bookmark_borderNotizbuch eines Unbekannten

Packe meine Sachen. Dabei ein Notizbüchlein gefunden. Auf Seite 1 steht, dass ich es von Søren und Britta zum Geburtstag bekommen habe. Keine Erinnerung daran. Es ist das Notizbuch eines Unbekannten.

Da stehen seltsame Dinge drin. Alles vergessen. Hier ein paar Kostproben.

Ein sehr sportlicher Mann erzählt mir auf einer Reise von seiner Verletzung. Zu viel Sport. Er wird nie mehr der Alte sein. Keine langen Läufen mehr. Vorbei.

Ein Rentner erzählt mir seine halbe Lebensgeschichte. Schwere Jugend. Gefängnis. Heute: Todesangst, jede Nacht. Das Herz. Aber der Arzt findet nichts. „Meine Frau weiß nichts davon.“ Also: Alkohol.

Ich stehe an einem Buffet. All you can eat. Die Notiz sagt: „Fett. Salz. Zucker. Billig und macht süchtig. Sagt aber keiner. They call it craving.“

Jemand fragt mich, ob ich ein Buch über ihn schreiben will. Ich sage: nein.

Am Frankfurter Hauptfriedhof hängt ein Plakat: „Einmal Frankfurt – immer Frankfurt“. Notiz dazu: „Wahr gesprochen!“

Dann ein Grab. Im Oktober 2000 ist Werner Dummetat gestorben. Aber woran? „Ruhe sanft.“

Notizen aus dem US-Konsulat. In der Schlange hinter mir steht ein Inder, der in Deutschland studiert. Er bringt Computern bei, Unkraut von Nutzpflanzen zu unterscheiden. Maschinelles Sehen. „Aber der Transfer von einer Sorte zur nächsten ist kompliziert.“ Ich hätte sagen können: Weiß ich. Da hab ich grad drüber geschrieben. Stattdessen nur genickt.

Dann diese Notiz: „Ah, das Leben! Ich muss besser darin werden.“ Keine Ahnung, was damit gemeint war. Aber es stimmt vermutlich.

Heute denke ich: Das ist das Schlimme an Corona. Dass es all diese Zufälle so selten macht. Es gefällt mir nicht.

In den Nächten sind wieder Tiere durch den Garten gelaufen. Aus der Nähe: Mr. Friendly, der Kater.

In der Halbdistanz: ein Waschbär.

In der Ferne: ein Kojote.

Bald sitz‘ ich im Flugzeug über den Atlantik. Bin gespannt, ob das gutgeht.

bookmark_borderIn der Not frisst die Pflanze Fliegen

Ausflug zum Discovery Center in Chelsea gemacht. Von dort führt ein Spaziergang durch den Wald direkt ins Moor.

Dort wachsen im sauren Wasser sogenannte Kannenpflanzen.

Die Leute im Natur-Center haben uns eine Pipette mitgegeben. Die Anweisung: In die Pflanze reinhalten, das Wasser rausziehen und gucken. Beim fünften Versuch dann dies:

Erg. Okay. Man sieht es nicht auf dem Foto. Aber ich schwöre beim Augenlicht meiner Mutter: Im Wasser, das wir aus dem Pflanzenkelch gezogen haben, schwimmen kleine Insekten. Das Schild am Ende des Pfades erklärt die Sache.

Die Kannenpflanzen kriegen im Moor nicht genügend Nährstoffe über ihre Wurzeln. Also holen sie sich das Zeug aus der Luft, indem sie Insekten fangen.

In der Not frisst die Pflanze Fliegen.

Das ist mein Wort zum Sonntag: Immer flexibel bleiben, Leute. Wer weiß, wofür das nochmal gut ist.

bookmark_borderNach Hamburg ohne Quarantäne?

Hab mir jetzt ein Ticket zurück nach Deutschland gebucht – Ende Juli geht der Flug. Nach unserer abenteuerlichen Autofahrt quer durch die USA Ende März (Tag1, Tag2, Tag3), wird das meine zweite größere Reise während der Pandemie. Muss ich mich nach der Landung für 14 Tage einschließen? Keine Ahnung. Mal Google fragen.

Hm. Offenbar nicht. Für die USA gelten differenzierte Regeln. Aus manchen Staaten muss man in Quarantäne, aus anderen nicht. Michigan steht im Moment ganz gut da und ist kein Risikogebiet. Vor ein paar Tagen diese Landkarte hier gesehen: Das grüne Ding am oberen Rand, das aussieht wie ein Winterfäustling mit dem Profil eines langnasigen Schweineschädels schräg darüber, das ist Michigan. Grün bedeutet: Liegt gut in der Spur. Der andere grüne Staat ist New York. Ausgerechnet. Die beiden waren im März und April noch mit die Schlimmsten von allen.

Dass die Seuche hier gerade Pause macht, hätte ich aber auch ohne offizielle Zahlen sehen können. Nämlich: an den Schlagzeilen der Regionalpresse. Als die Coronawelle mit Schaumkronen obendrauf durch Michigan gerollt ist, gab’s dort kaum ein anderes Thema.

Aber was haben wir heute? Ich zähl das mal so auf – sozusagen in Erfüllung meiner Chronistenpflicht.

  1. In Teilen von Michigan wird es heute praktisch nicht regnen. Das ist die Titelstory!
  2. Ein urlaubender Feuerwehrmann hat eine Frau gerettet, die am Strand einen Herzstillstand hatte.
  3. Am Wochenende hat’s fünf Unfälle mit Geländefahrzeugen gegeben. Der Sheriff sagt, das sei für seinen Geschmack „ein bisschen viel“ gewesen.
  4. Ein 63-jähriger Motorradfahrer ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Er hatte Vorfahrt, eine Autofahrerin hat ein Stoppschild überfahren. Die Polizei sagt: Es waren waren Drogen im Spiel.
  5. Eine 21-jährige Frau wurde aus einem vorbeifahrenden Wagen angeschossen. Die Polizei sucht nach den Verdächtigen.
  6. Vorige Woche wurde in Ann Arbor eine Frau angeschossen. Jetzt hat die Polizei einen 35-jährigen Verdächtigen festgenommen.
  7. Ein 19-Jähriger hat für einen Mord an einem Obdachlosen mindestens 22 Jahre Knast bekommen.
  8. Ein 42-Jähriger ist in der Nacht von Freitag auf Samstag zu Fuß über die Autobahn gerannt. Mindestens zwei Autos haben ihn erfasst, jetzt ist der Mann tot. Warum das alles? Die Polizei ermittelt.
  9. Ein 96-jähriger Weltkriegsveteran hat eine Covid-19-Erkrankung überstanden und jetzt zum ersten Mal seinen kleinen Ur-Enkel gesehen.
  10. Eine 25-jährige Frau wurde nach einer Verfolgungsjagd von der Polizei gestellt. Sie war – besoffen und offenbar auch anderweitig berauscht – mit mehr als 160 Sachen über die Autobahn gebrettert und hatte dabei andere Autofahrer per Lichthupe von der Überholspur gescheucht.

Wir sind also „back to boring“. Interessant, dass so viele Sachen berichtet werden, in denen Leute in Uniform „die Guten“ sind und einfach ihrem Tagwerk nachgehen. Es gibt auch drei Meldungen zu Black Lives Matter – aber halt auch noch viel mehr Polizei-, Unfall-, Crime usw.-Storys als die zehn, die ich genannt habe. Die Pressestelle der Polizei schreibt sozusagen die Zeitung voll. Interessant. Ist die Regionalpresse in Deutschland besser? Ich glaube schon.

Am Abend außerdem ein merkwürdiges Insekt im Garten entdeckt. Sieht aus wie ein Mix aus Wespe und Gottesanbeterin.

Wie immer: Das Netz weiß alles. Es handelt sich um einen Fanghaft. Ich habe den Begriff noch nie zuvor gehört. Und wenn doch, dann hab ich das sehr gründlich vergessen. Wikipedia sagt: Die Viecher waren schon vor mehr als 40 Millionen Jahren unterwegs und haben damals wohl schon genau so gejagt wie heute.

bookmark_borderProbleme, Probleme – ist es „too much“ oder „too many“?

An einem Badesee in der Nähe gewesen. Wollte ausprobieren, wie bescheuert die Kombination aus Maske, Hut und Taucherbrille aussieht. Antwort: sehr bescheuert.

Vor der Liegewiese stand das obligatorische Hinweisschild zu Corona.

Und um ein Haar hätte ich das kleine Juwel unten in der Ecke verpasst. Die Scherzkekse von der Kreisverwaltung haben doch tatsächlich „Disco Dance“ mit auf die Verbotsliste gesetzt. Humor haben sie manchmal, diese Amerikaner!

Ansonsten über das Phänomen der Überforderung nachgedacht. Die Momente, in denen einem – oft sehr plötzlich – „alles zu viel“ wird.

Im Englischen gibt es dafür zwei Formulierungen. Es ist „too much“ oder „too many“. „Too much“: All das Holz, das der Sturm von den Bäumen geschmissen hat. „Too many“: All die Äste, die jetzt auf dem Waldboden liegen. „Too many“ kann man zählen, „too much“ kann man höchstens messen.

Mir ist irgendwann aufgefallen, dass Überforderung oft nicht daher kommt, dass die Probleme zu schwer zu lösen wären. Sondern daran, dass es zu viele sind, die einem gleichzeitig auf die Pelle rücken. Acht verschiedene Probleme gleichzeitig sind praktisch für jeden ein Knockout. Man fängt dann an durchzudrehen und die Leute in seinem Umfeld zu nerven.

Die Kinder hier scheinen das zu wissen. Sie haben die Äste im Wald zu kleinen Hütten gebündelt. Schon sieht das Chaos irgendwie geordnet aus, obwohl noch genau so viel Holz Bodenkontakt hat.

Und hier. Der Wald ist gerade voll mit diesen Gebäuden. Zwei Fotos genügen. Sie sehen alle gleich aus.

Warum ist das alles so? Im Studium hab ich noch gelernt, dass man nur sieben Elemente in seinem Arbeitsgedächtnis behalten kann. Bei ganz wenigen Leuten sind es neun, bei einigen nur fünf. Mit sieben kommt man aber ganz gut hin. Die Sache lässt sich kaum oder gar nicht trainieren. Man muss also damit leben.

Vor einiger Zeit habe ich eine Geschichte für Brand Eins gemacht und zur Vorbereitung das extrem spannende Buch „Scalable Innovation“ von Eugene Shteyn und Max Shtein gelesen. Darin finde ich folgende Passage:

„Neue Analysen zeigen jedoch, dass 7 ± 2 die Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses überschätzt. Wenn man gebündelte Blöcke untersucht, können Erwachsene nur drei bis vier Einheiten speichern“

Shteyn/Shtein: Scalable Innovation

Möglich also, dass in Wahrheit schon fünf Probleme „too many“ sind.

Mein Tipp an mich selber (und alle, die’s interessiert) lautet also: Bei einer gefühlten Überforderung erstmal durchatmen und zwei der Themen verschieben. „Sorry, Jungs, aber das müssen wir morgen regeln.“ Und dann mal gucken, was passiert. Bei mir passiert: oftmals eine schnelle Beruhigung. Hab ich auch bei anderen schon beobachtet. Probleme sind häufiger „too many“, als man glaubt.

Am Abend haben wir übrigens „Dungeons & Dragons“ gespielt. Hat Spaß gemacht, ich kann das empfehlen – zumindest, wenn man einen tüchtigen „Dungeon Master“ am Start hat. Das war bei uns der Fall. Der junge Mann wird bald 13. Kein schlechtes Alter.

bookmark_borderWie sagt man zu Glühwürmchen?

Vor ein paar Jahren hatte ich mal regelmäßig mit Leuten vom Dudenverlag zu tun. Die wussten alle sehr viel. Einmal zum Beispiel sagte eine mir unbekannte Kollegin am Telefon: „Ah, Sie kommen aus dem Südwesten.“ Ich wohnte damals schon eine Weile in Hamburg und mein Hochdeutsch war weitgehend akzentfrei. Woher wusste sie das? Ganz einfach: Sie konnte es an meinem Nachnamen ablesen. Bei wem man seine Wurst kauft, das hängt nämlich davon ab, wo man wohnt.

Ich habe inzwischen erfahren, dass es auch in Amerika solche Phänomene gibt. Zum Beispiel neulich. Da spielten nach Sonnenuntergang ein paar Glühwürmchen im Gebüsch. Wie schön!

Aber wie sagt man zu den Viechern eigentlich? „Glowworms“? Naja. Die Leute verstehen, was man damit meint. Den Begriff gibt’s wirklich. Tatsächlich sagen viele Michiganders „Lightning Bugs“ dazu. Andere – auch die Zugereisten von der Westküste – bevorzugen dagegen das Wort „Fireflies“.

Wo verläuft die Grenze? Dazu habe ich vorhin eine interessante Geschichte gelesen. Dort findet sich diese Landkarte:

Kluge Gelehrte haben im Übrigen herausgefunden, dass womöglich die örtlichen Naturerfahrungen etwas damit zu tun haben. Hier kommt die Landkarte der Blitzeinschläge.

Und hier die Landkarte der Waldbrände.

„Aha!“, denkt man da. „Wo’s brennt, sagt man Firefly, wo’s gewittert, spricht man vom Lightning Bug.“

Ein Beweis ist das natürlich nicht. So heißt es auch im erwähnten Artikel, den ich allein deshalb und aus Dankbarkeit hier gleich nochmal verlinke. Eine gute Geschichte ist es trotzdem. Und was macht man mit guten Geschichten? Man erzählt sie weiter. Is einfach so.

bookmark_borderDer Sturm und der Wald

Neulich gab’s Sturm in Michigan. Im Westen ist für mehr als 10.000 Leute der Strom ausgefallen.

Heute waren wir seither zum ersten Mal seither wieder im Wald. Dort sah’s schlimmer aus, als ich gedacht hatte.

Überall lagen umgeschmissene Bäume. Viele davon waren sicher noch nicht altersschwach und sie standen auch nicht am Waldrand, sondern in der Mitte, wo der Wind eigentlich nicht so viel Schaden anrichten sollte. Hat er aber doch.

Keine Ahnung, was ich damit anfangen soll. Vielleicht sind die Bäume hier in keinem besonders guten Zustand? Zu wenig Wasser? Die falschen Mineralien im Boden? Schädlinge? Liegt’s an der Regierung? Ich weiß es nicht.

Immerhin: Die Stadt hat an einigen Weggabelungen nagelneue Richtungsanzeiger aufgestellt, damit man nicht verloren geht.

Da fällt mir eine Geschichte ein. Als in Deutschland die Beschilderungen an Wanderwegen eingeführt wurden – ich glaube, das war so im 18. Jahrhundert – da haben die Einheimischen die Dinger regelmäßig runtergerissen und kaputtgemacht. Sie wusste eh, wohin’s geht. Und sie mochten weder die neue Informationstechnologie noch die Fremden, denen sie nützte.

Naja. Außerdem haben wir gesehen, wie drei Vogeljunge ihr Nest verlassen haben. Auch schön.

bookmark_border„Das Zeug war gestern noch aufm Acker“

Heute geht’s nach Kerrytown, einen Stadtteil im Zentrum von Ann Arbor. Der berühmteste Laden dort ist Zingerman’s Deli, da gibt’s leckeres Essen, worauf die Leute in Ann Arbor zuverlässig und mit großem Lokalstolz hinzuweisen pflegen. Gleich ums Eck liegt eine kleine Wiese neben einem Parkplatz. Dort sitzt Fran in ihrem Hightech-Büro. Genauer: auf einem Campingstuhl. Sie trägt Maske und hält eine Liste in behandschuhten Fingern.

Fran sorgt dafür, dass ich hier die Gemüsekiste abholen kann. Die Kiste kommt von der Tantré Farm aus Chelsea, einem Städtchen in der Nähe. Fran macht einen Haken auf ihrer Liste. Neben ihr stapeln sich die gefalteten Kartons der Vorwoche.

Auf dem Tisch knittert das faltige Logo der Farm vor sich hin. „War voll lecker beim letzten Mal“, rufe ich über den Rasen (ich hab vor Tagen schon von meiner Begeisterung erzählt). „Glaub ich gern. Aber wart mal ab. In den nächsten Woche wird’s noch krasser“, klingt es hinter Frans Maske hervor. Sie übernimmt heute die Schicht von zehn bis zwölf.

„Es ist alles so frisch“, sage ich. „Kann man so sagen“, meint Fran. „Das Zeug war gestern noch aufm Acker.“ Ich schnapp mir eine Box und dann geht’s schon wieder nach Hause. Am Abend gibt’s Spinat.

Weniger Show kann man gar nicht machen. Kein Zelt. Keine Schilder. Keine Angeberei. Sogar die Verpackung: Die haben einfach irgendwelche Gurkenkisten genommen. Wie passt das zu meinem Bild von Amerika? Gar nicht. Trotzdem ist es wahr. So ist der Mittlere Westen.

Vor einigen Tagen hat die Farm eine Email geschickt. Da steht drin, was alles in der Kiste sein wird und was man damit anstellen kann.

  • Spargel („kann man dünsten, braten, grillen“)
  • Pak Choi („zwei Gemüse in einem: man kocht die Blätter wie Spinat und knabbert die knusprigen Stängel wie Sellerie“)
  • Lauch („voller milder Zwiebelaromen“)
  • Erbsensprossen („so yummy and tender!“)
  • Radieschen („exzellenter Lieferant von Vitamin A, C und B-Vitaminen“)
  • Spinat („lecker in Quiche, Lasagne und Suppen“)
  • Rüben mit Kraut („süßer, fruchtiger Geschmack“)

Ansonsten hab ich gerade gelesen, dass am Montag die Spielplätze wieder aufmachen.

Überall in Amerika Proteste. Gestern Abend auch in Ann Arbor: eine Fahrrad-Demo. Friedlich und im zweiten Gang.

Außerdem hatten wir gestern in den Nacht einen Besucher: Ein Opossum hat im Gras nach Futter geschnüffelt. Wer will es adoptieren?

bookmark_borderDer beste Bauernmarkt von allen

Ich weiß: Andernorts brennt in den USA gerade die Hütte. Darüber schreib ich ein andermal, gibt ne Menge zu sagen. Heute jedoch gehen wir zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder auf den Farmers Market in Ann Arbor. Anfang Mai hat man den Markt ein bisschen geöffnet – man konnte Sachen vorbestellen und dann am Gehsteig abholen. Jetzt aber zum ersten Mal wieder „in Echt“. Ich muss sagen: Wenn man das lange nicht gemacht hat, ist das hier auf einmal der beste Bauernmarkt von allen. Einfach, dass da Leute sind und man Dinge angucken kann und dass der Wind durchs Gemüse weht.

Alle Gänge sind jetzt als Einbahnstraßen gestaltet. Interessant, dass nur die Verkäufer Masken tragen müssen. Für Kunden sind sie nur „empfohlen“. Überall stehen Schilder, die einen an die Regeln erinnern.

Zum Beispiel die Regel, dass man zum Rumstehen und Quatschen bitte den Markt verlassen soll. Insgesamt war deutlich weniger los, als das an einem Vor-Corona-Samstag der Fall gewesen wäre.

Hier sieht man, dass der Platz für einige der Anbieter deutlich reduziert wurde. „Wir können uns halt nicht mehr so ausbreiten wie sonst“, sagt eine stämmige Bauersfrau, die uns getopften Koriander und krause Petersilie verkauft. Ich frag sie, wie’s für sie ist, dass der Markt endlich wieder läuft. Sie so: Tja, halt weniger Platz und die doofen Masken. Sie mag die Beschränkungen nicht. „Wird aber auch irgendwann vorbeigehen.“ Sie scheint keine Angst vor dem Virus zu haben und wenig Freude darüber zu empfinden, dass es wieder losgeht. Interessant. Wenn man Geld verdienen muss, hat man einen anderen Blick auf die Dinge. Für uns ist es ein emotionales Erlebnis, für sie ist es Business. Was man auf Bauernmärkten kauft, ist viel mehr als nur Grünzeug. Man kauft das Gefühl, dass die Welt noch immer in Ordnung ist. Oder wieder. Auch wenn man im Grunde weiß, dass das höchstens zur Hälfte stimmt.

An den Blumen gehe ich ansonsten immer achtlos vorbei. Heute aber mache ich ein Bild und freu mich, wie die Dinger schön bunt sind und blühen.

Am Tag davor war ich zum ersten Mal wieder in einem Laden, der kein Supermarkt war. Das eher geräumige Sportgeschäft war so gut wie leer. Eigentlich habe ich gedacht, die Leute rennen denen die Bude ein. Weil man endlich wieder darf. Aber nein. Auf dem Parkplatz: so gut wie nix los.

Ganz anders ein paar 100 Meter weiter bei „Kroger“, dem hiesigen Supermarkt. Parkplatz und Laden: ziemlich voll. Auch hier sind die Gänge als Einbahnstraßen angelegt. Manche halten sich sogar daran.

Das mit der Kennzeichnung der Einbahnstraßen haben sie beim Farmers viel besser gemacht. So richtig für Doofe (also für mich). Hat auch viel besser funktioniert. Der alte Trick: Information ist es nur, wenn’s einer mitkriegt.

Seit diesem Wochenende bekommen wir auch eine Gemüsekiste von einem örtlichen Bauernhof. Man holt sie ab auf einer Wiese neben dem Bauernmarkt. Ich weiß aus Erfahrung, dass die Begeisterung darüber sich irgendwann legen wird, aber heute ist das wirklich was Besonderes. Frisches Zeug, an dem noch Erde hängt. Pilze mit Würmern drin. Ich werde ganz nostalgisch und mache Spätzle dazu.

Ansonsten ist Theo, der Kater, am Abend aus dem Haus ausgebüxt. Was hat er so getrieben die ganze Nacht? Die Trail Camera im Garten has es uns verraten: Er hat den Waschbär interviewt. „Wie ist es so, dieses freie Leben im Wald? Wo kann man hingehen und Spaß haben? Und was sind das für Streifen an Deinem Schwanz? Guck mal hier: Ich hab auch welche!“ Der Waschbär hatte aber gar keine Lust drauf.

bookmark_borderTiere, Räuber, Mafia

Das Verbrechen schläft nicht – auch nicht in Nickis Garten. Gestern die Vogelhäuschen neu befüllt. Dabei sind ein paar Kerne und Nüsse daneben gefallen. Achselzuckend alles auf dem Rasen belassen und die Trail Camera daneben geschnallt. Vielleicht kommt ja ein Eichhorn vorbei?

Und tatsächlich:

In der Nacht jedoch hat sich ein Räuber eingeschlichen. Die Maske trägt er nicht wegen Covid-19! Dies ist der erste Waschbär, den ich hier überhaupt zu Gesicht bekomme. Er scheint gut im Futter zu stehen. Seine Figur erinnert mich an meine alte Lateinlehrerin. Die Geschäfte laufen offenbar bestens.

Aha. So frisst also ein Waschbär. Cute!

Im Übrigen hat sich ein Blue Jay (Blauhäher) an die Kerne gemacht. Auch er schreckt vor Raub und Mord nicht zurück: Er räumt gelegentlich die Nester anderen Singvögel aus. Außerdem ist er ein Fälscher, ein Meister der Maske, wie ich einem Artikel aus dem „Ornithologists‘ and Oologists‘ Semi-Annual“ von 1889 entnehme. Dort heißt es: „Seine Immitationskünste sind enorm, wir hörten ihn die Rufe von Buteo borealis (Rotschwanzbussard), B Lineatur (Rotschulterbussard) und Falco sparverius (Buntfalke) mit höchster Akkuratesse nachahmen.“ Er tut also so, als wär er ein gefährlicher Raubvogel, um Konkurrenten zu verscheuchen. Clever!

Der schlimmste Verbrecher scheint mir jedoch der Brown Headed Cowbird (Braundkopf-Kuhstärling) zu sein. Dass er seine Eier in fremde Nester legt, habe ich bereits erwähnt. Das ist charakterlich zweifelhaft, aber vermutlich nicht strafbar. Dieses Video zeigt das Cowbird-Weibchen. Sieht harmlos aus. Fast langweilig. Aber: Das ist alles nur Fassade.

Heute hat mich Nicki nämlich auf ein Forschungspapier aus den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ aufmerksam gemacht, zu dem mir nun gar nichts mehr einfällt. Der Titel heißt übersetzt:
„Vergeltung im Mafia-Stil durch parasitäre Kuhstärlinge fördert die Akzeptanz ihrer Eier durch Wirtsvögel“.
Die Forscher haben nämlich untersucht, was passiert, wenn die geschädigten Vogeleltern (oder mitleidige Vogelfreunde) die ins Nest geschmuggelten Cowbird-Eier entfernen: Die Cowbird-Eltern entdecken, dass ihr Ei fehlt – und verwüsten aus Rache das komplette Nest. Und zwar in 56 Prozent aller Fälle. Die Sache läuft tatsächlich wie bei der Mafia: „Schönes Nest habt ihr da. Wär doch schade, wenn da einer vorbeikommt, und das alles kaputt macht.“ Also seufzen die Wirtsleute und entrichtet das Schutzgeld, in diesem Fall: Sie ziehen das Cowbird-Küken groß und tun so, als wär’s ihr eigenes.

Mehr noch: Manchmal zerstören die Cowbirds auch einfach so die vollen Nester anderer Singvögel. Die müssen dann ein neues Gelege anlegen und schaffen so eine neue Möglichkeit für die Cowbirds, ihr eigenes Ei dazuzuschmuggeln. Sie legen sich sozusagen ihren eigenen kleinen Bauernhof an Wirtsvögel an. „Farming“ sagen die Vogelforscher dazu.

Das Böse ist immer und überall.

bookmark_borderWas hätte Winnetou damit angestellt?

Dieser Tage hat sich eine Schlange durch unseren Garten geschlängelt. Natürlich wieder die Gemeine Strumpfbandnatter, wie wir sie schon neulich mal gesehen haben.

Heute beim Spaziergang im Wald ist uns auch wieder eine begegnet. Den Tieren scheint’s gut zu gehen. Wann wird mir eine einen Apfel anbieten, um mich aus dem Corona-Paradies zu vertreiben?

Ansonsten leide ich derzeit unter gedämpfter Stimmung. Vermutlich, weil mich gerade wieder ein Kalender-Zombie heimsucht: Mein Smartphone behauptet, dass ich gerade eine Reise mit meinem Vater unternehme. Ist ausgefallen wie die Reisen aller anderen Leute. Ja: Man darf sich nicht so anstellen. Und ja: Ich bin gerne in Michigan. Trotzdem doof. Den Trip hätte ich auch gerne gemacht.

Den Wald jedoch kümmert’s nicht. Hier blüht jetzt alles. Zum Beispiel diese schmucke Blume, bei der es sich, wie mir das allwissende Internet verrät, um eine Wilde Geranie handelt. So sagen die Amerikaner. Wir Deutschen sagen „Gefleckter Storchschnabel“ dazu.

Und das bringt mich jetzt zwanglos zu meiner Überschrift. Neulich habe ich mich bei Facebook zu einer dieser „Mir-ist-langweilig-wegen-Corona“-Challenges gemeldet und mich nostalgisch mit meinen Kinderhörspielen befasst. Da hat mir meine Mutter doch glatt ein Bild mit einigen der Platten geschickt, die meine Geschwister und ich uns damals reingezogen haben. Natürlich auch dabei: Winnetou.

Weil’s die meisten der Hörspiele auf Spotify gibt, hab ich mir einige nochmal angehört. Beim Abwasch, Putzen und so. Und ich muss sagen: Ein paar davon sind gar nicht mal so gut, wie ich das in Erinnerung hatte. Auch die Geschichten selbst. Meine Herren. So viele zufällige Wendungen! Ist mir damals alles nicht aufgefallen.

Was Winnetou mit den Schlangen und Blumen zu tun hat? Nun, ich habe im Netz gelesen, dass einige Indianerstämme die Strumpfbandnatter zum Abendbrot vertilgt haben. Angeblich hat man entweder den Schwanz abgeschnitten und gegessen oder die Schlange aufgeschnibbelt und das Fett ausgesaugt. Keine Ahnung, wie das gehen soll. War aber wohl so.

Und die wilde Geranie wurde angeblich als indianisches Heilmittel gegen Hämorrhoiden eingesetzt, die es also, wie ich schließe, auch unter den tapferen Söhnen und Töchtern der Prärie gegeben haben muss.

Bestimmt haben die „Native Americans“ auch gewusst, was man mit diesem mächtigen Baumpilz alles anstellen kann. Ich dagegen weiß es nicht. Man weiß sowieso das allermeiste nicht.

Immerhin: Mit dieser „Gewöhnlichen Nachtviole“, an der Coco schnuppert, hätten auch die Apachen nichts anzufangen gewusst. Gab’s in Amerika nämlich gar nicht. „Dame’s Rocket“, wie die Blume hier heißt, ist eine invasive Art und wird deshalb trotz ihrer Schönheit und ihres lieblichen Duftes von manchen Einheimischen beharrlich ausgerissen und weggesperrt. Was vermutlich vielerlei Gründe hat.

Gerade hat’s angefangen zu regnen. Das ist sehr erfrischend.