bookmark_borderCoaching-Interview: „‚Sag mir was ich tun soll!‘ – den Satz hör‘ ich andauernd!“

Heute hat mich Andrea besucht. Wir kennen einander seit fast zehn Jahren. Damals haben wir über einige Wochen für dieselbe Frauenzeitschrift gearbeitet. Seither sind wir befreundet.

Andrea ist aber nicht nur Journalistin, sondern auch Business Coach. Komische Mischung, oder? Stimmt aber trotzdem. Jedenfalls war heute ein sehr schöner Tag, wir waren an der Elbe, haben uns im Jenischpark Kaffee und Franzbrötchen geholt, uns hinterm Jenisch-Haus auf eine Bank gesetzt und über alle möglichen Dinge geredet.

Unter anderem haben wir über Andreas Job als Coach gequatscht. Wie macht sie das? Wie läuft das ab? Also suche ich mir einen ausgedachten Fall aus und tue so, als wäre ich ihr Klient.

Und dann Andrea so:

„Ich habe da eine Hypothese. Das könnte was mit dem zu tun haben, was dich an Werten prägt. So was könnte man im Coaching beleuchten.“
(ab hier schreib ich das so auf, als hätten wir ein Interview geführt)

Ah, Werte! Hm. Was wäre das? Zum Beispiel so was wie: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“?
Ja, ja, genau.

Oder:Man läuft nicht davon, nur weil’s gerade hart zugeht“?
Ja, auch. Wobei. Das, was du da sagst, das sind nicht die Werte selbst, sondern Werte, die zu Glaubenssätzen verdichtet sind. Der Wert dahinter könnte jetzt zum Beispiel sein: Disziplin.

Und wie redest du im Coaching über solche Werte? Was machst du damit?
Wenn du die schon so flüssig benennen kannst, dann scheinen die in deinem Alltag auch eine Rolle zu spielen. Und wenn ich dir so zuhöre, dann meine ich, auch einen gewissen Stolz aus all dem zu hören.

Ja, klar.
Und dieser Stolz ist sicherlich in vielen Fällen angebracht. Dieser Glaubenssatz kann dich in anderen Situationen aber auch behindern. Wenn dir zum Beispiel ein Vorgesetzter keine Wertschätzung entgegenbringt, wenn du da mit dem Glaubenssatz agierst „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, dann machst du dir das Leben unnötig schwer. Weil du hier sagen könntest: „Ich verabschiede mich ganz bewusst von diesem Glaubenssatz. Er ist mir in vielen Lebenssituationen bisher dienlich gewesen. Hier führt er mich aber mitten in meinen Schmerz.“ Daran würden wir im Coaching arbeiten.

Okay. Ich lerne bei dir, meine Glaubenssätze in den richtigen Situationen anzuwenden? So wie man seinen Hund nicht mit in die Oper nimmt – auch wenn’s ein guter Hund ist?
Exakt. Coaching ist dafür da, den Raum des Handelns auszudehnen. Und dieser Raum dehnt sich eben aus, wenn ich jetzt sage: Auch ein Indianer darf mal Schmerzen haben.

Das wäre ein toller Titel für ein Kinderbuch. „Als der Indianer auch mal Schmerzen hatte.“
Ja, genau. Und er bleibt trotzdem Indianer. Auch wenn er Schmerzen hat.

Wie alt sind denn die Leute, die zu dir kommen?
Mitte 30 bis Anfang 50. Das sind Leute, die meist schon zwei Berufsstationen hinter sich haben. Und die sagen: Bisher lief es doch so gut – warum läuft es jetzt nicht mehr? Sie erkennen ein Muster an sich selbst und sagen: Dieses Muster mag ich nicht. Und auch das Sinnthema wird jedes Jahr mehr.

Andrea, sag mir einfach, was ich machen soll“. Hast Du diesen Satz im Coaching schon mal gehört?
Den Satz hör‘ ich andauernd. Und ich gebe auch zu: Für mich ist es die größte Herausforderung – bei manchen Klienten –, diese Sätze gerade nicht auszusprechen.

Hm. Warum soll das denn falsch sein, das dann einfach zu sagen?
Weil es den anderen schwächt. Weil ich dann Stärke leihe. Und Stärke zu leihen, Wissen einfach so zu übertragen – das schwächt die Lernfähigkeit des anderen und seine Selbstverantwortung. Ganz klar.

Aber jetzt mal ketzerisch gesagt: Du willst doch, dass der Klient immer wiederkommt. Das weiß jeder Kaufmann: Deine Kunden musst du halten! Wenn er gar nicht mehr kann ohne deinen Rat – das ist doch das Beste, was dir finanziell passieren kann.
Du hast vollkommen Recht. Aber das entspricht nicht meinem Menschenbild. Trotzdem, klar, das würde funktionieren. Ich erlebe das ja in privaten Situationen mit Menschen, die mit mir Mittagessen gehen wollen, weil sie – und da mache ich das durchaus – eine schnelle Einschätzung von mir wollen.

Das heißt: Wenn man Zeit, Geld und Mühe sparen will, lädt man Dich zum Lunch ein!
Du meinst: Statt in diesen umständlichen Coaching-Prozess zu gehen?

Genau.
Du glaubst wirklich, dass ich das weiß? Dass ich die richtige Antwort sofort erkenne?

Naja, das wäre die nächste Frage. Von 100 Klienten, die mit einem Problem zu dir kommen – bei wie vielen hast du für dich sofort eine Antwort?
Von 100 würde ich sagen … bei 80 hab ich sofort ne Idee.

Und wie oft kommt am Ende des Prozesses genau das raus, was du dir vorher schon gedacht hast?
Es gibt schon Fehlannahmen, wo es sich später im Coaching anders entwickelt. Aber trotzdem: Dass es deckungsgleich ist zu den Vorannahmen, das ist schon sehr häufig der Fall.

Woran liegt das? Daran, dass du von außen kommst und das Problem halt nicht selber hast? Oder liegt es daran, dass du so schlau bist und so viel weißt?
Es ist der Mix aus beidem. Jemand, der keine Coaching-Ausbildung hat, könnte diese blinden Flecke in vielen Fällen auch sehen. Aber die Ausbildung und die Erfahrung – das hilft natürlich schon. Und auch die Tatsache, dass ich selbst halt schon in vielen, vielen Teams gearbeitet habe. Und dann kommt noch das Gespür für körperliche Ausstrahlung dazu.

Was heißt das? Du guckst, wie jemand dasitzt?
Genau. Ich achte zum Beispiel sehr auf das Leuchten in den Augen. Oder wenn die Stimme leiser wird. Oder wenn jemand vom Tonus her zusammenfällt. Damit arbeite ich viel. Das liegt mir. Weil ich das spüre, höre, sehe.

Okay, ich fass mal zusammen. Wenn man bei Dir zum Coaching geht, dann ist das im schlechtesten Fall so, als würde man mit einer sehr guten Freundin reden, die sich Zeit nimmt und zuhört, ohne dabei ihren eigenen Müll abzuladen. Das ist so das Minimum. Und wenn man Glück hat, dann erwischt man dich noch bei einer deiner Stärken. Dass du auf Körpersprache achtest, sehr viel Erfahrung mitbringst und halt selbst schon ne Menge gesehen hast. Und wenn man GANZ großes Glück hat, dann hast du auf das Problem selbst keine Antwort. Und da passiert dann nochmal was ganz anderes. Und darüber – über diese 20 Prozent, wo du selbst am Anfang ratlos bist – darüber reden wir beim nächsten Mal. Okay?
Okay. Super. Das hat Spaß gemacht.

Andrea nennt ihr Coaching „Plan B für Medienprofis“. Ihre Website findet Ihr hier.


bookmark_borderPandemie und Emotion

Gerade habe ich auf Facebook dies hier geschrieben:

Einmal mehr brauche ich Eure Hilfe. Vor etwa einem halben Jahr habe ich hier eine kleine Umfrage gemacht: Wie fühlt Ihr Euch in der Pandemie. Welche Emotionen kommen da bei Euch hoch?

Zufriedenheit?
Neugier?
Angst?
Traurigkeit?
Dankbarkeit?
Liebe?
Wut?
Verzweiflung?
Hoffnung?
Vorfreude?
… ?

Mir ist aufgefallen, dass mein Gefühlshaushalt sich in den vergangenen sechs Monaten sehr verändert hat. Anfangs in den USA fand ich das Ganze noch spannend. Inzwischen bin ich wieder in Europa. Ich sehe Freunde, gelegentlich meine Kinder; Eltern und Geschwister und deren Familien habe ich getroffen. Das war schön. Trotzdem. Ich vermisse meine Lebensgefährtin, die noch immer in Michigan sitzt. Ein paar Leute dort drüben, die auch zu Freunden geworden sind. Irgendwas ist immer. Das Land dort drüben ist, wie man hört, in keinem guten Zustand. Aber welches Land ist das schon?

Die anfängliche Neugier in der Pandemie ist bei mir fast komplett weg. An guten Tagen stehe ich auf, mache meine Arbeit und gehe am Abend zum Sport. Ich tu dann so, als wär nix. Das ist keine sehr originelle Strategie. Andere tun das auch. Das habe ich von Ernst-Dieter Lantermann gelernt, einem Sozialpsychologien, den ich vor einiger Zeit mal für Psychologie Heute interviewt habe (das komplette Interview findet sich hier – leider nur hinter eine Bezahlschranke; wer ein Abo hat, kann es kostenlos lesen). Lantermann hat vor vielen Jahren mal Leute für ein Experiment per Computersimulation in hoffnungslose Situationen getrieben. Viele von denen haben dann so reagiert: Statt das große Ganze zu retten, haben sie sich nur ein winziges Detail herausgegriffen und nur noch daran gearbeitet – dies aber mit besessener Gründlichkeit. Um sie her ging alles den Bach runter. Sie haben das einfach ausgeblendet. Aber diese eine Schraube, an der sie gefeilt haben, die war am Ende perfekt!

Ansonsten überkommen mich düstere Ahnungen, was die Zukunft betriff. Also: für alle. Mir fehlen im Übrigen die Dinge, auf die ich mich freuen kann. So weit von meiner Seite.

Meinen Blogeintrag von damals findet Ihr übrigens hier: Er war, wie fast alles, was ich damals gebloggt habe, als eine Art Flaschenpost gedacht an die Menschen, die wir morgen sein werden. Damit es möglich wird, sich später einigermaßen korrekt zu erinnern. Erinnerung ist flüchtig und trügerisch. Man vergisst und verdreht, ohne es bewusst zu wollen.

So.

Bin gespannt auf Eure Antworten.

bookmark_borderWas bedeutet „Zusammenglück“?

Als Kalifornien gerade mal nicht brannte – aus der Luft sah man nördlich von San Francisco nur noch zwei, drei Aschehaufen kokeln – und als auch das Virus dort noch nicht richtig angekommen war, da bin ich immer mal wieder Yukiko Uchida begegnet, die sich gerade als Fellow an der Stanford University aufhielt. Sie hatte ihr Büro auf demselben Professoren-Zauberberg wie meine Lebensgefährtin. Mittagessen gab’s hinter den Fenstern, an denen die Luftschlangen hängen.

Yukiko kommt aus Japan, bei einem dieser Mittagessen hat sie mir von ihrer Arbeit erzählt. Sie ist Psychologie-Professorin und erforscht, wie glücklich die Menschen in verschiedenen Gegenden der Welt sind. Was ich besonders bemerkenswert fand: Unsere westliche Vorstellung von Glück, so sagt sie, spielt in Japan kaum eine Rolle. Damit kann man dort wenig anfangen.

Das hat mich sehr interessiert. Wollen die Japaner nicht glücklich sein? Komische Vorstellung.

Einige Wochen später habe ich dann für Psychologie Heute ein längeres Interview mit Yukiko gemacht. Der Großraum San Francisco war da schon im Lockdown, wir sprachen also per Zoom. Und dabei ging es vor allem über den Begriff der „interdependent happiness„, über den Yukiko eine Reihe von Studien publiziert hat. Ich habe dafür das deutschen Wort „Zusammenglück“ gewählt.

„(Zusammenglück) erlebt jemand, der glaubt, dass es den Menschen in seinem Umkreis gutgeht. Dass sie einen wertschätzen. Wenn man das Gefühl hat, dass man die Menschen in seinem Umfeld ein bisschen glücklicher macht. Dass man im Alltag keine allzu großen Ängste empfindet. Und dass man seine Ziele verfolgen kann, ohne anderen damit zu schaden.“

Yukiko Uchida in Psychologie heute #10/2020

Vereinfacht gesagt: Wenn wir im Westen glücklich sind, geht es uns vor allem um uns selbst. Nicht so sehr um die anderen. In Japan geht es viel mehr um die anderen. Und erst dann um uns selbst.

Damit kann ich eine Menge anfangen. Ich will nicht behaupten, Japaner zu sein. Aber ich bin in einem Bauerndorf in der Nähe von Karlsruhe aufgewachsen (heute ist es kein wirkliches Dorf mehr, sondern fast eine Kleinstadt). Und auch dort galt die unausgesprochene Regel, dass die Familie im Zweifel wichtiger ist als man selbst, der Clan wichtiger als die Familie – und das Dorf wichtiger als der Clan. Ich bin meiner Herkunft nach also Kollektivist. Und jetzt mal unter uns gesagt: So was wird man sein Leben lang nicht mehr los.

Yukiko glaubt jedenfalls, dass unser westliches Glückskonzept dann besser funktioniert, wenn die Dinge gut laufen. Es schafft mehr Kreativität, mehr Risikobereitschaft – und deshalb auch mehr Wirtschaftswachstum. In großen Krisen, so meint sie, funktioniert die japanische Variante aber besser. Weil wir während der Pandemie oder im Klimawandel nur kollektiv klarkommen werden. Zusammenglück gelingt, so glaubt Yukiko, „indem man permanent darüber nachdenkt, wie gut es den anderen gerade geht. Nicht nur immer ‚ich, ich, ich‘.“

Das komplette Interview mit ihr ist gerade in der Oktober-Ausgabe von „Psychologie Heute“ erschienen.

bookmark_borderWarum Joe Biden die Wahl gewinnt – Besuch bei Gerd Gigerenzer

Vergangene Woche war ich in Berlin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, um Gerd Gigerenzer zu treffen. Er war dort 20 Jahre lang Direktor und ist einer der bekanntesten Psychologen Deutschlands, ach was: der Welt.

Wir haben viel gelacht, auch ein paar Streitpunkte entdeckt und ansonsten über alles Mögliche geredet: Sex, Drugs, Rock’n’Roll, Innovation, psychologische Theorien, ein wenig Klatsch – und natürlich auch über die anstehende Präsidentschaftswahl in den USA.

Gerd Gigerenzer – das muss man vorausschicken – ist ein Freund von Heuristiken. Er sagt: In der Welt gibt es Risiko und Ungewissheit. Risiko meint: Man weiß nicht, wie’s ausgeht, aber man kennt die statistischen Wahrscheinlichkeiten. Beim Würfeln ist das so. Beim Roulette. Sogar beim Schach.

Und dann gibt es noch die Ungewissheit. Die herrscht überall dort, wo man auch nicht weiß, wie’s ausgeht, aber auch die Wahrscheinlichkeiten nicht kennt. Etwa, weil zu viele Faktoren eine Rolle spielen, oder weil das Kräfteverhältnis dieser Faktoren sich permanent ändert, weil die Welt von morgen vielleicht nach anderen Regeln läuft als die Welt von gestern und dergleichen mehr. Das ist zum Beispiel in der Finanzwelt der Fall.

Gigerenzer glaubt: Wenn man die Situation einigermaßen kennt („Risiko“), fährt man am besten mit Big Data, mit Machine Learning und komplizierten Modellen. Wenn die Situation aber chaotisch ist („Ungewissheit“), braucht man einfache und robuste Modelle, so genannte Heuristiken, also Faustformeln, die man leicht verstehen und nachvollziehen kann.

Wir alle erinnern uns an die Wahlprognosen aus dem Jahr 2016. Damals haben alle Modelle einen Sieg für Hillary Clinton vorhergesagt. Gerd Gigerenzer hat mich jetzt auf einen Typen hingewiesen, der damals korrekt auf Trump getippt hat. Und der auch bei allen anderen Präsidentschaftswahlen seit den 1980er Jahren richtig lag. Der Typ heißt Allan Lichtman und ist Historiker. Die Details seiner Prognose für 2020 findet man hier in einem Video der New York Times.

„Lichtman arbeitet nicht mit Big Data, sondern mit einer einfachen Heuristik“, sagt Gigerenzer. Genauer: Lichtman hat 13 „Schlüssel zum Weißen Haus“ identifiziert. Jeder Schlüssel ist eine einfache Aussage, die man mit „wahr“ oder „falsch“ beantworten kann. Wenn sechs oder mehr dieser Aussagen „falsch“ sind, verliert der Kandidat der Regierungspartei.

Ulkig: Den Anfang für Lichtmans Arbeit machte eine ungewöhnliche Begegnung. Lichtman wurde von einem russischen Forscher angesprochen, der bis dahin Erdbeben-Vorhersagen gemacht hatte. Und genau so funktioniert auch Lichtmans Heuristik. Stabilität ist gut für die Regierung. Zu viel Unruhe gleicht jedoch einem Erdbeben – sie reißt ein, was ist und fordert etwas Neues. Naja. Zumindest in der Tendenz.

Jedenfalls prophezeien Lichtmans „Schlüssel zum Weißen Haus“ derzeit: Trump wird verlieren, Biden gewinnen. Und wenn man genauer hinschaut, merkt man: Schuld daran sind weder Trumps Lügen noch Bidens Mitgefühl. Sondern in erster Linie Corona. Ohne die Pandemie hätte Lichtmans Heuristik einen Sieg des Amtsinhabers vorhergesagt. Tja. So kann’s gehen. Zufall regiert die Welt.

„Laut Lichtman gewinnt Biden“, sagt Gerd Gigerenzer. „Falls Trump nicht noch einen Krieg anzettelt. Denn dann sind die Amerikaner geschlossen hinter ihm.“

Man lernt immer was, wenn man interessanten Leuten begegnet.

bookmark_borderAls Darwin über das Heiraten nachdachte … und Freud das Schlafzimmer vergaß

Habe heute aus beruflichem Anlass das Buch „Risiko“ von Gerd Gigerenzer gelesen. Gigerenzer war über mehrere Jahre Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Er gehört zu den „großen Namen“ der deutschen Psychologie.

In seinem Buch (und auch sonst in seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen) schreibt er eine Menge darüber, wie wir unsere Entscheidungen treffen. Außerdem erzählt er gerne Geschichte. Etwa die Schnurre, wie Charles Darwin darüber nachgedacht hat, ob er jetzt heiraten soll oder lieber nicht. Und die kann ich euch einfach nicht vorenthalten.

Also. Auf Seite 190 in Gigerenzers Buch finde ich folgende Liste, mit der sich Darwin dazu überredet, seinen Nachen in den Hafen der Ehe zu paddeln.

„Kinder – (wenn es Gott gefällt) – ständige Gefährtin (& Freundin im Alter), die sich für einen interessiert, Objekt zum Liebhaben und Spielen – jedenfalls besser als ein Hund (sic!) – ein Heim und jemand, der sich darum kümmert – Reiz von Musik und weiblichem Geplauder. Dies gut für die Gesundheit. Zwang, Verwandte zu besuchen und zu empfangen, aber furchtbarer Zeitverlust.
Mein Gott, ein unerträglicher Gedanke, das ganze Leben immer nur zu arbeiten, wie eine geschlechtslose Arbeitsbiene, nur Arbeit und nichts sonst. – Nein, nein, geht nicht. – Stell dir vor, den ganzen Tag allein in verrauchtem, schmutzigen Londoner Haus! – Mal dir nur aus: eine nette, zärtliche Frau auf dem Sofa, ein gutes Feuer im Kamin, Bücher und Musik vielleicht – vergleich das mit der schmuddeligen Realität in der Grt. Marlboro’s St.“

Weiter schreibt Gigerenzer:

„Darwin kam zu dem Ergebnis, dass er heiraten sollte, und schrieb unter die linke Spalte (jene, die ich zitiert habe, J.M.): > Heiraten – Heiraten – Heiraten – Q.E.D.< (…) Im Jahr darauf heiratete Darwin seine Cousine Emma Wedgwood und hatte schließlich zehn Kinder mit ihr.“

Da fällt mir, wo wir schon mal beim Thema sind, zwanglos die Anekdote aus dem Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und Martha Bernays ein. Die beiden waren verlobt und Freud plante die Hochzeit. In einem Brief beschreibt er seiner Angebeteten – sie wohnt in Hamburg – den Schnitt der Wiener Wohnung, in welche die beiden ziehen sollen. Martha schreibt zurück:

„Die Wohnungsbeschreibung von Dir heute, mein Schatz, macht mir gar keine Lust, ein Mann, der vier Jahre verlobt ist und bei der Aufzählung der Räume das Schlafzimmer vergißt (…)?! Du zählst auf: Ordinationszimmer, Wartezimmer und Wohnzimmer, Badezimmer, Küche, Dienstbotenzimmer und Vorraum. Da ich nun niemals gewöhnt war, in der Badewanne zu schlafen, so bleibt mir nur übrig, mir in Deiner Nähe ein freundliches Cabinet zu nehmen, aber einsam wird es doch immerhin für mich sein, und für Dich?“

Wie Freuds Mutter auf das Schreiben reagiert hat, ist nicht überliefert.

bookmark_borderHoffen auf ein noch größeres Problem

Manchmal fällt mir das Schreiben schwer. Ich habe das nie systematisch untersucht, aber ich vermute: Es geht allen so, die mit dem Schreiben ihr Geld verdienen. Oder den meisten, da bin ich mir sicher.

Und dann, nach einiger Zeit des Elends, geht’s auf einmal halt doch.

Warum geht es plötzlich? Da gibt es mehrere Szenarien. Manchmal hat man in den Tagen der Dürre einfach genug nachgedacht. Wissen, was man sagen will – das hilft eigentlich immer.

Ein alter Prof von mir hat mal behauptet, das Elend sei nur der Ausdruck einer Regression. Dies sei der Preis, den jeder zu entrichten habe, der etwas Neues schaffen wolle. Naja. Weiß nicht, ob das stimmt. Es klingt aber schlau (und signalisiert, dass man tüchtig Freud gelesen hat; das war ihm immer wichtig; muss mal googeln, ob er noch lebt).

Mir ist gestern noch ein anderes Szenario eingefallen, das ich einige Mal selbst erlebt habe. Ganz kurios. Also. Wenn man ein Stück zu schreiben hat, aber es läuft nicht, dann fühlt man sich mies. Kennt jeder. Das Problem ist dann irgendwann nicht mehr das zu schreibende Stück selbst – sondern das, was man alles an Schlechtem über sich selbst denkt.

Eine Lösung besteht dann darin, auf ein noch größeres Problem zu hoffen. Das noch größere Problem sorgt nämlich dafür, dass man sich plötzlich um andere Dinge sorgt. Die verurteilenden Gedanken über sich selbst verschwinden. Der innere Handwerker übernimmt – und das Schreiben wird wieder zu dem, was es eigentlich ist: Das, was man halt so macht, um die Miete zu bezahlen.

Einmal hab ich das sogar als Intervention erlebt. Damals hat mich Dietmar Bittrich überredet, zum Satsang ins Goldbekhaus zu kommen. Auf der Bühne saß ein Mann namens Isaac Shapiro. Er „trottete wie ein abgeschabter Teddybär nach vorn und trank Kaffee aus einem Plastikbecher“. So hat der Kollege Bittrich die Szene einmal beschrieben. Shapiro saß dann tatsächlich im Hawaiihemd auf der kleinen Bühne und die Leute beklagten sich bei ihm über ihr Leben. Eine Frau, die ansonsten auf den Kanaren lebte, erzählte, dass der Vulkan, der ihre Insel gebildet hatte, kurz vor einem Ausbruch stand. Also: vielleicht. Jedenfalls grummelte und bebte es jetzt häufiger unter der Erde. Und die Zeitungen schrieben darüber und machten allen Angst und die Scheiß-Feriengäste aus Deutschland stornierten natürlich ihren Urlaub und brachten kein Geld mehr in den Palmengarten. „Meine ganze Existenz, es ist bald alles ruiniert“, klagte die Frau. Alle nickten. Das Leben war hart. Shapiro sah der Frau erstmal lange in die Augen und atmete tief. Und dann fing er an, von der Klimakrise zu reden. Vom Regenwald, der immer weniger wurde. Ich glaube: auch von den vielen Atomwaffen, die überall noch rumstanden. Jedenfalls machte Shapiro allen klar, dass die Menschheit vermutlich unrettbar im Eimer war. Am Ende seiner Rede meinte er: „Du hast mir von einem Problem erzählt. Und ich habe dir ein größeres Problem gegeben.“ Die Frau nickte. Sie hatte verstanden. Alle anderen hatten auch verstanden.

Manchmal ist das größere Problem genau das, was man gerade braucht. Wenn ich mal wieder nicht schreiben kann, dann werd‘ ich mir eins suchen.

bookmark_borderFünf Fundstücke aus der Psychologie – und Freud zum Dessert

Als Journalist schreibe ich ja überwiegend über psychologische Forschung. Dafür lese ich jeden Tag irgendwelche wissenschaftlichen Aufsätze und manche davon finde ich auch einigermaßen erhellend. Doch nicht aus jeder spannenden Studie wird auch eine Geschichte. Schade um die schöne Arbeit! Ein Glück: Hier kann ich darüber schreiben und vielleicht liest es ja jemand, der was damit anfangen kann.
Heute also: fünf psychologische Studien – und dazu als Dessert ein Zitat von Sigmund Freud. Letzteres einfach so aus Nostalgie. Los geht’s!

1. Auch Gruppen hinterlassen einen „ersten Eindruck“

Mein alter Kumpel Dirk hat mich immer wieder darauf hingewiesen, dass es „für den ersten Eindruck keine zweite Chance gibt“. Ist eine Spruchweisheit, stimmt aber trotzdem. Jetzt haben sich drei Forscherinnen angeguckt, ob das auch für Gruppen gilt. Und tatsächlich: Es gilt auch für Gruppen. Die Sache scheint folgendermaßen zu funktionieren: Wenn wir bisher noch nie jemanden aus Syrien getroffen haben, dann prägt die erste Begegnung mit jemandem aus Syrien, was wir über die Syrer im Allgemeinen denken. Er (oder sie) ist eine Sportskanone? Schon halten wir die Syrer generell für sportlich! Hat er (oder sie) tüchtig gearbeitet? Wir halten die Syrer ganz allgemein für tüchtige Arbeiter usw. Die Forscherinnen nennen das die „first-member heuristic„. Wir sparen uns Denkarbeit, indem wir uns nur den ersten Vertreter einer Gruppe genauer ansehen – und dann insgeheim davon ausgehen, dass „diese Leute“ im Grunde alle gleich sind. Tja.

2. Wer laut redet, wirkt überzeugender (leider)

Manchmal überzeugt uns nicht der Inhalt, sondern die Art und Weise, wie jemand redet. Wer lauter spricht, macht den Eindruck, seiner Sache sehr sicher zu sein. Wir kaufen ihm die Sache deshalb ab, selbst bei schwacher Beweisführung. Wusste man irgendwie schon. Schön, dass die Psychologen die Sache nochmal überprüft haben.

3. Künstliche Intelligenz hat (zum Glück) noch Probleme, am Klang unserer Stimme unsere Laune abzulesen

Ein Forscherteam hat 20.000 Leute gebeten, mehrmals täglich per Audio-Signal aufzuzeichnen, wie sie sich gerade fühlen. Dann hat man den Klang der Stimme und auch die jeweiligen Hintergrundgeräusche analysiert. Kann Künstliche Intelligenz allein am Sound hören, wie gut die Leute jeweils drauf sind? Die Antwortet lautet: nö. „Es ist derzeit noch nicht möglich, das Auf und Ab unserer Emotionen durch Klanganalysen zu ermitteln.“ Beruhigend!

4. Trigger-Warnungen sind womöglich fürn Eimer

Gerade in den USA kommen Serien, Filme und sogar Bücher immer häufiger mit Warnhinweisen daher: Die Inhalte könnten einen an schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit erinnern und so seelische Pein verursachen. Eine relativ neue Studie zeigt jetzt, dass solche „Trigger Warnings“ womöglich fürn Eimer sind. Die Warnung hat Trauma-Patienten im Experiment jedenfalls nicht geholfen und die Inhalte nicht leichter verdaulich gemacht. „We found that trigger warnings are not helpful for trauma survivors“, lautet das Fazit der Forscher (es waren lauter Männer) von der Harvard University. Ich glaube nicht, dass diese Studie das letzte Wort in dieser Sache sein wird. Interessant fand ich’s trotzdem.

5. Berge erscheinen einem steiler, wenn man gerne mit Leuten redet

Ein Kollege von der Columbia University hat in seinem Seminar eine Zufallsentdeckung gemacht (diese Story habe ich in einem Konferenz-Vortrag gehört). Er hat mit seinen Studierenden gemessen, wie steil ihnen eine Steigung vorkam. Das geht ganz einfach. Man haut vor der Steigung einen Pfosten in die Erde, schraubt darauf ein Brett an einem beweglichen Scharnier und sagt den Leuten: „Stellt das Brett mal mit der Hand so steil ein wie der Hang, der vor euch liegt.“ Praktisch jeder verschätzt sich dabei. Man überschätzt die Steilheit. Aber (und hier kommt der Gag): Die Extrovertierten verschätzen sich deutlich stärker als die Introvertierten. Berge kommen uns also steiler vor, wenn wir generell gerne mit Leuten reden. Ulkig oder?

Dessert: Was Freud sagt

Ich nehme ein Buch des alten Meisters zur Hand, schlage es irgendwo auf und zitiere, was ich finde. Heute dies:
„Wenn man die hier angezeigte Methode der Traumdeutung befolgt, findet man, dass der Traum wirklich einen Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten Hirntätigkeit ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter Deutungsarbeit lässt sich der Traum als eine Wunscherfüllung erkennen.“ (S. Freud: Die Traumdeutung; Ende des II. Kapitels)

bookmark_borderÜber Darwin, das Vergessen und das Rechthaben

Darwin war natürlich nicht Gott. Ein Gigant, das schon. Aber fehlbar. Und er hat es gewusst. 1876 soll er dies gesagt haben: Er habe es sich zur Gewohnheit gemacht, „sofort und ohne Ausnahme eine Notiz anzufertigen, wann auch immer mir ein publizierter Sachverhalt, eine neue Beobachtung über den Weg liefen, die meinen eigenen allgemeinen Ergebnissen widersprachen. Denn ich hatte aus Erfahrung gelernt, dass solche Tatsachen und Gedanken die Angewohnheit hatten, meinem Gedächtnis leichter zu entgleiten als Dinge, die mir in den Kram passten.“ Auch in Hamburg an der Elbe (siehe das Bild oben und das Bild unten) haben Leute sich „eine Notiz gemacht“, weil etwas ihren Ansichten zuwiderlief.

Inzwischen haben die Psychologen ja längst festgestellt, dass nicht nur Darwins Gedächtnis so funktioniert. Es geht allen so. Unser Hirn ist eine unfaire Lehrerin, die ihre Lieblingsschüler hat. Wir scheinen die Welt recht gründlich nach allem zu durchkämmen, was uns Recht gibt. „Du hast Recht.“ Das wollen wir hören. Alles andere wird übersehen, vergessen, heruntergespielt. Dieser „Confirmation Bias“ oder „Bestätigungsfehler“ ist natürlich längst kein Geheimtipp mehr. Er wird zwar nicht ganz so häufig gegoogelt wie „Ödipuskomplex“ – aber häufiger als „Schreibblockade“. Und das muss man erst mal schaffen.

Schwer zu kapieren ist der Bestätigungsfehler eigentlich nur bei einer einzigen Person. Nämlich bei uns selbst. Bei allen anderen versteht man ihn sofort. Klingt wie ein Witz, ist aber so. Sich eingestehen, dass man mit allem komplett daneben liegen könnte – das ist sehr, sehr schwer. Ich vermute: Weil es zu sehr am Fundament dessen rüttelt, was wir unser Selbst nennen. Am Gefühl, gestern, heute und morgen irgendwie dieselbe Person zu sein. Denn auch das ist ja viel schwerer und macht im Maschinenraum der Seele viel mehr Arbeit, als wir ahnen.

Jedenfalls habe ich heute vor meinem Morgenkaffee einen aktuellen Beitrag der britischen Psychologin Dorothy Bishop in „Nature“ gelesen. Aus diesem Beitrag stammt auch das obige Darwin-Zitat. Der Artikel ist ganz hervorragend. Bishop fordert darin: Man müsse als Wissenschaftler aufhören, sich mit Statistik selbst zu bescheißen. Denn die Tendenz – siehe oben – hat leider jeder. Den Confirmation Bias kann man nicht wegmachen. Er bleibt, selbst wenn man einen Doktortitel hat. Was dagegen tun? Bishop sagt: Mehr Checke von Statistik haben. Es müsse laufen wie im Chemie-Labor. An Signifikanzwerte („p-values“) dürfe man die Studierenden erst ranlassen, wenn sie gelernt haben, mit diesem explosiven Stoff auch sicher umzugehen. Sie gibt auch ein paar schöne Lehrbeispiele, wie das geht. Ich empfehle einen Klick auf den obigen Link, wenn man in zehn Minuten seine (womöglich alten) Statistik-Kenntnisse auffrischen möchte. Dorothy Bishop macht das sehr anschaulich und fast ohne Mathe.

Wenn man von der Elbe hoch zur alten Post schlendert, sieht man auf dem Boden die verblassenden Abstandsmarkierungen neben Ikea.

Einsfuffzich Abstand. Es war nur für den Moment. Und man fand es irgendwie doof. In drei, vier Wochen sieht man davon vermutlich nichts mehr. Der Abrieb von den Sohlen der Flaneure. Die Sonne. Der Regen. Tja.

Auch die Stadt hat ein Gedächtnis. Und auch dem scheinen manche Dinge leichter zu entgleiten als andere.

bookmark_borderEin paar interessante Links

Morgen steig‘ ich in den Flieger nach Hamburg. Bin gespannt, wie alles wird.

Heute mach ich’s so wie Maximilian auf seinem Blog: Ich poste ein paar interessante Links.

Der Psychotherapeut und „Psychologie Heute“-Kollege Gerhard Bliersbach hat in seinem Blog den Streit um die Maskenpflicht mit einer ähnlichen Debatte aus den 1970er Jahren verglichen. Klug, wie immer. Damals ging’s um die Gurtpflicht (bis 1976 waren Sicherheitsgurte im Auto nur eine Option). Die Parallelen sind in der Tat verblüffend. Maske und Gurt, so schreibt Gerhard Bliersbach, wecken Widerstand, auch wenn sie vernünftig sind. Sie beschneiden unsere Freiheit. Beide erinnern uns daran, dass wir verwundbar sind, dass wir sterben werden. „Die Ingenieure ahnten nicht, dass der Gurt in die Lebensform des Autofahrens massiv eingreift und sie ernüchtert mit der Evokation der Möglichkeit eines Unfalls. Man lässt sich ungern reinreden.“

Meine Kollegin Silvia Feist – sie arbeitet als Textchefin bei „Emotion“ – verfertigt seit mehr als einem Jahr ihren eigenen Podcast namens „Feiste Bücher“. In jeder Folge bespricht sie dabei ein aktuelles Buch, oft auch Titel, von denen man ansonsten wenig erfahren hätte. Ich empfinde ihre Stimme als sehr angenehm. Silvi ist extrem belesen, sie hat Stil, Haltung und Geschmack – und deshalb lasse ich mich von ihrem Podcast immer mal wieder inspirieren. Hier möchte ich die Folge „Vielleicht solltest du mal mit jemandem drüber reden“ verlinken, in der es um das gleichnamige Buch von Lori Gottlieb geht. Gottlieb schreibt über ihre Erfahrungen als Psychotherapeutin. Wir hören in der Folge auch Auszüge aus dem Interview, das Silvia mit der Autorin geführt hat. Härtester Satz in der Folge: „Therapie ist wie Pornografie“. Wer da nicht weiterhört … 

Auf eine ähnlich reinigende Erfahrung hat mich heute ein Kumpel aus Kalifornien aufmerksam gemacht. Es handelt sich um die amerikanischen Amazon-Kundenbewertungen für die zuckerfreien Haribo-Bärchen, die inzwischen aus dem Handel genommen wurden, weil einige Leute davon Durchfall kriegen. Ich bin aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen. Hier eine Kostprobe in einer lockeren Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche (die Seite ist voll mit solchen Erlebnisberichten):

„Es begann mit einem leichten Krampf. Das ist normal – im Flugzeug kriegt man halt Blähungen. Man will während des Fluges aber nicht pupsen, also verkneift man sich die Sache. Gehört sich einfach so. Die Krämpfe kamen und gingen für ein paar Minuten und ich dachte mir nichts dabei. Dann wurde es übel. Die Krämpfe wurden intensiver, mir stand der Schweiß auf der Stirn, ich bemerkte, wie einige ältere Damen begannen, zu mir rüberzuschauen. 30 Minuten, nachdem ich die Bärchen gefuttert hatte, war aus „Oh, das sind bloß ein paar Pupse, damit kann ich umgehen“ ein anderer Gedanke geworden: „Oh, Gott, bitte nicht hier!“ Ich habe stets als Christenmensch gelebt. Dies hier war der Test: Wenn es einen Gott gibt, bitte, lass mich dieses Flugzeug mit einem Rest an Würde verlassen.“

Von all den heiteren Beichten abgesehen: Die Sache zeigt, dass man die Amazon-Reviews, so wie sie technisch aufgebaut sind, von ihren Affordanzen her, fast so verwenden könnte wie Facebook. Sie erzeugen dank der Kommentarfunktion einen kollektiven Gesamttext voller Bezüge und Querverweise. Man kann Kunstwerke daraus erschaffen, wenn man’s richtig anstellt. Nur mal so als Anregung.

Tja. Und damit schließt sich für heute der Kreis. Ich werde vor dem Flug, um ein Trauma zu vermeiden, brav eine Maske anlegen – und nicht mehr als einen Kanten Brot zu mir nehmen. Sicher ist sicher.

bookmark_borderWas ist Doomscrolling?

Seit einigen Wochen wird meine Partnerin von diversen Journalisten-KollegInnen kontaktiert. Alle wollen wissen, was es mit diesem „Doomscrolling“ auf sich hat.

Das Bild oben habe ich selbst gemacht. Es ist natürlich selbstironisch gemeint. Es transportiert alles, was „Doomscrolling“ meint: Man kann nicht aufhören, Social-Media-Inhalte in sich reinzufressen. Und zwar solche, die einem versichern, dass die Welt jetzt endgültig im Arsch ist. Man reagiert womöglich mit Entsetzen.

Wie lange gibt es den Begriff schon? Bei derlei Fragen konsultiere ich stets Google Trends. Dort kann man sehen, wann und wo ein Begriff wie häufig bei Google nachgefragt wurde. Tolles Werkzeug! Hier die entsprechende Grafik zum Thema Doomscrolling (bezogen auf die USA):

Die Grafik besagt: Die Leute in Amerika haben erst ab dem 12. April angefangen, „doomscrolling“ zu googeln. Es handelt sich also um einen Begriff, der erst mit der Pandemie in die Alltagssprache gekommen ist. Für Deutschland gibt es für den April übrigens zu wenige Einträge, um daraus überhaupt eine Grafik bauen zu können. Soll also keiner behaupten: „Wir in Berlin sagen das schon seit Weihnachten.“

Nach und nach sind jedenfalls diverse Artikel erschienen, in denen Nicki ihren Senf zu diesem Tun abgeben durfte. Erst kam was von Fastcompany, dann von Wired. Andere Medien haben auch schon angerufen, aber noch nix veröffentlicht. Die Zitate tauchen jedenfalls jetzt überall im Netz auf. Man schreibt sie einfach ab. Auf Französisch, auf Chinesisch, auf Spanisch. Schon interessant, wie Informationen so durchs Netz wandern.

Fastcompany und Wired machen einen guten Job. Manche der anderen Artikel scheinen mir folgendermaßen zu entstehen: Eine Maschine übersetzt die Arbeit anderer aus dem Englischen in irgendeine andere Sprache. Eine andere Maschine übersetzt sie wieder zurück. So wird aus guten Sätzen ein Haufen Unsinn – und aus der „School of Information“ auf einmal das „College of Files“. Man kichert.

Interessant auch, dass von den KollegInnen kaum wer fragt, ob es Doomscrolling überhaupt gibt. Ist das ein Massenphänomen? Das setzen alle voraus. Es läuft ein bisschen wie früher beim ontologischen Gottesbeweis. Der ging so: Dass wir von Gott reden können, dass wir einen Begriff von ihm haben, beweist, dass es ihn auch geben muss. Wir wissen natürlich längst, dass der ontologische Gottesbeweis Käse ist. Man kann ja auch von einem fliegenden Einhorn reden, ohne dass es fliegende Einhörner gibt. Der ontologische Doomscrolling-Beweis ist genau so Käse. Trotzdem kommt man noch immer damit durch.

Ob Doomscrolling ein Massenphänomen ist, das weiß heute, wenn ich das richtig sehe, kein Mensch. Es gibt keine ordentlichen Studien dazu. Und falls doch, dann habe ich sie nicht gefunden. Alles was wir dazu haben, sind Meinungen. „Educated guesses“, wie die Amerikaner sagen.

Warum doomscrollen wir überhaupt? Meine Lieblingserklärung: Es läuft ein bisschen wie früher im Krieg. Man liest Zeitung, hört Radio – aber man quatscht halt auch über den Gartenzaun mit den Nachbarn. Dort werden anderen Dinge verbreitet. Gerüchte, manche davon wahr, andere unwahr, wieder andere: irgendwo dazwischen. Das sind wichtige Informationen. Kleine Steinchen, mit denen man – im Zusammenspiel mit all den anderen Informations-Trümmern – ein irgendwie passendes Mosaik erstellen kann.

Genau das machen wir vermutlich auch beim Doomscrolling. Es handelt sich um eine Art der kollektiven Weltdeutung. Collective sense-making. Dieses Verhalten wird besonders wichtig in Zeiten, in denen man zum einen nicht weiß, was Sache ist und der es zum anderen um eine Menge geht – womöglich um die eigene Existenz. Weiß man auch schon aus der Psychologie des Gerüchts. Das war schon immer so – schon vor Facebook und Twitter.

Naja. Wenn ich das richtig sehe, ist Doomscrolling nicht mehr als ein Buzzword, ein Modewort, über das man jetzt für ne Weile reden kann. Manchmal hört man so was und denkt: Darüber werden die jungen Leute bald ihre Doktorarbeiten schreiben. Beim Doomscrolling würde ich darauf aber keine großen Summen verwetten.

Aber.

Ich liege bei solchen Dingen oft falsch. Also: Mal abwarten. Und im Juli 2021 wieder danach googeln.

Nicki sagt zu all dem: „Wenn Du das so schreibst, verpasst Du die Chance, etwas Interessantes zu erklären. Doomscrolling ist ein Begriff, der irgendwie hängen bleibt. Das stimmt. Aber warum tut er das? Weil er uns neugierig macht. Er spricht etwas an, womit viele Leute was anfangen können. Das Gefühl, MEHR wissen zu wollen. Unzufrieden zu sein mit den Informationen, die man uns füttert. Aber der Begriff ist zu flach und zu billig. Weil es sich eigentlich um ein ganzes Gewebe von Abläufen und Phänomenen handelt. Das Wort „Doomscrolling“ aber tut so, als sei da nur ein einziger Faden.“

Hm. Vielleicht wird’s in Zukunft doch Dissertationen zu diesem Thema geben …