bookmark_borderAls Ann Arbor die größten 45 Minuten der Sportgeschichte erlebte

Vor einigen Tagen hat die Stadt ein historisches Jubiläum gefeiert. Naja. Hat sie nicht. Aber sie hätte können. Vor rund 85 Jahren hat sich hier auf dem Ferry Field (oben im Bild) nämlich der „größte Tag in der Geschichte der Leichtathletik“ zugetragen. Ich habe aus diesem Anlass eine kleine Pilgerfahrt dorthin unternommen.

Damals hat bei einem Uni-Wettkampf ein 21-jähriger Student aus Ohio innerhalb von 45 Minuten fünf Leichtathletik-Weltrekorde gebrochen und einen sechsten eingestellt. Nämlich über 100 yards, 220 yards Hürden, 200 Meter Hürden, 220 yards, 200 Meter und im Weitsprung (8,13 m – es war der erste offizielle Sprung eines Menschen über acht Meter. Der Rekord hat über mehr als 20 Jahre gehalten).

Angeblich hatte der Typ sich am Abend vorher sogar bei einer Balgerei leicht am Rücken verletzt. Sein Trainer soll über den Laufstil des jungen Athleten gesagt haben: „Von den Hüften an aufwärts bewegte er den Körper praktisch nicht – er hätte eine volle Kaffeetasse auf dem Kopf balancieren können und nichts davon verschüttet.“

Niemand interviewte den jungen Helden. Die Zeitungen sprachen nur von einem „Ohio State Negro“, der den Laden kräftig aufgemischt habe. Der Name des Mannes war Jesse Owens. Ein Jahr später holte er bei den Olympischen Spielen in Berlin vier Goldmedaillen und wurde zum größten Star der Spiele.

Heute erinnert eine Gedenktafel am Ferry Field an den großen Tag von Ann Arbor, den 25. Mai 1935. Sie unterschlägt zwei Weltrekorde: den über 200 Meter flach und den über 200 Meter Hürden. Die wurden Owens zusätzlich zugesprochen. 220 Yards sind nämlich ein bisschen länger als die 200 Meter – und Owens‘ Zeit war in beiden Läufen auch für die kürzere Strecke bis dahin unerreicht. Tja. Einer der wenigen Fälle, in denen die Amerikaner mal untertreiben (aber man muss sagen, dass die Leute hier im Mittleren Westen im Allgemeinen eh keine großen Aufschneider sind).

Wenn man in Ann Arbor eine Umfrage macht – ich wette, dass weniger als 20 Prozent der Leute jemals von der Jesse-Owens-Story gehört haben. Es ist nur Sport und es ist lange her. Aller Ruhm vergeht. Darf man nie vergessen. Trotzdem: ’ne Hammer-Geschichte, wie ich finde.

bookmark_borderVerschönerungstag

Heute war hier Feiertag: Memorial Day.
Ich so: „Worum geht’s da eigentlich?“
Antwort: „Wir denken an die Gefallenen in unseren Kriegen.“
Ich so: „An die Vietnamesen?“
Kam nicht gut an, der Scherz. In Zukunft: keine Witze mehr über so was.

Das Klischee über die Deutschen und ihre Feiertage lautet übrigens: „Ihr feiert andauernd irgendwas ‚because someone took a shit hundreds of years ago‘.“

Fest steht, dass der Memorial Day eine große Sache ist. Hat nach dem Bürgerkrieg angefangen und hieß damals „Decoration Day“, weil man da seine lokalen Gefallen-Gräber und Gedenksteine rausgeputzt hat. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde daraus dann der „Memorial Day“ – und ein gesetzlicher Feiertag.

Da es der Familie meiner Liebsten an toten Helden mangelt, haben wir einfach ein neues Kräuterbeet angelegt. Verschönerungstag im Privaten, sozusagen.

Trotzdem fallen mir mal wieder die kulturellen Unterschiede auf. Memorial Day ist immer am letzten Montag im Mai. Was bedeutet er den Kindern? Ich hab nachgefragt. Antwort: „Dass wir da keine Schule haben!“ Ehrlich gesprochen. Unser Volkstrauertag hingegen fällt bekanntlich immer auf einen Sonntag. Also nix mit keine Schule. Entsprechend: weniger Bedeutung. Wir denken da auch nicht an „unsere“ Gefallenen, sondern an die Opfer von Kriegen überhaupt. Sehr humanistisch gedacht, gefällt mir. Die Amerikaner machen das eher so, wie man das bei uns, äh, früher gemacht hat.

Vor rund zwei Wochen hat es hier in Ann Arbor ja noch geschneit. Vergangene Nacht haben wir den Deckenventilator angeschmissen: zu heiß. Heute dann 30 Grad. Aus diesem „Wetter“ soll mal einer schlau werden. Aber keine Klagen: Wir haben draußen unter den Bäumen Abendbrot gegessen und alles war sehr gut.

Heute gegen Mittag hat Nickis Sohn Kai eine Diskussion über den „bias“ in den Medien angezettelt. Seine Meinung: Alle Medien sind parteiisch. Es macht keinen Spaß. Wem soll man da noch glauben? Er denkt jetzt darüber nach, eine vollkommen unparteiische Zeitung an seiner Schule zu starten. „Nur Fakten, nix anderes.“ Das fand ich einerseits beeindruckend und andererseits auch verständlich. Die Medien hier berichten wirklich sehr parteiisch (auch CNN, leider). Nicht zu vergleichen mit dem, was man bei uns so vorgesetzt bekommt.

Ein Beispiel. Dieser Tage ist eine Analyse erschienen, die sich mit den Werbeausgaben von Donald Trump und Joe Biden befasst hat.

Man kann da schön ablesen, dass Joe Biden sehr viel Geld dafür ausgegeben hat, Spitzenkandidat der Demokraten zu werden. Seither hat er sich mit Werbeausgaben eher zurückgehalten. Donald Trump hat in den vergangenen zwei Wochen dagegen mächtig aufgedreht. Unterm Strich hat Biden seit Anfang März trotzdem mehr Geld ausgegeben. Nix Weltbewegendes, aber ganz interessant, oder?

Wirklich schräg wird, was Fox News vorhin daraus gebastelt hat. Fox ist ein Sender, der sehr auf der Seite von Donald Trump steht und es mit der Wahrheit nicht immer sehr genau nimmt. Fox macht aus der obigen Analyse: „Trump gibt im Anzeigenkrieg VIEL mehr Geld aus als Biden„. Wie sie das hinkriegen? Sie zählen nur die zweite Hälfte der Studie. Und schon ist die Story nicht mehr gelogen.

Da schüttelt der Jochen den Kopf und ärgert sich.

Andererseits haben wir neulich die Stadtgrenzen verlassen. 15 Minuten weit auf dem platten Land klebt noch immer dieser Aufkleber. Bush/Cheney 2004. Puh. 16 Jahre her. Wer waren damals die Gegenkandidaten? Wer weiß es noch so frei aus dem Ärmel? Ehrlich gesagt: Ich musste nachsehen. Es waren John Kerry und John Edwards. Die Wahlen von früher sind irgendwie noch länger her als die Zeitungsmeldungen von früher.

bookmark_borderEs fehlt etwas

Das sind die Kühltürme von Philippsburg. Dort bin ich neun Jahre lang zur Schule gegangen. Das Atomkraftwerk lag gleich ums Eck. Vor ein paar Tagen wurden die Türme gesprengt. Im Fernsehen ist ein Beitrag dazu gelaufen, in dem die Leute von „Wehmut“ sprechen – als hätte man ihnen den Kirchturm weggenommen: Es fehlt etwas, wenn man aus dem Fenster schaut. In den Klassenräumen des Gymnasiums (das – Ironie – vor ein paar Wochen übrigens abgebrannt ist) hat meine Deutschlehrerin mich damals ein Gedicht von Andreas Gryphius auswendig lernen lassen, das ich immer noch mag: „Wo heute Städte stehn, wird eine Wiese sein, auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.“ So ist es jetzt gekommen. Gleich doppelt. Passt alles.

Musste heute an Sebastian Junger denken. Das ist ein amerikanischer Reporter, der mit seinem Buch „The Perfect Storm“ berühmt geworden ist (das später mit George Clooney verfilmt wurde). Anfang der 2000er hab ich Junger mal getroffen, als er in Hamburg war, um sein nächstes Buch zu vermarkten. Interessanter Typ. Er wirkte ein bisschen wie die wetterzerfurchten Fischer, Soldaten und Frontkämpfer, von denen seine Geschichten erzählen: durchtrainiert, mager, hart, melancholisch und seltsam deplatziert in der aufgeräumten Welt des Westens. Vor vier Jahren hab ich dann wieder ein Buch von ihm in die Hände gekriegt. Es hieß „Tribe“ und handelte davon, dass … naja … die Leute sich irgendwie nach Krieg und Krisen sehnen. Und nach dem Zusammenleben in der Stammesgemeinschaft. Frieden und Kleinfamilie, so Junger, sind ein Irrweg und machen nicht glücklich.

In der Coronakrisen hab ich tatsächlich kleine Gesten von Zusammenhalt erlebt. Kollegen von Nicki, die ungefragt Hefe vorbeibringen, Bier, Sauerteigstarter, Hundefutter und dergleichen. Hier in der Straße hat Nicki einen Email- und Telefonverteiler erstellt, damit die Leute sich besser kurzschließen können. Aber das sind Geschichten am Rand, nicht unser Alltag.

Jungers Buch hat eher gemischte Kritiken bekommen. Aber weil ich selbst ein alter Kollektivist bin, hat es mich damals angesprochen. Die Coronakrise ist keine Zeit für die Stammesgemeinschaft. Die Leute leben halt allein oder in der Kleinfamilie. Der Rest der Menschheit ist zur Gefahr geworden, die einem den Tod bringt (oder zumindest eine Krankheit, die sehr unangenehm sein kann). Und obwohl viele sich irgendwie eingerichtet haben, würde ich doch mal behaupten: Es fehlt uns was. Vielleicht der Stamm oder so etwas in der Art? Keine Ahnung.

Auf unserem Spaziergang mit Coco haben wir im Wald eine etwa 80 cm lange Schlange gesehen. Vermutlich handelt es sich um eine Eastern Garter Snake, die im Deutschen den fast schon demütigenden Namen „Gewöhnliche Strumpfbandnatter“ trägt. Harmloses Tier. Kein Gift. Sozusagen die Ringelnatter der neuen Welt. Boring. ABER: eine Schlange. Also viel besser als nichts.

Hier kommen jetzt immer mehr Vögel zu den Futterhäuschen. Nachdem die Nachbarin von 44 verschiedenen Arten berichtet hat, ist uns klar geworden, dass wir mit Petersons schlankem Büchlein „Birds. The concise field guide to 188 common birds of North America“ an unsere Grenzen stoßen. Mal wieder ist das Netz schlauer: Die Seite Ebird.org zeigt sämtliche Arten, die von leidenschaftlichen „Birdern“ in der jeweiligen Gegend gesichtet wurden, die man eingibt. Die Beschreibungen der einzelnen Arten sind reine Poesie. Kein Zweifel: Hier hat die Liebe manchem Vogelfreund die Feder geführt. Ein Beispiel? „Männchen mit elegantem, schwarzem Latz, hellem, rötlichem Nacken und fantastisch gemusterten Flügeln mit glänzendem Beige und Braun.“ Diese Jubelbeschreibung bekommt auf ebird.org kein anderer als der Hausspatz, sozusagen das Graubrot unter den Singvögeln. Bin gespannt, wie viele Vogelarten wir hier noch sehen, jetzt, wo das Netz uns die Augen dafür geöffnet hat.

bookmark_border„Zum Knochenkotzen“ – noch sieben weitere Erinnerungen an Dieter Blau

Eigentlich wollte ich heute was über Twitterdaten aus Michigan schreiben und was sie über den Seelenzustand der Bürger verraten (nichts Gutes), aber dann ist mir aufgefallen, dass ich nach deutscher Zeit gerade 51 Jahre alt geworden bin. Jeder Geburtstag nach dem neununddreißigsten macht die Leute melancholisch und deshalb habe ich beschlossen, mich noch ein viertes Mal auf einen Trip in die Vergangenheit zu begeben. Vor genau einem Monat ist Dieter Blau gestorben, der meine Kindheit, die meines Bruders und vieler anderer Jungs in unserer Gegend geprägt hat. Und dies sind ein paar Erinnerungen, die mich in den vergangenen Wochen heimgesucht haben.

1. „Zum Knochenkotzen“

Anfang der 1980er Jahre sind wir mit Dieter Blau für zwei Wochen nach Krelingen gefahren. Das ist ein kleiner Ort in der Nähe von Walsrode. Den Zeltplatz hab ich schon neulich beschrieben. Wenn man ein Stück weiter am Feldweg durch die Hecke ging, kam man auf das Gelände des „Geistlichen Rüstzentrums Krelingen“. 

Die Krelinger sind Pietisten – es gab also eine enge innere Verbindung zu dem, was bei uns im CVJM so geglaubt und gelehrt wurde. Der Chef des Ladens war ein Mann namens Heinrich Kemner. Er ging schon stark auf die 80 zu, was mir damals sehr alt vor kam. Kemner war eine ausgesprochen charismatische Erscheinung. Ich weiß noch, wie wir regelmäßig in seine Bibelstunden und am Sonntag in seinen Gottesdienst gegangen sind. Damals gab es bei uns im Dorf den Spruch: Eine Predigt darf über alles gehen, nur nicht über 20 Minuten. Kemner hat eine komplette Stunde lang gepredigt und ich habe die ganze Zeit zugehört, ohne wegzudösen. Beides war mir neu. 

Dabei hat Kemner einmal die Redewendung „zum Knochenkotzen“ gebraucht. Es ging, wenn ich das richtig erinnere, um die Liebe zu einem Mädchen. Er hat es gefühlt, er hat gebrannt – und doch entsagt. Denn er hat geglaubt, dass Gott das so will. All das hat Dieter sehr gut gefallen und er hat die Formulierung danach häufig gebraucht und sogar den Tonfall Kemners imitiert. Verzicht ist „zum Knochenkotzen“. Und dazu gab es – Stichwort: Pietismus – bei uns damals reichlich Gelegenheit.

2. Der Klang der Raviolidose

Dieter hatte in Krelingen ein Luftgewehr und jede Menge Munition dabei. Am ersten Abend gab‘s Ravioli. Die Dose war groß genug, um zwei VW-Busse voller Halbwüchsiger damit zu sättigen. Nach dem Abendessen haben wir ein Loch in den Boden der leeren Konserve gemacht, eine Schnur hindurchgezogen und die Dose an dieser Schnur über den Ast einer großen Eiche geworfen, die jenseits einer Weide in der Nähe unseres Zeltplatzes stand. 

Danach haben wir – wann immer uns danach war – auf diese Dose geschossen. Ein Treffer ergab ein hörbares „Klong“. Kein Treffer, kein „Klong“. Es gab natürlich Regeln. Man musste sich das Gewehr und die „Diabolo“-Kugeln bei einem der Erwachsenen abholen und zumindest zu zweit sein. Laxe Regularien waren das, schon für damalige Verhältnissen. Das war uns allen klar und wenn ich mich richtig entsinne, hat es unseren Respekt vor Dieter eher erhöht. Er hat uns was zugetraut.

3. Randale 127 Meter über Hamburg

Irgendwann sind wir, wo wir schon mal so weit oben im Norden waren, natürlich auch nach Hamburg gefahren. Dort und in der Gegend wohne ich seit mehr als 20 Jahren (auch wenn ich seit einiger Zeit auch viel in Michigan bin). Damals kam mir die Stadt sehr groß vor. Was hätte man dort nicht alles machen können! Dieter jedoch hatte seinen eigenen Plan. Wir fuhren – leidlich gewaschen, wie wir waren – per Aufzug in das Restaurant, das es damals noch oben im Fernsehturm gab. 127 Meter über der Stadt. 

Das Ding drehte sich permanent: Eine Runde dauerte eine Stunde. Danach musste man wieder Platz machen für die nächsten Gäste. Dieter hatte herausgefunden, dass es dort oben eine Art „All you can eat“-Tortenbar gab. Und ich würde mal sagen, dass das aus Sicht der Betreiber an diesem Tag ein großer Fehler war. Dieter hatte schon am Tag zuvor verkündet, dass wir dort oben ein Tortenwettessen veranstalten würden. Etwa 15 Minuten, bevor unsere Schicht zu Ende war, meinte der Kellner, dass es jetzt mal langsam gut sei mit dem Kuchen und dass wir genug gehabt hätten.

Dieter hat dann, wie er es später formuliert hat, ein wenig „randaliert“. Fünf Minuten später gab es dann plötzlich doch neuen Kuchen. Aber mir war zu diesem Zeitpunkt bereits schlecht und den meisten anderen wohl auch, denn bei den Backwaren handelte es sich um industriell gefertigte Tiefkühlware mit hohem Sahneanteil. Ich glaube mich zu erinnern, dass Friedemann als einziger fünf (oder sechs?) große Stücke davon geschafft hat. Aber gut. Für einen Laden, der sich ansonsten auf magenkranke Rentner spezialisiert hatte, waren wir ganz sicher einer Art Grenzerfahrung. 

4. „Ich will sterben“

Am Donnerstag hatten wir immer unsere Jungscharstunde. Die meisten von uns befanden sich in dieser merkwürdigen Übergangszeit, in der die Latenzphase sich ihrem Ende zuneigt. Der Testosteronpegel beginnt zu steigen. Das ist das Alter, in dem die Jungs zwar noch nicht komplett den Mädchen hinterherrennen, aber schon viel zu viel Energie haben. Dieter wusste das alles: In der ersten halben Stunde hat er nie Programm gemacht, sondern uns raufen lassen. Er nannte unser Treffen den „Nahkampfdonnerstag“. Er hat auch ein paar Regeln aufgestellt. Schlagen und Treten war verboten, im Wesentlichen war alles okay, was auch beim Ringen erlaubt war. Verloren hatte man aber nicht, wenn man auf beiden Schultern lag. Man musste für alle hörbar „ich will sterben“ rufen. Dann musste der andere aufhören. Bei den Romanschriftstellern (Stichwort: „Heldenreise“) läuft das genau so wie in der Ostergeschichte: Der Held muss sterben und neu geboren werden, um seinen Leuten davon zu berichten. Nur so wird ein Schuh aus der Sache. Tatsächlich ist das Kind in uns bald danach gestorben. Und wir wurden Jugendliche und irgendwann: erwachsen.

5. „Oxyd“

An diese Geschichte hat mich neulich mein Bruder Martin erinnert. Damals in den 1980er Jahren hatten die meisten Autos noch Rostprobleme. Wenn jemand ein altes Auto besaß, hat Dieter gesagt: „Da kommt er angefahren mit seinem Oxid.“ Schließlich handelt es sich beim Rost um oxidiertes Eisen. Dieter hat das Wort allerdings gesprochen, als würde man es mit Y schreiben statt mit einem I: Oxyd. Vielleicht, um einer Verwechslung mit dem römischen Dichter Ovid vorzubeugen? In dessen „Ars amatoria“ geht es nämlich alles andere als jugendfrei zu.

6. „Agschd“

Auch hieran hat mich Martin erinnert: Aus irgendwelchen Gründen hatte Dieter etwas dagegen, zu einem Messer „Messer“ zu sagen. Vielleicht wollte er uns auch nur zu lateralem Denken anregen, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat er zu einem Messer immer „Axt“ (im Dialekt: „Agschd“) gesagt – und jeden korrigiert, der es gewagt hat, das Wort „Messer“ im Munde zu führen. Eine wirkliche Axt war bei ihm einfach ein „Beil“. Tja. Das ist es schon. Kein Gag. Keine Pointe. Reine Chronistenpflicht.

7. Kommunikation schlägt Sicherheit

Dieter fuhr lange Zeit einen weißen VW-Bus Baujahr 1975. Der hatte zwei Rückbänke, auf der jeweils drei Leute sitzen konnten. Die Bänke waren natürlich in Fahrtrichtung ausgerichtet. Dieter fand das aber irgendwann zu unkommunikativ. Also hat er die vordere Bank umgedreht. Drei Leute fuhren sozusagen rückwärts, man konnte einander, wenn man hinten saß, ansehen und miteinander reden. Soziologen würden Beifall klatschen, sofern sie sich mit sozialer Netzwerktheorie auskennen. Ich habe das neulich mal von Hand ausgerechnet (und dann erfahren, dass das schon jemand vor mir gemacht hat): Wenn drei Leute miteinander reden, gibt es genau fünf Kombinationsmöglichkeiten. Bei sechs Leuten sind es schon 203 – ein Ozean aus Vielfalt! Uns allen war klar, dass die umgedrehte Bank deutlich schlechter gesichert war. Aber nicht nur Dieter, sondern auch wir waren bereit, diesen Preis zu bezahlen. Kommunikation schlägt Sicherheit. Außerdem waren wir im Auftrag des Herrn unterwegs und waren sehr davon überzeugt, dass uns schon nichts passieren würde. Ich glaube, das waren im Wesentlichen schöne Zeiten, und ich bin dankbar, all das erlebt zu haben.

bookmark_border3. Erinnerung an Dieter Blau: der „Karl-August-Stein“

Steine CVJM Sportplatz Plätzle Graben-Neudorf

Wieder eine Geschichte über Dieter Blau, die in meiner alten Heimat in Baden spielt. Wenn man von Graben nach Liedolsheim fährt, dann sieht man irgendwann links den Sportplatz des CVJM. Er liegt genau am Übergang vom sandigen Hochgestade zum schwarzerdigen Tiefgestade. Vom Hang her wird das Areal durch eine Art Geländer begrenzt. Und wenn man sich dessen Stützen ansieht, dann denkt man: hm! Das sind nämlich sehr massige Sandsteine mit einem Loch im oberen Drittel. Die Dinger sind für ihren Job deutlich überqualifiziert. Warum stehen die da?

Das Bild oben hat mir meine Mutter geschickt (tausend Dank!). Dieter Blau, an den ich dieser Tage viel denken muss, hat einen dieser Brocken oft den „Karl-August-Stein“ genannt. Und das kam so.

Es war Sommer. Unsere Eltern befanden sich auf einer Lustreise, weshalb meine seligen Großeltern für uns zuständig waren. Sie wohnten auf dem Nachbargrundstück; wir gingen einfach durch den Garten und dann gab’s dort immer ein tüchtiges Mittagessen. Meine Oma Martha konnte gut kochen.

An diesem Tag hatte Dieter meinen Bruder Martin und mich einbestellt – „für eine Sklavenarbeit“, wie er meinte. Also kletterten wir und ein paar andere Jungs in Dieters VW-Bus und dann ging’s los. In der Nähe von Rheinsheim bogen wir von der Straße ab in einen ziemlich verwachsenen Weg. Dort begann, überwuchert von Bäumen, Büschen und sonstigem Grünzeug, die Rampe für eine große Brücke, die ich noch nie gesehen hatte. 

Heute weiß ich, dass es sich dabei um die alte Eisenbahnbrücke hinüber nach Germersheim handelte. Das Ding stammt aus dem Jahr 1877 und trägt alle Merkmale der damaligen Zeit. Nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich war einfach zu viel Geld in der deutschen Staatskasse, und das hat man dann mit beiden Händen ausgegeben. Alles fiel damals eine Nummer zu groß aus. Da machte auch das Geländer am Streckenrand keine Ausnahme. Und auch nicht die massigen Sandsteine, die es stützten. 1945 hat man die Brücke dann gesprengt, weil die eigenen Soldaten gerade den Fluss überquert hatten und man nicht wollte, dass die Leute, die in der anderen Mannschaft spielten, genau so bequem über den Rhein kommen konnten. 

Rund eine Woche später sind sie dann doch über den Rhein gekommen, aber das ist eine andere Geschichte, die ich anderswo beschrieben habe.

Dieter hatte in seinen Bus Seile, Arbeitshandschuhe und eine Reihe von Rundhölzern geladen. Wenn ich mich recht erinnere, hielt er uns während der Fahrt einen Vortrag über die ehrenvolle Arbeit der Israeliten im alten Ägypten und wie sie die schweren Steine „allein mit Muskelkraft“ auf die Pyramiden hatten schleppen müssen. „Und genau das machen wir heute auch, damit ihr mal wisst, wie das war!“

Als wir schon ein gutes Stück in die grüne Wildnis gegangen waren, sahen wir, wovon Dieter gesprochen hatte. Da lag ein sehr großer Sandstein. Jemand (vermutlich Dieter) musste ihn an den Tagen zuvor ausgebuddelt haben. Am oberen Ende des Sandsteins befand sich ein Loch. Durch das führten wir die Seile, dann legten wir die Rundhölzer auf die Erde und zogen den schweren Brocken darauf Zentimeter für Zentimeter in Richtung VW-Bus. „So hat man das in Ägypten auch gemacht“, sagte Dieter. Das hat uns sofort eingeleuchtet.

Jedes Holz, über das der Steinriese hinweggeruckelt war, musste natürlich herausgezogen und dann wieder vor den Stein gelegt werden. Ich weiß noch, wie wir uns abgemüht haben und ich dabei dachte: „Das wird nie was.“ So ging das über Stunden. Heute muss ich mich darüber wundern, dass Dieter mich überhaupt mitgenommen hat, denn ich war weder groß noch stark und für die Aufgabe kaum zu gebrauchen. Vermutlich hat man mir die Sache mit den Rundhölzern überlassen, weil das nicht so schwer war. Aber das weiß ich nicht mehr so genau. 

Dass wir den Stein tatsächlich an und schließlich auch IN den Wagen gebracht haben, dass er dabei niemandem eine Hand oder einen Fuß plattgemacht hat, dass die Achsen und der Boden von Dieters VW-Bus den Transport schadlos überstanden haben – all das kommt mir heute wie purer Irrsinn vor. Was haben wir Glück gehabt!

Naja. Dann sind wir jedenfalls direkt zum CVJM-Sportplatz gefahren, haben da an der Böschung ein Loch gebuddelt, den Stein reinstellt, den Rest des Loches mit Erde aufgefüllt und alles ordentlich festgetrampelt. Kann auch sein, dass das Loch schon vorher da war. Fertig war jedenfalls die Sklavenarbeit. (Nachtrag: Mein Bruder sagt, dass wir den Stein an diesem Abend unten am Sportplatz einfach mitten in den Weg gepflanzt haben; und das stimmt. Der Stein hat am Anfang in erster Linie genervt und besaß ansonsten keinerlei Funktion.)

Ich erinnere mich noch, wie wir nach Hause kamen, es war nach 22 Uhr und natürlich schon dunkel. Wir hatten Übermenschliches geleistet und erwarteten, von unseren Großeltern entsprechend gepriesen zu werden. Kam natürlich anders. Opa Karl (laut Taufschein: Karl August) war stinksauer, Oma Martha voller Sorge.

Und weil Dieter Blau unseren Großvater kannte und wusste, dass er ein rauher Knochen war wie er selbst, hat er meinem Bruder Martin und mir gegenüber noch lange seine Späße über diesen Tag gemacht und den Stein scherzhaft den „Karl-August-Stein“ genannt.

Das war eine richtige Dieter-Aktion. Sie sah aus wie Wahnsinn, doch sie hatte Methode und war Teil eines ausgeklügelten Plans. Dieter wollte alle davon überzeugen, dass die vergessenen Steine von der alten Rheinbrücke unbedingt eine neue Heimat brauchten – und unser Sportplatz unbedingt ein neues Gelände. Und genau so ist es am Ende gekommen. Es hat davor und danach viele andere seiner „Arbeitseinsätze“ auf dem Sportplatz gegeben. Das hier aber war – zumindest für mich – der krasseste von allen. Das Geländer steht jedenfalls noch heute. Und mein Bruder, ich und die anderen, die dabei waren, haben spätestens an diesem Tag gelernt, dass es schwer in Ordnung ist, sich für etwas anzustrengen, das bleibt. Selbst (oder erst recht), wenn’s für andere bleibt und nicht nur für einen selbst.

bookmark_borderNoch ein paar Erinnerungen an Dieter Blau

Ishi hat mir nach meinem Eintrag über Dieter Blau von vor drei Tagen ein paar Bilder geschickt. Eins davon möchte ich hochladen. Es zeigt Dieter mit meiner Schwester Heike am Rhein bei einer „Trapperprüfung“. Beide sehen glücklich aus und genau das will ich heute nochmal festhalten. Es ist für niemanden einfach, die Kindheit zu verlassen und ein Teenager zu werden. Das Kind, das man war, muss sterben, um Platz zu machen für das, was kommt. Jeder durchlebt dabei seine eigene Heldenreise – ohne Schrecken läuft das selten ab. Dieses Foto hier erzählt von den guten Tagen: Meine große kleine Schwester lächelt, Dieter Blau trägt ein Outfit, das deutlich modischer ausfällt an in meiner Erinnerung.

In den vergangenen Tagen haben ziemlich viele Leute geschrieben oder angerufen und dann haben wir alte Geschichte ausgetauscht. Ein paar davon will ich aufschreiben: eine kleine Sammlung von „Dieterismen“. Es gab viele davon. Ich möchte mich auf die Guten und Verrückten beschränken.

  1. Jemandem einen Daumen geben. Die Amerikaner geben einander „High Five“, wenn jemand etwas gut gemacht hat. Dieter hat in solchen Fällen gesagt: „Komm her, Du bekommst einen Daumen.“ Dann musste man seinen Daumen ausstrecken, er hat seinen Daumen auch ausgestreckt und dann hat man die Innenflächen der Daumen aneinander gedrückt und die Hand um 180 Grad im Uhrzeigersinn gedreht mit dem Daumenkontakt als Achse. Zumindest ist es das, woran ich mich erinnere. War keine seiner maximal erfolgreichen Ideen, aber er hat das über Jahre durchgezogen. Er wusste: Auch ein schlechter Gag wird gut, wenn man ihn oft genug wiederholt. Das hab ich mir gemerkt und bis heute oft beherzigt.
  2. Den VW-Bus umrunden. Wenn wir an einer roten Ampel anhalten mussten, hat jemand die Schiebetür aufgerissen und dann sind alle um den VW-Bus herumgerannt und wieder eingestiegen – meist waren wir schnell genug, um es bis zur nächsten Grünphase zu schaffen. Wer Zeuge wurde, hat sich in der Regel gefreut. Das haben wir noch über Jahre so gemacht, auch als wir längst nicht mehr in Dieters Gruppe waren.
  3. Den Brotlaib längs aufschneiden. Zu Ostern sind wir immer mit vielen Leuten in den Wald gegangen (in den „Kammerforst“, den einzigen Wald um unser Dorf, der nicht der Gemeinde gehört) und haben Lachsbrote gegessen. Ich weiß noch, wie Dieter uns angewiesen hat, Brotscheiben von den langen Zweipfünder-Laiben zu schneiden. Natürlich haben wir das Messer quer über das Brot gelegt. Dieter meinte dann: „Ihr wisst wohl nicht, wie man Brot schneidet!“ Dann hat er den Brotlaib gedreht und ihn längs aufgeschnitten. Das waren sehr lange Scheiben. Dann: Butter, Räucherlachs und jede Menge Zwiebelringe. Das gab’s dann jedes Jahr zu Ostern. War nicht leicht zu essen, aber unverwechselbar.
  4. Die „Enten“. Das Foto mit meiner Schwester ist der Beweis: Irgendwann haben die Jungs gemeinsame Veranstaltungen mit den Mädchen unternommen. In Dieters Sprache waren die Mädchen „die Enten“. Aus heutiger Sicht scheint mir die Bezeichnung nicht mehr politisch korrekt zu sein. Es hat die Sache damals aber leichter gemacht und uns über die erste Peinlichkeit hinweggeholfen. Zumindest für uns Jungs. Für die Mädchen vielleicht auch? Ich weiß es nicht.
  5. Lahme Lieder in großartige Lieder verwandeln. In der „Jungschar“, der Kindergruppe des CVJM, haben wir immer viel gesungen, vor allem Lieder aus der Mundorgel. Was bei Dieter besonders war: Er hat uns manchmal die lahmsten Lieder singen lassen und sie so lange zu Meisterwerken erklärt, bis wir’s geglaubt haben. Mein Bruder Martin hat den größten dieser Hits vor ein paar Tagen aufgenommen und auf Youtube hochgeladen. Ich konnte noch jedes Wort mitsingen nach all den Jahren. Das war schön.
  6. Eine Art Uniform erfinden. Meine Schwester Heike trägt auf dem Bild oben einen ungewöhnlichen Pullover. Er war blau mit einem sehr groß aufgebügelten CVJM-Logo. Für die meisten, die bei Dieter in der Gruppe waren, galt es sozusagen als Pflichtübung, das Ding zu erwerben und regelmäßig anzuziehen. Die meisten von uns haben das auch gemacht. Ich weiß noch, wie jemand uns mal als „Uniformierte“ bezeichnet hat. Hab ich damals nicht verstanden, stimmte natürlich trotzdem. Der Pullover hat so ziemlich alle Funktionen einer Uniform erfüllt: Gruppenzusammenhalt; das Gefühl, nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle anderen zu stehen (und sich deshalb einigermaßen benehmen zu müssen); Werbung nach außen. Dieter Blau hat da viel von den Pfadfindern gelernt, denen wir in vieler Hinsicht ähnlich waren.
  7. Das Plumpsklo im Brennnesselwald. Anfang der 1980er Jahre sind wir auf eine Freizeit in die Lüneburger Heide gefahren. Wir haben da 14 Tage lang gezeltet auf einem von mehr als zwei Meter hohen Brennnesseln bewachsenen Grünstreifen längs eines Feldwegs. Ich glaube nicht, dass Dieter wusste, wem das Gelände gehört und er hat auch ganz sicher keinen um Erlaubnis gefragt. Er ist einfach aus seinem VW-Bus gestiegen und hat gesagt: Hier bleiben wir. Dann hat er jedem eine Sichel in die Hand gedrückt, wir haben die Brennneseln geschnitten und unsere Zelte aufgebaut. Dann haben wir in den verbliebenen Brennnesselwald einen schmalen, gewundenen Pfad geschlagen, irgendwann eine Lichtung gemacht, eine Grube ausgehoben und aus Holz ein Plumpsklo darübergestellt. Am Anfang des Pfades stand eine Stange mit Wimpel. Wer auf die Toilette musste, hat die Fahne mit auf die Lichtung genommen. „Keine Fahne“ hieß: besetzt. Die meisten haben die Fahne am Ende wieder zurück an ihren Platz gestellt.
  8. Geschichten erzählen und sich dabei selbst überraschen. Dieter hat – als Programmpunkt in den Jungscharstunden – sehr gerne Geschichten erzählt. Manche waren geplant oder sogar vorgelesen. Aber das war eigentlich nicht so sein Ding. Viele Geschichten waren komplett improvisiert. Dieter wusste selbst nicht, was den Helden als nächstes widerfahren würde. Die dramatischen Effekt waren meist extrem. Dieter fuchtelte dann mit den Armen, er rief und schrie die Dialoge durch den Raum. Das war große Kunst – zumindest, wenn er in Form war.
  9. Die Schlitten am VW-Bus. Im Winter, wenn Schnee lag, haben alle ihre Schlitten zur Jungscharstunde mitgebracht. Wir haben dann mit Stricken einen Schlitten an den anderen gebunden – und den vordersten Schlitten an die Anhängerkupplung von Dieters VW-Bus. Und dann ging’s ab durch die Nacht. Natürlich fuhr er dauernd Schlangenlinie, um den Spaß zu erhöhen. Ich meine mich zu erinnern, dass der Wagen einmal nach einer besonders gewagten Wendung auf zwei Rädern fuhr. Vielleicht eine falsche Erinnerung. Davon haben wir alle eine Menge.
  10. „Mit einem Bein im Gefängnis.“ Dieter Blau hat sehr oft gesagt: „Wenn du eine Jungschargruppe leitest, dann stehst du mit einem Bein im Gefängnis.“ So, wie er die Gruppe geleitet hat, war der Satz ganz sicher korrekt.
Martin und der Ochsenwagen

bookmark_borderAls ich ein Trapper war

Es war kalt, wie meist an den Faschingstagen. Wir stiegen, sechs oder sieben Jungs, in den alten, orangefarbenen VW-Bus. Vorher hatten wir Beile, Äxte, Sägen und Dieters neuen Spalthammer auf die Ladefläche gepackt. Und einen Topf. (Nachtrag: Ich hab jetzt dankenswerterweise von Jörg ein paar Bilder von damals bekommen und muss zwei Dinge korrigieren. Erstens: Dieters VW-Bus war natürlich weiß; der orangefarbene VW-Bus gehörte Hartmut; zweitens: auf einem der Bilder sieht man Räder im Hintergrund; sind wir bei diesem „Trappertag 0“ mit den Rädern an den Rhein gefahren?; vermutlich; eines der Räder sieht verdächtig nach meinem Rad aus; alles vergessen. Ich war damals elf Jahre alt).

Dann fuhren wir an den Rhein. Dort, wo der Weg den Hochwasserdamm quert, steht links ein altes Fachwerkhaus. Eine Gastwirtschaft, in die ich, wenn ich so drüber nachdenke, nie einen Fuß gesetzt habe.

Früher stand hier ein ganzes Dorf. Die Leute hatten ihre Äcker, ihre Wiesen, sie fingen Fische im Fluss. Wenn man den alten Berichten traut, dann ging’s denen sehr gut und sie haben immer tüchtig gefeiert. Aber dann kam jemand auf die Idee, den Fluss zu begradigen (wegen der Wirtschaft und so) und auf einmal lagen die meisten Äcker und Wiesen auf der anderen Seite des Flusses und die Dörfler wohnten plötzlich in einem anderen Land. Alle paar Jahre passierte dann ein anderer Mist und irgendwann haben sie das Dorf einfach aufgegeben. Ist ne andere Geschichte. Ich wollte schon immer mal drüber schreiben und eines Tages mach ich das auch.

Jedenfalls führte der Rhein an diesem Tag wenig Wasser, so dass die Kiesbank kurz vor Flusskilometer 379 bis fast zur Fahrrinne trocken lag. Die Kiesel da sind die besten, die man sich denken kann. Die Strömung hat sie schön glatt gemacht in all den Jahren. Manche sind ganz flach und man kann sie über die Wellen hüpfen lassen.

Dieter stoppte den VW-Bus an der Kiesbank und wir stiegen aus (wie gesagt; vielleicht ist das eine falsche Erinnerungsspur; 1982, ein Jahr später, sind wir jedenfalls mit den VW-Bussen zur Kiesbank gefahren). Bis dahin war das alles nicht ungewöhnlich. Denn Dieter und wir fuhren eigentlich jeden Sonntag an den Rhein. Nach dem Gottesdienst trafen wir uns vor der Kirche und Dieter meinte, um nach Hause fahren zu können, müsse er seinen VW-Bus, weil er eben in die falsche Richtung zeigte, unbedingt „am Rhein wenden“. Wir fuhren an den Fluss, gingen spazieren, warfen Steine ins Wasser und was weiß ich. Es war ein Ritual. So ging das über viele Jahre.

An diesem Tag aber lief die Sache anders. Dieter meinte: „So, Jungs, heute will ich mal sehen, ob Ihr das Zeug dazu habt, Trapper zu werden.“ Die meisten von uns hatten Karl May gelesen oder zumindest die Hörspiele gehört oder sogar die Filme gesehen. Trapper. Das waren Leute, die im Wilden Westen klarkamen. Sie konnten Biber fangen, in der Wildnis überleben. Sie wussten, wie man Feuer macht. Und genau darum ging’s. Dieter meinte: „Ihr müsst jetzt ein Lagerfeuer machen. Nur mit dem, was die Natur euch gibt. Also ohne Papier. Ihr habt drei Streichhölzer, danach muss das Ding brennen.“

„Nur, was die Natur euch gibt“ – das ist später über viele Jahre eine Art Witz geworden, ein geflügeltes Wort. Denn die Natur gab uns da draußen eine ganze Menge. Der Wasserstand des Rheins ändert sich oft rapide innerhalb weniger Tage. In den Wäldern unter den Pappeln am Ufer, da sammeln sich die abenteuerlichsten Gegenstände. Der Fluss bringt sie mit aus der Schweiz und aus dem Alemannischen. Und dann bleiben sie hängen zwischen den Büschen, Bäumen und Hecken. Plastikbehälter, Schnaps-, Wein und Bierflaschen, Tablettendosen, keine Ahnung was. Ich hab so viele Einzelheiten vergessen über die Jahre.

Jedenfalls gingen wir los in den Wald und holten Holz. Große Äste, kleine Äste, trockenes Gras als Zunder. Wir sägten, spalteten und hackten. Und dann haben wir ein Lagerfeuer gemacht. Vielleicht auch zwei, das weiß ich nicht mehr so genau. Und wir haben es hingekriegt mit drei Streichhölzern.

Irgendwann kam noch eine andere Jungsgruppe, die auch wie wir zur „Jungschar“ gehörten, also zu den unter-14-Jährigen beim CVJM, sozusagen zur örtlichen Kirchenjugend.

Dieter meinte, das sei die perfekte Gelegenheit für einen kleinen Wettkampf. Er stellte seinen Topf in die Mitte der Kiesbank und zog einen Kreis drumherum, vielleicht so mit einem Radius von vier, fünf Metern. Und dann meinte er: Jede Gruppe muss versuchen, den Topf so schnell wie möglich mit Steinen zu füllen. Er hatte eine Stoppuhr dabei. Ich weiß nicht mehr, wer gewonnen hat. Vermutlich also die anderen.

Danach fragte Dieter: „Wer weiß, was heute Tageslese ist?“

Das muss man erklären. Es gab in der Kirchengemeinde ein Buch, in dem für jeden Tag des Jahres eine Stelle aus der Bibel angegeben war. Die las man sich vor – zum Frühstück, beim Abendessen. Mein Bruder und ich teilten uns damals ein Zimmer. Wir lasen die Stelle immer gemeinsam vor dem Schlafengehen. Danach stand in dem Buch noch ein Kommentar dazu. Das ist die „Bibellese“. In meinen Kreisen galt es als eine allgemein akzeptierte Annahme, dass dies zu den unabdingbaren Gewohnheiten eines gutes Menschen gehört.

Jedenfalls glaube ich mich zu erinnern, dass mein Bruder Martin damals als einziger wusste, was an diesem Tag gelesen wurde. Buch, Kapitel, Vers. Zack! Martin ist Pfarrer geworden. Man hätte es sich denken können. Ich war sehr stolz auf ihn. (Nachtrag: Vergangene Nacht kam mir der Gedanke, dass es sich um eine Stelle aus dem Markusevangelium handelte; ich werde das nachprüfen).

Natürlich kamen an diesem Tag dauernd Frachtschiffe vorbei. Sie fuhren hinauf nach Karlsruhe oder hinunter nach Duisburg oder Rotterdam. Und bei jedem Kahn spielten wir dasselbe Spiel. Es war im Grunde genau der Effekt, den man später über den Tsunami lesen konnte: Der Sog des Schiffes zog das Wasser hinaus in die Fahrrinne. Wir liefen hinterher, so weit wir konnten, über den freigelegten Kies. Jeder Lauf zum Wasser war ein Pokerspiel. Denn irgendwann, das war klar, würden von hinten die Wellen kommen. Und sie kamen schnell – umso schneller, je größer und schneller das Schiff unterwegs war. Alles, was flussabwärts fuhr, war also gefährlich. Und natürlich verpassten wir immer mal wieder den richtigen Moment zur Umkehr und füllten uns die Gummistiefel mit Rheinwasser. Es war Ende Februar und das Wasser war kalt.

Wir kochten Tee im Topf über dem Lagerfeuer, an dem die Socken trockneten. „Naturrein“, sagte Dieter, als wir davon tranken. Es war der beste Tee, den ich in meinem Leben getrunken habe.

Ich wusste noch Jahre später, wer alles dabei war an diesem Tag. Heute bin ich mir nur noch bei vier Jungs sicher: Con war dabei, der eigentlich Thomas heißt, ein anderer Thomas, mein Bruder und ich. Die anderen? Ich hab da nur noch Vermutungen. Erinnerungen werden graduell blasser und unzuverlässiger mit den Jahren. Ich bin mir aber sicher, dass es Fotos gibt. Vielleicht findet sich jemand schickt sie mir zu. Es würde mich wirklich interessieren. (Nachtrag: Auf den Bildern sehe ich außerdem Stefan, Christoph und Kuno).

Ein Jahr später ist mir dann klargeworden, dass wir Jungs so etwas wie Versuchskaninchen waren. Dieter wollte ausprobieren, ob das funktioniert, die Sache mit dem Lagerfeuer, der Kiesbank, den Beilen, den drei Streichhölzern und dem Rhein. Denn ab dann gab es das jedes Jahr. Dieter nannte es „Die Trapperprüfung“ und wer sie bestand (natürlich bestand jeder), der bekam eine wirklich prächtige Urkunde und durfte sich fortan „Trapper“ nennen.

Wer Trapper war, der gab dem anderen Trapper auf bestimmte Art und Weise die Hand. Man spreizte dabei – so schnell, dass ein Außenstehender es nicht merken konnte – den kleinen Finger ab. Dieter nannte es den „Trappergruß“ und wir hatten das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein, Mitglieder eines Geheimbundes. Und im Grunde waren wir das auch.

Ich habe als Junge viele unfassbare Dinge erlebt. Chaos. Haarsträubende Improvisationen. Wahnsinn. Dieter konnte das alles. Er war damals so um die 40 und der mit Abstand verrückteste und phantasievollste Erwachsene, den ich kannte. Er hat uns allen beigebracht, dass krasse Ideen nicht verboten sind. Und dass es sehr einfach ist, sie umzusetzen. Man macht es einfach. Und kommt fast immer damit durch.

Vor ein paar Tagen ist Dieter gestorben. Das letzte Mal hab ich ihn vor vier Jahren gesehen. Damals bin ich in mein Dorf zurückgekommen, um mein Buch vorzustellen. Es ging darin um die Vergangenheit dieses Dorfes, ein dunkles Geheimnis. Ich wusste nicht, wie die Sache ausgehen würde. Die Schulaula war rappelvoll. Dieter – er war damals schon krank – saß im Publikum. Ich sah ihn, er schaute zu mir, streckte, wie es seine Art war, den Daumen in die Luft und nickte mir zwei Mal zu, während er die Augen schloss. „Alles gut gemacht“, sagte die Geste.

Dieter hat, als wir Jungs waren und nicht wussten, was wir sollten in der Welt, uns so lange erzählt, dass wir Trapper sind, bis wir selbst es glaubten. Nichts von all dem steht in Büchern. Man lernt es nicht an der Uni. Aber es hat mich und viele andere geprägt und uns einen Mut gegeben, der vermutlich für ein Leben reicht.

Heute sitze ich hier in Michigan, mehr als 4000 Meilen von meiner Heimat entfernt, und weiß nicht, ob ich mich je bei ihm dafür bedankt habe, dass ich einmal Trapper war. Ich hoffe, das liegt nur an meinem löchrigen Gedächtnis. Und nicht daran, dass ich etwas versäumt habe.

bookmark_border„Das können wir hier auch!“

Wenn man in Deutschland ein Schild liest, das etwas verbietet, oder das dem widerspricht, was das Schild daneben sagt, dann denkt man: typisch deutsch!

Neulich hab ich hier in der Nachbarschaft dies entdeckt: Das Schild links besagt, dass Hunde anzuleinen sind und man die Leine dabei immer in der Hand zu halten hat. Hundehaufen muss man sofort wegräumen. Außerdem sind – so sagt das Schild rechts – Haustiere hier verboten. Die Leute in Ann Arbor haben sich vermutlich gedacht: Dämliche Schilder aufhängen – das können wir hier auch!

Genau das hab ich mir auch gesagt und nach Georgs Rezept Osterpinze gebacken. Man muss dafür weder Österreicher sein, noch sich in Österreich aufhalten. War lecker.

Ein ähnlicher Gedanke scheint meinen Schwager Tobi beschlichen zu haben. Die Bilder von den Fairy Doors aus Ann Arbor haben ihn inspiriert. Jetzt hat er bei sich zu Hause – unweit der Schweizer Grenze – auch so eine Feentür gebaut. Seine Version scheint mir feiner und filigraner geworden zu sein als die Vorbilder aus Michigan.

Neulich noch was über die deutschen Auswanderer gelesen, die hier in die Stadt gekommen sind. Es scheint nach der gescheiterten Revolution von 1848 eine Welle gegeben zu haben. Die Deutschen hat keine wirtschaftliche Not nach Michigan gebracht, sondern die Sehnsucht nach Freiheit. Angeblich haben sich viele Familien in der Liberty Street angesiedelt. Auch interessant.

Bei der Fahrt durch die Stadt zum ersten Mal gesehen, dass die Fahnen auf Halbmast hängen.

bookmark_border7 Eier zu Ostern

… und sie sind nicht mal angemalt!

Ei #1. Neulich hab ich Forschungsliteratur gewälzt und daraus abgeleitet, dass ältere Menschen vermutlich ihre Corona-Risiken unterschätzen. Sonja hat mich auf die Daten der Uni Erfurt aufmerksam gemacht. Die fragen genau das seit Wochen regelmäßig ab – im Wesentlichen mit demselben Ergebnis (siehe das Schaubild unten): Nur 18 Prozent der Leute Ü-65 halten es für „extrem/eher wahrscheinlich“, dass sie sich das Virus einfangen. Bei den Leuten unter 29 sind es mehr als doppelt so viele.

In einem Interview sagt Prof. Cornelia Betsch, von der die Daten stammen:

„Es ist so: Sie nehmen schon wahr, ältere Menschen, dass es für sie schlimmer wird, wenn sie an COVID erkranken. Aber sie denken: ‚Ach, ich werde es schon nicht kriegen.'“

Ei #2. Aus den USA hab ich genau dazu jetzt eine Studie gefunden. Zwei Erkenntnisse daraus. Zum einen: Wer glaubt, dass er das Virus wahrscheinlich kriegt, wäscht sich ordentlicher die Hände und hält mehr Abstand. Keine Überraschung. Zum anderen: Der Glaube, bei einer Erkrankung übel dran zu sein (weil Risikogruppe), verändert das Verhalten aber überhaupt nicht. Die Forscher haben da keinen statistischen Zusammenhang entdeckt. Finde ich erstaunlich. Könnte also sein, dass unsere Eltern und Großeltern schlampiger sind, als wir glauben. Naja. „Könnte sein“. Weil: Man kann Studien selten so einfach zusammenzählen. Trotzdem. So als Faustregel nehm ich das jetzt mal mit.

Ei #3. Vorgestern hab ich über Football in Ann Arbor geschrieben. Hierzu ein kleiner Nachtrag: Das wichtigste Spiel des Jahres ist für die Michigan-Leute („Michiganders“) stets das Derby gegen Ohio State. Das wird dann fast so emotional wie HSV gegen Pauli oder Schalke gegen Dortmund. Warum? Weil die Rivalität schon 200 Jahre alt ist. Michigan und Ohio haben sogar mal Krieg gegeneinander geführt. Unglaublich, oder? Beim „Toledo War“ ging’s – wie so oft – um einen schmalen Geländestreifen, von dem beide Seiten behaupteten: Das hier ist meins! Beigelegt wurde die Sache durch einen Kompromiss: Der Toledo-Streifen ging an Ohio, Michigan bekam dafür Teile der Upper Peninsula zugesprochen. Hier ein Bild von der Oberen Halbinsel. Sieht schön aus da. Alles richtig gemacht, oder?

Ei #4. Gleich noch ein lustiges Detail hinterher. Der Deal zwischen Ohio und Michigan wurde im Dezember 1836 abgesegnet. Und zwar wo? Natürlich hier in Ann Arbor! Die Tage waren kalt, die Heizungen miserabel. Man unterschrieb mit eisigen Fingern – das Treffen ging als die „Frostbitten Convention“ in die Geschichte ein. Glaub ich alles sofort. Die Story hat mir gestern und heute ein wenig Heiterkeit beschert.

Ei #5. Nicki steht heute in der Zeitung. Eine Reporterin des „Atlantic“ hat sie angerufen und wollte wissen, warum Zoom-Happy-Hours keinen Spaß machen – also Kneipenabende per Videokonferenz. Nicki hat heftigst widersprochen. Tun sie doch! Aber ein paar Dinge muss man per Videokonferenz halt anders machen. „Wenn man versucht, seine alten Gewohnheiten einfach so auf Zoom oder FaceTime zu übertragen, dann ist das, als würde man Vegetarier werden und dann immer nur miesepetrig Tofuschnitzel mümmeln, statt kreativ zu werden und leckere neue Rezepte aus frischem Obst und Gemüse auszutesten.“ Hab ich so ähnlich vor ein paar Tagen ja auch schon mal erzählt.

Ei #6. Die Lokalpresse hat dieser Tage schlimme Dinge aus Detroit berichtet und das dortige Sinai-Grace-Krankenhaus als „Kriegsgebiet“ bezeichnet. Angeblich sterben die Leute dort auf den Fluren. Mitarbeiter werden mit der Aussage zitiert, dass ihnen die Säcke für die Toten ausgehen. Knapp 1400 Menschen sind bisher in Michigan an Covid-19 gestorben. 85 Prozent davon kommen aus der Metropolregion Detroit. Schlimm. Aber auch seltsam: Es ist alles so nah, aber trotzdem weit weg. Man ist als Mensch: ein seltsames Wesen.

Ei #7. Unsere Freundin Silvia aus Ann Arbor hat sehr gute Verbindungen nach China. Jetzt hat sie auf eigene Kosten von dort 200 der guten N-95-Masken einfliegen lassen und sie an Krankenhäuser in Detroit abgegeben. Inzwischen sammelt Silvia über Gofundme Privatspenden ein, um weitere Pakete zu bestellen. Während ich diese Zeilen schreibe, haben schon 95 Leute da mitgemacht. Tolle Sache.

Okay. Einen hab ich noch. In Menlo Park haben Nicki und ich Georg kennengelernt. Er kommt aus Österreich und hat mir gerade per Mail das Rezept für seine Osterpinze geschickt. Die darin enthaltene Formulierung „1Packerl Germ“ rührt mich fast zu Tränen.

Frohe Ostern!

bookmark_borderDie Deutschen in Ann Arbor

Heute nix mit Corona, sondern Geschichtsunterricht. Also: Hefte raus!
Beim Spaziergang mit Coco bei Sweatwaters vorbeigekommen. Das ist ein Café Ecke Washington/Ashley. Eine Institution. Manchmal sitze ich dort und schreibe meine Artikel wie die anderen Vertreter der Bohème (hab kurz überlegt, ob ich das erklären soll. Laut Wikipedia bezeichnet man damit – und das ist einfach zu gut, um es wegzulassen – „eine Subkultur intellektueller Randgruppen mit vorwiegend schriftstellerischer, bildkünstlerischer und musikalischer Aktivität oder Ambition“). Da hängen an der Hauswand jedenfalls Schilder, die an die Geschichte des Viertels erinnern: Hier haben im 19. Jahrhundert vor allem Deutsche gelebt.

Eine Familie namens Wagner verdiente damals – Überraschung – ihr Geld mit der Reparatur von Pferdefuhrwerken. In der Mittagspause, so heißt es, haben die Arbeiter sich das Bier in Eimern von den nahen Brauereien geholt. Gab viele davon. Bier ist in Michigan immer noch Kultur. Ein paar Häuser weiter steht die alte „Schwabenhalle“, wo die Auswanderer eine Art Heimatverein hatten. Den Schriftzug findet man noch immer über den Fenstern im 1. OG.

Angeblich hat man sich früher mächtig über die Deutschen und ihr schlechtes Englisch lustig gemacht. „Die cow hat über der fence gejumped, und hat alle die cabbages abge-eaten.“ Klingt glaubwürdig.

Das Aufmacherbild ganz oben hab ich vor mehr als zwei Jahren aufgenommen. Es handelt sich um die Wurstplatte im „Metzger’s“, DEM deutschen Restaurants der Stadt. Der Laden hat natürlich gerade geschlossen. Mittagessen abholen geht noch immer. Auf der Karte: „Mettwurst“, „Knackwurst“, „Spatzen“, „Sauerkraut“, „Sauerbraten“.

Der Urvater des Restaurants, Wilhelm Metzger, kam in den 1920ern aus dem Schwäbischen hierher. Während des Zweiten Weltkriegs erfuhr er ein gewisses Misstrauens seitens seiner neuen Landsleute. War er vielleicht ein Spion Hitlers? Also schrieb mein Namensvetter einen offenen Brief, der in der Zeitung abgedruckt wurde: Wilhelm, so stand da zu lesen, war jetzt „Bill“ und außerdem Amerikaner durch und durch. Danach lief der Laden wieder. Kommunikation ist alles. Der Brief hängt heute gerahmt irgendwo hinten an der Wand von „Metzger’s“; man kommt dran vorbei, wenn man zur Toilette geht.

Die Division Street hat früher die englische Oststadt von der deutschen Weststadt getrennt. Und tatsächlich tragen viele Örtlichkeiten westlich der Innenstadt noch heute deutsche Namen. Beim Spaziergang kommen wir etwa an der Bach-Grundschule vorbei.

Die nahe Grünanlage, in welcher verblüffend viele Hunde spielen, trägt den Namen „Wurster Park“.

Das Klischee besagt, dass die USA schon immer ein Land für Einwanderer waren. Nur Trump checkt’s nicht und hat was gegen Ausländer. Vielleicht denken manche auch, dass die Deutschen stets willkommene Neuankömmlinge waren. Beides ist so nicht richtig. Und weil das hier Schulunterricht ist und das Zitat mal wieder viel zu gut, um es nicht zu bringen, schließe ich heute mit Auszügen aus einem Brief, den der große Benjamin Franklin im Jahre 1753 verfasst hat. Dort heißt es über die deutschen Zuwanderer (hüstel):

„Bei denen, die hierher kommen, handelt es sich im Allgemeinen um die dümmsten Vertreter ihrer Nation … Wenige ihrer Kinder lernen Englisch … Unsere Straßenschilder sind zweisprachig … Wenn ihr Zufluss in unser Land nicht aufhört, werden sie bald in der Überzahl sein, so dass all das, was uns überlegen macht, nicht genügen wird, unsere Sprache zu retten. Sogar unsere Regierung ist in Gefahr.“

Ich lass das mal so stehen.