bookmark_borderMan liest insgesamt viel zu selten einen guten Roman

Goethe hat ja mal irgendwas gesagt von wegen „jeden Tag ein Lied hören, ein Gedicht lesen, ein gutes Bild angucken“. Oder so ähnlich. Passiert aber nur selten, wenn man ehrlich ist.

Dasselbe gilt für die Lektüre von Romanen. Ich lese zu wenig Belletristik, es ist ein Jammer. Früher war da mehr. Aber in den vergangenen Monaten: gar nichts mehr. Nur noch Quatsch und Fachliteratur. Das hab ich neulich geändert, weil Wochenende war und ich gedacht habe: „Nein, heute liest Du keine Studien!“ Also hab ich willkürlich ins Regal mit den staubigen Büchern drin gegriffen und – zack! – eine billige rororo-Ausgabe von Hemingways Fiesta zwischen die Finger bekommen. So die Sorte aus den 60ern, die man als Student gebraucht für ne Mark abgegriffen hat beim Büchertrödel vor der Mensa.

Das Buch war übersetzt. Die Übersetzung war nicht gut. Immer wieder lief ich zum Rechner, um nachzusehen, wie’s im Original geschrieben steht. Das Original war besser.

Im Original heißt das Buch ja auch nicht „Fiesta“, sondern „The Sun also rises“, was ein Bibelzitat ist. Und zwar aus dem Buch Prediger (aus dem Alten Testament), das ich über die Jahre immer mal wieder gelesen und darüber gestaunt habe. Ich glaube zunehmend, dass bei der Niederschrift Drogen im Spiel waren. Nein? Gut. Dann vielleicht eine Depression. Oder zumindest ein tiefer Mangel an Illusion über den Wert unseres Daseins. Da steht (also: in der Bibel, ich habe das von hier genommen, außerdem hab ich festgestellt, dass man die folgenden Zeilen langsam lesen muss, damit sie funktionieren; dann aber funktionieren sie sehr gut):

„Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel („eitel“ heißt hier: „für’n Arsch“ J.M.). Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen. Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie dort wieder aufgehe. Der Wind geht nach Süden und dreht sich nach Norden und wieder herum an den Ort, wo er anfing. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, dahin sie fließen, fließen sie immer wieder. Alles Reden ist so voll Mühe, dass niemand damit zu Ende kommt. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört sich niemals satt. Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: »Sieh, das ist neu!« – Es ist längst zuvor auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“

Deep. Aber auch seltsam. „Fiesta“ von Hemingway ist auch seltsam. Ein seltsames Buch. Und die Leute, die darin vorkommen, die sind ebenfalls seltsam. Diese Menschen, die sich da durch Paris, das Baskenland und den Norden Spaniens saufen. „Lass uns was trinken.“ Zwei Mal auf jeder Seite. Zwischendurch hab ich mal angefangen zu zählen – da hatte der Ich-Erzähler bis zum Mittagessen schon eine ganze Wochenration Alkohol weggemacht.

Und trotzdem. Es war eine ästhetische Erfahrung. Es war inspirierend. Anregend. Man kommt ins Phantasieren. Man muss das häufiger machen.

Und dann Sprache! Hab nach der Lektüre gleich ein paar Formulierungen an meine Kinder geschickt, damit sie auch was davon haben (Blüten fürs Florilegium!).

  1. I walked down the street and had a beer at the bar at the next Bal. The beer was not good (…).

2. The beer came. Brett started to lift the glass mug and her hand shook. She saw it and smiled, and leaned forward and took a long sip.
Good beer.“
„Very good,“ I said.

3. The food was good and so was the wine. We did not talk much.

4. „I think you’ll find that’s very good wine,“ he said.

5. „This wine is too good for toast-drinking, my dear. You don’t want to mix emotions up with a wine like that. You lose the taste.“

6. We dined at a restaurant in the Bois. It was a good dinner

7. (übers Boxen) It was a good fight.

8. It is always cool in the down-stairs dining-room and we had a very good lunch.

9. The coffee was good and we drank it out of big bowls.

10. „Take some more coffee,“ I said.
„Good. Coffee is good for you. It’s the caffeine in it.“

Am Ende des Buches hab ich gedacht, dass ich Mitleid mit Hemingway empfinde, obwohl er so gut schreiben und Alkohol trinken konnte.

Einen noch längeren Bart als Hemingway trägt übrigens mein Jahrgangsgenosse Judah Friedlander. Das ist ein Comedian aus Amerika. Ich hab neulich am Abend sein Special auf Netflix gesehen und sehr viel und laut gelacht. Ich empfehle seine Show. Die Show ist gut.

Auch das hat mich inspiriert. Zwischendurch habe ich auf Pause gedrückt und spontan einen Vierzeiler verfasst, der ein wenig dem Style von Judah Friedlander zuwinkt – nur halt mit mehr Melancholie und einer Alkohol-Referenz drin, wegen, naja, Hemingway. Und Prediger.

Ich habe mir ein Weinglas bestellt. Für die Tage, an denen ich traurig bin. Dann trinke ich und lass‘ mich geh’n. Bis das Glas ganz voll ist. 

bookmark_borderHoffen auf ein noch größeres Problem

Manchmal fällt mir das Schreiben schwer. Ich habe das nie systematisch untersucht, aber ich vermute: Es geht allen so, die mit dem Schreiben ihr Geld verdienen. Oder den meisten, da bin ich mir sicher.

Und dann, nach einiger Zeit des Elends, geht’s auf einmal halt doch.

Warum geht es plötzlich? Da gibt es mehrere Szenarien. Manchmal hat man in den Tagen der Dürre einfach genug nachgedacht. Wissen, was man sagen will – das hilft eigentlich immer.

Ein alter Prof von mir hat mal behauptet, das Elend sei nur der Ausdruck einer Regression. Dies sei der Preis, den jeder zu entrichten habe, der etwas Neues schaffen wolle. Naja. Weiß nicht, ob das stimmt. Es klingt aber schlau (und signalisiert, dass man tüchtig Freud gelesen hat; das war ihm immer wichtig; muss mal googeln, ob er noch lebt).

Mir ist gestern noch ein anderes Szenario eingefallen, das ich einige Mal selbst erlebt habe. Ganz kurios. Also. Wenn man ein Stück zu schreiben hat, aber es läuft nicht, dann fühlt man sich mies. Kennt jeder. Das Problem ist dann irgendwann nicht mehr das zu schreibende Stück selbst – sondern das, was man alles an Schlechtem über sich selbst denkt.

Eine Lösung besteht dann darin, auf ein noch größeres Problem zu hoffen. Das noch größere Problem sorgt nämlich dafür, dass man sich plötzlich um andere Dinge sorgt. Die verurteilenden Gedanken über sich selbst verschwinden. Der innere Handwerker übernimmt – und das Schreiben wird wieder zu dem, was es eigentlich ist: Das, was man halt so macht, um die Miete zu bezahlen.

Einmal hab ich das sogar als Intervention erlebt. Damals hat mich Dietmar Bittrich überredet, zum Satsang ins Goldbekhaus zu kommen. Auf der Bühne saß ein Mann namens Isaac Shapiro. Er „trottete wie ein abgeschabter Teddybär nach vorn und trank Kaffee aus einem Plastikbecher“. So hat der Kollege Bittrich die Szene einmal beschrieben. Shapiro saß dann tatsächlich im Hawaiihemd auf der kleinen Bühne und die Leute beklagten sich bei ihm über ihr Leben. Eine Frau, die ansonsten auf den Kanaren lebte, erzählte, dass der Vulkan, der ihre Insel gebildet hatte, kurz vor einem Ausbruch stand. Also: vielleicht. Jedenfalls grummelte und bebte es jetzt häufiger unter der Erde. Und die Zeitungen schrieben darüber und machten allen Angst und die Scheiß-Feriengäste aus Deutschland stornierten natürlich ihren Urlaub und brachten kein Geld mehr in den Palmengarten. „Meine ganze Existenz, es ist bald alles ruiniert“, klagte die Frau. Alle nickten. Das Leben war hart. Shapiro sah der Frau erstmal lange in die Augen und atmete tief. Und dann fing er an, von der Klimakrise zu reden. Vom Regenwald, der immer weniger wurde. Ich glaube: auch von den vielen Atomwaffen, die überall noch rumstanden. Jedenfalls machte Shapiro allen klar, dass die Menschheit vermutlich unrettbar im Eimer war. Am Ende seiner Rede meinte er: „Du hast mir von einem Problem erzählt. Und ich habe dir ein größeres Problem gegeben.“ Die Frau nickte. Sie hatte verstanden. Alle anderen hatten auch verstanden.

Manchmal ist das größere Problem genau das, was man gerade braucht. Wenn ich mal wieder nicht schreiben kann, dann werd‘ ich mir eins suchen.

bookmark_borderEin Buch von 1912 und Covid-19

Über dem Atlantik habe ich mir – es war ein Zufall – „The Call of the Wild“ von Jack London als Hörbuch angehört. Das habe ich gestern schon erwähnt. Den Rest des Buches hab ich mir dann hier über Spotify gegeben. Bei Spotify läuft es so: Wenn ein Hörbuch zu Ende ist, spielt einem der Algorithmus einen kurzen Abschnitt aus einem anderen Buch vor. Dann kommt ein Ausschnitt aus wieder einem anderen Buch usw. Das geht so lange, bis die Batterie aufgibt, man genervt die App beendet – oder hängen bleibt und mehr von einem Buch hören will.

Bei mir war Letzteres der Fall. Und zwar bei einer anderen Erzählung von Jack London: „The Scarlet Plague“ aus den Jahr 1912. Im Deutschen ist das Stück unter dem Titel „Die Scharlachpest“ erschienen.

Ich kannte die Geschichte nicht. Den Titel hatte ich noch nie gehört und wenn doch, dann habe ich es vergessen. Ich bin da also einfach reingestolpert. Ich konnte nichts dafür.

Die Erzählung spielt in der Zukunft. Auf der Erde leben nur noch wenige Menschen. Ein Großvater, ein ehemaliger Professor an der UC Berkeley, erzählt seinen Enkeln von einer Seuche, die im Jahr 2013 fast die ganze Menschheit ausgerottet hat. Er ist der letzte Zeitzeuge, der noch von der Pandemie berichten kann. Hier ein Auszug aus seiner Erzählung, der mich einigermaßen erschüttert hat (wie gesagt: Jack London hat das Ding noch vor dem 1. Weltkrieg geschrieben, also vor dem Ausbruch der Spanischen Grippe).

„Wir sprachen in jenen Tagen auf Tausende und Abertausende von Meilen durch die Luft. Auf diesem Wege kam die Nachricht von einer merkwürdigen Krankheit, die in New York ausgebrochen war. Siebzehn Millionen Menschen lebten damals in dieser vornehmsten Stadt Amerikas. Aber niemand beachtete die Nachricht. Es war nichts von Bedeutung. Es hatte nur ein paar Tote gegeben. (…) Binnen vierundzwanzig Stunden erreichte uns die Nachricht vom ersten Todesfall in Chicago. Und schon am selben Tag kam heraus, daß Tokio, neben Chicago die größte Stadt der Welt, seit zwei Wochen heimlich gegen die Seuche kämpfte, aber den ganzen Nachrichtendienst unter Zensur gestellt hatte. Das heißt, man hatte verboten, der übrigen Welt mitzuteilen, daß die Seuche in Tokio wütete. Es sah ernst aus, aber weder in Kalifornien noch irgendwo sonst in der Welt war man ängstlich. Wir waren überzeugt, dass die Bakteriologen ein Mittel finden würden, diesen neuen Keim zu besiegen, wie sie früher andere Keime besiegt hatten.“

Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Ganz erstaunlich ist das. Das Gefühl, dass die Seuche in erster Linie anderswo stattfindet, nicht so schlimm ist, dass nur die anderen sie kriegen. Auch das Vertuschen der ersten Fälle durch staatliche Zensur. In anderen Passagen: die Furcht vor den Erkrankten, die soziale Ungerechtigkeit, die durch die Seuche noch deutlicher zutage tritt, die Tücke einer langen Inkubationszeit. Ansonsten geht die Sache allerdings deutlich fieser aus als das, was wir gerade erleben.

Erstaunlich auch, dass in der deutschen Übersetzung dieser Passage eine Kleinigkeit verändert wurde. Im Original ist es nämlich nicht der Ferne Osten, der die Seuche verheimlicht, sondern London. Warum hat man das umgeschrieben? Es gibt bestimmt Leute, die das wissen. Ich weiß es nicht.

Jack London ist ja nicht gerade in Mode. Zu viel Nietzsche, zu viel Übermensch, würde ich vermuten. Wir teilen Teile seiner Weltsicht nicht. Dennoch ist das hier in einigen Passagen ein starkes Stück. Beschämend auch, wie berechenbar, wie vorhersehbar unser Verhalten als Spezies ist. Ich komme immer wieder darauf, wenn ich über Social Media schreibe oder mit Nicki und ihren Kollegen darüber diskutiere. Die Technologie macht ganz wenig mit uns. Sie schafft einen neuen Kontext, das schon. Aber innerhalb dieses Kontexts bewegt sich noch immer der alte Adam, die alte Eva. Deshalb funktionieren alte Bücher noch heute. Sie sprechen zu uns. Zumindest, wenn sich jemand diesen alten Adam und diese alte Eva genauer angesehen und seinen Beobachtungen eine Stimme gegeben hat.

Ich habe mir auf Amazon die beiden relativ neuen deutschen Ausgaben der Scharlachpest angesehen. Sie scheinen sich praktisch gar nicht zu verkaufen. Auch das erstaunt mich. Denn eigentlich müsste die Scharlachpest eine Erzählung der Stunde sein.

bookmark_borderEin paar interessante Links

Morgen steig‘ ich in den Flieger nach Hamburg. Bin gespannt, wie alles wird.

Heute mach ich’s so wie Maximilian auf seinem Blog: Ich poste ein paar interessante Links.

Der Psychotherapeut und „Psychologie Heute“-Kollege Gerhard Bliersbach hat in seinem Blog den Streit um die Maskenpflicht mit einer ähnlichen Debatte aus den 1970er Jahren verglichen. Klug, wie immer. Damals ging’s um die Gurtpflicht (bis 1976 waren Sicherheitsgurte im Auto nur eine Option). Die Parallelen sind in der Tat verblüffend. Maske und Gurt, so schreibt Gerhard Bliersbach, wecken Widerstand, auch wenn sie vernünftig sind. Sie beschneiden unsere Freiheit. Beide erinnern uns daran, dass wir verwundbar sind, dass wir sterben werden. „Die Ingenieure ahnten nicht, dass der Gurt in die Lebensform des Autofahrens massiv eingreift und sie ernüchtert mit der Evokation der Möglichkeit eines Unfalls. Man lässt sich ungern reinreden.“

Meine Kollegin Silvia Feist – sie arbeitet als Textchefin bei „Emotion“ – verfertigt seit mehr als einem Jahr ihren eigenen Podcast namens „Feiste Bücher“. In jeder Folge bespricht sie dabei ein aktuelles Buch, oft auch Titel, von denen man ansonsten wenig erfahren hätte. Ich empfinde ihre Stimme als sehr angenehm. Silvi ist extrem belesen, sie hat Stil, Haltung und Geschmack – und deshalb lasse ich mich von ihrem Podcast immer mal wieder inspirieren. Hier möchte ich die Folge „Vielleicht solltest du mal mit jemandem drüber reden“ verlinken, in der es um das gleichnamige Buch von Lori Gottlieb geht. Gottlieb schreibt über ihre Erfahrungen als Psychotherapeutin. Wir hören in der Folge auch Auszüge aus dem Interview, das Silvia mit der Autorin geführt hat. Härtester Satz in der Folge: „Therapie ist wie Pornografie“. Wer da nicht weiterhört … 

Auf eine ähnlich reinigende Erfahrung hat mich heute ein Kumpel aus Kalifornien aufmerksam gemacht. Es handelt sich um die amerikanischen Amazon-Kundenbewertungen für die zuckerfreien Haribo-Bärchen, die inzwischen aus dem Handel genommen wurden, weil einige Leute davon Durchfall kriegen. Ich bin aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen. Hier eine Kostprobe in einer lockeren Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche (die Seite ist voll mit solchen Erlebnisberichten):

„Es begann mit einem leichten Krampf. Das ist normal – im Flugzeug kriegt man halt Blähungen. Man will während des Fluges aber nicht pupsen, also verkneift man sich die Sache. Gehört sich einfach so. Die Krämpfe kamen und gingen für ein paar Minuten und ich dachte mir nichts dabei. Dann wurde es übel. Die Krämpfe wurden intensiver, mir stand der Schweiß auf der Stirn, ich bemerkte, wie einige ältere Damen begannen, zu mir rüberzuschauen. 30 Minuten, nachdem ich die Bärchen gefuttert hatte, war aus „Oh, das sind bloß ein paar Pupse, damit kann ich umgehen“ ein anderer Gedanke geworden: „Oh, Gott, bitte nicht hier!“ Ich habe stets als Christenmensch gelebt. Dies hier war der Test: Wenn es einen Gott gibt, bitte, lass mich dieses Flugzeug mit einem Rest an Würde verlassen.“

Von all den heiteren Beichten abgesehen: Die Sache zeigt, dass man die Amazon-Reviews, so wie sie technisch aufgebaut sind, von ihren Affordanzen her, fast so verwenden könnte wie Facebook. Sie erzeugen dank der Kommentarfunktion einen kollektiven Gesamttext voller Bezüge und Querverweise. Man kann Kunstwerke daraus erschaffen, wenn man’s richtig anstellt. Nur mal so als Anregung.

Tja. Und damit schließt sich für heute der Kreis. Ich werde vor dem Flug, um ein Trauma zu vermeiden, brav eine Maske anlegen – und nicht mehr als einen Kanten Brot zu mir nehmen. Sicher ist sicher.

bookmark_borderLangweilige Lebensbilder

In den sozialen Medien teilen Menschen dieser Tage Schwarzweißbilder ihres Alltags. Spannend. Meine Bilder sind dagegen langweilig – genau so wie weite Teile meines Lebens. Auf Facebook heißt es: Keine Erklärung zu den Bildern. Das geht natürlich nicht. Ich bin ein Mann des Wortes. Oben also: Jochen arbeitet an einem neuen Projekt und verzweifelt daran.

Buddha sagt: Alles ist eins. Geschirr benutzen, Geschirr abwaschen, Geschirr wegräumen, Geschirr benutzen usw.

Buddha sagt … ach, hatten wir schon. Also: Oben der Topf, unten die Schüssel. Alles ist eins.

Aber sauber muss alles sein!

Apropos. Heute hatte ich doch glatte DREI Diskussionen darüber, wer eigentlich die bekanntesten Deutschen sind. Mit meinem Sohn zusammen getippt: Beethoven, Goethe, Hitler (sorry).

Dann zwei Mal bei Leuten aus Michigan nachgefragt. Sie sagen ALLE erstmal Hitler. Unglaublich, eigentlich. Dann kommen nach einigem Nachdenken: Beethoven und Goethe, der für Amerikaner aber schwer auszusprechen ist.

Außerdem hörte ich: Bach, Gutenberg, Wernher von Braun – und Friedrich der Große. Und Angela Merkel. Und Hermann Hesse. Und auf Nachfragen kriegt man auch noch ein Nicken für Thomas Mann. Aber nur, weil man es in Ann Arbor mit verdammten Intellektuellen zu tun hat. Schon Bismarck kennt keine Sau. Auch Schiller nicht. Freud kennen alle. Aber: Österreicher.

Also jetzt. Für Beethoven: das Klavier.

Und weil mit Bach ein zweiter Komponist genannt wurde, schmeiß ich auch noch die Gitarre mir rein.

Außerdem. Die USA sind ein gespaltenes Land. Der gelehrte Richard Florida hat kürzlich gesagt: Wir Amerikaner müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr miteinander reden können. Dass wir über uns viele Dinge niemals werden einigen können. Wir können uns nur darüber einigen, wie man Schlaglöcher repariert. „There’s no republican or democratic way to pave the roads.“ Heißt: Auf lokaler Ebene kann man praktisch nicht unterscheiden, zu welcher Partei ein Bürgermeister eigentlich gehört. Die Erfahrung hab ich in Deutschland auch gemacht. Erst auf Staatsebene laufen die Meinungen so richtig auseinander. Deshalb sollte man mehr Macht von der Zentralregierung abziehen und an die Kommunen, Kreise, Bundesländer geben. Keine Ahnung, ob das so komplett bis zum Ende durchgedacht ist. Aber interessant ist es doch.

Einstweilen leben die Leute halt zusammen wie Hund … 

… und Katze.

Am Morgen trinkt man seinen Kaffee … 

… spät am Abend putzt man sich die Zähne.

Und so wird aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Alles ist eins. Sagt Buddha.

bookmark_borderKeine Ahnung von fast allem

Manchmal steh ich schon vor sechs Uhr auf, um mir den Sonnenaufgang über dem See anzugucken. Die Sonne geht im Osten auf. Das krieg ich gerade noch hin.

Aber ansonsten – da kann man machen, was man will – hat man ja keine Ahnung von fast allem. Stimmt nicht? Gut. Dann heute mal ein bisschen Ernüchterungsunterricht. Es wird eine Art Quiz. Vielleicht macht’s sogar Spaß. Bitte nicht googeln!

Wie viele dieser Fragen könnt Ihr beantworten?

  1. Welche Stadt hat Kaiser Julian beim Feldzug gegen die Sassaniden vergeblich belagert?
  2. Welcher Mönch gründete 695 auf einer Rheininsel im heutigen Düsseldorf ein Benediktinerkloster?
  3. Wann wurde zum ersten Mal die Stadt Salzwedel urkundlich erwähnt?
  4. Wer führte das Heer der Hussiten in der Schlacht bei Aussig im Jahr 1426?
  5. In welcher Schlacht errang Napoleon seinen letzten Sieg?
  6. In welchem Jahr wurde der Prager Pfingstaufstand niedergeschlagen?
  7. Wie nannte man den Kartoffelkäfer im Jahr 1950 in der DDR? (meine persönliche Lieblingsfrage)
  8. Wie hieß der Vorgänger von Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister von Berlin?
  9. Wie hieß die im Jahr 1947 im Saarland eingeführte Währung?
  10. Wann wurde in Japan der Verkauf der Antibabypille erlaubt?
  11. Wann flog die erste Frau ins Weltall?
  12. Wer schrieb die Operette „Hans Max Giesbrecht von der Humpenburg oder Die neue Ritterzeit“?
  13. Wie viele Passagiere überlebten den Untergang der „Drummond Castle“ im Jahr 1896?
  14. Wer war Johan Fredrik Eckersberg?
  15. Wie alt war Johan Fredrik Eckersberg, als der Apachen-Häuptling Geronimo geboren wurde?
  16. Wer hat Schuld am Bloomsday?

Bevor Ihr doch anfangt zu googeln: Alle Antworten gibt es auf der Wikipedia-Seite für den 16. Juni. Man könnte das eigentlich jeden Tag machen und Preise verteilen.

bookmark_borderWas hätte Winnetou damit angestellt?

Dieser Tage hat sich eine Schlange durch unseren Garten geschlängelt. Natürlich wieder die Gemeine Strumpfbandnatter, wie wir sie schon neulich mal gesehen haben.

Heute beim Spaziergang im Wald ist uns auch wieder eine begegnet. Den Tieren scheint’s gut zu gehen. Wann wird mir eine einen Apfel anbieten, um mich aus dem Corona-Paradies zu vertreiben?

Ansonsten leide ich derzeit unter gedämpfter Stimmung. Vermutlich, weil mich gerade wieder ein Kalender-Zombie heimsucht: Mein Smartphone behauptet, dass ich gerade eine Reise mit meinem Vater unternehme. Ist ausgefallen wie die Reisen aller anderen Leute. Ja: Man darf sich nicht so anstellen. Und ja: Ich bin gerne in Michigan. Trotzdem doof. Den Trip hätte ich auch gerne gemacht.

Den Wald jedoch kümmert’s nicht. Hier blüht jetzt alles. Zum Beispiel diese schmucke Blume, bei der es sich, wie mir das allwissende Internet verrät, um eine Wilde Geranie handelt. So sagen die Amerikaner. Wir Deutschen sagen „Gefleckter Storchschnabel“ dazu.

Und das bringt mich jetzt zwanglos zu meiner Überschrift. Neulich habe ich mich bei Facebook zu einer dieser „Mir-ist-langweilig-wegen-Corona“-Challenges gemeldet und mich nostalgisch mit meinen Kinderhörspielen befasst. Da hat mir meine Mutter doch glatt ein Bild mit einigen der Platten geschickt, die meine Geschwister und ich uns damals reingezogen haben. Natürlich auch dabei: Winnetou.

Weil’s die meisten der Hörspiele auf Spotify gibt, hab ich mir einige nochmal angehört. Beim Abwasch, Putzen und so. Und ich muss sagen: Ein paar davon sind gar nicht mal so gut, wie ich das in Erinnerung hatte. Auch die Geschichten selbst. Meine Herren. So viele zufällige Wendungen! Ist mir damals alles nicht aufgefallen.

Was Winnetou mit den Schlangen und Blumen zu tun hat? Nun, ich habe im Netz gelesen, dass einige Indianerstämme die Strumpfbandnatter zum Abendbrot vertilgt haben. Angeblich hat man entweder den Schwanz abgeschnitten und gegessen oder die Schlange aufgeschnibbelt und das Fett ausgesaugt. Keine Ahnung, wie das gehen soll. War aber wohl so.

Und die wilde Geranie wurde angeblich als indianisches Heilmittel gegen Hämorrhoiden eingesetzt, die es also, wie ich schließe, auch unter den tapferen Söhnen und Töchtern der Prärie gegeben haben muss.

Bestimmt haben die „Native Americans“ auch gewusst, was man mit diesem mächtigen Baumpilz alles anstellen kann. Ich dagegen weiß es nicht. Man weiß sowieso das allermeiste nicht.

Immerhin: Mit dieser „Gewöhnlichen Nachtviole“, an der Coco schnuppert, hätten auch die Apachen nichts anzufangen gewusst. Gab’s in Amerika nämlich gar nicht. „Dame’s Rocket“, wie die Blume hier heißt, ist eine invasive Art und wird deshalb trotz ihrer Schönheit und ihres lieblichen Duftes von manchen Einheimischen beharrlich ausgerissen und weggesperrt. Was vermutlich vielerlei Gründe hat.

Gerade hat’s angefangen zu regnen. Das ist sehr erfrischend.

bookmark_borderEs fehlt etwas

Das sind die Kühltürme von Philippsburg. Dort bin ich neun Jahre lang zur Schule gegangen. Das Atomkraftwerk lag gleich ums Eck. Vor ein paar Tagen wurden die Türme gesprengt. Im Fernsehen ist ein Beitrag dazu gelaufen, in dem die Leute von „Wehmut“ sprechen – als hätte man ihnen den Kirchturm weggenommen: Es fehlt etwas, wenn man aus dem Fenster schaut. In den Klassenräumen des Gymnasiums (das – Ironie – vor ein paar Wochen übrigens abgebrannt ist) hat meine Deutschlehrerin mich damals ein Gedicht von Andreas Gryphius auswendig lernen lassen, das ich immer noch mag: „Wo heute Städte stehn, wird eine Wiese sein, auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.“ So ist es jetzt gekommen. Gleich doppelt. Passt alles.

Musste heute an Sebastian Junger denken. Das ist ein amerikanischer Reporter, der mit seinem Buch „The Perfect Storm“ berühmt geworden ist (das später mit George Clooney verfilmt wurde). Anfang der 2000er hab ich Junger mal getroffen, als er in Hamburg war, um sein nächstes Buch zu vermarkten. Interessanter Typ. Er wirkte ein bisschen wie die wetterzerfurchten Fischer, Soldaten und Frontkämpfer, von denen seine Geschichten erzählen: durchtrainiert, mager, hart, melancholisch und seltsam deplatziert in der aufgeräumten Welt des Westens. Vor vier Jahren hab ich dann wieder ein Buch von ihm in die Hände gekriegt. Es hieß „Tribe“ und handelte davon, dass … naja … die Leute sich irgendwie nach Krieg und Krisen sehnen. Und nach dem Zusammenleben in der Stammesgemeinschaft. Frieden und Kleinfamilie, so Junger, sind ein Irrweg und machen nicht glücklich.

In der Coronakrisen hab ich tatsächlich kleine Gesten von Zusammenhalt erlebt. Kollegen von Nicki, die ungefragt Hefe vorbeibringen, Bier, Sauerteigstarter, Hundefutter und dergleichen. Hier in der Straße hat Nicki einen Email- und Telefonverteiler erstellt, damit die Leute sich besser kurzschließen können. Aber das sind Geschichten am Rand, nicht unser Alltag.

Jungers Buch hat eher gemischte Kritiken bekommen. Aber weil ich selbst ein alter Kollektivist bin, hat es mich damals angesprochen. Die Coronakrise ist keine Zeit für die Stammesgemeinschaft. Die Leute leben halt allein oder in der Kleinfamilie. Der Rest der Menschheit ist zur Gefahr geworden, die einem den Tod bringt (oder zumindest eine Krankheit, die sehr unangenehm sein kann). Und obwohl viele sich irgendwie eingerichtet haben, würde ich doch mal behaupten: Es fehlt uns was. Vielleicht der Stamm oder so etwas in der Art? Keine Ahnung.

Auf unserem Spaziergang mit Coco haben wir im Wald eine etwa 80 cm lange Schlange gesehen. Vermutlich handelt es sich um eine Eastern Garter Snake, die im Deutschen den fast schon demütigenden Namen „Gewöhnliche Strumpfbandnatter“ trägt. Harmloses Tier. Kein Gift. Sozusagen die Ringelnatter der neuen Welt. Boring. ABER: eine Schlange. Also viel besser als nichts.

Hier kommen jetzt immer mehr Vögel zu den Futterhäuschen. Nachdem die Nachbarin von 44 verschiedenen Arten berichtet hat, ist uns klar geworden, dass wir mit Petersons schlankem Büchlein „Birds. The concise field guide to 188 common birds of North America“ an unsere Grenzen stoßen. Mal wieder ist das Netz schlauer: Die Seite Ebird.org zeigt sämtliche Arten, die von leidenschaftlichen „Birdern“ in der jeweiligen Gegend gesichtet wurden, die man eingibt. Die Beschreibungen der einzelnen Arten sind reine Poesie. Kein Zweifel: Hier hat die Liebe manchem Vogelfreund die Feder geführt. Ein Beispiel? „Männchen mit elegantem, schwarzem Latz, hellem, rötlichem Nacken und fantastisch gemusterten Flügeln mit glänzendem Beige und Braun.“ Diese Jubelbeschreibung bekommt auf ebird.org kein anderer als der Hausspatz, sozusagen das Graubrot unter den Singvögeln. Bin gespannt, wie viele Vogelarten wir hier noch sehen, jetzt, wo das Netz uns die Augen dafür geöffnet hat.

bookmark_borderTransatlantik-Kuchen

An meinem gestrigen Geburtstag gab’s einen transatlantischen Kuchen. Dem war ein Akt von Social Engineering vorausgegangen: Kai hatte mich beiläufig nach meinem Lieblingsgebäck gefragt. Also habe ich von einem Apfelkuchen aus dem Badischen geschwärmt. Bald darauf hat Nicki heimlich meine Mutter kontaktiert, nach der entsprechenden Zubereitungsanleitung gefragt – und als Antwort viele Zutatenbilder bekommen. Kam es dabei zu einem „information problem„? Schwer zu sagen. Fest steht, dass unsere Freunde Silvia und William noch ein paar österreichische Rezepte draufgemacht haben (die Einheimischen wunderten sich über die Unmengen an Butter im Mürbeteig). Nicki hat jedenfalls eine passende Kuchenform besorgt und ihre Mutter Edie dann aus all dem das oben gezeigte Teil gefertigt. Viele Hände. War jedenfalls lecker und eine preiswürdige Aktion, über die ich mich noch immer freue.

Ansonsten hat mein Bruder Martin hat mich korrigiert: Wenn der legendäre Dieter Blau von einem „Oxyd“ sprach, meinte er damit kein Auto (wie ich neulich behauptet habe), sondern ein Fahrrad.

Mein alter Freund Søren hat mich daran erinnert, dass es sich bei der Schreibweise „Oxyd“ nicht um schlechte Orthographie handelt, sondern einfach um das, was in den 1980ern noch der Fall war. Man darf das noch heute so schreiben.

Außerdem hat Søren der Redewendung „zum Knochenkotzen“ nachgespürt – und dabei zwei ungewöhnliche Quellen aufgetan: Einmal die Autobiographie von Adolf Eichmann und zum anderen eine Rede auf dem CDU-Parteitag aus dem Jahr 1989. „Zum Knochenkotzen“ war für Eichmann sein Job in den 1930er Jahren. Der niedersächsische CDU-Landesvorsitzende Wilfried Hasselmann äußerte die Sache damals so: „Denn wenn es uns oft genug gesagt wird, daß es uns eigentlich nicht gut geht, dann suchen wir ja eines Tages, weil uns ja Leiden verordnet wurde, nach dem Erlöser. Dann heißt es: das kann nur rot-grün sein. Es ist zum Knochenkotzen.“ Tatsächlich hieß der nächste Ministerpräsident dort dann Gerhard Schröder.

Kürzlich habe ich über die späten Fröste hier in Michigan geschrieben und dass manche Apfel- und Kirschfarmer die jungen Blüten mit Hubschraubern vor dem Erfrieren retten wollten. Tatsächlich gibt es hier in der Gegend Firmen, die so eine „Helicopter Frost Controlganz regulär in ihrem Programm haben. Was es nicht alles gibt.

Auch aus meiner alten Heimat Aumühle hab ich gestern was Interessantes gehört. Matthias und Gesa haben dort in der Nähe ihre eigene Firma gegründet. Sie züchten und verschicken: Regenwürmer. Klingt schräg. Aber da wegen der Coronakrise viele Leute gerade mehr Zeit im Garten verbringen und die Würmer den Boden besser machen, scheint die Sache ganz gut zu laufen. Die Würmer kommen per Post. Cool, das so was läuft.

Zu den leidenschaftlichen Freizeitgärtnern gehört auch Maximilian mit seiner Familie. Er lässt sich ab und zu in der Hamburger Schreibgruppe sehen, der ich angehöre. Ansonsten bloggt er seit ungefähr hunderttausend Jahren und erfreut mich in manch tristem Moment mit seinen ungewöhnlichen Beobachtungen aus Hamburg. Heute zum Beispiel schreibt er – angestoßen durch einen Zufallsfund – von der „Süße“, mit der uns flüchtige Kindheitserinnerungen anzuzuckern pflegen. Und von der Sorte hatte ich letzthin ja auch die eine oder andere. So ist das wohl: Nostalgie schmeckt wie Apfelkuchen.

bookmark_borderEin sehr interessantes Brot

Hab hier ein sehr interessantes Brot gefunden. Naja. Gefunden. Es lag halt im Brotkorb. Und wie ich so auf die Verpackung schaue und den Namen der Marke, da denke ich: Moment mal, das ist doch eine Bibelstelle! Wieso benennen die ein Brot nach einem Bibelzitat?

Jemand hat mir dann erzählt, dass seine Fitnesstrainerin total auf Ezekiel 4:9 schwört. Es bildet die Grundlage ihrer Ernährung und hilft ihr dabei, eine schlanke Linie zu halten. Ich hab auch davon gekostet. Hat mir geschmeckt. Ezekiel 4:9 ist, wie mir scheint, ein gutes Produkt.

Nach der Schmeckung hat mich dann aber die Neugier gepackt. Also frisch im Netz die Lutherübersetzung von 1912 gesucht (denn mit der bin ich aufgewachsen) und zu Hesekiel 4 gesprungen.

Nun. Hesekiel, das sollte man erwähnen, ist einer der „großen Propheten“ im Alten Testament. Davon gab es insgesamt nur vier. Also nicht viele. Um diesen Job zu kriegen, muss man, sagen wir mal: anders sein als die meisten anderen Menschen. Ich war deshalb auf einiges gefasst. In Vers neun heißt es dann aber ganz vernünftig und fast chefkoch.de-mäßig:

So nimm nun zu dir Weizen, Gerste, Bohnen, Linsen, Hirse und Spelt und tue alles in ein Faß und mache dir Brot daraus, soviel Tage du auf deiner Seite liegst, daß du dreihundertundneunzig Tage daran zu essen hast.

Hesekiel 4,9 (Luther 1912)

Genau so steht’s auch auf der Brotpackung, nur halt auf Englisch und ohne den Zusatz mit den 390 Tagen, für die das Brot reichen muss.

Eigentlich hätte ich damit zufrieden sein können. Aber wo ich schon mal da war, hab ich noch ein paar Zeilen weitergelesen. Zunächst gibt es in den Versen zehn und elf Diätanweisungen (wie viel man pro Tag essen und trinken soll; ich sag nur so viel: Das war ein karges Leben damals). Und dann folgt in Vers zwölf tatsächlich eine relativ konkrete Backanleitung. Da steht:

Gerstenkuchen sollst du essen, die du vor ihren Augen auf Menschenmist backen sollst. 

Hesekiel 4,12 (Luther 1912)

Aha. Ja. Die Zeiten waren offenbar NOCH härter als vermutet. Und selbst Hesekiel ist, wie man in den Versen dreizehn und vierzehn lesen kann, von diesem Rezept wenig begeistert: Er hat sich sein Leben lang an die religiösen Reinheitsgebote gehalten. Das Kackebacken widerstrebt ihm. Kann man an der Sache nicht noch was drehen? Und tatsächlich: Der Allmächtige lässt mit sich handeln, wie wir in Vers fünfzehn erfahren:

Er aber sprach zu mir: Siehe, ich will dir Kuhmist für Menschenmist zulassen, darauf du dein Brot machen sollst. 

hesekiel 4,15 (Luther 1912

Puh, holy shit, die Sache ist gerade nochmal gutgegangen. Mit diesem Dreh wird das Brot bestimmt gleich viel besser schmecken. Glück gehabt, Hesekiel!

Wenn wir mit Nickis Sauerteigbrot durch sind, wer weiß – vielleicht treiben wir die Sache mit der traditionellen Brotherstellung ja noch eine Stufe weiter und gehen zurück zu den RICHTIG alten Sorten. Zu Sorten, wie die Schrift sie besingt

Die internen Verhandlung dazu haben gerade begonnen. Ich google schonmal nach der Adresse der nächsten Rinderfarm.