bookmark_borderAnstrengende Menschen – und warum’s vielleicht ne gute Idee ist, ab und zu mal Psychologie Heute (oder P.M. oder Geo oder brand eins) zu kaufen

Dieser Tage wieder Podcasts aufgenommen. Kommt alles erst im Jahr 2022 und ist für ne neue Show. Ich kann noch nicht drüber reden – aber ich glaube, die Sache wird gut.

Das T-Shirt ist sehr hässlich, der Kauf war reine Notwehr: Bin völlig durchgeschwitzt aus der S-Bahn gekommen und musste schnell ins Studio. Also: Hurtig rein zu C&A, das Ding gekauft und weiter – nur damit meine beiden Mitstreiterinnen später im Studio nicht total von mir zugestunken werden.

Das war in Hamburg und jetzt hab ich halt die nächsten Podcast-Folgen aus Michigan aufgenommen. Das T-Shirt gehört irgendwie zur Familie und deshalb werd ich das jetzt immer tragen, wenn Aufnahmen anstehen.

Dann ein Wort zur Überschrift: Wohlmeinende Freunde erkennen, dass es sich hier um eine so genannte „Text-Bild-Schere“ handelt. Die Headline sagt „anstrengende Menschen“, auf dem Bild darunter sieht man diesen überaus angenehmen und pflegeleichten Zeitgenossen am Mikrofon. Was soll das? Nun, es handelt sich um ein selbstironisches Statement, denn jeder Mensch kann anstrengend sein, ich natürlich auch. Ich glaube, dass in diesem Moment gleich mehrere Menschen wissend nicken werden.

Jedenfalls habe ich für Psychologie Heute Compact gerade eine größere Story über „Schwierige Beziehungen“ geschrieben. Zeile: „Du bist so anstrengend“. Im Vorspann liest man:

Ganz spanend, oder? 20 Leute, die uns auf die Nerven gehen! Vermutlich fallen jedem von uns zwanglos ein paar Namen ein. Ich bemühe in meiner Geschichte ein paar archetypische Vertreter dieser Menschen- bzw. Beziehungs-Sorte:
– Voldemort,
– die kleine Meerjungfrau,
– Kain – und natürlich seinen Bruder Abel; die beiden kriegt man ja praktisch nur im Doppelpack.
Bei schwierigen Beziehungen scheint häufig unsere Kindheit mit im Spiel zu sein. So als Faustregel lohnt es sich, nochmal einen Blick auf alte Geschwisterkonflikte zu werfen, wenn man denn welche hatte. Relativ häufig bringen wir als Erwachsene nämlich dieselbe Show noch einmal auf die Bühne – nur halt mit ner anderen Besetzung. Besonders interessant wird’s dort, wo wir insgeheim glauben: Bei uns wurden nicht alle Geschwister gleichermaßen von den Eltern geliebt. Davon hat nämlich keiner was, auch die „Lieblingskinder“ scheinen nix davon zu haben, wenn man der Forschungsliteratur glauben darf. Die ungleichverteilte Liebe erschafft tendenziell misstrauische Erwachsene. Misstrauen erschafft schwierige Beziehungen. Zumindest tendenziell.

Die komplette Geschichte steht (wie fast immer bei Psychologie Heute) hinter einer Paywall, man muss sie also kaufen. Oder besser noch: gleich das ganze Heft. Und warum auch nicht? Ohne Leute, die das Heft kaufen, gibt’s das Heft bald nicht mehr. Mit den verkauften Heften bezahlt man Leute wie mich, also Leute, die all die Studien lesen, damit Ihr sie nicht lesen müsst. Ein fairer Deal, wie ich finde. Man wird im Übrigen nicht dümmer von der Lektüre. Oder noch besser: Wenn Ihr noch kein Geschenk zu Weihnachten habt, dann schenkt doch ein Jahresabo! Every penny counts.

In der Dezember-Ausgabe von Psychologie Heute ist außerdem gerade ein Interview erschienen, das ich mit Prof. Michael Siegrist aus Zürich geführt habe. Die Überschrift lautet: „Unsere irrationale Liebe zur Natur“. Siegrist erforscht seit Jahren, was wir alles glauben, fühlen und denken, wenn wir von „Natur“ und „Natürlichkeit“ sprechen. Antwort: Wir glauben, fühlen und denken dabei ne ganze Menge. Und vieles davon ist totaler Quatsch. Das hat Folgen. Man kann uns darüber zum Beispiel Dinge verkaufen, die wir eigentlich gar nicht brauchen und wollen.

Auch diese Story steht natürlich hinter einer Paywall. Es hilft alles nix.

Aber ein paar Sachen kann ich vielleicht daraus zitieren, sozusagen als Teaser. Also hier:

„Wir haben dazu eine Studie gemacht. Da haben wir eine Schokomousse gekauft und ein paar Probanden zu einer Verkostung eingeladen. Der einen Gruppe haben wir gesagt: „Da ist natürliches Vanille-Aroma drin.“ Der zweiten: „Da ist künstliches Vanillin drin.“ … Dann haben wir gefragt, wie gut es geschmeckt hat – und einen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen entdeckt. Den Menschen mit dem natürlichen Vanille-Aroma hat die Sache messbar besser geschmeckt als den Menschen mit dem synthetischen Vanillin – obwohl alle genau das Gleiche gegessen haben.

Wir reden auch über die religiösen Motive in unserer „Natürlichkeits-Verzerrung“. Wenn Euch die Sache interessiert, kauft bitte das Heft. Wie gesagt: Ihr haltet damit einen Berufsstand am Leben. Ich sag das übrigens weniger für mich selbst, als es jetzt den Anschein hat. Wenn’s keinen Wissenschaftsjournalismus mehr gibt, dann mach ich halt was anderes. Jobs gibt’s genug (und sie werden meist auch deutlich besser bezahlt). Aber wie gesagt: Im Moment gibt’s Leute, die viele, viele Studien lesen, damit Ihr das nicht machen müsst. Und wer möchte, dass das so bleibt, der wird über einen gelegentlichen Kauf der entsprechenden Produkte nicht herumkommen. Es geht also mehr so ums große Ganze.

So. Musste mal wieder raus.

Bestellt der Person an der Kiosk-Kasse bitte schöne Grüße von mir.

P.S.: Mein Kumpel Kai hat mir gerade die Seite 3 der aktuellen PH-Ausgabe als Handyfoto zugeschickt. Ich stehe offenbar in der Zeitung – mit Foto und intimen Details aus meiner Jugend. Was kommt als nächstes???

bookmark_borderWas passiert, wenn Zeitungen sterben?

Heute ein Eintrag, der mir seit meinem Rückflug aus Michigan zuwinkt und aus dem Käfig will. Wird aber kurz. Bin müde. Hab zu viel gearbeitet und muss mal was dagegen unternehmen.

Das Magazin „The Atlantic“ hat in der November-Ausgabe eine sensationelle Titelgeschichte über das Sterben der Tageszeitungen in den USA gebracht. Und nein. Es geht nicht um das böse Internet mit seinen Umsonst-Inhalten. Sondern um Leute, die mit den darbenden Blättern nochmal richtig Geld machen und dabei tüchtige Marken auspressen, bis noch der letzte Stück Leben aus ihnen gewichen ist. Auf dem Cover sieht man einen Geier. Er steht für den bösen Hedge Fund. Die Metapher scheint aber nicht ganz zu stimmen, wie man in der Story selbst nachlesen kann. Denn ein anständiger Geier ist ein Aasfresser. Er wartet mit dem Abendbrot, bis sein Opfer tot ist. “Ein Geier“, so liest man, „drückt den Kopf eines verwundeten Tieres nicht unter Wasser. Das hier ist Raubtierverhalten.“ Einige der Anekdoten kamen mir bekannt vor aus vergangenen Zeiten, aber wie so oft: In den Staaten scheint alles nochmal ne Nummer krasser und herzloser abzulaufen als bei uns. 

Allen Kollegen und Kolleginnen aus den Medien (und jedem sonst, der sich dafür interessiert) will ich jedenfalls diese Leseempfehlung zurufen: Guckt Euch die Story mal an, ich verlinke sie hier gleich nochmal. Und bringt Taschentücher mit. Und einen Eimer. Denn man möchte bei der Lektüre abwechselnd weinen und brechen. 

Zeitungen werden weiter sterben. Auch bei uns. Die steigenden Papierpreise werden auch dabei mithelfen. Aber was folgt daraus? Was passiert, wenn Zeitungen sterben? Im Atlantic-Artikel heißt es dazu: 

„Wenn Lokalzeitungen verschwinden, dann geht das laut der Forschung tendenziell einher mit einer geringeren Wahlbeteiligung, einer wachsenden Polarisierung, einem allgemeinen Niedergang von bürgerlichem Engagement. Falschinformationen breiten sich aus. Stadtbudgets laufen aus dem Ruder, die Korruption nimmt zu, die Verwaltung verliert an Effizienz. Es kann auch bundesweite Konsequenzen haben. So ergab eine Analyse von Politico, dass Donald Trump bei der Wahl von 2016 dort am besten abgeschnitten hat, wo die Menschen nur begrenzten Zugang zu Lokal-Nachrichten hatten.“

Ich weiß auch nicht, wie man lokale und regionale Blätter retten kann. Aber man muss. Journalisten sind keine Engel. Journalistinnen auch nicht. Aber wir brauchen sie. Demokratie funktioniert sonst nicht. 

Morgen soll ich im Hamburger Speckgürtel jungen Leuten was über „Journalismus als Beruf“ erzählen. Bin mir noch nicht ganz sicher, was ich denen sagen werde. Dass die Branche im Eimer ist? Dass es da früher mal coole Jobs gab und man heute besser was anderes machen sollte? Oder soll ich davon erzählen, welche Rolle der Job hat in einer freien Gesellschaft? Und wie wichtig er ist? 

Werde jedenfalls berichten. Auch davon, was die jungen Leute mir zurückgeben und wofür sie sich eigentlich interessieren. Bin schon sehr gespannt. 

bookmark_borderDie Bellsche Zahl als Schlüssel zur Kommunikation und zur Frage: „Was ist eigentlich eine Party?“

Vor ner Woche war ich ja mit zwei Freunden bei Rolf und Britta. Er ist Maler, sie ist Bildhauerin, es war ein toller Besuch. Das Künstlerpaar, die beiden Freunde, ich – wir waren fünf Leute. Jörg hat auf Facebook gefragt, ob genau das, also die Anwesenheit von Freunden, etwas zum Erlebnis von Kunst beigetragen hat. Das ist eine sehr gute Frage, über die ich in einem etwas anderen Zusammenhang schon mal länger nachgedacht habe.

Und das kam so.

Nicki meinte mal, dass sie demnächst eine „dinner party“ veranstalten möchte. Vor meinem inneren Auge sah ich eine Art Orgie. Tatsächlich wollte sie dann aber nur zwei Leute zum Abendbrot einladen. Zwei Leute? Im Ernst? Aus diesem Missverständnis entstand eine Diskussion um den Begriff „Party“. Wie viele Leute braucht man eigentlich dafür – und wenn ja: warum?

Und dann hatte ich folgende Idee: Wenn zwei Leute beieinander sind, gibt es ja genau zwei Möglichkeiten, wie sich die Kommunikation gestalten kann. Sie reden miteinander … 

… oder sie reden nicht miteinander.

Hm. Wie sieht die Sache aus, wenn drei Leute beieinander sind? Mal überlegen.

Also: Sie reden alle drei miteinander … 

… oder nur #1 und #2 reden miteinander, während #3 seine Emails checkt … 

… und dasselbe Spiel noch einmal, wenn #1 irgendwas auf WhatsApp raushauen muss … 

… oder #2 einen Anruf von seiner Tochter bekommt …

… und dann, ganz zum Schluss, stehen natürlich alle drei da und tippen irgendwas in ihr Handy.

Das heißt: Bei zwei Gästen gibt es genau zwei Möglichkeiten, wie Kommunikation sich aufteilen kann. Bei drei Leuten sind es schon fünf Möglichkeiten. Interessant.

Wie sieht die Sache aus, wenn vier Leute beieinander sind? Keine Angst: Ich kürze die Sache diesmal ab.

Manchmal reden alle miteinander … 

… manchmal redet jeder nur mit sich selbst oder seinem iPhone … 

… und dann gibt es vier Kombinationen, in denen drei Leute miteinander reden, während einer nur für sich ist (Handy, Klo, Selbstgespräch) – ich zeige nur ein Bild dafür, um die Sache abzukürzen. 

Durchhalten jetzt! Wir haben noch drei verschiedene Kombinationen, bei denen es zwei Zweiergruppen gibt. Klingt komisch, ist aber so: 1&2 und 3&4; 1&3 und 2&4; 1&4 und 2&3. Ich zeige wieder nur ein Foto, um die Sache zu symbolisieren.

So. Und dann fehlen noch sechs verschiedene Möglichkeiten, in denen sich jeweils zwei Leute unterhalten und die beiden anderen nur was für sich machen. Klingt auch komisch, stimmt trotzdem. Ich spare mir die Notation der Kombis, Ihr könnt’s selber ausprobieren, wenn Ihr wollt. Hier ein Bild, um die Sache symbolisch zu zeigen:

Bei vier Leuten gibt es also genau 15 Kombinationen.

Nochmal zum Mitschreiben. Zwei Leute – zwei Kombinationen. Drei Leute – fünf Kombinationen. Vier Leute – fuffzehn Kombinationen.

Wow, das sind ja Wachstumskurven fast wie bei Corona!

Bei unserem Besuch bei Ralf und Britta waren wir fünf Leute. Keine Angst: ich zeige keine Fotos mehr. Hab’s aber trotzdem ausgerechnet: Wir hatten genau 52 verschiedene Kommunikationsmöglichkeiten. Davon haben wir natürlich nicht alle genutzt. Aber einige. Ich hab mich zum Beispiel mal allein umgesehen und mich dann zu Britta und ihrem „Dreh dich um“-Kuchen begeben. Zum einen, weil ich neugierig war, aber auch ein bisschen, damit die anderen mehr Zeit miteinander haben, ohne dass ich störe.

Ich glaube: Diese gelegentliche Rekombinationen haben die Sache sehr bereichert und den Besuch zu einem noch besseren und tieferen Erlebnis gemacht.

Damals bei Nicki hab ich jedenfalls viel freie Zeit damit zugebracht, noch mehr Zahlen auszurechnen. Ganz stumpf mit Listen per Kugelschreibe und Papier.

Also:

Sechs Leute – 203 Kombinationen.

Sieben Leute – 877 Kombinationen.

Acht Leute – 4140 Kombinationen.

Genau an dem Punkt habe ich dann aufgehört. Es ist einfach zu viel Papier dabei draufgegangen. Ich hab dann die Zahlen gegoogelt. 2, 5, 15, 52, 203, 877, 4140. Und siehe da – es gab tatsächlich einen Treffer. Ich hatte die ganze Zeit etwas ausgerechnet, das man in der Mathematik schon sehr lange kennt, nämlich die so genannte „Bellsche Zahl“. Verdammt! Alles gibt’s schon, alles ist schon da. Aber egal! Jetzt hab ich zumindest einen Begriff für meine Gedanken und kann Leuten davon erzählen. Besser als nix.

Hab Nicki anschließend verkündet, dass eine Zusammenkunft in meinen Augen erst ab sieben Leuten eine „Party“ genannt werden kann. Unter 877 möglichen Kommunikations-Kombinationen springt der Funke einfach nicht über.

Einen hab ich noch: Wenn 11 Freunde zusammen in den Fußball-Urlaub fahren, dann stehen sie vor 678.570 Arten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Man kann es sich nicht vorstellen, aber man kann es fühlen. Bei so vielen Leuten ist einfach sehr viel Leben in der Bude. Dauernd passiert was Neues, nur selten wiederholt sich eine Kombination. Deshalb sind große Gruppen so toll und so aufregend und so abwechslungsreich. Und die Erkenntnis des Tages für mich lautet: All das ist kein Wunder, sondern einfach eine Frage der Mathematik. Spannend, oder?

bookmark_borderEin künstlerisches Kuchenrezept

Ich war ja am Wochenende bei Rolf, dem Maler, und bei Britta, der Bildhauerin. Britta hat einen Kuchen gebacken, der sehr lecker war. Jetzt hat Angela nach dem Rezept gefragt. Britta wiederum hat sich nicht lumpen lassen und mir ihr Rezept zugeschickt.

Und so gelingt Britas „Umdrehkuchen“ (Nachtrag: Die meisten sagen wohl „Dreh-dich-um-Kuchen“ dazu).

Man heizt den Backofen vor auf 160 Grad Umluft.

Man braucht eine Springform. Durchmesser „mindestens 20 Zentimeter“, sagt Britta.

Zutaten:
für den Teig

150 g gemahlene Nüsse, Mandeln oder dergleichen

100g Rohrzucker (man kann auch „normalen“ Zucker nehmen)

150 g weiche Butter

3 Eier (Britta verwendet Bio-Eier)

1 Päckchen Vanillezucker (Britta sagt: „Bourbon-Vanillezucker“)

1 Päckchen Backpulver (Britta hat „Weinstein-Backpulver“ verwendet)

für die Quarmasse:

500 g Magerquark

100 g Rohrzucker

2-3 Eier

geraspelte Schale einer halben Bio-Zitrone

Saft einer halben Zitrone

1 Päckchen Vanille-Pudding-Pulver

Man rührt die Teigzutaten von Hand oder mit dem Mixer zu einem geschmeidigen Teig, kippt ihn in die gefettete Springform und streicht ihn glatt.

Alsdann verrührt man die Quarkmasse-Zutaten zu einer „schönen Creme per Hand oder Mixer“ – und verteilt das Ganze einigermaßen gleichmäßig auf den Teig. Dann kommt das Ding für ca. 55 Minuten in den Ofen.

Aber Obacht! Ab etwa einer halben Stunde muss man ein Auge auf die Bräunung haben. Denn die nussige Teigschicht „wandert“ mit der Zeit nach oben, sie kann anbrennen, ehe der ganze Kuchen durch ist. Deshalb kann es sein, dass man den Kuchen für ne Weile mit Backpapier abdecken muss.

Wann ist der Kuchen fertig? Das testet man mit einem Holzstäbchen: Man steckt es in den Kuchen und zieht es wieder heraus. Wenn kein Teig mehr hängen bleibt, ist der Kuchen fertig. Dann nimmt man ihn aus dem Ofen und lässt ihn abkühlen. Er schmeckt schon toll, wenn er noch ein bisschen warm ist und hält sich, sagt Britta, für zwei bis drei Tage im Kühlschrank.

Super, oder?

Wenn Ihr das Rezept ausprobiert: Schreibt einen Kommentar.

Und dann noch etwas. Britta will wissen: Warum wandert der Teig nach oben? Was ist die Physik dahinter? Ich weiß es nicht. Wenn jemand die Antwort kennt: Immer raus damit. Interessiert mich auch.

bookmark_borderBesuch beim Künstler und ein heftiges Bild von der Elbe genau in dem Moment, wo das Wasser stillsteht

Gestern haben mich Freunde zu einem Maler in Hamburg-Bergedorf mitgenommen. Rolf wohnt im Künstlerhaus zusammen mit Britta. Er ist Maler, sie ist Bildhauerin. Man muss aber ehrlich sagen, dass wir eigentlich wegen der Bilder da waren.

Jedenfalls wohnen die da und ihr Atelier haben sie auch da. Britta sagt: So ist es am besten. Man weiß halt, wo man seine Sachen hat. Zum Beispiel: die Pinsel, mit denen man seine Bilder malt (siehe oben). Praktisch!

Tja. Und dann haben wir mit Rolf über seine Bilder gesprochen. Wir waren am Anfang alle ein wenig unbeholfen. Weil: Man kennt einander ja nicht, und Bilder können eine sehr persönliche Angelegenheit sein. Worüber soll man da reden? Etwa über Gefühle????

Also reden wir erstmal über Zoologie. Rolf hat nämlich viele Bilder gemalt, auf denen Tiere zu sehen sind. Zum Beispiel hängt da ein Tanrek (oben im Foto: das Tier rechts hinten an der Wand). Der Tanrek sieht aus wie eine Mischung aus Igel und Spitzmaus. Dann ein Bild von Eisvögeln. Bilder von Fischen: ne Scholle, ein Hornhecht, mehrere Bücklinge. Eines meiner Lieblingstierbilder ist eigentlich gar kein Tierbild. Es zeigt zwei alte skandinavische Konservendosen mit Makrelen drin. Das hat mir gefallen. Es ist ein großes Bild.

Hier hat mein alter Freund Kai ein Foto von mir und Rolf gemacht. Das mit den Masken ist übrigens kein Fake. Wir haben in den Räumen alle Masken getragen. Auch interessant, wie solche Entscheidungen zustande kommen. Erst viel Achselzucken und dann setzt sich einer ne Maske auf und dann ziehen alle nach. Meine Brille beschlägt, wenn ich eine Maske trage. Links im Hintergrund sieht man die goldenen Bücklinge. Rechts oben: Meerschweinchen vor den Zielscheiben von Sportschützen. Jawohl, auch Meerschweinchen haben Ziele!

Mir gefällt das, was Rolf so macht. Es inspiriert mich. Mein Lieblingsbild zeigt die Norderelbbrücke, auf dem die A1 den großen Fluss quert. Im Frühjahr habe ich die Brücke als Radfahrer und Fußgänger mehrfach von unten gesehen auf dem Weg von der Kalthofe zur Tatenberger Schleuse. Kürzlich hab ich erfahren, dass die Brücke umgebaut werden soll. Sie ist zu alt und zu schmal. Tja.

Jedenfalls hat Rolf da einen ganz besonderen Moment eingefangen. An der Elbe gibt es in Hamburg ja Ebbe und Flut mit einem tüchtigen Tidenhub. Und deshalb erlebt man da vier Mal pro Tag ein sehr merkwürdiges Phänomen. Mit einem Mal erstirbt jede Strömung und das Wasser steht vollkommen still, um kurz danach zunehmend schneller in die umgekehrte Richtung zu fließen. Genau diesen Stillstand, diesen Moment des Atemholens, hat Rolf in seinem Gemälde eingefangen. Das Bild hat die ganze Zeit über zu mir gesprochen und so was ist halt immer ne heftige und metaphysische Erfahrung. Wenn ich groß bin und Geld übrig habe, dann geh ich wieder zu Rolf und kaufe mir das Bild. Und wenn’s bis dahin ein anderer gekauft hat, dann hat sich der Strom eben gedreht und ist in die andere Richtung geflossen. Und das wäre auch in Ordnung.

Danach haben wir noch ein Stück Kuchen gegessen. Britta sagt: Man packt eine Mandelmischung in die Springform und dann kommt der Quark obendrauf mit Zucker, Eiern und Zitrone. Und während der Kuchen dann im Ofen sitzt, wandert die Käsemasse nach unten und dann sieht es am Ende aus wie ein Käsekuchen mit Mandeln obendrauf. Kurios und lecker zugleich. Hier trägt Britta übrigens das Bild mit der Elbbrücke durchs Atelier.

Was will ich damit sagen? Kunst macht uns zu besseren Menschen. Ich hatte ein paar Stunden, in denen alles stillstand, die Arbeit ruhte und ich mich mit interessanten Leuten über schöne Dinge unterhalten konnte. Und jetzt denke ich: Man macht so was insgesamt viel zu selten.

bookmark_borderDer teuerste Wahlbrief meines Lebens

Hab dieser Tage den teuersten Wahlbrief meines Lebens verschickt. Und das ging so.

Wie neulich schon erwähnt, sind meine Briefwahlunterlagen am Wochenende hier in Michigan angekommen. Die Papiere aus Hamburg haben eine ganze Weile gebraucht. Ich hatte also nur noch wenig Zeit, sie zurückzuschicken. Wär‘ mit der normalen Post nicht gegangen. Keine Chance.

Also hab ich am Montag bei FedEx angerufen. Der Chef des örtlichen Büros hat einen sehr deutschen Namen und deutsche Wurzeln, weshalb wir uns, um mein Anliegen angemessen abzuhandeln, spaßeshalber meiner Muttersprache bedient haben. Lustig.

Ich so: „Kriegt Ihr die Unterlagen bis Samstag nach Hamburg?“
Er so: „Ja, FedEx kann das. Wird aber nicht billig.“

Also bin ich hingefahren. War dann aber doch nicht so einfach. Denn die Postleitzahl der Kreiswahlleitung Hamburg-Mitte ist bei FedEx nicht im System verzeichnet. Vielleicht handelt es sich um eine temporäre Postleitzahl, die nur bei Wahlen genutzt wird? Man kann bei FedEx jedenfalls nicht einfach ne Postleitzahl draufschreiben und hoffen, dass alles gut geht. Wir haben das Ding dann ans Bezirksamt in der Caffamacherreihe adressiert, ich hab noch einen Aufkleber mit den Worten „Wahlbrief – eilig“ draufgeschrieben (auch damit der Zoll den Brief nicht versehentlich abfängt, was wohl gelegentlich vorkommt).

Tja. Und jetzt hab ich über die FedEx-Seite gesehen, dass der Brief schon am Mittwoch zugestellt wurde. Teufelskerle sind das.

Ich habe also gewählt.

Der Brief hat 75 Dollar gekostet. „You are a good citizen“, hat der Typ hinterm Schalter gemurmelt, und da wollte ich nicht widersprechen.

Was ich eigentlich damit sagen will: Wenn ich von hier aus meinen Zettel in die Urne kriege und dabei so einen Aufstand mache, dann könnt Ihr das auch. Oder?

Jetzt am Sonntag, 26. September, irgendwann zwischen 8 und 18 Uhr.

bookmark_borderWunder der Natur: Der Fisch & die Ölflitze

Gerade hat Wolfgang mich dafür gerügt, dass auf meinem Blog nix mehr los ist. Recht hat er. Hier also mein jüngster Erkenntnisgewinn, den ich gerne mit Euch teilen will. Ich verdanke ihn einem Fisch wie dem hier im Bild. Wer kennt ihn? Ich kannte ihn nicht. Und ich wusste auch nicht, was einem widerfahren kann, wenn man ein Stück davon verzehrt.

1. Akt: Der Einkauf

Hab viel gearbeitet und will mich belohnen. Unten an der Elbe gibt es einen Laden, der besondere Lebensmittel vertreibt. Sachen, die man anderswo nicht bekommt. Die Ware ist entsprechend teuer. Dort steh‘ ich vor der Theke, die Räucherfisch präsentiert. Da! In der Ecke liegen appetitliche Stücke. Davor eine Tafel: „Buttermakrele“. Hab‘ ich noch nie gehört. Interessant. Ich erwerbe eines der Stücke und trag’s zufrieden nach Hause.

2. Akt: Die Wissenschaft

Ungestillte Neugier ist wie Hunger. Nur schlimmer. Also im Internet nachsehen: Was hat es mit diesem unbekannten Fisch auf sich? Es gibt tatsächlich wissenschaftliche Studien über Lepidocybium flavobrunneum. Die interessanteren von ihnen handeln nicht von Körper oder Lebensweise der Buttermakrele (sie besitzt z.B. keine Schwimmblase), sondern von ihren Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Die Autoren Ka Ho Ling, Peter D. Nichols und Paul Pui-Hay But berichten von einem Phänomen namens „Keriorrhea“. Soll gar nicht so selten auftreten. Kenn ich auch nicht. Man weiß überhaupt das Allermeiste gar nicht. Ich lese also weiter.

3. Akt: Die Ölflitze

Die Forscher verstehen unter Keriorrhea „the pathological symptom of involuntary passage or leakage of oil, or actually wax esters, through the rectum“. Aha. Man könnte die Sache also mit „Ölflitze“ übersetzen. Es handelt sich bei besagtem Auswurf, wie ich lese, um ein „orangefarbenes bis grünlich-braunes“ Öl. Das Internet sei voll mit persönlichen Erfahrungsberichten „peinlicher Öldurchfälle nach dem Verzehr von Fisch“. Einige Länder haben die Einfuhr von Buttermakrelen deshalb längst verboten. Japan, Italien, Australien und noch ein paar mehr.

4. Akt: Der Selbstversuch

So. Hunger. Außerdem: Zeit für einen Selbstversuch. Hat die Wissenschaft recht? Oder will man mir einfach einen schmackhaften Happen madig machen? Ich hab im hippen Brotladen ein leckeres Brot gekauft. Dinkel-Kartoffel-Kruste oder so ähnlich. Das Brot trocknet nicht so schnell aus wie die übliche Roggenmische. Ich schneide mir andächtig eine Scheibe herunter, bestreiche sie mit Butter und packte etwas von dem Räucherfisch obendrauf. Mhhhh. Lecker. Es schmeckt alles so gut, dass ich mir noch eine zweite Portion gönne. Herrlich. Wie kann etwas so Köstliches schädlich sein? Die Forscher haben keine Ahnung!

5. Akt: Der Tag danach

Haben sie doch.

6. Akt: Der Tag nach dem Tag danach

Ui. Die Forscher haben immer noch recht. Und nicht zu knapp!

7. Akt: Was wir daraus lernen

Zweierlei. Erstens: Mehr Respekt vor der Wissenschaft. Zweitens: Mehr Respekt vor Buttermakrelen. Man darf sie eigentlich nur besonderen Gästen darbieten – und auch nur dann, wenn diese für den Folgetag eine längere Autofahrt auf dem Zettel haben. Man serviert nicht nur einen wohlschmeckenden Fisch, sondern schenkt ihnen damit auch ein paar unvergessliche Stunden.

bookmark_borderCoaching-Interview: „‚Sag mir was ich tun soll!‘ – den Satz hör‘ ich andauernd!“

Heute hat mich Andrea besucht. Wir kennen einander seit fast zehn Jahren. Damals haben wir über einige Wochen für dieselbe Frauenzeitschrift gearbeitet. Seither sind wir befreundet.

Andrea ist aber nicht nur Journalistin, sondern auch Business Coach. Komische Mischung, oder? Stimmt aber trotzdem. Jedenfalls war heute ein sehr schöner Tag, wir waren an der Elbe, haben uns im Jenischpark Kaffee und Franzbrötchen geholt, uns hinterm Jenisch-Haus auf eine Bank gesetzt und über alle möglichen Dinge geredet.

Unter anderem haben wir über Andreas Job als Coach gequatscht. Wie macht sie das? Wie läuft das ab? Also suche ich mir einen ausgedachten Fall aus und tue so, als wäre ich ihr Klient.

Und dann Andrea so:

„Ich habe da eine Hypothese. Das könnte was mit dem zu tun haben, was dich an Werten prägt. So was könnte man im Coaching beleuchten.“
(ab hier schreib ich das so auf, als hätten wir ein Interview geführt)

Ah, Werte! Hm. Was wäre das? Zum Beispiel so was wie: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“?
Ja, ja, genau.

Oder:Man läuft nicht davon, nur weil’s gerade hart zugeht“?
Ja, auch. Wobei. Das, was du da sagst, das sind nicht die Werte selbst, sondern Werte, die zu Glaubenssätzen verdichtet sind. Der Wert dahinter könnte jetzt zum Beispiel sein: Disziplin.

Und wie redest du im Coaching über solche Werte? Was machst du damit?
Wenn du die schon so flüssig benennen kannst, dann scheinen die in deinem Alltag auch eine Rolle zu spielen. Und wenn ich dir so zuhöre, dann meine ich, auch einen gewissen Stolz aus all dem zu hören.

Ja, klar.
Und dieser Stolz ist sicherlich in vielen Fällen angebracht. Dieser Glaubenssatz kann dich in anderen Situationen aber auch behindern. Wenn dir zum Beispiel ein Vorgesetzter keine Wertschätzung entgegenbringt, wenn du da mit dem Glaubenssatz agierst „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, dann machst du dir das Leben unnötig schwer. Weil du hier sagen könntest: „Ich verabschiede mich ganz bewusst von diesem Glaubenssatz. Er ist mir in vielen Lebenssituationen bisher dienlich gewesen. Hier führt er mich aber mitten in meinen Schmerz.“ Daran würden wir im Coaching arbeiten.

Okay. Ich lerne bei dir, meine Glaubenssätze in den richtigen Situationen anzuwenden? So wie man seinen Hund nicht mit in die Oper nimmt – auch wenn’s ein guter Hund ist?
Exakt. Coaching ist dafür da, den Raum des Handelns auszudehnen. Und dieser Raum dehnt sich eben aus, wenn ich jetzt sage: Auch ein Indianer darf mal Schmerzen haben.

Das wäre ein toller Titel für ein Kinderbuch. „Als der Indianer auch mal Schmerzen hatte.“
Ja, genau. Und er bleibt trotzdem Indianer. Auch wenn er Schmerzen hat.

Wie alt sind denn die Leute, die zu dir kommen?
Mitte 30 bis Anfang 50. Das sind Leute, die meist schon zwei Berufsstationen hinter sich haben. Und die sagen: Bisher lief es doch so gut – warum läuft es jetzt nicht mehr? Sie erkennen ein Muster an sich selbst und sagen: Dieses Muster mag ich nicht. Und auch das Sinnthema wird jedes Jahr mehr.

Andrea, sag mir einfach, was ich machen soll“. Hast Du diesen Satz im Coaching schon mal gehört?
Den Satz hör‘ ich andauernd. Und ich gebe auch zu: Für mich ist es die größte Herausforderung – bei manchen Klienten –, diese Sätze gerade nicht auszusprechen.

Hm. Warum soll das denn falsch sein, das dann einfach zu sagen?
Weil es den anderen schwächt. Weil ich dann Stärke leihe. Und Stärke zu leihen, Wissen einfach so zu übertragen – das schwächt die Lernfähigkeit des anderen und seine Selbstverantwortung. Ganz klar.

Aber jetzt mal ketzerisch gesagt: Du willst doch, dass der Klient immer wiederkommt. Das weiß jeder Kaufmann: Deine Kunden musst du halten! Wenn er gar nicht mehr kann ohne deinen Rat – das ist doch das Beste, was dir finanziell passieren kann.
Du hast vollkommen Recht. Aber das entspricht nicht meinem Menschenbild. Trotzdem, klar, das würde funktionieren. Ich erlebe das ja in privaten Situationen mit Menschen, die mit mir Mittagessen gehen wollen, weil sie – und da mache ich das durchaus – eine schnelle Einschätzung von mir wollen.

Das heißt: Wenn man Zeit, Geld und Mühe sparen will, lädt man Dich zum Lunch ein!
Du meinst: Statt in diesen umständlichen Coaching-Prozess zu gehen?

Genau.
Du glaubst wirklich, dass ich das weiß? Dass ich die richtige Antwort sofort erkenne?

Naja, das wäre die nächste Frage. Von 100 Klienten, die mit einem Problem zu dir kommen – bei wie vielen hast du für dich sofort eine Antwort?
Von 100 würde ich sagen … bei 80 hab ich sofort ne Idee.

Und wie oft kommt am Ende des Prozesses genau das raus, was du dir vorher schon gedacht hast?
Es gibt schon Fehlannahmen, wo es sich später im Coaching anders entwickelt. Aber trotzdem: Dass es deckungsgleich ist zu den Vorannahmen, das ist schon sehr häufig der Fall.

Woran liegt das? Daran, dass du von außen kommst und das Problem halt nicht selber hast? Oder liegt es daran, dass du so schlau bist und so viel weißt?
Es ist der Mix aus beidem. Jemand, der keine Coaching-Ausbildung hat, könnte diese blinden Flecke in vielen Fällen auch sehen. Aber die Ausbildung und die Erfahrung – das hilft natürlich schon. Und auch die Tatsache, dass ich selbst halt schon in vielen, vielen Teams gearbeitet habe. Und dann kommt noch das Gespür für körperliche Ausstrahlung dazu.

Was heißt das? Du guckst, wie jemand dasitzt?
Genau. Ich achte zum Beispiel sehr auf das Leuchten in den Augen. Oder wenn die Stimme leiser wird. Oder wenn jemand vom Tonus her zusammenfällt. Damit arbeite ich viel. Das liegt mir. Weil ich das spüre, höre, sehe.

Okay, ich fass mal zusammen. Wenn man bei Dir zum Coaching geht, dann ist das im schlechtesten Fall so, als würde man mit einer sehr guten Freundin reden, die sich Zeit nimmt und zuhört, ohne dabei ihren eigenen Müll abzuladen. Das ist so das Minimum. Und wenn man Glück hat, dann erwischt man dich noch bei einer deiner Stärken. Dass du auf Körpersprache achtest, sehr viel Erfahrung mitbringst und halt selbst schon ne Menge gesehen hast. Und wenn man GANZ großes Glück hat, dann hast du auf das Problem selbst keine Antwort. Und da passiert dann nochmal was ganz anderes. Und darüber – über diese 20 Prozent, wo du selbst am Anfang ratlos bist – darüber reden wir beim nächsten Mal. Okay?
Okay. Super. Das hat Spaß gemacht.

Andrea nennt ihr Coaching „Plan B für Medienprofis“. Ihre Website findet Ihr hier.

So war das


bookmark_borderHamburg ist anders

Seit mehr als fünf Wochen wieder in Deutschland. Dabei sind mir mehrere Dinge aufgefallen. Vorweg schon mal so viel: Das Leben in Hamburg ist anders als das Leben in Michigan.

  1. Das Bild oben. War mit B. an der Elbe. „Wow, guck mal, die Wolken, wie toll, wie bedrohlich.“ Wir stehen also da und machen Bilder wie die Idioten. Zwei Minuten später fängt’s an zu regnen. Und zwar tüchtig. Ich natürlich: keine Jacke dabei, kein Regenschirm. Nur kurze Hose und T-Shirt. Also am Ende sehr nass geworden und dann irgendwann durchgefroren wieder nach Hause gekommen. Was ich damit sagen will: Manchmal sieht man’s kommen und zieht trotzdem die falschen Schlüsse.
  2. Nochmal das Bild oben. Man sieht unschwer, dass jemand rechts unten hastig jemanden rausretuschiert hat. Und das kam so:
    B. und ich sitzen auf einer Art Industriebühne an der Elbe und quatschen. Viele Leute kommen vorbei. Klar. Bei einem einzigen denke und sage ich: „Den kann ich nicht leiden.“ Ich glaube, es ist diese aufgesetzte „ich hab’s geschafft und mir kann keiner was“-Attitüde, die der Typ vor sich herträgt (mein Film, klar). Und jetzt, Tage später, lade ich ausgerechnet dieses Bild vom Hafen hoch. Wer ist drauf auf dem Bild? Eben: der einzige Mensch, den ich an diesem Tag nicht leiden konnte. Interessant, oder? So funktioniert Dialektik. Die Menschen, die uns gegen den Strich gehen, sind manchmal die wichtigsten Menschen in unserem Leben. Und auch diejenigen, die irgendwie bleiben. Is nicht immer so. Aber oft.
  3. Jetzt zu Corona. Mein Verhalten, meine Gewohnheiten, das, was sich meiner Meinung nach gehört – all das hat sich sehr gewandelt im Vergleich zu den Monaten in Michigan. Ich gehe hier viel, viel lockerer mit dem Virus um, als ich das da drüben getan habe. Ich gehe zu Leuten ins Haus und in die Wohnung (in Michigan: no way!). Leute waren bei mir in der Bude (in Michigan: praktisch niemand jemals). Ich habe mehrfach in der Halle Sport getrieben (dort: nope!). Ein paar Leute habe ich umarmt (dort: nur Leute, mit denen ich zusammengewohnt habe). Und klar, im Supermarkt trage ich eine Maske. Aber ich achte hier viel weniger auf die anderen Leute und habe auch weniger das Gefühl, sie könnten meine Gesundheit bedrohen. Usw.
  4. Man könnte sagen: Es liegt an der Basisrate. Hier gibt’s weniger Fälle als in den USA. Es ist also vernünftig, weniger Angst zu haben.
  5. Oder es liegt an den Erfahrungen der vergangenen Monate vor Ort. In Michigan haben sie im Krankenhaus die Corona-Leichen im Schlaflabor gestapelt und hatten Angst, dass ihnen die Säcke zum Verpacken der Toten ausgehen. So krass war es hier nie. Im Flugzeug zurück über den Atlantik saß in meiner Reihe ein sehr nervöser, ängstlicher Mann. Er kam aus Norditalien. Jeder hat verstanden, warum er mehr Angst vor dem Virus hatte als die anderen.
  6. Man lässt sich (jetzt kommt ein Wortspiel) natürlich auch anstecken. Soziale Normen (also die Dinge, die sich gehören) vermitteln sich über Nachahmung. Man macht, was die anderen machen. Wenn man in Rom ist, macht man’s wie die Römer. In Hamburg macht man’s wie die Hamburger. Hamburg ist anders als Ann Arbor.
  7. Was war noch. Ah so. Die Demo in Berlin. Kapier ich nicht. Wer ist das? Ein Rätsel.
  8. In Läden rumgefragt: „Wie laufen die Geschäfte?“ Der Bäcker unten am Fluss sagt: Unser Umsatz liegt bei 60 Prozent. Die Touristen sind da. Das ist gut. Die Locals sind da. Fein. Aber die Büros in der Gegend stehen alle leer. Alle im Homeoffice. Großer Mist. Der Typ im Sportgeschäft sagt: Geschäft läuft okay. Bisschen weniger als sonst. Aber alles im Rahmen. Ein Bekannter von mir hat viel mit den Ladenbesitzern in Ottensen geredet. Er behauptet: „Viele von denen sind längst pleite.“ Sie machen trotzdem weiter. Man muss eine Insolvenz in Zeiten der Pandemie nämlich nicht melden. Könnte also sein, dass viele Läden, in denen wir einkaufen, im Grunde so etwas wie Zombie-Unternehmen sind. Einen einzigen Laden habe ich gefunden, dessen Besitzer glücklich ist. Der Typ betreibt einen Angelladen. Er sagt: Bei mir ist so viel los wie noch nie. Wär ich nie drauf gekommen.

bookmark_borderHoffen auf ein noch größeres Problem

Manchmal fällt mir das Schreiben schwer. Ich habe das nie systematisch untersucht, aber ich vermute: Es geht allen so, die mit dem Schreiben ihr Geld verdienen. Oder den meisten, da bin ich mir sicher.

Und dann, nach einiger Zeit des Elends, geht’s auf einmal halt doch.

Warum geht es plötzlich? Da gibt es mehrere Szenarien. Manchmal hat man in den Tagen der Dürre einfach genug nachgedacht. Wissen, was man sagen will – das hilft eigentlich immer.

Ein alter Prof von mir hat mal behauptet, das Elend sei nur der Ausdruck einer Regression. Dies sei der Preis, den jeder zu entrichten habe, der etwas Neues schaffen wolle. Naja. Weiß nicht, ob das stimmt. Es klingt aber schlau (und signalisiert, dass man tüchtig Freud gelesen hat; das war ihm immer wichtig; muss mal googeln, ob er noch lebt).

Mir ist gestern noch ein anderes Szenario eingefallen, das ich einige Mal selbst erlebt habe. Ganz kurios. Also. Wenn man ein Stück zu schreiben hat, aber es läuft nicht, dann fühlt man sich mies. Kennt jeder. Das Problem ist dann irgendwann nicht mehr das zu schreibende Stück selbst – sondern das, was man alles an Schlechtem über sich selbst denkt.

Eine Lösung besteht dann darin, auf ein noch größeres Problem zu hoffen. Das noch größere Problem sorgt nämlich dafür, dass man sich plötzlich um andere Dinge sorgt. Die verurteilenden Gedanken über sich selbst verschwinden. Der innere Handwerker übernimmt – und das Schreiben wird wieder zu dem, was es eigentlich ist: Das, was man halt so macht, um die Miete zu bezahlen.

Einmal hab ich das sogar als Intervention erlebt. Damals hat mich Dietmar Bittrich überredet, zum Satsang ins Goldbekhaus zu kommen. Auf der Bühne saß ein Mann namens Isaac Shapiro. Er „trottete wie ein abgeschabter Teddybär nach vorn und trank Kaffee aus einem Plastikbecher“. So hat der Kollege Bittrich die Szene einmal beschrieben. Shapiro saß dann tatsächlich im Hawaiihemd auf der kleinen Bühne und die Leute beklagten sich bei ihm über ihr Leben. Eine Frau, die ansonsten auf den Kanaren lebte, erzählte, dass der Vulkan, der ihre Insel gebildet hatte, kurz vor einem Ausbruch stand. Also: vielleicht. Jedenfalls grummelte und bebte es jetzt häufiger unter der Erde. Und die Zeitungen schrieben darüber und machten allen Angst und die Scheiß-Feriengäste aus Deutschland stornierten natürlich ihren Urlaub und brachten kein Geld mehr in den Palmengarten. „Meine ganze Existenz, es ist bald alles ruiniert“, klagte die Frau. Alle nickten. Das Leben war hart. Shapiro sah der Frau erstmal lange in die Augen und atmete tief. Und dann fing er an, von der Klimakrise zu reden. Vom Regenwald, der immer weniger wurde. Ich glaube: auch von den vielen Atomwaffen, die überall noch rumstanden. Jedenfalls machte Shapiro allen klar, dass die Menschheit vermutlich unrettbar im Eimer war. Am Ende seiner Rede meinte er: „Du hast mir von einem Problem erzählt. Und ich habe dir ein größeres Problem gegeben.“ Die Frau nickte. Sie hatte verstanden. Alle anderen hatten auch verstanden.

Manchmal ist das größere Problem genau das, was man gerade braucht. Wenn ich mal wieder nicht schreiben kann, dann werd‘ ich mir eins suchen.