bookmark_borderTransatlantik-Kuchen

An meinem gestrigen Geburtstag gab’s einen transatlantischen Kuchen. Dem war ein Akt von Social Engineering vorausgegangen: Kai hatte mich beiläufig nach meinem Lieblingsgebäck gefragt. Also habe ich von einem Apfelkuchen aus dem Badischen geschwärmt. Bald darauf hat Nicki heimlich meine Mutter kontaktiert, nach der entsprechenden Zubereitungsanleitung gefragt – und als Antwort viele Zutatenbilder bekommen. Kam es dabei zu einem „information problem„? Schwer zu sagen. Fest steht, dass unsere Freunde Silvia und William noch ein paar österreichische Rezepte draufgemacht haben (die Einheimischen wunderten sich über die Unmengen an Butter im Mürbeteig). Nicki hat jedenfalls eine passende Kuchenform besorgt und ihre Mutter Edie dann aus all dem das oben gezeigte Teil gefertigt. Viele Hände. War jedenfalls lecker und eine preiswürdige Aktion, über die ich mich noch immer freue.

Ansonsten hat mein Bruder Martin hat mich korrigiert: Wenn der legendäre Dieter Blau von einem „Oxyd“ sprach, meinte er damit kein Auto (wie ich neulich behauptet habe), sondern ein Fahrrad.

Mein alter Freund Søren hat mich daran erinnert, dass es sich bei der Schreibweise „Oxyd“ nicht um schlechte Orthographie handelt, sondern einfach um das, was in den 1980ern noch der Fall war. Man darf das noch heute so schreiben.

Außerdem hat Søren der Redewendung „zum Knochenkotzen“ nachgespürt – und dabei zwei ungewöhnliche Quellen aufgetan: Einmal die Autobiographie von Adolf Eichmann und zum anderen eine Rede auf dem CDU-Parteitag aus dem Jahr 1989. „Zum Knochenkotzen“ war für Eichmann sein Job in den 1930er Jahren. Der niedersächsische CDU-Landesvorsitzende Wilfried Hasselmann äußerte die Sache damals so: „Denn wenn es uns oft genug gesagt wird, daß es uns eigentlich nicht gut geht, dann suchen wir ja eines Tages, weil uns ja Leiden verordnet wurde, nach dem Erlöser. Dann heißt es: das kann nur rot-grün sein. Es ist zum Knochenkotzen.“ Tatsächlich hieß der nächste Ministerpräsident dort dann Gerhard Schröder.

Kürzlich habe ich über die späten Fröste hier in Michigan geschrieben und dass manche Apfel- und Kirschfarmer die jungen Blüten mit Hubschraubern vor dem Erfrieren retten wollten. Tatsächlich gibt es hier in der Gegend Firmen, die so eine „Helicopter Frost Controlganz regulär in ihrem Programm haben. Was es nicht alles gibt.

Auch aus meiner alten Heimat Aumühle hab ich gestern was Interessantes gehört. Matthias und Gesa haben dort in der Nähe ihre eigene Firma gegründet. Sie züchten und verschicken: Regenwürmer. Klingt schräg. Aber da wegen der Coronakrise viele Leute gerade mehr Zeit im Garten verbringen und die Würmer den Boden besser machen, scheint die Sache ganz gut zu laufen. Die Würmer kommen per Post. Cool, das so was läuft.

Zu den leidenschaftlichen Freizeitgärtnern gehört auch Maximilian mit seiner Familie. Er lässt sich ab und zu in der Hamburger Schreibgruppe sehen, der ich angehöre. Ansonsten bloggt er seit ungefähr hunderttausend Jahren und erfreut mich in manch tristem Moment mit seinen ungewöhnlichen Beobachtungen aus Hamburg. Heute zum Beispiel schreibt er – angestoßen durch einen Zufallsfund – von der „Süße“, mit der uns flüchtige Kindheitserinnerungen anzuzuckern pflegen. Und von der Sorte hatte ich letzthin ja auch die eine oder andere. So ist das wohl: Nostalgie schmeckt wie Apfelkuchen.

bookmark_border„Zum Knochenkotzen“ – noch sieben weitere Erinnerungen an Dieter Blau

Eigentlich wollte ich heute was über Twitterdaten aus Michigan schreiben und was sie über den Seelenzustand der Bürger verraten (nichts Gutes), aber dann ist mir aufgefallen, dass ich nach deutscher Zeit gerade 51 Jahre alt geworden bin. Jeder Geburtstag nach dem neununddreißigsten macht die Leute melancholisch und deshalb habe ich beschlossen, mich noch ein viertes Mal auf einen Trip in die Vergangenheit zu begeben. Vor genau einem Monat ist Dieter Blau gestorben, der meine Kindheit, die meines Bruders und vieler anderer Jungs in unserer Gegend geprägt hat. Und dies sind ein paar Erinnerungen, die mich in den vergangenen Wochen heimgesucht haben.

1. „Zum Knochenkotzen“

Anfang der 1980er Jahre sind wir mit Dieter Blau für zwei Wochen nach Krelingen gefahren. Das ist ein kleiner Ort in der Nähe von Walsrode. Den Zeltplatz hab ich schon neulich beschrieben. Wenn man ein Stück weiter am Feldweg durch die Hecke ging, kam man auf das Gelände des „Geistlichen Rüstzentrums Krelingen“. 

Die Krelinger sind Pietisten – es gab also eine enge innere Verbindung zu dem, was bei uns im CVJM so geglaubt und gelehrt wurde. Der Chef des Ladens war ein Mann namens Heinrich Kemner. Er ging schon stark auf die 80 zu, was mir damals sehr alt vor kam. Kemner war eine ausgesprochen charismatische Erscheinung. Ich weiß noch, wie wir regelmäßig in seine Bibelstunden und am Sonntag in seinen Gottesdienst gegangen sind. Damals gab es bei uns im Dorf den Spruch: Eine Predigt darf über alles gehen, nur nicht über 20 Minuten. Kemner hat eine komplette Stunde lang gepredigt und ich habe die ganze Zeit zugehört, ohne wegzudösen. Beides war mir neu. 

Dabei hat Kemner einmal die Redewendung „zum Knochenkotzen“ gebraucht. Es ging, wenn ich das richtig erinnere, um die Liebe zu einem Mädchen. Er hat es gefühlt, er hat gebrannt – und doch entsagt. Denn er hat geglaubt, dass Gott das so will. All das hat Dieter sehr gut gefallen und er hat die Formulierung danach häufig gebraucht und sogar den Tonfall Kemners imitiert. Verzicht ist „zum Knochenkotzen“. Und dazu gab es – Stichwort: Pietismus – bei uns damals reichlich Gelegenheit.

2. Der Klang der Raviolidose

Dieter hatte in Relingen ein Luftgewehr und jede Menge Munition dabei. Am ersten Abend gab‘s Ravioli. Die Dose war groß genug, um zwei VW-Busse voller Halbwüchsiger damit zu sättigen. Nach dem Abendessen haben wir ein Loch in den Boden der leeren Konserve gemacht, eine Schnur hindurchgezogen und die Dose an dieser Schnur über den Ast einer großen Eiche geworfen, die jenseits einer Weide in der Nähe unseres Zeltplatzes stand. 

Danach haben wir – wann immer uns danach war – auf diese Dose geschossen. Ein Treffer ergab ein hörbares „Klong“. Kein Treffer, kein „Klong“. Es gab natürlich Regeln. Man musste sich das Gewehr und die „Diabolo“-Kugeln bei einem der Erwachsenen abholen und zumindest zu zweit sein. Laxe Regularien waren das, schon für damalige Verhältnissen. Das war uns allen klar und wenn ich mich richtig entsinne, hat es unseren Respekt vor Dieter eher erhöht. Er hat uns was zugetraut.

3. Randale 127 Meter über Hamburg

Irgendwann sind wir, wo wir schon mal so weit oben im Norden waren, natürlich auch nach Hamburg gefahren. Dort und in der Gegend wohne ich seit mehr als 20 Jahren (auch wenn ich seit einiger Zeit auch viel in Michigan bin). Damals kam mir die Stadt sehr groß vor. Was hätte man dort nicht alles machen können! Dieter jedoch hatte seinen eigenen Plan. Wir fuhren – leidlich gewaschen, wie wir waren – per Aufzug in das Restaurant, das es damals noch oben im Fernsehturm gab. 127 Meter über der Stadt. 

Das Ding drehte sich permanent: Eine Runde dauerte eine Stunde. Danach musste man wieder Platz machen für die nächsten Gäste. Dieter hatte herausgefunden, dass es dort oben eine Art „All you can eat“-Tortenbar gab. Und ich würde mal sagen, dass das aus Sicht der Betreiber an diesem Tag ein großer Fehler war. Dieter hatte schon am Tag zuvor verkündet, dass wir dort oben ein Tortenwettessen veranstalten würden. Etwa 15 Minuten, bevor unsere Schicht zu Ende war, meinte der Kellner, dass es jetzt mal langsam gut sei mit dem Kuchen und dass wir genug gehabt hätten.

Dieter hat dann, wie er es später formuliert hat, ein wenig „randaliert“. Fünf Minuten später gab es dann plötzlich doch neuen Kuchen. Aber mir war zu diesem Zeitpunkt bereits schlecht und den meisten anderen wohl auch, denn bei den Backwaren handelte es sich um industriell gefertigte Tiefkühlware mit hohem Sahneanteil. Ich glaube mich zu erinnern, dass Friedemann als einziger fünf (oder sechs?) große Stücke davon geschafft hat. Aber gut. Für einen Laden, der sich ansonsten auf magenkranke Rentner spezialisiert hatte, waren wir ganz sicher einer Art Grenzerfahrung. 

4. „Ich will sterben“

Am Donnerstag hatten wir immer unsere Jungscharstunde. Die meisten von uns befanden sich in dieser merkwürdigen Übergangszeit, in der die Latenzphase sich ihrem Ende zuneigt. Der Testosteronpegel beginnt zu steigen. Das ist das Alter, in dem die Jungs zwar noch nicht komplett den Mädchen hinterherrennen, aber schon viel zu viel Energie haben. Dieter wusste das alles: In der ersten halben Stunde hat er nie Programm gemacht, sondern uns raufen lassen. Er nannte unser Treffen den „Nahkampfdonnerstag“. Er hat auch ein paar Regeln aufgestellt. Schlagen und Treten war verboten, im Wesentlichen war alles okay, was auch beim Ringen erlaubt war. Verloren hatte man aber nicht, wenn man auf beiden Schultern lag. Man musste für alle hörbar „ich will sterben“ rufen. Dann musste der andere aufhören. Bei den Romanschriftstellern (Stichwort: „Heldenreise„) läuft das genau so wie in der Ostergeschichte: Der Held muss sterben und neu geboren werden, um seinen Leuten davon zu berichten. Nur so wird ein Schuh aus der Sache. Tatsächlich ist das Kind in uns bald danach gestorben. Und wir wurden Jugendliche und irgendwann: erwachsen.

5. „Oxyd“

An diese Geschichte hat mich neulich mein Bruder Martin erinnert. Damals in den 1980er Jahren hatten die meisten Autos noch Rostprobleme. Wenn jemand ein altes Auto besaß, hat Dieter gesagt: „Da kommt er angefahren mit seinem Oxid.“ Schließlich handelt es sich beim Rost um oxidiertes Eisen. Dieter hat das Wort allerdings gesprochen, als würde man es mit Y schreiben statt mit einem I: Oxyd. Vielleicht, um einer Verwechslung mit dem römischen Dichter Ovid vorzubeugen? In dessen „Ars amatoria“ geht es nämlich alles andere als jugendfrei zu.

6. „Agschd“

Auch hieran hat mich Martin erinnert: Aus irgendwelchen Gründen hatte Dieter etwas dagegen, zu einem Messer „Messer“ zu sagen. Vielleicht wollte er uns auch nur zu lateralem Denken anregen, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat er zu einem Messer immer „Axt“ (im Dialekt: „Agschd“) gesagt – und jeden korrigiert, der es gewagt hat, das Wort „Messer“ im Munde zu führen. Eine wirkliche Axt war bei ihm einfach ein „Beil“. Tja. Das ist es schon. Kein Gag. Keine Pointe. Reine Chronistenpflicht.

7. Kommunikation schlägt Sicherheit

Dieter fuhr lange Zeit einen weißen VW-Bus Baujahr 1975. Der hatte zwei Rückbänke, auf der jeweils drei Leute sitzen konnten. Die Bänke waren natürlich in Fahrtrichtung ausgerichtet. Dieter fand das aber irgendwann zu unkommunikativ. Also hat er die vordere Bank umgedreht. Drei Leute fuhren sozusagen rückwärts, man konnte einander, wenn man hinten saß, ansehen und miteinander reden. Soziologen würden Beifall klatschen, sofern sie sich mit sozialer Netzwerktheorie auskennen. Ich habe das neulich mal von Hand ausgerechnet (und dann erfahren, dass das schon jemand vor mir gemacht hat): Wenn drei Leute miteinander reden, gibt es genau fünf Kombinationsmöglichkeiten. Bei sechs Leuten sind es schon 203 – ein Ozean aus Vielfalt! Uns allen war klar, dass die umgedrehte Bank deutlich schlechter gesichert war. Aber nicht nur Dieter, sondern auch wir waren bereit, diesen Preis zu bezahlen. Kommunikation schlägt Sicherheit. Außerdem waren wir im Auftrag des Herrn unterwegs und waren sehr davon überzeugt, dass uns schon nichts passieren würde. Ich glaube, das waren im Wesentlichen schöne Zeiten, und ich bin dankbar, all das erlebt zu haben.

bookmark_borderMuttertag, Tiere und die Erforschung des Wortes F***

Gestern haben wir uns den Film „Best in Show“ angesehen. Ich habe sehr gelacht dabei und weil es in diesem Klassiker des Mokumentary-Genres um Hunde und ihre durchgeknallten Besitzer geht, eröffnet der heutige Blogeintrag mit einem Foto von Coco, aufgenommen durch ein Fernglas. Meiner Meinung nach ist auch sie „the best in show“.

Heute war Muttertag. Mein Eindruck: Der Tag kommt hier deutlich breithüftiger daher als in Deutschland. Mehr Tamtam, mehr Herz, das ganze gestützt durch gehaltvolle Getränke und Speisen. Bis 14 Uhr waren wir schon durch mit selbstgebackenem Kuchen, tüchtig Sekt und Bagels mit Cream Cheese, roten Zwiebeln, Tomaten, Kapern und Räucherlachs. Alles lecker. Hab ich schon mal gesagt, dass Weißwein und Sekt – zur Mittagszeit genossen – den Geist zwei Etagen nach oben heben? Kann man natürlich nicht all zu häufig machen. Trotzdem. Immer wieder erstaunlich (und ja: Am Foto unten kann man sehen, dass a) Food-Fotograf ein Beruf ist und b) ich dafür nie infrage gekommen bin).

Am Vogelhäuschen kam ein seltsamer Vogel vorbei, der im englischen Rose-Breasted Grosbeak heißt und im Deutschen (kannste dir nich ausdenken) den Namen Rosenbrust-Kernknacker trägt. Petersons Tierführer „Birds. The concise field guide to 188 common birds of North America“ preist vor allem die Laute dieses Vogels: „Sein flüssiges Lied klingt wie das einer Wanderdrossel, die Gesangsstunden genommen hat.“

Beim Spaziergang habe ich einen anderen Sänger gehört. Er klang ähnlich verplappert wie die Feldlerche, die ich aus Deutschland kenne. Diesem Vogel wiederum verdanke ich viele Kindheitserinnerungen und habe ihm deshalb zu einigen Auftritten in meinem Roman „Und doch ist es Heimat“ verholfen. Irgendwann hab ich den amerikanischen Sänger zwischen den Blättern ausfindig gemacht. Es war: ein Goldzeisig. Auf Youtube hat jemand sich die Mühe gemacht, eine Tonaufnahme einzustellen.

Ansonsten – selbst wenn man hier nicht so viel davon mitbekommt – muss (oder darf) ich natürlich immer noch arbeiten. Dafür lese ich viele wissenschaftliche Studien und stolpere hier und da über eine Kuriosität. Dieser Tage zum Beispiel über eine „akustisch-pragmatische Analyse implizierter Bedeutung in einer Szene von The Wire“ (hier auf Google Books ab S. 73).

Besagte Szene aus der formidablen US-Krimiserie dauert etwa dreieinhalb Minuten. Die beiden Polizisten McNulty und Moreland untersuchen einen Tatort. Dabei verwenden sie im Wesentlichen nur ein einziges Wort, nämlich das Wort „F***“ – und zwar 37 Mal. Es bedeutet jedes Mal etwas anderes. Wer immer diesen Dialog geschrieben hat: Ich verneige mich in Ehrfurcht. Überzeugt Euch einfach selbst. Vorsicht jedoch: Nicht alle in diesem Video gezeigten Bilder sind harmlos. Wer keine Spuren von Gewalt und Nacktheit sehen will, sollte lieber nicht klicken. Darum geht’s mir aber nicht. Sondern allein um die karge sprachliche Eleganz.

Noch eine Nachricht aus Michigan? Gerne! In der Zeitung stand dieser Tage, dass am Ufer des Lake Michigan das Wrack eines alten Segelschiffes angespült wurde. Es sank in den 1870er Jahren. Erinnert mich mal wieder daran, dass der See nichts mit den Seen in Deutschland zu tun hat. Es ist eher so eine Art Meer. Seien Fläche ist größer als die von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zusammen. Da kann man, wenn’s stürmt, schon mal einen Schoner verlieren. Den Schiffbruch überlebten damals angeblich nur drei Männer.

bookmark_border3. Erinnerung an Dieter Blau: der „Karl-August-Stein“

Steine CVJM Sportplatz Plätzle Graben-Neudorf

Wieder eine Geschichte über Dieter Blau, die in meiner alten Heimat in Baden spielt. Wenn man von Graben nach Liedolsheim fährt, dann sieht man irgendwann links den Sportplatz des CVJM. Er liegt genau am Übergang vom sandigen Hochgestade zum schwarzerdigen Tiefgestade. Vom Hang her wird das Areal durch eine Art Geländer begrenzt. Und wenn man sich dessen Stützen ansieht, dann denkt man: hm! Das sind nämlich sehr massige Sandsteine mit einem Loch im oberen Drittel. Die Dinger sind für ihren Job deutlich überqualifiziert. Warum stehen die da?

Das Bild oben hat mir meine Mutter geschickt (tausend Dank!). Dieter Blau, an den ich dieser Tage viel denken muss, hat einen dieser Brocken oft den „Karl-August-Stein“ genannt. Und das kam so.

Es war Sommer. Unsere Eltern befanden sich auf einer Lustreise, weshalb meine seligen Großeltern für uns zuständig waren. Sie wohnten auf dem Nachbargrundstück; wir gingen einfach durch den Garten und dann gab’s dort immer ein tüchtiges Mittagessen. Meine Oma Martha konnte gut kochen.

An diesem Tag hatte Dieter meinen Bruder Martin und mich einbestellt – „für eine Sklavenarbeit“, wie er meinte. Also kletterten wir und ein paar andere Jungs in Dieters VW-Bus und dann ging’s los. In der Nähe von Rheinsheim bogen wir von der Straße ab in einen ziemlich verwachsenen Weg. Dort begann, überwuchert von Bäumen, Büschen und sonstigem Grünzeug, die Rampe für eine große Brücke, die ich noch nie gesehen hatte. 

Heute weiß ich, dass es sich dabei um die alte Eisenbahnbrücke hinüber nach Germersheim handelte. Das Ding stammt aus dem Jahr 1877 und trägt alle Merkmale der damaligen Zeit. Nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich war einfach zu viel Geld in der deutschen Staatskasse, und das hat man dann mit beiden Händen ausgegeben. Alles fiel damals eine Nummer zu groß aus. Da machte auch das Geländer am Streckenrand keine Ausnahme. Und auch nicht die massigen Sandsteine, die es stützten. 1945 hat man die Brücke dann gesprengt, weil die eigenen Soldaten gerade den Fluss überquert hatten und man nicht wollte, dass die Leute, die in der anderen Mannschaft spielten, genau so bequem über den Rhein kommen konnten. 

Rund eine Woche später sind sie dann doch über den Rhein gekommen, aber das ist eine andere Geschichte, die ich anderswo beschrieben habe.

Dieter hatte in seinen Bus Seile, Arbeitshandschuhe und eine Reihe von Rundhölzern geladen. Wenn ich mich recht erinnere, hielt er uns während der Fahrt einen Vortrag über die ehrenvolle Arbeit der Israeliten im alten Ägypten und wie sie die schweren Steine „allein mit Muskelkraft“ auf die Pyramiden hatten schleppen müssen. „Und genau das machen wir heute auch, damit ihr mal wisst, wie das war!“

Als wir schon ein gutes Stück in die grüne Wildnis gegangen waren, sahen wir, wovon Dieter gesprochen hatte. Da lag ein sehr großer Sandstein. Jemand (vermutlich Dieter) musste ihn an den Tagen zuvor ausgebuddelt haben. Am oberen Ende des Sandsteins befand sich ein Loch. Durch das führten wir die Seile, dann legten wir die Rundhölzer auf die Erde und zogen den schweren Brocken darauf Zentimeter für Zentimeter in Richtung VW-Bus. „So hat man das in Ägypten auch gemacht“, sagte Dieter. Das hat uns sofort eingeleuchtet.

Jedes Holz, über das der Steinriese hinweggeruckelt war, musste natürlich herausgezogen und dann wieder vor den Stein gelegt werden. Ich weiß noch, wie wir uns abgemüht haben und ich dabei dachte: „Das wird nie was.“ So ging das über Stunden. Heute muss ich mich darüber wundern, dass Dieter mich überhaupt mitgenommen hat, denn ich war weder groß noch stark und für die Aufgabe kaum zu gebrauchen. Vermutlich hat man mir die Sache mit den Rundhölzern überlassen, weil das nicht so schwer war. Aber das weiß ich nicht mehr so genau. 

Dass wir den Stein tatsächlich an und schließlich auch IN den Wagen gebracht haben, dass er dabei niemandem eine Hand oder einen Fuß plattgemacht hat, dass die Achsen und der Boden von Dieters VW-Bus den Transport schadlos überstanden haben – all das kommt mir heute wie purer Irrsinn vor. Was haben wir Glück gehabt!

Naja. Dann sind wir jedenfalls direkt zum CVJM-Sportplatz gefahren, haben da an der Böschung ein Loch gebuddelt, den Stein reinstellt, den Rest des Loches mit Erde aufgefüllt und alles ordentlich festgetrampelt. Kann auch sein, dass das Loch schon vorher da war. Fertig war jedenfalls die Sklavenarbeit. (Nachtrag: Mein Bruder sagt, dass wir den Stein an diesem Abend unten am Sportplatz einfach mitten in den Weg gepflanzt haben; und das stimmt. Der Stein hat am Anfang in erster Linie genervt und besaß ansonsten keinerlei Funktion.)

Ich erinnere mich noch, wie wir nach Hause kamen, es war nach 22 Uhr und natürlich schon dunkel. Wir hatten Übermenschliches geleistet und erwarteten, von unseren Großeltern entsprechend gepriesen zu werden. Kam natürlich anders. Opa Karl (laut Taufschein: Karl August) war stinksauer, Oma Martha voller Sorge.

Und weil Dieter Blau unseren Großvater kannte und wusste, dass er ein rauher Knochen war wie er selbst, hat er meinem Bruder Martin und mir gegenüber noch lange seine Späße über diesen Tag gemacht und den Stein scherzhaft den „Karl-August-Stein“ genannt.

Das war eine richtige Dieter-Aktion. Sie sah aus wie Wahnsinn, doch sie hatte Methode und war Teil eines ausgeklügelten Plans. Dieter wollte alle davon überzeugen, dass die vergessenen Steine von der alten Rheinbrücke unbedingt eine neue Heimat brauchten – und unser Sportplatz unbedingt ein neues Gelände. Und genau so ist es am Ende gekommen. Es hat davor und danach viele andere seiner „Arbeitseinsätze“ auf dem Sportplatz gegeben. Das hier aber war – zumindest für mich – der krasseste von allen. Das Geländer steht jedenfalls noch heute. Und mein Bruder, ich und die anderen, die dabei waren, haben spätestens an diesem Tag gelernt, dass es schwer in Ordnung ist, sich für etwas anzustrengen, das bleibt. Selbst (oder erst recht), wenn’s für andere bleibt und nicht nur für einen selbst.

bookmark_borderNoch ein paar Erinnerungen an Dieter Blau

Ishi hat mir nach meinem Eintrag über Dieter Blau von vor drei Tagen ein paar Bilder geschickt. Eins davon möchte ich hochladen. Es zeigt Dieter mit meiner Schwester Heike am Rhein bei einer „Trapperprüfung“. Beide sehen glücklich aus und genau das will ich heute nochmal festhalten. Es ist für niemanden einfach, die Kindheit zu verlassen und ein Teenager zu werden. Das Kind, das man war, muss sterben, um Platz zu machen für das, was kommt. Jeder durchlebt dabei seine eigene Heldenreise – ohne Schrecken läuft das selten ab. Dieses Foto hier erzählt von den guten Tagen: Meine große kleine Schwester lächelt, Dieter Blau trägt ein Outfit, das deutlich modischer ausfällt an in meiner Erinnerung.

In den vergangenen Tagen haben ziemlich viele Leute geschrieben oder angerufen und dann haben wir alte Geschichte ausgetauscht. Ein paar davon will ich aufschreiben: eine kleine Sammlung von „Dieterismen“. Es gab viele davon. Ich möchte mich auf die Guten und Verrückten beschränken.

  1. Jemandem einen Daumen geben. Die Amerikaner geben einander „High Five“, wenn jemand etwas gut gemacht hat. Dieter hat in solchen Fällen gesagt: „Komm her, Du bekommst einen Daumen.“ Dann musste man seinen Daumen ausstrecken, er hat seinen Daumen auch ausgestreckt und dann hat man die Innenflächen der Daumen aneinander gedrückt und die Hand um 180 Grad im Uhrzeigersinn gedreht mit dem Daumenkontakt als Achse. Zumindest ist es das, woran ich mich erinnere. War keine seiner maximal erfolgreichen Ideen, aber er hat das über Jahre durchgezogen. Er wusste: Auch ein schlechter Gag wird gut, wenn man ihn oft genug wiederholt. Das hab ich mir gemerkt und bis heute oft beherzigt.
  2. Den VW-Bus umrunden. Wenn wir an einer roten Ampel anhalten mussten, hat jemand die Schiebetür aufgerissen und dann sind alle um den VW-Bus herumgerannt und wieder eingestiegen – meist waren wir schnell genug, um es bis zur nächsten Grünphase zu schaffen. Wer Zeuge wurde, hat sich in der Regel gefreut. Das haben wir noch über Jahre so gemacht, auch als wir längst nicht mehr in Dieters Gruppe waren.
  3. Den Brotlaib längs aufschneiden. Zu Ostern sind wir immer mit vielen Leuten in den Wald gegangen (in den „Kammerforst“, den einzigen Wald um unser Dorf, der nicht der Gemeinde gehört) und haben Lachsbrote gegessen. Ich weiß noch, wie Dieter uns angewiesen hat, Brotscheiben von den langen Zweipfünder-Laiben zu schneiden. Natürlich haben wir das Messer quer über das Brot gelegt. Dieter meinte dann: „Ihr wisst wohl nicht, wie man Brot schneidet!“ Dann hat er den Brotlaib gedreht und ihn längs aufgeschnitten. Das waren sehr lange Scheiben. Dann: Butter, Räucherlachs und jede Menge Zwiebelringe. Das gab’s dann jedes Jahr zu Ostern. War nicht leicht zu essen, aber unverwechselbar.
  4. Die „Enten“. Das Foto mit meiner Schwester ist der Beweis: Irgendwann haben die Jungs gemeinsame Veranstaltungen mit den Mädchen unternommen. In Dieters Sprache waren die Mädchen „die Enten“. Aus heutiger Sicht scheint mir die Bezeichnung nicht mehr politisch korrekt zu sein. Es hat die Sache damals aber leichter gemacht und uns über die erste Peinlichkeit hinweggeholfen. Zumindest für uns Jungs. Für die Mädchen vielleicht auch? Ich weiß es nicht.
  5. Lahme Lieder in großartige Lieder verwandeln. In der „Jungschar“, der Kindergruppe des CVJM, haben wir immer viel gesungen, vor allem Lieder aus der Mundorgel. Was bei Dieter besonders war: Er hat uns manchmal die lahmsten Lieder singen lassen und sie so lange zu Meisterwerken erklärt, bis wir’s geglaubt haben. Mein Bruder Martin hat den größten dieser Hits vor ein paar Tagen aufgenommen und auf Youtube hochgeladen. Ich konnte noch jedes Wort mitsingen nach all den Jahren. Das war schön.
  6. Eine Art Uniform erfinden. Meine Schwester Heike trägt auf dem Bild oben einen ungewöhnlichen Pullover. Er war blau mit einem sehr groß aufgebügelten CVJM-Logo. Für die meisten, die bei Dieter in der Gruppe waren, galt es sozusagen als Pflichtübung, das Ding zu erwerben und regelmäßig anzuziehen. Die meisten von uns haben das auch gemacht. Ich weiß noch, wie jemand uns mal als „Uniformierte“ bezeichnet hat. Hab ich damals nicht verstanden, stimmte natürlich trotzdem. Der Pullover hat so ziemlich alle Funktionen einer Uniform erfüllt: Gruppenzusammenhalt; das Gefühl, nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle anderen zu stehen (und sich deshalb einigermaßen benehmen zu müssen); Werbung nach außen. Dieter Blau hat da viel von den Pfadfindern gelernt, denen wir in vieler Hinsicht ähnlich waren.
  7. Das Plumpsklo im Brennnesselwald. Anfang der 1980er Jahre sind wir auf eine Freizeit in die Lüneburger Heide gefahren. Wir haben da 14 Tage lang gezeltet auf einem von mehr als zwei Meter hohen Brennnesseln bewachsenen Grünstreifen längs eines Feldwegs. Ich glaube nicht, dass Dieter wusste, wem das Gelände gehört und er hat auch ganz sicher keinen um Erlaubnis gefragt. Er ist einfach aus seinem VW-Bus gestiegen und hat gesagt: Hier bleiben wir. Dann hat er jedem eine Sichel in die Hand gedrückt, wir haben die Brennneseln geschnitten und unsere Zelte aufgebaut. Dann haben wir in den verbliebenen Brennnesselwald einen schmalen, gewundenen Pfad geschlagen, irgendwann eine Lichtung gemacht, eine Grube ausgehoben und aus Holz ein Plumpsklo darübergestellt. Am Anfang des Pfades stand eine Stange mit Wimpel. Wer auf die Toilette musste, hat die Fahne mit auf die Lichtung genommen. „Keine Fahne“ hieß: besetzt. Die meisten haben die Fahne am Ende wieder zurück an ihren Platz gestellt.
  8. Geschichten erzählen und sich dabei selbst überraschen. Dieter hat – als Programmpunkt in den Jungscharstunden – sehr gerne Geschichten erzählt. Manche waren geplant oder sogar vorgelesen. Aber das war eigentlich nicht so sein Ding. Viele Geschichten waren komplett improvisiert. Dieter wusste selbst nicht, was den Helden als nächstes widerfahren würde. Die dramatischen Effekt waren meist extrem. Dieter fuchtelte dann mit den Armen, er rief und schrie die Dialoge durch den Raum. Das war große Kunst – zumindest, wenn er in Form war.
  9. Die Schlitten am VW-Bus. Im Winter, wenn Schnee lag, haben alle ihre Schlitten zur Jungscharstunde mitgebracht. Wir haben dann mit Stricken einen Schlitten an den anderen gebunden – und den vordersten Schlitten an die Anhängerkupplung von Dieters VW-Bus. Und dann ging’s ab durch die Nacht. Natürlich fuhr er dauernd Schlangenlinie, um den Spaß zu erhöhen. Ich meine mich zu erinnern, dass der Wagen einmal nach einer besonders gewagten Wendung auf zwei Rädern fuhr. Vielleicht eine falsche Erinnerung. Davon haben wir alle eine Menge.
  10. „Mit einem Bein im Gefängnis.“ Dieter Blau hat sehr oft gesagt: „Wenn du eine Jungschargruppe leitest, dann stehst du mit einem Bein im Gefängnis.“ So, wie er die Gruppe geleitet hat, war der Satz ganz sicher korrekt.
Martin und der Ochsenwagen

bookmark_borderAls ich ein Trapper war

Es war kalt, wie meist an den Faschingstagen. Wir stiegen, sechs oder sieben Jungs, in den alten, orangefarbenen VW-Bus. Vorher hatten wir Beile, Äxte, Sägen und Dieters neuen Spalthammer auf die Ladefläche gepackt. Und einen Topf. (Nachtrag: Ich hab jetzt dankenswerterweise von Jörg ein paar Bilder von damals bekommen und muss zwei Dinge korrigieren. Erstens: Dieters VW-Bus war natürlich weiß; der orangefarbene VW-Bus gehörte Hartmut; zweitens: auf einem der Bilder sieht man Räder im Hintergrund; sind wir bei diesem „Trappertag 0“ mit den Rädern an den Rhein gefahren?; vermutlich; eines der Räder sieht verdächtig nach meinem Rad aus; alles vergessen. Ich war damals elf Jahre alt).

Dann fuhren wir an den Rhein. Dort, wo der Weg den Hochwasserdamm quert, steht links ein altes Fachwerkhaus. Eine Gastwirtschaft, in die ich, wenn ich so drüber nachdenke, nie einen Fuß gesetzt habe.

Früher stand hier ein ganzes Dorf. Die Leute hatten ihre Äcker, ihre Wiesen, sie fingen Fische im Fluss. Wenn man den alten Berichten traut, dann ging’s denen sehr gut und sie haben immer tüchtig gefeiert. Aber dann kam jemand auf die Idee, den Fluss zu begradigen (wegen der Wirtschaft und so) und auf einmal lagen die meisten Äcker und Wiesen auf der anderen Seite des Flusses und die Dörfler wohnten plötzlich in einem anderen Land. Alle paar Jahre passierte dann ein anderer Mist und irgendwann haben sie das Dorf einfach aufgegeben. Ist ne andere Geschichte. Ich wollte schon immer mal drüber schreiben und eines Tages mach ich das auch.

Jedenfalls führte der Rhein an diesem Tag wenig Wasser, so dass die Kiesbank kurz vor Flusskilometer 379 bis fast zur Fahrrinne trocken lag. Die Kiesel da sind die besten, die man sich denken kann. Die Strömung hat sie schön glatt gemacht in all den Jahren. Manche sind ganz flach und man kann sie über die Wellen hüpfen lassen.

Dieter stoppte den VW-Bus an der Kiesbank und wir stiegen aus (wie gesagt; vielleicht ist das eine falsche Erinnerungsspur; 1982, ein Jahr später, sind wir jedenfalls mit den VW-Bussen zur Kiesbank gefahren). Bis dahin war das alles nicht ungewöhnlich. Denn Dieter und wir fuhren eigentlich jeden Sonntag an den Rhein. Nach dem Gottesdienst trafen wir uns vor der Kirche und Dieter meinte, um nach Hause fahren zu können, müsse er seinen VW-Bus, weil er eben in die falsche Richtung zeigte, unbedingt „am Rhein wenden“. Wir fuhren an den Fluss, gingen spazieren, warfen Steine ins Wasser und was weiß ich. Es war ein Ritual. So ging das über viele Jahre.

An diesem Tag aber lief die Sache anders. Dieter meinte: „So, Jungs, heute will ich mal sehen, ob Ihr das Zeug dazu habt, Trapper zu werden.“ Die meisten von uns hatten Karl May gelesen oder zumindest die Hörspiele gehört oder sogar die Filme gesehen. Trapper. Das waren Leute, die im Wilden Westen klarkamen. Sie konnten Biber fangen, in der Wildnis überleben. Sie wussten, wie man Feuer macht. Und genau darum ging’s. Dieter meinte: „Ihr müsst jetzt ein Lagerfeuer machen. Nur mit dem, was die Natur euch gibt. Also ohne Papier. Ihr habt drei Streichhölzer, danach muss das Ding brennen.“

„Nur, was die Natur euch gibt“ – das ist später über viele Jahre eine Art Witz geworden, ein geflügeltes Wort. Denn die Natur gab uns da draußen eine ganze Menge. Der Wasserstand des Rheins ändert sich oft rapide innerhalb weniger Tage. In den Wäldern unter den Pappeln am Ufer, da sammeln sich die abenteuerlichsten Gegenstände. Der Fluss bringt sie mit aus der Schweiz und aus dem Alemannischen. Und dann bleiben sie hängen zwischen den Büschen, Bäumen und Hecken. Plastikbehälter, Schnaps-, Wein und Bierflaschen, Tablettendosen, keine Ahnung was. Ich hab so viele Einzelheiten vergessen über die Jahre.

Jedenfalls gingen wir los in den Wald und holten Holz. Große Äste, kleine Äste, trockenes Gras als Zunder. Wir sägten, spalteten und hackten. Und dann haben wir ein Lagerfeuer gemacht. Vielleicht auch zwei, das weiß ich nicht mehr so genau. Und wir haben es hingekriegt mit drei Streichhölzern.

Irgendwann kam noch eine andere Jungsgruppe, die auch wie wir zur „Jungschar“ gehörten, also zu den unter-14-Jährigen beim CVJM, sozusagen zur örtlichen Kirchenjugend.

Dieter meinte, das sei die perfekte Gelegenheit für einen kleinen Wettkampf. Er stellte seinen Topf in die Mitte der Kiesbank und zog einen Kreis drumherum, vielleicht so mit einem Radius von vier, fünf Metern. Und dann meinte er: Jede Gruppe muss versuchen, den Topf so schnell wie möglich mit Steinen zu füllen. Er hatte eine Stoppuhr dabei. Ich weiß nicht mehr, wer gewonnen hat. Vermutlich also die anderen.

Danach fragte Dieter: „Wer weiß, was heute Tageslese ist?“

Das muss man erklären. Es gab in der Kirchengemeinde ein Buch, in dem für jeden Tag des Jahres eine Stelle aus der Bibel angegeben war. Die las man sich vor – zum Frühstück, beim Abendessen. Mein Bruder und ich teilten uns damals ein Zimmer. Wir lasen die Stelle immer gemeinsam vor dem Schlafengehen. Danach stand in dem Buch noch ein Kommentar dazu. Das ist die „Bibellese“. In meinen Kreisen galt es als eine allgemein akzeptierte Annahme, dass dies zu den unabdingbaren Gewohnheiten eines gutes Menschen gehört.

Jedenfalls glaube ich mich zu erinnern, dass mein Bruder Martin damals als einziger wusste, was an diesem Tag gelesen wurde. Buch, Kapitel, Vers. Zack! Martin ist Pfarrer geworden. Man hätte es sich denken können. Ich war sehr stolz auf ihn. (Nachtrag: Vergangene Nacht kam mir der Gedanke, dass es sich um eine Stelle aus dem Markusevangelium handelte; ich werde das nachprüfen).

Natürlich kamen an diesem Tag dauernd Frachtschiffe vorbei. Sie fuhren hinauf nach Karlsruhe oder hinunter nach Duisburg oder Rotterdam. Und bei jedem Kahn spielten wir dasselbe Spiel. Es war im Grunde genau der Effekt, den man später über den Tsunami lesen konnte: Der Sog des Schiffes zog das Wasser hinaus in die Fahrrinne. Wir liefen hinterher, so weit wir konnten, über den freigelegten Kies. Jeder Lauf zum Wasser war ein Pokerspiel. Denn irgendwann, das war klar, würden von hinten die Wellen kommen. Und sie kamen schnell – umso schneller, je größer und schneller das Schiff unterwegs war. Alles, was flussabwärts fuhr, war also gefährlich. Und natürlich verpassten wir immer mal wieder den richtigen Moment zur Umkehr und füllten uns die Gummistiefel mit Rheinwasser. Es war Ende Februar und das Wasser war kalt.

Wir kochten Tee im Topf über dem Lagerfeuer, an dem die Socken trockneten. „Naturrein“, sagte Dieter, als wir davon tranken. Es war der beste Tee, den ich in meinem Leben getrunken habe.

Ich wusste noch Jahre später, wer alles dabei war an diesem Tag. Heute bin ich mir nur noch bei vier Jungs sicher: Con war dabei, der eigentlich Thomas heißt, ein anderer Thomas, mein Bruder und ich. Die anderen? Ich hab da nur noch Vermutungen. Erinnerungen werden graduell blasser und unzuverlässiger mit den Jahren. Ich bin mir aber sicher, dass es Fotos gibt. Vielleicht findet sich jemand schickt sie mir zu. Es würde mich wirklich interessieren. (Nachtrag: Auf den Bildern sehe ich außerdem Stefan, Christoph und Kuno).

Ein Jahr später ist mir dann klargeworden, dass wir Jungs so etwas wie Versuchskaninchen waren. Dieter wollte ausprobieren, ob das funktioniert, die Sache mit dem Lagerfeuer, der Kiesbank, den Beilen, den drei Streichhölzern und dem Rhein. Denn ab dann gab es das jedes Jahr. Dieter nannte es „Die Trapperprüfung“ und wer sie bestand (natürlich bestand jeder), der bekam eine wirklich prächtige Urkunde und durfte sich fortan „Trapper“ nennen.

Wer Trapper war, der gab dem anderen Trapper auf bestimmte Art und Weise die Hand. Man spreizte dabei – so schnell, dass ein Außenstehender es nicht merken konnte – den kleinen Finger ab. Dieter nannte es den „Trappergruß“ und wir hatten das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein, Mitglieder eines Geheimbundes. Und im Grunde waren wir das auch.

Ich habe als Junge viele unfassbare Dinge erlebt. Chaos. Haarsträubende Improvisationen. Wahnsinn. Dieter konnte das alles. Er war damals so um die 40 und der mit Abstand verrückteste und phantasievollste Erwachsene, den ich kannte. Er hat uns allen beigebracht, dass krasse Ideen nicht verboten sind. Und dass es sehr einfach ist, sie umzusetzen. Man macht es einfach. Und kommt fast immer damit durch.

Vor ein paar Tagen ist Dieter gestorben. Das letzte Mal hab ich ihn vor vier Jahren gesehen. Damals bin ich in mein Dorf zurückgekommen, um mein Buch vorzustellen. Es ging darin um die Vergangenheit dieses Dorfes, ein dunkles Geheimnis. Ich wusste nicht, wie die Sache ausgehen würde. Die Schulaula war rappelvoll. Dieter – er war damals schon krank – saß im Publikum. Ich sah ihn, er schaute zu mir, streckte, wie es seine Art war, den Daumen in die Luft und nickte mir zwei Mal zu, während er die Augen schloss. „Alles gut gemacht“, sagte die Geste.

Dieter hat, als wir Jungs waren und nicht wussten, was wir sollten in der Welt, uns so lange erzählt, dass wir Trapper sind, bis wir selbst es glaubten. Nichts von all dem steht in Büchern. Man lernt es nicht an der Uni. Aber es hat mich und viele andere geprägt und uns einen Mut gegeben, der vermutlich für ein Leben reicht.

Heute sitze ich hier in Michigan, mehr als 4000 Meilen von meiner Heimat entfernt, und weiß nicht, ob ich mich je bei ihm dafür bedankt habe, dass ich einmal Trapper war. Ich hoffe, das liegt nur an meinem löchrigen Gedächtnis. Und nicht daran, dass ich etwas versäumt habe.