist, dass Firmen und Ladenbesitzer dafür bezahlen. Die Sache ist ein Geschäftsmodell. Den zusätzlichen Schutz durch die Polizei gibt’s nur für diejenigen, die ihn sich leisten können. Man ist bei der (staatlichen) Polizei sozusagen privatversichert. Wär das in Deutschland denkbar? Glaub ich nicht. Aber vielleicht hab ich auch zu wenig Ahnung davon.

Die Technologie der Gesichtserkennung ist ziemlich umstritten. Sie funktioniert nicht besonders gut. Und sie ist rassistisch. Bei Afro-Amerikanern ist die Fehlerrate je nach Algorithmus z.T. 100 Mal höher als bei weißen Gesichtern. Das zumindest ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der US-Regierung. Eigentlich unglaublich, dass man so eine Technologie trotzdem schon im Einsatz hat – vor allem in einer Stadt wie Detroit, in der mehr als 80 Prozent der Einwohner Afro-Amerikaner sind.

Dass die Technologie so fehlerhaft ist, hat vielerlei Gründe. Einer davon: Künstliche Intelligenz ist nur so gut wie die Datensätze, an denen sie trainiert wurde. Wenn man vornehmlich weiße Gesichter in den Trainingsdaten hat, sehen Gesichter mit dunkler Hautfarbe für den Computer sozusagen „alle gleich aus“. Ähnliche Effekte gibt es überall, wo man mit Künstlicher Intelligenz arbeitet. Es ist eines der großen Probleme der Technologie.

Prof. Christian Sandvig von der University of Michigan hat vor einigen Tagen ein Youtube-Video dazu hochgeladen, das er mit der Bürgerrechtlerin Tawana Petty geführt hat. Ich habe das Interview unten verlinkt. Tawana sagt darin: „Am Ende können Leute eingesperrt werden für Verbrechen, die sie nicht begangen haben.“ Sie spricht sogar von „Massenverhaftungen“ Unschuldiger.

Tawana Petty sagt: In einer Stadt in der das mittlere Einkommen bei 27.000 Dollar pro Jahr liegt, senkt man die Kriminalitätsrate, in dem man für bessere Lebensbedingungen und bessere Nachbarschaften sorgt – und nicht, in dem man öffentliche Mittel für noch mehr Überwachung ausgibt.

Eine andere Frage lautet: Hat sich die Sache überhaupt auf das Verbrechen in der Stadt ausgewirkt? Tja. Geht so. Das Projekt läuft seit 2016. Angeblich werden seither weniger Autos geknackt. Einige Ladenbesitzer behaupten, dass sie durch die Kameras mehr Kunden haben und die Leute sich bei ihnen „sicherer“ fühlen (z.B. in den Kommentaren hier). Für den Bürgermeister ist die Sache ein Erfolg. Er träumt davon, die Zahl der Kameras auf 1000 auszuweiten.

Die Sache steht – nüchtern betrachtet – auf sehr wackeligen Füßen. Als Gast aus Deutschland frage ich mich ja bei fast allem hier: Will man das auch bei uns haben? In diesem Fall glaube ich: Man will das bei uns eher nicht haben.

bookmark_borderProbleme, Probleme – ist es „too much“ oder „too many“?

An einem Badesee in der Nähe gewesen. Wollte ausprobieren, wie bescheuert die Kombination aus Maske, Hut und Taucherbrille aussieht. Antwort: sehr bescheuert.

Vor der Liegewiese stand das obligatorische Hinweisschild zu Corona.

Und um ein Haar hätte ich das kleine Juwel unten in der Ecke verpasst. Die Scherzkekse von der Kreisverwaltung haben doch tatsächlich „Disco Dance“ mit auf die Verbotsliste gesetzt. Humor haben sie manchmal, diese Amerikaner!

Ansonsten über das Phänomen der Überforderung nachgedacht. Die Momente, in denen einem – oft sehr plötzlich – „alles zu viel“ wird.

Im Englischen gibt es dafür zwei Formulierungen. Es ist „too much“ oder „too many“. „Too much“: All das Holz, das der Sturm von den Bäumen geschmissen hat. „Too many“: All die Äste, die jetzt auf dem Waldboden liegen. „Too many“ kann man zählen, „too much“ kann man höchstens messen.

Mir ist irgendwann aufgefallen, dass Überforderung oft nicht daher kommt, dass die Probleme zu schwer zu lösen wären. Sondern daran, dass es zu viele sind, die einem gleichzeitig auf die Pelle rücken. Acht verschiedene Probleme gleichzeitig sind praktisch für jeden ein Knockout. Man fängt dann an durchzudrehen und die Leute in seinem Umfeld zu nerven.

Die Kinder hier scheinen das zu wissen. Sie haben die Äste im Wald zu kleinen Hütten gebündelt. Schon sieht das Chaos irgendwie geordnet aus, obwohl noch genau so viel Holz Bodenkontakt hat.

Und hier. Der Wald ist gerade voll mit diesen Gebäuden. Zwei Fotos genügen. Sie sehen alle gleich aus.

Warum ist das alles so? Im Studium hab ich noch gelernt, dass man nur sieben Elemente in seinem Arbeitsgedächtnis behalten kann. Bei ganz wenigen Leuten sind es neun, bei einigen nur fünf. Mit sieben kommt man aber ganz gut hin. Die Sache lässt sich kaum oder gar nicht trainieren. Man muss also damit leben.

Vor einiger Zeit habe ich eine Geschichte für Brand Eins gemacht und zur Vorbereitung das extrem spannende Buch „Scalable Innovation“ von Eugene Shteyn und Max Shtein gelesen. Darin finde ich folgende Passage:

„Neue Analysen zeigen jedoch, dass 7 ± 2 die Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses überschätzt. Wenn man gebündelte Blöcke untersucht, können Erwachsene nur drei bis vier Einheiten speichern“

Shteyn/Shtein: Scalable Innovation

Möglich also, dass in Wahrheit schon fünf Probleme „too many“ sind.

Mein Tipp an mich selber (und alle, die’s interessiert) lautet also: Bei einer gefühlten Überforderung erstmal durchatmen und zwei der Themen verschieben. „Sorry, Jungs, aber das müssen wir morgen regeln.“ Und dann mal gucken, was passiert. Bei mir passiert: oftmals eine schnelle Beruhigung. Hab ich auch bei anderen schon beobachtet. Probleme sind häufiger „too many“, als man glaubt.

Am Abend haben wir übrigens „Dungeons & Dragons“ gespielt. Hat Spaß gemacht, ich kann das empfehlen – zumindest, wenn man einen tüchtigen „Dungeon Master“ am Start hat. Das war bei uns der Fall. Der junge Mann wird bald 13. Kein schlechtes Alter.

bookmark_borderDie Amygdala ist schuld, manchmal

Nachrichten geguckt. Alles geht um Rassismus und Polizeigewalt. Natürlich. Sie zeigen auch ein paar Videos von Afroamerikanern, die eine Begegnung mit der Ordnungshut nicht überleben.

Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich für P.M. ein Interview mit Prof. Robert Sapolsky geführt, einem Neurowissenschaftler aus Stanford.

Dabei ging es auch um Polizeigewalt und die Rolle des Gehirns. Spoiler-Alert: Manchmal ist die Amygdala an allem schuld. Hier ein Auszug aus dem Transkript, ohne Bearbeitung.

JM: In unserer visuellen Wahrnehmung spielt die Amygdala eine interessante und manchmal folgenreiche Rolle. Bevor unsere Hirnrinde diese Informationen verarbeitet hat, landet eine sehr grobe Kopie in unserer Amygdala. Sie schlägt innerhalb von Millisekunden Alarm, wenn uns zum Beispiel ein Mensch begegnet, der eine andere Hautfarbe hat als wir.

RS: Ja, hier haben wir einen der stärksten Beweise für die Vorstellung, dass eine Vielzahl unserer Entscheidungen, auch unserer moralischen Entscheidungen, in viel stärkerem Maße von Emotionen geleitet sind, als wir das gerne hätten. Anders gesagt: Es sind oftmals Gehirnareale wie die Amygdala, die unsere Entscheidungen treffen. Und die rationaleren Teile unseres Gehirns liefern danach nur noch eine vernünftig klingende Begründung. Emotional entscheiden wir in Sekundenbruchteilen. Die Begründung kommt später. Und die Daten aus der Neurobiologie passen wunderbar zu dieser Hypothese. Wenn wir uns jetzt diese konkrete Geschichte ansehen: Ja, die Amygdala bekommt einen sehr privilegierte Zugang zu unseren sinnlichen Informationen. Sie bekommt eine grobe Information über Reize, die Emotionen auslösen. Und zwar deutlich schneller als unser Kortex diese Daten verarbeiten kann. Wir reden hier über 100 bis 200 Millisekunden, was ein wahnsinnig kurzer Zeitraum ist. Und das ermöglicht sehr, sehr schnelle Entscheidungen, die auf sehr ungenauen Daten beruhen, weil, naja, der Kortex halt viel besser darin ist, akkurat zu arbeiten als die Amygdala. Und dann hat man plötzlich diese ganzen Geschichten, wo die Polizisten sich auf einmal sicher sind, dass der Typ, der gerade in die Tasche greift, um seinen Ausweis hervorzukramen, eigentlich eine Waffe ziehen will. Und dann, 40 Pistolenschüsse später, zeigt sich, dass er gar keine Waffe bei sich hatte. Und wir wissen heute, dass solche Missverständnisse in unglaublich starkem Maße etwas damit zu tun haben, welche Person da eigentlich nach seiner Brieftasche greift. Interessanterweise arbeite ich gerade mit einem pensionierten Polizeibeamten, der sich über dieses Phänomen große Sorgen macht und über das Ausmaß, in dem Polizeischulung solche Zwischenfälle praktisch unvermeidlich macht. Er zeigt mir dabei verschiedene Dashcam-Videos, also von Kameras, die an der Windschutzscheibe eines Streifenwagens angebracht sind und die dort alles filmen. Einige dieser Schießereien, oh, mein Gott, wissen Sie, ich bin einfach nur ein Professor, der an seinem Schreibtisch sitzt und Bücher liest. Aber das Schockierendste ist, wenn er sagt, guck dir einfach mal die Sekundenanzeige auf dem Bildschirm an. Und dann stellst du fest, dass die ganze Sache innerhalb von 1,3 Sekunden abgeht. Solche Sachen, wo du sehen kannst, dass der Polizist nach 0,7 Sekunden seine Waffe im Anschlag hat. Das ist genau das Königreich, in dem die Amygdala die vielleicht wunderbarste Sache der Welt ist, weil sie dir die Chance gibt, mit einem wahnsinnig schnellen Sprung dem Biss einer Giftschlange zu entkommen. Aber es ist ein Desaster in einer Welt, in der die Leute Knarren haben und entscheiden müssen, ob sie abdrücken oder nicht.

JM. Kann man Leuten beibringen, ihrer Amygdala zu misstrauen? Was tun wir da?

RS: Darum geht’s im letzten Kapitel meines Buches („Gewalt und Mitgefühl„, JM). Wie schafft man es, die Leute zu mehr Zusammenarbeit zu bringen? Inklusiv, zusammengehörig – und weniger aggressiv, fremdenfeindlich, ausschließend? Wenn jemand gezwungen ist, in der Nähe von jemandem zu leben oder zu arbeiten, der zu einer Fremdgruppe gehört, und selbst wenn man von Kindesbeinen an darauf konditioniert wurde, von „denen“ als „die anderen“ zu denken, dann entwickeln sich innerhalb von Wochen neue Einstellung gegenüber „denen“. Manchmal dauert es auch länger. Die kleinste Fassung dieser Geschichte lautet: Ich hasse sie. Aber ja, dieser eine Typ, der ist in Ordnung. All diese Geschichten benötigen eine Amygdala, die weniger reaktiv geworden ist.

JM: Eine meiner Lieblingsstorys ist die, wo man die Leute tippen lässt, was vermutlich das Lieblingsgemüse des anderen ist. 

RS: Ja, die Brokkoli-Studie. Das ist eine ganz erstaunliche Arbeit. Diese einfache Frage zwingt dich dazu, über den anderen als Individuum nachzudenken und seine Perspektive einzunehmen. Und schon hört die Amygdala auf, diesen Menschen als Mitglied einer Fremdgruppe zu sehen. Und da kann man sehen, dass wir als Menschen die bemerkenswerte Fähigkeit haben, unsere Neurobiologie und auch unser Verhalten zu ändern. Wenn es um die Geschwindigkeit geht, in der sich diese Dinge vollziehen, ist die Brokkoli-Studie wahnsinnig faszinieren. 

bookmark_border„Was machen Sie eigentlich beruflich?“

Kürzlich hat mich jemand sorgenvoll gefragt, was ich eigentlich beruflich mache. Die Frage ist berechtigt. Seit dem Beginn der Corona-Krise spende ich 15 bis 20 Prozent meiner Arbeitszeit, um diesen Blog zu schreiben („eigentlich“ sagt man „das Blog“, aber ich kann das nicht). Der ganze Rest nimmt also deutlich mehr Zeit ein – ist aber weniger sichtbar. Heute also drei aktuelle Antworten. Vielleicht inspiriert es ja jemanden, die entsprechenden Druckerzeugnisse zu erwerben, das würde mich freuen.

Da ist erstens die Psychologie Heute. Das Blatt ist immer noch eine Instanz. Mit dem Juli-Heft erscheint dort am kommenden Mittwoch „Siri, was stimmt nicht mit mir?“, eine Geschichte, auf die ich einigermaßen stolz bin. Ich musste mehrere Forschungs-Konferenzen besuchen (etwa die CSCW in Austin/Texas), um sie kapieren und schreiben zu können. Dies ist das Heft dazu:

Es geht im Kern um die Arbeit von Munmun De Choudhury, eine Informatikerin von der Georgia Tech. Munmun guckt sich an, was wir z.B. auf Twitter oder Facebook von uns geben. Ihr Computer kann aus diesen Daten dann ablesen, wie es unserer Psyche geht und ob wir womöglich Hilfe brauchen. Sie sieht unsere Krisen, bevor wir sie sehen. Manchmal: Monate vor uns. Ein Hammer, oder?

Munmun und ihre Kollegen, die an ähnlichen Projekten sitzen, analysieren zum Beispiel subtile Sprachmuster, aber auch die Bewegungsdaten unseres iPhones oder die Grautöne der Bilder, die wir posten. All das verrät etwas über uns. Der Text beginnt mit einem ähnlichen Gedanken, wie ich ihn hier gestern geäußert habe:

Man braucht keinen Zeitungsverleger mehr, um seine Ideen zu veröffentlichen. Auf Facebook, Twitter, Instagram, da geht das ganz leicht und deshalb machen es auch viele. (…) Wir gehen über die Straßen der digitalen Welt wie über frisch gegossenen Beton. Er härtet aus; un­sere Fußspuren bleiben sichtbar für lange Zeit. Und vielleicht noch deutlicher als einst bei Adenauer kann jeder erkennen, wie wir ticken, obwohl man uns gar nicht kennt.

„Siri, was stimmt mit mir nicht?“, Psychologie Heute, 7/2020

Leider – oder zum Glück? schwer zu sagen – liegt „Siri, was stimmt nicht mit mir?“ hinter einer Bezahlschranke. Man braucht ein Abo, um den Text lesen zu können. Oder man kauft sich das Heft am Kiosk oder den Artikel selbst für 1,99 Euro im Netz.

Die zweite Sache, von der ich etwas erzählen will, ist meine Arbeit für ein Heft namens „P.M. Fragen&Antworten“. Die Hefte sind immer interessant. Darüber hinaus hat das dortige Team in Zeiten der Pandemie eine neue Homepage aufgebaut, die ziemlich schick aussieht. Ich empfehle den Besuch. Man wird nicht dümmer dabei, versprochen. Dort arbeiten übrigens die härtesten Faktenchecker, denen ich bisher begegnet bin. Ich muss praktisch jeden Satz mit einer eigenen Studie belegen. Viel Arbeit. Ich hoffe, man sieht es den Texten nicht an. Wenn es sich einfach liest, hat es die meiste Mühe gemacht. Hier zum Beispiel ein kurzes Stück darüber, warum sich Vorurteile so lange halten.

Drittens hat mir mein Sohn gestern ein Foto geschickt – aus der April-Ausgabe von „P.M. History“. Dort ist meine Geschichte erschienen, in der es um das große Kawumm von Halifax geht – die größte menschengemachte Explosion vor der Atombombe. Nie davon gehört? Dann wird’s Zeit. Eine saftige Story über eine ganz unglaubliche Katastrophe, in der mehr Dinge schiefgegangen sind, als man sich so mal eben ausdenken kann. Wirklich. Wenn die Folgen nicht so schlimm gewesen wären, hätte man eine Slapstick-Komödie aus dem Stoff machen können.

Okay, hier, ein kleiner Ausschnitt: Zwei Schiffe dampfen durch die enge Hafeneinfahrt von Halifax. Das eine will hinaus, das andere hinein. Beide haben es eilig. Eines davon ist bis unter die Decke vollgestopft mit Sprengstoff und brennbaren Chemikalien. Das weiß aber keiner. Es ist nämlich gerade Krieg.

Drei Mal schicken die Kapitäne Signaltöne hin und her – jede Botschaft lautet im Wesentlichen: „Bitte ausweichen, ich halte meinen Kurs.“ Erst kurz vor dem Zusammenstoß verlieren die Kapitäne etwa zeitgleich die Nerven. Sie ändern ihre Fahrtrichtung. Tragischerweise entscheiden sich beide für dieselbe Seite.

„Die Apokalypse von Halifax“, P.M.-History, April 2020

Tja. Also: Das hier sind Dinge, die ich so beruflich mache. Ich liebe meinen Job. Er füttert meine Neugier, diesen hungrigen Drachen. Ich bin frei dabei und selbstbestimmt. Und all das ist Teil der Bezahlung. Hoffentlich kann ich das noch lange so machen. Das wäre klasse.

bookmark_borderWas man so macht an langen Tagen

Wer meiner Kohorte angehört und im deutschen Sprachraum aufgewachsen ist, erinnert sich vermutlich an Puck, die Stubenfliege, eine Figur aus „Biene Maja„. Ja. Genau so sieht man aus, wenn man sich in die Welt der Virtuellen Realität begibt. Genau das habe ich dieser Tage getan. Wie einen das reinzieht! Ein kluger Mensch hat mal gesagt: „VR“ ist das einzige Medium, bei dem man das Medium vergisst. Was man hier erlebt, wird zum wirklichen Erlebnis. Deshalb muss man sehr aufpassen, was man sich da zumutet. Genau davon hab ich einen Geschmack auf meine Zunge bekommen. Faszinierend ist das – und ein bisschen unheimlich. Eines Tages wird in einem hochwertigen Magazin eine hoffentlich erhellende Geschichte dazu erscheinen.

Seit ich hier fast täglich irgendwas aufschreibe, kommt mir mein Beruf merkwürdig vor. Bei manchen meiner Geschichten vergeht ein halbes Jahr oder sogar mehr, bis sie endlich irgendwo am Kiosk liegen. Hier im Blog dagegen dauert das keine Sekunde. Man drückt auf den Knopf. Zack! Schon ist es draußen. Unglaublich.

Im Grunde bin ich einer dieser Mönche, der über Jahrzehnte in eiserner Disziplin darauf gedrillt wurde, klassische Texte säuberlichst abzuschreiben und dabei einige Großbuchstaben zu verzieren. Und dann kommt auf einmal einer und erfindet den Buchdruck. Wenn man das kapiert hat, weiß man, dass man mit der alten Kunst vielleicht noch ein paar Jahr überleben kann. Aber eigentlich weiß man auch, dass die Tage gezählt sind.

Was noch? Ich habe heute seit August mal wieder Pickleball gespielt. Diesmal mit William, der sofort begeistert davon war.

Das hier sind die beiden Schläger mit dem Ball. Ich kann diese Sportart sehr empfehlen. Sie ist sehr niedrigschwellig. Man kann sie sofort spielen und Freude daran haben. Ein bisschen Tennis, ein bisschen Tischtennis, ein bisschen Badminton.

Eigentlich spiele ich in Hamburg ja Tischtennis. Über Winter trainiere ich – wenn ich in Ann Arbor bin – mit der hiesigen Uni-Mannschaft. Zwei Drittel der Spieler dort sind Chinesen. Und ich würde sagen: Die haben einen anderen Stil, als man ihn in Deutschland anzutreffen pflegt. Nicht so sehr von den Schlägen, aber im Kopf. Ohne Quatsch. Die können ein paar Dinge besser und ein paar Dinge schlechter. Und auch da finde ich enorme Unterschiede zwischen den Generationen (es gibt einen Chinesen in den mittleren Jahren, der mit seinen jüngeren Landsleuten mental gar nichts mehr zu tun hat). Interessant. Aber ein anderes Thema.

Ich habe heute jedenfalls bewusst das Mannschaftstrikot des ATV Altona angezogen, um die Locals zu beeindrucken. Wer in Hamburg lebt und einen Verein sucht: Die ATV-Tischtennisabteilung ist aus soziologischer Sicht wahnsinnig interessant. Ein Sinnbild für die Geschichte der Stadt Altona: offen, tolerant, Leute kommen, Leute gehen, dennoch gibt es ein stabiles Rückgrat. Ich vermisse diese Leute.

Ansonsten spiele ich noch Musik: eine Gitarre, deren Hals in Kalifornien gebrochen ist und danach von einer Horde formidabler Nerds aus Palo Alto für n Appel und n Ei wieder geflickt wurde. Ein paar Töne haben an Klarheit verloren – aber das macht nichts. Das Instrument war im Eimer, jetzt ist es wieder heil. Im Hintergrund: das ortsansässige E-Piano. Auch toll. Es ist eine Freude, ein Dilettant zu sein und im Grunde der beste Zustand überhaupt, eine kindliche Freude an allem, was gelingt. „Privilegiert“, hat eine Ex-Kollegin neulich gesagt. Ja. Das stimmt.

Das ist es schon für heute. Keine Pointe. Ich freue mich nur daran, dass die Sonne scheint und man wieder Sachen machen kann. Ohne Sachen ist das alles nur der halbe Spaß.