bookmark_borderDer Zauber einer Bibliothek vor der Erfindung des Internets

Dieser Tage musste ich an ein Abenteuer aus dem Studium denken, damals in Tübingen. Ich war im vierten Semester und eines der Seminare hieß so sinngemäß: „Wie schreibt man eigentlich einen Lexikonartikel?“ Ich so: Joa, warum nicht? – und hab mich angemeldet. Hat sich dann aber schnell gezeigt, dass die Dozentin die Sache sehr ernst meinte: Wir sollten WIRKLICH einen Lexikonartikel schreiben für ein wirkliches Lexikon. Am Ende des Semesters haben, wenn ich das richtig sehe, genau drei Teilnehmende die Sache durchgezogen. Einer davon ist jetzt Professor an genau dem Lehrstuhl, an dem wir damals studiert haben.

Der mir zugeordnete Artikel trug den Namen „Epanodos“. Es handelte sich um eine vergessene rhetorische Stilfigur, die keiner meiner verwendete und niemand mehr brauchte oder vermisste. Aber egal. Sie war nun mal da und deshalb hatten die Herausgeber ihr einen Platz zugedacht im gigantischen „Historischen Wörterbuch der Rhetorik“ – und zwar genau zwischen den nicht minder wichtigen Einträgen „Epanalepse“ und „Epenthese“.

Jeder musste zu Beginn des Semesters ein Referat über einen Aspekt der Figurenlehre halten und dann hat man jedem von uns eine Literaturliste in die Hand gedrückt und uns ein paar Wochen Zeit gegeben, das Material für unsere Artikel zu sammeln. In meinem Fall waren es mehr als 200 Bücher. Einige davon: antike griechische Schriften, die nur in Bruchstücken erhalten waren. Ich konnte kein Griechisch, aber ich wusste, wie meine Figur von den Griechen geschrieben wurde. Also … an die Zettelkästen gegangen, das griechische Werk über Stilfiguren rausgesucht, aha, es gab einen Band, in dem das Fragment mit abgedruckt war. Also das Buch bestellt und ausgeliehen und dann alles durchgelesen. Es war eine mühevolle Arbeit. Heute erledigt das eine Suchfunktion in weniger als einer Sekunde.

Dann tatsächlich: Da steht’s! Also die Seiten kopiert, das Buch zurückgegeben und rumgefragt … und tatsächlich einen Griechen gefunden, der damals Altphilologie studiert hat und sich mit rhetorischen Figuren auskannte. Er hat mir die Passage dann schnell beim Bier übersetzt. Und so ging’s weiter. Ich hab rund ein Dutzend antike Figurenlehren gelesen und die entsprechenden Passagen rausgeschrieben, dann ein paar Quellen aus der Spätantike, und danach ging’s über Renaissance, Barock, Aufklärung und so weiter bis heute. Die Bücher aus der Aufklärung waren besonders krass. Viele glaubten damals, dass alles mit allem zusammenhängt und man die Regeln nur finden und dem Universum sozusagen entreißen muss, um sie zu verstehen. Jede Figur, so war damals die These, ist mit einer bestimmten Gemütsregung des Menschen verbunden. Ich fand das aufregend und für einen kurzen Moment dachte ich: Genau so muss man’s machen. War aber natürlich Quatsch. Figuren und Emotionen sind nur lose miteinander verknüpft. Manchmal auch gar nicht.

Der für mich aufregendste Moment der Recherche waren die beiden Rhetorik-Bücher von Philipp Melanchthon. Melanchthon war ein wichtiger Reformator, er hat Luther dabei geholfen, die Bibel zu übersetzen. Jedenfalls hatte die alte Tübinger Bibliothek tatsächlich noch beide Rhetoriklehrbücher des Meisters irgendwo in trockenen, kühlen Speicherräumen gelagert. Und zwar: die Originalausgaben von fünfzehnhundertschießmichtot. Ich so: Okay, die muss ich lesen. Also einen Spezialantrag gestellt … und dann ging man einige Zeit später in einen sehr alten, holzvertäfelten Raum und ein alter Mann gab einem weiße Schutzhandschuhe, die musste man sich überstreifen und dann saß er daneben, während man las. Die Bücher waren furchtbar wertvoll. Und lange ungelesen: Beim Öffnen knackten Seiten und Umschlag wie die Dielen einer sehr alten und sehr unrenovierten Altbauwohnung. Es war ein heiliger Akt. Der Zauber einer Bibliothek vor Erfindung des Internets. Aber dann hatte Melanchthon, wenn ich mich richtig erinnere, nur die Passagen aus der pseudo-ciceronianischen „Rhetorica ad Herennium“ abgeschrieben wie alle anderen auch. Tja.

Was ich sagen will: Es hat Wochen gedauert, allein die ganzen Bücher zusammenzusuchen und in die Finger zu kriegen, zu lesen, abzuschreiben und wieder zurückzugeben. Fast in allen Büchern stand dasselbe. Allerdings kam es irgendwann zu einer kleinen Verschiebung. Jemand schrieb noch was anderes und ab dann haben das einige Fachleute auch mit abgeschrieben, aber ich weiß es nicht mehr genau.

Die jungen Leute können nicht erahnen, wie mühevoll der Zugang zu Wissen war, bevor Wikipedia und das Internet erfunden worden sind. Das Gedächtnis war viel wichtiger als heute.

Habe vorhin gegoogelt und gesehen, dass einige Fachbeiträge meinen Artikel zitiert haben: Da ist ein Aufsatz über mittelalterliche Kunstgeschichte, eine Dissertation über Thomas Bernhard, eine über den Minnesang, ein niederländisches Rhetorik-Lexikon. Es war also nicht alles umsonst. Und ein großes Abenteuer war es ohnehin. Es ist ein schönes Gefühl, sich daran zu erinnern. Ich habe Wochen meines Lebens mit einem versunkenen Konzept zugebracht und dabei eine Technik erlernt, die seither ebenfalls versunken ist. Und doch gibt mir all das eine andere, bessere Perspektive auf die heutige Zeit.

Ach so. Ein Beispiel für „Epanodos“ ist der Satz: „Du bist schön. Schön bist du.“ Man wiederholt einen Satz, dreht ihn dabei aber um. Man hätte sich die Sache auch sehr einfach machen können.

bookmark_borderEiskalte Reklame

Dieser Tage waren wir in Dexter, das ist ein Städtchen vor den Toren von Ann Arbor. Von Wikipedia weiß ich, dass es dort einst eine spektakuläre UFO-Sichtung gab. Und einen schlimmen Tornado. An diesem Tag jedoch hingen im Monument Park übererwartbar viele Leute ab. Aha, eine Festivität! Also sind wir dem Wagen entstiegen, um die Sache zu bestaunen.

Da standen tatsächlich Eisfiguren rum. Oben: ein Einhorn. Desweiteren: ein Schwein …

… ein Paddelboot … 

… und ein Elch, sich einen Bierhumpen an die Lippen führend.

Im Netz dann nachgelesen: Es handelt sich bei dieser Veranstaltung um das „Dexter Ice Fest„. Es findet jeden Januar statt in der „schmucken Innenstadtgegend von Dexter“. Die Sause ist „aufregend und ein Spaß für die ganze Familie“. Die Idee: Jeder Laden in Dexter kann sich seine „eigene, kreative Skulptur“ schnitzen lassen.

Wenn in meinem Freundeskreis jemand Dexter erwähnt, dauert es keine zehn Sekunden, bis die Sprache auf einen ganz bestimmten Laden kommt: die „Dexter Bakery“. Die süßen Backwaren dort müssen ganz sensationell lecker sein. Einige Freunde fahren regelmäßig mit dem Rad dorthin, nur um sich ein paar Donuts zu ziehen. Die Betreiber der Bäckerei haben sich als kreative Skulptur einen Cupcake ausgesucht.

Das Schild unter der eiskalten Reklame verrät: Die Bäckerei ist ein „Silver Sponsor“. Es gibt auch Sponsoren in Gold und Platin. Je wertvoller das Metall, desto größer der Eisblock, aus dem die Skulptur gefertigt wird. Das Leben ist ein Stück Papier mit einer Zahl drauf.

In der Ecke steht ein Kriegerdenkmal, das an die Leute erinnert, die in den Bürgerkrieg gezogen und dann nicht mehr zurückgekommen sind.

Man hätte all das – die lokale Werbung, die kleinen Eisblöcke, die Kinder, die verloren dazwischen herumlaufen, das alte Denkmal, das trostlose Wetter – auch irgendwo in Deutschland sehen können. Und als Teenager vermutlich dabei gedacht, dass man ganz schnell mit der Schule fertig werden und woanders hingehen muss.

Seither ist Schnee gefallen und die Welt ist auf einmal sehr schön geworden.

Ansonsten: Auf Facebook gesehen, dass Helge Timmerberg ein neues Buch geschrieben hat. Ich habe früher ganz viel von ihm gelesen und mich stets dran erfreut und auch immer ne Menge gelernt dabei. Eine Passage von damals, die ich ne Zeitlang fast auswendig konnte, geht so:

„Adrenalin ist an und für sich nicht bösartig, sondern ein befreundetes Hormon. Es macht wach und putzmunter, denn es rast wie Rasierklingen durchs Blut und tut den Nerven gut, tausendmal besser als Kokain. Adrenalin ist der letzte Joker des Lebens. Und ist dieses auch ein durchgehend verschlafenes gewesen, egal, im Angesicht des Todes verschafft es Mega-Aufmerksamkeit für die Situation. Es gibt Adrenalin-Klassiker wie den Schatten eines Schlachtermessers hinter dem transparenten Duschvorhang, oder wenn man durch ein Flugzeugfenster schaut, und die Turbine brennt. Adrenalin auch, wenn im Hals der Apfel klemmt oder ein hungriger Wolf seine Lieder singt. Ein hungriger Wolf? Mir schien, es waren mehrere.“

Ich fürchte: Das neue Ding muss ich auch wieder lesen.

bookmark_borderZuhören ist schwer

Zuhören ist schwer. Sogar wenn ich mit meinen Kinder rede, ertappe ich mich manchmal dabei, wie die Gedanken auf Reisen gehen und sich mit irgendwas ganz anderem befassen. Meine Kinder sind mir sehr wichtig. Und selbst da! Warum ist das eigentlich so?

Neulich hatte ich ein Interview mit einem spannenden Psychologie-Professor hier aus Michigan. Eigentlich wollten wir uns persönlich treffen und einen Spaziergang machen. Aber dann haben die Covid-Zahlen just in der Woche unseres Termins neue Rekordwerte erreicht, also haben wir die Sache über Teams laufen lassen. Schade, aber natürlich viel, viel besser, als gar nicht zu reden.

Ich verfolge die Arbeit von Ethan Kross schon seit einigen Jahren. Gelegentlich hab über einzelne Studien von ihm berichtet. Er hat kürzlich ein Buch darüber geschrieben, das demnächst auch in deutscher Übersetzung erscheint. Und er hat dabei einen Begriff gefunden für diese innere Stimme, die da oben unaufhörlich redet und plappert, ohne Punkt und Komma, wie man bei James Joyce nachlesen kann im 18. Kapitel des „Ulysses“. Dort klingt das dann so über viele, viele Seiten:

I suppose she was pious because no man would look at her twice I hope I’ll never be like her a wonder she didnt want us to cover our faces but she was a welleducated woman certainly and her gabby talk about Mr Riordan here and Mr Riordan there I suppose he was glad to get shut of her and her dog smelling my fur and always edging to get up under my petticoats especially 

So schnattert es da oben. Vielleicht nicht ganz so versaut wie bei Joyce, aber in derselben Grammatik. Und manchmal wird diese innere Stimme zu laut. Sie dreht sich im Kreis. Sie redet die ganze Zeit immer dasselbe. Sie urteilt dann über andere oder uns selbst. Kennt vermutlich jeder. Das sind die Phasen, in denen die innere Stimme nervt. Ethan nennt dieses Phänomen „Chatter“, das „Geplapper“. Es gibt viele Interventionen, um besser damit umzugehen. Man kann das alles in Ethans Buch nachlesen. Er hat einen erstklassigen Job gemacht, „Chatter“ verkauft sich in den USA wie geschnitten Brot.

In unserem Gespräch hat Ethan mich jedenfalls auf etwas aufmerksam gemacht, über das ich bisher nicht genug nachgedacht hatte:

Wir haben nämlich nicht nur eine innere Stimme, sondern auch ein inneres Ohr.

Es redet da oben, aber es hört auch zu. Man nennt dieses Zusammenspiel von innerem Reden und innerem Lauschen die „phonologische Schleife“. Sie frisst, wenn die Stimme zu „Chatter“ wird, jede Menge Speicherplatz im Gehirn – und zwar just an der schwächsten Stelle unseres biochemischen Rechenzentrums: in unserem Arbeitsgedächtnis.

Ich glaube manchmal, dass meine Generation und die Generationen davor sich ihres Arbeitsgedächtnisses stärker bewusst sind, als das bei jüngeren Leuten der Fall ist. Wegen des Telefons. Früher ging das nämlich noch so: Man wollte wen anrufen, schlug die Nummer im Telefonbuch nach – und hatte sie auf dem Weg von Buch zu Festnetzapparat schon wieder vergessen. Man musste also wieder zurücklaufen und nochmal nachschauen. Oder sich die Nummer auf einen Zettel kritzeln. Oder das Telefonbuch zum Telefon tragen. Die Sache war in jeder Variante demütigend.

Als Student hab ich in der ausgezeichneten Vorlesung „Allgemeine Psychologie I“ noch gelernt, dass in unser Arbeitsgedächtnis nur sieben plus/minus zwei Elemente passen. Das war damals noch Lehrbuchmeinung. Heute gehen die Fachleute eher von vier Dingen aus. Mehr Platz ist nicht. Sobald da was Neues hinein will, muss etwas Altes hinaus. Man ist verloren in seinen Gedanken, seinem Chatter, man liest die Telefonnummer, es dauert nur wenige Sekunden, und der innere Gedankenstrom hat die Nummer schon wieder aus dem Speicher hinausgeplappert.

Genau deshalb ist es so schwer, zuzuhören. Weil im Inneren die ganze Zeit jemand gegen das äußere Gespräch anlabert. Und wenn wir Stress haben, zu viel Arbeit, irgendwelche Konflikte, die uns gerade belasten, dann ist das innere Gelaber auf einmal viel stärker und lauter als die Sätze, die von außen in unser Ohr dringen.

Wir leben dann durch unseren Tag wie durch einen Traum. Wir verpassen den Film im Außen durch den Film, der innen läuft. Wir „fahren Filme“, wie man früher gesagt hat.

Wer träumt, ist ein schlechter Zuhörer.

Das hab ich mir jedenfalls vorgenommen heute zum Frühstück: Dass ich 2022 zum Jahr des Zuhörens machen möchte. Weil ich es wichtig finde und ich mir eingestehe, dass es nicht zu meinen Stärken zählt.

Man kann sich das abgucken bei manchen Leuten, die ihr Geld mit klinischer Psychologie verdienen. Von Zeit zu Zeit werden sie das Gespräch unterbrechen und sagen: „Lass mich kurz zusammenfassen, was bei mir angekommen ist, damit wir sehen können, ob ich alles richtig verstanden habe.“

Wenn jemand das schon ne Weile beruflich macht, fühlt sich dieses Unterbrechen fürs Gegenüber ganz geschmeidig, wertschätzen und angenehm an. Wenn jemand erst damit anfängt, klingt es manchmal seltsam und gelegentlich sogar manipulativ. Vielleicht liegt’s auch nicht an der Routine, sondern an der inneren Haltung. Schwer zu sagen. Fest steht: Manche Leute können das ganz ausgezeichnet. Zuhören ist möglich.

Jedenfalls hab ich mir das vorgenommen. Gelegentlich mal den Fluss unterbrechen. Innehalten. Zusammenfassen, was man gehört hat. Und dann weitermachen.

Und wenn meine Story über Ethan und den „Chatter“ fertig ist und irgendwo erscheint, dann sag ich Bescheid. Versprochen.

bookmark_borderDie Sachen, die man früher geschrieben hat, gehören einem nicht mehr

Gestern wie üblich den Hund ausgeführt. Dabei am Straßenrand der Newport Road dieses alte Ackergerät entdeckt. Eine Mähmaschine. Halb verschneit. Ich vermute: eine McCormick. Ich hab mich vor ein paar Jahren mal mit so was beschäftigt und heute fällt mir auf, dass die Sachen, die man früher geschrieben hat, einem nicht mehr gehören.

Jetzt hab ich hier Feierabend gemacht und versucht, mich zu erinnern. Bei Nicki im Haus steht ein Exemplar des Buches, das ich vor sieben Jahren geschrieben habe. Es heißt „Und doch ist es Heimat“. Es geht um mein Heimatdorf 1945. Und das Kapitel 39 heißt tatsächlich „Die Mähmaschine“.

Ich habe es gerade gelesen und es fühlt sich seltsam an.

„Sie ruht unter Spinnweben und wird nie mehr erwachen. Noch erkennt man deutlich die versetzten Querstreben in den eisernen Hinterrädern und den einzelnen nach hinten gezogenen Metallsitz.“

So geht es los.

Hier sind die Hinterräder der Maschine in Ann Arbor. Sie sehen so aus, wie das Buch sie beschreibt.

Es fühlt sich alles seltsam an.

Das Kapitel handelt von einem Zwölfjährigen, der sich das Hemd seines Vater anzieht, um eine große Wiese zu mähen, „eine Arbeit, für die man zu zweit sein sollte, selbst wenn man schon erwachsen ist.“ Aber der Junge macht die Arbeit allein. Er leiht sich ein altes Pferd. Das Pferd ist schmutzig. Er macht es sauber. „Wir wollen fein aussehen, wenn’s gleich nach draußen geht.“

„Er striegelt und bürstet dem Tier die Nacht von den Flanken, aus der Mähne, aus dem Schweif. Dann legt er ihm das Zaumzug an und führt es hinaus auf den Hof, wo er gestern schon die McCormick bereitgestellt hat. Er schirrt den Gaul an, legt ihm das Kummet um den Hals, sichert mit dem Gurt am Schweif, hängt die Zügel ein. Sie Sense und die Gabel hat er an der Maschine festgemacht. Er steckt den Wetzstein in die Tasche …“

„Hermann öffnet das Hoftor, klettert auf den eisernen Sitz … 

… löst die Bremse, und dann geht es hinaus mit Pferd und Mähmaschine. Die Eisenräder rattern übers Pflaster der Oberen Gasse, während im Milchgrau des Morgens hier und da ein Hahn kräht aus den Hinterhöfen, wo es noch Hähne gibt.“

Ich lese ein paar Seiten und möchte einen Stift nehmen, um Passagen zu streichen und andere hinzuzufügen. Aber die inneren Bilder von damals kommen dann trotzdem ganz von selbst. Das geht husch, husch zwischen einem Wort und dem anderen. Und das Gefühl dahinter beim Schreiben und beim Ausdenken. Das Gefühl sagt: „Du bist noch nicht so weit. Aber Du muss trotzdem.“ Und im Moment fühlt es sich an, als wär’s ungerecht und zu viel. Aber hinterher denken die Alten über ihr Leben nach und genau diese Momente bleiben. Über diese Momente wollen sie reden. Über die Momente, wo sie zu jung waren und überfordert und wo sie trotzdem diese Erwachsenendinge machen mussten. Und ich erinnere mich an die Geschichte, die echte erlebte Geschichte, die mir das Grundfutter für das Kapitel gegeben hat. Der alte Mann hat sie mit Trauer erzählt, weil seine Kindheit keine war. Aber auch mit Stolz, weil er’s halt irgendwie doch hingekriegt hat.

Man muss beim Schreiben wieder zurückgehen zu den ganz einfachen Dingen. Zu den ganz archaischen Erfahrungen.

Jedenfalls. Da war eine alte Mähmaschine am Rand der Newport Road. Eine McCormick, wie ich vermute. Eine geschenkte kleine Zeitreise. Jetzt muss ich den Hund füttern.

bookmark_borderIm Buchladen in Michigan stehen die Bücher über „Familie“ gleich neben den Büchern über „Horror“

Hab nach Weihnachtsgeschenken gesucht. Natürlich im Buchladen. In der hintersten Ecke die Familien- und Erziehungsbücher durchgeguckt. Erst nach ner Weile ist mir aufgefallen, dass irgendjemand die Horror-Romane gleich neben die Bücher über Familie, Pubertät und Autismus platziert hat. Spricht da Erfahrung? Galgenhumor? War es ein Versehen? Man weiß es nicht. Die Sache hat mir jedenfalls einen Moment der Heiterkeit verschafft.

Drei Läden weiter ein Schild an der Ladentür entdeckt. Da steht: Die Behörden fordern Masken nur bei Nichtgeimpften. Mir ist schon vor einigen Tagen aufgefallen, dass ein Viertel bis ein Drittel der Leute unmaskiert durch die Supermarktreihen stromern. Hat mich irritiert. Ich hab gedacht, dass „keine Maske“ und „keine Impfung“ irgendwie korrelieren. Kann sein, dass diese These trotzdem stimmt. Aber jetzt halt gelernt, dass Geimpfte tatsächlich mit nackter Nase in die Läden dürfen.

Sehr seltsam das alles. Ich hab ja kürzlich erst erzählt, dass ich trotz einiger Bemühungen vor Anfang Januar keinen Booster bekomme. Gestern dann in den Abendnachrichten gehört, dass in den USA mehr als 70 Prozent aller neuen Covid-Fälle auf Omikron zurückgehen. Die Welle kommt schneller als erwartet, und irgendwie passen all die Meldungen und die Maßnahmen nicht so richtig zusammen. Man schüttelt den Kopf.

Außerdem hab ich heute versucht, eine amerikanische Handynummer zu kriegen, weil ich nämlich für die meisten meiner amerikanischen Freunde nur schwer erreichbar bin. Ich dachte immer: Sollen se mich halt über WhatsApp anschreiben. WhatsApp hat hier aber so gut wie keiner. Man schreibt sich in der Regel einen „text“, also eine schnöde SMS. Die ist meist umsonst von US-Nummer zu US-Nummer. An eine Nummer aus Deutschland jedoch … schwierig. Neulich meinte jemand: „Hast Du eigentlich ne Ahnung, wie viele soziale Normen du mit Füßen trittst mit deiner komischen Deutschland-Nummer?“

Nun jedenfalls: Ein gebrauchtes Handy geschossen und auf die Website von Verizon gegangen. Dazu muss man wissen: Manche Handys funktionieren nur in den Netzen, für die sie konfiguriert sind. Man muss also, wenn man zu Verizon will, ein iPhone kaufen, dass speziell für Verizon ausgelegt ist. Auch seltsam.
Das Bezahlen für den Vertrag klappt erst beim dritten Versuch. Paypal wird nur akzeptiert, wenn das Konto dahinter aus Amerika kommt. Die Kreditkarte funktioniert zwei Mal gar nicht, dann zwei Mal fast – um am Ende aber immer zu scheitern. Schließlich Apple Pay. Das funktioniert. Hm. Apple Pay greift auf dieselbe Kreditkarte zu, die gerade noch durchgefallen ist. Wer denkt sich so was aus? Trotzdem natürlich Riesenjubel!

Dann kommt aber später ne Enttäuschungs-Mail angeflogen: Neeee. Ich soll mal lieber zurückrufen, der Auftrag wird vorläufig angehalten. Ich ruf also zurück (per Skype out), und dann ist es natürlich der übliche Irrsinn, bis tatsächlich mal jemand am anderen Ende rangeht. Auch da wieder langes Hin- und Her. Bis der Prozess schließlich abbricht, weil ich nämlich keine amerikanische Sozialversicherungsnummer habe.

Ich so: „Dude, ich kann doch nicht der erste Ausländer sein, der bei euch einfach mal telefonieren will!“

Er so: „Nö, Leute wie dich hab ich öfter. Keine Ahnung, warum wir euch die Sache so schwer machen. Tut mir leid.“

Am Ende schreddert er jedenfalls meinen kompletten Auftrag. Ich soll bei Gelegenheit mal direkt in einen Verizon-Laden gehen und da mein Glück versuchen. „Das müsste eigentlich besser klappen.“ Tja.

Vermutlich lass ich mir damit aber noch n bisschen Zeit. In den nächsten Wochen wird’s eh nur noch wenig Sozialleben geben, wenn ich das richtig sehe. Also wieder Geld gespart.

Vielleicht kauf ich mir davon ein Buch über Autismus. Oder einen Horror-Roman.

bookmark_borderSnackable Content #1: „Maria im Speckmantel“

Im Internet gieren die Nutzenden immer stärker nach „snackable content“.

„Content“ bedeutet: irgendwelche Inhalte. Texte zum Beispiel. Oder Bilder.

„Snackable“ bedeutet: Man kann’s schnell konsumieren, schnell verstehen, schnell kopieren, schnell verbreiten. Es geht also nicht ums Vier-Gänge-Menü, sondern eher um Kartoffelchips. Daran ist nichts falsch. Auch Kartoffelchips sind wichtig für unser Wohlbefinden.

Eine Diskussion mit meinem Vater um die Kunst des Mittelalters hat mich nun auf genau solch einen schnellverzehrbaren Inhalt gebracht: nämlich ein Figuren-Ensemble mit dem Titel „Maria im Speckmantel“. Das Motiv der Schutzmantelmadonna war ja ein beliebter Topos in der bildenden Kunst seit dem 12. oder 13. Jahrhundert. Die „Dattel im Speckmantel“ kennt wohl jeder, der schon mal einen flinken Happen zum Fetenbuffet beizusteuern hatte.

Nun haben meine Schwester, mein Schwager, meine Nichte und womöglich sogar meine beiden kleinen Neffen diese Idee umgesetzt und beide Konzepte kombiniert.

So verwandeln sich klassische Krippenfiguren ruckzuck ein einen optischen Gaumenschmauß.

Internet kann so einfach sein.

bookmark_borderWie Rauch von starken Winden

Lyrik aus der Barockzeit hat ihre Tücken. Die Sprache hat sich seither sehr verändert. Wir verstehen die meisten Sachen nicht mehr.

Und dann das Lebensgefühl! Die Leute hatten damals das Gefühl, dass alles den Bach runter geht. Naja. Es ging ja auch wirklich alles den Bach runter. Überall war Krieg. Und Hunger. Gelegentlich kam die Pest dazu. Was also tun? Die einen suchten Zuflucht in leiblichen Freuden. Sie wollten so viel Spaß wie möglich mitnehmen. Morgen schon konnte alles vorbei sein. Die anderen suchten ihr Heil in der Religion. Vielleicht gab’s ja nach dem Tod noch ein zweites Leben, das länger hielt und Besseres bot. Allen gemein war jedoch das Bewusstsein, dass das Leben flüchtig war. Nichts bleibt, nichts hat Bestand. Alles vergeht. Zack!

Andreas Gryphius hat darüber viele Gedichte geschrieben. In einem davon – es trägt den heute nicht mehr sagbaren Titel „Menschliches Elende“ (es heißt wirklich so, mit einem „e“ hinterm Elend) – zählt er auf, was unser Leben so auszumachen pflegt. Schmerzen. Falsches (weil flüchtiges) Glück. Angst. Leid. Wir sind wie Schnee, der in der Sonne schmilzt. Eine niederbrennende Kerze. Alles wie Geplapper und schlechte Gags. Das Leben: ready for Altkleidersammlung. Diejenigen, die schon gestorben sind: Wir fühlen sie nicht mehr. Keine Sau erinnert sich an sie. Man vergisst uns, wie man einen Traum vergisst nach dem Erwachen. Man kann das Leben und die Erinnerung daran nicht festhalten, wie man auch das Wasser eines Flusses nicht festhalten kann. Egal, wieviel Ruhm wir angesammelt haben – auch der wird nicht bleiben. Wer heute lebt, stirbt morgen. Wer morgen geboren wird, nun, der stirbt halt übermorgen. So geht das Gedicht.

Und in der letzten Strophe kommen dann die Sätze, die man vielleicht schonmal gehört hat und die das Gedicht über 350 Jahre lang im kollektiven Gedächtnis erhalten haben:

„Was sag ich? Wir vergeh’n, wie Rauch von starken Winden.“

Am Wochenende war ich jedenfalls auf einer Trauerfeier in meinem Heimatdorf. Es ging um Dieter Blau, der eine sehr wichtige Gestalt meiner Kindheit war und über den ich hier schon ein paar Sachen geschrieben habe. Nämlich hier. Und hier. Und hier. Und hier. Er ist mitten in der Pandemie gestorben, weshalb fast keiner dabei war, als er beerdigt wurde. Jetzt gab es einen Gedenk-Gottesdienst für ihn und danach ein Treffen im Gemeindehaus. Ich habe ein paar Leute dort gesehen, mit denen ich in meiner Kindheit regelmäßig zu tun hatte. Manche davon habe ich hinter ihren Masken nicht mehr erkannt. Und auch ohne Maske war’s nicht immer leicht.

Und ich habe gedacht: Seit unserer Kindheit sind wir alle schon oft gestorben und wieder neu geworden. Nicht nur beim Übergang in die Jugend und dann ins Erwachsenenalter. Denn auch danach geht’s ja immer weiter. Vielleicht kriegen wir Kinder und alles ist auf einmal anders. Dann werden die Kinder groß und machen ihr eigenes Ding. Vielleicht sterben die Eltern. Eine Freundin meinte mal: Sie sieht sofort, wer das schon hinter sich hat und wer nicht. Dann die Jobs. Sie kommen und gehen. Kollegen: kommen und gehen. Freunde: kommen und gehen. Partner: kommen und gehen. Und selbst wenn sie bleiben, dann ist es vielleicht die Liebe, die kommt und geht. Dann lebt man mit dem alten Partner, aber ohne die alte Liebe. Gesundheit: kommt und geht. Geschmeidige Gelenke: kommen und gehen. Wohnungen und Häuser: kommen und gehen. Geld, Wohlstand, Sicherheit: kommen und gehen. Und all das ist und war immer Teil von uns, Teil dessen, was wir „ich“ nennen. Es kommt, es geht. Und immer bleibt etwas zurück und muss etwas neu werden, was auch uns selbst wieder neu werden lässt.

Es war schön, wieder im Dorf zu sein. Aber es war auch anstrengend. Genau wie es anstrengend ist, Lyrik aus dem 17. Jahrhundert im Original zu lesen. Seit damals ist einfach ne Menge passiert.

Und klar, wir haben uns ein paar Geschichten von früher erzählt. Wir haben alte Bilder gesehen mit diesen fremden Kindern drauf, die wir einmal waren. Das war alles toll und ich bin froh, dass ein paar entschlossene Leute das geplant und durchgezogen haben, dass es überhaupt passiert ist mit dieser Feier und dass ich dabei war. Und trotzdem hab ich heute das schale Gefühl, dass wir nur ein bisschen an der Oberfläche gekratzt haben. Die allermeisten Dinge bleiben ja wirklich ungesagt, selbst dort, wo man sich Mühe gibt.

In der Beratung und manchen Formen der Psychotherapie gibt es diese Intervention, dass man sich hinsetzen und seine eigene Grabrede schreiben soll. Eigentlich ist das eine sehr einfache Übung. Aber sie ist auch wahnsinnig kraftvoll. Man blickt dabei auf sein ganzes Leben und zwingt sich, die eigene Existenz wie von außen zu sehen. Wer wollte ich eigentlich werden? Bin ich der geworden, der ich sein wollte? Der ich sein sollte? Die beste Version meiner selbst?

Wer seinen Weg ändern will, kann sich ja mal hinsetzen und so eine Rede schreiben. Und dann mal sehen, was alles geht. Und was alles kommt. Ein neuer Tod. Ein neues Leben. Vielleicht.

Heute denke ich: Diese Grabrede auf uns selbst, die wird vermutlich inniger sein, wichtiger, tiefer und wesentlicher als das, was dann wirklich neben unserem Sarg verlesen wird. Die selbstgemachte Rede kann wie ein Feuer aus Buchenholz sein, das im Schwedenofen knistert und die Stube tüchtig durchheizt.

Die wirkliche Grabrede ist dann eher wie der Rauch, der oben aus dem Kamin steigt. Dann kommt der Winterwind.

Und trägt den Rauch übers Dach davon.

bookmark_borderMeine erste Deutschstunde

Hatte dieser Tage doch tatsächlich meine erste Deutschstunde. Und zwar an der University of Michigan. Ich hab ja schon andernorts von meiner verspäteten Physiotherapie berichtet. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich danach noch ordentlich anzuziehen. Schließlich sollte ich als „Journalist und Buchautor aus Deutschland“ den jungen Leuten was über meine Werke berichten. Da wollte ich – als Repräsentant von Heimat und Handwerk – nicht in Lumpen erscheinen. Tja. Wie man auf dem Bild oben sehen kann: Daraus wurde nichts. Ich war spät dran und musste mich sputen, um noch pünktlich am East Quad zu erscheinen, einem alten Uni-Gebäude in der Innenstadt von Ann Arbor. Dort veranstaltet eine der Uni-Deutschklassen immer zur selben Zeit eine Kaffeestunde, der die kluge Erfinderin den schönen Namen „Kaffeestunde“ gegeben hat.

Man sitzt dann im Hof eines Wohnheims, trinkt Tee oder Kaffee, zieht sich leckeres Gebäck rein, auf das man, wenn man möchte, noch schön Nutella packen kann (gibt’s bei Aldi) – und redet dabei über Sachen in deutscher Sprache. Heute also: Der Typ aus Hamburg erzählt was über eines seiner Bücher. Ich hab ja nur zwei. Beim zweiten geht’s unter anderem um Krieg und Trauma. Die jungen Leute sind eh schon gestresst. Da red ich also lieber über das erste Buch: „Alle Macht den Kindern“, unser Familienexperiment, bei dem die Kinder – vor inzwischen elf Jahren – einen Monat lang zu Hause das Kommando übernommen haben.

Hat mächtig Spaß gemacht, die Deutschstunde. Die jungen Leute haben gut zugehört und hinterher schlaue Fragen gestellt. Und sie waren ausgesprochen freundlich. Danach noch über ihr Studium geredet. Wofür sie sich interessieren, welche Sorgen sie sich machen. Bei manchen ist das Deutsch schon richtig gut. Aber auch bei den Anfängerinnen merkt man, was für Lernraketen hier so an der Uni rumhängen und wie schnell die sich neue Sachen aneignen. Ganz toll und beneidenswert. Die Studierenden sind alle ungefähr im Alter meiner Kinder, was halt auch irgendwie seltsam ist. Sie blicken auf Lara und Jonny wie auf sich selbst, als sie noch Kinder waren. So ein Publikum hatte ich noch nie. Ich frage: „Wer von Euch hatte strenge Eltern?“ – Ein Finger geht in die Luft. „Wer hatte mehr so Eltern wie mich?“ – Alle anderen Finger gehen nach oben. Seufz. Man hält sich ja fast immer für was Besonderes. Und dann so was.

Witzigerweise war das schon das zweite Mal auf dieser Reise, dass ich den Leuten was über „Alle Macht den Kindern“ erzählt habe. Ungeplant und überraschend. Irgendwann muss ich das selber nochmal lesen.

Wenn ich wiederkomme, will ich Karein, der Dozentin, ein paar Exemplare des Buches in die Hand drücken, damit die jungen Leute darin lesen können, wenn sie wollen. In Hamburg im Regal stehen noch ein paar davon rum, zumindest von der Taschenbuchausgabe.

Sowieso: Wenn ich Glück habe, lädt Karein mich nochmal ein, wenn ich wiederkomme. Die Aufwandsentschädigung hab ich abgelehnt. Fühlt sich nicht richtig an, dafür Geld zu nehmen. Jetzt stell‘ ich mir jedenfalls vor, dass in ein paar Wochen oder Monaten die jungen Leute alle noch viel besser geworden sind mit ihrer Fremdsprache. Und darauf freu ich mich heute schon.

bookmark_borderMan liest insgesamt viel zu selten einen guten Roman

Goethe hat ja mal irgendwas gesagt von wegen „jeden Tag ein Lied hören, ein Gedicht lesen, ein gutes Bild angucken“. Oder so ähnlich. Passiert aber nur selten, wenn man ehrlich ist.

Dasselbe gilt für die Lektüre von Romanen. Ich lese zu wenig Belletristik, es ist ein Jammer. Früher war da mehr. Aber in den vergangenen Monaten: gar nichts mehr. Nur noch Quatsch und Fachliteratur. Das hab ich neulich geändert, weil Wochenende war und ich gedacht habe: „Nein, heute liest Du keine Studien!“ Also hab ich willkürlich ins Regal mit den staubigen Büchern drin gegriffen und – zack! – eine billige rororo-Ausgabe von Hemingways Fiesta zwischen die Finger bekommen. So die Sorte aus den 60ern, die man als Student gebraucht für ne Mark abgegriffen hat beim Büchertrödel vor der Mensa.

Das Buch war übersetzt. Die Übersetzung war nicht gut. Immer wieder lief ich zum Rechner, um nachzusehen, wie’s im Original geschrieben steht. Das Original war besser.

Im Original heißt das Buch ja auch nicht „Fiesta“, sondern „The Sun also rises“, was ein Bibelzitat ist. Und zwar aus dem Buch Prediger (aus dem Alten Testament), das ich über die Jahre immer mal wieder gelesen und darüber gestaunt habe. Ich glaube zunehmend, dass bei der Niederschrift Drogen im Spiel waren. Nein? Gut. Dann vielleicht eine Depression. Oder zumindest ein tiefer Mangel an Illusion über den Wert unseres Daseins. Da steht (also: in der Bibel, ich habe das von hier genommen, außerdem hab ich festgestellt, dass man die folgenden Zeilen langsam lesen muss, damit sie funktionieren; dann aber funktionieren sie sehr gut):

„Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel („eitel“ heißt hier: „für’n Arsch“ J.M.). Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen. Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie dort wieder aufgehe. Der Wind geht nach Süden und dreht sich nach Norden und wieder herum an den Ort, wo er anfing. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, dahin sie fließen, fließen sie immer wieder. Alles Reden ist so voll Mühe, dass niemand damit zu Ende kommt. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört sich niemals satt. Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: »Sieh, das ist neu!« – Es ist längst zuvor auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“

Deep. Aber auch seltsam. „Fiesta“ von Hemingway ist auch seltsam. Ein seltsames Buch. Und die Leute, die darin vorkommen, die sind ebenfalls seltsam. Diese Menschen, die sich da durch Paris, das Baskenland und den Norden Spaniens saufen. „Lass uns was trinken.“ Zwei Mal auf jeder Seite. Zwischendurch hab ich mal angefangen zu zählen – da hatte der Ich-Erzähler bis zum Mittagessen schon eine ganze Wochenration Alkohol weggemacht.

Und trotzdem. Es war eine ästhetische Erfahrung. Es war inspirierend. Anregend. Man kommt ins Phantasieren. Man muss das häufiger machen.

Und dann Sprache! Hab nach der Lektüre gleich ein paar Formulierungen an meine Kinder geschickt, damit sie auch was davon haben (Blüten fürs Florilegium!).

  1. I walked down the street and had a beer at the bar at the next Bal. The beer was not good (…).

2. The beer came. Brett started to lift the glass mug and her hand shook. She saw it and smiled, and leaned forward and took a long sip.
Good beer.“
„Very good,“ I said.

3. The food was good and so was the wine. We did not talk much.

4. „I think you’ll find that’s very good wine,“ he said.

5. „This wine is too good for toast-drinking, my dear. You don’t want to mix emotions up with a wine like that. You lose the taste.“

6. We dined at a restaurant in the Bois. It was a good dinner

7. (übers Boxen) It was a good fight.

8. It is always cool in the down-stairs dining-room and we had a very good lunch.

9. The coffee was good and we drank it out of big bowls.

10. „Take some more coffee,“ I said.
„Good. Coffee is good for you. It’s the caffeine in it.“

Am Ende des Buches hab ich gedacht, dass ich Mitleid mit Hemingway empfinde, obwohl er so gut schreiben und Alkohol trinken konnte.

Einen noch längeren Bart als Hemingway trägt übrigens mein Jahrgangsgenosse Judah Friedlander. Das ist ein Comedian aus Amerika. Ich hab neulich am Abend sein Special auf Netflix gesehen und sehr viel und laut gelacht. Ich empfehle seine Show. Die Show ist gut.

Auch das hat mich inspiriert. Zwischendurch habe ich auf Pause gedrückt und spontan einen Vierzeiler verfasst, der ein wenig dem Style von Judah Friedlander zuwinkt – nur halt mit mehr Melancholie und einer Alkohol-Referenz drin, wegen, naja, Hemingway. Und Prediger.

Ich habe mir ein Weinglas bestellt. Für die Tage, an denen ich traurig bin. Dann trinke ich und lass‘ mich geh’n. Bis das Glas ganz voll ist. 

bookmark_borderHoffen auf ein noch größeres Problem

Manchmal fällt mir das Schreiben schwer. Ich habe das nie systematisch untersucht, aber ich vermute: Es geht allen so, die mit dem Schreiben ihr Geld verdienen. Oder den meisten, da bin ich mir sicher.

Und dann, nach einiger Zeit des Elends, geht’s auf einmal halt doch.

Warum geht es plötzlich? Da gibt es mehrere Szenarien. Manchmal hat man in den Tagen der Dürre einfach genug nachgedacht. Wissen, was man sagen will – das hilft eigentlich immer.

Ein alter Prof von mir hat mal behauptet, das Elend sei nur der Ausdruck einer Regression. Dies sei der Preis, den jeder zu entrichten habe, der etwas Neues schaffen wolle. Naja. Weiß nicht, ob das stimmt. Es klingt aber schlau (und signalisiert, dass man tüchtig Freud gelesen hat; das war ihm immer wichtig; muss mal googeln, ob er noch lebt).

Mir ist gestern noch ein anderes Szenario eingefallen, das ich einige Mal selbst erlebt habe. Ganz kurios. Also. Wenn man ein Stück zu schreiben hat, aber es läuft nicht, dann fühlt man sich mies. Kennt jeder. Das Problem ist dann irgendwann nicht mehr das zu schreibende Stück selbst – sondern das, was man alles an Schlechtem über sich selbst denkt.

Eine Lösung besteht dann darin, auf ein noch größeres Problem zu hoffen. Das noch größere Problem sorgt nämlich dafür, dass man sich plötzlich um andere Dinge sorgt. Die verurteilenden Gedanken über sich selbst verschwinden. Der innere Handwerker übernimmt – und das Schreiben wird wieder zu dem, was es eigentlich ist: Das, was man halt so macht, um die Miete zu bezahlen.

Einmal hab ich das sogar als Intervention erlebt. Damals hat mich Dietmar Bittrich überredet, zum Satsang ins Goldbekhaus zu kommen. Auf der Bühne saß ein Mann namens Isaac Shapiro. Er „trottete wie ein abgeschabter Teddybär nach vorn und trank Kaffee aus einem Plastikbecher“. So hat der Kollege Bittrich die Szene einmal beschrieben. Shapiro saß dann tatsächlich im Hawaiihemd auf der kleinen Bühne und die Leute beklagten sich bei ihm über ihr Leben. Eine Frau, die ansonsten auf den Kanaren lebte, erzählte, dass der Vulkan, der ihre Insel gebildet hatte, kurz vor einem Ausbruch stand. Also: vielleicht. Jedenfalls grummelte und bebte es jetzt häufiger unter der Erde. Und die Zeitungen schrieben darüber und machten allen Angst und die Scheiß-Feriengäste aus Deutschland stornierten natürlich ihren Urlaub und brachten kein Geld mehr in den Palmengarten. „Meine ganze Existenz, es ist bald alles ruiniert“, klagte die Frau. Alle nickten. Das Leben war hart. Shapiro sah der Frau erstmal lange in die Augen und atmete tief. Und dann fing er an, von der Klimakrise zu reden. Vom Regenwald, der immer weniger wurde. Ich glaube: auch von den vielen Atomwaffen, die überall noch rumstanden. Jedenfalls machte Shapiro allen klar, dass die Menschheit vermutlich unrettbar im Eimer war. Am Ende seiner Rede meinte er: „Du hast mir von einem Problem erzählt. Und ich habe dir ein größeres Problem gegeben.“ Die Frau nickte. Sie hatte verstanden. Alle anderen hatten auch verstanden.

Manchmal ist das größere Problem genau das, was man gerade braucht. Wenn ich mal wieder nicht schreiben kann, dann werd‘ ich mir eins suchen.