bookmark_borderDer teuerste Wahlbrief meines Lebens

Hab dieser Tage den teuersten Wahlbrief meines Lebens verschickt. Und das ging so.

Wie neulich schon erwähnt, sind meine Briefwahlunterlagen am Wochenende hier in Michigan angekommen. Die Papiere aus Hamburg haben eine ganze Weile gebraucht. Ich hatte also nur noch wenig Zeit, sie zurückzuschicken. Wär‘ mit der normalen Post nicht gegangen. Keine Chance.

Also hab ich am Montag bei FedEx angerufen. Der Chef des örtlichen Büros hat einen sehr deutschen Namen und deutsche Wurzeln, weshalb wir uns, um mein Anliegen angemessen abzuhandeln, spaßeshalber meiner Muttersprache bedient haben. Lustig.

Ich so: „Kriegt Ihr die Unterlagen bis Samstag nach Hamburg?“
Er so: „Ja, FedEx kann das. Wird aber nicht billig.“

Also bin ich hingefahren. War dann aber doch nicht so einfach. Denn die Postleitzahl der Kreiswahlleitung Hamburg-Mitte ist bei FedEx nicht im System verzeichnet. Vielleicht handelt es sich um eine temporäre Postleitzahl, die nur bei Wahlen genutzt wird? Man kann bei FedEx jedenfalls nicht einfach ne Postleitzahl draufschreiben und hoffen, dass alles gut geht. Wir haben das Ding dann ans Bezirksamt in der Caffamacherreihe adressiert, ich hab noch einen Aufkleber mit den Worten „Wahlbrief – eilig“ draufgeschrieben (auch damit der Zoll den Brief nicht versehentlich abfängt, was wohl gelegentlich vorkommt).

Tja. Und jetzt hab ich über die FedEx-Seite gesehen, dass der Brief schon am Mittwoch zugestellt wurde. Teufelskerle sind das.

Ich habe also gewählt.

Der Brief hat 75 Dollar gekostet. „You are a good citizen“, hat der Typ hinterm Schalter gemurmelt, und da wollte ich nicht widersprechen.

Was ich eigentlich damit sagen will: Wenn ich von hier aus meinen Zettel in die Urne kriege und dabei so einen Aufstand mache, dann könnt Ihr das auch. Oder?

Jetzt am Sonntag, 26. September, irgendwann zwischen 8 und 18 Uhr.

bookmark_borderWarum Joe Biden die Wahl gewinnt – Besuch bei Gerd Gigerenzer

Vergangene Woche war ich in Berlin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, um Gerd Gigerenzer zu treffen. Er war dort 20 Jahre lang Direktor und ist einer der bekanntesten Psychologen Deutschlands, ach was: der Welt.

Wir haben viel gelacht, auch ein paar Streitpunkte entdeckt und ansonsten über alles Mögliche geredet: Sex, Drugs, Rock’n’Roll, Innovation, psychologische Theorien, ein wenig Klatsch – und natürlich auch über die anstehende Präsidentschaftswahl in den USA.

Gerd Gigerenzer – das muss man vorausschicken – ist ein Freund von Heuristiken. Er sagt: In der Welt gibt es Risiko und Ungewissheit. Risiko meint: Man weiß nicht, wie’s ausgeht, aber man kennt die statistischen Wahrscheinlichkeiten. Beim Würfeln ist das so. Beim Roulette. Sogar beim Schach.

Und dann gibt es noch die Ungewissheit. Die herrscht überall dort, wo man auch nicht weiß, wie’s ausgeht, aber auch die Wahrscheinlichkeiten nicht kennt. Etwa, weil zu viele Faktoren eine Rolle spielen, oder weil das Kräfteverhältnis dieser Faktoren sich permanent ändert, weil die Welt von morgen vielleicht nach anderen Regeln läuft als die Welt von gestern und dergleichen mehr. Das ist zum Beispiel in der Finanzwelt der Fall.

Gigerenzer glaubt: Wenn man die Situation einigermaßen kennt („Risiko“), fährt man am besten mit Big Data, mit Machine Learning und komplizierten Modellen. Wenn die Situation aber chaotisch ist („Ungewissheit“), braucht man einfache und robuste Modelle, so genannte Heuristiken, also Faustformeln, die man leicht verstehen und nachvollziehen kann.

Wir alle erinnern uns an die Wahlprognosen aus dem Jahr 2016. Damals haben alle Modelle einen Sieg für Hillary Clinton vorhergesagt. Gerd Gigerenzer hat mich jetzt auf einen Typen hingewiesen, der damals korrekt auf Trump getippt hat. Und der auch bei allen anderen Präsidentschaftswahlen seit den 1980er Jahren richtig lag. Der Typ heißt Allan Lichtman und ist Historiker. Die Details seiner Prognose für 2020 findet man hier in einem Video der New York Times.

„Lichtman arbeitet nicht mit Big Data, sondern mit einer einfachen Heuristik“, sagt Gigerenzer. Genauer: Lichtman hat 13 „Schlüssel zum Weißen Haus“ identifiziert. Jeder Schlüssel ist eine einfache Aussage, die man mit „wahr“ oder „falsch“ beantworten kann. Wenn sechs oder mehr dieser Aussagen „falsch“ sind, verliert der Kandidat der Regierungspartei.

Ulkig: Den Anfang für Lichtmans Arbeit machte eine ungewöhnliche Begegnung. Lichtman wurde von einem russischen Forscher angesprochen, der bis dahin Erdbeben-Vorhersagen gemacht hatte. Und genau so funktioniert auch Lichtmans Heuristik. Stabilität ist gut für die Regierung. Zu viel Unruhe gleicht jedoch einem Erdbeben – sie reißt ein, was ist und fordert etwas Neues. Naja. Zumindest in der Tendenz.

Jedenfalls prophezeien Lichtmans „Schlüssel zum Weißen Haus“ derzeit: Trump wird verlieren, Biden gewinnen. Und wenn man genauer hinschaut, merkt man: Schuld daran sind weder Trumps Lügen noch Bidens Mitgefühl. Sondern in erster Linie Corona. Ohne die Pandemie hätte Lichtmans Heuristik einen Sieg des Amtsinhabers vorhergesagt. Tja. So kann’s gehen. Zufall regiert die Welt.

„Laut Lichtman gewinnt Biden“, sagt Gerd Gigerenzer. „Falls Trump nicht noch einen Krieg anzettelt. Denn dann sind die Amerikaner geschlossen hinter ihm.“

Man lernt immer was, wenn man interessanten Leuten begegnet.

bookmark_borderLangweilige Lebensbilder

In den sozialen Medien teilen Menschen dieser Tage Schwarzweißbilder ihres Alltags. Spannend. Meine Bilder sind dagegen langweilig – genau so wie weite Teile meines Lebens. Auf Facebook heißt es: Keine Erklärung zu den Bildern. Das geht natürlich nicht. Ich bin ein Mann des Wortes. Oben also: Jochen arbeitet an einem neuen Projekt und verzweifelt daran.

Buddha sagt: Alles ist eins. Geschirr benutzen, Geschirr abwaschen, Geschirr wegräumen, Geschirr benutzen usw.

Buddha sagt … ach, hatten wir schon. Also: Oben der Topf, unten die Schüssel. Alles ist eins.

Aber sauber muss alles sein!

Apropos. Heute hatte ich doch glatte DREI Diskussionen darüber, wer eigentlich die bekanntesten Deutschen sind. Mit meinem Sohn zusammen getippt: Beethoven, Goethe, Hitler (sorry).

Dann zwei Mal bei Leuten aus Michigan nachgefragt. Sie sagen ALLE erstmal Hitler. Unglaublich, eigentlich. Dann kommen nach einigem Nachdenken: Beethoven und Goethe, der für Amerikaner aber schwer auszusprechen ist.

Außerdem hörte ich: Bach, Gutenberg, Wernher von Braun – und Friedrich der Große. Und Angela Merkel. Und Hermann Hesse. Und auf Nachfragen kriegt man auch noch ein Nicken für Thomas Mann. Aber nur, weil man es in Ann Arbor mit verdammten Intellektuellen zu tun hat. Schon Bismarck kennt keine Sau. Auch Schiller nicht. Freud kennen alle. Aber: Österreicher.

Also jetzt. Für Beethoven: das Klavier.

Und weil mit Bach ein zweiter Komponist genannt wurde, schmeiß ich auch noch die Gitarre mir rein.

Außerdem. Die USA sind ein gespaltenes Land. Der gelehrte Richard Florida hat kürzlich gesagt: Wir Amerikaner müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr miteinander reden können. Dass wir über uns viele Dinge niemals werden einigen können. Wir können uns nur darüber einigen, wie man Schlaglöcher repariert. „There’s no republican or democratic way to pave the roads.“ Heißt: Auf lokaler Ebene kann man praktisch nicht unterscheiden, zu welcher Partei ein Bürgermeister eigentlich gehört. Die Erfahrung hab ich in Deutschland auch gemacht. Erst auf Staatsebene laufen die Meinungen so richtig auseinander. Deshalb sollte man mehr Macht von der Zentralregierung abziehen und an die Kommunen, Kreise, Bundesländer geben. Keine Ahnung, ob das so komplett bis zum Ende durchgedacht ist. Aber interessant ist es doch.

Einstweilen leben die Leute halt zusammen wie Hund … 

… und Katze.

Am Morgen trinkt man seinen Kaffee … 

… spät am Abend putzt man sich die Zähne.

Und so wird aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Alles ist eins. Sagt Buddha.

bookmark_borderAmerika ist auch eine Art Religion

Gestern war hier Unabhängigkeitstag. Wir saßen bei Freunden und Bier auf der Terrasse vor dem Haus und haben Musik gemacht, während in der Einfahrt die zwei Jungs ihre Feuerwerkskörper abgefackelt haben. Wir hatten einen sehr schönen Abend. Vor genau einem Jahr war ich auch schon mal hier. Da haben sich hunderte von Leuten im Park versammelt und dann gab’s ein fettes Feuerwerk. In diesem Jahr: alles drei, vier Nummern kleiner. Angemessen! Ab und zu ist ein Auto vorbeigefahren, manche der Fahrer haben kurz angehalten mit heruntergelassener Fensterscheibe und uns ein paar aufmunternde Worte zugerufen wegen der Musik. Fremde Leute anlabern – das ist hier viel üblicher als bei uns und das ist auch ein Grund, warum es mir hier gefällt. Ich laber‘ nämlich auch gerne fremde Leute an.

Einer der Kracher kam in eher fragwürdiger Gestalt daher. Es handelte sich um einen Panzer aus Pappe in den Farben der Nationalflagge, aus dessen Rohr Qualm und bunte Funken nach vorne schossen. Leider vergessen, ein Foto zu machen. Ironischerweise lief das ganze Kracher-Paket unter dem Label „safe & sane“.

Am Abend zuvor die Rede Trumps am Mount Rushmore gehört. Die ganze Veranstaltung trug kirchliche Züge. Amerika ist auch eine Art Religion. Trumps Rede war eine Kriegserklärung und der Anfang des Wahlkampfs im engeren Sinne. Alle paar Sätze ein Codewort, eine in die Erde gerammte Flagge. Er hat einige seiner politischen Gegner schon mal vorsichtshalber zu Feinden Amerikas erklärt. Ganz bedenklich. Ich fürchte: Die Sache wird – trotz eines sehr harmlosen Joe Biden – noch sehr hässlich werden. Trotzdem. Ich hab meine Magisterarbeit ja vor vielen Jahren über Propaganda geschrieben. Und ich muss sagen: Aus dieser Perspektive war das keine ganz ungeschickte Rede. Trump hat eine Reihe konservativer Grundwerte angesprochen, die hier in Amerika vielen was bedeuten. Ich empfehle das Stück allen Lehrern, die was über politische Rhetorik im Unterricht machen wollen. Da gibt’s ne Menge zu lernen und ne Menge zu analysieren.

Und dann das Publikum. Die Leute saßen so eng auf den Stühlen, als gäb’s keine Pandemie. So sahen die Reihen übrigens aus, bevor das Volk aufs Gelände durfte. Design ist alles.

Die allermeisten Leute haben keine Masken getragen. Das ist in den Augen vieler Trump-Anhänger nur was für Weicheier und Feiglinge.

Manche Dinge sind für mich schwer zu verstehen.

bookmark_borderWie teuer ist eine Covid-19-Behandlung in den USA?

Hab in den vergangenen Tagen wieder regelmäßig die NBC-News mit Lester Holt geguckt. Hab ja neulich schon mal über ihn geschrieben. In vielen Staaten der USA gehen die Covid-19-Fälle stark nach oben. Weiß man schon. Klar auch: Das hat Auswirkungen auf die Auswahl der Nachrichten. Es gibt jetzt jeden Tag wieder längere Beiträge zur Pandemie.

Manchmal kommen die interessantesten Infos da so ganz beiläufig daher. Etwa hier: Das Medikament Remdesivir kostet die Patienten ne Menge Geld. Privatpatienten zahlen für eine 5-Tages-Behandlung 3120 Dollar.

Ich hab nachgeguckt. Die US-Behörden empfehlen in ihren Richtlinien für Remdesivir tatsächlich eine fünftägige Behandlung. In einigen Fällen kann man die Behandlung auf zehn Tage ausweiten.

Eine Rechnung von 6240 Euro für ein Medikament? Da zuckt der Europäer in mir kurz zusammen. Die Summe ist jedoch ein Klacks verglichen mit der Rechnung, die ein Covid-19-Patient in Seattle kürzlich bekommen hat. Das Ding war 181 Seiten lang – und belief sich auf mehr als 1,1 Millionen Dollar. Einen Teil der Kosten kriegt der gute Mann von der Krankenversicherung zurück. Ein Skandal ist es trotzdem, wie auch der Guardian treffend festgestellt hat. Im dortigen Kommentar geht es auch um den Fall der New Yorkerin Janet Mendez, die nach ihrer Covid-Genesung auf einer 75.000-Dollar-Rechnung sitzen bleibt, die sie offenbar von keinem erstattet bekommt. Ihre ursprüngliche Rechnung hatte bei über 400.000 Dollar gelegen. „In keiner zivilisierten oder vernünftigen Gesellschaft sollte jemand das durchmachen, was Mendez erlebt hat“, kommentiert der Guardian.

Ansonsten ist man hier ein bisschen geschockt darüber, dass die EU zwar die Grenzen öffnet – nicht aber für US-Bürger.

Beschämt vermerkt NBC, dass man jetzt nicht zu den „guten Ländern“ gehört (Algerien, Australien, Kanada, Ruanda) – sondern zu den nicht so guten (Russland, Brasilien).

CNN erklärt die Sache ganz einfach mit einer Grafik.

Donald Trump scheint das auch nicht so super zu finden. So zeigt ihn NBC.

Auf Twitter gibt er derweil China die Schuld an allem.

Was war noch? Ach so. Mein Handy ist ins Wasser gefallen. Ich war mir schon sicher: Das wird nix mehr (ist schließlich ein etwas älteres Modell). Aber dann hab ich das Ding ein paar Tage lang in Reis gelegt. Jetzt geht’s wieder. Jonny sagt: Der Trick ist uralt. Kann ja sein. Aber wenn er funktioniert, wundert man sich trotzdem.

bookmark_borderZieht Obama nach Ann Arbor?

President Barack Obama is photographed during a presidential portrait sitting for an official photo in the Oval Office, Dec. 6, 2012. (Official White House Photo by Pete Souza)

Es gibt ja überall Gerüchte, egal, wo man sich gerade aufhält. Mein Lieblingsgerücht in den vergangenen Woche: Die Obamas haben sich ein Haus in Ann Arbor gekauft.

So ganz abwegig ist die Geschichte nicht (was ja für fast jedes tüchtige Gerücht gilt). Denn Sasha, die jüngere der beiden Obama-Töchter, studiert seit vergangenem Jahr an hiesigen Uni. Warum also nicht gleich das ganze Team nach Michigan verlegen?

In den sozialen Medien wird immer mal wieder über einen Umzug der Familie spekuliert. Zum Beispiel auf Reddit:

Jemand, der offensichtlich in Immobilien macht, hat sich sogar auf ein bestimmtes Viertel festgelegt. Barton Hills liegt auf der anderen Seite des Sees, über dem ich hier regelmäßig die Sonne aufgehen sehe.

Hübsche Ecke. Man kann da wohl auch Golf spielen. Der Club berechnet eine Aufnahmegebühr von 16.000 Dollar. Der Monatsbeitrag von 701 Dollar kommt obendrauf. Nicht billig. Aber dafür hat man auf dem Platz seine Ruhe. Nach allem, was man so hört.

Immer, wenn ich jetzt in der Gegend unterwegs bin, beginnt das Rätselraten. Welche Hütte ist es denn jetzt? Etwa die da oben? Nein. Vermutlich zu schäbig.

Wie gesagt: Die Sache ist nur ein Gerücht. Aber wer weiß. Vielleicht seh‘ ich ja bald auf der anderen Seeseite Security rumlaufen und Hubschrauber landen. Wenn’s soweit ist, sag ich jedenfalls Bescheid.

Versprochen!

bookmark_borderWie Detroit seine Bürger überwacht – und die Frage: Will man das?

Dieser Tage habe ich zum ersten Mal von einer heftigen, fast chinesischen Überwachungsmethode gehört, mit der die Polizei in Detroit arbeitet – allerdings in einer knallhart kapitalistischen Variante. Die Sache nennt sich „Project Green Light“ und funktioniert so: Als Ladenbesitzer (aber auch: als Schule, Kirche) kauft man sich für 4000 bis 6000 Dollar ein System von Überwachungskameras, dazu kommt ein amtliches grünes Alarmlicht. Das Ding blinkt rund um die Uhr (kein Spaß für die Nachbarn). Jeder kann also sehen: Aha, hier sind Kameras installiert. Die Bilder der Kameras gehen live zur Polizeistation. Dort sieht das Ganze dann so aus:

Derzeit sind knapp 600 solcher Systeme überall in der Stadt installiert.

Es gibt eine offizielle Landkarte, auf der jedes Green-Light-System eingetragen ist.

Die Polizei arbeitet parallel mit einer Gesichtserkennungs-Software, um bei etwaigen Verbrechen sehen zu können, wer die Tat begangen hat. So zumindest die Idee dahinter. Klingt nach einer Überwachung im chinesischen Stil. Allerdings mit dem Twist, dass Firmen und Ladenbesitzer dafür bezahlen. Die Sache ist ein Geschäftsmodell. Den zusätzlichen Schutz durch die Polizei gibt’s nur für diejenigen, die ihn sich leisten können. Man ist bei der (staatlichen) Polizei sozusagen privatversichert. Wär das in Deutschland denkbar? Glaub ich nicht. Aber vielleicht hab ich auch zu wenig Ahnung davon.

Die Technologie der Gesichtserkennung ist ziemlich umstritten. Sie funktioniert nicht besonders gut. Und sie ist rassistisch. Bei Afro-Amerikanern ist die Fehlerrate je nach Algorithmus z.T. 100 Mal höher als bei weißen Gesichtern. Das zumindest ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der US-Regierung. Eigentlich unglaublich, dass man so eine Technologie trotzdem schon im Einsatz hat – vor allem in einer Stadt wie Detroit, in der mehr als 80 Prozent der Einwohner Afro-Amerikaner sind.

Dass die Technologie so fehlerhaft ist, hat vielerlei Gründe. Einer davon: Künstliche Intelligenz ist nur so gut wie die Datensätze, an denen sie trainiert wurde. Wenn man vornehmlich weiße Gesichter in den Trainingsdaten hat, sehen Gesichter mit dunkler Hautfarbe für den Computer sozusagen „alle gleich aus“. Ähnliche Effekte gibt es überall, wo man mit Künstlicher Intelligenz arbeitet. Es ist eines der großen Probleme der Technologie.

Prof. Christian Sandvig von der University of Michigan hat vor einigen Tagen ein Youtube-Video dazu hochgeladen, das er mit der Bürgerrechtlerin Tawana Petty geführt hat. Ich habe das Interview unten verlinkt. Tawana sagt darin: „Am Ende können Leute eingesperrt werden für Verbrechen, die sie nicht begangen haben.“ Sie spricht sogar von „Massenverhaftungen“ Unschuldiger.

Tawana Petty sagt: In einer Stadt in der das mittlere Einkommen bei 27.000 Dollar pro Jahr liegt, senkt man die Kriminalitätsrate, in dem man für bessere Lebensbedingungen und bessere Nachbarschaften sorgt – und nicht, in dem man öffentliche Mittel für noch mehr Überwachung ausgibt.

Eine andere Frage lautet: Hat sich die Sache überhaupt auf das Verbrechen in der Stadt ausgewirkt? Tja. Geht so. Das Projekt läuft seit 2016. Angeblich werden seither weniger Autos geknackt. Einige Ladenbesitzer behaupten, dass sie durch die Kameras mehr Kunden haben und die Leute sich bei ihnen „sicherer“ fühlen (z.B. in den Kommentaren hier). Für den Bürgermeister ist die Sache ein Erfolg. Er träumt davon, die Zahl der Kameras auf 1000 auszuweiten.

Die Sache steht – nüchtern betrachtet – auf sehr wackeligen Füßen. Als Gast aus Deutschland frage ich mich ja bei fast allem hier: Will man das auch bei uns haben? In diesem Fall glaube ich: Man will das bei uns eher nicht haben.

bookmark_borderKeine Ahnung von fast allem

Manchmal steh ich schon vor sechs Uhr auf, um mir den Sonnenaufgang über dem See anzugucken. Die Sonne geht im Osten auf. Das krieg ich gerade noch hin.

Aber ansonsten – da kann man machen, was man will – hat man ja keine Ahnung von fast allem. Stimmt nicht? Gut. Dann heute mal ein bisschen Ernüchterungsunterricht. Es wird eine Art Quiz. Vielleicht macht’s sogar Spaß. Bitte nicht googeln!

Wie viele dieser Fragen könnt Ihr beantworten?

  1. Welche Stadt hat Kaiser Julian beim Feldzug gegen die Sassaniden vergeblich belagert?
  2. Welcher Mönch gründete 695 auf einer Rheininsel im heutigen Düsseldorf ein Benediktinerkloster?
  3. Wann wurde zum ersten Mal die Stadt Salzwedel urkundlich erwähnt?
  4. Wer führte das Heer der Hussiten in der Schlacht bei Aussig im Jahr 1426?
  5. In welcher Schlacht errang Napoleon seinen letzten Sieg?
  6. In welchem Jahr wurde der Prager Pfingstaufstand niedergeschlagen?
  7. Wie nannte man den Kartoffelkäfer im Jahr 1950 in der DDR? (meine persönliche Lieblingsfrage)
  8. Wie hieß der Vorgänger von Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister von Berlin?
  9. Wie hieß die im Jahr 1947 im Saarland eingeführte Währung?
  10. Wann wurde in Japan der Verkauf der Antibabypille erlaubt?
  11. Wann flog die erste Frau ins Weltall?
  12. Wer schrieb die Operette „Hans Max Giesbrecht von der Humpenburg oder Die neue Ritterzeit“?
  13. Wie viele Passagiere überlebten den Untergang der „Drummond Castle“ im Jahr 1896?
  14. Wer war Johan Fredrik Eckersberg?
  15. Wie alt war Johan Fredrik Eckersberg, als der Apachen-Häuptling Geronimo geboren wurde?
  16. Wer hat Schuld am Bloomsday?

Bevor Ihr doch anfangt zu googeln: Alle Antworten gibt es auf der Wikipedia-Seite für den 16. Juni. Man könnte das eigentlich jeden Tag machen und Preise verteilen.

bookmark_borderBürgermeister ist ein beschissener Job

Heute will ich nicht viel schreiben, sondern nur eine Geschichte posten. Besser: ein Video. Vielleicht läuft das in Deutschland überall in den Nachrichten, dann kann ich mir die Sache im Grunde schenken. Aber wenn nicht – ich halte sie für relevant.

Die Szene verrät etwas darüber, wie die Macht der Institutionen hier gerade wankt. Aber auch etwas darüber, dass Bürgermeister ein ganz beschissener Job sein kann.

Der Bürgermeister von Minneapolis hat dieser Tage Polizeireformen erlassen. Die gehen vielen Demonstranten aber nicht weit genug. „Defund the Police“ heißt eine der Forderungen. Heißt: Man zieht sehr viel Geld aus dem Polizei-Etat ab und steckt es z.B. in Sozialprojekte. Gestern ist bei einer Demo das hier passiert:

Hier kann man die Story in der New York Times lesen und das Video sehen.

Hier das Video noch einmal, wie ich es auf Youtube gefunden habe.

Man fragt den Bürgermeister von der Bühne: Wirst Du die Polizei „defunden“, also den Polizei-Etat auflösen?

Er sagt etwas, das schwer zu verstehen ist.

Darauf sinngemäß nachgehakt von der Bühne: Leute, wir wollen das jetzt ganz genau wissen. Dieser Mann hier will nächstes Jahr wiedergewählt werden. Wenn er Nein sagt, wissen wir, was zu tun ist. Also, Bürgermeister, wie ist deine Antwort?

Der Bürgermeister sagt – vor ein paar tausend Leuten, die was anderes von ihm hören wollen: Ich werden den Polizei-Etat nicht auflösen.

Und dann jagt man ihn davon wie in einer Szene aus Game of Thrones. Die Leute skandieren: „Shame, Shame“ – „Schande, Schande“.

Hab das in einem zeitgenössischen Dokument selten so krass gesehen.

Der Mann ist Bürgermeister und mit einiger Macht ausgestattet. Aber in diesem Video steht er vor der Bühne und sieht aus wie ein kleiner Junge.

bookmark_borderDas Klima macht weiter

Sehr heiß heute. 31 Grad. Das Wetter macht einfach weiter. Das Klima auch. Trotz Corona und Massenprotest. Auf der Eisenbahnbrücke über dem Huron River hängen die jungen Leute ab. Ab und an springt wer ins Wasser. Ach, die Jugend!

Heute gab es wie schon gestern einen Protestzug durch Ann Arbor. Der Sheriff hat sogar eine Ansprache gehalten über den Lautsprecher, der zu seinem schicken Polizeiauto gehört.

Es gab auch Gegenproteste: Einige Leute waren nicht damit einverstanden, die Polizei mitlaufen zu lassen. Aber keine Krawalle.

Auf CNN sehe ich eher die brennenden Autos. Komisch. Macht bei mir mehr Adrenalin als die friedliche Demo, bei der ich selber dabei bin. Am Ende ist alles auch Entertainment. Und mein Gefühlsapparat ist ein Teil davon. Beschämend. Aber wahr.

Genau deshalb ist Trump Präsident. Weil er das mit dem Entertainment besser drauf hat als die anderen. Ich muss da auch immer wieder hingucken. Mal sehen, was er heute wieder angestellt hat.

Interessant auch, dass der Trick noch immer funktioniert. Walter Benjamin hat das ja schon in den 1930ern geschrieben: Die Nazis klauen die ästhetischen Mittel aus der Unterhaltung und machen damit Politik. Dass man’s weiß, macht einen nicht immun. Auch bitter.

Habe ich schon erwähnt, dass es heute heiß ist? Man kann da schlechter denken. Irre, dass die Verwaltung und Politik bei all den Krisenthemen überhaupt noch an anderen Projekten arbeiten. Gestern hat man in Ann Arbor zum Beispiel den Plan verabschiedet, die Stadt bis 2030 klimaneutral zu gestalten. Der Autoverkehr soll halbiert werden. Indem man zum Beispiel in allen Vierteln kleine Geschäfte ansiedelt, so dass jeder zum Bäcker und Kaufmannsladen zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommt. Kapier ich. Klingt gut. Auch ein bisschen retro. Mehr Busse soll’s auch geben. Und viel mehr Park&Ride-Parkplätze. Mehr Solarenergie. Klingt gar nicht nach USA, oder? Ann Arbor ist ein bisschen wie Freiburg oder Tübingen. Sehr gebildet. Und behaglich.

Es gibt immer mehrere Gründe, warum man ist, wo man ist.