bookmark_borderTiere, Räuber, Mafia

Das Verbrechen schläft nicht – auch nicht in Nickis Garten. Gestern die Vogelhäuschen neu befüllt. Dabei sind ein paar Kerne und Nüsse daneben gefallen. Achselzuckend alles auf dem Rasen belassen und die Trail Camera daneben geschnallt. Vielleicht kommt ja ein Eichhorn vorbei?

Und tatsächlich:

In der Nacht jedoch hat sich ein Räuber eingeschlichen. Die Maske trägt er nicht wegen Covid-19! Dies ist der erste Waschbär, den ich hier überhaupt zu Gesicht bekomme. Er scheint gut im Futter zu stehen. Seine Figur erinnert mich an meine alte Lateinlehrerin. Die Geschäfte laufen offenbar bestens.

Aha. So frisst also ein Waschbär. Cute!

Im Übrigen hat sich ein Blue Jay (Blauhäher) an die Kerne gemacht. Auch er schreckt vor Raub und Mord nicht zurück: Er räumt gelegentlich die Nester anderen Singvögel aus. Außerdem ist er ein Fälscher, ein Meister der Maske, wie ich einem Artikel aus dem „Ornithologists‘ and Oologists‘ Semi-Annual“ von 1889 entnehme. Dort heißt es: „Seine Immitationskünste sind enorm, wir hörten ihn die Rufe von Buteo borealis (Rotschwanzbussard), B Lineatur (Rotschulterbussard) und Falco sparverius (Buntfalke) mit höchster Akkuratesse nachahmen.“ Er tut also so, als wär er ein gefährlicher Raubvogel, um Konkurrenten zu verscheuchen. Clever!

Der schlimmste Verbrecher scheint mir jedoch der Brown Headed Cowbird (Braundkopf-Kuhstärling) zu sein. Dass er seine Eier in fremde Nester legt, habe ich bereits erwähnt. Das ist charakterlich zweifelhaft, aber vermutlich nicht strafbar. Dieses Video zeigt das Cowbird-Weibchen. Sieht harmlos aus. Fast langweilig. Aber: Das ist alles nur Fassade.

Heute hat mich Nicki nämlich auf ein Forschungspapier aus den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ aufmerksam gemacht, zu dem mir nun gar nichts mehr einfällt. Der Titel heißt übersetzt:
„Vergeltung im Mafia-Stil durch parasitäre Kuhstärlinge fördert die Akzeptanz ihrer Eier durch Wirtsvögel“.
Die Forscher haben nämlich untersucht, was passiert, wenn die geschädigten Vogeleltern (oder mitleidige Vogelfreunde) die ins Nest geschmuggelten Cowbird-Eier entfernen: Die Cowbird-Eltern entdecken, dass ihr Ei fehlt – und verwüsten aus Rache das komplette Nest. Und zwar in 56 Prozent aller Fälle. Die Sache läuft tatsächlich wie bei der Mafia: „Schönes Nest habt ihr da. Wär doch schade, wenn da einer vorbeikommt, und das alles kaputt macht.“ Also seufzen die Wirtsleute und entrichtet das Schutzgeld, in diesem Fall: Sie ziehen das Cowbird-Küken groß und tun so, als wär’s ihr eigenes.

Mehr noch: Manchmal zerstören die Cowbirds auch einfach so die vollen Nester anderer Singvögel. Die müssen dann ein neues Gelege anlegen und schaffen so eine neue Möglichkeit für die Cowbirds, ihr eigenes Ei dazuzuschmuggeln. Sie legen sich sozusagen ihren eigenen kleinen Bauernhof an Wirtsvögel an. „Farming“ sagen die Vogelforscher dazu.

Das Böse ist immer und überall.

bookmark_borderWas hätte Winnetou damit angestellt?

Dieser Tage hat sich eine Schlange durch unseren Garten geschlängelt. Natürlich wieder die Gemeine Strumpfbandnatter, wie wir sie schon neulich mal gesehen haben.

Heute beim Spaziergang im Wald ist uns auch wieder eine begegnet. Den Tieren scheint’s gut zu gehen. Wann wird mir eine einen Apfel anbieten, um mich aus dem Corona-Paradies zu vertreiben?

Ansonsten leide ich derzeit unter gedämpfter Stimmung. Vermutlich, weil mich gerade wieder ein Kalender-Zombie heimsucht: Mein Smartphone behauptet, dass ich gerade eine Reise mit meinem Vater unternehme. Ist ausgefallen wie die Reisen aller anderen Leute. Ja: Man darf sich nicht so anstellen. Und ja: Ich bin gerne in Michigan. Trotzdem doof. Den Trip hätte ich auch gerne gemacht.

Den Wald jedoch kümmert’s nicht. Hier blüht jetzt alles. Zum Beispiel diese schmucke Blume, bei der es sich, wie mir das allwissende Internet verrät, um eine Wilde Geranie handelt. So sagen die Amerikaner. Wir Deutschen sagen „Gefleckter Storchschnabel“ dazu.

Und das bringt mich jetzt zwanglos zu meiner Überschrift. Neulich habe ich mich bei Facebook zu einer dieser „Mir-ist-langweilig-wegen-Corona“-Challenges gemeldet und mich nostalgisch mit meinen Kinderhörspielen befasst. Da hat mir meine Mutter doch glatt ein Bild mit einigen der Platten geschickt, die meine Geschwister und ich uns damals reingezogen haben. Natürlich auch dabei: Winnetou.

Weil’s die meisten der Hörspiele auf Spotify gibt, hab ich mir einige nochmal angehört. Beim Abwasch, Putzen und so. Und ich muss sagen: Ein paar davon sind gar nicht mal so gut, wie ich das in Erinnerung hatte. Auch die Geschichten selbst. Meine Herren. So viele zufällige Wendungen! Ist mir damals alles nicht aufgefallen.

Was Winnetou mit den Schlangen und Blumen zu tun hat? Nun, ich habe im Netz gelesen, dass einige Indianerstämme die Strumpfbandnatter zum Abendbrot vertilgt haben. Angeblich hat man entweder den Schwanz abgeschnitten und gegessen oder die Schlange aufgeschnibbelt und das Fett ausgesaugt. Keine Ahnung, wie das gehen soll. War aber wohl so.

Und die wilde Geranie wurde angeblich als indianisches Heilmittel gegen Hämorrhoiden eingesetzt, die es also, wie ich schließe, auch unter den tapferen Söhnen und Töchtern der Prärie gegeben haben muss.

Bestimmt haben die „Native Americans“ auch gewusst, was man mit diesem mächtigen Baumpilz alles anstellen kann. Ich dagegen weiß es nicht. Man weiß sowieso das allermeiste nicht.

Immerhin: Mit dieser „Gewöhnlichen Nachtviole“, an der Coco schnuppert, hätten auch die Apachen nichts anzufangen gewusst. Gab’s in Amerika nämlich gar nicht. „Dame’s Rocket“, wie die Blume hier heißt, ist eine invasive Art und wird deshalb trotz ihrer Schönheit und ihres lieblichen Duftes von manchen Einheimischen beharrlich ausgerissen und weggesperrt. Was vermutlich vielerlei Gründe hat.

Gerade hat’s angefangen zu regnen. Das ist sehr erfrischend.

bookmark_borderEiner der kaputten Staudämme in Michigan hatte schon vor mehr als zehn Jahren Löcher – die Überschwemmung war das Ende einer verzockten Pokerpartie

Vor einer Woche sind in Michigan zwei Staudämme gebrochen. Rund 10.000 Leute mussten ihr Zuhause verlassen. Die Bilder der zerstörten Straßen und Häuser sind wirklich heftig. Wo vor zehn Tagen noch Seen waren, ist jetzt nur Schlamm. Ich hab schon kürzlich was dazu geschrieben. Das Bild oben ist ein Screenshot aus der entsprechenden Berichterstattung von CNN.

Inzwischen sind eine Menge neuer Berichte zum Unglück dazugekommen. Michigans Gouverneurin Gretchen Whitmer sagt: Staudämme sollten sich in öffentlicher Hand befinden. Für eine US-Politikerin ist das schon ein ziemlich starkes Statement. Außerdem meint sie: Falls sich herausstellt, dass jemand an den Dämmen Mist gebaut hat, werde man die Schuldigen „zur Rechenschaft ziehen“. Klar, das wollen die Leute hören. In westlichen Gesellschaften sucht man bei Katastrophen immer einen Schuldigen. Mal abwarten, was da noch kommt.

Ich hab mich von den Kollegen jedenfalls inspirieren lassen und ein paar alte Zeitungsberichte über die Sache gefunden. Die Sache ist wirklich unglaublich. So floss zum Beispiel schon im Sommer 2010 Sickerwasser durch den altersschwachen Sanford Dam (gebaut 1923 bis 1925). Das ist der untere der beiden Dämme, die jetzt überflutet wurden.

Der Besitzer hat damals behauptet, in größter Geistesgegenwart reagiert zu haben. Er hat mitten im Sommer den Wasserspiegel des Sees gesenkt und den Damm teilweise repariert. Das Ding, so wird er zitiert, würde jetzt halten „bis Mutter Natur sich dagegen entscheidet“.

Das war ein bisschen zu optimistisch gesprochen. Die Bundes-Energiebehörde hat bei einer Untersuchung nämlich bald darauf noch mehr Stellen am Damm gefunden, die man hätte richten müssen. Der Besitzer meinte darauf: Diese zweite Rechnung müssten jetzt die Anwohner bezahlen. Es ging damals um 83.000 Dollar – ein Witz verglichen mit dem, was jetzt an Schaden entstanden ist.

MLive zitiert den Mann im Winter 2011 mit den Worten: „Die Sache ist ganz einfach – wenn Du Mitglied in einem Golfclub bist, dann zahlst Du dafür, dass der Platz in einem akzeptablen Zustand bleibt. Wenn Du an einem See wohnst, der durch ein privates Bauwerk erschaffen wird, dann muss auch jemand für diesen Damm bezahlen.“

Wie das so ist beim Pokern: Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. In diesem Fall ging die Sache für den Besitzer gut aus: Die Anwohner haben den Hut rumgehen lassen und die Rechnung bezahlt. Warum haben die das gemacht? Ganz einfach: Sie wollten wieder Wasser in ihrem Teich haben. Ein Seegrundstück ohne Wasser vor der Tür ist nur der halbe Spaß (und wohl auch nur die Hälfte wert).

Doch die Pokerrunde am Sanford Dam war nur die Generalprobe. Denn der richtig dicke Klops lag ein paar Kilometer weiter flussaufwärts: Am Wixom Lake hatten die Bundesenergiebehörden nämlich ausgerechnet, dass der dortige Edenville Dam einer Jahrtausendflut nicht würde standhalten können. Also wollten sie, dass der Besitzer das Ding sanieren lässt – für angeblich 8 Millionen Dollar. „Hab ich nicht“, hat der Besitzer sinngemäß gesagt (klar: derselbe, dem auch der Sanford Dam gehört).

Warum nicht hier wiederholen, was schon vorher geklappt hat? Der Betreiber des Dammes wollte sich auch hier wieder die Rechnung von den Anwohnern bezahlen lassen. Sein Vorschlag: Er kriegt für jedes Grundstück am See rund 170 Dollar, 20 Jahre lang. Jahr für Jahr. Und was, wenn nicht? Dann, so zitiert ihn die Presse, würden die Bundesbehörden ihn dazu zwingen, den Stausee „in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen“. Mit anderen Worten: Der Mann hat damit gedroht, an der Badewanne den Stöpsel zu ziehen. Die Sache sei keine leere Drohung, sondern „so ernst wie ein Herzinfarkt in New York City“. Schon damals – im Jahr 2013 – hat ein Behördensprecher spekuliert, dass die Sache nicht mehr sei als „ein Bluff“.

War es auch, wie man heute weiß. Vor zwei Jahren haben die Bundesbehörden dem Mann nach langem Hin und Her seine Lizenz zum Strom-Machen entzogen. Tja. Wenn man so einen Damm besitzt, aber kein Geld mehr damit verdienen kann, dann macht man sein Eigentum nicht einfach kaputt. Man holt man sich die Kohle aus anderer Quelle. Genau so kam’s auch. Der Besitzer hat sich mit einem Konsortium (der so genannten „Four Lakes Task Force“, gegründet von den anliegenden Counties) auf einen Verkauf geeinigt. Genauer: auf insgesamt vier Stauseen und die dazugehörigen Dämmefür insgesamt 9,4 Millionen Dollar. Warum hat die Task Force gezahlt? Weil der alte Besitzer gedroht hat, den Wasserspiegel ansonsten um mehr als zwei Meter zu senken. Also wieder dieselbe Masche wie am Sanford Dam. Kein Wasser im See – kein Seegrundstück, kein Spaß, keine Lebensqualität und so weiter. Gut gepokert, kann man da nur sagen: Der gute Mann wäre wohl mit genügend Geld aus der Sache rausgekommen.

Die Task Force hätte sich die Kohle übrigens von den örtlichen Grundstückseigentümern wiedergeholt. Wer ein Grundstück mit Seezugang besitzt, sollte dafür 350 Dollar pro Jahr bezahlen, bei einem Grundstück in der zweiten Reihe immer noch 88 Dollar. Für die Anwohner war die neue Lösung also etwa doppelt so teuer wie das, was der Privatbesitzer angeboten hatte. Dafür hätte sich die Anlage in öffentlicher Hand befunden. Sie hätte sozusagen allen gehört. Das Geld wäre auf die Grundsteuer obendrauf gekommen (Hintergund: Anders als bei uns ist die Grundsteuer in den USA oft ein fettes Pfund; die Kommunen werden damit finanziert und legen den Steuersatz selbst fest; besteuert wird immer der Wert des Grundstücks; es gibt teure Städte und billige Städte; Ann Arbor ist zum Beispiel eine ausgesprochen teure Stadt. Man zahlt für ein Haus sicher über 5000 Dollar pro Jahr; wenn’s ein hochpreisiges Haus ist: über 10.000; kein Witz).

Der Deal sollte jedenfalls bis Januar 2022 über die Bühne gehen. Die Planung für die fällige Dammsanierung wollte man bis Ende 2020 abgeschlossen haben. Jetzt hat „Mutter Natur“ jedenfalls ihr Veto gegen die Sache eingelegt. Die Pokerpartie hat einfach zu lange gedauert.

Wer genau hat sich da verzockt? Im Moment sieht es so aus, als wäre der alte Dammbesitzer der Bösewicht. Aber man weiß das nicht so genau. Ich hab ja nur ein paar Zeitungsartikel gelesen. Okay. Und am Rande mitbekommen, wie im heimischen Aumühle in einem ähnlichen Fall zwischen Politik und Privatbesitzern verhandelt wurde. Bei solchen Projekten, so scheint’s, wird immer mit allen Tricks gearbeitet. Die Detroit News wirft jetzt die Frage auf, ob der obere Damm nur deshalb gebrochen ist, weil der Staat über Sommer unbedingt einen vollen See haben wollte, statt denn Wasserspiegel abzusenken und damit auf den schlechten Zustand des Staudamms zu reagieren.

Fest steht, dass jetzt alles im Eimer ist. Die Dämme und die Seen, viele Häuser, im Grunde das gesamte Tal. Auf der Website der der Task Force heißt es: Der Deal war nicht abgeschlossen und wird unter den derzeitigen Bedingungen auch nicht über die Bühne gehen.

Wie genau das alles ausgeht, werden die Gerichte entscheiden. Irgendwann. Bei dieser Pokerpartie haben ganz sicher jetzt schon alle verloren.

bookmark_borderSchuften wie Bob der Baumeister

In Ann Arbor gibt es zwei Staudämme der höchsten Gefahrenstufe. Einmal den Barton Dam bei uns um die Ecke – und dann den Argo Dam ein paar Kilometer flussabwärts. Das ist der Damm im Bild oben.

Anders als am Barton Dam wird hier kein Strom erzeugt. Der Argo Pond ist eine Freizeitanlage. Man kann dort Baden, Fischen, Rudern und sich ein Paddelboot ausleihen.

Am derzeit geschlossenen Bootsverleih sehen wir ein paar Studenten mit Notizblöcken rumlaufen. Ich brülle also über den Zaun und frage, was das soll. Die Antwort: Sie machen Boots-Inventur. Am kommenden Freitag darf der Laden endlich anlaufen. In ganz Michigan hat es heute insgesamt nur 24 neue Coronafälle gegeben. „Boote kriegt Ihr aber nur nach Vorbestellung.“ Coco freut sich und studiert schon mal die Strecke.

Neben dem Staudamm hat man für viel Geld einen waghalsigen Abzweig gebaut, die so genannten Argo Cascades. Dort lassen sich die Studenten des Sommers in dicken Reifen flussabwärts treiben und haben einen Heidenspaß dabei. Wie man auf dem Schild lesen kann, ist Alkohol hier verboten. Bin mir nicht sicher, wie sehr man sich daran hält. Man darf in vielen Gegenden der USA jedenfalls nicht mit sichtbarem Alkohol in der Hand im Freien rumlaufen. Weil man die Kinder damit auf komische Gedanken bringt. Dieselbe Logik also wie mit den verbotenen Wörtern im Fernsehen. Offener Alkohol im Auto ist ebenfalls verboten („Open Container Rule“). Dafür kann man in Michigan bis zu 90 Tage Knast kriegen. Tja. Kultur ist das, was alle anderen komisch finden und man selber ganz normal.

Jedenfalls wird am Argo Dam seit einigen Wochen gebaut. Wer mit dem Rad aus dem Norden in die Innenstadt wollte, ist immer am Argo See entlang gefahren und dann in Höhe des Dammes wild über die Gleise gestolpert. Jetzt haben sie da endlich einen Tunnel hingesetzt. Geplant wird an der Sache angeblich schon seit mehr als zehn Jahren – der Berliner Flughafen ist überall.

In einem Video kann man sehen, wie sie die Sache letztlich gemacht haben. 37 Stunden Arbeit in weniger als zwei Minuten. Ganz interessant, finde ich. Voll die „Bob, der Baumeister“-Aktion. Können wir es schaffen? Yes, we can!

bookmark_borderDer Dammbruch in Michigan war kein Zufall

Gestern sind im mittleren Michigan zwei Dämme gebrochen. Ich hab die Bilder von den CBS Morgennachrichten gezogen. Midland County – der betroffene Bezirk – liegt knapp 200 Kilometer nördlich von uns. Schlimme Sache. Die umliegenden Dörfer und Städte werden evakuiert, dort steht das Wasser jetzt teilweise mehr als zwei Meter hoch in den Straßen. Die Gouverneurin hat den Notstand ausgerufen.

Auch der Spiegel berichtet über die Sache. Die dort erwähnten „heftigen Regenfällen“ sind eine korrekte Beschreibung dessen, was hier vorgestern los war. Da bin ich nach dem Mittagessen runter zum Huron River gegangen. Das dauert ungefähr vier bis fünf Minuten. Ich hatte meinen Hut auf, Regenjacke und Regenhose an, Gummistiefel sowieso. Hat leider nicht gereicht: Als gerade der halbe Weg vorbei war, hat mein T-Shirt schon nass auf der Haut geklebt. Mann, hat das geschüttet. Der Uferweg unten am Barton Dam steht heute kräftig unter Wasser. Angeblich ist es der höchste Wasserstand seit je (der Staudamm ist übrigens schon mehr als 100 Jahre alt).

Vorhin nochmal mit Coco dagewesen. Sie fand’s ganz lustig, glaub ich.

Man kann wegen der Überschwemmung natürlich sagen: „So ein Pech auch – ausgerechnet jetzt während der Pandemie!“ Das stimmt. Die Umstände sind ungünstig. Dass so viel Wasser auf einmal kommt, ist auch doof. Man hat die ganze Sache einfach nicht kommen sehen. Dies hier ist übrigens der Lagebericht der Behörden vor Ort: Wenige Stunden vor dem Dammbruch war man sich noch sicher, dass mit den Anlagen soweit alles klar geht.

Aber andererseits.

Gibt’s ein paar Leute, die’s halt total haben kommen sehen. Vor zwei Jahren hat der amerikanische Berufsverband der Bauingenieure einen Lagebericht darüber abgeliefert, in welchem Zustand die Infrastruktur in Michigan sich befindet. Straßen, Stromleitungen, Brücken, Abwasserrohre und so Sachen.

Eines der Kapitel befasst sich mit den verschiedenen Staudämmen. Und da liest man dies:

  • Insgesamt haben die Staudämme in Michigan eine 3- bekommen. Nicht gerade eine Bestnote.
  • Es gibt im Staat ungefähr 2600 solcher Dämme. Also viele.
  • Die Dinger sind üblicherweise auf eine Lebenszeit von rund 50 Jahren ausgelegt.
  • Bis zum Jahr 2023 werden mehr als 80 Prozent aller Wehre das Alter von 50 Jahren überschritten haben. Das Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen. Die Bausubstanz ist viel zu alt. Man müsste viele der Wehre abbauen und andere erneuern.
  • 271 Dämme stammen noch aus dem 19. Jahrhundert.
  • 140 der Wehre werden als „Hochrisiko-Dämme“ eingeschätzt. Das sagt nichts über ihren Zustand aus. Sondern darüber, dass es sehr schlimm wird, wenn die Dinger mal brechen sollten (die beiden Staudämme in Midland gehören genau zu dieser Hochrisiko-Kategorie; unser „Barton Dam“ übrigens auch).
  • Pro Jahr brechen in Michigan im Schnitt etwa zwei Dämme. Man kriegt es nur nicht mit, weil sie meist kleiner sind als die beiden, die gerade ihren Geist aufgegeben haben.
  • „Michigan“, so das Fazit, „muss weitere Fortschritte dabei machen, Dämme zu reparieren oder abzubauen.“ Sonst wird’s gefährlich für die Leute, die in der Nähe wohnen.

Das alles klingt schon mal wenig beruhigend.

Richtig übel wird die Sache aber, wenn man sich die Geschichte des Edenville Dam ansieht. Das ist der obere der beiden gebrochenen Dämme. Er befindet sich – wie 75 Prozent dieser Bauwerke – in Privatbesitz.

Am Edenville Dam wird Strom erzeugt. Vor zwei Jahren haben die Behörden den Betreibern aber die Lizenz entzogen. Die Begründung: Die Betreiberfirma habe „viele Jahre lang wichtige Lizenz- und Sicherheitsbestimmungen missachtet“. Die Firma habe das Projekt „13 Jahre lang“ dem Risiko einer Flutkatastrophe ausgesetzt. Wenn man die Tricks und Ausreden der Betreiber liest, kriegt man wirklich einen dicken Hals. Die Behörden sagen schon vor Jahren: Euer Damm hat bei starkem Regen nicht genügend Abflussmöglichkeiten, das ist gefährlich, das müsst ihr reparieren, sonst schalten wir euch ab. Die Firma sagt: Wenn ihr uns ausknipst, lassen wir die Anlage verrotten und dann geht hier gar nix mehr. Sie haben den Staat ganz einfach erpresst. Scheint zu klappen, wenn man auf kritischer Infrastruktur sitzt: Es gab wohl noch eine Alternativtaktik. Die Firma hat irgendwann gesagt: Okay, okay, wir geben nach, wir werden in Zukunft 50 Prozent unserer Einkünfte dafür ausgeben, den Damm in Ordnung zu bringen. Darauf haben die Behörden die nächste Genehmigung erteilt. Aber danach hat die Firma ihr Geld einfach behalten und so getan als wär nix. 2017 wollten sie dieselbe Nummer nochmal durchziehen, sind aber nicht damit durchgekommen. Im Übrigen beschreibt das Papier schon vor zwei Jahren genau das, was jetzt passiert ist: Wenn der Damm bricht, gehen in den Dörfern und der Stadt Midland die Lampen aus.

Der Dammbruch in Michigan war kein Zufall. Denn der Entzug der Lizenz hat natürlich den Damm nicht repariert. Vielleicht ist es besser, kritische Infrastruktur in öffentlicher Hand zu behalten? Das ist in den Sozialen Medien hier gerade eine der Sachen, die man lesen kann. Als Europäer kommt man sich sowieso vor wie ein Sozialist.

Dass das Mutterwerk von Dow Chemical sich im Überschwemmungsgebiet befindet, macht die Sache übrigens auch nicht besser.

Bin gespannt, wie die Gegend da oben aussieht, wenn alles wieder trocken ist. Heute war’s sonnig. Kein Regen angesagt. Immerhin.

Hier: Wie die für alle verlorene Pokerpartie um die beiden Staudämme im Detail abgelaufen ist.

bookmark_borderEs fehlt etwas

Das sind die Kühltürme von Philippsburg. Dort bin ich neun Jahre lang zur Schule gegangen. Das Atomkraftwerk lag gleich ums Eck. Vor ein paar Tagen wurden die Türme gesprengt. Im Fernsehen ist ein Beitrag dazu gelaufen, in dem die Leute von „Wehmut“ sprechen – als hätte man ihnen den Kirchturm weggenommen: Es fehlt etwas, wenn man aus dem Fenster schaut. In den Klassenräumen des Gymnasiums (das – Ironie – vor ein paar Wochen übrigens abgebrannt ist) hat meine Deutschlehrerin mich damals ein Gedicht von Andreas Gryphius auswendig lernen lassen, das ich immer noch mag: „Wo heute Städte stehn, wird eine Wiese sein, auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.“ So ist es jetzt gekommen. Gleich doppelt. Passt alles.

Musste heute an Sebastian Junger denken. Das ist ein amerikanischer Reporter, der mit seinem Buch „The Perfect Storm“ berühmt geworden ist (das später mit George Clooney verfilmt wurde). Anfang der 2000er hab ich Junger mal getroffen, als er in Hamburg war, um sein nächstes Buch zu vermarkten. Interessanter Typ. Er wirkte ein bisschen wie die wetterzerfurchten Fischer, Soldaten und Frontkämpfer, von denen seine Geschichten erzählen: durchtrainiert, mager, hart, melancholisch und seltsam deplatziert in der aufgeräumten Welt des Westens. Vor vier Jahren hab ich dann wieder ein Buch von ihm in die Hände gekriegt. Es hieß „Tribe“ und handelte davon, dass … naja … die Leute sich irgendwie nach Krieg und Krisen sehnen. Und nach dem Zusammenleben in der Stammesgemeinschaft. Frieden und Kleinfamilie, so Junger, sind ein Irrweg und machen nicht glücklich.

In der Coronakrisen hab ich tatsächlich kleine Gesten von Zusammenhalt erlebt. Kollegen von Nicki, die ungefragt Hefe vorbeibringen, Bier, Sauerteigstarter, Hundefutter und dergleichen. Hier in der Straße hat Nicki einen Email- und Telefonverteiler erstellt, damit die Leute sich besser kurzschließen können. Aber das sind Geschichten am Rand, nicht unser Alltag.

Jungers Buch hat eher gemischte Kritiken bekommen. Aber weil ich selbst ein alter Kollektivist bin, hat es mich damals angesprochen. Die Coronakrise ist keine Zeit für die Stammesgemeinschaft. Die Leute leben halt allein oder in der Kleinfamilie. Der Rest der Menschheit ist zur Gefahr geworden, die einem den Tod bringt (oder zumindest eine Krankheit, die sehr unangenehm sein kann). Und obwohl viele sich irgendwie eingerichtet haben, würde ich doch mal behaupten: Es fehlt uns was. Vielleicht der Stamm oder so etwas in der Art? Keine Ahnung.

Auf unserem Spaziergang mit Coco haben wir im Wald eine etwa 80 cm lange Schlange gesehen. Vermutlich handelt es sich um eine Eastern Garter Snake, die im Deutschen den fast schon demütigenden Namen „Gewöhnliche Strumpfbandnatter“ trägt. Harmloses Tier. Kein Gift. Sozusagen die Ringelnatter der neuen Welt. Boring. ABER: eine Schlange. Also viel besser als nichts.

Hier kommen jetzt immer mehr Vögel zu den Futterhäuschen. Nachdem die Nachbarin von 44 verschiedenen Arten berichtet hat, ist uns klar geworden, dass wir mit Petersons schlankem Büchlein „Birds. The concise field guide to 188 common birds of North America“ an unsere Grenzen stoßen. Mal wieder ist das Netz schlauer: Die Seite Ebird.org zeigt sämtliche Arten, die von leidenschaftlichen „Birdern“ in der jeweiligen Gegend gesichtet wurden, die man eingibt. Die Beschreibungen der einzelnen Arten sind reine Poesie. Kein Zweifel: Hier hat die Liebe manchem Vogelfreund die Feder geführt. Ein Beispiel? „Männchen mit elegantem, schwarzem Latz, hellem, rötlichem Nacken und fantastisch gemusterten Flügeln mit glänzendem Beige und Braun.“ Diese Jubelbeschreibung bekommt auf ebird.org kein anderer als der Hausspatz, sozusagen das Graubrot unter den Singvögeln. Bin gespannt, wie viele Vogelarten wir hier noch sehen, jetzt, wo das Netz uns die Augen dafür geöffnet hat.

bookmark_borderEine Wasserpistole, ein Widerspruch und ein bisschen harmloser Natur-Quatsch

Diesen Priester von der St. Ambrose Church in Grosse Pointe Park in Michigan feiert heute die hiesige Tagespresse. Der gute Mann wollte an Ostern Blumen und Sachen segnen, ohne die Regeln des Social Distancing zu verletzen. Also hat er sich – man achte auf seine rechte Hand – irgendwoher eine blaue Wasserpistole besorgt und damit Weihwasser auf die vorbeifahrenden Gläubigen gespritzt. Finde ich hochgradig sympathisch: Spiritualität und Pragmatismus passen manchmal gut zusammen (wie im berühmten Sprichwort „Glaube an Allah, aber binde dein Kamel fest“).

Heute ein bisschen Nostalgie: Vor ungefähr zehn Jahren hab ich für Psychologie Heute eine Forschungskonferenz in Köln besucht und dabei ein längeres Interview mit dem Psychologen David Dunning gemacht. Es ging um „Vertrauen in Fremde“. War ne super Geschichte (ist lange her, ich darf das also sagen; nicht alle Geschichte werden gut). Dunning war freundlich, witzig, schlagfertig. Ein paar Jahre später ist er auch noch an die University of Michigan gegangen. Ich fühle mich dem Mann also verbunden (leider kann ich die Geschichte nicht verlinken, weil sie seit dem Relaunch der PH-Webseite nicht mehr im Archiv zu finden ist).

Außerhalb der Psychologie ist Dave Dunning vor allem durch den nach ihm benannten „Dunning-Kruger-Effekt“ berühmt geworden. Der besagt im Wesentlichen, dass man seine Leistungsmöglichkeiten meist überschätzt, wenn man von einer Sache wenig Ahnung hat. Anders gesagt: Übung und Erfahrung helfen, zu wissen, was man kann. Der Effekt ist sehr oft von sehr vielen Leuten in sehr vielen Studien bestätigt worden (was man weiß Gott nicht von allem sagen kann, was so in den Lehrbüchern der Psychologie steht). Die entsprechenden Arbeiten Dunnings sind mehr als 10.000 Mal von anderen Forschern zitiert worden. Also sehr, sehr oft. In der Popmusik würde man sagen: Das war ein Hit, ein Song nach dem viele Leute tanzen.

Heute musste ich nun mit Entsetzen im Blog von Maximilian lesen, dass es den Dunning-Kruger-Effekt angeblich „gar nicht gibt“. Ich hab mir die Sache also angeguckt und bin jetzt einigermaßen beruhigt. Der Widerspruch stammt von einer einzigen Studie, die danach vor allem von den Autoren selbst zitiert wurde (insgesamt elf Citations). Vielleicht kommt da noch mehr, das weiß man nie. Aber bis es so weit ist, würde ich sagen: Den Dunning-Kruger-Effekt gibt es wahrscheinlich doch. Das kann man weiterhin behaupten, ohne sich zu blamieren.

Jetzt noch ein bisschen harmlosen Natur-Quatsch. Hab mir zum Geburtstag, wie schon berichtet, eine Trail Camera geschenkt. Seit zwei Tagen hängt das Ding hinten im Wald am Stadtrand von Ann Arbor. Vorhin nachgesehen: Da ist doch tatsächlich ein junger Hirsch vorbeigekommen und hat Grünzeug geknabbert. Hier also: ein 15-Sekunden-Video mit maximal unspektakulärer Natur drin. Aber warum soll das Leben der Hirsche auch aufregender sein als meins? „It’s the pandemic, man!“

Ansonsten hat’s heute ne Menge geregnet. Der Fußweg unterhalb des Dammes ist zum Teil überspült. Selten so viel Wasser da runterkommen sehen. Muss man sich das angucken? Nö. Aber wo ich schon mal dabei bin, selbstgeschossene Videos hochzuladen: bitte sehr!

Hier nochmal von oben. In Zeitlupe. Ein 42-Sekunden-Video, bei dem man nach sieben Sekunden schon alles gesehen hat, was es zu sehen gibt. Jawohl, als Kameramann oder Fotograf wäre ich längst verhungert. Na und? Man kann nicht alles können. Kai sagt: Wenn der Dunning-Kruger-Effekt besagt, dass Anfänger sich überschätzen und man von sich behauptet, dass man so gar nix draufhat – dann ist das vielleicht gar nicht so bescheiden, wie es klingt. Kai ist ein schlauer Junge. Hm. Gilt das, was ich hier mache, schon als „humblebrag„? Ach. Es ist kompliziert, dieses Leben.

Was werden Euch eigentlich für Videos angeboten, nachdem Ihr diese YouTube-Filme geguckt habt? Würde mich interessieren. Bei mir: Mr. Bean. Keine Ahnung, woran das liegt. Hab den ewig nicht geguckt. Schreibt mir, please. 🙂

bookmark_borderMuttertag, Tiere und die Erforschung des Wortes F***

Gestern haben wir uns den Film „Best in Show“ angesehen. Ich habe sehr gelacht dabei und weil es in diesem Klassiker des Mokumentary-Genres um Hunde und ihre durchgeknallten Besitzer geht, eröffnet der heutige Blogeintrag mit einem Foto von Coco, aufgenommen durch ein Fernglas. Meiner Meinung nach ist auch sie „the best in show“.

Heute war Muttertag. Mein Eindruck: Der Tag kommt hier deutlich breithüftiger daher als in Deutschland. Mehr Tamtam, mehr Herz, das ganze gestützt durch gehaltvolle Getränke und Speisen. Bis 14 Uhr waren wir schon durch mit selbstgebackenem Kuchen, tüchtig Sekt und Bagels mit Cream Cheese, roten Zwiebeln, Tomaten, Kapern und Räucherlachs. Alles lecker. Hab ich schon mal gesagt, dass Weißwein und Sekt – zur Mittagszeit genossen – den Geist zwei Etagen nach oben heben? Kann man natürlich nicht all zu häufig machen. Trotzdem. Immer wieder erstaunlich (und ja: Am Foto unten kann man sehen, dass a) Food-Fotograf ein Beruf ist und b) ich dafür nie infrage gekommen bin).

Am Vogelhäuschen kam ein seltsamer Vogel vorbei, der im englischen Rose-Breasted Grosbeak heißt und im Deutschen (kannste dir nich ausdenken) den Namen Rosenbrust-Kernknacker trägt. Petersons Tierführer „Birds. The concise field guide to 188 common birds of North America“ preist vor allem die Laute dieses Vogels: „Sein flüssiges Lied klingt wie das einer Wanderdrossel, die Gesangsstunden genommen hat.“

Beim Spaziergang habe ich einen anderen Sänger gehört. Er klang ähnlich verplappert wie die Feldlerche, die ich aus Deutschland kenne. Diesem Vogel wiederum verdanke ich viele Kindheitserinnerungen und habe ihm deshalb zu einigen Auftritten in meinem Roman „Und doch ist es Heimat“ verholfen. Irgendwann hab ich den amerikanischen Sänger zwischen den Blättern ausfindig gemacht. Es war: ein Goldzeisig. Auf Youtube hat jemand sich die Mühe gemacht, eine Tonaufnahme einzustellen.

Ansonsten – selbst wenn man hier nicht so viel davon mitbekommt – muss (oder darf) ich natürlich immer noch arbeiten. Dafür lese ich viele wissenschaftliche Studien und stolpere hier und da über eine Kuriosität. Dieser Tage zum Beispiel über eine „akustisch-pragmatische Analyse implizierter Bedeutung in einer Szene von The Wire“ (hier auf Google Books ab S. 73).

Besagte Szene aus der formidablen US-Krimiserie dauert etwa dreieinhalb Minuten. Die beiden Polizisten McNulty und Moreland untersuchen einen Tatort. Dabei verwenden sie im Wesentlichen nur ein einziges Wort, nämlich das Wort „F***“ – und zwar 37 Mal. Es bedeutet jedes Mal etwas anderes. Wer immer diesen Dialog geschrieben hat: Ich verneige mich in Ehrfurcht. Überzeugt Euch einfach selbst. Vorsicht jedoch: Nicht alle in diesem Video gezeigten Bilder sind harmlos. Wer keine Spuren von Gewalt und Nacktheit sehen will, sollte lieber nicht klicken. Darum geht’s mir aber nicht. Sondern allein um die karge sprachliche Eleganz.

Noch eine Nachricht aus Michigan? Gerne! In der Zeitung stand dieser Tage, dass am Ufer des Lake Michigan das Wrack eines alten Segelschiffes angespült wurde. Es sank in den 1870er Jahren. Erinnert mich mal wieder daran, dass der See nichts mit den Seen in Deutschland zu tun hat. Es ist eher so eine Art Meer. Seien Fläche ist größer als die von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zusammen. Da kann man, wenn’s stürmt, schon mal einen Schoner verlieren. Den Schiffbruch überlebten damals angeblich nur drei Männer.

bookmark_borderDas geheime Misstrauen in das Fremde und das Neue

In Ann Arbor stehen überall in den Parks und Wäldern solche Schilder. Sie verraten, dass die Behörden auf kontrollierte Weise das Grünzeug unter den Bäumen ausbrennen. Damit will man gegen invasive Pflanzen vorgehen. Die Aktion mag berechtigt sein – und doch wittere ich dahinter ein geheimes Misstrauen gegen das Fremde und Neue. Ich ersetze das Wort „Pflanzen“ durch „Menschen“ und bekomme des Satz: „Nicht-einheimische, eingewanderte Menschen können einheimische Menschen zahlenmäßig überflügeln und es diesen schwer machen, zu gedeihen und gesund zu bleiben.“ Anders gesagt: Botanische Immigranten nehmen den einheimischen Pflanzen die Arbeitsplätze weg. Und die Frauen!

Einer dieser Umvolkungsgrünlinge ist die Knoblauchsrauke. In Europa ist sie angeblich das älteste Gewürz überhaupt. Hier in Ann Arbor wuchert sie wirklich überall und ist in dieser Jahreszeit das dominante Kraut auf vielen Lichtungen. Die Geschichte dieser Pflanze ist ganz ulkig. Sie kam vor mehr als 200 Jahren in die USA. Und zwar mit Absicht: Europäische Einwanderer haben sie mitgebracht. Jetzt breitet sie sich munter aus und macht Probleme, weil einheimische Tiere und Insekten sie nicht vertragen und davon Magenschmerzen kriegen.

Wenn man sich vorstellt, dass die Pflanze schon hier war, bevor Ann Arbor gegründet wurde von, ähm, europäischen Einwanderern, dann stimmt einen die ganze Aktion aber irgendwie nachdenklich. Manchmal frage ich mich, ob die Leute damit irgendwas kompensieren wollen. Kann natürlich sein, dass ich mich irre.

Angst vor dem Fremden und Neuen haben die hiesigen Singvögel offenbar nicht. Sollten sie aber. Wegen dieser Halunken hier.

Das sind zwei Braunkopf-Kuhstärlinge, Monsieur und Madame, ein Paar wie Bonnie and Clyde: Die beiden stecken voller krimineller Energie. Sie machen es wie der Kuckuck: Abwarten, bis die kleineren Singvögel auf Nahrungssuche sind, flugs die Eier im Nest getauscht – und dann ab an den Strand zum Chillen. Aber beim Fressen, da sind sie immer die Ersten!

Auch in Nickis Haus ist es über Nacht zu einem kriminellen Akt gekommen. Jemand hat den Sack mit dem Vogelfutter angeknabbert und daraus ein paar Sonnenblumenkerne geklaut.

Mal sehen, ob wir auch den Fall ebenso leicht lösen können wie das „Verbrechen am Waldrand“ vor zwei Wochen.

Der überführte Täter von damals hat sich gestern bis auf wenige Meter ans Haus gewagt. Dreistes Volk, diese Hirsche, deren Anzahl sich hier in der Gegend seit 1980 übrigens verfünffacht hat. Verbrechen scheint sich also doch zu lohnen.

Beim Spaziergang hat ein Carolinaspecht das Totholz beackert. Tut nix zur Sache, ich weiß, aber der Kerl sieht irgendwie hübsch aus.

Dasselbe gilt für diesen sehr blauen Indigofink, der noch dazu unscharf geworden ist. Mir egal. Der Bursche ist ebenso schön wie scheu und deshalb meist schon fort, ehe man sein Handy gezückt hat. Also darf er heute mal mitspielen. Ich will eigentlich nur beweisen, dass der Kerl hier im Garten vorbeigeschaut hat.

Gestern im Wald beinahe über ein paar Morcheln gestolpert. Die Michiganders behaupten: Das ist der leckerste Pilz, den die hiesigen Forste zu bieten haben. Diese Exemplare standen aber direkt am Bahndamm und deshalb misstraue ich den Inhaltsstoffen.

Ansonsten ist es sehr kalt geworden – selbst für hiesige Verhältnisse ist das ungewöhnlich. Im Radio hieß es, dass wegen der Fröste zehn bis zwanzig Prozent der Ernte ausfallen werden. Als ich vorhin aus dem Fenster geschaut hab, hat’s kurz geschneit. Dazu fällt mir nun wirklich nichts mehr ein. Ich hatte mir fest vorgenommen, nächste Woche hoch zum See zu laufen und reinzuspringen. Das werde ich mir jetzt wohl verkneifen.

Zum Abschluss noch ein paar Sätze zur Lage in Michigan und ein bisschen Volkshochschule. Die Form des Staates (ohne die Upper Peninsula) erinnert an einen Winterfäustling. Wenn zwei Michigander einander begegnen und fragen, woher man kommt, dann heben sie die linke Hand und zeigen mit der rechten, wo auf der Hand der eigene Heimatort zu finden ist. Finde ich ganz toll (zeigen die Italiener in solchen Fällen eigentlich auf ihren Stiefel? Keine Ahnung).

Der rote Punkt im Bild steht für ein Städtchen namens Owosso, das in den vergangenen Tagen einige mediale Aufmerksamkeit erfahren hat. Dort lebt nämlich ein renitenter Friseur, der trotz Corona-Verordnung am Montag seinen Salon wiedereröffnet hat. Seither geht die Sache hin und her. Er kriegt ein Ticket. Er macht am nächsten Tag wieder auf. Leute kommen von außerhalb, um sich bei ihm die Haare schneiden zu lassen, angeblich versammeln vor seinem Geschäft mehrere Demonstranten. An markigen Sprüchen fehlt es auch nicht. Der Mann sagt, er werde den Laden erst schließen, „wenn Jesus hier persönlich reingestiefelt kommt oder sie mich einsperren.“ Seine Gerichtsvorladung hat er angeblich schon bekommen. Liest alles sehr nach Wild West, wenn ich mich nicht irre.

Außerdem ist morgen Muttertag, weshalb ich hier schon mal meine Mutter grüße, der ich leider schon wieder keinen Kuchen backen kann.

Dafür hab ich Kai geholfen, für Nicki einen zu backen.

Irgendwer profitiert immer. 😉

bookmark_borderSo läuft der Hase: Die Krankenhäuser retten die Leute – und gehen dabei pleite

Vorhin ist hier ein Kaninchen durch den Garten gehoppelt.

Kürzlich hab ich geschrieben, dass in Texas die kleinen Landhospitäler finanzielle Probleme haben. Das fand ich schon bedenklich. Heute aber hat die hiesige Uniklinik eine Pressemeldung rausgegeben, die mir die Socken ausgezogen hat.

Da steht in etwa dies: Die Mediziner haben alle Hände voll damit zu tun, die Corona-Fälle zu versorgen. Alles andere pausiert. Weil „alles andere“ aber die Kohle bringt, rechnet die Uniklinik in Ann Arbor nun mit einem Jahresverlust von 230 Millionen Dollar.

Und um das verlorene Geld wieder reinzuholen, wird die Klinik jetzt 1400 Vollzeitkräfte entweder entlassen oder in Zwangsurlaub schicken.

Das liest sich alles so locker weg. Aber kann mich mal jemand kneifen? Das ist, als würde das UKE in Hamburg auf einmal mehr als tausend Mitarbeiter feuern. Zack! Kann man sich das vorstellen? Eigentlich nicht. Bedenklich ist es außerdem: Wenn ein Riese wie Michigan Medicine wankt, dann will ich nicht wissen, wie es um all die schwächeren Institutionen steht.

Denn man muss wissen: Die Klinik der University of Michigan ist in der Tat ein Gigant. Sie gehört in vielen Rankings seit Jahren zu den zehn besten Krankenhäusern der USA – und das will was heißen. Denn mit der Gesundheit ist es hier wie mit den Unis insgesamt: Unten ist alles ziemlich bescheiden, in der Breite ist alles ganz okay – aber ganz oben, da sind sie Weltklasse.

Und natürlich läuft das hier im Land gerade überall so. Die Washington Post hat gestern groß darüber berichtet: Mehr als 200 Krankenhäuser in den USA haben wegen der Krise schon im großen Stil Mitarbeiter nach Hause geschickt. Und das wird in den kommenden Tagen und Wochen einfach so weiter gehen. All das passiert nicht, weil man diese Leute nicht mehr braucht. Es passiert, weil man sie nicht mehr bezahlen kann.

Die Krankenhäuser retten die Leute und gehen dabei pleite. Für einen kollektivistisch denkenden Menschen wie mich ist das nichts anderes als eine Sauerei. So darf man sein Land nicht organisieren.

Die Zeit hat heute einen Artikel gebracht, der hier vor ein paar Tagen im Atlantic gelaufen ist: Die USA werden darin als „gescheiterter Staat“ bezeichnet. Das halte ich für sehr übertrieben. Man darf es nicht glauben. Die Zeile ist eher dem nahen Wahlkampf geschuldet: Man sagt, man möchte auswandern, in Wahrheit will man eine neue Regierung.

Trotzdem denke ich dieser Tage immer mal wieder, dass ein paar Konzepte des Westens gerade den Bach runtergehen: der Kapitalismus in seiner amerikanischen Form – und der Individualismus in seiner amerikanischen Form. Kürzlich hab ich mich in Stanford mit Yukiko unterhalten, einer Psychologin aus Japan. Sie meinte sinngemäß: Die amerikanische Jagd nach Glück funktioniert super, wenn die Zeiten gut sind. Aber wenn die Krise kommt, dann haben die Japaner mit ihrem Gemeinsinn die besseren Traditionen. Und ich glaube inzwischen: Da ist was dran.

Am Wochenende war Nickis Mutter Edie hier im Garten. Wir haben zusammen gegessen und brav social distancing geübt. Kai hatte dabei eine tolle Idee: Er hat eine Art Seilbahn gebaut, in die wir einen Blumentopf eingehängt haben. Der wurde dann per Geschenkband mit beiden Tischen verbunden. Wir konnten die Gondel auf diese Art hin und herziehen und uns Dinge zukommen lassen.

Und das fand ich dann schon wieder klasse. Auch die Tatsache, dass heute eine Indianermeise an eines der Futterhäuschen geflogen kam, ein hübsches Vögelchen, das im Englischen den ulkigen Namen „Tufted Titmouse“ trägt.

Es gibt immer was, worüber man sich freuen kann. Aufgeweckte Kinder zum Beispiel, die Sachen erfinden. Gemeinsame Essen im Garten. Kaninchen, die über den Rasen hoppeln, Vögel mit ulkigen Namen. All das wird bleiben.

Aber ansonsten kann diese Sache hier noch ganz schön ungemütlich werden.