bookmark_borderKeine Ahnung von fast allem

Manchmal steh ich schon vor sechs Uhr auf, um mir den Sonnenaufgang über dem See anzugucken. Die Sonne geht im Osten auf. Das krieg ich gerade noch hin.

Aber ansonsten – da kann man machen, was man will – hat man ja keine Ahnung von fast allem. Stimmt nicht? Gut. Dann heute mal ein bisschen Ernüchterungsunterricht. Es wird eine Art Quiz. Vielleicht macht’s sogar Spaß. Bitte nicht googeln!

Wie viele dieser Fragen könnt Ihr beantworten?

  1. Welche Stadt hat Kaiser Julian beim Feldzug gegen die Sassaniden vergeblich belagert?
  2. Welcher Mönch gründete 695 auf einer Rheininsel im heutigen Düsseldorf ein Benediktinerkloster?
  3. Wann wurde zum ersten Mal die Stadt Salzwedel urkundlich erwähnt?
  4. Wer führte das Heer der Hussiten in der Schlacht bei Aussig im Jahr 1426?
  5. In welcher Schlacht errang Napoleon seinen letzten Sieg?
  6. In welchem Jahr wurde der Prager Pfingstaufstand niedergeschlagen?
  7. Wie nannte man den Kartoffelkäfer im Jahr 1950 in der DDR? (meine persönliche Lieblingsfrage)
  8. Wie hieß der Vorgänger von Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister von Berlin?
  9. Wie hieß die im Jahr 1947 im Saarland eingeführte Währung?
  10. Wann wurde in Japan der Verkauf der Antibabypille erlaubt?
  11. Wann flog die erste Frau ins Weltall?
  12. Wer schrieb die Operette „Hans Max Giesbrecht von der Humpenburg oder Die neue Ritterzeit“?
  13. Wie viele Passagiere überlebten den Untergang der „Drummond Castle“ im Jahr 1896?
  14. Wer war Johan Fredrik Eckersberg?
  15. Wie alt war Johan Fredrik Eckersberg, als der Apachen-Häuptling Geronimo geboren wurde?
  16. Wer hat Schuld am Bloomsday?

Bevor Ihr doch anfangt zu googeln: Alle Antworten gibt es auf der Wikipedia-Seite für den 16. Juni. Man könnte das eigentlich jeden Tag machen und Preise verteilen.

bookmark_borderWas hätte Winnetou damit angestellt?

Dieser Tage hat sich eine Schlange durch unseren Garten geschlängelt. Natürlich wieder die Gemeine Strumpfbandnatter, wie wir sie schon neulich mal gesehen haben.

Heute beim Spaziergang im Wald ist uns auch wieder eine begegnet. Den Tieren scheint’s gut zu gehen. Wann wird mir eine einen Apfel anbieten, um mich aus dem Corona-Paradies zu vertreiben?

Ansonsten leide ich derzeit unter gedämpfter Stimmung. Vermutlich, weil mich gerade wieder ein Kalender-Zombie heimsucht: Mein Smartphone behauptet, dass ich gerade eine Reise mit meinem Vater unternehme. Ist ausgefallen wie die Reisen aller anderen Leute. Ja: Man darf sich nicht so anstellen. Und ja: Ich bin gerne in Michigan. Trotzdem doof. Den Trip hätte ich auch gerne gemacht.

Den Wald jedoch kümmert’s nicht. Hier blüht jetzt alles. Zum Beispiel diese schmucke Blume, bei der es sich, wie mir das allwissende Internet verrät, um eine Wilde Geranie handelt. So sagen die Amerikaner. Wir Deutschen sagen „Gefleckter Storchschnabel“ dazu.

Und das bringt mich jetzt zwanglos zu meiner Überschrift. Neulich habe ich mich bei Facebook zu einer dieser „Mir-ist-langweilig-wegen-Corona“-Challenges gemeldet und mich nostalgisch mit meinen Kinderhörspielen befasst. Da hat mir meine Mutter doch glatt ein Bild mit einigen der Platten geschickt, die meine Geschwister und ich uns damals reingezogen haben. Natürlich auch dabei: Winnetou.

Weil’s die meisten der Hörspiele auf Spotify gibt, hab ich mir einige nochmal angehört. Beim Abwasch, Putzen und so. Und ich muss sagen: Ein paar davon sind gar nicht mal so gut, wie ich das in Erinnerung hatte. Auch die Geschichten selbst. Meine Herren. So viele zufällige Wendungen! Ist mir damals alles nicht aufgefallen.

Was Winnetou mit den Schlangen und Blumen zu tun hat? Nun, ich habe im Netz gelesen, dass einige Indianerstämme die Strumpfbandnatter zum Abendbrot vertilgt haben. Angeblich hat man entweder den Schwanz abgeschnitten und gegessen oder die Schlange aufgeschnibbelt und das Fett ausgesaugt. Keine Ahnung, wie das gehen soll. War aber wohl so.

Und die wilde Geranie wurde angeblich als indianisches Heilmittel gegen Hämorrhoiden eingesetzt, die es also, wie ich schließe, auch unter den tapferen Söhnen und Töchtern der Prärie gegeben haben muss.

Bestimmt haben die „Native Americans“ auch gewusst, was man mit diesem mächtigen Baumpilz alles anstellen kann. Ich dagegen weiß es nicht. Man weiß sowieso das allermeiste nicht.

Immerhin: Mit dieser „Gewöhnlichen Nachtviole“, an der Coco schnuppert, hätten auch die Apachen nichts anzufangen gewusst. Gab’s in Amerika nämlich gar nicht. „Dame’s Rocket“, wie die Blume hier heißt, ist eine invasive Art und wird deshalb trotz ihrer Schönheit und ihres lieblichen Duftes von manchen Einheimischen beharrlich ausgerissen und weggesperrt. Was vermutlich vielerlei Gründe hat.

Gerade hat’s angefangen zu regnen. Das ist sehr erfrischend.

bookmark_borderEs fehlt etwas

Das sind die Kühltürme von Philippsburg. Dort bin ich neun Jahre lang zur Schule gegangen. Das Atomkraftwerk lag gleich ums Eck. Vor ein paar Tagen wurden die Türme gesprengt. Im Fernsehen ist ein Beitrag dazu gelaufen, in dem die Leute von „Wehmut“ sprechen – als hätte man ihnen den Kirchturm weggenommen: Es fehlt etwas, wenn man aus dem Fenster schaut. In den Klassenräumen des Gymnasiums (das – Ironie – vor ein paar Wochen übrigens abgebrannt ist) hat meine Deutschlehrerin mich damals ein Gedicht von Andreas Gryphius auswendig lernen lassen, das ich immer noch mag: „Wo heute Städte stehn, wird eine Wiese sein, auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.“ So ist es jetzt gekommen. Gleich doppelt. Passt alles.

Musste heute an Sebastian Junger denken. Das ist ein amerikanischer Reporter, der mit seinem Buch „The Perfect Storm“ berühmt geworden ist (das später mit George Clooney verfilmt wurde). Anfang der 2000er hab ich Junger mal getroffen, als er in Hamburg war, um sein nächstes Buch zu vermarkten. Interessanter Typ. Er wirkte ein bisschen wie die wetterzerfurchten Fischer, Soldaten und Frontkämpfer, von denen seine Geschichten erzählen: durchtrainiert, mager, hart, melancholisch und seltsam deplatziert in der aufgeräumten Welt des Westens. Vor vier Jahren hab ich dann wieder ein Buch von ihm in die Hände gekriegt. Es hieß „Tribe“ und handelte davon, dass … naja … die Leute sich irgendwie nach Krieg und Krisen sehnen. Und nach dem Zusammenleben in der Stammesgemeinschaft. Frieden und Kleinfamilie, so Junger, sind ein Irrweg und machen nicht glücklich.

In der Coronakrisen hab ich tatsächlich kleine Gesten von Zusammenhalt erlebt. Kollegen von Nicki, die ungefragt Hefe vorbeibringen, Bier, Sauerteigstarter, Hundefutter und dergleichen. Hier in der Straße hat Nicki einen Email- und Telefonverteiler erstellt, damit die Leute sich besser kurzschließen können. Aber das sind Geschichten am Rand, nicht unser Alltag.

Jungers Buch hat eher gemischte Kritiken bekommen. Aber weil ich selbst ein alter Kollektivist bin, hat es mich damals angesprochen. Die Coronakrise ist keine Zeit für die Stammesgemeinschaft. Die Leute leben halt allein oder in der Kleinfamilie. Der Rest der Menschheit ist zur Gefahr geworden, die einem den Tod bringt (oder zumindest eine Krankheit, die sehr unangenehm sein kann). Und obwohl viele sich irgendwie eingerichtet haben, würde ich doch mal behaupten: Es fehlt uns was. Vielleicht der Stamm oder so etwas in der Art? Keine Ahnung.

Auf unserem Spaziergang mit Coco haben wir im Wald eine etwa 80 cm lange Schlange gesehen. Vermutlich handelt es sich um eine Eastern Garter Snake, die im Deutschen den fast schon demütigenden Namen „Gewöhnliche Strumpfbandnatter“ trägt. Harmloses Tier. Kein Gift. Sozusagen die Ringelnatter der neuen Welt. Boring. ABER: eine Schlange. Also viel besser als nichts.

Hier kommen jetzt immer mehr Vögel zu den Futterhäuschen. Nachdem die Nachbarin von 44 verschiedenen Arten berichtet hat, ist uns klar geworden, dass wir mit Petersons schlankem Büchlein „Birds. The concise field guide to 188 common birds of North America“ an unsere Grenzen stoßen. Mal wieder ist das Netz schlauer: Die Seite Ebird.org zeigt sämtliche Arten, die von leidenschaftlichen „Birdern“ in der jeweiligen Gegend gesichtet wurden, die man eingibt. Die Beschreibungen der einzelnen Arten sind reine Poesie. Kein Zweifel: Hier hat die Liebe manchem Vogelfreund die Feder geführt. Ein Beispiel? „Männchen mit elegantem, schwarzem Latz, hellem, rötlichem Nacken und fantastisch gemusterten Flügeln mit glänzendem Beige und Braun.“ Diese Jubelbeschreibung bekommt auf ebird.org kein anderer als der Hausspatz, sozusagen das Graubrot unter den Singvögeln. Bin gespannt, wie viele Vogelarten wir hier noch sehen, jetzt, wo das Netz uns die Augen dafür geöffnet hat.

bookmark_borderTransatlantik-Kuchen

An meinem gestrigen Geburtstag gab’s einen transatlantischen Kuchen. Dem war ein Akt von Social Engineering vorausgegangen: Kai hatte mich beiläufig nach meinem Lieblingsgebäck gefragt. Also habe ich von einem Apfelkuchen aus dem Badischen geschwärmt. Bald darauf hat Nicki heimlich meine Mutter kontaktiert, nach der entsprechenden Zubereitungsanleitung gefragt – und als Antwort viele Zutatenbilder bekommen. Kam es dabei zu einem „information problem„? Schwer zu sagen. Fest steht, dass unsere Freunde Silvia und William noch ein paar österreichische Rezepte draufgemacht haben (die Einheimischen wunderten sich über die Unmengen an Butter im Mürbeteig). Nicki hat jedenfalls eine passende Kuchenform besorgt und ihre Mutter Edie dann aus all dem das oben gezeigte Teil gefertigt. Viele Hände. War jedenfalls lecker und eine preiswürdige Aktion, über die ich mich noch immer freue.

Ansonsten hat mein Bruder Martin hat mich korrigiert: Wenn der legendäre Dieter Blau von einem „Oxyd“ sprach, meinte er damit kein Auto (wie ich neulich behauptet habe), sondern ein Fahrrad.

Mein alter Freund Søren hat mich daran erinnert, dass es sich bei der Schreibweise „Oxyd“ nicht um schlechte Orthographie handelt, sondern einfach um das, was in den 1980ern noch der Fall war. Man darf das noch heute so schreiben.

Außerdem hat Søren der Redewendung „zum Knochenkotzen“ nachgespürt – und dabei zwei ungewöhnliche Quellen aufgetan: Einmal die Autobiographie von Adolf Eichmann und zum anderen eine Rede auf dem CDU-Parteitag aus dem Jahr 1989. „Zum Knochenkotzen“ war für Eichmann sein Job in den 1930er Jahren. Der niedersächsische CDU-Landesvorsitzende Wilfried Hasselmann äußerte die Sache damals so: „Denn wenn es uns oft genug gesagt wird, daß es uns eigentlich nicht gut geht, dann suchen wir ja eines Tages, weil uns ja Leiden verordnet wurde, nach dem Erlöser. Dann heißt es: das kann nur rot-grün sein. Es ist zum Knochenkotzen.“ Tatsächlich hieß der nächste Ministerpräsident dort dann Gerhard Schröder.

Kürzlich habe ich über die späten Fröste hier in Michigan geschrieben und dass manche Apfel- und Kirschfarmer die jungen Blüten mit Hubschraubern vor dem Erfrieren retten wollten. Tatsächlich gibt es hier in der Gegend Firmen, die so eine „Helicopter Frost Controlganz regulär in ihrem Programm haben. Was es nicht alles gibt.

Auch aus meiner alten Heimat Aumühle hab ich gestern was Interessantes gehört. Matthias und Gesa haben dort in der Nähe ihre eigene Firma gegründet. Sie züchten und verschicken: Regenwürmer. Klingt schräg. Aber da wegen der Coronakrise viele Leute gerade mehr Zeit im Garten verbringen und die Würmer den Boden besser machen, scheint die Sache ganz gut zu laufen. Die Würmer kommen per Post. Cool, das so was läuft.

Zu den leidenschaftlichen Freizeitgärtnern gehört auch Maximilian mit seiner Familie. Er lässt sich ab und zu in der Hamburger Schreibgruppe sehen, der ich angehöre. Ansonsten bloggt er seit ungefähr hunderttausend Jahren und erfreut mich in manch tristem Moment mit seinen ungewöhnlichen Beobachtungen aus Hamburg. Heute zum Beispiel schreibt er – angestoßen durch einen Zufallsfund – von der „Süße“, mit der uns flüchtige Kindheitserinnerungen anzuzuckern pflegen. Und von der Sorte hatte ich letzthin ja auch die eine oder andere. So ist das wohl: Nostalgie schmeckt wie Apfelkuchen.

bookmark_borderEin sehr interessantes Brot

Hab hier ein sehr interessantes Brot gefunden. Naja. Gefunden. Es lag halt im Brotkorb. Und wie ich so auf die Verpackung schaue und den Namen der Marke, da denke ich: Moment mal, das ist doch eine Bibelstelle! Wieso benennen die ein Brot nach einem Bibelzitat?

Jemand hat mir dann erzählt, dass seine Fitnesstrainerin total auf Ezekiel 4:9 schwört. Es bildet die Grundlage ihrer Ernährung und hilft ihr dabei, eine schlanke Linie zu halten. Ich hab auch davon gekostet. Hat mir geschmeckt. Ezekiel 4:9 ist, wie mir scheint, ein gutes Produkt.

Nach der Schmeckung hat mich dann aber die Neugier gepackt. Also frisch im Netz die Lutherübersetzung von 1912 gesucht (denn mit der bin ich aufgewachsen) und zu Hesekiel 4 gesprungen.

Nun. Hesekiel, das sollte man erwähnen, ist einer der „großen Propheten“ im Alten Testament. Davon gab es insgesamt nur vier. Also nicht viele. Um diesen Job zu kriegen, muss man, sagen wir mal: anders sein als die meisten anderen Menschen. Ich war deshalb auf einiges gefasst. In Vers neun heißt es dann aber ganz vernünftig und fast chefkoch.de-mäßig:

So nimm nun zu dir Weizen, Gerste, Bohnen, Linsen, Hirse und Spelt und tue alles in ein Faß und mache dir Brot daraus, soviel Tage du auf deiner Seite liegst, daß du dreihundertundneunzig Tage daran zu essen hast.

Hesekiel 4,9 (Luther 1912)

Genau so steht’s auch auf der Brotpackung, nur halt auf Englisch und ohne den Zusatz mit den 390 Tagen, für die das Brot reichen muss.

Eigentlich hätte ich damit zufrieden sein können. Aber wo ich schon mal da war, hab ich noch ein paar Zeilen weitergelesen. Zunächst gibt es in den Versen zehn und elf Diätanweisungen (wie viel man pro Tag essen und trinken soll; ich sag nur so viel: Das war ein karges Leben damals). Und dann folgt in Vers zwölf tatsächlich eine relativ konkrete Backanleitung. Da steht:

Gerstenkuchen sollst du essen, die du vor ihren Augen auf Menschenmist backen sollst. 

Hesekiel 4,12 (Luther 1912)

Aha. Ja. Die Zeiten waren offenbar NOCH härter als vermutet. Und selbst Hesekiel ist, wie man in den Versen dreizehn und vierzehn lesen kann, von diesem Rezept wenig begeistert: Er hat sich sein Leben lang an die religiösen Reinheitsgebote gehalten. Das Kackebacken widerstrebt ihm. Kann man an der Sache nicht noch was drehen? Und tatsächlich: Der Allmächtige lässt mit sich handeln, wie wir in Vers fünfzehn erfahren:

Er aber sprach zu mir: Siehe, ich will dir Kuhmist für Menschenmist zulassen, darauf du dein Brot machen sollst. 

hesekiel 4,15 (Luther 1912

Puh, holy shit, die Sache ist gerade nochmal gutgegangen. Mit diesem Dreh wird das Brot bestimmt gleich viel besser schmecken. Glück gehabt, Hesekiel!

Wenn wir mit Nickis Sauerteigbrot durch sind, wer weiß – vielleicht treiben wir die Sache mit der traditionellen Brotherstellung ja noch eine Stufe weiter und gehen zurück zu den RICHTIG alten Sorten. Zu Sorten, wie die Schrift sie besingt

Die internen Verhandlung dazu haben gerade begonnen. Ich google schonmal nach der Adresse der nächsten Rinderfarm.