bookmark_borderAuch in Ann Arbor gibt’s Proteste

Gestern hab ich noch ein bisschen über die Stadt gelästert und dass man sich eher um die innerstädtischen Fahrradwege kümmert als um die Polizeigewalt im Land. Mais non! Heute steigt tatsächlich eine Demo. Schon die zweite, sogar. Ich nehme also alles zurück: Auch in Ann Arbor gibt’s Proteste. Wir kriegen’s erst eine Stunde vorher mit. Für morgen ist eine weitere Demo angekündigt, bei der der örtliche Polizeichef mitmarschieren will – so wie der Sheriff in Flint/Michigan das bereits am Wochenende getan hat. Das scheinen mir eher bürgerliche Proteste zu sein. Kann mir nicht vorstellen, dass hier irgendwas brennt. Aber man weiß es ja nie so richtig.

Jedenfalls finden sich gegen 13 Uhr auf dem Campus ne Menge Leute ein. Wie viele? Ich schätze: So um die 500. Aber schwer zu sagen. Michigan Radio behauptet, dass es mehr als 1000 waren. Nun. Während wir dort waren: ganz sicher nicht.

Ich sehe überwiegend junge Leute in den 20ern. Fast alle tragen Masken. Man hält Abstand. Gefühlte 90 Prozent der Demonstranten sind Weiße. Die Demo ist ein Spiegel der Stadt selbst. Sonst gehen auch viele Ältere auf derlei Kundgebungen. Es erinnert sie an ihre Jugend und entspricht ihrer Haltung. Heute bleiben die meisten wegen Corona zu Hause. Wer da ist, ruft nach Gerechtigkeit. Und zwar tüchtig laut. „What do we want?“ – „Justice!“ – „When do we want it?“ – „Now!“

Aber niemand muss mir glauben. Bitte sehr:

Es gibt auch eine Rednerliste, aber ich kann die Namen nicht verstehen. Ich verstehe ohnehin so gut wie gar nichts. Denn ich stehe – zugegeben – ziemlich weit hinten. Einerseits. Andererseits haben die Veranstalter es aber auch verabsäumt, eine vernünftige PA-Anlage mitzubringen. Es kommt immer wieder zu „Das Leben des Brian“-Zitaten (das Original: hier bei 1:16). Vorne sagt jemand was. Hinten schreit wer: „LAUTER!“

Und dann die Schilder. Fast alle sind auf die Schnelle entstanden. Ein Stück Karton aus dem Keller geholt und hurtig was mit dem Edding draufgeschrieben. „Black Lives Matter“ scheint mir das Hauptmotiv zu sein. Doch es gibt auch radikalere Aussagen. Bei den meisten handelt es sich um internationale Klassiker. Einige Leute bringen darin ihre generelle Abneigung gegen die Ordnungshut zum Ausdruck. Etwa mit der Behauptung, dass es sich bei „allen Polizisten“ um „Bastarde“ handle („ACAB“).

Andere verbreiten die These „Bullen töten jetzt und lügen später“. Wieder andere behaupten, dass es auf Amerikas Straßen „ohne Gerechtigkeit keinen Frieden“ geben werde.

Eine Rednerin sagt, dass sie keine Gewalt will an diesem Tag. Protest: ja. Randale: nö.

Man lässt auch einen Mann in Uniform sprechen. Ich verstehe kein Wort. Wer ist das? Gehört er zur Polizei? Ein Rätsel. Er spricht zu leise. Ganz am Ende ruft er ein „don’t go crazy“ ins Mikro. Dann Applaus und ab. Später kriege ich im Netz mit, dass es sich um einen farbigen Veteranen der amerikanischen Streitmacht gehandelt hat. Hm.

Ah, hier. Jetzt hab ich ein Bild mit einem der SEHR gebastelten Schilder gefunden.

Ein anderer Redner sagt: „Lasst uns endlich aufhören, Armut zu kriminalisieren.“ Guter Punkt. Als Schwarzer in Amerika bist du vermutlich arm. So rein statistisch betrachtet. Und du landest fünfmal wahrscheinlicher im Knast als ein Weißer. „Niemand sperrt so viele Leute ein wie ‚the land of the free'“, sagt der Mann. Auch korrekt. In Stanford hab ich vor einigen Monaten zum ersten Mal von der „school-to-prison pipeline“ gehört. So wie es bei uns eine gesellschaftlich vorgezeichnete, glatt-„normale“ Standard-Karriere über die Stationen Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, Ausbildung/Studium, Beruf gibt, existiert in den USA noch eine zweite Rutschbahn des Lebens. Und zwar für schwarze Jungs. Sie führt aus der Schule unmittelbar in den Knast. Bei manchen Schulen (etwa in Chicago, wenn ich mich recht entsinne) liegt die Polizeistation direkt im selben Gebäude im Erdgeschoss. Die Jungs werden aus dem laufenden Unterricht heraus verhaftet und gleich eingebuchtet. Manche kommen da nie wieder raus. Oder wenn, dann immer nur kurz. Alles kein Witz. In L.A. gibt es angeblich Stationen der Schulpolizei, die einen eigenen Panzer besitzen. Man kann sich das alles nicht vorstellen. Und man muss es ändern. Aber, so hab ich gehört: Es gibt finanzstarke Kräfte, die alles gerne so belassen wollen, wie es ist. Denn das Gefängnissystem ist big business. Leute werden damit sehr, sehr reich. Es ist natürlich alles noch komplizierter und rede nur so vor mich hin. Eine Schande ist es trotzdem.

Sorry.

Hab mich davontragen lassen.

Der örtliche Senator darf auch noch ein paar Takte sagen. Ich glaube, er macht das gut, aber ich verstehe mal wieder viel weniger als die Hälfte des Gesagten.

Ein Wort noch zur Polizei: Ganz am Rand sehe ich zwei (weiße) Beamte stehen. Ein Mann, eine Frau. Als sich die Protestgemeinde anschickt, durch die Innenstadt zu ziehen, machen wir uns vom Acker. Beim Weggehen sehe ich 200 Meter hinter den Zuschauern zwei weitere (diesmal schwarze) Polizisten. Ein Mann, eine Frau. Interessant.

Wir gehen zwei Blocks zum Wagen. Insgesamt drei Polizeiautos parken am Straßenrand. Alles sehr zurückhaltend. Man hat aber auch, wenn ich das richtig sehe, eher wenig zu befürchten. Trotz der markigen Sprüche auf den Kartons.

Jetzt noch ein Nachtrag am Abend. CNN geguckt. Es ist alles zum Kotzen. Zum ersten Mal beschleicht mich der Gedanke, einer transformierenden Zeit beizuwohnen. Vorher hab ich eher gedacht: In ein paar Tagen sind alle wieder „back to normal“.

Aber.

Ich hab mich in meinem Leben schon oft getäuscht.

bookmark_borderEiner der kaputten Staudämme in Michigan hatte schon vor mehr als zehn Jahren Löcher – die Überschwemmung war das Ende einer verzockten Pokerpartie

Vor einer Woche sind in Michigan zwei Staudämme gebrochen. Rund 10.000 Leute mussten ihr Zuhause verlassen. Die Bilder der zerstörten Straßen und Häuser sind wirklich heftig. Wo vor zehn Tagen noch Seen waren, ist jetzt nur Schlamm. Ich hab schon kürzlich was dazu geschrieben. Das Bild oben ist ein Screenshot aus der entsprechenden Berichterstattung von CNN.

Inzwischen sind eine Menge neuer Berichte zum Unglück dazugekommen. Michigans Gouverneurin Gretchen Whitmer sagt: Staudämme sollten sich in öffentlicher Hand befinden. Für eine US-Politikerin ist das schon ein ziemlich starkes Statement. Außerdem meint sie: Falls sich herausstellt, dass jemand an den Dämmen Mist gebaut hat, werde man die Schuldigen „zur Rechenschaft ziehen“. Klar, das wollen die Leute hören. In westlichen Gesellschaften sucht man bei Katastrophen immer einen Schuldigen. Mal abwarten, was da noch kommt.

Ich hab mich von den Kollegen jedenfalls inspirieren lassen und ein paar alte Zeitungsberichte über die Sache gefunden. Die Sache ist wirklich unglaublich. So floss zum Beispiel schon im Sommer 2010 Sickerwasser durch den altersschwachen Sanford Dam (gebaut 1923 bis 1925). Das ist der untere der beiden Dämme, die jetzt überflutet wurden.

Der Besitzer hat damals behauptet, in größter Geistesgegenwart reagiert zu haben. Er hat mitten im Sommer den Wasserspiegel des Sees gesenkt und den Damm teilweise repariert. Das Ding, so wird er zitiert, würde jetzt halten „bis Mutter Natur sich dagegen entscheidet“.

Das war ein bisschen zu optimistisch gesprochen. Die Bundes-Energiebehörde hat bei einer Untersuchung nämlich bald darauf noch mehr Stellen am Damm gefunden, die man hätte richten müssen. Der Besitzer meinte darauf: Diese zweite Rechnung müssten jetzt die Anwohner bezahlen. Es ging damals um 83.000 Dollar – ein Witz verglichen mit dem, was jetzt an Schaden entstanden ist.

MLive zitiert den Mann im Winter 2011 mit den Worten: „Die Sache ist ganz einfach – wenn Du Mitglied in einem Golfclub bist, dann zahlst Du dafür, dass der Platz in einem akzeptablen Zustand bleibt. Wenn Du an einem See wohnst, der durch ein privates Bauwerk erschaffen wird, dann muss auch jemand für diesen Damm bezahlen.“

Wie das so ist beim Pokern: Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. In diesem Fall ging die Sache für den Besitzer gut aus: Die Anwohner haben den Hut rumgehen lassen und die Rechnung bezahlt. Warum haben die das gemacht? Ganz einfach: Sie wollten wieder Wasser in ihrem Teich haben. Ein Seegrundstück ohne Wasser vor der Tür ist nur der halbe Spaß (und wohl auch nur die Hälfte wert).

Doch die Pokerrunde am Sanford Dam war nur die Generalprobe. Denn der richtig dicke Klops lag ein paar Kilometer weiter flussaufwärts: Am Wixom Lake hatten die Bundesenergiebehörden nämlich ausgerechnet, dass der dortige Edenville Dam einer Jahrtausendflut nicht würde standhalten können. Also wollten sie, dass der Besitzer das Ding sanieren lässt – für angeblich 8 Millionen Dollar. „Hab ich nicht“, hat der Besitzer sinngemäß gesagt (klar: derselbe, dem auch der Sanford Dam gehört).

Warum nicht hier wiederholen, was schon vorher geklappt hat? Der Betreiber des Dammes wollte sich auch hier wieder die Rechnung von den Anwohnern bezahlen lassen. Sein Vorschlag: Er kriegt für jedes Grundstück am See rund 170 Dollar, 20 Jahre lang. Jahr für Jahr. Und was, wenn nicht? Dann, so zitiert ihn die Presse, würden die Bundesbehörden ihn dazu zwingen, den Stausee „in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen“. Mit anderen Worten: Der Mann hat damit gedroht, an der Badewanne den Stöpsel zu ziehen. Die Sache sei keine leere Drohung, sondern „so ernst wie ein Herzinfarkt in New York City“. Schon damals – im Jahr 2013 – hat ein Behördensprecher spekuliert, dass die Sache nicht mehr sei als „ein Bluff“.

War es auch, wie man heute weiß. Vor zwei Jahren haben die Bundesbehörden dem Mann nach langem Hin und Her seine Lizenz zum Strom-Machen entzogen. Tja. Wenn man so einen Damm besitzt, aber kein Geld mehr damit verdienen kann, dann macht man sein Eigentum nicht einfach kaputt. Man holt man sich die Kohle aus anderer Quelle. Genau so kam’s auch. Der Besitzer hat sich mit einem Konsortium (der so genannten „Four Lakes Task Force“, gegründet von den anliegenden Counties) auf einen Verkauf geeinigt. Genauer: auf insgesamt vier Stauseen und die dazugehörigen Dämmefür insgesamt 9,4 Millionen Dollar. Warum hat die Task Force gezahlt? Weil der alte Besitzer gedroht hat, den Wasserspiegel ansonsten um mehr als zwei Meter zu senken. Also wieder dieselbe Masche wie am Sanford Dam. Kein Wasser im See – kein Seegrundstück, kein Spaß, keine Lebensqualität und so weiter. Gut gepokert, kann man da nur sagen: Der gute Mann wäre wohl mit genügend Geld aus der Sache rausgekommen.

Die Task Force hätte sich die Kohle übrigens von den örtlichen Grundstückseigentümern wiedergeholt. Wer ein Grundstück mit Seezugang besitzt, sollte dafür 350 Dollar pro Jahr bezahlen, bei einem Grundstück in der zweiten Reihe immer noch 88 Dollar. Für die Anwohner war die neue Lösung also etwa doppelt so teuer wie das, was der Privatbesitzer angeboten hatte. Dafür hätte sich die Anlage in öffentlicher Hand befunden. Sie hätte sozusagen allen gehört. Das Geld wäre auf die Grundsteuer obendrauf gekommen (Hintergund: Anders als bei uns ist die Grundsteuer in den USA oft ein fettes Pfund; die Kommunen werden damit finanziert und legen den Steuersatz selbst fest; besteuert wird immer der Wert des Grundstücks; es gibt teure Städte und billige Städte; Ann Arbor ist zum Beispiel eine ausgesprochen teure Stadt. Man zahlt für ein Haus sicher über 5000 Dollar pro Jahr; wenn’s ein hochpreisiges Haus ist: über 10.000; kein Witz).

Der Deal sollte jedenfalls bis Januar 2022 über die Bühne gehen. Die Planung für die fällige Dammsanierung wollte man bis Ende 2020 abgeschlossen haben. Jetzt hat „Mutter Natur“ jedenfalls ihr Veto gegen die Sache eingelegt. Die Pokerpartie hat einfach zu lange gedauert.

Wer genau hat sich da verzockt? Im Moment sieht es so aus, als wäre der alte Dammbesitzer der Bösewicht. Aber man weiß das nicht so genau. Ich hab ja nur ein paar Zeitungsartikel gelesen. Okay. Und am Rande mitbekommen, wie im heimischen Aumühle in einem ähnlichen Fall zwischen Politik und Privatbesitzern verhandelt wurde. Bei solchen Projekten, so scheint’s, wird immer mit allen Tricks gearbeitet. Die Detroit News wirft jetzt die Frage auf, ob der obere Damm nur deshalb gebrochen ist, weil der Staat über Sommer unbedingt einen vollen See haben wollte, statt denn Wasserspiegel abzusenken und damit auf den schlechten Zustand des Staudamms zu reagieren.

Fest steht, dass jetzt alles im Eimer ist. Die Dämme und die Seen, viele Häuser, im Grunde das gesamte Tal. Auf der Website der der Task Force heißt es: Der Deal war nicht abgeschlossen und wird unter den derzeitigen Bedingungen auch nicht über die Bühne gehen.

Wie genau das alles ausgeht, werden die Gerichte entscheiden. Irgendwann. Bei dieser Pokerpartie haben ganz sicher jetzt schon alle verloren.

bookmark_borderVerschönerungstag

Heute war hier Feiertag: Memorial Day.
Ich so: „Worum geht’s da eigentlich?“
Antwort: „Wir denken an die Gefallenen in unseren Kriegen.“
Ich so: „An die Vietnamesen?“
Kam nicht gut an, der Scherz. In Zukunft: keine Witze mehr über so was.

Das Klischee über die Deutschen und ihre Feiertage lautet übrigens: „Ihr feiert andauernd irgendwas ‚because someone took a shit hundreds of years ago‘.“

Fest steht, dass der Memorial Day eine große Sache ist. Hat nach dem Bürgerkrieg angefangen und hieß damals „Decoration Day“, weil man da seine lokalen Gefallen-Gräber und Gedenksteine rausgeputzt hat. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde daraus dann der „Memorial Day“ – und ein gesetzlicher Feiertag.

Da es der Familie meiner Liebsten an toten Helden mangelt, haben wir einfach ein neues Kräuterbeet angelegt. Verschönerungstag im Privaten, sozusagen.

Trotzdem fallen mir mal wieder die kulturellen Unterschiede auf. Memorial Day ist immer am letzten Montag im Mai. Was bedeutet er den Kindern? Ich hab nachgefragt. Antwort: „Dass wir da keine Schule haben!“ Ehrlich gesprochen. Unser Volkstrauertag hingegen fällt bekanntlich immer auf einen Sonntag. Also nix mit keine Schule. Entsprechend: weniger Bedeutung. Wir denken da auch nicht an „unsere“ Gefallenen, sondern an die Opfer von Kriegen überhaupt. Sehr humanistisch gedacht, gefällt mir. Die Amerikaner machen das eher so, wie man das bei uns, äh, früher gemacht hat.

Vor rund zwei Wochen hat es hier in Ann Arbor ja noch geschneit. Vergangene Nacht haben wir den Deckenventilator angeschmissen: zu heiß. Heute dann 30 Grad. Aus diesem „Wetter“ soll mal einer schlau werden. Aber keine Klagen: Wir haben draußen unter den Bäumen Abendbrot gegessen und alles war sehr gut.

Heute gegen Mittag hat Nickis Sohn Kai eine Diskussion über den „bias“ in den Medien angezettelt. Seine Meinung: Alle Medien sind parteiisch. Es macht keinen Spaß. Wem soll man da noch glauben? Er denkt jetzt darüber nach, eine vollkommen unparteiische Zeitung an seiner Schule zu starten. „Nur Fakten, nix anderes.“ Das fand ich einerseits beeindruckend und andererseits auch verständlich. Die Medien hier berichten wirklich sehr parteiisch (auch CNN, leider). Nicht zu vergleichen mit dem, was man bei uns so vorgesetzt bekommt.

Ein Beispiel. Dieser Tage ist eine Analyse erschienen, die sich mit den Werbeausgaben von Donald Trump und Joe Biden befasst hat.

Man kann da schön ablesen, dass Joe Biden sehr viel Geld dafür ausgegeben hat, Spitzenkandidat der Demokraten zu werden. Seither hat er sich mit Werbeausgaben eher zurückgehalten. Donald Trump hat in den vergangenen zwei Wochen dagegen mächtig aufgedreht. Unterm Strich hat Biden seit Anfang März trotzdem mehr Geld ausgegeben. Nix Weltbewegendes, aber ganz interessant, oder?

Wirklich schräg wird, was Fox News vorhin daraus gebastelt hat. Fox ist ein Sender, der sehr auf der Seite von Donald Trump steht und es mit der Wahrheit nicht immer sehr genau nimmt. Fox macht aus der obigen Analyse: „Trump gibt im Anzeigenkrieg VIEL mehr Geld aus als Biden„. Wie sie das hinkriegen? Sie zählen nur die zweite Hälfte der Studie. Und schon ist die Story nicht mehr gelogen.

Da schüttelt der Jochen den Kopf und ärgert sich.

Andererseits haben wir neulich die Stadtgrenzen verlassen. 15 Minuten weit auf dem platten Land klebt noch immer dieser Aufkleber. Bush/Cheney 2004. Puh. 16 Jahre her. Wer waren damals die Gegenkandidaten? Wer weiß es noch so frei aus dem Ärmel? Ehrlich gesagt: Ich musste nachsehen. Es waren John Kerry und John Edwards. Die Wahlen von früher sind irgendwie noch länger her als die Zeitungsmeldungen von früher.

bookmark_borderHilft Psychologie beim Regieren?

In Stanford habe ich Prof. Michael Hiscox kennengelernt. Er verbringt hier sein Sabbatical. Michael kommt aus Australien und lehrt eigentlich in Harvard. Vor einigen Jahren hat er die australische Nudging-Einheit aufgebaut. Das sind Leute, die für die Regierung arbeiten. Sie wollen Politik so gestalten, dass sie auch tatsächlich funktioniert – mithilfe von Psychologie.

Das ist Prof. Michael Hiscox

Über Nudging – die Methode der kleinen „Stupser“ – und die entsprechende Forschung dahinter schreibe ich regelmäßig und das schon seit mehr als zehn Jahren. Ich habe fast immer positiv berichtet, weil ich die Methode sinnvoll und fair finde, wenn sie richtig gemacht wird. Innerhalb meiner Zunft gehöre ich damit – zumindest in Deutschland – zu einer Minderheit. Die meisten Kollegen sehen Nudging eher kritisch.

In unserem Interview für die aktuelle Ausgabe von „brand eins/thema“ vergleicht Michael Hiscox das Nudging mit dem Armaturenbrett beim Auto: Wir kriegen ein direktes Feedback darüber, wie schnell wir fahren, wie viel Benzin wir noch im Tank haben usw. Bei manchen Modellen ertönt ein Warnton, wenn wir zu schnell fahren. Bei fast allen hören wir ein Tröten, wenn wir uns nicht angeschnallt haben. All das sind „Nudges“. Sie lassen uns die Freiheit, zu schnell zu fahren. Sie zwingen uns zu nichts. Sie lassen uns auch die Freiheit, den Tank komplett leer zu machen und am Seitenstreifen liegen zu bleiben. Aber sie schaffen für all das ein neues Informations-Umfeld, eine neue „Entscheidungsarchitektur“, die besser angepasst ist an die vielen kleinen Macken und Fehler der menschlichen Psyche. Und – klar – sie machen es damit ein wenig wahrscheinlicher, dass wir uns an die Regeln halten oder rechtzeitig zur nächsten Tanke abbiegen.

Michael Hiscox sagt über die Arbeit für seine Regierung:

„Es war das Aufregendste, das ich in meinem Leben gemacht habe. Ein Traumjob. Ich habe praktisch jeden Tag mit Spitzenbeamten, die für ihre Aufgabe gebrannt haben, über wirkliche Probleme gesprochen, die sie für die Bürger lösen wollten. Und fast immer konnten wir sagen: Hey, ich glaube, wir können euch helfen. Alles, was wir dort gemacht haben, hatte sofortige Konsequenzen für die Arbeit der Regierung.“

Das Interview liegt hinter einer Bezahlschranke. Die gesamte Ausgabe von „brand eins/thema“ kann man hier bestellen und sich (wenn ich das richtig sehe: wegen Corona ohne Versandkosten) nach Hause schicken lassen.

bookmark_border„Any functioning adult“ – Hauptsache ein Erwachsener

Wahlwerbung in Menlo Park

In der Nachbarschaft in Menlo Park haben wir ein interessantes Wahlplakat entdeckt. Wer soll im November Präsident werden? Das Plakat sagt sinngemäß: „Egal wer. Hauptsache nicht der Typ, der den Job gerade macht.“

Am Super Tuesday – gerade zwei Wochen her – waren die Vorwahlen der Demokraten das heißeste Thema in den Medien. Das hat sich geändert. Kürzlich hatten wir ein paar Standford-Leute zu Besuch. Ich so: „Niemand hat sich für die Vorwahlen in Michigan interessiert.“ Die meisten haben protestiert: „Doch, doch, das war doch überall in den Nachrichten.“ In solchen Fällen konsultiere ich dann gerne Google Trends. Dort kann man nachsehen, wie oft ein bestimmter Begriff in einem bestimmten Zeitraum gegoogelt wurde.

Und wenn man sich die USA-Daten im Februar anguckt, dann sieht man, dass die Leute ähnlich häufig nach Bernie Sanders, Joe Biden und nach dem Coronavirus gegoogelt haben.

Die gelbe Linie zeigt die Google-Anfragen nach dem Coronavirus; blau: Bernie Sanders; rot: Joe Biden. Die drei Suchbegriffe haben zumindest ab dem 10. Februar noch einigermaßen in derselben Liga spielten.

Anfang Februar bin ich in San Francisco gelandet. 90 Prozent der anderen Reisenden an der Passkontrolle kamen aus Japan. Alle haben Masken getragen. Das Paar, das hinter mir stand, meinte: „That’s what you do as a good Japanese citizen.“ Corona war zu diesem Zeitpunkt schon eines der ganz großen Themen. Vergisst man gerne.

Meine Warteschlangennachbarn aus Japan. Für unser verwackeltes Selfie haben die beiden ihre Masken abgenommen. Warteschlangen können ganz toll sein. Man kommt mit den Leuten ins Gespräch und lernt eine Menge. Das aber nur am Rande.

In den vergangenen Tagen hat sich die Interessenlage massiv geändert. Corona ist alles. Die „Primaries“ sind nichts.

Gelb: Corona; rot: Biden; blau: Sanders

Am Samstag, habe ich spaßeshalber noch den Suchbegriff „Donald Trump“ mit in die Auswahl genommen. Trump dominiert sonst alles. Heute um 8:00 Uhr haben die Leute 18 Mal häufiger nach Corona gesucht als nach ihm.

Am Samstag, den 14. März 2020 gibt es in Kalifornien eigentlich nur noch das Thema Corona

Am Sonntag lief die TV-Debatte zwischen Biden und Sanders. Für einen kurzen Moment ist Amerika aufgewacht: „Stimmt, da war ja was!“ Mehr Leute haben nach Biden und Sanders gegoogelt als nach Donald Trump. Fernsehen ist noch immer ein mächtiges Medium.

TV-Debatte am Sonntag. Ohne Live-Publikum war’s irgendwie nicht dasselbe

Heute am Montag stehen die USA kurz vor einem Corona-Lockdown. Der Gouverneur von Ohio möchte gar die für Dienstag geplanten Vorwahlen verschieben: Er könne nicht für Gesundheit und Sicherheit von Wahlhelfern und Wählern garantieren. Wenn man sich Google Trends ansieht, wär’s eh fraglich, wie viel Leute an den Wahlurnen auftauchen.

Bernie Sanders? Joe Biden? Fast niemand hat heute die beiden demokratischen Kandidaten gegoogelt. Demokratie funktioniert nicht, wenn keiner hingeht.

Diese Frage könnten uns noch ne Weile beschäftigen: Wie will man ordentliche Wahlen durchführen inmitten einer solchen Krise? Wer profitiert davon? Wem schadet’s? Weiß keiner.
Ich hoffe für November jedenfalls weiterhin auf „any functional adult“: Hauptsache, es wird ein Erwachsener.