bookmark_borderWas bedeutet „Zusammenglück“?

Als Kalifornien gerade mal nicht brannte – aus der Luft sah man nördlich von San Francisco nur noch zwei, drei Aschehaufen kokeln – und als auch das Virus dort noch nicht richtig angekommen war, da bin ich immer mal wieder Yukiko Uchida begegnet, die sich gerade als Fellow an der Stanford University aufhielt. Sie hatte ihr Büro auf demselben Professoren-Zauberberg wie meine Lebensgefährtin. Mittagessen gab’s hinter den Fenstern, an denen die Luftschlangen hängen.

Yukiko kommt aus Japan, bei einem dieser Mittagessen hat sie mir von ihrer Arbeit erzählt. Sie ist Psychologie-Professorin und erforscht, wie glücklich die Menschen in verschiedenen Gegenden der Welt sind. Was ich besonders bemerkenswert fand: Unsere westliche Vorstellung von Glück, so sagt sie, spielt in Japan kaum eine Rolle. Damit kann man dort wenig anfangen.

Das hat mich sehr interessiert. Wollen die Japaner nicht glücklich sein? Komische Vorstellung.

Einige Wochen später habe ich dann für Psychologie Heute ein längeres Interview mit Yukiko gemacht. Der Großraum San Francisco war da schon im Lockdown, wir sprachen also per Zoom. Und dabei ging es vor allem über den Begriff der „interdependent happiness„, über den Yukiko eine Reihe von Studien publiziert hat. Ich habe dafür das deutschen Wort „Zusammenglück“ gewählt.

„(Zusammenglück) erlebt jemand, der glaubt, dass es den Menschen in seinem Umkreis gutgeht. Dass sie einen wertschätzen. Wenn man das Gefühl hat, dass man die Menschen in seinem Umfeld ein bisschen glücklicher macht. Dass man im Alltag keine allzu großen Ängste empfindet. Und dass man seine Ziele verfolgen kann, ohne anderen damit zu schaden.“

Yukiko Uchida in Psychologie heute #10/2020

Vereinfacht gesagt: Wenn wir im Westen glücklich sind, geht es uns vor allem um uns selbst. Nicht so sehr um die anderen. In Japan geht es viel mehr um die anderen. Und erst dann um uns selbst.

Damit kann ich eine Menge anfangen. Ich will nicht behaupten, Japaner zu sein. Aber ich bin in einem Bauerndorf in der Nähe von Karlsruhe aufgewachsen (heute ist es kein wirkliches Dorf mehr, sondern fast eine Kleinstadt). Und auch dort galt die unausgesprochene Regel, dass die Familie im Zweifel wichtiger ist als man selbst, der Clan wichtiger als die Familie – und das Dorf wichtiger als der Clan. Ich bin meiner Herkunft nach also Kollektivist. Und jetzt mal unter uns gesagt: So was wird man sein Leben lang nicht mehr los.

Yukiko glaubt jedenfalls, dass unser westliches Glückskonzept dann besser funktioniert, wenn die Dinge gut laufen. Es schafft mehr Kreativität, mehr Risikobereitschaft – und deshalb auch mehr Wirtschaftswachstum. In großen Krisen, so meint sie, funktioniert die japanische Variante aber besser. Weil wir während der Pandemie oder im Klimawandel nur kollektiv klarkommen werden. Zusammenglück gelingt, so glaubt Yukiko, „indem man permanent darüber nachdenkt, wie gut es den anderen gerade geht. Nicht nur immer ‚ich, ich, ich‘.“

Das komplette Interview mit ihr ist gerade in der Oktober-Ausgabe von „Psychologie Heute“ erschienen.

bookmark_borderKalender-Zombies

In meinem Kalender steht, dass ich jetzt seit genau 74 Minuten in der Luft bin, um von der San Francisco Bay (o.) zurück nach Hamburg zu fliegen. Sommer in Deutschland. So war’s geplant. Tja. Der Flug wurde natürlich längst gestrichen. Und ich sitze in Michigan. Alles anders.

Warum sehe ich den Termin trotzdem noch? Weil’s Arbeit gemacht hätte, all die Sachen zu streichen, die wegen Corona ausgefallen sind. Mein Smartphone steckt voller Kalender-Zombies: Voller Einträge, die schon lange tot sind, aber trotzdem noch so tun, als wären sie am Leben.

Nicki behauptet, dass ihr solche Einträge helfen, ihr Gefühl für die Zeit nicht zu verlieren. Das alte Leben war voller Struktur. Man kann sich noch immer daran festhalten.

Am Anfang der Krise hab ich ein Interview mit Kate Sweeny für Psychologie Heute gemacht. Sie ist Psychologin an der UC Riverside und erforscht ein Phänomen namens „Warten unter Unsicherheit“, das sich zumindest teilweise auf ein paar psychische Vorgänge während der Pandemie anwenden lässt. Eine Sache, die dabei auffällt: Beim Warten dehnt sich überlicherweise die Zeit. Wer jammert, er habe „eine geschlagene Stunde“ beim Arzt gesessen, hat in Wahrheit selten mehr als 40 Minuten dort verbrachtIch bin deshalb ziemlich überrascht, dass die Tage gerade schneller zu vergehen scheinen als sonst. Keine Ahnung, ob das nur mir so geht: Ich steh‘ am Morgen einigermaßen pünktlich auf, atme zwei, drei Mal durch und – zack! – geht schon wieder die Sonne unter. Die Uhren ticken derzeit schneller, keine Ahnung, woran das liegt.

Mein alter Freund Heiner – wir haben in Tübingen zusammen Philosophie studiert – hat mir kürzlich ne Geschichte dazu erzählt. An Weihnachten hat er seine Familie um sich versammelt und eine Rede gehalten. Die ging sinngemäß so: Wir haben jetzt über 50 Jahre lang nur Glück gehabt. Unverschämtes Glück. Und irgendwann, vielleicht erst in 20 Jahren, vielleicht aber auch schon morgen, wird das alles vorbei sein. Dann passiert irgendein Mist. Und wenn das so sein sollte, dann will ich kein Gejammer hören. Dann will ich, dass alle sich an diesen Abend erinnern und daran, dass wir die vielleicht längste Glückssträhne der Geschichte zusammen erleben haben. Das fand ich sensationell gesprochen.

Und heute will auch so etwas in der Art sagen: Ich werde mir in meinen Kalender einen Eintrag machen: 17. Mai 2022. An diesem Tag will ich zurückblicken auf das, was alles war. Dass wir gemerkt haben, wie die Welt sich verändert – aber keinen Schimmer hatten wie und wohin. Wir werden denken: Little did we know. Es wird alles ganz anders sein. Ich bin super gespannt auf das, was kommt.

Ansonsten musste Coco gebadet werden. Sie hat irgendwo im Gestrüpp eine Kuhle gefunden, in die zuvor ein Stinktier gepinkelt hat. Sie hat sich gewälzt und sich gefreut wie eine Königin. Der Gestank danach im Haus war kaum zu ertragen. Warum machen Hunde so was? Ich bin gespannt auf erklärende Zuschriften von Leuten, die sich damit auskennen.

Hab mir zum Geburtstag eine Trail Camera geschenkt. Sie hat uns verraten, wer da nachts das Vogelfutter frisst: eine Maus – man hätte es sich denken können.

Draußen blühen gerade die Maiglöckchen. Vergissmeinnicht hab ich auch gesehen. Die Nachbarin behauptet, in ihrem Garten schon 44 verschiedene Vogelarten entdeckt zu haben – allein in diesem Monat. Bei uns kam heute der erste Kolibri vorbei.

Es könnte alles so viel schlimmer sein.

bookmark_border„Jeder Chefkoch will König sein“

In der Zentrale des Cloud-Anbieters Dropbox in San Francisco führt dieser Mann eine Kantine, die als die beste der Welt gilt. Ein Gespräch mit Brian Mattingly über die Arbeitshölle Sterneküche, gute Führung und den Mut, sich selbst überflüssig zu machen.
brand eins, 1/2020

bookmark_border„Spieler sind in einer Trance“

Die Anthropologin Natasha Dow Schüll erforscht, wie Glücksspielautomaten unser Verhalten steuern und mich welchen Tricks uns das Design der Maschinen süchtig macht. Die These: Wer zockt, befindet sich in einem ganz spezifischen Zustand.
Prof. Schüll nennt ihn „The Zone“. Uns geht es dabei nicht ums Gewinnen. Sondern darum, uns selbst und die Welt um uns her zu vergessen.
Psychologie Heute, 9/2019

bookmark_border„Als hätte mir jemand eine reingehauen“

Dmitri Williams erforscht an der University of Southern California in Los Angeles das Sozialverhalten von Computerspielern. Eines Tages kam er auf die Idee, mit seinem Wissen eine Firma zu gründen. Damit begann die härteste Zeit seines Lebens.
brand eins, 9/2018

bookmark_border„Für Facebook sind Verstorbene nicht einfach weg“

Facebook ist nicht nur für die Lebenden da. Längst ist die Plattform auch zum Ort der Erinnerung geworden. Sie verändert die Art, wie wir trauern und den Tod von Freunden und Verwandten bewältigen, meint der Medienforscher Jed Brubaker. Seine Studien haben dazu geführt, dass Facebook seinen Umgang mit verstorbenen Nutzern umgestellt hat.
Psychologie Heute, 5/2018

bookmark_borderWas uns aggressiv macht

Auch Primaten werden wütend. Wirklich böse jedoch ist nur der Mensch. Der berühmte Neuroforscher Robert Sapolsky erklärt woran das liegt – die Ursache wohnt tief in unseren Köpfen. Außerdem, so glaubt er, spielt „stuff“ eine Rolle, also die Entdeckung der Landwirtschaft und damit des sozioökonomischen Status‘, der sich anhäufen, stabilisieren und sogar ererben lässt.
Robert Sapolsky war schwer erkältet, als wir uns unterhielten. Er klang wie Tom Waits am Morgen nach einem tüchtigen Gelage. Ein Jammer, das Print dergleichen kaum einzufangen vermag.
(P.M.-Magazin, 5/2018)

bookmark_border„Dein Aufenthaltsort wurde 5398-mal abgerufen“

Ein Gespräch mit dem aus Deutschland stammenden Privacy-Forscher Prof. Florian Schaub von der University of Michigan über die Zugriffe, die wir anderen mit unserem Smartphone erlauben. Man wird beim Lesen ein bisschen paranoid. Vermutlich mit Recht.
Das Interview gehörte im Erscheinungsmonat zu den meistgeklickten Geschichten auf Blendle.
(P.M. Magazin, 1/2018)

bookmark_border„Wir irren uns häufig“

Seit mehr als 40 Jahren erforscht der Sozialpsychologe Richard Nisbett unsere Denkfehler. Für einige dieser Schwächen hat er verblüffend simple Gegenmittel gefunden. Eines davon stammt sogar aus einem alten Hausfrauenmagazin. Psychologie Heute, 7/2017

bookmark_border„Wir müssen Demokratie neu erfinden“

Was geschieht mit einer Gesellschaft, der die alten Autoritäten verlorengehen? Ein Gespräch mit dem belgischen Psychoanalytiker Paul Verhaeghe über unaufgeräumte Kinderzimmer, direkte Demokratie – und Unternehmen, in denen die Mitarbeiter selbst bestimmen, wer ihr Vorgesetzter wird.
Psychologie Heute, 4/2017