bookmark_borderEin paar tausend Leute – und alle kiffen

Gestern bin ich im Zentrum von Ann Arbor ins heftigste Volksfest meines Lebens geraten. Die Veranstaltung nennt sich „Hash Bash“ (=“Hasch-Fete“) und obwohl ich ja schon ne Menge Zeit hier verbracht hab, ist mir der Name bisher noch nie zu Ohren gekommen. Auch seltsam.

Jedenfalls stolperten da tausende von Leuten über den Campus – und sehr viele davon waren bereits berauscht oder sichtbar am Kiffen.

Am Straßenrand überall Marktstände – für Marihuana selbst, aber auch für die ganzen Waren drumherum. Bongs, Pfeifen, Feuerzeuge, hydroponische Systeme für den heimischen Selbstanbau, Merchandise. Dazwischen auch eine Firma, die Hausdächer verkauft hat. Ich so: „Häh? Ihr deckt die Häuser mit Gras???“ Die Leute so: „Nö, mit Gras hamwer nix am Hut. Aber Hausbesitzer trifft man überall!“ War nicht viel los an ihrem Stand, keine Ahnung, ob die Marketingabteilung das korrekt kalkuliert hat.

Die für mich krasseste Aktion waren Leute, die mit Laubbläsern durch die Menge gefahren oder gelaufen sind und dabei irgendwelchen Qualm in die Menge gepustet haben (der rote Pfeil im Bild unten zeigt auf rauchenden Auslass).

Ich hab erst gedacht: Klar, ist nur Dampf, ein PR-Gag. Also bin ich hingegangen, um mal zu schnuppern. Nämlich hier. Im Bild unten zeigt der rote Pfeil auf, naja, den Rauch halt. Der schwarze Pfeil bedeutet gar nix. Ich war nur zu faul, ihn wieder aus dem Bild zu löschen.

Ich kann jedenfalls bezeugen, dass es sich weder um einen Gag noch um Wasserdampf gehandelt hat. Ich hab erst zwei volle Ladungen von dem Zeug in die Nase bekommen und danach einen Blick in den Pfeifenkopf geworfen. Und das war ganz eindeutig kokelndes Gras. Hat so gerochen. Und auch so gewirkt. Ich war noch beim Frühstück ziemlich benebelt und hab davor zum ersten Mal seit Wochen durchgeschlafen wie ein Baby. Meine Herren!

Überall standen im Übrigen fliegende Händler rum, die ihre Waren angepriesen haben. Mit einigen hab ich ein Schwätzchen gehalten. Alle waren EXTREM glücklich mit den Geschäften. Ich so: „Wie läuft’s?“ Er so: „Dude, was soll ich machen? ALLE sind am Kiffen!“

Ein anderer hat seine selbst angebauten Joints verkauft. „Alles Bio-Ware, du siehst hier den KAVIAR unter den Joints!“ Er hat 20 Dollar pro Joint genommen und anderthalb Stunden vor Ende der Veranstaltung behauptet, schon 800 davon vertickt zu haben.

Es war ein goldener Tag für die Menschen mit dem grünem Daumen.

Neben dem Hiphop-Stand mit der PA-Anlage und den fetten Bässen hat ein Stelzenmann seine Tänze aufgeführt. Ne Band gab’s auch. Deren Gig haben wir aber knapp verpasst und nur noch die letzten paar Akkorde mitgekriegt. Schade.

Jedenfalls. Wirkte das Ganze wie ein Weinfest in der Pfalz – nur halt mit Gras statt mit Riesling.

Interessant auch, dass IRRE viele Leute rumgelaufen sind, um für irgendwas Unterschriften zu sammeln. Für eine neue Kreisrichterin zum Beispiel.
Für einen republikanischen Kandidaten fürs Repräsentantenhaus.
Für eine demokratische Kandidatin fürs Repräsentantenhaus.
Für die Legalisierung von Magic Mushrooms („in Ann Arbor und Detroit sind sie schon legal – im Rest von Michigan aber noch nicht“).
Für einen Mindestlohn von 15 Dollar.
Ich hab dann immer gesagt, dass ich aus Deutschland bin, dann haben sie mich alle in Ruhe gelassen. Ein älterer Herr hat mir aber ne kostenlose Vorlesung über Hash Bash gegeben.

Das Fest findet jedes Jahr Anfang April statt – und zwar schon seit 1972. Es war also das 50. Jubiläum. „Am Anfang ging’s nur um nen Typen, den sie wegen ein paar Gramm Gras eingesperrt haben. Hash Bash war am Anfang reiner Protest.“

Jetzt ist Marihuana in Michigan seit 2019 legal. Die Gouverneurin war über viele Jahre Stammgast bei der städtischen Haschisch-Sause, wie man Wikipedia nachlesen kann. Auch interessant.

Wir waren am Ende unseres Besuchs jedenfalls allerbester Laune und haben wieder was gelernt über Ann Arbor und die Welt.

Eins vielleicht noch: Kiffen ist hier erlaubt. ÖFFENTLICHES Kiffen aber nicht. Eigentlich. Denn an diesem einen Tag im Jahr pflegt die Polizei beide Augen zu verschließen. Wie in der großen Skulptur vor dem örtlichen Kunstmuseum.

Mir gefallen solche Ausnahmetage, wo alle Fünfe gerade und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Es ist eine gute Haltung. Für das Leben und überhaupt.

Jetzt bräuchte ich noch einen klugen Schlusssatz. Aber ich bin noch immer ein bisschen angeschlagen vom gestrigen Passivrauchen. Heute geht’s wieder früh ins Bett.

Peace!

bookmark_borderMusik, Medien, Melancholie

Ums gleich zu sagen: Der Winter in Michigan ist zäh. Mir schlägt das aufs Gemüt. Vielleicht ist es auch der Krieg in Europa. Oder die Anzahl der Covid-Fälle in Deutschland. Alle scheinen gerade krank oder krank gewesen zu sein. Irre. Mir fällt das Schreiben jedenfalls schwer in diesen Tagen, was natürlich doof ist, wenn man damit a) sein Geld verdient und b) auch noch freiberuflich arbeitet, die Einkünfte also sehr direkt abhängig vom eigenen Output sind. Und man will auch keinen im Regen stehen lassen. Aber nun. Niemand soll behaupten, ich würde jammern. Ich sag’s bloß.

Vergangene Woche hat mein Kumpel Scott mich angeschrieben. Ich soll am Samstag kurz vor fünf abholbereit sein und meine Gitarre einpacken. Ich so: Geht klar. Nicki so: Wohin geht’s? Ich so: keine Ahnung.

Und genau so war’s dann am Ende auch. Wir sind ungefähr ne Stunde später irgendwo in Ohio in der Mitte von nirgendwo an einer sehr einsamen und sehr geraden Landstraße links in ein sehr einsames Grundstück eingebogen. Es gab da keine richtigen Nachbarn, nur ein Haus und eine Scheune daneben. In der Scheune stand unten ein Pferd. Es bekommt dort sein Gnadenheu, wenn ich das richtig verstanden habe. Das Dachgeschoss der Scheune hat das Paar, denen die Scheune gehört, jedenfalls zu einer schmucken Räumlichkeit ausgebaut. Und genau da hat Kara ein paar Bilder aufgehängt und in stillen Auktionen zum Verkauf angeboten.

Kara ist eine Bekannte von Scott. Alle im Raum kannten Kara. Manche schon seit Jahrzehnten. Eigentlich kamen alle im Raum aus derselben Kreisstadt im Süden von Michigan. Und dann war da noch Scott. Und dann war da noch ich. Wir haben uns in einer Ecke auf Barhocker gesetzt und ein paar Bluegrass-Stücke gespielt. Scott spielt Banjo, wie ich ja vor Zeiten schon erwähnt habe.

Ja. Wir durften uns Getränke aus dem großen Kühlschrank holen. Aber alles in Maßen. Im Raum hingen zwei Fernseher. Im einen lief College-Basektball, im anderen ein Eishockeyspiel der dritten oder vierten Liga. Die Heimatstadt der Anwesenden spielte um eine Meisterschaft. Es war ne große Sache.

Ich hätte beinahe ein Bild gekauft, wurde aber kurz vor Schluss überboten. So ist das Leben.

Es war ein sehr schöner Abend.

Interessant waren auch die Gespräche. Sie waren anders als die Gespräche in Ann Arbor. Zum Beispiel Corona. Niemand hat über Corona gesprochen. Niemand hat eine Maske getragen. Man muss dazusagen, dass es hier im Moment so gut wie keine Fälle gibt.

Und dann die Ukraine. Niemand hat darüber gesprochen. Oder. Vielleicht hat schon jemand davon gesprochen, aber ich hab’s nicht gehört.

Die Leute haben etwas betrieben, was man im Englischen als „catching up“ bezeichnet: einander auf den neuesten Stand bringen. Ich hab mal ne Geschichte drüber geschrieben. Es gibt ein paar empirische Hinweise darauf, dass „catching up“ zu den drei wichtigsten Sprechakten gehört, um die Gelenke, Muskeln und Sehnen einer Freundschaft geschmeidig zu halten.

„Wie geht’s eigentlich Deiner Cousine?“
„Danke, sehr gut. Sie lebt jetzt mit ihrem Mann in New Mexico.“
„Jaja, toll. Ich bin ja mit ihr in die Grundschule gegangen.“
„Weiß ich doch, weiß ich doch.“
„New Mexico ist toll“.
„Ja, New Mexico ist toll. „
(zu mir) „Weißt Du, dass allein in Detroit mehr Leute leben als in ganz New Mexico?“
(ich): „Nö, wusste ich nicht. Heftig.“
„Jaja, kannste mal sehen. Schön ist es da in New Mexico. Aber miese Schulen. Niemand dort geht zur Schule.“

Wie gesagt: Es war ein sehr schöner Abend.

In der Überschrift hab ich versprochen, was über die Medien zu sagen, also muss ich das Ei jetzt auch legen. Die Medien also. Wie soll ich sagen? Ich meide seit einigen Tagen die amerikanischen Fernsehnachrichten. Etwas behagt mir nicht an ihnen. Nämlich: Dass es die Guten gibt und die Bösen. Und dass es sich so gut anfühlt. Hab ich schon mal gesagt. Aber es stimmt noch immer. Mein Kumpel Sören hat es auch gesagt, als wir am Wochenende telefoniert haben. Es ist ganz seltsam. Warum fühlt sich die Sache mit Gut und Böse so gut an? In der Psychologie gibt es die Faustregel, dass wir, sobald wir in eine Story die Kategorien Gut und Böse einbauen, – zack – mit einem Schlag 20 IQ-Punkte verlieren. Ich glaub nicht, dass es Studien dazu gibt, aber der Satz klingt einfach zu gut, um ihn für sich zu behalten. Jedenfalls: Die Nachrichten im Moment machen dumm.

Ich weiß: Irgendwie sind gerade alle im Krieg. Und im Krieg gelten andere Regeln. Trotzdem: Was ich hier sehe, ist keine Berichterstattung, sondern Propaganda. Und die Sendungen folgen allen Regeln, die jemals darüber geschrieben wurden. Hier: echt Menschen mit Namen und Schicksalen, die kein menschliches Herz kalt lassen. Dort: Maschinen. Flugzeuge. Panzer. Lastwagen. Kanonen.

Es ist alles wieder wie damals im kalten Krieg.

Klar, das ist nur eine Facette von vielen. Man könnte noch viele andere Dinge sagen. Information ist eine Waffe. Also schärfen wir die Äxte. Vielleicht dient alles einem guten Zweck.

Aber es gefällt mir nicht. Und ich schalte nicht mehr ein.

Obwohl ich weiß, dass das natürlich auch keine Lösung ist.

Hab ich gesagt, dass mir das Schreiben dieser Tage schwer fällt? Es ist schwer, weiter alles ernst zu nehmen, was die Leute so treiben in ihrem Leben.

Ansonsten: Ein Streifenhörnchen ist heute der Katze vor der Nase rumgetanzt und hat Glück gehabt, nicht gefressen zu werden.

bookmark_borderZahnarzt-Gespräche in den USA laufen entspannter – es liegt an einem Trick mit der Körpersprache

Gestern hab ich hier in Michigan nach meinen Zähnen sehen lassen. Es gibt für alles ein erstes Mal. Oben der Apfel: Das bin ich. Die Knoblauchzwiebel: Das ist die Zahnärztin. Das Bild soll nur nochmal in Erinnerung rufen, wer sich bei einer Zahnbehandlung wo im Raum befindet.

Naja. Viele Dinge laufen beim Zahnarzt ähnlich wie in Deutschland. Andere Dinge laufen anders. Zum Beispiel hängt das Röntgengerät an der Wand im Behandlungszimmer. Man muss – anders, als ich das aus Hamburg kenne – den Behandlungsstuhl für eine Aufnahme nicht verlassen. Ist das besser oder schlechter? Weiß ich auch nicht.

Was mich am meisten überrascht und ins Nachdenken gebracht hat, war aber die Kommunikation der Zahnärztin mit dem Patienten (also mit mir). Es lief irgendwie ganz anders ab, als ich das von zu Hause kenne. Aber was genau war anders? Hat sie sich mehr Zeit genommen? Hm. Vielleicht ein bisschen. Hat sie über andere Dinge gesprochen? Hm, nicht wirklich.

Es war eher so, dass sie sich nicht wie eine Zahnärztin verhalten hat, sondern wie ein ganz normaler Mensch, also ohne eine eng definierte Rolle. Ich konnte im ersten Moment aber nicht sagen, wie genau sie das hingekriegt hat. Es war mehr so ein Gefühl. Aber das Gefühl war sehr präsent.

Über Nacht ist mir der entscheidende Trick dann aber doch aufgegangen – die meisten hätten es vermutlich sofort kapiert: Es lag an ihrer Position im Raum. Die sah nämlich folgendermaßen aus:

Sie (Knoblauchzwiebel) saß auf einem Stuhl auf der LINKEN Seite des Behandlungsstuhls (gefaltete Platzdecke). Und zwar jenseits des Fußendes, also weit mehr als eine Armeslänge entfernt von mir (Apfel). DAS war das ganze Geheimnis. Normalerweise kenn ich das so, dass der Zahnarzt auf der Behandlungsseite sitzt, während wir reden. Er befindet sich sozusagen schon komplett in Behandlungsbereitschaft.

Dieser Tage hab ich mich beruflich mal wieder mit den Versuchen von Iwan Pawlow und seinen Hunden befasst. Man kennt das ja schon: Pawlow läutet eine Glocke, kurz bevor der Hund sein Fresschen kriegt. Nach ein paar Durchläufen produziert der Hund Speichel, sobald die Glocke läutet – auch wenn nirgendwo eine Mahlzeit zu sehen oder zu riechen ist. Man sagt dann: Der Hund wurde auf die Glocke „konditioniert“ (in Wahrheit hat Pawlow nie mit einer Glocke gearbeitet, sondern meist mit einem Metronom, aber egal).

Jedenfalls ist das die ganze Story: Die Zahnärztin rechts des Behandlungsstuhls, keine Armeslänge vom Patienten entfernt – das ist bei mir und vermutlich bei vielen anderen auch ein konditionierter Reiz. Er verheißt Pein und Unbehagen, auch wenn noch gar kein Bohrer summt. Die Zahnärztin auf der LINKEN Seite dagegen, zwei Meter vor mir entfernt – das ist einfach ein Mensch, der sich mit mir unterhält.

Tja. Ich war während des Gesprächs auf eine Art und Weise entspannt, die mich völlig überrumpelt hat. Es hat sich angefühlt, als wär‘ das hier gar keine ernste Sache, sondern einfach eine lässige Unterhaltung am Nachmittag.

So einfach.

So clever.

Ich schreib das hier mal auf. Vielleicht inspiriert es ja jemanden dazu, Dinge in Zukunft anders zu machen. Oder. Vielleicht ist das in manchen Praxen in Deutschland ja heute schon üblich, nur nicht dort, wo ich so abzuhängen pflege. Vielleicht ist meine neue Zahnärztin auch die einzige, die das hier in Michigan so macht.

Ich weiß es nicht.

Aber so war es jedenfalls gestern, und es hat mir gut gefallen.

bookmark_borderEine TV-Offenbarung und noch mehr Tischtennis und seine sozialen Regeln

Gestern hat mir Nicki eine TV-Offenbarung beschert und per Streaming ein paar Folgen der amerikanischen Serie Schoolhouse Rock über den Schirm flimmern lassen. Das sind trippige Zeichentrick-Filme zu interessanten Popsongs aus den frühen 1970er Jahren. Kann sein, dass die eh jeder kennt. Ich jedenfalls sehe sie zu ersten Mal. In den Texten geht es um Mathe, Landeskunde oder Grammatik. Ganz toll finde ich zum Beispiel den Song Conjunction Junction, in dem die grammatische Kategorie der Konjunktion erklärt wird. tldr: Mit „und“, „oder“ und „aber“ ist man stets auf der sicheren Seite. Zack – fertig! In einem entsprechenden Song über die „Interjektion“ heißt es: Nach der Interjektion kommt ein Ausrufezeichen. Oder ein Komma, wenn die Emotion dahinter nicht sehr stark ist. Bin völlig begeistert.

Ansonsten: Weil die Coronazahlen niedrig sind, hab ich zum ersten Mal in den USA ein Tischtennis-Turnier gespielt – in einem Städtchen namens Davison bei Flint (Michigan). Flint kennt man aus den Nachrichten wegen des versuchten Trinkwassers dort. Ganz traurige Story um die tiefdunklen Seiten des Kapitalismus. Jedenfalls veranstaltet der „Davison Athletic Club“ regelmäßig kleine Turniere, was ich sehr zu schätzen weiß.

Über dem Eingangstresen hat man, wie das hier üblich ist, einige Flaggen aufgehängt: das Land, der Staat, die Gemeinde. Immer wieder erstaunlich finde ich die Tatsache, dass die Flagge von Michigan einen lateinischen Wahlspruch enthält, der zugleich die Lieblichkeit der Halbinsel besingt und einen Hang zur klassischen Bildung demonstriert: „Si Quaeris Peninsulam Amoenam Circumspice.“

Erstaunlich auch die Architektur. Im Athletic Club steht jede Tischtennisplatte in einem eigenen Raum. Man hat sie vor Turnierbeginn einfach in eine Art Squash-Zelle geschoben. Das ist toll, weil anders als sonst niemals querfliegende Bälle aus anderen Matches den Spielfluss unterbrechen. Die Stimmung während der Spiele ist allerdings schwer zu beschreiben. Man hat das Gefühl, ganz allein in einer Privatgarage oder einem Hobbykeller zu spielen, nur halt mit mehr Platz drumrum. Was dabei völlig fehlt, ist die Atmosphäre von Öffentlichkeit, die ich von Turnieren aus Deutschland kenne.

Auch interessant: Wenn man (wie ich) zum ersten Mal in den USA spielt, kann man per Definition nicht gewinnen, weil man nämlich noch kein „Rating“ hat und deshalb mit der Ziffer „0“ eingestuft wird. Denn was ergibt eine Multiplikation mit 0? Eben! Hat trotzdem Spaß gemacht. Der Turnierorganisator hat mir Väterlich die rechte Pranke auf die Schulter gelegt: „Tröste dich, nach diesem Turnier hast du ein eigenes Rating – und beim nächsten Mal kannst Du dann auch ne Medaille kriegen, wenn du dich anstrengst.“ Sport ist toll, weil die Welt darin ganz klein wird, ganz einfach und unkomplex. So verbindet sich die körperliche Bewegung mit einer Erleichterung fürs Gehirn – mehr Eskapismus geht nicht.

Viele Dinge sind beim Tischtennis in den USA aber genau wie bei uns. Für mich das Wichtigste: Auf einmal kommt man mit Leuten zusammen, denen man ansonsten niemals über den Weg laufen würde. Wir kommen aus allen Ecken der Welt, aus Korea, China, Indien, Pakistan, Nepal, aus Europa, aus den USA (mit Vorfahren von überall). Da spielen Medizinstudenten, Marketingleute, Köche, Ingenieure, Freiberufler, Angestellte, Unternehmer, Rentner, Schulkinder … alle auf einem Haufen. Okay, es gibt eine gewisse Häufung von Menschen, die irgendwas mit der Automobilindustrie zu tun haben, aber das scheint mir bei der Nähe zu Detroit nicht weiter verwunderlich.

Nicki sagt: Die Sache erinnert sie an das Argument von Robert Putnam in seinem Buch „Bowling Alone„, in dem er sich die nachbarschaftlichen Bowling-Ligen angesehen hat und wie sie Brücken schlagen zwischen getrennten sozialen Gruppen. „Bridging social capital“ ist das, was Gemeinschaften erst zu Gemeinschaften macht. In Deutschland übernehmen das die Vereine, deren Bedeutung man deshalb gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Gleich wieder Schnee schaufeln. Bowling alone – aber immerhin für einen guten Zweck.

bookmark_border67 Hundehaufen und ein wenig Tischtennis

In den vergangenen Tagen ist es wärmer geworden, was den Schnee schmelzen ließ. Dies ist Jahr für Jahr das Signal für eine etwas lästige Vorübung für die Ostertage. Denn Coco, die Hündin, pflegt bei ihrem täglichen Morgengang übers Grundstück das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, die Resultate verbirgt für ein paar Wochen der Schnee. Nach dem Tauwetter schnappt sich der Mensch also eine Schaufel, um den Rasen zu säubern. Heute waren’s am Ende 67 Hundehaufen.

Was ich damit sagen will: Viele Dinge sehen am Anfang weiß und geschlossen aus, wie eine lineare Geschichte, bei der ein Element sich ohne Naht und Saum an das andere reiht. Aber wenn man dann eine Weile wartet, verschwindet die geschlossene Erzählung. Dann nimmt man die Schaufel um räumt den Unrat beiseite. Haufen für Haufen.

Man kann natürlich auch warten, bis Zeit und Kleinstorganismen den Job gemeinsam erledigen. Man muss dann halt etwas länger drauf achten, nirgendwo reinzutreten.

Das geht auch.

Manchmal lese und sehe ich Dinge in den Nachrichten und denke mir still: Mal sehen, was zutage tritt, wenn der Schnee schmilzt. Und wer dann alles wegräumt.

Ansonsten war ich beim Tischtennis. In Amerika gelten dabei genau dieselben Regeln wie bei uns. Aber die sozialen Regeln drumherum sind ein wenig anders. In Hamburg, wenn ein Neuer auftaucht, spricht ihn jemand an und fragt ihn, ob er nicht ein paar Bälle spielen will. So läuft es in Deutschland.

In Amerika läuft es anders, zumindest wenn, wie gestern, mehr Menschen als Plätze in der Halle sind. Dann stellt man seinen Schläger an die Seite einer Platte. Die beiden Spieler müssen dann sofort ein Match beginnen. Wer verliert, räumt den Platz für den Neuen. Und dann spielt man da an der Platte, bis wer anders den Schläger an die Seite stellt und man selbst um seinen Verbleib in einen Wettbewerb treten muss.

Das klingt erstmal herzloser als bei uns, hat aber einen interessanten Effekt, den ich am Anfang nicht durchschaut habe. Die Regeln erziehen einen dazu, möglichst ein Paar von Spielern zu fordern, bei denen man denkt: Gegen beide könnte ich vielleicht gewinnen. Wenn man nämlich zu starke Spieler fordert, bleibt die Zeit an der Platte ein kurzes Vergnügen.

Man lernt nie aus.

bookmark_borderHappy End mit Stromausfall

Das Interessante an Büchern und Filmen ist ja, dass sie irgendwie „ausgehen“. Das hat uns als Kinder immer am meisten interessiert. Jemand hatte ein Buch gelesen, wir noch nicht. Wir kannten nur den Anfang oder ein paar Grundfiguren. „Und, wie geht’s aus?“ – das war die wichtigste Frage. Dasselbe im Fernsehen. Damals war’s ja so: Ein Film lief einmal – und wenn man nicht aufbleiben durfte oder den Film aus sonstigen Gründen „verpasst“ hatte, dann war es das eben für die nächsten Jahre. Vielleicht sogar für immer. „Wie ist es ausgegangen?“ Es war immer dieselbe Frage.

Ich persönlich wollte immer, dass es „gut ausgeht“.

Denn wir wissen ja alle, wie unser Leben endet: Man stirbt und ist dann tot. Man weiß es vorher. Wie also kann ein Leben „gut ausgehen“? „In den Himmel kommen“ schien mir als Chance zwar plausibel, aber auch relativ abstrakt. Die Panik vor der eigenen Sterblichkeit hat im Kindergarten angefangen und dann sehr lange angehalten. Jeder Film und jedes Buch, das zu Ende ging, fühlte sich an wie ein Probelauf dafür. Es war immer ein großer Verlust. Dass die Erzählung für die Heldinnen und Helden gut ausgegangen war, tröstete immerhin ein wenig. Die offenen Enden oder gar die „auf der letzten Seite sind dann endlich alle tot“–Variante hab ich stets als düstere Zumutung empfunden. Warum den Schmerz mit Absicht verdoppeln?

Dieser Tage in Michigan reden jedenfalls alle vom Wetter. Bis kürzlich war’s noch: kalt und trocken. Der Fluss komplett zugefroren, mehr als zehn Zentimeter dick die Eisschicht, wir haben einen jungen Mann gesehen, der mit dem Fahrrad über den See gefahren kam.

Heute zum Frühstück fielen dann die ersten Flocken.

Der Wetterdienst sagt, dass wir bis zum nächsten Frühstück bis zu 40 Zentimeter Neuschnee kriegen könnten. Das ist sehr viel Schnee für meine Verhältnisse. Hab vorhin die Zufahrt geschippt und „Weg gemacht“, wie man in meiner alten Heimat sagt. Der letzte Schnee war trocken, leicht und pulverig. Dieser Schnee ist eine schwere Pampe. Ich fürchte, er wird für manchen Baum eine zu große Last. Die Bäume knicken dann, sie fallen in Leitungen – und wir haben keinen Strom. So könnte es kommen, aber man weiß es halt nicht genau.

Ich hoffe, die Sache geht gut aus. Mit Stromausfall oder ohne. Jetzt erstmal: Holz ins Haus bringen. Kerzen bereitlegen, den kleinen Gaskocher aus dem Keller holen für alle Fälle. Hund und Katze haben es sich schonmal gemütlich gemacht.

bookmark_borderEiskalte Reklame

Dieser Tage waren wir in Dexter, das ist ein Städtchen vor den Toren von Ann Arbor. Von Wikipedia weiß ich, dass es dort einst eine spektakuläre UFO-Sichtung gab. Und einen schlimmen Tornado. An diesem Tag jedoch hingen im Monument Park übererwartbar viele Leute ab. Aha, eine Festivität! Also sind wir dem Wagen entstiegen, um die Sache zu bestaunen.

Da standen tatsächlich Eisfiguren rum. Oben: ein Einhorn. Desweiteren: ein Schwein …

… ein Paddelboot … 

… und ein Elch, sich einen Bierhumpen an die Lippen führend.

Im Netz dann nachgelesen: Es handelt sich bei dieser Veranstaltung um das „Dexter Ice Fest„. Es findet jeden Januar statt in der „schmucken Innenstadtgegend von Dexter“. Die Sause ist „aufregend und ein Spaß für die ganze Familie“. Die Idee: Jeder Laden in Dexter kann sich seine „eigene, kreative Skulptur“ schnitzen lassen.

Wenn in meinem Freundeskreis jemand Dexter erwähnt, dauert es keine zehn Sekunden, bis die Sprache auf einen ganz bestimmten Laden kommt: die „Dexter Bakery“. Die süßen Backwaren dort müssen ganz sensationell lecker sein. Einige Freunde fahren regelmäßig mit dem Rad dorthin, nur um sich ein paar Donuts zu ziehen. Die Betreiber der Bäckerei haben sich als kreative Skulptur einen Cupcake ausgesucht.

Das Schild unter der eiskalten Reklame verrät: Die Bäckerei ist ein „Silver Sponsor“. Es gibt auch Sponsoren in Gold und Platin. Je wertvoller das Metall, desto größer der Eisblock, aus dem die Skulptur gefertigt wird. Das Leben ist ein Stück Papier mit einer Zahl drauf.

In der Ecke steht ein Kriegerdenkmal, das an die Leute erinnert, die in den Bürgerkrieg gezogen und dann nicht mehr zurückgekommen sind.

Man hätte all das – die lokale Werbung, die kleinen Eisblöcke, die Kinder, die verloren dazwischen herumlaufen, das alte Denkmal, das trostlose Wetter – auch irgendwo in Deutschland sehen können. Und als Teenager vermutlich dabei gedacht, dass man ganz schnell mit der Schule fertig werden und woanders hingehen muss.

Seither ist Schnee gefallen und die Welt ist auf einmal sehr schön geworden.

Ansonsten: Auf Facebook gesehen, dass Helge Timmerberg ein neues Buch geschrieben hat. Ich habe früher ganz viel von ihm gelesen und mich stets dran erfreut und auch immer ne Menge gelernt dabei. Eine Passage von damals, die ich ne Zeitlang fast auswendig konnte, geht so:

„Adrenalin ist an und für sich nicht bösartig, sondern ein befreundetes Hormon. Es macht wach und putzmunter, denn es rast wie Rasierklingen durchs Blut und tut den Nerven gut, tausendmal besser als Kokain. Adrenalin ist der letzte Joker des Lebens. Und ist dieses auch ein durchgehend verschlafenes gewesen, egal, im Angesicht des Todes verschafft es Mega-Aufmerksamkeit für die Situation. Es gibt Adrenalin-Klassiker wie den Schatten eines Schlachtermessers hinter dem transparenten Duschvorhang, oder wenn man durch ein Flugzeugfenster schaut, und die Turbine brennt. Adrenalin auch, wenn im Hals der Apfel klemmt oder ein hungriger Wolf seine Lieder singt. Ein hungriger Wolf? Mir schien, es waren mehrere.“

Ich fürchte: Das neue Ding muss ich auch wieder lesen.

bookmark_borderSegler auf dem Eis

Es ist tüchtig kalt dieser Tage. Der See ist seit Tagen zugefroren, und die Leute machen sich ihren Spaß daraus. Kinder spielen Eishockey. Am Samstag seh‘ ich hier zum ersten Mal zwei Eissegler. Der Wind ist schwach, aber wenn sie ne günstige Brise erwischen, dann nehmen die Jungs gut Fahrt auf. Klar eigentlich: So richtig viel Reibung gibt es nicht auf dem Eis.

Direkt am Damm macht der See unterm Eis merkwürdige, basslastige Geräusche. Unheimlich. Vielleicht liegt es an der Strömung, die unterhalb der Eisschicht immer noch Richtung Wasserfall drängt.

Gestern dann einmal um den See herumgewandert. Am anderen Ufer stehen die Eissegler. Das sind keine besonderes neuen Geräte, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass das ein sehr schönes Hobby sein kann.

Gerade nachgesehen. So richtig teuer müssen die Dinger gar nicht zu sein. Im Netz verkauft jemand aus Ohio zwei Boote inklusive Segel für je 500 Dollar.

Dann entdecken wir nah am gegenüberliegenden Ufer zwei Leute auf dem Eis, die sich merkwürdig bewegen. Sie tragen keine Schlittschuhe, so viel steht schon mal fest. Durch den Feldstecher wird dann klar: Es handelt sich um Eisangler. Sie bohren sich gerade ihre Löcher. Später dann sehen wir, wie sie ein Zelt über eines der Bohrlöcher stellen. Freunde haben mir erzählt, dass Eisfischen hier in Michigan ne große Sache ist. Auch cool, irgendwie.

Am Ende macht Coco einen kleinen Ausflug über den See, Neugier und Übermut treiben sie hinaus. Sie will, dass wir Stöckchen werfen. Sie bewegt sich tapsig und schlitternd wie ein Welpe. Das Eis macht alle wieder jung. Der Winter ist eine schöne Jahreszeit. Aber kalt.

Gestern haben sie hier im Übrigen den Präsidenten der Uni gefeuert. Er hatte wohl eine Affäre mit einer Mitarbeiterin. Und sie haben sich Sachen über die Geschäftsmail geschickt. Keine gute Idee. Viele der Mails stehen jetzt einfach so in der Zeitung und alle reden darüber. Es gefällt mir nicht. Ich finde es übertrieben. Aber das ist Kultur. Ich muss in den nächsten Tagen nochmal was dazu sagen.

bookmark_borderBoostern in Amerika geht dann doch leichter als erwartet

Boostern in Amerika geht dann doch leichter als gedacht. Hab ja neulich berichtet, dass ich mich in Michigan boostern lassen wollte – aber gescheitert bin. Die Behörden sagen: „Das machen wir erst sechs Monate nach der Zweitimpfung.“ Solche Sachen ziehen sie hier eisern durch. Ein Faktor, wie ich vermute: In den USA gibt’s halt nicht mehr so super viele Leute, bei denen die Impfung noch keine sechs Monate her ist. Und wegen der paar Hansel ändert man keine Bundes-Richtlinie. Sieht dann ja so aus, als wär‘ man wankelmütig! Wie gesagt: Ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Aber der Gedanke leuchtet mir ein.

Heute waren meine sechs Monate jedenfalls vorbei. Ich hatte einen Termin bei Walgreens, das ist eine sehr große Apothekenkette hier. Man muss ein paar Online-Formulare ausfüllen, vor Ort ein paar Angaben unterschreiben, ein paar freundliche Worte wechseln, danach etwa eine Viertelstunde warten, bis alles in den Computer gefüttert ist – tja, und dann setzt man sich hinter eine spanische Wand hinten in den Ecke des Apotheken-Supermarkts (sie verkaufen da sogar Hundefutter) und kriegt seine Spritze. Es ging alles kurz und schmerzfrei. „Übung macht die Meisterin“, sagt die junge Frau im weißen Kittel. Ich nicke zustimmend.

Beim Warte-Schlendern stolpere ich fast über einen Regalaufsteller, in dem sie Covid-Tests verkaufen. Das heißt: In dem sie NORMALERWEISE Covid-Tests verkaufen. Die Tests sind nämlich alle. „Completely sold out“ – wie fast überall in der Stadt.

Das Preisschild verrät: So lange noch Tests da waren, hat man für eine Packung rund 24 Dollar abgedrückt. In einer Packung waren zwei Tests. Das scheint mir ziemlich teuer zu sein. Aber nun. Sie sind trotzdem alle weggegangen.

Ansonsten hat’s über Nacht tüchtig geschneit. Ich habe am Morgen 75 Minuten lang geschippt. Wir gehen mit dem Hund durch den Schnee, während die Sonne scheint, und es ist alles sehr schön und außerdem hat mein Vater noch Geburtstag und bei all dem kommt mir auf einmal der Gedanke, dass es vielleicht ein ganz tolles Jahr wird, dieses 2022.

bookmark_borderEin Covid-Test dauert in Michigan derzeit 45 Minuten

Ein Covid-Test dauert in Michigan derzeit 45 Minuten. Wir haben’s ausprobiert. Und zwar so:
Weihnachten ist vorbei. Menschen verlassen das Haus, andere haben es neu betreten. Und weil Omikron überall ist, fahren wir zur Teststation an der Wagner Road. Hier waren wir neulich schon mal. Diesmal jedoch ist die Autoschlange deutlich länger – sie zieht sich kreuz und quer über den gesamten Parkplatz. Hab ich schon mal erwähnt, dass es in den USA wahnsinnig viele Parkplätze gibt? Ein Parkplatzologe hat mal behauptet: Alle Straßen und Parkplätze des Landes zusammen entsprechen etwa der Fläche von West Virginia.

West Virginia ist größer als Hessen.

Jedenfalls warten hier viele Autos. Alle wollen sich testen lassen. In den Apotheken kriegt man nämlich kaum noch Tests für daheim. Der Spiegel hat heute ein großes Stück über die amerikanische „Testmisere“ gebracht. Hier auf dem Parkplatz kann man sie sehen. Ich höre Murren vom Rücksitz. Um uns die Zeit zu verkürzen, machen wir ein Spiel daraus. Wie lange dauert’s bis wir drankommen? Das Höchstgebot liegt bei 37 Minuten.

Ich zähle inzwischen die Fenster des Gewerbelagers hinterm Testzelt. Ich komme auf 40. Eine heilige Zahl. Erst danach lese ich die Aufschrift am Gebäude. Es handelt sich gar nicht um ein Lager, sondern um eine Kirche! So ergibt alles einen Sinn.

Im Zelt scannen wir unseren QR-Code, kriegen unsere Spucktests, dann Ausfahrt – fertig! Dabei lächelnd die endlose Schlange der wartenden Autos beobachten. Interessant, wie bei solchen Gelegenheit zuverlässig dieses wärmend-selbstgefällige Körpergefühl in einem aufsteigt. Man ist nicht stolz drauf und genießt es dennoch.

Am Ende verrät die Stoppuhr, dass der ganze Spaß nur knapp länger als eine Fußballhalbzeit gedauert hat.

Ansonsten haben wir keine Milch mehr im Haus. Das Brot ist auch fast alle. Also machen wir, wo wir schon mal in der Nähe sind, einen Abstecher zu Aldi. Man hätte auch noch nen Tag auf die Testergebnisse warten können. Andererseits – ein Morgenkaffee ohne Milch? Im Zweifel siegt immer die Bequemlichkeit.

In Hamburg geh‘ ich nur ganz selten zu Aldi, hier jedoch ist der Besuch immer etwas Besonderes. Alles fühlt sich dort irgendwie logischer an, gewohnter, so, wie es sich gehört. Aldi beamt mich für ein paar Minuten zurück nach Deutschland. Ganz seltsam. Es fängt schon bei den Einkaufswagen an: Man muss einen Vierteldollar einstecken, um sie auszulösen, ganz so, wie man das halt so macht. In den USA sind derlei Scherze unüblich. Deshalb haben sie über den Wagenreihen ein Schild angebracht, wo sie’s nochmal allen erklären: Mit der Münze kriegst Du den Wagen. Du bringst den Wagen wieder – Du kriegst Dein Geld zurück.

Nicki sagt: „Das ist eine schräge Regelung.“ Ich sage: „So gehört es sich.“ Genau das verstehen die Soziologen unter „Kultur“. All die Dinge, die so normal für uns sind wie Sauerstoff in der Luft. Wir denken nicht mehr drüber nach – bis wir zufällig woanders landen, wo’s anders läuft.

Ich will im Übrigen keine Werbung machen: Aber am Ende gehen wir aus dem Laden raus und haben locker 50 Dollar weniger ausgegeben, als wir für dieselben Waren anderswo gezahlt hätten.

Jetzt warten wir mal ab, was der Test so ergibt. Ich bin optimistisch.

P.S.: Lese gerade, dass wir in Michigan jetzt rund 13.000 neue Covid-Fälle pro Tag haben. So viele gab’s noch nie. Die Fallzahlen liegen rund 2,5 Mal höher als in Deutschland (auf die Gesamtbevölkerung umgerechnet). Mehr als 20 Prozent aller Tests sind derzeit positiv. Das ist viel zu viel.

Zeit für Suppen und lange Spaziergänge.