bookmark_borderNationale Selbstüberschätzung? Gibt’s überall. Aber in Russland vermutlich mehr als anderswo

Ich weiß nicht genau, wie ich es sagen soll, aber seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine hat es mir irgendwie die Sprache verschlagen. So viele Gedanken im Kopf. Aber dann: Wenn alle ne Meinung äußern, neige ich zum Schweigen und warte ab, bis ein Gedanke kommt, den nicht eh schon jeder andere zwei oder drei Mal öffentlich geäußert hat.

Gestern hat mich so ein Gedanke heimgesucht und ich wundere mich, dass er so lange gebraucht hat, um sich bei mir zu melden.

Ende 2020 hab für Psychologie Heute eine Geschichte geschrieben, in der es um kollektiven Narzissmus und nationale Selbstüberschätzung ging. Dieser Tage hab ich mich für ne andere Story wieder mit Selbstüberschätzung befasst und vermutlich hat das meine Erinnerung an diesen Forschungszweig wieder aufgefrischt.

Jedenfalls. Gab es da diese Studie im Journal of Applied Research in Memory and Cognition, wo man in 35 Ländern gefragt hat: Wie groß ist eigentlich der Anteil DEINES Landes an der Weltgeschichte? Am bescheidensten hat dabei die Schweiz abgeschnitten. Die Schweizerinnen und Schweizer waren der Ansicht, dass ihr Land 11,3 Prozent der Weltgeschichte geprägt hat. Das ist ein relativ hoher Wert für ein Land, das 0,11 Prozent der Weltbevölkerung stellt. Man könnte sagen, dass das nationale Selbstbild der emsigen Eidgenossen ungefähr 100 Mal größer ist als das Land selbst. Wie gesagt: Nirgendwo sonst war man bescheidener.

In Deutschland lag die Selbsteinschätzung übrigens bei 30 Prozent der Weltgeschichte – das bedeutet einen Platz im soliden Mittelfeld. Nix, worauf man stolz sein könnte: Es ist ein Wert, der an Wahnsinn grenzt. Ein einziges Land stellt in der Studie einen krassen Ausreißer nach oben dar. Dort war man der Ansicht: „Für mehr als 60 Prozent der Weltgeschichte sind WIR verantwortlich.“

Und wenn man jetzt raten müsste, dann würden die meisten vermutlich auf die USA tippen.

Aber daneben. Dieser Ausreißer nach oben war: Russland.

Tja.

Wenn ich in den Medien diese vage Hoffnung vernehme, dass die russische Bevölkerung ihres geltungssüchtigen Anführers bald überdrüssig werden könnte – dann hab ich da wenig Hoffnung. Klar, man soll nicht voreilig schließen. Aber ich würde mal vermuten, dass man den Leuten dort im Staatsfunk genau das füttert, was sie eh schon glauben.

Genau wie uns halt auch.

Darüber aber dann mehr am Wochenende.

bookmark_borderZahnarzt-Gespräche in den USA laufen entspannter – es liegt an einem Trick mit der Körpersprache

Gestern hab ich hier in Michigan nach meinen Zähnen sehen lassen. Es gibt für alles ein erstes Mal. Oben der Apfel: Das bin ich. Die Knoblauchzwiebel: Das ist die Zahnärztin. Das Bild soll nur nochmal in Erinnerung rufen, wer sich bei einer Zahnbehandlung wo im Raum befindet.

Naja. Viele Dinge laufen beim Zahnarzt ähnlich wie in Deutschland. Andere Dinge laufen anders. Zum Beispiel hängt das Röntgengerät an der Wand im Behandlungszimmer. Man muss – anders, als ich das aus Hamburg kenne – den Behandlungsstuhl für eine Aufnahme nicht verlassen. Ist das besser oder schlechter? Weiß ich auch nicht.

Was mich am meisten überrascht und ins Nachdenken gebracht hat, war aber die Kommunikation der Zahnärztin mit dem Patienten (also mit mir). Es lief irgendwie ganz anders ab, als ich das von zu Hause kenne. Aber was genau war anders? Hat sie sich mehr Zeit genommen? Hm. Vielleicht ein bisschen. Hat sie über andere Dinge gesprochen? Hm, nicht wirklich.

Es war eher so, dass sie sich nicht wie eine Zahnärztin verhalten hat, sondern wie ein ganz normaler Mensch, also ohne eine eng definierte Rolle. Ich konnte im ersten Moment aber nicht sagen, wie genau sie das hingekriegt hat. Es war mehr so ein Gefühl. Aber das Gefühl war sehr präsent.

Über Nacht ist mir der entscheidende Trick dann aber doch aufgegangen – die meisten hätten es vermutlich sofort kapiert: Es lag an ihrer Position im Raum. Die sah nämlich folgendermaßen aus:

Sie (Knoblauchzwiebel) saß auf einem Stuhl auf der LINKEN Seite des Behandlungsstuhls (gefaltete Platzdecke). Und zwar jenseits des Fußendes, also weit mehr als eine Armeslänge entfernt von mir (Apfel). DAS war das ganze Geheimnis. Normalerweise kenn ich das so, dass der Zahnarzt auf der Behandlungsseite sitzt, während wir reden. Er befindet sich sozusagen schon komplett in Behandlungsbereitschaft.

Dieser Tage hab ich mich beruflich mal wieder mit den Versuchen von Iwan Pawlow und seinen Hunden befasst. Man kennt das ja schon: Pawlow läutet eine Glocke, kurz bevor der Hund sein Fresschen kriegt. Nach ein paar Durchläufen produziert der Hund Speichel, sobald die Glocke läutet – auch wenn nirgendwo eine Mahlzeit zu sehen oder zu riechen ist. Man sagt dann: Der Hund wurde auf die Glocke „konditioniert“ (in Wahrheit hat Pawlow nie mit einer Glocke gearbeitet, sondern meist mit einem Metronom, aber egal).

Jedenfalls ist das die ganze Story: Die Zahnärztin rechts des Behandlungsstuhls, keine Armeslänge vom Patienten entfernt – das ist bei mir und vermutlich bei vielen anderen auch ein konditionierter Reiz. Er verheißt Pein und Unbehagen, auch wenn noch gar kein Bohrer summt. Die Zahnärztin auf der LINKEN Seite dagegen, zwei Meter vor mir entfernt – das ist einfach ein Mensch, der sich mit mir unterhält.

Tja. Ich war während des Gesprächs auf eine Art und Weise entspannt, die mich völlig überrumpelt hat. Es hat sich angefühlt, als wär‘ das hier gar keine ernste Sache, sondern einfach eine lässige Unterhaltung am Nachmittag.

So einfach.

So clever.

Ich schreib das hier mal auf. Vielleicht inspiriert es ja jemanden dazu, Dinge in Zukunft anders zu machen. Oder. Vielleicht ist das in manchen Praxen in Deutschland ja heute schon üblich, nur nicht dort, wo ich so abzuhängen pflege. Vielleicht ist meine neue Zahnärztin auch die einzige, die das hier in Michigan so macht.

Ich weiß es nicht.

Aber so war es jedenfalls gestern, und es hat mir gut gefallen.

bookmark_borderUnser Podcast steht zwei Wochen auf Platz eins – und ein paar Gedanken über „Affordanzen“

Seit drei Wochen ist der Podcast draußen, bei dem ich irgendwie mit beteiligt bin. Und ich muss sagen: Es ist eine merkwürdige Erfahrung. Und zwar: wegen der Affordanzen des Mediums.

Aber der Reihe nach. „Sag mal, Du als Psychologin … “ steht jetzt seit zwei Wochen fast ununterbrochen auf Platz eins dieser Audible-Hitliste. Das ist natürlich toll. Denn ich habe eine Menge Arbeit in das Projekt gesteckt (und noch mehr Arbeit wird folgen). Es dauert alles erheblich länger, als ich vorher gedacht habe. Deshalb: Wär schon doof, wenn’s keiner hören würde.

Andererseits ist es auch seltsam und befremdlich. Denn warum steht der Podcast da oben? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht.

Ein Grund ist vermutlich das Ranking selbst. Rankings sind immer unfair und eine sehr einfache und wirksame Form der Manipulation. Nur ein einziger Spieler profitiert davon – nämlich derjenige, der ganz oben steht. Es gibt Untersuchungen dazu. Allein die Tatsache, DASS ein Podcast dort steht, bringt viel mehr Leute dazu, sich das auch anzuhören, was wiederum höhere Klickzahlen bedeutet. Man steht also noch ein paar Tage länger dort oben, mehr Leute klicken usw. Es ist ein sich selbst verstärkender Mechanismus. Er hat dem Podcast, wie ich vermute, jetzt schon viele Hörerinnen und Hörer verschafft, die sich die Sache ohne das Ranking und die damit verbundenen Sichtbarkeit niemals angehört hätten.

Manche davon werden sich denken: „Och, ganz nett, ich hör mal weiter.“ Darüber freu ich mich.

Aber ganz viele werden natürlich auch denken: „Das ist der größte Mist, den ich je gehört habe.“ Denn dafür findet man ja immer einen Grund. Weil die Show zum Beispiel nicht so gut ist, wie sie sein könnte. Oder weil sonst was im Leben gerade schlecht läuft. Jemand hat sogar behauptet, wir hätten uns abfällig über Dialekte geäußert, was mich als alten, auf dem Land aufgewachsenen Badener, als Schupfnudelmacher, Spätzle- und Dampfnudelkoch natürlich schwer trifft. Mein Sohn meint: „Papa, man kann Dir ja ne Menge vorwerfen – aber DAS???“

Ahhhh, Dampfnudeln!

Naja. Egal. Oben hab ich was über Affordanzen gesagt. Das ist ein schillernder Begriff. Die Leute, mit denen ich hier in den USA abhänge, definieren ihn so: Die Affordanz ist eine Möglichkeit, etwas zu machen. Eine „facettenreiche Beziehungsstruktur zwischen einer Technologie und einem Nutzer, welche innerhalb eines bestimmten Kontexts ein bestimmtes Verhalten ermöglicht oder verhindert“. Ja, sie schreiben kompliziert, diese Professorinnen, wenn man sie lässt. Ich formuliere die Sache für mich gröber aber verständlicher: Eine Affordanz ist das, was man in den Augen eines Users alles mit einer Seite anstellen kann. Zum Beispiel … 
… Kommentare hinterlassen
… Kommentare als hilfreich bewerten
… Bewertungen hinterlassen
… Kommentare und Bewertungen lesen
… Bewertungen als Durchschnittszahl sehen
… Durchschnitts-Bewertung in Stern-Symbolen sehen
… sehen, wie beliebt ein Produkt ist … und so weiter.

Die Eidechse sonnt sich auf dem Stein. Aber sie kann sich auch darunter verstecken. „Sonnendeck“ und „Unterschlupf“ sind die Affordanzen des Steins aus Sicht der Eidechse.

Für Sisyphos bestehen die Affordanzen des Steins in seiner Hochrollbarkeit und seiner Eigenschaft, wieder runterzukullern und dabei von oben missmutig bestaunt zu werden. Und vermutlich gibt’s dazu noch die Affordanz des „täglich im Terminkalender Stehens“. Und die Affordanz der ewigen Dauer, denn die Qual des Helden endet nie.

Am Anfang hält man den Affordanz-Begriff noch für eine Luftnummer, doch in Wahrheit ist er wahnsinnig nützlich, vor allem, um soziale Medien zu verstehen. Ich hätte zum Beispiel Snapchat und den Charme dieser App viel früher verstanden, hätte ich damals schon etwas über Affordanzen gewusst. Snapchat hat damals die „Affordanz der Ephemeralität“ eingeführt. Die geteilten Inhalte waren flüchtig und vergänglich, verschwunden nach wenigen Sekunden. Sie waren wie das gesprochene Wort, der Wind weht es davon. Man spricht offener, wenn man weiß, dass niemand heimlich mitschneidet. Das mochten die jungen Leute. Sie konnten schnell irgendwelche Sachen raushauen, ohne später dafür abgestraft zu werden. Das war toll – und Facebook ratzfatz eine Plattform für Erwachsene mit grauen Schläfen.

Naja. Die oben genannten Affordanzen jedenfalls, die Sterne, Bewertungen und Kommentare und all das – kann sein, dass sie jemandem helfen. Mir helfen sie nicht. Ich glaube, dass sie die falschen Anreize setzen. Ich freu mich aber über Emails und Kurznachrichten. Wenn Ihr die Sache gehört habt und über was diskutieren wollt – immer her damit. Ich rede gerne mich Menschen und glaube, dass Gespräche die Welt und uns selber besser machen.

Ansonsten stell ich mir vor, dass manche ihre Freude an unseren Podcast-Unterhaltungen haben und freu mich darüber, so lange ich kann.

bookmark_borderLeidenschaft für Pasta

Wenn man wissen will, was einen von innen her antreibt, dann kann man ins Internet gehen und einen Fragebogen ausfüllen. Der „Charakterstärkentest“ der Uni Zürich dauert ewig und nervt enorm – aber die Ergebnisse können wahnsinnig erhellend sein. Ich habe daraus jedenfalls einige Dinge über mich gelernt, zum Beispiel, dass ich mich wahrhaft und mit unerschöpflicher Energie begeistern kann, wenn jemand anders etwas richtig, richtig toll macht.

Und genau sowas ist mir jetzt wieder mal begegnet. Ich hab jemanden getroffen mit maximaler Leidenschaft für Pasta. Zum Beispiel für diese Pasta hier. Sie befand sich in seinem Familienkühlschrank, er hat sie mir geschenkt.

Und das kam so: Nicki und ich waren in San Francisco auf der SPSP, der wichtigsten Forschungskonferenz für Sozial- und Persönlichkeitspsychologie. Und durch eine Verkettung von Zufällen fand ich mich plötzlich wieder am Abend in einem kleinen Privat-Häuschen, in dem ich außer meiner Partnerin praktisch keinen kannte.

Die Gastgeber hatten eine Dachterrasse, von der aus man über die Bay und die halbe Stadt gucken konnte. Es war sozusagen eine „Bayview“-Terrasse. Die Leute waren alle gut drauf und mit besten Absichten unterwegs.

Und dann bin ich ins Gespräch mit dem Gastgeber Joshua gekommen und wir haben uns, wie das so zu gehen pflegt, auf einmal festgequatscht über gutes Essen, einfaches Essen, ehrliches Essen. Es hat sich rausgestellt: Es ist gelernter Koch. Aber seit ein paar Jahren hat er seine eigene kleine Firma, er macht Vollkornpasta. Angefangen hat die Sache damit, dass er Weizen von irgendwelchen Bauern aus der Gegend gekauft und mit einer Handmühle zu Mehl gemahlen hat. „Ich verstehe nicht, warum nicht alle ihre eigene Handmühle haben“, sagt er. Und wenn ich so drüber nachdenke … dann versteh ich das auch nicht. Mein Kumpel Kai hat eine eigene Mühle und macht sich daraus seine eigenen Haferflocken, was tatsächlich viel, viel besser schmeckt als das Zeug aus Elmshorn.

Joshua hat mir jedenfalls ein paar Packungen aus seinem eigenen Kühlschrank mitgegeben, einfach so zum Probieren.

Ich bin im süddeutschen Spätzle-Gürtel aufgewachsen und habe sowohl in Hamburg als auch Michigan meine eigene Spätzlemaschine in der Küche liegen. Sie bleiben nie lange unbenutzt. Ich bin Traditionalist und rühre Vollkornzeug nicht an.

Eigentlich. Denn DIESES Vollkornzeug hier ist einfach der Hammer. Die Pasta schmeckt intensiv und nach einem Boden, den man selbst mit dem Spaten umgegraben hat. Die Textur ist zart und rund und schmeichelnd. Ich habe nicht gewagt, eine Soße über die Pasta zu kippen. Nur ein bisschen Olivenöl und ein bisschen Parmesan. Es war ganz toll.

Hier hab ich einen Screenshot von Joshuas Homepage gemacht, also: von seiner Firma „Bayview Pasta“. Seht Ihr das Logo auf der Homepage? Es zeigt Joshuas Handmühle.

Und hier noch ein zweiter Screenshot, der Meister im Mehl. Ich hab ihn vollgelabert mit Vermeer, der immer wieder Menschen wie ihn gemalt hat. Menschen, die allein in einem Raum abhängen mit nur einer Lichtquelle und dabei ihrer Aufgabe nachgehen, ihrer Tugend, ihrer Bestimmung. Das gute Leben als Gemälde. Naja.

Man kann seine Sachen nur in San Francisco kaufen, sagt er. Es gab Anfragen von anderswo. „Aber was soll ich das Getreide aus Kalifornien nach sonstwohin fahren lassen? It doesn’t make any sense.“

Jedenfalls … wenn ich Leute wie Joshua treffe, dann ist das Leben schön und ich kann nicht anders, als die Geschichte weiterzuerzählen.

Und morgen geh ich los und kaufe meine eigene Getreidemühle. Vielleicht.

bookmark_borderWer will nen Laden in San Francisco aufmachen?

Gestern nen krassen Spaziergang durch die Oakland Hills gemacht. Man hat da diesen Blick über die San Francisco Bay. Oben auf dem Bild sieht man z.B. die Golden Gate Bridge und rechts davor Alcatraz mitten im Wasser. Es ist wahnsinnig schön hier und ich verstehe, warum so viele Menschen versuchen, sich in dieser Gegend niederzulassen.

Wir sind hier, weil wir der SPSP-Konferenz beiwohnen. Das ist eine Forschungskonferenz, bei der viele schlaue Menschen ihre Studien aus der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie vorstellen. Ich war schon häufiger dabei und hab jedesmal irre viel gelernt und – klar – auch neue Geschichten mitgebracht, zum Beispiel für Psychologie Heute oder P.M.

Seit ner Woche hab ich auch diesen Psychologie-Podcast bei Audible am Start. Er heißt „Sag mal, Du als Psychologin“ und ich unterhalte mich dabei mit Barbara Lich und Muriel Böttger über alle möglichen Psycho-Themen. In Folge eins: über Persönlichkeit. In Folge zwei: über Motivation. Diese Folge ist seit heute abrufbar. Checkt es aus und schreibt mir was dazu. Wir fangen erst an damit und können in Zukunft bestimmt viele Dinge besser machen. Vielen Dank für Eure Hilfe!

Ein Wort über den Zugang: Man braucht ein Audible-Abo, um den Podcast zu hören. Das ist einerseits schade, aber andererseits … kann man auch einfach ein kostenloses Probeabo abschließen und sich einen Reminder für in zwei, drei Wochen in den Kalender schreiben. Dann kündigt man wieder und der Spaß kostet gar nix. Und vielleicht bemerkt man unterwegs, dass einem viele der Sachen dort gefallen und dann bezahlt man halt Geld dafür und macht weiter. Alles ist möglich und wer weiß, wohin es führt.

Jedenfalls: Heute in der Mittagspause einen Spaziergang durch San Francisco gemacht. Ganz stumpf: einfach die Market Street runter zum Fähranleger – wie alle Touristen. Ich hab das schon ein paar Mal gemacht in meinem Leben. Vor zwei Jahren haben Nicki und ich ja ne Weile im Silicon Valley gewohnt, bevor uns die Pandemie von dort vertrieben hat.

Die Gebäude in San Francisco sind immer noch hübsch. Manche von ihnen können reden. Dieses Gebäude zum Beispiel sagt: Der S&P 500 hat einen schlechten Tag.

Ich hingegen habe keinen schlechten Tag, denn ich kann mich draußen bewegen, mir einen Kaffee aus einem der Läden holen, mir ein belegtes Brot kaufen, und das belegte Brot schmeckt ausgezeichnet. Außerdem scheint die Sonne, ich lebe also, wie man so sagt, ein sehr privilegiertes Leben. Daran besteht überhaupt kein Zweifel.

Dennoch komme ich nicht umhin, ein paar Dinge zu bemerken. Zum Beispiel: Vor rund zwei Jahren war hier mehr los. Viel mehr. Wer will nen Laden in San Francisco aufmachen? Keiner! Ich fange irgendwann an, Fotos von all den leerstehenden Läden zu machen. Auf der Market Street gibt es eigentlich keine leerstehenden Läden. Denn dies hier ist eine supersupersupertolle Lage. Zumindest war das vor der Pandemie so. Jetzt hingegen:

Außerdem nehmen die Straßenhändler am Ferry Building nur Bargeld und keine Kreditkarten. Ähhh. Moment. Nein. Es ist genau umgekehrt. Die Straßenhändler nehmen gar kein Bargeld mehr. Es passt alles nicht so richtig zusammen.

Immerhin hab ich hier auf der Konferenz schon ein paar richtig tolle Vorträge gehört.

Über einen der vielen Gründe, warum Frauen seltener als Männer befördert werden.

Über Fake News in den sozialen Medien.

Über ein hammertolles Projekt aus dem Irak, wo man junge Christen und Muslime über gemeinsame Fußballmannschaften wieder miteinander ins Gespräch und sogar in Freundschaften gebracht hat.

Über Interventionen, mit denen man junge Leute dazu bringen kann, weniger zu saufen.

Über Paare während der Pandemie: Wer ist gut durchgekommen und wer nicht (erwartbar: Paare mit Kindern hatten es während der Lockdowns erheblich schwerer als Paare ohne Kinder)?

Dann war da noch dieser wirklich sehr detaillierte Vortrag über die Rolle der Dankbarkeit in romantischen Beziehungen. Ich sehe schon die Überschrift vor meinem inneren Auge: „Wie Dankbarkeit die Liebe stärkt“. Würd‘ ich lesen wollen … aber man weiß nie so richtig, welche Forschungsrichtung am Ende den Zuschlag der Redaktionen kriegt.

Und dann gab’s bei einem der Kaffeehöker noch ne Lebensweisheit to go – ganz umsonst. Life is good.

bookmark_borderPlötzlich hast Du Deinen eigenen Audible-Podcast

Es geht manchmal alles von selbst. Jens Schröder von Geo hat mich gefragt, ob ich nicht mal als Teil eines kleinen Teams was über Psychologie erzählen will. Und – zack! – plötzlich hast Du Deinen eigenen Audible-Podcast!

Jens gehört zu dem Trio, das jede Woche den Podcast „Sag mal, Du als Physiker …“ raushaut – und das inzwischen schon in der sechsten Staffel. Daraus ist über die Jahre ne ganze Podcast-Familie geworden. Das neueste Baby heißt „Sag mal, Du als Psychologin …“. Und seit Donnerstag sind wir damit draußen in der Welt. Ich rede dabei mit der Psychologin Muriel Böttger und der Geo-Journalistin Barbara Lich über alle möglichen Themen: Glück, Dankbarkeit, Kreativität, Lampenfieber, die Liebe – 24 Folgen, jeden Donnerstag kommt ne neue dazu.

In der ersten Folge geht’s um Persönlichkeit. Checkt es aus. Wenn’s Euch gefällt: Hinterlasst ne gute Bewertung. Wenn nicht: Erzählt es mir 😉

Ich finde die Podcast-Arbeit jedenfalls ziemlich aufregend. Es ist ein ganz anderes Spiel als das Schreiben für Magazine, das steht schon mal fest. Es fühlt sich schneller an. Und ich hab das Gefühl, an manchen Punkten trotzdem mehr Tiefe in die Themen zu kriegen. Das Gespräch ist eine gute Literaturform.

Ansonsten hatten wir dieser Tage wieder ein bisschen Neuschnee. Alle möglichen Tiere haben ihre Spuren hinterlassen. Irgendwann schmilzt der Schnee, dann sind die Spuren wieder weg. Der Schnee ist das Medium. Die Spuren sind die Artikel und Bücher, die wir schreiben, die Podcast-Episoden, die wir aufnehmen. Es bleibt alles ein Weilchen, dann ist es wieder verschwunden. Und die Erde dreht sich weiter, weil sie nicht anders kann.

Hier die Tiere – wie gut ist Eure Nase im Spurenlesen?
Hirsch, Waschbär, Truthahn, Katze, Opossum, Kaninchen.
Welcher Abdruck gehört zu welcher Kreatur?
Viel Spaß dabei!

bookmark_borderZuhören ist schwer

Zuhören ist schwer. Sogar wenn ich mit meinen Kinder rede, ertappe ich mich manchmal dabei, wie die Gedanken auf Reisen gehen und sich mit irgendwas ganz anderem befassen. Meine Kinder sind mir sehr wichtig. Und selbst da! Warum ist das eigentlich so?

Neulich hatte ich ein Interview mit einem spannenden Psychologie-Professor hier aus Michigan. Eigentlich wollten wir uns persönlich treffen und einen Spaziergang machen. Aber dann haben die Covid-Zahlen just in der Woche unseres Termins neue Rekordwerte erreicht, also haben wir die Sache über Teams laufen lassen. Schade, aber natürlich viel, viel besser, als gar nicht zu reden.

Ich verfolge die Arbeit von Ethan Kross schon seit einigen Jahren. Gelegentlich hab über einzelne Studien von ihm berichtet. Er hat kürzlich ein Buch darüber geschrieben, das demnächst auch in deutscher Übersetzung erscheint. Und er hat dabei einen Begriff gefunden für diese innere Stimme, die da oben unaufhörlich redet und plappert, ohne Punkt und Komma, wie man bei James Joyce nachlesen kann im 18. Kapitel des „Ulysses“. Dort klingt das dann so über viele, viele Seiten:

I suppose she was pious because no man would look at her twice I hope I’ll never be like her a wonder she didnt want us to cover our faces but she was a welleducated woman certainly and her gabby talk about Mr Riordan here and Mr Riordan there I suppose he was glad to get shut of her and her dog smelling my fur and always edging to get up under my petticoats especially 

So schnattert es da oben. Vielleicht nicht ganz so versaut wie bei Joyce, aber in derselben Grammatik. Und manchmal wird diese innere Stimme zu laut. Sie dreht sich im Kreis. Sie redet die ganze Zeit immer dasselbe. Sie urteilt dann über andere oder uns selbst. Kennt vermutlich jeder. Das sind die Phasen, in denen die innere Stimme nervt. Ethan nennt dieses Phänomen „Chatter“, das „Geplapper“. Es gibt viele Interventionen, um besser damit umzugehen. Man kann das alles in Ethans Buch nachlesen. Er hat einen erstklassigen Job gemacht, „Chatter“ verkauft sich in den USA wie geschnitten Brot.

In unserem Gespräch hat Ethan mich jedenfalls auf etwas aufmerksam gemacht, über das ich bisher nicht genug nachgedacht hatte:

Wir haben nämlich nicht nur eine innere Stimme, sondern auch ein inneres Ohr.

Es redet da oben, aber es hört auch zu. Man nennt dieses Zusammenspiel von innerem Reden und innerem Lauschen die „phonologische Schleife“. Sie frisst, wenn die Stimme zu „Chatter“ wird, jede Menge Speicherplatz im Gehirn – und zwar just an der schwächsten Stelle unseres biochemischen Rechenzentrums: in unserem Arbeitsgedächtnis.

Ich glaube manchmal, dass meine Generation und die Generationen davor sich ihres Arbeitsgedächtnisses stärker bewusst sind, als das bei jüngeren Leuten der Fall ist. Wegen des Telefons. Früher ging das nämlich noch so: Man wollte wen anrufen, schlug die Nummer im Telefonbuch nach – und hatte sie auf dem Weg von Buch zu Festnetzapparat schon wieder vergessen. Man musste also wieder zurücklaufen und nochmal nachschauen. Oder sich die Nummer auf einen Zettel kritzeln. Oder das Telefonbuch zum Telefon tragen. Die Sache war in jeder Variante demütigend.

Als Student hab ich in der ausgezeichneten Vorlesung „Allgemeine Psychologie I“ noch gelernt, dass in unser Arbeitsgedächtnis nur sieben plus/minus zwei Elemente passen. Das war damals noch Lehrbuchmeinung. Heute gehen die Fachleute eher von vier Dingen aus. Mehr Platz ist nicht. Sobald da was Neues hinein will, muss etwas Altes hinaus. Man ist verloren in seinen Gedanken, seinem Chatter, man liest die Telefonnummer, es dauert nur wenige Sekunden, und der innere Gedankenstrom hat die Nummer schon wieder aus dem Speicher hinausgeplappert.

Genau deshalb ist es so schwer, zuzuhören. Weil im Inneren die ganze Zeit jemand gegen das äußere Gespräch anlabert. Und wenn wir Stress haben, zu viel Arbeit, irgendwelche Konflikte, die uns gerade belasten, dann ist das innere Gelaber auf einmal viel stärker und lauter als die Sätze, die von außen in unser Ohr dringen.

Wir leben dann durch unseren Tag wie durch einen Traum. Wir verpassen den Film im Außen durch den Film, der innen läuft. Wir „fahren Filme“, wie man früher gesagt hat.

Wer träumt, ist ein schlechter Zuhörer.

Das hab ich mir jedenfalls vorgenommen heute zum Frühstück: Dass ich 2022 zum Jahr des Zuhörens machen möchte. Weil ich es wichtig finde und ich mir eingestehe, dass es nicht zu meinen Stärken zählt.

Man kann sich das abgucken bei manchen Leuten, die ihr Geld mit klinischer Psychologie verdienen. Von Zeit zu Zeit werden sie das Gespräch unterbrechen und sagen: „Lass mich kurz zusammenfassen, was bei mir angekommen ist, damit wir sehen können, ob ich alles richtig verstanden habe.“

Wenn jemand das schon ne Weile beruflich macht, fühlt sich dieses Unterbrechen fürs Gegenüber ganz geschmeidig, wertschätzen und angenehm an. Wenn jemand erst damit anfängt, klingt es manchmal seltsam und gelegentlich sogar manipulativ. Vielleicht liegt’s auch nicht an der Routine, sondern an der inneren Haltung. Schwer zu sagen. Fest steht: Manche Leute können das ganz ausgezeichnet. Zuhören ist möglich.

Jedenfalls hab ich mir das vorgenommen. Gelegentlich mal den Fluss unterbrechen. Innehalten. Zusammenfassen, was man gehört hat. Und dann weitermachen.

Und wenn meine Story über Ethan und den „Chatter“ fertig ist und irgendwo erscheint, dann sag ich Bescheid. Versprochen.

bookmark_border1000 Liegestütze pro Monat für den Rücken

Seit einigen Jahren mache ich mindestens 1000 Liegestütze pro Monat. Das ist gut für den Rücken und eigentlich für alles und hilft mir sehr. Ab und zu ergibt sich ein Gespräch darüber und die meisten Leute fragen dann nach und interessieren sich sehr dafür. Heute also mal ein Blogeintrag dazu.

Die Sache kam nämlich so: Mit Mitte 30 hatte ich auf einmal große Probleme im dem Rücken. Lendenwirbelbereich. Das Übliche. Es tat sehr weh, hat mir das Leben schwer gemacht und wurde nicht wirklich besser. Davor bin ich über Jahre Marathon gelaufen. Jetzt konnte ich mir an manchen Tagen kaum noch die Schuhe binden. Keine schöne Erfahrung.

Die Probleme sind über mehrere Jahre geblieben. So richtig geändert hat sich die Sache erst, als mein Sohn, er war damals noch im Kindesalter, auf einmal wissen wollte, was man eigentlich tun muss, um einen Sixpack zu kriegen. Mein Kumpel Marvin meinte: „Mach einfach Liegestütze.“ Also haben mein Sohn und ich ein gemeinsames Projekt daraus gemacht.

Wie fängt man an? Marvin meinte: „Du machst jeden Morgen genau zehn Liegestütze. Jeden Tag, direkt nach dem Aufstehen. Eine Woche später machst Du genau eine mehr. Genau eine. Und am nächsten Tag … da machst Du wieder eine mehr. Genau eine. Und das machst Du so lange, bist Du nicht mehr steigern kannst. Und dann machst Du diese Anzahl weiter. Jeden Morgen. So lange, bis Du wieder eine draufpacken kannst.“

Das klang einfach. Zehn Liegestütze waren machbar. Die Regel „gleich nach dem Aufstehen“ hat ganz erstaunlich gut funktioniert. Man musste nicht lange überlegen, einfach machen und – zack! – ging’s in den Tag mit dem guten Gefühl, schon was für sich getan zu haben.

Eine Woche später dann die Steigerung. Auch das ging erstaunlich leicht. Der Trick an der Sache ist vermutlich, dass man sich mit der Methode jeden Tag ein kleines Erfolgserlebnis holt.

Ich war damals schon Anfang 40 und fühlte mich alt. Zu merken: „Hey, Dein Körper reagiert wahnsinnig schnell auf sowas“ – das war einfach toll.

Jedenfalls sind die Liegestütze jetzt seit mehr als zehn Jahren eine gute Gewohnheit geworden. Allerdings gab’s zwei Punkte, an denen sich die Sache verändert hat.

Da war nämlich erstens der Punkt, an dem das einfache Steigern der Morgenration irgendwie uncool wurde. Die Motivation der ersten Monate war plötzlich weg.

Also hab ich mich gefragt: Was will ich eigentlich?

Bestandsaufnahme:
– Der Rücken tut nicht mehr weh.
– Ich habe wieder angefangen, im Verein Tischtennis zu spielen und mich auch sonst wieder mehr und mit mehr Freude zu bewegen.

Will ich neue persönliche Liegestütz-Rekorde aufstellen?
– Nö.
– Ich will weiter schmerzfrei bleiben und mich bewegen können!

Okay, cool. Wie krieg ich das hin?
– Indem ich mir ein Ziel setze, dass ich locker schaffen kann und bei dem ich langfristig dranbleibe.

Also: 35 Liegestütze jeden Morgen.

Das war dann tatsächlich mein Plan. Keine Steigerung mehr, sondern ein Programm, das locker in meinen Alltag passte. Das lief erstmal super über mehrere Jahre.

Aber dann kam irgendwann der zweite Punkt: Ich habe angefangen, mich selbst zu bemogeln. Und zwar so dolle, dass ich es selbst gemerkt habe. Manchmal hab ich die Liegestütze nicht mehr jeden Tag gemacht, sondern nur noch drei, vier Mal pro Woche. Das war nicht genug.

Also wieder überlegt: Was will ich eigentlich? – Immer noch dieselbe Antwort: gesund und schmerzfrei bleiben.

Wie krieg ich das hin? Wie kommt mehr Regelmäßigkeit in meine Übungen? Und zwar so, dass ich die Übungen auch mal ausfallen lassen kann, ohne dass gleich der ganze Plan im Eimer ist?

Ich habe also 35 (meinen eigentlichen Tagessatz) mit den 30 Tagen eines Monats multipliziert: 1050. Hm. Ich könnte ja jeden Tag nach meiner Mini-Einheit einen Eintrag in meinen Kalender machen. Dann immer am Sonntag dazuschreiben, wie viele Liegestütze es bisher im laufenden Monat waren – nur so, um auf dem Laufenden zu bleiben. Und dann zusehen, dass ich am letzten Tag des Monates auf mindestens 1000 komme.

An manchen Tagen hab ich keine Lust. Oder bin mit dem Kopf woanders. Dann mach ich am nächsten Tag eben mehr. Das System ist flexibel und gnadenlos zugleich. Das gefällt mir.

Genau so mach ich das jetzt jedenfalls seit dem 1. Januar 2018. Alles steht im Kalender. Es sorgt dafür, dass ich am Ball bleibe. Der Rücken gibt Ruhe. Die Methode hat mein Leben viel besser gemacht. Und es vergeht eigentlich kein Monat, an dem ich mich nicht mindestens einmal darüber freue wie Bolle. Man darf den Schmerz nicht vergessen, nur weil er grad nicht da ist.

Ja. Nur so, falls es wen interessiert.

Und ansonsten meine Meinung: Gewohnheiten sind die beste Form der Intervention.

bookmark_borderAngeblich können wir 4000 Wörter pro Minute denken

Dies ist eine Landkarte. Wir haben sie am Eingang des Waldes entdeckt, der in der Nachbarschaft rumsteht. Man kann sich damit prima orientieren. Die Landkarte ist ein Bild. Sie ist eine Sammlung von Gedanken. Sie ist viele Gedanken zugleich. Viele Gedanken, die miteinander zusammenhängen. All das macht die Welt um uns her auf einmal erklärbar und verstehbar. Man kommt nicht mehr vom rechten Wege ab. Eine meisterhafte Erfindung. Sie macht, dass ich Stolz empfinde auf die Menschheit und all ihre Hervorbringungen.

Dieser Tage hab ich ein Buch gelesen, das im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung auf den Markt kommt. Geht mal wieder um Psychologie. Darin lese ich von einer Studie aus den 90er Jahren. Es geht um unsere Gedenken. Diese innere Stimme, die da die ganze Zeit vor sich hin plappert. Wie schnell redet diese Stimme eigentlich? Wie schnell können wir denken? Die Studie behauptet, dass wir innerhalb einer Minute 4000 Wörter denken können. Das ist wahnsinnig viel Stoff in sehr kurzer Zeit. 13 bis 14 Buchseiten in einer Minute. Ein ganzer Schinken wie „Krieg und Frieden“ in zwei Stunden. Irre.

Trotzdem fällt mir mal wieder auf, dass es einfach unmöglich ist, sehr viele Fragen in angemessener Tiefe zu durchdenken. Man schafft das immer nur für ein paar Dinge. Bei den meisten anderen Dingen schafft man es nicht. Und dann vergisst man natürlich fast alles wieder. Oder hat es gerade nicht parat. Der Geist ist ein Schreibtisch, bis obenhin zugemüllt mit Büchern, Heften und Aktenordnern. Und klar: Da können immer nur ein paar Bücher, Hefte oder Ordner ganz oben liegen. Den Rest müsste man erstmal suchen, um drin lesen zu können.

Deshalb sind wir wahnsinnig schlau und wahnsinnig dumm zugleich.

Ob die Sache mit den 4000 Wörtern stimmt, weiß natürlich kein Mensch. Die Methode der Studie überzeugt mich nicht besonders. Wenn heute ein Forschungsteam versuchen würde, dieselbe Sachen rauszukriegen, würde vermutlich eine ganz andere Zahl rauskommen. Man darf gerade in den weichen Wissenschaften nicht alles so wörtlich nehmen.

Ne gute Story ist es trotzdem.

Ich brauch noch ein Geschenk für Weihnachten. Oder zwei.

Mein Gehirn braucht für diesen Gedanken nur den Bruchteil einer Sekunde. Aber wenn ich dran denke, dass ich das Zeug auch wirklich besorgen muss, fühle ich mich wie Coco aufm Sofa. Hundemüde.

bookmark_borderAnstrengende Menschen – und warum’s vielleicht ne gute Idee ist, ab und zu mal Psychologie Heute (oder P.M. oder Geo oder brand eins) zu kaufen

Dieser Tage wieder Podcasts aufgenommen. Kommt alles erst im Jahr 2022 und ist für ne neue Show. Ich kann noch nicht drüber reden – aber ich glaube, die Sache wird gut.

Das T-Shirt ist sehr hässlich, der Kauf war reine Notwehr: Bin völlig durchgeschwitzt aus der S-Bahn gekommen und musste schnell ins Studio. Also: Hurtig rein zu C&A, das Ding gekauft und weiter – nur damit meine beiden Mitstreiterinnen später im Studio nicht total von mir zugestunken werden.

Das war in Hamburg und jetzt hab ich halt die nächsten Podcast-Folgen aus Michigan aufgenommen. Das T-Shirt gehört irgendwie zur Familie und deshalb werd ich das jetzt immer tragen, wenn Aufnahmen anstehen.

Dann ein Wort zur Überschrift: Wohlmeinende Freunde erkennen, dass es sich hier um eine so genannte „Text-Bild-Schere“ handelt. Die Headline sagt „anstrengende Menschen“, auf dem Bild darunter sieht man diesen überaus angenehmen und pflegeleichten Zeitgenossen am Mikrofon. Was soll das? Nun, es handelt sich um ein selbstironisches Statement, denn jeder Mensch kann anstrengend sein, ich natürlich auch. Ich glaube, dass in diesem Moment gleich mehrere Menschen wissend nicken werden.

Jedenfalls habe ich für Psychologie Heute Compact gerade eine größere Story über „Schwierige Beziehungen“ geschrieben. Zeile: „Du bist so anstrengend“. Im Vorspann liest man:

Ganz spanend, oder? 20 Leute, die uns auf die Nerven gehen! Vermutlich fallen jedem von uns zwanglos ein paar Namen ein. Ich bemühe in meiner Geschichte ein paar archetypische Vertreter dieser Menschen- bzw. Beziehungs-Sorte:
– Voldemort,
– die kleine Meerjungfrau,
– Kain – und natürlich seinen Bruder Abel; die beiden kriegt man ja praktisch nur im Doppelpack.
Bei schwierigen Beziehungen scheint häufig unsere Kindheit mit im Spiel zu sein. So als Faustregel lohnt es sich, nochmal einen Blick auf alte Geschwisterkonflikte zu werfen, wenn man denn welche hatte. Relativ häufig bringen wir als Erwachsene nämlich dieselbe Show noch einmal auf die Bühne – nur halt mit ner anderen Besetzung. Besonders interessant wird’s dort, wo wir insgeheim glauben: Bei uns wurden nicht alle Geschwister gleichermaßen von den Eltern geliebt. Davon hat nämlich keiner was, auch die „Lieblingskinder“ scheinen nix davon zu haben, wenn man der Forschungsliteratur glauben darf. Die ungleichverteilte Liebe erschafft tendenziell misstrauische Erwachsene. Misstrauen erschafft schwierige Beziehungen. Zumindest tendenziell.

Die komplette Geschichte steht (wie fast immer bei Psychologie Heute) hinter einer Paywall, man muss sie also kaufen. Oder besser noch: gleich das ganze Heft. Und warum auch nicht? Ohne Leute, die das Heft kaufen, gibt’s das Heft bald nicht mehr. Mit den verkauften Heften bezahlt man Leute wie mich, also Leute, die all die Studien lesen, damit Ihr sie nicht lesen müsst. Ein fairer Deal, wie ich finde. Man wird im Übrigen nicht dümmer von der Lektüre. Oder noch besser: Wenn Ihr noch kein Geschenk zu Weihnachten habt, dann schenkt doch ein Jahresabo! Every penny counts.

In der Dezember-Ausgabe von Psychologie Heute ist außerdem gerade ein Interview erschienen, das ich mit Prof. Michael Siegrist aus Zürich geführt habe. Die Überschrift lautet: „Unsere irrationale Liebe zur Natur“. Siegrist erforscht seit Jahren, was wir alles glauben, fühlen und denken, wenn wir von „Natur“ und „Natürlichkeit“ sprechen. Antwort: Wir glauben, fühlen und denken dabei ne ganze Menge. Und vieles davon ist totaler Quatsch. Das hat Folgen. Man kann uns darüber zum Beispiel Dinge verkaufen, die wir eigentlich gar nicht brauchen und wollen.

Auch diese Story steht natürlich hinter einer Paywall. Es hilft alles nix.

Aber ein paar Sachen kann ich vielleicht daraus zitieren, sozusagen als Teaser. Also hier:

„Wir haben dazu eine Studie gemacht. Da haben wir eine Schokomousse gekauft und ein paar Probanden zu einer Verkostung eingeladen. Der einen Gruppe haben wir gesagt: „Da ist natürliches Vanille-Aroma drin.“ Der zweiten: „Da ist künstliches Vanillin drin.“ … Dann haben wir gefragt, wie gut es geschmeckt hat – und einen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen entdeckt. Den Menschen mit dem natürlichen Vanille-Aroma hat die Sache messbar besser geschmeckt als den Menschen mit dem synthetischen Vanillin – obwohl alle genau das Gleiche gegessen haben.

Wir reden auch über die religiösen Motive in unserer „Natürlichkeits-Verzerrung“. Wenn Euch die Sache interessiert, kauft bitte das Heft. Wie gesagt: Ihr haltet damit einen Berufsstand am Leben. Ich sag das übrigens weniger für mich selbst, als es jetzt den Anschein hat. Wenn’s keinen Wissenschaftsjournalismus mehr gibt, dann mach ich halt was anderes. Jobs gibt’s genug (und sie werden meist auch deutlich besser bezahlt). Aber wie gesagt: Im Moment gibt’s Leute, die viele, viele Studien lesen, damit Ihr das nicht machen müsst. Und wer möchte, dass das so bleibt, der wird über einen gelegentlichen Kauf der entsprechenden Produkte nicht herumkommen. Es geht also mehr so ums große Ganze.

So. Musste mal wieder raus.

Bestellt der Person an der Kiosk-Kasse bitte schöne Grüße von mir.

P.S.: Mein Kumpel Kai hat mir gerade die Seite 3 der aktuellen PH-Ausgabe als Handyfoto zugeschickt. Ich stehe offenbar in der Zeitung – mit Foto und intimen Details aus meiner Jugend. Was kommt als nächstes???