bookmark_borderAmerika und die Männermode

Man hat mich wiederholt gebeten, ein paar Worte über die hiesige Modewelt zu verlieren. Das ist problematisch. Wer mich kennt, weiß, dass ich selten Geld für Kleidung ausgebe. Ergo: Glashaus. Steine. Aber ich will auch keinen im Regen stehen lassen. Hier also meine Analyse.

Sprechen wir zunächst von den Männern. Alle Männer in Michigan tragen exakt das Gleiche. Im Sommer: Cargo Shorts. Im Winter: Jeans. Zu festlichen Anlässen darf es eine Leinenhose sein. All diese Hosen haben eins gemeinsam: Sie bieten ihrem Träger in allen Körperbereichen SEHR viel Raum. Mehr Raum, als man in Europa üblicherweise bekommt, so viel steht fest.

Herren-Oberbekleidung im engeren Sinne gibt es nicht. Keine Hemden, keine Pullover, keine T-Shirts. Vielmehr trägt der erwachsene Mann in Michigan einen ausrangierten Kartoffelsack, in den man drei zusätzliche Löcher für Kopf und Arme geschnitten hat. Wer es finanziell geschafft hat, lässt ein paar Knöpfe auf die Vorderseite nähen, damit der unförmige Fetzen entfernt hemdartig wirkt. Distinktion ist alles! Dann färbt man ein schlampiges Karomuster auf den Stoff – fertig! Das Ganze ist für gewöhnlich eine Investition fürs Leben!

Weil der Haarausfall auch hier nur wenige Männerhäupter verschont, trifft man nicht selten auf fantasievolle Kopfbedeckungen, mit denen die Einheimischen ihre Platte vor den Strahlen der Sonne (im Sommer) oder den unangenehm eisigen Winterwinden zu schützen trachten.

Von all diesen Moderegeln ist jedoch eine demographische Gruppe ausgenommen. In Ann Arbor legt man enormen Wert auf Sport, weshalb Jahr für Jahr einige der besten Jung-Athleten der Welt mit großzügigen Stipendien an die Hochschule gelockt werden. Für jeden solchen Football-, Basketball-, Eishockey- oder was-auch-immer-Adonis hat die Gouverneurin vor einigen Jahren die berühmte „No-Shirt-Rule“ von Michigan erlassen: Die Jungs dürfen, sobald sie ihr Grundstück verlassen, grundsätzlich keine Oberbekleidung tragen. Zumindest in der Zeit zwischen Memorial Day (letzter Montag im Mai) und Labor Day (erster Montag im September). Das Gesetz dient zur Stärkung der öffentlichen Moral – unter anderem deshalb, weil die permanente Begegnung mit diesen Waschbrettbäuchen die Eingeborenen zu regelmäßigeren Leibesübungen drängt. Die Sache funktioniert: Auch ich habe die Zahl meiner monatlichen Liegestütze zuletzt um 20 Prozent gesteigert.

Zu den Frauen kann ich wenig sagen. Die sind hier alle super angezogen.