bookmark_borderAuf dem See schwimmt ein Kanu aus Beton

Gestern in Ann Arbor einen Spaziergang um den schönen Argo Pond gemacht. Am Steg liegt ein Paddelboot, das deutlich schnittiger aussieht als die bunten Plastikboote, in denen die Menschen hier normalerweise sitzen. Das Boot scheint mir zunächst aus Metall zu sein. Es macht mich jedenfalls neugierig, und weil ich gerne mit Fremden rede, hab ich die jungen Leute angequatscht, die um das Boot herumstanden. Und siehe da:

Das Kanu ist aus Beton! Ich habe zwar schon mal davon gehört, dass so was funktioniert, aber gesehen hab ich’s, glaub ich, noch nie. Die jungen Leute studieren an der hiesigen Uni Bauingenieurwesen. Und da gibt’s tatsächlich eine eigene Gruppe von Verrückten, die regelmäßig solche Boote bauen, um an irgendwelchen Betonboot-Meisterschaften mitzumachen.

Deborah, die zur Gruppe gehört, sagt: Dies ist das erste Mal, dass sie das Boot überhaupt zu Wasser lassen. Sie machen jetzt alle möglichen Tests, um über Winter ein noch besseres Ding zu bauen und im April bei den nächsten Meisterschaft ordentlich abzuräumen.

Ich hab später zugesehen, wie sie damit über den See gepaddelt sind. Klar, so ein Betonboot ist viel schwerer als ein Plastikboot. Aber alles in allem hat die Sache auf dem Wasser nicht unelegant ausgehen. Ist es nicht toll, wenn man im Studium solche Sachen machen kann und mit Spaß und in einer tüchtigen Gruppe gut wird in seinem Beruf? Mich begeistert so was immer.

Später kurz gegoogelt: Soooo neu sind Betonboote gar nicht. In den USA gibt es entsprechende Meisterschaften schon seit den 1980er Jahren. Verrückt, was man alles nicht mitkriegt.

Am Ufer des Sees flaniert außerdem eine stolze Gottesanbeterin. Sie ist gut getarnt, weshalb ich einen Kreis um sie gemacht habe. Heftiges Tier.

Auf dem Weg zurück überqueren wir wild die Bahnstrecke nach Chicago (siehe unten). Wir machen das andauernd, alle machen es so. Ich hab mir nie was dabei gedacht. Aber. Auf dem Spaziergang treffen wir eine Hundebesitzerin, die ich früher häufiger gesehen habe. Sie ist damals – vor der Pandemie – immer mit einer sehr schönen Schäferhündin spazieren gegangen. Jetzt hat sie einen anderen Hund. Was ist mit dem alten passiert? „Wurde vom Zug überfahren“, sagt sie. Und zwar so. Es ist ein windiger Tag – der Wind verbläst Tennisbälle und Geräusche. Sie wirft den Ball, der Ball fliegt weiter, als er soll, die Hündin folgt ihm über die Gleise, der Zug kommt ohne Signalhorn ums Eck – und zack. Sie lag dann am Ende tot am Damm, den Ball noch im Maul, sagt die Besitzerin. Traurig.

Jetzt lagen meine Wahlunterlagen im Briefkasten. Gerade bei FedEx gewesen. Kriegen sie das Ding bis Samstag zurück nach Hamburg? Die Mitarbeiterin weiß es nicht. „Heute am Sonntag geht eh nix raus.“ Aber morgen kommt der Chef wieder. Vielleicht kriegt er die Sache hin. „Wird jedenfalls nicht billig“, sagt die FedEx-Frau. Bin gespannt, was ihr Chef morgen zu sagen hat (die Wahlscheinnummer im Bild hab ich retuschiert).

bookmark_borderHausmusik

Gestern hat mich Scott besucht, um Hausmusik mit mir zu machen. Er hat sein neues Banjo mitgebracht, auf das er mit Recht sehr stolz ist. „Weißt Du, warum es wie Gold glänzt? Weil sie dafür echtes Gold verwendet haben!“ Jawohl. Hier stimmt sie noch die alte und leider längst vergessene Weisheit: Was wie Gold glänzt, das ist auch aus Gold!

Scotts Banjo klingt wahnsinnig gut. Nicht nur, weil er es gut und mit Liebe spielt. Sondern auch, weil es sich um ein „Ome“-Banjo handelt. Ome, das ist ein kleines Familienunternehmen aus Colorado. „Die bauen nur ein paar Instrumente pro Jahr“, sagt Scott. Er hat durch einen Zufall (nämlich: den Originalkaufbeleg, der noch mit im Koffer des Instruments lag) eine musikalische Verwandtschaft mit dem Erstbesitzer des Instruments festgestellt. Er MUSSTE es einfach kaufen, das Schicksal hat es so gewollt.

Und so bin ich gestern – durch eine Verkettung günstiger Zufälle – zu einer Bluegrass-Session gekommen, obwohl ich von Bluegrass keine Ahnung habe. Hier ein kleiner Ausschnitt. Man kann dazu tanzen oder sich einfach drüber freuen, dass Menschen miteinander Musik machen. Ist das nicht schön?

Im Hintergrund sieht man übrigens Theo, den Kater. Katze Sasha und Hund Coco lagen davor auf dem Teppich. Manchmal haben sie mit den Pfoten den Takt mitgewippt, es war eine Freude.

Im Übrigen sagt Scott, dass ich aufhören soll mit diesem WhatsApp-Quatsch. „Damit verletzt Du eine ganze Reihe sozialer Normen hier bei uns. Besorg Dir gefälligst ne amerikanische Telefonnummer.“

Eigentlich weiß man das schon. Trotzdem verrückt, dass hier in den Staaten kaum jemand WhatsApp verwendet. Das machen nur die Ausländer. Tja.

Außerdem hab ich mich beruflich gestern mit einem Mathematiker-Streit im 18. Jahrhundert beschäftigt. Das Zwischenmenschliche kann ich verstehe. Aber die Mathematik dahinter? Man weiß im Grunde überhaupt gar nichts.

Keine weitere Pointe.

bookmark_borderDie Leute im Camp Michigania

Eine Sache vorab. Google Translate ist besser als nichts. Aber DeepL ist viel, viel besser.

Nun zur Sache.

Am Ende hab ich beim Camp Michigania eine Urkunde bekommen für maximale Begeisterung beim Tennis und beim Pickleball. Meine letzte Rückhand ist jetzt schon zehn Tage her und das Knie tut immer noch weh. Hat man davon! Falls jemand noch nie von Pickleball gehört haben sollte: Hier hab ich mal drüber geschrieben und dabei Regeln und Liebreiz dieser Sportart besungen.

Jedenfalls gab’s in der Campwoche ein Pickleballturnier. Meinen Doppelpartner hab ich durch Zufall getroffen. Und genau darum geht’s in diesem Beitrag: Um all die Zufälle und die Leute, die man dabei trifft. Ich rede viel und gern mit Fremden. Es gibt Studien, die zeigen, dass es die meisten Menschen glücklicher macht. Einige davon hab ich kürzlich in einem Podcast vorgestellt. Camp Michigania ist jedenfalls eine Maschine, die genau solche Begegnungen und Zufälle erzeugt und das sehr zuverlässig. Mein Doppelpartner hieß George. George ist der fitteste 83-Jährige, den ich kenne. Und er hat das, was man ein „Händchen“ nennt. Er weiß genau, wo der Ball hin muss und er spielt ihn mit einem bitterbösen Spin. Ich habe erfahrene Athleten Luftlöcher schlagen sehen, weil Georges Bälle manchmal eine irrwitzige Flugbahn beschreiben. Angeblich hat George bei den letzten Michigan-Meisterschaften die Bronzemedaille geholt. „Aber nur in meiner Altersklasse“, sagt er. Es war jedenfalls die reine Freude, auch wenn wir am Ende natürlich nicht gewonnen haben.

Nach unseren ersten paar Matches meinte George: „So, wir gehen jetzt zu meiner Hütte. Ich hab Bier in der Eisbox.“ Und da saßen wir dann auf der Veranda und tranken unser Bier. Es war herrlich. George ist ein Amerikaner, wie man ihn sich amerikanischer nicht denken kann. Aber manchmal, wenn mir ein kompliziertes Wort nicht auf Englisch eingefallen ist, hab ich einfach das deutsche Wort verwendet und George hat es verstanden. „I understand everything“, sagt er. Auf seiner Geburtsurkunde hieß er noch Georg ohne das amerikanische „E“ am Ende. Die ersten Monate seines Lebens hat er in Österreich verbracht. Irgendwann – „after Kristallnacht“ – sei seinem Vater klargeworden, dass Wien, diese damals beste Stadt von allen, nicht länger die beste Stadt für eine jüdische Familie sein würde. Und so kam Georg nach Amerika, als er noch kein Jahr alt war.

Wir haben uns im Laufe der Woche in Michigania noch häufiger unterhalten. George ist ein fröhlicher Kerl, pragmatisch und zupackend. „Ich wollte lange nix wissen von meiner Religion und meiner Herkunft“, sagt er. „Ich wollte nur dazugehören. Nur das hat mich interessiert.“ Aber dann hat’s ihn halt doch irgendwann eingeholt. „Dass ich Jude bin, das ist Teil meiner Geschichte. Es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin.“

Heute arbeitet er ehrenamtlich fürs Holocaust Memorial Center in Farmington Hills und hält dort gelegentlich Vorträge als Suvivor. Hier kann man seine Geschichte nachlesen. Tja. Mein Punkt ist: Jetzt hab ich Pickleball gespielt mit einem Kerl, der ungefähr so alt ist wie mein Vater und der überlebt hat, weil sein Vater früh genug gemerkt hat, was passiert in seinem Land. Michigania ist die Maschine, die zuverlässig Zufälle produziert. Ohne diese Maschine hätte ich nie mit George gesprochen und nie seine Geschichte gehört. Ich hätte nie gelernt, mit einem Butterflyboot zu segeln.

Und ich hätte auch Bert und seine Familie nicht kennengelernt. Das Ganze kam so. Bei der Begrüßung am ersten Abend meinte Bert, als er am Mikrofon stand: „Ich veranstalte eine Art TED-Talk am Dienstag. Wer ein Thema hat, kriegt 15 Minuten Zeit. Meldet Euch einfach.“ In normalen Jahren gehören solche Vorträge fest zum Programm. In Coronazeiten fallen sie aus. Bert hatte offenbar Lust, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Nach der Vorstellung kam er stracks zu Nicki und mir und meinte: „Ihr zwei haltet einen Vortrag. Dienstag vor dem Haus von Arts&Crafts. Ich zähl auf euch.“ Warum er ausgerechnet uns gefragt hat, ist mir noch immer ein Rätsel.

Jedenfalls hing am nächsten Tag wirklich ein Zettel mit unseren Namen drauf am schwarzen Brett. Bei mir stand daneben der Satz: „Keine Ahnung, worüber der Typ reden will, aber er behauptet, dass er für Psychologie Heute schreibt.“

Also haben Nicki und ich zwei Tage später je einen Kurzvortrag gehalten. Nicki hat erzählt, warum die sozialen Medien gut für uns sein können (das ist ihr Forschungsgebiet). Und ich hab von meinem längst vergessenen Buch „Alle Macht den Kindern“ gesprochen – und darüber, was alles passieren kann, wenn Kinder mal ne Zeit lang die komplette Kontrolle haben über das eigene Familienleben. Hat Spaß gemacht, die Leute haben hinterher ein paar Fragen gestellt und dann freundlich geklatscht.

Bert jedenfalls ist ein interessanter Kerl. Er spielt Klarinette in einer Klezmerband. „Nicht wegen der Kohle“, sagt er. „Sondern, um was für die Community zu tun.“ Außerdem schreibt er ab und zu Kolumnen fürs Wall Street Journal.

Ich so: „Welche Themen?“
Er so: „Immobilien. Und Musik.“

Er schreibt auch über Sport jenseits der Lebensmitte. Ich hätte darin seine Bemerkung über die Schmerzen der 50-Jährigen aufmerksamer lesen sollen, dann wär mein Knie jetzt vielleicht in einem besseren Zustand.

Bert hat aber auch eine interessante Familie. Sein Sohn zum Beispiel, der auch mit im Camp war, spielt Schlagzeug in einer Band namens Vulfpeck, die ich sehr mag. Nicki sagt, dass ich mich ein bisschen blamiert habe bei unserer ersten Begegnung, weil ich in spontaner Begeisterung angefangen hab, die Basslinie des Vulfpeck-Songs „Dean Town“ zu singen. Aber das haben schon andere Leute vor mir getan.

Berts Frau Alice hat es im Internet zu einiger Berühmtheit gebracht. Ich habe 2019 sogar mal was über sie auf Facebook gepostet. Ohne Scheiß. Im Wortlaut hieß es damals: „Vulfpeck machen mich fertig. Ab 20:45. Wie die Mama mal eben für ne Meditation auf die Bühne kommt. Ich kann nicht mehr Leute.“ Hier das Video dazu. Guckt Euch ihren Auftritt an, er ist großartig.

Jedenfalls spielen Bert und Alice auch Pickleball. Und zwar gut. Ich verdanke ihnen einige tolle Matches (und möglicherweise auch das Aua im Bein).

Zum Ende des Camps hat Bert für den letzten Abend noch eine Art offene Bühne organisiert, bei der jeder was vorführen konnte. Ich war in den 1990er-Jahren ja mal Teil einer Straßenmusik-Gruppe in Oldenburg. Seither hängen zwei Klezmer-Songs irgendwo in meiner Hirnrinde. Bei einem konnte ich sogar noch Teile des jiddischen Texts. Und so hab ich mir von unserem Nachbarn eine Klampfe geliehen und mit Bert nach einer 15-minütigen Probe ein bisschen Musik gemacht.

Der Eimer im Vordergrund ist voller Bier. Eine Camperfamilie hat ihn gestiftet.

Auch das war: ein großer Spaß. Bert hat mich im Verlauf des Abends zwei Mal öffentlich gefeuert – und später wieder eingestellt. Sein Humor ist ein bisschen wie der Spin von George beim Pickleball: Man weiß nie so recht, wo der nächste Ball hingeht.

Die offene Bühne war auch ansonsten klasse. Kai hat erst das Mikro gehalten und dann spontan eine super witzige Comedy-Einlage hingelegt. „Don’t go to College“, ruft Bert ihm hinterher, als er die Bühne verlässt. Später schnappt sich ein Mädchen die Gitarre und singt zwei Songs. Später meint sie: „Ich hab immer total Lampenfieber.“

Das hat mich beschäftigt. Ich finde, man sollte über die Bühne anders denken. Denn in den guten Momenten verbindet man sich dabei mit allen, die gerade zuhören. Man erschafft ein Netz, wo vorher nur einzelne Punkte waren – und wird dabei selbst Teil des großen Netzes. Wenn mir das nächste Mal jemand von Lampenfieber klagt, werde ich diese Geschichte erzählen. Vielleicht hilft’s.

Ein paar Tage nach Ende des Camps schreibt mir Bert in einer Email, „Gania“ sei ein bisschen „wie Schweden mitten in den USA“. „Sehr egalitär. Du kannst nicht sehen, ob jemand eine weltbekannte Neurologin ist, ein Verfassungsrechtler oder Schrotthändler. Alle laufen in T-Shirts und kurzen Hosen rum. Alle sammeln den Müll ein. Wir sorgen selbst für Unterhaltung und Vorträge – wie an einem riesigen Lagerfeuer, das ne Woche lang brennt.“ Das stimmt. Allerdings sollte man erwähnen, dass Vorträge und Entertainment ansonsten zum Programm gehören. Bert hatte einfach keine Lust, sich beides von der Pandemie wegnehmen zu lassen. Er schreibt weiter:
„Keiner schließt die Hütte ab. Die Kinder stromern den ganzen Tag draußen rum. Die Generationen vermischen sich. Ich hab tatsächlich mit ein paar Kindern und Jugendlichen gesprochen, was mir sonst im Alltag nie passiert, denn ich bin ein alter Mann.“ Unter den Campern waren im Übrigen, so schreibt Bert, „ne Menge Juden (ich kann’s nicht ändern“. Letzteres ist wahr. Es hat etwas mit der Geschichte der University of Michigan zu tun. Aber darüber schreib ich ein andermal.

bookmark_borderAuf Zombie-Jagd mit Pfeil und Bogen

Ernest Hemingway hat die Sommer seiner Kindheit ja im Norden von Michigan zugebracht. Nämlich: in einem Holzhaus am Walloon Lake. Gleich gegenüber am südlichen Ufer liegt ein sehr schönes Gelände, das Camp Michigania, wo Nicki, ihr Sohn und ich gerade ein paar Tage zugebracht haben. Das ist ein sehr eigenartiger Ort, über den ich jetzt mal ein paar Zeilen schreiben muss.

Die Geschichte geht ungefähr so: In den 1960er Jahren hat die University of Michigan hier günstig ein Areal geschossen und es Schritt für Schritt in ein sehr rustikales Feriencamp verwandelt. Wer früher mal in Ann Arbor studiert hat oder heute dort an der Hochschule arbeitet, der darf da Urlaub machen und Leute mitbringen. Natürlich gegen Geld.

Ganz zu Anfang gab es im Camp Michigania ein paar Holzhütten, einen Raum, in dem alle essen konnten und einen Badesteg. Sehr einfach muss das alles gewesen sein. Heute schlafen die Camper noch immer in Holzhütten. In der Zeit vor Corona haben sich drei Familien so eine Hütte geteilt. In diesem Jahr hatten wir eine Hütte für uns. Das Gelände ist sehr sandig und die Hütten sind es demnach auch.

Tja. Und da sitzt man dann. Mit ansonsten 400, in Coronazeiten etwa 170 Leuten und macht den ganzen Tag irgendwas. Es gibt drei gemeinsame Mahlzeiten am Tag. Eine Bastelhütte (Arts & Crafts), einige Tennisplätze, einen Klettergarten, ein paar Segelboote, einen Schießstand, neben dem man vor einem Sandhügel per Schrotflinte fliegende Plastikscheiben wegpusten kann. Überall laufen junge Studierende rum, die einem beibringen, wie man all das noch besser machen kann. Wie zum Beispiel hier beim Tennis.

Und dann gibt es noch diese Wiese, auf der mehrere Strohballen stehen, damit man mit Pfeil und Bogen auf Zielscheiben schießen kann. So wie das die unbekannte Dame im Bild unten macht. Meine Meinung: Ein Bullseye aus 20 Yards (also ein Schuss ins gelbe Feld) ist machbar, dauert aber seine Zeit. Ich selbst musste viele verschossene Pfeile suchen, bis es so weit war. Man denkt vorher: „Das ist alles nur Atmung und Zen.“ Aber dann merkt man irgendwann: Es hilft auch, die Füße ordentlich auszurichten, die Arme gerade zu halten, das richtige Auge zusammenzukneifen und mit den Händen keinen Quatsch zu machen. Und am nächsten Tag hat man dann fast alles wieder vergessen.

Wenn man alle fünf Pfeile in den schwarzen, blauen, roten oder gelben Kreis bringt, dann bekommt man einen Preis, ein so genanntes Field. Und das geht so: Alle Camper tragen um den Hals eine Holzmedaille (Lanyard) als Namensschild. Sobald man die fünf Pfeile im Ziel hat, kommt jemand aus dem Team der Camphelfer auf einen zugerannt, brüllt ein sehr ehrlich gemeintes „well done“, „awesome“ oder „great job“ und kritzelt einem mit Edding ein Zeichen auf die Medaille. Beim Bullseye: dito. Ich habe Kinder gesehen, deren Namen zwischen all diesen Awards nicht mehr zu lesen waren.

Einige dieser Awards bringen den tapferen Athleten aber mehr als nur Ruhm und Bewunderung. Man darf mit ihnen nämlich Dinge machen, die dem gewöhnlichen Fußvolk verwehrt bleiben. Mit dem Field darf man zum Beispiel bewaffnet ins – naja – Field spazieren. Das ist ein schmaler Pfad, der sich zwischen Bäumen, Büschen und oft mehr als hüfthohem Gras durch die Walachei schlängelt. Und dann – zack! – taucht auf einmal irgendwo eine Art Poster auf. Mit einem Hasen drauf. Oder einem Coyoten. Auf dem Boden sieht man eine 20-Yard-Markierung und dann … soll man halt von dort auf die Bilder schießen.

Klingt bescheuert? Unbedingt!

Ist es natürlich auch.

Und dennoch muss ich gestehen: Wenn man zusammen mit einem Teenager gerade die Zombie-Apokalypse verhindert hat, dann gibt das der Sache halt doch einen gewissen Reiz (siehe das Bild ganz oben).

Außerdem ist mir bei all dem klar geworden: In besagter Apokalypse würden mich Pfeil und Bogen vor rein gar nichts retten. Nicht vor blutgieriegen Untoten. Und auch nicht vor dem Hungertod. Selbst aus 20 Yards Entfernung hätte kein einziges Tier beim ersten Pfeil auch nur eine Schramme davongetragen. Es lebe der Supermarkt!

Die Pommes zum Abendessen waren übrigens erstklassig. Und weil’s im Camp praktisch keinen Handyempfang gibt, konnten alle so tun, als wäre die ganze Welt ein Ferienlager. Was sie natürlich nicht ist.

Handelt das Camp Michigania nur von Sport, Leistung und Geschicklichkeit? Manche sagen: ja! Ich jedoch möchte widersprechen. Denn eigentlich geht’s darum, endlich mal wieder mit Leuten abzuhängen. Interessanten Leuten, wie ich hinzufüge. Und das war einfach toll, wie ein Wunder. Doch dazu mehr im nächsten Eintrag.