bookmark_borderWilliam kocht am besten

Niemand in meinem Freundeskreis kocht auch nur annähernd so lecker wie William. Wirklich nicht. Neulich war er bei uns zu Besuch und ich hab ihn gefragt, ob ich mit dem Handy aufnehmen kann, was er dabei so macht. Zugegeben. Die Kameraführung und der Schnitt und der Mix sind eine Zumutung und sehr beschämend. Aber: Ich bin so begeistert von dem Jungen, dass ich es unbedingt teilen muss. Guckt’s Euch an. Schickt es an Freunde, die gerne kochen oder die was darüber lernen wollen. Ach so – und Williams österreichischen Sound find‘ ich eh erstklassig.

Ansonsten haben wir wieder Pilze gefunden. Es gibt sehr viele Pilze in diesem Jahr. Es hat gut geregnet und der Oktober ist irrsinnig mild, wir hatten zuletzt jeden Tag zwischen 20 und 25 Grad. Am Wegesrand wächst ein Schopftintling, der exakt so aussieht wie back in Germany.

Im Wald haben wir Hallimasch gefunden, der hier den ungleich schöneren Namen „Honey Mushroom“ trägt. Kirk, ein Pilzführer, den wir zufällig auf dem Parkplatz treffen, hat uns noch ein Stück „Hen of the Woods“ geschenkt. Das ist ein Pilz, den ich aus Deutschland nicht kenne. In Japan heißt er Maitake. Ein sehr guter Pilz mit Biss und Charakter – aber auch reichlich Erde in den feinen Zwischenräumen.

Neben einem Fuchsbau liegt ein Knochen. Wir haben gegoogelt: Es handelt sich um den Unterkieferknochen eines junge Opossums.

Einen Spaziergang zu Aldi gemacht. Erinnert mich an die Heimat. Man muss überhaupt mal was zu den Supermärkten hier sagen. Es läuft im Wesentlichen wie bei uns. Aber am Ende läuft’s dann halt doch ein bisschen anders. Sie packen Dir zum Beispiel die Sachen in Tüten ein. Ich finde das unangenehm. Was soll das? Ich kann das selbst. Es fühlt sich dann ein bisschen an wie in einem dieser Restaurants, die genau die eine Spur zu fein sein wollen und man denkt: Lass mich einfach mal in Ruhe mein Essen genießen. Bei Aldi packt jeder seine Sachen selbst ein. Ah, herrlich!

Auf dem Parktplatz vor dem Markt verwickelt uns jemand in ein Gespräch. Ein Mann, etwa 15 Jahre älter als ich. Aber man kann es schwer schätzen. Ich glaube, er hat an meinen Wanderstiefeln und meinen Klamotten sofort gesehen, woher ich komme. Jedenfalls. Sein Deutsch ist hervorragend, er sagt, er hat in Marburg studiert und viel Zeit in Bremen verbracht. Wir reden über Oldenburg und die schöne Fußgängerzone. Er sagt, dass ihn die Gesundheit nach Ann Arbor treibt. Krebs. Alles probiert. Alles Mist. Und jetzt ist er in dieser kleinen Studie mit 17 Patienten, wo’s um Immuntherapie geht. Eine Art Strohhalm-Gruppe – die Austherapierten können mitmachen. „Was soll ich sagen? Ich bin seit einem Jahr krebsfrei.“ Er sieht tatsächlich sehr gesund aus, sehr lebendig. Er sagt, dass er jetzt im Ruhestand homöopathische Hollunderbeeren anbaut. Ne eigene Farm, irgendwo aufm Land. Irgendwann wird’s vielleicht noch ein Business, wer weiß?

Ich liebe solche Begegnungen. Danach glaub ich wieder für einen Tag an das Gute in allem und dass am Ende irgendwie alles super wird. Und an die Wissenschaft sowieso. Und an Gespräche mit Fremden.

Auf dem Heimweg noch zwei Fairy Doors gesehen. Das erste ist das schönste, das ich bisher in Ann Arbor gesehen habe. Und ich habe einige gesehen. So viel Liebe für jede Kleinigkeit! Ich könnte das nicht. Aber ich weiß es sehr zu schätzen.

bookmark_borderChicken of the Woods schmeckt nicht wirklich nach Hühnchen

Meine Eltern waren schon immer Pilzsammler, was auch mich zu so ner Art Pilzsammler macht. Am Sonntag war ich mit Nicki an einem kleinen See in der Nähe von Ann Arbor. Dort lag ein Paddelboot, das wir benutzen konnten. Also haben wir das Paddelboot benutzt und sind danach noch ne Runde durch den See geschwommen. Es war warm und richtig Sommer, auch wenn der Himmel voller Wolken hing.

Auf dem Weg zurück zu unseren Klamotten ist uns ein junger Mann begegnet. Er hatte einen Stoffbeutel dabei, in dem Sachen drin lagen. Ich dachte zunächst: Brotreste für die Karpfen und Enten. Aber nein. Es waren Pilze. Er meinte: „Das ist Chicken of the Woods. Ich kann Euch verraten, wo’s noch mehr davon gibt.“ Wir so: Verrat’s uns, Fremder. Also hat er uns die Stelle beschrieben. Wir sind hingegangen und haben uns so viel genommen, wie wir für ein Abendessen gebraucht haben (siehe das Bild oben). Ich bleib‘ dabei: Mit Fremden reden ist überhaupt das Allerbeste.

Chicken of the Woods ist DER Pilz hier in Michigan. Wir waren vor Jahren mal bei einer Waldführung, einer so genannten „Mushroom Hunt“ (jawohl, der Amerikaner sammelt keine Pilze, der jagt sie!) – und da haben sie praktisch nur von diesem Pilz gesprochen. Weil: Soooo ergiebig. Und soooo lecker. In Deutschland heißt derselbe Pilz „Gemeiner Schwefelporling“, und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich diesen Pilz in der alten Heimat weder so richtig kenne noch jemals gesammelt habe. Wikipedia behauptet: Er ist häufig in Deutschland. Tja.

Zu Hause haben wir ihn jedenfalls geputzt und paniert.

Alsdann in die Pfanne gehauen.

Und danach mit Pasta und irgendwas gegessen, das halt noch da war. Wir haben so getan, als wär’s Hühnchen. Die amerikanischen Rezepte sagen alles: Genau so schmeckt’s. Aber ganz ehrlich: Es schmeckt gar nicht wirklich so. Es schmeckt anders. Man könnte dieses Dinge keinem Menschen für Huhn servieren und damit durchkommen. Mogelpackung!

Ich will nicht sagen, dass es schlechter schmeckt. Aber halt anders. Die knallige Farbe kommt nach dem Braten fast noch stärker durch als davor.

Sprache, Sprache, Sprache. Gemeiner Schwefelporling klingt nach „Finger weg“. Chicken of the Woods dagegen – das ist ein Namen mit Schmackes. Nicki sagt: Marketing ist alles! Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

bookmark_borderWunder der Natur: Der Fisch & die Ölflitze

Gerade hat Wolfgang mich dafür gerügt, dass auf meinem Blog nix mehr los ist. Recht hat er. Hier also mein jüngster Erkenntnisgewinn, den ich gerne mit Euch teilen will. Ich verdanke ihn einem Fisch wie dem hier im Bild. Wer kennt ihn? Ich kannte ihn nicht. Und ich wusste auch nicht, was einem widerfahren kann, wenn man ein Stück davon verzehrt.

1. Akt: Der Einkauf

Hab viel gearbeitet und will mich belohnen. Unten an der Elbe gibt es einen Laden, der besondere Lebensmittel vertreibt. Sachen, die man anderswo nicht bekommt. Die Ware ist entsprechend teuer. Dort steh‘ ich vor der Theke, die Räucherfisch präsentiert. Da! In der Ecke liegen appetitliche Stücke. Davor eine Tafel: „Buttermakrele“. Hab‘ ich noch nie gehört. Interessant. Ich erwerbe eines der Stücke und trag’s zufrieden nach Hause.

2. Akt: Die Wissenschaft

Ungestillte Neugier ist wie Hunger. Nur schlimmer. Also im Internet nachsehen: Was hat es mit diesem unbekannten Fisch auf sich? Es gibt tatsächlich wissenschaftliche Studien über Lepidocybium flavobrunneum. Die interessanteren von ihnen handeln nicht von Körper oder Lebensweise der Buttermakrele (sie besitzt z.B. keine Schwimmblase), sondern von ihren Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Die Autoren Ka Ho Ling, Peter D. Nichols und Paul Pui-Hay But berichten von einem Phänomen namens „Keriorrhea“. Soll gar nicht so selten auftreten. Kenn ich auch nicht. Man weiß überhaupt das Allermeiste gar nicht. Ich lese also weiter.

3. Akt: Die Ölflitze

Die Forscher verstehen unter Keriorrhea „the pathological symptom of involuntary passage or leakage of oil, or actually wax esters, through the rectum“. Aha. Man könnte die Sache also mit „Ölflitze“ übersetzen. Es handelt sich bei besagtem Auswurf, wie ich lese, um ein „orangefarbenes bis grünlich-braunes“ Öl. Das Internet sei voll mit persönlichen Erfahrungsberichten „peinlicher Öldurchfälle nach dem Verzehr von Fisch“. Einige Länder haben die Einfuhr von Buttermakrelen deshalb längst verboten. Japan, Italien, Australien und noch ein paar mehr.

4. Akt: Der Selbstversuch

So. Hunger. Außerdem: Zeit für einen Selbstversuch. Hat die Wissenschaft recht? Oder will man mir einfach einen schmackhaften Happen madig machen? Ich hab im hippen Brotladen ein leckeres Brot gekauft. Dinkel-Kartoffel-Kruste oder so ähnlich. Das Brot trocknet nicht so schnell aus wie die übliche Roggenmische. Ich schneide mir andächtig eine Scheibe herunter, bestreiche sie mit Butter und packte etwas von dem Räucherfisch obendrauf. Mhhhh. Lecker. Es schmeckt alles so gut, dass ich mir noch eine zweite Portion gönne. Herrlich. Wie kann etwas so Köstliches schädlich sein? Die Forscher haben keine Ahnung!

5. Akt: Der Tag danach

Haben sie doch.

6. Akt: Der Tag nach dem Tag danach

Ui. Die Forscher haben immer noch recht. Und nicht zu knapp!

7. Akt: Was wir daraus lernen

Zweierlei. Erstens: Mehr Respekt vor der Wissenschaft. Zweitens: Mehr Respekt vor Buttermakrelen. Man darf sie eigentlich nur besonderen Gästen darbieten – und auch nur dann, wenn diese für den Folgetag eine längere Autofahrt auf dem Zettel haben. Man serviert nicht nur einen wohlschmeckenden Fisch, sondern schenkt ihnen damit auch ein paar unvergessliche Stunden.

bookmark_borderNotizbuch eines Unbekannten

Packe meine Sachen. Dabei ein Notizbüchlein gefunden. Auf Seite 1 steht, dass ich es von Søren und Britta zum Geburtstag bekommen habe. Keine Erinnerung daran. Es ist das Notizbuch eines Unbekannten.

Da stehen seltsame Dinge drin. Alles vergessen. Hier ein paar Kostproben.

Ein sehr sportlicher Mann erzählt mir auf einer Reise von seiner Verletzung. Zu viel Sport. Er wird nie mehr der Alte sein. Keine langen Läufen mehr. Vorbei.

Ein Rentner erzählt mir seine halbe Lebensgeschichte. Schwere Jugend. Gefängnis. Heute: Todesangst, jede Nacht. Das Herz. Aber der Arzt findet nichts. „Meine Frau weiß nichts davon.“ Also: Alkohol.

Ich stehe an einem Buffet. All you can eat. Die Notiz sagt: „Fett. Salz. Zucker. Billig und macht süchtig. Sagt aber keiner. They call it craving.“

Jemand fragt mich, ob ich ein Buch über ihn schreiben will. Ich sage: nein.

Am Frankfurter Hauptfriedhof hängt ein Plakat: „Einmal Frankfurt – immer Frankfurt“. Notiz dazu: „Wahr gesprochen!“

Dann ein Grab. Im Oktober 2000 ist Werner Dummetat gestorben. Aber woran? „Ruhe sanft.“

Notizen aus dem US-Konsulat. In der Schlange hinter mir steht ein Inder, der in Deutschland studiert. Er bringt Computern bei, Unkraut von Nutzpflanzen zu unterscheiden. Maschinelles Sehen. „Aber der Transfer von einer Sorte zur nächsten ist kompliziert.“ Ich hätte sagen können: Weiß ich. Da hab ich grad drüber geschrieben. Stattdessen nur genickt.

Dann diese Notiz: „Ah, das Leben! Ich muss besser darin werden.“ Keine Ahnung, was damit gemeint war. Aber es stimmt vermutlich.

Heute denke ich: Das ist das Schlimme an Corona. Dass es all diese Zufälle so selten macht. Es gefällt mir nicht.

In den Nächten sind wieder Tiere durch den Garten gelaufen. Aus der Nähe: Mr. Friendly, der Kater.

In der Halbdistanz: ein Waschbär.

In der Ferne: ein Kojote.

Bald sitz‘ ich im Flugzeug über den Atlantik. Bin gespannt, ob das gutgeht.

bookmark_borderIn der Not frisst die Pflanze Fliegen

Ausflug zum Discovery Center in Chelsea gemacht. Von dort führt ein Spaziergang durch den Wald direkt ins Moor.

Dort wachsen im sauren Wasser sogenannte Kannenpflanzen.

Die Leute im Natur-Center haben uns eine Pipette mitgegeben. Die Anweisung: In die Pflanze reinhalten, das Wasser rausziehen und gucken. Beim fünften Versuch dann dies:

Erg. Okay. Man sieht es nicht auf dem Foto. Aber ich schwöre beim Augenlicht meiner Mutter: Im Wasser, das wir aus dem Pflanzenkelch gezogen haben, schwimmen kleine Insekten. Das Schild am Ende des Pfades erklärt die Sache.

Die Kannenpflanzen kriegen im Moor nicht genügend Nährstoffe über ihre Wurzeln. Also holen sie sich das Zeug aus der Luft, indem sie Insekten fangen.

In der Not frisst die Pflanze Fliegen.

Das ist mein Wort zum Sonntag: Immer flexibel bleiben, Leute. Wer weiß, wofür das nochmal gut ist.

bookmark_borderNach Hamburg ohne Quarantäne?

Hab mir jetzt ein Ticket zurück nach Deutschland gebucht – Ende Juli geht der Flug. Nach unserer abenteuerlichen Autofahrt quer durch die USA Ende März (Tag1, Tag2, Tag3), wird das meine zweite größere Reise während der Pandemie. Muss ich mich nach der Landung für 14 Tage einschließen? Keine Ahnung. Mal Google fragen.

Hm. Offenbar nicht. Für die USA gelten differenzierte Regeln. Aus manchen Staaten muss man in Quarantäne, aus anderen nicht. Michigan steht im Moment ganz gut da und ist kein Risikogebiet. Vor ein paar Tagen diese Landkarte hier gesehen: Das grüne Ding am oberen Rand, das aussieht wie ein Winterfäustling mit dem Profil eines langnasigen Schweineschädels schräg darüber, das ist Michigan. Grün bedeutet: Liegt gut in der Spur. Der andere grüne Staat ist New York. Ausgerechnet. Die beiden waren im März und April noch mit die Schlimmsten von allen.

Dass die Seuche hier gerade Pause macht, hätte ich aber auch ohne offizielle Zahlen sehen können. Nämlich: an den Schlagzeilen der Regionalpresse. Als die Coronawelle mit Schaumkronen obendrauf durch Michigan gerollt ist, gab’s dort kaum ein anderes Thema.

Aber was haben wir heute? Ich zähl das mal so auf – sozusagen in Erfüllung meiner Chronistenpflicht.

  1. In Teilen von Michigan wird es heute praktisch nicht regnen. Das ist die Titelstory!
  2. Ein urlaubender Feuerwehrmann hat eine Frau gerettet, die am Strand einen Herzstillstand hatte.
  3. Am Wochenende hat’s fünf Unfälle mit Geländefahrzeugen gegeben. Der Sheriff sagt, das sei für seinen Geschmack „ein bisschen viel“ gewesen.
  4. Ein 63-jähriger Motorradfahrer ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Er hatte Vorfahrt, eine Autofahrerin hat ein Stoppschild überfahren. Die Polizei sagt: Es waren waren Drogen im Spiel.
  5. Eine 21-jährige Frau wurde aus einem vorbeifahrenden Wagen angeschossen. Die Polizei sucht nach den Verdächtigen.
  6. Vorige Woche wurde in Ann Arbor eine Frau angeschossen. Jetzt hat die Polizei einen 35-jährigen Verdächtigen festgenommen.
  7. Ein 19-Jähriger hat für einen Mord an einem Obdachlosen mindestens 22 Jahre Knast bekommen.
  8. Ein 42-Jähriger ist in der Nacht von Freitag auf Samstag zu Fuß über die Autobahn gerannt. Mindestens zwei Autos haben ihn erfasst, jetzt ist der Mann tot. Warum das alles? Die Polizei ermittelt.
  9. Ein 96-jähriger Weltkriegsveteran hat eine Covid-19-Erkrankung überstanden und jetzt zum ersten Mal seinen kleinen Ur-Enkel gesehen.
  10. Eine 25-jährige Frau wurde nach einer Verfolgungsjagd von der Polizei gestellt. Sie war – besoffen und offenbar auch anderweitig berauscht – mit mehr als 160 Sachen über die Autobahn gebrettert und hatte dabei andere Autofahrer per Lichthupe von der Überholspur gescheucht.

Wir sind also „back to boring“. Interessant, dass so viele Sachen berichtet werden, in denen Leute in Uniform „die Guten“ sind und einfach ihrem Tagwerk nachgehen. Es gibt auch drei Meldungen zu Black Lives Matter – aber halt auch noch viel mehr Polizei-, Unfall-, Crime usw.-Storys als die zehn, die ich genannt habe. Die Pressestelle der Polizei schreibt sozusagen die Zeitung voll. Interessant. Ist die Regionalpresse in Deutschland besser? Ich glaube schon.

Am Abend außerdem ein merkwürdiges Insekt im Garten entdeckt. Sieht aus wie ein Mix aus Wespe und Gottesanbeterin.

Wie immer: Das Netz weiß alles. Es handelt sich um einen Fanghaft. Ich habe den Begriff noch nie zuvor gehört. Und wenn doch, dann hab ich das sehr gründlich vergessen. Wikipedia sagt: Die Viecher waren schon vor mehr als 40 Millionen Jahren unterwegs und haben damals wohl schon genau so gejagt wie heute.

bookmark_borderProbleme, Probleme – ist es „too much“ oder „too many“?

An einem Badesee in der Nähe gewesen. Wollte ausprobieren, wie bescheuert die Kombination aus Maske, Hut und Taucherbrille aussieht. Antwort: sehr bescheuert.

Vor der Liegewiese stand das obligatorische Hinweisschild zu Corona.

Und um ein Haar hätte ich das kleine Juwel unten in der Ecke verpasst. Die Scherzkekse von der Kreisverwaltung haben doch tatsächlich „Disco Dance“ mit auf die Verbotsliste gesetzt. Humor haben sie manchmal, diese Amerikaner!

Ansonsten über das Phänomen der Überforderung nachgedacht. Die Momente, in denen einem – oft sehr plötzlich – „alles zu viel“ wird.

Im Englischen gibt es dafür zwei Formulierungen. Es ist „too much“ oder „too many“. „Too much“: All das Holz, das der Sturm von den Bäumen geschmissen hat. „Too many“: All die Äste, die jetzt auf dem Waldboden liegen. „Too many“ kann man zählen, „too much“ kann man höchstens messen.

Mir ist irgendwann aufgefallen, dass Überforderung oft nicht daher kommt, dass die Probleme zu schwer zu lösen wären. Sondern daran, dass es zu viele sind, die einem gleichzeitig auf die Pelle rücken. Acht verschiedene Probleme gleichzeitig sind praktisch für jeden ein Knockout. Man fängt dann an durchzudrehen und die Leute in seinem Umfeld zu nerven.

Die Kinder hier scheinen das zu wissen. Sie haben die Äste im Wald zu kleinen Hütten gebündelt. Schon sieht das Chaos irgendwie geordnet aus, obwohl noch genau so viel Holz Bodenkontakt hat.

Und hier. Der Wald ist gerade voll mit diesen Gebäuden. Zwei Fotos genügen. Sie sehen alle gleich aus.

Warum ist das alles so? Im Studium hab ich noch gelernt, dass man nur sieben Elemente in seinem Arbeitsgedächtnis behalten kann. Bei ganz wenigen Leuten sind es neun, bei einigen nur fünf. Mit sieben kommt man aber ganz gut hin. Die Sache lässt sich kaum oder gar nicht trainieren. Man muss also damit leben.

Vor einiger Zeit habe ich eine Geschichte für Brand Eins gemacht und zur Vorbereitung das extrem spannende Buch „Scalable Innovation“ von Eugene Shteyn und Max Shtein gelesen. Darin finde ich folgende Passage:

„Neue Analysen zeigen jedoch, dass 7 ± 2 die Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses überschätzt. Wenn man gebündelte Blöcke untersucht, können Erwachsene nur drei bis vier Einheiten speichern“

Shteyn/Shtein: Scalable Innovation

Möglich also, dass in Wahrheit schon fünf Probleme „too many“ sind.

Mein Tipp an mich selber (und alle, die’s interessiert) lautet also: Bei einer gefühlten Überforderung erstmal durchatmen und zwei der Themen verschieben. „Sorry, Jungs, aber das müssen wir morgen regeln.“ Und dann mal gucken, was passiert. Bei mir passiert: oftmals eine schnelle Beruhigung. Hab ich auch bei anderen schon beobachtet. Probleme sind häufiger „too many“, als man glaubt.

Am Abend haben wir übrigens „Dungeons & Dragons“ gespielt. Hat Spaß gemacht, ich kann das empfehlen – zumindest, wenn man einen tüchtigen „Dungeon Master“ am Start hat. Das war bei uns der Fall. Der junge Mann wird bald 13. Kein schlechtes Alter.

bookmark_borderWie sagt man zu Glühwürmchen?

Vor ein paar Jahren hatte ich mal regelmäßig mit Leuten vom Dudenverlag zu tun. Die wussten alle sehr viel. Einmal zum Beispiel sagte eine mir unbekannte Kollegin am Telefon: „Ah, Sie kommen aus dem Südwesten.“ Ich wohnte damals schon eine Weile in Hamburg und mein Hochdeutsch war weitgehend akzentfrei. Woher wusste sie das? Ganz einfach: Sie konnte es an meinem Nachnamen ablesen. Bei wem man seine Wurst kauft, das hängt nämlich davon ab, wo man wohnt.

Ich habe inzwischen erfahren, dass es auch in Amerika solche Phänomene gibt. Zum Beispiel neulich. Da spielten nach Sonnenuntergang ein paar Glühwürmchen im Gebüsch. Wie schön!

Aber wie sagt man zu den Viechern eigentlich? „Glowworms“? Naja. Die Leute verstehen, was man damit meint. Den Begriff gibt’s wirklich. Tatsächlich sagen viele Michiganders „Lightning Bugs“ dazu. Andere – auch die Zugereisten von der Westküste – bevorzugen dagegen das Wort „Fireflies“.

Wo verläuft die Grenze? Dazu habe ich vorhin eine interessante Geschichte gelesen. Dort findet sich diese Landkarte:

Kluge Gelehrte haben im Übrigen herausgefunden, dass womöglich die örtlichen Naturerfahrungen etwas damit zu tun haben. Hier kommt die Landkarte der Blitzeinschläge.

Und hier die Landkarte der Waldbrände.

„Aha!“, denkt man da. „Wo’s brennt, sagt man Firefly, wo’s gewittert, spricht man vom Lightning Bug.“

Ein Beweis ist das natürlich nicht. So heißt es auch im erwähnten Artikel, den ich allein deshalb und aus Dankbarkeit hier gleich nochmal verlinke. Eine gute Geschichte ist es trotzdem. Und was macht man mit guten Geschichten? Man erzählt sie weiter. Is einfach so.

bookmark_borderDer Sturm und der Wald

Neulich gab’s Sturm in Michigan. Im Westen ist für mehr als 10.000 Leute der Strom ausgefallen.

Heute waren wir seither zum ersten Mal seither wieder im Wald. Dort sah’s schlimmer aus, als ich gedacht hatte.

Überall lagen umgeschmissene Bäume. Viele davon waren sicher noch nicht altersschwach und sie standen auch nicht am Waldrand, sondern in der Mitte, wo der Wind eigentlich nicht so viel Schaden anrichten sollte. Hat er aber doch.

Keine Ahnung, was ich damit anfangen soll. Vielleicht sind die Bäume hier in keinem besonders guten Zustand? Zu wenig Wasser? Die falschen Mineralien im Boden? Schädlinge? Liegt’s an der Regierung? Ich weiß es nicht.

Immerhin: Die Stadt hat an einigen Weggabelungen nagelneue Richtungsanzeiger aufgestellt, damit man nicht verloren geht.

Da fällt mir eine Geschichte ein. Als in Deutschland die Beschilderungen an Wanderwegen eingeführt wurden – ich glaube, das war so im 18. Jahrhundert – da haben die Einheimischen die Dinger regelmäßig runtergerissen und kaputtgemacht. Sie wusste eh, wohin’s geht. Und sie mochten weder die neue Informationstechnologie noch die Fremden, denen sie nützte.

Naja. Außerdem haben wir gesehen, wie drei Vogeljunge ihr Nest verlassen haben. Auch schön.

bookmark_border„Das Zeug war gestern noch aufm Acker“

Heute geht’s nach Kerrytown, einen Stadtteil im Zentrum von Ann Arbor. Der berühmteste Laden dort ist Zingerman’s Deli, da gibt’s leckeres Essen, worauf die Leute in Ann Arbor zuverlässig und mit großem Lokalstolz hinzuweisen pflegen. Gleich ums Eck liegt eine kleine Wiese neben einem Parkplatz. Dort sitzt Fran in ihrem Hightech-Büro. Genauer: auf einem Campingstuhl. Sie trägt Maske und hält eine Liste in behandschuhten Fingern.

Fran sorgt dafür, dass ich hier die Gemüsekiste abholen kann. Die Kiste kommt von der Tantré Farm aus Chelsea, einem Städtchen in der Nähe. Fran macht einen Haken auf ihrer Liste. Neben ihr stapeln sich die gefalteten Kartons der Vorwoche.

Auf dem Tisch knittert das faltige Logo der Farm vor sich hin. „War voll lecker beim letzten Mal“, rufe ich über den Rasen (ich hab vor Tagen schon von meiner Begeisterung erzählt). „Glaub ich gern. Aber wart mal ab. In den nächsten Woche wird’s noch krasser“, klingt es hinter Frans Maske hervor. Sie übernimmt heute die Schicht von zehn bis zwölf.

„Es ist alles so frisch“, sage ich. „Kann man so sagen“, meint Fran. „Das Zeug war gestern noch aufm Acker.“ Ich schnapp mir eine Box und dann geht’s schon wieder nach Hause. Am Abend gibt’s Spinat.

Weniger Show kann man gar nicht machen. Kein Zelt. Keine Schilder. Keine Angeberei. Sogar die Verpackung: Die haben einfach irgendwelche Gurkenkisten genommen. Wie passt das zu meinem Bild von Amerika? Gar nicht. Trotzdem ist es wahr. So ist der Mittlere Westen.

Vor einigen Tagen hat die Farm eine Email geschickt. Da steht drin, was alles in der Kiste sein wird und was man damit anstellen kann.

  • Spargel („kann man dünsten, braten, grillen“)
  • Pak Choi („zwei Gemüse in einem: man kocht die Blätter wie Spinat und knabbert die knusprigen Stängel wie Sellerie“)
  • Lauch („voller milder Zwiebelaromen“)
  • Erbsensprossen („so yummy and tender!“)
  • Radieschen („exzellenter Lieferant von Vitamin A, C und B-Vitaminen“)
  • Spinat („lecker in Quiche, Lasagne und Suppen“)
  • Rüben mit Kraut („süßer, fruchtiger Geschmack“)

Ansonsten hab ich gerade gelesen, dass am Montag die Spielplätze wieder aufmachen.

Überall in Amerika Proteste. Gestern Abend auch in Ann Arbor: eine Fahrrad-Demo. Friedlich und im zweiten Gang.

Außerdem hatten wir gestern in den Nacht einen Besucher: Ein Opossum hat im Gras nach Futter geschnüffelt. Wer will es adoptieren?