bookmark_borderWunder der Natur: Der Fisch & die Ölflitze

Gerade hat Wolfgang mich dafür gerügt, dass auf meinem Blog nix mehr los ist. Recht hat er. Hier also mein jüngster Erkenntnisgewinn, den ich gerne mit Euch teilen will. Ich verdanke ihn einem Fisch wie dem hier im Bild. Wer kennt ihn? Ich kannte ihn nicht. Und ich wusste auch nicht, was einem widerfahren kann, wenn man ein Stück davon verzehrt.

1. Akt: Der Einkauf

Hab viel gearbeitet und will mich belohnen. Unten an der Elbe gibt es einen Laden, der besondere Lebensmittel vertreibt. Sachen, die man anderswo nicht bekommt. Die Ware ist entsprechend teuer. Dort steh‘ ich vor der Theke, die Räucherfisch präsentiert. Da! In der Ecke liegen appetitliche Stücke. Davor eine Tafel: „Buttermakrele“. Hab‘ ich noch nie gehört. Interessant. Ich erwerbe eines der Stücke und trag’s zufrieden nach Hause.

2. Akt: Die Wissenschaft

Ungestillte Neugier ist wie Hunger. Nur schlimmer. Also im Internet nachsehen: Was hat es mit diesem unbekannten Fisch auf sich? Es gibt tatsächlich wissenschaftliche Studien über Lepidocybium flavobrunneum. Die interessanteren von ihnen handeln nicht von Körper oder Lebensweise der Buttermakrele (sie besitzt z.B. keine Schwimmblase), sondern von ihren Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Die Autoren Ka Ho Ling, Peter D. Nichols und Paul Pui-Hay But berichten von einem Phänomen namens „Keriorrhea“. Soll gar nicht so selten auftreten. Kenn ich auch nicht. Man weiß überhaupt das Allermeiste gar nicht. Ich lese also weiter.

3. Akt: Die Ölflitze

Die Forscher verstehen unter Keriorrhea „the pathological symptom of involuntary passage or leakage of oil, or actually wax esters, through the rectum“. Aha. Man könnte die Sache also mit „Ölflitze“ übersetzen. Es handelt sich bei besagtem Auswurf, wie ich lese, um ein „orangefarbenes bis grünlich-braunes“ Öl. Das Internet sei voll mit persönlichen Erfahrungsberichten „peinlicher Öldurchfälle nach dem Verzehr von Fisch“. Einige Länder haben die Einfuhr von Buttermakrelen deshalb längst verboten. Japan, Italien, Australien und noch ein paar mehr.

4. Akt: Der Selbstversuch

So. Hunger. Außerdem: Zeit für einen Selbstversuch. Hat die Wissenschaft recht? Oder will man mir einfach einen schmackhaften Happen madig machen? Ich hab im hippen Brotladen ein leckeres Brot gekauft. Dinkel-Kartoffel-Kruste oder so ähnlich. Das Brot trocknet nicht so schnell aus wie die übliche Roggenmische. Ich schneide mir andächtig eine Scheibe herunter, bestreiche sie mit Butter und packte etwas von dem Räucherfisch obendrauf. Mhhhh. Lecker. Es schmeckt alles so gut, dass ich mir noch eine zweite Portion gönne. Herrlich. Wie kann etwas so Köstliches schädlich sein? Die Forscher haben keine Ahnung!

5. Akt: Der Tag danach

Haben sie doch.

6. Akt: Der Tag nach dem Tag danach

Ui. Die Forscher haben immer noch recht. Und nicht zu knapp!

7. Akt: Was wir daraus lernen

Zweierlei. Erstens: Mehr Respekt vor der Wissenschaft. Zweitens: Mehr Respekt vor Buttermakrelen. Man darf sie eigentlich nur besonderen Gästen darbieten – und auch nur dann, wenn diese für den Folgetag eine längere Autofahrt auf dem Zettel haben. Man serviert nicht nur einen wohlschmeckenden Fisch, sondern schenkt ihnen damit auch ein paar unvergessliche Stunden.

bookmark_borderCoaching-Interview: „‚Sag mir was ich tun soll!‘ – den Satz hör‘ ich andauernd!“

Heute hat mich Andrea besucht. Wir kennen einander seit fast zehn Jahren. Damals haben wir über einige Wochen für dieselbe Frauenzeitschrift gearbeitet. Seither sind wir befreundet.

Andrea ist aber nicht nur Journalistin, sondern auch Business Coach. Komische Mischung, oder? Stimmt aber trotzdem. Jedenfalls war heute ein sehr schöner Tag, wir waren an der Elbe, haben uns im Jenischpark Kaffee und Franzbrötchen geholt, uns hinterm Jenisch-Haus auf eine Bank gesetzt und über alle möglichen Dinge geredet.

Unter anderem haben wir über Andreas Job als Coach gequatscht. Wie macht sie das? Wie läuft das ab? Also suche ich mir einen ausgedachten Fall aus und tue so, als wäre ich ihr Klient.

Und dann Andrea so:

„Ich habe da eine Hypothese. Das könnte was mit dem zu tun haben, was dich an Werten prägt. So was könnte man im Coaching beleuchten.“
(ab hier schreib ich das so auf, als hätten wir ein Interview geführt)

Ah, Werte! Hm. Was wäre das? Zum Beispiel so was wie: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“?
Ja, ja, genau.

Oder:Man läuft nicht davon, nur weil’s gerade hart zugeht“?
Ja, auch. Wobei. Das, was du da sagst, das sind nicht die Werte selbst, sondern Werte, die zu Glaubenssätzen verdichtet sind. Der Wert dahinter könnte jetzt zum Beispiel sein: Disziplin.

Und wie redest du im Coaching über solche Werte? Was machst du damit?
Wenn du die schon so flüssig benennen kannst, dann scheinen die in deinem Alltag auch eine Rolle zu spielen. Und wenn ich dir so zuhöre, dann meine ich, auch einen gewissen Stolz aus all dem zu hören.

Ja, klar.
Und dieser Stolz ist sicherlich in vielen Fällen angebracht. Dieser Glaubenssatz kann dich in anderen Situationen aber auch behindern. Wenn dir zum Beispiel ein Vorgesetzter keine Wertschätzung entgegenbringt, wenn du da mit dem Glaubenssatz agierst „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, dann machst du dir das Leben unnötig schwer. Weil du hier sagen könntest: „Ich verabschiede mich ganz bewusst von diesem Glaubenssatz. Er ist mir in vielen Lebenssituationen bisher dienlich gewesen. Hier führt er mich aber mitten in meinen Schmerz.“ Daran würden wir im Coaching arbeiten.

Okay. Ich lerne bei dir, meine Glaubenssätze in den richtigen Situationen anzuwenden? So wie man seinen Hund nicht mit in die Oper nimmt – auch wenn’s ein guter Hund ist?
Exakt. Coaching ist dafür da, den Raum des Handelns auszudehnen. Und dieser Raum dehnt sich eben aus, wenn ich jetzt sage: Auch ein Indianer darf mal Schmerzen haben.

Das wäre ein toller Titel für ein Kinderbuch. „Als der Indianer auch mal Schmerzen hatte.“
Ja, genau. Und er bleibt trotzdem Indianer. Auch wenn er Schmerzen hat.

Wie alt sind denn die Leute, die zu dir kommen?
Mitte 30 bis Anfang 50. Das sind Leute, die meist schon zwei Berufsstationen hinter sich haben. Und die sagen: Bisher lief es doch so gut – warum läuft es jetzt nicht mehr? Sie erkennen ein Muster an sich selbst und sagen: Dieses Muster mag ich nicht. Und auch das Sinnthema wird jedes Jahr mehr.

Andrea, sag mir einfach, was ich machen soll“. Hast Du diesen Satz im Coaching schon mal gehört?
Den Satz hör‘ ich andauernd. Und ich gebe auch zu: Für mich ist es die größte Herausforderung – bei manchen Klienten –, diese Sätze gerade nicht auszusprechen.

Hm. Warum soll das denn falsch sein, das dann einfach zu sagen?
Weil es den anderen schwächt. Weil ich dann Stärke leihe. Und Stärke zu leihen, Wissen einfach so zu übertragen – das schwächt die Lernfähigkeit des anderen und seine Selbstverantwortung. Ganz klar.

Aber jetzt mal ketzerisch gesagt: Du willst doch, dass der Klient immer wiederkommt. Das weiß jeder Kaufmann: Deine Kunden musst du halten! Wenn er gar nicht mehr kann ohne deinen Rat – das ist doch das Beste, was dir finanziell passieren kann.
Du hast vollkommen Recht. Aber das entspricht nicht meinem Menschenbild. Trotzdem, klar, das würde funktionieren. Ich erlebe das ja in privaten Situationen mit Menschen, die mit mir Mittagessen gehen wollen, weil sie – und da mache ich das durchaus – eine schnelle Einschätzung von mir wollen.

Das heißt: Wenn man Zeit, Geld und Mühe sparen will, lädt man Dich zum Lunch ein!
Du meinst: Statt in diesen umständlichen Coaching-Prozess zu gehen?

Genau.
Du glaubst wirklich, dass ich das weiß? Dass ich die richtige Antwort sofort erkenne?

Naja, das wäre die nächste Frage. Von 100 Klienten, die mit einem Problem zu dir kommen – bei wie vielen hast du für dich sofort eine Antwort?
Von 100 würde ich sagen … bei 80 hab ich sofort ne Idee.

Und wie oft kommt am Ende des Prozesses genau das raus, was du dir vorher schon gedacht hast?
Es gibt schon Fehlannahmen, wo es sich später im Coaching anders entwickelt. Aber trotzdem: Dass es deckungsgleich ist zu den Vorannahmen, das ist schon sehr häufig der Fall.

Woran liegt das? Daran, dass du von außen kommst und das Problem halt nicht selber hast? Oder liegt es daran, dass du so schlau bist und so viel weißt?
Es ist der Mix aus beidem. Jemand, der keine Coaching-Ausbildung hat, könnte diese blinden Flecke in vielen Fällen auch sehen. Aber die Ausbildung und die Erfahrung – das hilft natürlich schon. Und auch die Tatsache, dass ich selbst halt schon in vielen, vielen Teams gearbeitet habe. Und dann kommt noch das Gespür für körperliche Ausstrahlung dazu.

Was heißt das? Du guckst, wie jemand dasitzt?
Genau. Ich achte zum Beispiel sehr auf das Leuchten in den Augen. Oder wenn die Stimme leiser wird. Oder wenn jemand vom Tonus her zusammenfällt. Damit arbeite ich viel. Das liegt mir. Weil ich das spüre, höre, sehe.

Okay, ich fass mal zusammen. Wenn man bei Dir zum Coaching geht, dann ist das im schlechtesten Fall so, als würde man mit einer sehr guten Freundin reden, die sich Zeit nimmt und zuhört, ohne dabei ihren eigenen Müll abzuladen. Das ist so das Minimum. Und wenn man Glück hat, dann erwischt man dich noch bei einer deiner Stärken. Dass du auf Körpersprache achtest, sehr viel Erfahrung mitbringst und halt selbst schon ne Menge gesehen hast. Und wenn man GANZ großes Glück hat, dann hast du auf das Problem selbst keine Antwort. Und da passiert dann nochmal was ganz anderes. Und darüber – über diese 20 Prozent, wo du selbst am Anfang ratlos bist – darüber reden wir beim nächsten Mal. Okay?
Okay. Super. Das hat Spaß gemacht.

Andrea nennt ihr Coaching „Plan B für Medienprofis“. Ihre Website findet Ihr hier.


bookmark_borderHamburg ist anders

Seit mehr als fünf Wochen wieder in Deutschland. Dabei sind mir mehrere Dinge aufgefallen. Vorweg schon mal so viel: Das Leben in Hamburg ist anders als das Leben in Michigan.

  1. Das Bild oben. War mit B. an der Elbe. „Wow, guck mal, die Wolken, wie toll, wie bedrohlich.“ Wir stehen also da und machen Bilder wie die Idioten. Zwei Minuten später fängt’s an zu regnen. Und zwar tüchtig. Ich natürlich: keine Jacke dabei, kein Regenschirm. Nur kurze Hose und T-Shirt. Also am Ende sehr nass geworden und dann irgendwann durchgefroren wieder nach Hause gekommen. Was ich damit sagen will: Manchmal sieht man’s kommen und zieht trotzdem die falschen Schlüsse.
  2. Nochmal das Bild oben. Man sieht unschwer, dass jemand rechts unten hastig jemanden rausretuschiert hat. Und das kam so:
    B. und ich sitzen auf einer Art Industriebühne an der Elbe und quatschen. Viele Leute kommen vorbei. Klar. Bei einem einzigen denke und sage ich: „Den kann ich nicht leiden.“ Ich glaube, es ist diese aufgesetzte „ich hab’s geschafft und mir kann keiner was“-Attitüde, die der Typ vor sich herträgt (mein Film, klar). Und jetzt, Tage später, lade ich ausgerechnet dieses Bild vom Hafen hoch. Wer ist drauf auf dem Bild? Eben: der einzige Mensch, den ich an diesem Tag nicht leiden konnte. Interessant, oder? So funktioniert Dialektik. Die Menschen, die uns gegen den Strich gehen, sind manchmal die wichtigsten Menschen in unserem Leben. Und auch diejenigen, die irgendwie bleiben. Is nicht immer so. Aber oft.
  3. Jetzt zu Corona. Mein Verhalten, meine Gewohnheiten, das, was sich meiner Meinung nach gehört – all das hat sich sehr gewandelt im Vergleich zu den Monaten in Michigan. Ich gehe hier viel, viel lockerer mit dem Virus um, als ich das da drüben getan habe. Ich gehe zu Leuten ins Haus und in die Wohnung (in Michigan: no way!). Leute waren bei mir in der Bude (in Michigan: praktisch niemand jemals). Ich habe mehrfach in der Halle Sport getrieben (dort: nope!). Ein paar Leute habe ich umarmt (dort: nur Leute, mit denen ich zusammengewohnt habe). Und klar, im Supermarkt trage ich eine Maske. Aber ich achte hier viel weniger auf die anderen Leute und habe auch weniger das Gefühl, sie könnten meine Gesundheit bedrohen. Usw.
  4. Man könnte sagen: Es liegt an der Basisrate. Hier gibt’s weniger Fälle als in den USA. Es ist also vernünftig, weniger Angst zu haben.
  5. Oder es liegt an den Erfahrungen der vergangenen Monate vor Ort. In Michigan haben sie im Krankenhaus die Corona-Leichen im Schlaflabor gestapelt und hatten Angst, dass ihnen die Säcke zum Verpacken der Toten ausgehen. So krass war es hier nie. Im Flugzeug zurück über den Atlantik saß in meiner Reihe ein sehr nervöser, ängstlicher Mann. Er kam aus Norditalien. Jeder hat verstanden, warum er mehr Angst vor dem Virus hatte als die anderen.
  6. Man lässt sich (jetzt kommt ein Wortspiel) natürlich auch anstecken. Soziale Normen (also die Dinge, die sich gehören) vermitteln sich über Nachahmung. Man macht, was die anderen machen. Wenn man in Rom ist, macht man’s wie die Römer. In Hamburg macht man’s wie die Hamburger. Hamburg ist anders als Ann Arbor.
  7. Was war noch. Ah so. Die Demo in Berlin. Kapier ich nicht. Wer ist das? Ein Rätsel.
  8. In Läden rumgefragt: „Wie laufen die Geschäfte?“ Der Bäcker unten am Fluss sagt: Unser Umsatz liegt bei 60 Prozent. Die Touristen sind da. Das ist gut. Die Locals sind da. Fein. Aber die Büros in der Gegend stehen alle leer. Alle im Homeoffice. Großer Mist. Der Typ im Sportgeschäft sagt: Geschäft läuft okay. Bisschen weniger als sonst. Aber alles im Rahmen. Ein Bekannter von mir hat viel mit den Ladenbesitzern in Ottensen geredet. Er behauptet: „Viele von denen sind längst pleite.“ Sie machen trotzdem weiter. Man muss eine Insolvenz in Zeiten der Pandemie nämlich nicht melden. Könnte also sein, dass viele Läden, in denen wir einkaufen, im Grunde so etwas wie Zombie-Unternehmen sind. Einen einzigen Laden habe ich gefunden, dessen Besitzer glücklich ist. Der Typ betreibt einen Angelladen. Er sagt: Bei mir ist so viel los wie noch nie. Wär ich nie drauf gekommen.

bookmark_borderHoffen auf ein noch größeres Problem

Manchmal fällt mir das Schreiben schwer. Ich habe das nie systematisch untersucht, aber ich vermute: Es geht allen so, die mit dem Schreiben ihr Geld verdienen. Oder den meisten, da bin ich mir sicher.

Und dann, nach einiger Zeit des Elends, geht’s auf einmal halt doch.

Warum geht es plötzlich? Da gibt es mehrere Szenarien. Manchmal hat man in den Tagen der Dürre einfach genug nachgedacht. Wissen, was man sagen will – das hilft eigentlich immer.

Ein alter Prof von mir hat mal behauptet, das Elend sei nur der Ausdruck einer Regression. Dies sei der Preis, den jeder zu entrichten habe, der etwas Neues schaffen wolle. Naja. Weiß nicht, ob das stimmt. Es klingt aber schlau (und signalisiert, dass man tüchtig Freud gelesen hat; das war ihm immer wichtig; muss mal googeln, ob er noch lebt).

Mir ist gestern noch ein anderes Szenario eingefallen, das ich einige Mal selbst erlebt habe. Ganz kurios. Also. Wenn man ein Stück zu schreiben hat, aber es läuft nicht, dann fühlt man sich mies. Kennt jeder. Das Problem ist dann irgendwann nicht mehr das zu schreibende Stück selbst – sondern das, was man alles an Schlechtem über sich selbst denkt.

Eine Lösung besteht dann darin, auf ein noch größeres Problem zu hoffen. Das noch größere Problem sorgt nämlich dafür, dass man sich plötzlich um andere Dinge sorgt. Die verurteilenden Gedanken über sich selbst verschwinden. Der innere Handwerker übernimmt – und das Schreiben wird wieder zu dem, was es eigentlich ist: Das, was man halt so macht, um die Miete zu bezahlen.

Einmal hab ich das sogar als Intervention erlebt. Damals hat mich Dietmar Bittrich überredet, zum Satsang ins Goldbekhaus zu kommen. Auf der Bühne saß ein Mann namens Isaac Shapiro. Er „trottete wie ein abgeschabter Teddybär nach vorn und trank Kaffee aus einem Plastikbecher“. So hat der Kollege Bittrich die Szene einmal beschrieben. Shapiro saß dann tatsächlich im Hawaiihemd auf der kleinen Bühne und die Leute beklagten sich bei ihm über ihr Leben. Eine Frau, die ansonsten auf den Kanaren lebte, erzählte, dass der Vulkan, der ihre Insel gebildet hatte, kurz vor einem Ausbruch stand. Also: vielleicht. Jedenfalls grummelte und bebte es jetzt häufiger unter der Erde. Und die Zeitungen schrieben darüber und machten allen Angst und die Scheiß-Feriengäste aus Deutschland stornierten natürlich ihren Urlaub und brachten kein Geld mehr in den Palmengarten. „Meine ganze Existenz, es ist bald alles ruiniert“, klagte die Frau. Alle nickten. Das Leben war hart. Shapiro sah der Frau erstmal lange in die Augen und atmete tief. Und dann fing er an, von der Klimakrise zu reden. Vom Regenwald, der immer weniger wurde. Ich glaube: auch von den vielen Atomwaffen, die überall noch rumstanden. Jedenfalls machte Shapiro allen klar, dass die Menschheit vermutlich unrettbar im Eimer war. Am Ende seiner Rede meinte er: „Du hast mir von einem Problem erzählt. Und ich habe dir ein größeres Problem gegeben.“ Die Frau nickte. Sie hatte verstanden. Alle anderen hatten auch verstanden.

Manchmal ist das größere Problem genau das, was man gerade braucht. Wenn ich mal wieder nicht schreiben kann, dann werd‘ ich mir eins suchen.

bookmark_border„Küchenkriege“ – verbale Heimsuchungen

Kennt Ihr das auch? Manchmal taucht im Kopf ein Wort auf und weigert sich, wieder zu gehen. Wie ein zugelaufener Pudel. Verbale Heimsuchungen! Also seufzt man und spielt eine Weile damit. Zum Beispiel gestern. Plötzlich denkt es da in mir: „Küchenkriege“.

Könnte man googeln. Mais non! Man bemüht Gedächtnis und Vorstellung. Und schon fügt sich alles: Ahhh, die deutsch-dänischen Küchenkriege von 1857! Von vielen vergessen. Anfangs ging’s dabei ja nur um den Abwasch. Der erste Zwischenfall fand als „Scharbeutzer Spülstein-Scharmützel“ Eingang in regional-historische Abhandlungen, besonders in Jan-Jan Johannsens Standardwerk „Smørreblod“ von 1907 (gut informiert, aber auch SEHR nationalistisch).

Selbst beim Brei – wer hatte auf beiden Seiten das Sagen? Natürlich die Griestreiber! Auch die Mehlspeisen-Spezialisten witterten neue Märkte und schrien: „Zu den Waffeln!“ Fünische Fagottbläser zogen ins Tonstudio, um eine Schlachtplatte aufzunehmen. Dann ging’s um die Wurst. In Hamburg verbot man Røde Pølser – angeblich wegen der Zusatzstoffe (war natürlich reine Schikane). Endgültig vorbei war der Spaß, als die Reihe an den Hering kam: Die preußische Seite forderte den nordischen Nachbarn auf, die schlanken Fische ab jetzt ausnahmslos einzulegen – in eine saure Brühe aus Essig und Öl, mit Zwiebeln, Senfkörnern und Lorbeerblättern drin („Bismarckhering“; Bismarck gilt bei den Dänen sowieso als der schlimmste Typ aller Zeiten, is wirklich so). Ansonsten habe man der Gegenseite „nichts weiter zu sagen“ (mitgeteilt durch die berühmte „Rollmops-Depesche“ vom 13. Juli 1857). Ab da gab’s kein Halten mehr. Der Däne schlug los – und mit was für üblen Werkzeugen! Man saß Beile aus Vejle, Schilde aus Roskilde, Kanonen aus Ballerup! Das Blut der Gefallenen mischte sich mit der weißen Gischt der stürmischen Ostsee, stolze Recken, zerhackt zu Rødgrød med Fløde.

Mit dem Ruf „Nie wieder Æbleskiver“ griff man zu den Waffeln

Endlich – nach drei hartgekochten Monaten – einigte man sich auf ein Unentschieden. Offiziell. Denn natürlich hatten die Deutschen (naja: die Preußen und ihre Verbündeten) mal wieder den Kürzeren gezogen. Und bei Penny in Barmbek standen jetzt reihenweise Carlsberg-Kanister, Tuborg-Dosen und Faxe-Flaschen im Regal. Keine Frage: Mit dem „Hotdog-Frieden von Helsingør“ vom 30. Oktober 1857 (siehe Johannsen, S. 789) begann die dänische Küche ihren Siegeszug um die ganze Welt. Er dauert an bis heute.

So. Musste mal raus.

Meine Empfehlung: Sollten Eure Kinder in der Schule nie was über die Sache gelernt haben, dann wird’s mal Zeit für einen gepfefferten Brief an den Geschichtslehrer. Mit Zwiebelringen obendrauf!

bookmark_borderSo wichtig ist der Filter

Jetzt bin ich seit zwei Wochen wieder in Deutschland und noch immer nicht richtig angekommen. Wegen, na, Ihr wisst schon. Einfach weniger rausgegangen und viel weniger Leute gesehen, als ich das in der Zeit vor Corona getan hätte. Is einfach so.

Dafür mehr in der Bude gesessen und Kaffee getrunken. Irgendwann waren deshalb die Filter alle. Also neue gekauft. Ich neige grundsätzlich zur Sparsamkeit und erwerbe tendenziell No-Name-Produkte. Sie sind billiger und nur unwesentlich schlechter, falls überhaupt. Aber herrje. Im Regal gab’s in Größe 4 nur noch Markenfilter. Also hab ich diesmal halt die genommen.

Am nächsten Morgen Kaffee gemacht. Bei Nicki (roter Pfeil) erledigt das eine tüchtige Maschine. Hier in Hamburg brühe ich direkt in meine Tasse (blauer Pfeil). Alles andere lohnt sich nicht.

Und beim ersten Schluck hab ich gedacht, mich trifft der Schlag. Der Kaffee – aus derselben Packung – hat viel, viel besser geschmeckt als an den Tagen zuvor. So wichtig ist der Filter! Wer hätte das gedacht? Ich nicht (falls Ihr’s gewusst habt oder widersprechen wollt: Ich freue mich auf Reaktionen).

Jetzt könnte man zwanglos auf den Eintrag von vorgestern verweisen, den „confirmation bias“, also die Tatsache, dass wir die Welt immer so sehen, wie wir sie sehen wollen. Vorerfahrung als „Filter“ und so weiter. Schenk ich mir aber. Kann sich eh jeder selber denken.

Nicht selber denken kann man sich aber dies: Wenn ich unten an der Elbe bin, seh ich andauernd irgendwelche Kreuzfahrtschiffe. Etwa die Europa 2.

Oder dieses Aida-Teil.

Oder die Hanseatic Irgendwas.

Dicke Büffel, die mit den Hufen scharren. Wer weiß? Vielleicht sind die Betreiber bald alle pleite. Dann liegen die Pötte irgendwo am Kai und man macht Studentenwohnheime draus. Ober Unterkünfte für obdachlose Matrosen. Man kennt die Zukunft einfach nicht gut genug. Die Betreiber, so habe ich im Internet gelesen, freuen sich jedenfalls darauf, bald, sehr bald, schon wieder mit vielen Leuten an Bord übers Meer zu fahren. Alles eine Frage des Filters.

Und auch die sind irgendwie unsicher. Denn vielleicht war der Kaffee ja auch nur deshalb so aromatisch, weil meine Mutter mir eine Linzer Torte in die Post gesteckt hat.

Die jedenfalls, das weiß ich ganz sicher, hat sehr, sehr gut geschmeckt.

bookmark_borderÜber Darwin, das Vergessen und das Rechthaben

Darwin war natürlich nicht Gott. Ein Gigant, das schon. Aber fehlbar. Und er hat es gewusst. 1876 soll er dies gesagt haben: Er habe es sich zur Gewohnheit gemacht, „sofort und ohne Ausnahme eine Notiz anzufertigen, wann auch immer mir ein publizierter Sachverhalt, eine neue Beobachtung über den Weg liefen, die meinen eigenen allgemeinen Ergebnissen widersprachen. Denn ich hatte aus Erfahrung gelernt, dass solche Tatsachen und Gedanken die Angewohnheit hatten, meinem Gedächtnis leichter zu entgleiten als Dinge, die mir in den Kram passten.“ Auch in Hamburg an der Elbe (siehe das Bild oben und das Bild unten) haben Leute sich „eine Notiz gemacht“, weil etwas ihren Ansichten zuwiderlief.

Inzwischen haben die Psychologen ja längst festgestellt, dass nicht nur Darwins Gedächtnis so funktioniert. Es geht allen so. Unser Hirn ist eine unfaire Lehrerin, die ihre Lieblingsschüler hat. Wir scheinen die Welt recht gründlich nach allem zu durchkämmen, was uns Recht gibt. „Du hast Recht.“ Das wollen wir hören. Alles andere wird übersehen, vergessen, heruntergespielt. Dieser „Confirmation Bias“ oder „Bestätigungsfehler“ ist natürlich längst kein Geheimtipp mehr. Er wird zwar nicht ganz so häufig gegoogelt wie „Ödipuskomplex“ – aber häufiger als „Schreibblockade“. Und das muss man erst mal schaffen.

Schwer zu kapieren ist der Bestätigungsfehler eigentlich nur bei einer einzigen Person. Nämlich bei uns selbst. Bei allen anderen versteht man ihn sofort. Klingt wie ein Witz, ist aber so. Sich eingestehen, dass man mit allem komplett daneben liegen könnte – das ist sehr, sehr schwer. Ich vermute: Weil es zu sehr am Fundament dessen rüttelt, was wir unser Selbst nennen. Am Gefühl, gestern, heute und morgen irgendwie dieselbe Person zu sein. Denn auch das ist ja viel schwerer und macht im Maschinenraum der Seele viel mehr Arbeit, als wir ahnen.

Jedenfalls habe ich heute vor meinem Morgenkaffee einen aktuellen Beitrag der britischen Psychologin Dorothy Bishop in „Nature“ gelesen. Aus diesem Beitrag stammt auch das obige Darwin-Zitat. Der Artikel ist ganz hervorragend. Bishop fordert darin: Man müsse als Wissenschaftler aufhören, sich mit Statistik selbst zu bescheißen. Denn die Tendenz – siehe oben – hat leider jeder. Den Confirmation Bias kann man nicht wegmachen. Er bleibt, selbst wenn man einen Doktortitel hat. Was dagegen tun? Bishop sagt: Mehr Checke von Statistik haben. Es müsse laufen wie im Chemie-Labor. An Signifikanzwerte („p-values“) dürfe man die Studierenden erst ranlassen, wenn sie gelernt haben, mit diesem explosiven Stoff auch sicher umzugehen. Sie gibt auch ein paar schöne Lehrbeispiele, wie das geht. Ich empfehle einen Klick auf den obigen Link, wenn man in zehn Minuten seine (womöglich alten) Statistik-Kenntnisse auffrischen möchte. Dorothy Bishop macht das sehr anschaulich und fast ohne Mathe.

Wenn man von der Elbe hoch zur alten Post schlendert, sieht man auf dem Boden die verblassenden Abstandsmarkierungen neben Ikea.

Einsfuffzich Abstand. Es war nur für den Moment. Und man fand es irgendwie doof. In drei, vier Wochen sieht man davon vermutlich nichts mehr. Der Abrieb von den Sohlen der Flaneure. Die Sonne. Der Regen. Tja.

Auch die Stadt hat ein Gedächtnis. Und auch dem scheinen manche Dinge leichter zu entgleiten als andere.

bookmark_borderNegativ ist das neue Positiv

Am Morgen die Corona-Warn-App runtergeladen. Damit kann ich den QR-Code scannen, den man mir gestern beim Roten Kreuz mitgegeben hat. So gegen 10:30 Uhr krieg ich dann tatsächlich mein Ergebnis (nach weniger als 20 Stunden; auch hier wieder: Warte-Management wie aus dem Lehrbuch. Die Leute in den Vergnügungsparks machen das genau so). Noch wichtiger aber: keine Viren. Negativ ist das neue Positiv. Puh. Glück gehabt. Außerdem jetzt: Freiheit!

Am Nachmittag dann runter zur Elbe. Endlich! Viele Botschaften an den Wänden. Information ist überall. Die Häuser reden. Hier zum Beispiel, dieser Satz. Später gegoogelt. Null Treffer. Also: originell.

Andernorts lese ich vorwurfsvolle Appelle gegen das reine Beobachten (ich nehme es persönlich).

Dann aber auch wieder Aufmunterungen. Gefällt mir:

Und Vorfreude aufs Wasser. Ich schätze die Geste. Dennoch denke ich: Heute ohne mich. Die Elbe müffelt recht streng unter den Achseln.

Was allerdings wirklich schwimmt, ist das Kreuzfahrtschiff am Anleger. Wie jetzt? Die gibt’s noch? Oder wieder? War mir entgangen. Ich ringe um Fassung.

Die knapp hundert Stufen aufs Dockland genommen. Ist schon schön hier. Und überhaupt: draußen sein. Eine Woche Hausarrest genügt – schon rührt einen ein schlichter Spaziergang fast zu Tränen.

Sieht aber keiner. Denn zum Glück trage ich Sonnenbrille.

Auch die Kameras sehen – zum Glück – nicht alles. Und so beginnt das Wochenende.

bookmark_border„Das kann jetzt ein bisschen unangenehm werden“

Beim Roten Kreuz in Hamburg-Hamm gewesen, um mich auf Covid-19 testen zu lassen. Termin ist um halb – ich bin ein paar Minuten zu früh dort. Kümmert aber keinen. Vor mir warten etwas mehr als 20 andere Leute, manche zu Fuß, andere im Wagen. Klebeband auf dem Einfahrtspflaster verrät, wie das Warten funktioniert: Immer schön Abstand halten. Weiße und rote Pfeile weisen den Weg. Man sieht sofort: Aha, getestet wird im Hof und nicht auf der Straße. Gut zu wissen. 

Auf dem Grundstück parken Rettungswagen. Wichtig, dass alle das Logo sehen.

Absperrband und hilfreiche Schilder versperren alle Pfade, die fort vom Ort der Testung führen. Ich spreche ironisch, aber eigentlich befürworte ich solche Maßnahmen. Wenn Menschen (z.B. ich) in neue Situationen kommen, werden sie auf einmal ausgesprochen dumm. Es kostet sehr viel Rechenleistung, sich in solchen Umfeldern zu orientieren. Alles, was einem das Denken abnimmt, macht die Sache einfacher. Don’t make me think. Also: dafür.

Die Schlange stockt zunächst bei einem freundlichen jungen Mann in DRK-Uniform mit Maske über Nase und Mund („Keine Fotos, bitte“). Er fragt nach dem Namen, kramt dann das vorbereitete Formular aus seiner Mappe (man braucht einen Termin, um getestet zu werden, kein Formular in der Tasche des Meisters -> kein Test). Er erklärt, was mit dem Zettel zu tun ist. Hier ein Kreuz. Hier das Datum. Dort die Unterschrift. Zack!

Personalausweis und EC-Karte habe ich dabei. Er fragt aber weder nach dem einen noch nach der anderen. Bezahlt wird später. Außerdem scheint es zu genügen, dass der Name, den ich nenne, derselbe ist wie der Name auf dem Formular. Kann man so machen. Da ich aber „Better Call Saul“ gesehen habe, fallen mir sofort allerhand Wege ein, wie man mit diesem Verfahren Schindluder treiben könnte. Wie gesagt: könnte. Denn: Wer macht schon so was?

Ab geht’s zur nächsten Station. Dort stehen zwei weitere Männer, ihre Klamotten sehen deutlich stärker nach Pandemie aus. Der eine erledigt die Fußgänger, der andere die Autofahrer. Weil ich mich beruflich seit etwa acht Jahren immer mal wieder mit dem Design von Warteschlangen befasse, hab ich auf so was stets ein Auge. Die Sache scheint hier gut organisiert zu sein. Die beiden Schlangen bewegen sich ungefähr gleich schnell. Löblich.

Man überreicht dem zuständigen Abstreicher also seinen Zettel. Er verschwindet im Haus, klebt eine Auftragsnummer in das vorgesehene Feld, dann kommt er wieder und drückt einem den Abschnitt in die Hand. Darauf steht neben besagter Nummer (achtstellig) ein QR-Code. Den kann man anderntags scannen und kriegt dann seinen Bescheid aufs Handy gespielt. Der Mann zückt ein Plastikröhrchen und holt einen Wattestab heraus. „Ich mache einen Abstrich von den Wangentaschen, dem Rachen und den beiden Nasenlöchern. Das kann jetzt ein bisschen unangenehm werden.“ Er tut wie angekündigt. Ist aber alles weniger schlimm, als es mir berichtet wurde. Der Mann packt den Wattestab zurück ins Plastikrohr, winkt und dann geht’s flugs zurück nach Hause. 

Okay. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht mehr so genau, ob er wirklich „Wangentaschen“ gesagt hat. Vielleicht war’s auch „Backentaschen“. Aber irgendwas mit „Taschen“, das kann ich beschwören. Hab mich nämlich drüber gewundert.

Der junge Mann im Eingangsbereich meint: An diesem Tag schleusen sie hier innerhalb von zwei Stunden rund 150 Leute durch. Tüchtig! „Ergebnisse kriegen Sie in 24 oder 48 Stunden.“ Ich so: „Welche Variante ist denn wahrscheinlicher?“ Er so: „Fifty-Fifty.“ Das erste Fifty wäre mir lieber. Die 48 Stunden dauern in Wahrheit nämlich bis Montag. Andererseits wähle ich das virenfreie Resultat am Montag natürlich immer über eine positiven Befund am Freitag.

Eine Sache noch. Nach mehr als sechs Tagen in Quarantäne habe ich auf dem Weg zum Test jetzt zum ersten Mal die Straßen von Hamburg unten an der Elbe gesehen. Da waren sehr viele Leute unterwegs. Viel mehr Leute als gedacht. Dafür weniger Masken, als ich erwartet hatte. So gleicht sich alles aus.

Ich berichte dies kühl. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich dabei eine gewisse Beklemmung empfunden habe. Die nächste Welle kommt. Jeder weiß es. Und vielleicht will man die letzten Tage nochmal genießen, in denen es einigermaßen geht. So stell ich mir das zumindest vor.

Die Stadt stellt es sich offenbar auch so vor: In den Vierteln, in den was los ist in Hamburg, darf am Wochenende ab 20 Uhr kein Alkohol auf die Straße verkauft werden. Alle wollen noch ein paar südlichere Tage. Die einen heftiger. Die anderen mehr. Mal sehen, wer am Ende kriegt, was er will.

bookmark_border134 Anrufschleifen für einen Corona-Test

Am Freitag bin ich aus den USA wieder nach Hamburg gekommen. Risikogebiet. Also Quarantäne. Alles schon erzählt.

Am Wochenende dann versucht, das Rote Kreuz zu erreichen. Dort kann man sich angeblich auf eigene Kosten auf das Virus testen lassen. Jemand von der Hamburger Corona-Hotline hat mir am Freitag erzählt, dass ein negativer Test mir vorzeitigen Freigang verschafft. „Wenn Sie denn jemanden finden, der sie testet.“

Ein AB verrät mir, dass das Telefon am Wochenende nicht besetzt ist. Aber dafür an allen anderen Tagen von 8 bis 20 Uhr.

Aus diesem Grunde schmeiße ich hier noch das Bild eines Regenbogens mit rein. Hab ich am Sonntag geschossen. Ist es nicht verwegen, dieses Symbol der Hoffnung ausgerechnet in Schwarzweiß abzubilden? Mit diesem Kniff transportiert man zwei gegensätzliche Gefühle auf zugleich: Optimismus. Ja. Aber auch Skepsis. Clever!

Also am Montag ab 8 Uhr dann die Nummer des DRK gewählt. Dort läuft ein Band mit Musik und einer Ansage. „Leitstelle Hamburg. Bitte legen Sie nicht auf. Wir sind sofort für Sie da.“ Dann wieder Musik. Dann ein kurzer Cut – und Sache beginnt wieder von vorn. Die Schleife dauert 18 Sekunden, die Musik spielt in G-Dur. Ich hatte gestern und heute genau 134 mal die Chance, mir die Sache anzuhören. Keine Beschwerde. Nur eine Feststellung. Eine einzige Nummer für eine Stadt wie Hamburg. Unter normalen Zeiten ist das viel. In einer Pandemie ist es wenig. Zum Mittag: Rote Bete mit Kartoffelstampf. Lecker!

Aber gegen 17 Uhr – ich versuche mein Glück immer mal wieder, aber nie für viel länger als zehn Minuten am Stück – ist die Leitung plötzlich frei. Ich erwarte in der Stimme am anderen Ende jenen Ton von Zermürbtheit, der sich oft einstellt, wenn man dieselben Dinge immer und immer wieder sagen muss. Aber nichts da. Man spricht freundlich und hilfsbereit. Ja, es gibt die Möglichkeit, mich zu testen, ja, es sind noch Kapazitäten frei. Aber. Ich brauche eine „Ausnahmegenehmigung“ vom zuständigen Gesundheitsamt. „Sonst machen Sie sich strafbar – Sie stehen unter Quarantäne.“

Also kontaktiere ich wieder die Corona-Hotline der Stadt Hamburg. Auch dort läuft eine Maschine. Musik in C-Dur. Eine Schleife dauert hier 60 Sekunden, enthält aber dafür auch mehr Informationen. „Wir bedienen Sie so schnell wie möglich“, heißt es zum Beispiel. Man hört die Nummer des Bereitschaftsdienstes. Dort soll kann man anrufen, wenn man Symptome hat. Oder bei seinem Hausarzt. Dann kommt noch ein Verweis auf die Website des Robert-Koch-Instituts. Immerhin.

Nach etwa fünf Minuten meldet sich wer. Man gibt mir eine E-Mail-Adresse, bei der ich meine Ausnahmegenehmigung beantragen kann und versichert mir, dass man in der Tat schon von Fällen gehört hat, bei denen eine solche Erlaubnis auch tatsächlich erteilt wurde. Also schreibe ich eine Mail ans Amt und stelle meinen Antrag.

Am Abend flattert ein Falter durchs Fenster. Was für einer? Wer weiß es? Ich nicht. Hübsch sieht er aus.

Heute – kurz vor dem Mittagmahl – erreicht mich dann eine Mail vom Gesundheitsamt. Dort steht:

Bitte nutzen Sie die Informationen in diesem Link, unter Punkt 9 finden Sie die Antworten auf Ihre Fragen: https://www.hamburg.de/faq-reisen/

Wenn ich auf Punkt 9 klicke, komme ich bei einem Link heraus, den ich vorgestern schon hier in meinem Blog gepostet habe. Dort steht, dass ich mich beim Roten Kreuz auf eigene Kosten testen lassen kann. „Die Privatpersonen fahren mit dem eigenen PKW zur Abstrichentnahme.“ Ich soll also einfach da hingehen und mich testen lassen. Hm. Interessant.

Also wieder beim DRK angerufen. Dort läuft Musik und eine Sprachansage. 18 Sekunden. Aber schon nach 7 Minuten und 50 Sekunden nimmt jemand ab – Jackpot gleich beim ersten Versuch! Sofort kommt die Frage: „Haben Sie denn schon eine Ausnahmegenehmigung vom Gesundheitsamt?“

Ich so: „Die haben mir vorhin eine Mail geschickt. Da steht, ich kann mich bei Ihnen testen lassen.“

Und dann nimmt man auf der anderen Seite auch schon meine Daten auf, gibt die Adresse durch (beim Berliner Tor), verweist darauf, dass die Sache was kostet (93 Euro; 25 zahlt man vor Ort, das ist fürs Rote Kreuz; für den Rest kriegt man dann später einer Rechnung vom Labor; auch dies: keine Beschwerde, ich schreibe nur auf, was passiert) – und gibt mir einen Termin.

Wenn ich Glück habe, erfahre ich also noch diese Woche, ob mich das Virus erwischt hat oder nicht. Und wenn ich Glück habe, geht’s danach zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder runter an die Elbe.

Für meine Stimmung würde ich jetzt am liebsten noch mal den Regenbogen von oben einblenden: Hoffnung, ja. Aber auch Skepsis. It’s the pandemic, man!