bookmark_border134 Anrufschleifen für einen Corona-Test

Am Freitag bin ich aus den USA wieder nach Hamburg gekommen. Risikogebiet. Also Quarantäne. Alles schon erzählt.

Am Wochenende dann versucht, das Rote Kreuz zu erreichen. Dort kann man sich angeblich auf eigene Kosten auf das Virus testen lassen. Jemand von der Hamburger Corona-Hotline hat mir am Freitag erzählt, dass ein negativer Test mir vorzeitigen Freigang verschafft. „Wenn Sie denn jemanden finden, der sie testet.“

Ein AB verrät mir, dass das Telefon am Wochenende nicht besetzt ist. Aber dafür an allen anderen Tagen von 8 bis 20 Uhr.

Aus diesem Grunde schmeiße ich hier noch das Bild eines Regenbogens mit rein. Hab ich am Sonntag geschossen. Ist es nicht verwegen, dieses Symbol der Hoffnung ausgerechnet in Schwarzweiß abzubilden? Mit diesem Kniff transportiert man zwei gegensätzliche Gefühle auf zugleich: Optimismus. Ja. Aber auch Skepsis. Clever!

Also am Montag ab 8 Uhr dann die Nummer des DRK gewählt. Dort läuft ein Band mit Musik und einer Ansage. „Leitstelle Hamburg. Bitte legen Sie nicht auf. Wir sind sofort für Sie da.“ Dann wieder Musik. Dann ein kurzer Cut – und Sache beginnt wieder von vorn. Die Schleife dauert 18 Sekunden, die Musik spielt in G-Dur. Ich hatte gestern und heute genau 134 mal die Chance, mir die Sache anzuhören. Keine Beschwerde. Nur eine Feststellung. Eine einzige Nummer für eine Stadt wie Hamburg. Unter normalen Zeiten ist das viel. In einer Pandemie ist es wenig. Zum Mittag: Rote Bete mit Kartoffelstampf. Lecker!

Aber gegen 17 Uhr – ich versuche mein Glück immer mal wieder, aber nie für viel länger als zehn Minuten am Stück – ist die Leitung plötzlich frei. Ich erwarte in der Stimme am anderen Ende jenen Ton von Zermürbtheit, der sich oft einstellt, wenn man dieselben Dinge immer und immer wieder sagen muss. Aber nichts da. Man spricht freundlich und hilfsbereit. Ja, es gibt die Möglichkeit, mich zu testen, ja, es sind noch Kapazitäten frei. Aber. Ich brauche eine „Ausnahmegenehmigung“ vom zuständigen Gesundheitsamt. „Sonst machen Sie sich strafbar – Sie stehen unter Quarantäne.“

Also kontaktiere ich wieder die Corona-Hotline der Stadt Hamburg. Auch dort läuft eine Maschine. Musik in C-Dur. Eine Schleife dauert hier 60 Sekunden, enthält aber dafür auch mehr Informationen. „Wir bedienen Sie so schnell wie möglich“, heißt es zum Beispiel. Man hört die Nummer des Bereitschaftsdienstes. Dort soll kann man anrufen, wenn man Symptome hat. Oder bei seinem Hausarzt. Dann kommt noch ein Verweis auf die Website des Robert-Koch-Instituts. Immerhin.

Nach etwa fünf Minuten meldet sich wer. Man gibt mir eine E-Mail-Adresse, bei der ich meine Ausnahmegenehmigung beantragen kann und versichert mir, dass man in der Tat schon von Fällen gehört hat, bei denen eine solche Erlaubnis auch tatsächlich erteilt wurde. Also schreibe ich eine Mail ans Amt und stelle meinen Antrag.

Am Abend flattert ein Falter durchs Fenster. Was für einer? Wer weiß es? Ich nicht. Hübsch sieht er aus.

Heute – kurz vor dem Mittagmahl – erreicht mich dann eine Mail vom Gesundheitsamt. Dort steht:

Bitte nutzen Sie die Informationen in diesem Link, unter Punkt 9 finden Sie die Antworten auf Ihre Fragen: https://www.hamburg.de/faq-reisen/

Wenn ich auf Punkt 9 klicke, komme ich bei einem Link heraus, den ich vorgestern schon hier in meinem Blog gepostet habe. Dort steht, dass ich mich beim Roten Kreuz auf eigene Kosten testen lassen kann. „Die Privatpersonen fahren mit dem eigenen PKW zur Abstrichentnahme.“ Ich soll also einfach da hingehen und mich testen lassen. Hm. Interessant.

Also wieder beim DRK angerufen. Dort läuft Musik und eine Sprachansage. 18 Sekunden. Aber schon nach 7 Minuten und 50 Sekunden nimmt jemand ab – Jackpot gleich beim ersten Versuch! Sofort kommt die Frage: „Haben Sie denn schon eine Ausnahmegenehmigung vom Gesundheitsamt?“

Ich so: „Die haben mir vorhin eine Mail geschickt. Da steht, ich kann mich bei Ihnen testen lassen.“

Und dann nimmt man auf der anderen Seite auch schon meine Daten auf, gibt die Adresse durch (beim Berliner Tor), verweist darauf, dass die Sache was kostet (93 Euro; 25 zahlt man vor Ort, das ist fürs Rote Kreuz; für den Rest kriegt man dann später einer Rechnung vom Labor; auch dies: keine Beschwerde, ich schreibe nur auf, was passiert) – und gibt mir einen Termin.

Wenn ich Glück habe, erfahre ich also noch diese Woche, ob mich das Virus erwischt hat oder nicht. Und wenn ich Glück habe, geht’s danach zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder runter an die Elbe.

Für meine Stimmung würde ich jetzt am liebsten noch mal den Regenbogen von oben einblenden: Hoffnung, ja. Aber auch Skepsis. It’s the pandemic, man!

bookmark_borderLangweilige Lebensbilder

In den sozialen Medien teilen Menschen dieser Tage Schwarzweißbilder ihres Alltags. Spannend. Meine Bilder sind dagegen langweilig – genau so wie weite Teile meines Lebens. Auf Facebook heißt es: Keine Erklärung zu den Bildern. Das geht natürlich nicht. Ich bin ein Mann des Wortes. Oben also: Jochen arbeitet an einem neuen Projekt und verzweifelt daran.

Buddha sagt: Alles ist eins. Geschirr benutzen, Geschirr abwaschen, Geschirr wegräumen, Geschirr benutzen usw.

Buddha sagt … ach, hatten wir schon. Also: Oben der Topf, unten die Schüssel. Alles ist eins.

Aber sauber muss alles sein!

Apropos. Heute hatte ich doch glatte DREI Diskussionen darüber, wer eigentlich die bekanntesten Deutschen sind. Mit meinem Sohn zusammen getippt: Beethoven, Goethe, Hitler (sorry).

Dann zwei Mal bei Leuten aus Michigan nachgefragt. Sie sagen ALLE erstmal Hitler. Unglaublich, eigentlich. Dann kommen nach einigem Nachdenken: Beethoven und Goethe, der für Amerikaner aber schwer auszusprechen ist.

Außerdem hörte ich: Bach, Gutenberg, Wernher von Braun – und Friedrich der Große. Und Angela Merkel. Und Hermann Hesse. Und auf Nachfragen kriegt man auch noch ein Nicken für Thomas Mann. Aber nur, weil man es in Ann Arbor mit verdammten Intellektuellen zu tun hat. Schon Bismarck kennt keine Sau. Auch Schiller nicht. Freud kennen alle. Aber: Österreicher.

Also jetzt. Für Beethoven: das Klavier.

Und weil mit Bach ein zweiter Komponist genannt wurde, schmeiß ich auch noch die Gitarre mir rein.

Außerdem. Die USA sind ein gespaltenes Land. Der gelehrte Richard Florida hat kürzlich gesagt: Wir Amerikaner müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr miteinander reden können. Dass wir über uns viele Dinge niemals werden einigen können. Wir können uns nur darüber einigen, wie man Schlaglöcher repariert. „There’s no republican or democratic way to pave the roads.“ Heißt: Auf lokaler Ebene kann man praktisch nicht unterscheiden, zu welcher Partei ein Bürgermeister eigentlich gehört. Die Erfahrung hab ich in Deutschland auch gemacht. Erst auf Staatsebene laufen die Meinungen so richtig auseinander. Deshalb sollte man mehr Macht von der Zentralregierung abziehen und an die Kommunen, Kreise, Bundesländer geben. Keine Ahnung, ob das so komplett bis zum Ende durchgedacht ist. Aber interessant ist es doch.

Einstweilen leben die Leute halt zusammen wie Hund … 

… und Katze.

Am Morgen trinkt man seinen Kaffee … 

… spät am Abend putzt man sich die Zähne.

Und so wird aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Alles ist eins. Sagt Buddha.

bookmark_borderDas lauteste Musikinstrument der Stadt

Gestern nach Feierabend fahren wir zum North Campus der Uni. Da soll Musik spielen. Tatsächlich verlieren sich auch ein paar Leute auf dem Rasen. Nanu. Wo ist die Band?

Dann geht die Mucke los. Sie kommt aus dem Lurie Tower und wird offenbar von Glocken produziert. Einen Song erkenne ich sogar: „Respect“ von Aretha Franklin, die ja bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren sozusagen ums Eck in Detroit gewohnt hat. Hier ein 15-Sekunden-Clip, damit Ihr einen Eindruck vom Sound bekommt.

Wie spielt man so ein Ding eigentlich? Sagt man wirklich Glockenspiel? Zu Hause also gegoogelt. Und, Donnerwetter, die haben hier an der Uni sogar zwei von diesen Dingern. Und sogar eine eigene Professorin für diese Instrumente. Man kann sich sozusagen zur Diplom-KirchturmglockenspielistIn ausbilden lassen. Außerdem: Man sagt gar nicht Glockenspiel, wenn man was auf sich hält. Man sagt „Carillon“ – und entsprechend „CarillonneurIn“. Eine Uni-Ausbildung dafür gibt’s in Deutschland, wenn ich das richtig sehe, nur in Würzburg.

Das gestrige Konzert wurde übrigens von der hiesigen Professorin höchstselbst bestritten. Cool. Und so läuft es ab, wenn die Meisterin in die Tasten tritt und haut.

Sieht nach Arbeit aus, wenn Ihr mich fragt. Aber dafür hat man auch was davon: Man spielt sozusagen das lauteste Musikinstrument der Stadt – und wird noch in einigen Meilen Entfernung gehört.

Wenn ich wieder in Hamburg bin, muss ich mal bei St. Nikolai vorbei schlendern, nur um den Vergleich zu hören. Dort hängt nämlich auch ein Carillon, das im Übrigen nur neun Glocken weniger hat als das Instrument im Lurie Tower.

Ich selbst werde für den Privatgebrauch bei der Gitarre bleiben.

Und Coco? Sie kennt eigentlich nur einen Sound, bei dem sie regelmäßig mitsingt (nämlich immer am zweiten Dienstag des Monats gegen 13 Uhr). Es handelt sich nicht um das Glockenspiel.